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  • NEUES AUS DER WELT ★★★

    NEUES AUS DER WELT ★★★

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    Nachdem sich Netflix die weltweiten Rechte für den Western Neues aus der Welt gesichert hat, kommen wir nun zu Hause in den Genuss einer Major-Studio-Produktion von Universal. Nur Disney ist bisher mit dem eigenen Streamingdienst diesen Weg gegangen. Warner Bros. beschränkt sich noch auf den US-Markt. Auch bei No time to Die wartet Universal noch zu. Das liegt vermutlich auch an den hohen Produktionskosten und Werbeverträgen, die beim neuen James Bond mit im Spiel sind. Immerhin handelt es sich beim neuen Starvehikel mit Tom Hanks um den Oscar-Beitrag des Studios. Soviel sei schon verraten: Neues aus der Welt ist ein Film, der die große Leinwand sucht.

    Darum geht es

    Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) reitet im Jahr 1870 durchs Texas, um den Menschen gegen eine Spende die Nachrichten, theatralisch untermalt, aus den Tageszeitungen vorzulesen. Auf seiner Reise trifft er auf das junge Mädchen Johanna Leonberger (Helena Zengel), das nach einem Überfall auf ihren Wagen als einzige überlebt hat. Sie trägt die Kleidung amerikanischer Ureinwohner und spricht die Sprache der Kiowa. Von zufällig passierenden Reitern der Union Army wird er Kidd beauftragt, das Mädchen dem nächstgelegenen Bureau of Indian Affairs zu übergeben.

    Dort erfahren die Beiden, dass der zuständige Beamte erst in drei Monaten zurückerwartet wird. Widerwillig erkennt Kidd an, nun für das Kind verantwortlich zu sein und entschließt sich, sie zu ihren Überlebenden Verwandten zu bringen. Johanna wurde bei der gewaltsamen Räumung einer Indianersiedlung von der Armee aufgegriffen. Die Kiowa hatten vor Jahren ihre Familie ermordet und sie verschleppt.

    So ziehen die beiden gemeinsam durchs Land. Sie treffen auf Menschenhändler und von Banden kontrollierten Dörfern. Wenige Jahre nach dem Bürgerkrieg lauern überall Gefahren. Texas war bestimmt nicht der sicherste Bundesstaat. Das traumatisierte Mädchen öffnet sich nur langsam ihrem Begleiter. Hinzu kommt die sprachliche Barriere. Doch mit der Zeit wird aus den beiden eine Schicksalsgemeinschaft.

    Helena Zengel und Tom Hanks

    Kommentar

    Wer dachte, der Western, dieses uramerikanische Filmgenre, fand mit Erbarmungslos von Clint Eastwood im Jahr 1992 sozusagen frei nach Francis Fukuyama sein Ende der Geschichte, wurde, wenn auch erst fast zwei Jahrzehnte später, eines Besseren belehrt. Allerdings fand das Genre nur mehr vereinzelt, vor allem Dank Quentin Tarantino, den Weg zurück auf die Leinwand.

    Bis zu Eastwoods Abrechnung mit dem Thema Gewalt und Westernklischees durchlebte das Genre verschiedene vom jeweiligen Zeitgeist bestimmte Phasen, die mit John Ford und seinem Star John Wayne in den 1950ern ihren Anfang nahmen. Paul Greengrass knüpft nun an den frühen Western an. Neues aus der Welt ist ziemlich klassisch geraten. Die Thematik erinnert gar unweigerlich an Der schwarze Falke (The Searchers, 1956) von John Ford: ein kleines Mädchen, geraubt von Indianern, die Familie ermordet. Beide Filme spielen sogar zur gleichen Zeit, kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Allerdings sinnt es Tom Hanks nicht nach Rache.

    Die Rolle des ehemaligen Captain ist Hanks auf den Leib geschrieben: Sympathisch, introvertiert und mit einem großen Herz, wie wir ihn eben kennen. Da öffnen sich keine neuen schauspielerischen Welten aber es ist eine Freude, dem 64-jährigen Schauspieler dabei zuzusehen, wie er mit großer Leichtigkeit spielt, gezeichnet vom Krieg, mit sich selbst hadert und mit seiner eigenen Vergangenheit kämpft. Es könnte seine bereits siebte Oscar-Nominierung als Hauptdarsteller werden.

    Ihm zur Seite steht die zwölfjährige Helena Zengel aus Deutschland. Nur ein Jahr nach ihrem großen Erfolg Systemsprenger hat das Mädchen also den Sprung nach Hollywood geschafft. Es ist ganz sicher ein zeitlicher Glücksfall. Die Rolle der deutsch sprechenden Johanna erinnert an die ebenfalls traumatisierte Benni in Nora Fingscheidts Film. Der Erfolg scheint nicht abzureisen. Nach und nach wird Zengel in den USA für sämtliche Preise in diesem Jahr nominiert. Neues aus der Welt ist ein Tom Hanks-Film aber Zengel ist ihm eine ebenbürtige Partnerin und das ist nichts weniger als sensationell.

    Greengrass‘ Film hat alle Zutaten die man von einem Western erwartet. Atemberaubend schöne Landschaftsaufnahmen, Banditen, schlafen unter freiem Himmel und natürlich einen einsamen Helden. Es ist ein ruhiger und altmodischer, um nicht zu sagen konservativer Western. Das Spannungsfeld zwischen Indianern (die im Film so gut wie gar nicht vorkommen) und den weißen Eroberern sollte im Jahr 2021 jedoch etwas differenzierter Aufgearbeitet werden. Die Option Johanna dorthin zu bringen, wo sie aufgewachsen ist, wird nicht einmal angedacht.

    Immerhin gibt es die Episode in Erath Country, wo eine Bande die Bevölkerung mit einem strengen Regime und Fake News unter Kontrolle hält. Kidd stachelt die Menschen mit seinen Nachrichten, die für ihn immer auch Geschichten sind, zur Revolte auf. Hier wagt sich der Film kurz in andere Gefilde.

    Handwerklich ist Peter Greengrass ein feiner Film gelungen. Die Musik von James Newton Howard ist sehr gelungen und nie zu aufdringlich. Es ist den beiden charismatischen Hauptdarstellern zu verdanken, dass wir der Geschichte bis zu ihrem rührenden Ende folgen möchten und die aus dem Film mehr herausholen, als es eine simple Beschreibung vermuten lässt. Es ist ernüchternd, diesen Film in der mehr als bescheidenden Bildqualität ansehen zu müssen, die Netflix zur Verfügung stellt. Das Auge gewöhnt sich leider allzu schnell an eine minderwertige Qualität. Spätestens in der Sandsturmszene packt einen aber dann das Grauen. Da kapituliert der Streamingdienst und Tom Hanks verirrt sich in Pixeln und Artefakten.


    Neues aus der Welt [Originaltitel: News of the World]

    Drama, USA 2020
    Regie
    Paul Greengrass
    Kamera Dariusz Wolski
    Schnitt William Goldenberg
    Musik James Newton Howard
    Mit Tom Hanks, Helena Zengel
    Länge 119 Min.


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  • THE OUTPOST – ÜBERLEBEN IST ALLES ★★★★

    THE OUTPOST – ÜBERLEBEN IST ALLES ★★★★

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    Provincial Reconstruction Teams wurden erstmals Anfang der 2000er Jahre von der US-Armee in Afghanistan eingesetzt. Zusammensetzt aus Militärs, Diplomaten und technischen Experten sollten sie in enger Zusammenarbeit mit der Bevölkerung vor Ort den Wiederaufbau vorantreiben und lokale Regierungen gegen die Taliban unterstützen. The Outpost erzählt die wahre Geschichte eines solchen Teams in einem Außenposten im Norden Afghanistans, der am 3. Oktober 2009 bei der Schlacht von Kamdesh durch einen Angriff der Taliban völlig zerstört wurde. Wegen seiner exponierten Lage in einer Talenge des Hindukusch galt der Posten de facto als Himmelfahrtskommando.

    Darum geht es

    Als die Soldaten der US-Armee in der Nacht aus den Helikoptern steigen, die sie am später Combat Outpost Keating genannten Außenposten absetzen, können sie nur erahnen, in welcher Lage sie sich nun befinden. Der nächste Morgen bringt Gewissheit: das Lager liegt in einem Talkessel und ist von steil ansteigenden Felswänden umgeben und nur durch eine schmale Straße erreichbar. Ein strategischer Alptraum.

    Unter anderen Staff Sergeant Romesha (Scott Eastwood) und Specialist Carter (Cale Landry Jones) sollen unter dem Kommando von Captain Keating (Orlando Bloom) Kontakt zur lokalen Bevölkerung aufnehmen und sie von den Taliban separieren. Als Taktik wird darauf gesetzt, das Vertrauen der Dorfältesten zu gewinnen und sich auch durch Angriffe nicht provozieren zu lassen. Die Einwohner werden als friedlich eingeschätzt.

    Es kommt immer wieder zu Zwischenfällen und kleineren Angriffen. Die Anspannung unter den Soldaten steigt, als sie merken, wie aussichtslos ihre Lage ist. Trotzdem bleibt man bei der defensiven Strategie. Wegen der Knappheit von Ressourcen im weit entfernten Basislager, liegt die Räumung des Camps aber trotzdem in weiter Ferne. Mehrmalige Warnungen eines lokalen Kontaktmannes über einen bevorstehenden Angriff werden nicht ernst genommen. Im Morgengrauen des 3. Oktober 2009 wird der Posten von mehr als 300 Taliban in der Schlacht von Kamdesh verwüstet.

    Die Kameraführung von Lorenzo Senatore macht The Outpost erst richtig sehenswert.

    Kommentar

    The Outpost zeichnet sich wie Black Hawk Down oder andere Kriegsfilme der letzten 20 Jahre durch eine größtmögliche Authentizität aus. Kameraführung (Lorenzo Senatore) und Soundeffekte sollen beim Publikum den Eindruck erwecken, mitten im Geschehen zu sein. In Rod Luries Version der Kriegshölle verfolgt die Kamera (meist sind es Drohnenflüge) die Soldaten in langen Sequenzen ohne Schnitt, um möglichst hautnah an den Protagonisten dran zu sein. Die technische Finesse des Kriegsdramas ist beeindruckend.

    Im Combat Outpost Keating ging es von Anfang an nur ums Überleben. Die Antwort, warum die Militärführung unter David Petraeus einen derart gefährlichen Standort gewählt hat, bleibt im Film unbeantwortet. Allerdings sind die engen mit reissenden Flüssen durchzogenen Täler eine für die Region typische Landschaft.

    Langeweile und die permanente Bedrohung bestimmen den Alltag im Camp. Die Soldaten sind allesamt in ihren 20ern und unterscheiden sich in ihrer Geschichte im Wesentlichen kaum voneinander. Trotzdem stechen eine Handvoll Männer aus der Gruppe hervor, vor allem Scott Eastwood (Clints Sohn) und Cale Landry Jones. Natürlich stellt der Film das Heldentum in sein Zentrum. Beide realen Vorbilder bekamen mit der Medal of Honor die höchste militärische Auszeichung überreicht. Noch nie wurde zwei überlebenden Soldaten einer Operation gleichzeitig diese Ehre zu Teil.

    Während die erste Hälfe des Filmes zur Orientierung dient, mehr oder weniger das Leben im Camp beschreibt und durch herbe Rückschläge einen mehrmaligen Wechsel der Führung notwenig macht, widmen sich die letzen 45 Minuten ausschließlich der finalen Schlacht. Dass man dabei nicht die Orientierung verliert, zeichnet die Regiearbeit von Lurie aus.

    Einmal beklagt ein Dorfältester, dass die Besatzer nun schon seit Jahrzehnten im Lande seien, nur um dann aufgeklärt zu werden, dass es zuerst die Russen waren, die Afghanistan besetzt hielten. The Outpost ist kein Antikriegsfilm, der mit Kritik an der Invasion in Afghanistan aufwartet. Die Soldaten sind überzeugt davon, etwas gutes für ihr Land zu tun und für sie ist klar, wer die Guten sind und wer die Bösen. Auch klar ist, dass die afghanische Bevölkerung von den Taliban terrorisiert wurde. In diesem Spannungsfeld ist der Film mehr ein Bericht, der sich auf ein Ereignis konzentriert, ohne die Situation im Großen zu beurteilen. Das muss er auch nicht.

    Als Zuseher bekommt man einen Eindruck davon, wie es sein mag, wenn man mitten im Krieg allein gelassen wird. Diese Frage nimmt The Outpost nämlich sehr wohl auf. Die Evakuierung von Combat Outpost Keating kam viel zu spät. Als die Taliban Wind von den Räumungsplänen bekamen, starteten sie ihren Angriff. Untersuchungen kamen zu dem Entschluss, dass es Mängel in der Kommandokette gegeben hatte. Am Ende starben acht US-Soldaten bei dem Angriff und 27 wurden verwundet. Ebenso verloren zehn afghanische Soldaten und Sicherheitsleute ihr Leben. Etwa 150 Taliban wurden getötet. Es war einer der blutigsten Einsätze in der 13 Jahre dauernden Operation Enduring Freedom.


    The Outpost – Überleben ist alles [OT: The Outpost]

    Kriegsfilm, USA 2020
    Regie
     Rod Lurie
    Kamera Lorenzo Senatore
    Schnitt Michael J. Duthie
    Musik Larry Groupé
    Mit Scott Eastwood, Caleb Landry Jones, Orlando Bloom
    Länge 123 Min.
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  • DER SCHWARZE DIAMANT ★★★★½

    DER SCHWARZE DIAMANT ★★★★½

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    Von den Safdie Brüdern kommt ein Film, der das Attribut immersiv verdient wie kaum ein anderer der jüngsten Vergangenheit. Der schwarze Diamant nimmt uns mit auf eine Achterbahnfahrt, bei der über zwei Stunden keine Zeit zum Durchatmen bleiben wird. Ein Stresstest für Adam Sandler als spielsüchtigen Diamanthändler und für uns. Also fasten your seat belt!

    Darum geht es

    Howard Ratner (Adam Sandler) führt einen Juwelierladen im New Yorker Diamond District. Wegen hoher Spielschulden steckt er in der Klemme. Arno (Eric Bogosian), sein Schwager und Kredithai sitzt ihm im Nacken. Gemeinsam mit seinen Schlägertypen macht er Howard das Leben schwer. Doch Howard hat einen Coup gelandet. Aus Äthiopien schmuggelt er einen großen schwarzen Opal ins Land. Gerade als der Diamant eintrifft, befindet sich der NBA-Star David Garnett in seinem Laden und ist sofort besseren davon, ihn als Glücksbringer zu besitzen. Howard willigt einem vorübergehenden Tauschhandel ein und erhält im Gegenzug seinen Meisterschaftsring.

    Gleich darauf versetzt Howard den Ring bei einem Pfandleiher und wettet noch am selben Abend eine große Summe auf David Garnett. Der Opal scheint tatsächlich als Glücksbringer zu wirken. Doch für Howard beginnt der Alptraum erst. Sein scheinbar perfekter Plan führt ihn direkt ins Chaos.

    Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.

    Kommentar

    Das hier ist nichts, wobei man sich entspannt zurücklehnen kann. Der schwarze Diamant ist schrill, laut und chaotisch. Josh und Benny Safdie schaffen eine Atmosphäre des Unbehagens, die noch lange nach dem Film nachwirken wird. Es schmerzt zu sehen, wie Howard eine falsche Entscheidung nach der anderen trifft und immer mehr Richtung Abgrund schlittert. Obwohl wahrlich kein Sympathieträger, leiden wir mit ihm mit. Die permanente latent aggressive Stimmung wird durch das hohe Tempo des Filmes, es gibt nur wenige ruhige Momente und der hektischen elektronischen Filmmusik noch verstärkt. Der Geräuschpegel rumort in unseren Köpfen.

    Das Brüderpaar war stark beeinflusst von der eigenen Familiengeschichte. Wie Howard entstammen sie einer jüdischen Familie und ihr eigener Vater arbeitete selbst im Diamond District in New York. Hier reihen sich an einem Häuserblock die Juweliere aneinander. Es ist ein Viertel, wo Geschäfte über enorme Summen noch per Handschlag besiegelt werden. Ihre Vorstellung von New York im Jahr 2012 ist eine ganz andere als man sie sonst für gewöhnlich in Filmen sieht. Dies hier ist kein Ort an dem man sein möchte. Die Stadt draußen nicht und schon gar nicht der beklemmend enge, fensterlose Laden Howards mit seiner doppelten Sicherheitstüre. Von Kameralegende Darius Khondji wird das Setting in ein grünliches Neonlicht getaucht.

    Es wurde oft gesagt aber hier spielt Adam Sandlers die Rolle seines Lebens. Man möchte dem Mann in der schwarzen Lederjacke fast zu Hilfe kommen oder die Augen verschließen. Dies ist eine der spannendsten und beeindruckendsten schauspielerischen Leistungen der letzten Jahre. Dass Sandler bei den Oscars im letzten Jahr übergangen wurde, haben heute noch viele der Academy nicht verziehen. Nebenbei ist das gesamte Ensemble eine Erwähnung Wert: Idina Menzel als Howards Noch-Ehefrau Dinah, Jud Hirsch als Schwiegervater Gooey und Julia Fox als Howard Angestellte und Liebhaberin. Irgendwie ist Der schwarze Diamant auch ein jüdischer Familienfilm. Aber sehr speziell.

    Immer wieder entsteht der Eindruck, Howard stünde kurz vor der Lösung all seiner Probleme. Die Erlösung scheint zum greifen nahe. Doch genauso schnell kommt die Ernüchterung und die Erkenntnis, dass daraus wohl nichts werden wird. Zu allem Überfluss steht auch noch seine Ehe vor dem Ende. Es ist seine Spielsucht, die ihn anreibt – das Spiel selbst und nicht die hohen Geldsummen, die in Aussicht stehen. Bald müssen wir erkennen, dass wir in Der schwarze Diamant selbst in Howards wirrem Kopf festsitzen und es keine Erlösung geben kann. Eine große Empfehlung für alle, die sich auf ein intensives und berauschendes Filmerlebnis einlassen möchten. Brutal genial.


    Der schwarze Diamant [OT: Uncut Gems]

    Thriller, USA 2019
    Regie
     Benny Safdie, Josh Safdie
    Kamera Darius Khondji
    Schnitt Ronald Bronstein, Benny Safdie
    Musik Daniel Lopatin
    Mit Adam Sandler, Lakeith Stanfield, Julia Fox, Kevin Garnett
    Länge 130 Min.
    Streamingdienst Netflix


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  • DIE AUSGRABUNG ★★★

    DIE AUSGRABUNG ★★★

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    Es ist ein historisches Detail mit großer wissenschaftlicher Tragweite. Die Ausgrabung handelt von der wichtigsten archäologischen Entdeckung Großbritanniens. Als zwei Seelenverwandte sind Carey Mulligan und Ralph Fiennes zu sehen, denen aus unterschiedlichen Gründen die Zeit davon läuft. Eingebettet in die wunderschöne Landschaft im Osten Englands erzählt der Historienfilm eine kleine Geschichte von der Vergänglichkeit.

    Darum geht es

    Es ist das Jahr 1939, als in Suffolk (im östlichsten Teil Großbritanniens gelegen) die Landbesitzerin und Archäologin Edith Pretty (Carey Mulligan) den lokalen Hobbyarchäologen Basil Brown (Ralph Fiennes) anheuert, um ein paar Erdhügel auf ihrem Grundstück zu untersuchen. Sie vermutet archäologischen Schätze darunter. Auch Brown hält das für möglich. Er hatte schon früh die Schule verlassen und für seine Theorie, die Hügel seien angelsächsischen Ursprungs und nicht Spuren der Wikinger (also bedeutend älter), wird er von seinen Kollegen belächelt.

    Und doch: er soll recht behalten. Unter einem Hügel befindet sich ein angelsächsisches Bootsgrab. Schnell zieht die Ausgrabungsstätte das Interesse des British Museum in London auf sich. Brown wird die Leitung durch den renommierten Archäologen Charles Phillips (Ken Scott) entzogen. In seinem Team befinden sich das Ehepaar Peggy (Lily James) und Stuart Piggott (Ben Chaplin). Die fotographische Dokumentation übernimmt Rory Lomax (Johnny Flynn). Zwischen ihm und Peggy entwickelt sich eine Romanze.

    Der Gesundheitszustand von Edith Pretty verschlechtert sich dramatisch und sie wird immer schwächer. Ihr letztes Anliegen ist es, dass Basil Brown die verdiente Anerkennung für seine Arbeit zu Teil wird. Gleichzeitig rückt der Kriegseintritt Englands immer näher.

    Peggy (Carey Mulligan) und Basil (Ralph Fiennes) sind zwei Seelenverwandte.

    Kommentar

    Peggy und Basil könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie, eine wohlhabende Grundbesitzerin und er ein Schulabbrecher, der gegen einen geringen Lohn im nahen Provinzmuseum arbeitet. Sie verbindet die Leidenschaft der Erforschung vergangener Zeiten. Es ist ein Aufbegehren gegen das Vergessen. Was bleibt? Was hinterlassen wir? Für Basil spielt nicht die Vergangenheit jene Rolle, die man der Archäologie zuschreiben würde, sondern die Zukunft. Für die ist es von Bedeutung die eigenen Wurzeln zu kennen und zu wissen wo wir herkommen.

    Die Ausgrabung ist ein leiser und unaufgeregter Historienfilm. Die beiden Hauptdarsteller sind von Melancholie und Wehmut geprägt. Ihre gemeinsame Leidenschaft gibt ihnen alle Lebenskraft. Mulligan beeindruckt als schwerkranke Peggy. Fiennes wächst durch seine ruhige und liebenswürdige Art ans Herz. Sie sind die Stars des Films – und natürlich die englische Landschaft. Eingefangen von Kameramann Mike Eley und in warmes Licht getaucht, erinnern die Bilder ein wenig an dass Duo Malick/Lubezki. Auch die Dialoge aus dem Off, die öfter über die schweigenden DarstellerInnen gelegt werden, sind von Malicks schwer zugänglichen Filmen bekannt. Allerdings schlägt Die Ausgrabung nicht in diese Kerbe und ist leichte Kost. Auf die große Leinwand würde er aber allemal gehören.

    Es ist ein Film der kleinen Details und Zwischentöne. Dazu zählt zum Beispiel die Beziehung von Basil zu Ediths Sohn Robert (Archie Barnes). Trotzdem gerät der Film aber ins Stocken. Die erfundene Romanze als Nebenstory ist kein Gewinn und darauf zurückzuführen, dass die Geschichte allein auf einem archäologischen Bericht beruht. Das bleibt aber das Grundproblem des Filmes. Im Laufe der Zeit verliert der Film den Fokus auf seine beiden Hauptdarsteller und wir verlieren immer mehr das Interesse. Dem Score gelingt es auch nicht, die Erzählung zu intensivieren. Die Klavierklänge sind nicht mehr als nervend und meist unpassend.

    Die Ausgrabung ist ein schön anzusehender Film mit zwei großartigen Hauptdarstellern (und beachtlichen Leistungen in den kleineren Rollen). Mehr aber leider auch nicht. An anderer Stelle wurde bemerkt, dass der Stoff an James Ivorys Filme der 1990er erinnert, ihm aber die literarische Grundlage fehlt.


    Die Ausgrabung [Originaltitel: The Dig]

    Drama, USA/UK 2021
    Regie
    Simon Stone
    Kamera Mike Eley
    Schnitt Jon Harris
    Musik Stefan Gregory
    Mit Carey Mulligan, Ralph Fiennes, Lily James
    Länge 112 Min.
    Streamingdienst Netflix


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  • THE WHITE TIGER ★★★½

    THE WHITE TIGER ★★★½

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    Der erste vielversprechende und allgemein verfügbare Film im Jahr 2021 ist ohne große Überraschung bei Netflix im Programm. Die Bestsellerverfilmung The White Tiger, nach dem gleichnamigen Roman von Aravind Adiga aus dem Jahr 2008, ist eine Satire, die sich zu einem gesellschaftskritischen Drama entfaltet und neben einem erinnerungswürdigen Hauptdarsteller mit einem wunderbaren Ensemble aufwartet. Das Schicksal eines Chauffeurs im gegenwärtigen Indien, der dem Teufelskreis des Kastensystems entkommen möchte, unterhält nicht nur, sondern regt zu Diskussionen über dieses menschenverachtende System an aber auch darüber, wie dem ein Blick von außen überhaupt gerecht werden kann. Ein Film über eine Gesellschaft im Hühnerkäfig, wie es der Hauptcharakter versinnbildlicht. Nebenbei sollte langsam thematisiert werden, dass sich im wesentlichen zwei Streamingdienste den gesamten Filmmarkt aufteilen.

    Darum geht es

    Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt. Balram (Adarsh Gourav) scheint ein gemachter Mann zu sein und erinnert sich zurück. Er stammt aus einem Dorf und seine Familie gehört der niedrigen Kaste an. Als eines Tages ein Großgrundbesitzer mit seinem Sohn in seinem Dorf auftaucht und Balram erfährt, dass sie einen Fahrer benötigen, fasst er einen Entschluss. Von seiner alles bestimmenden Großmutter (Kamlesh Gill) erbittet er Geld für die Führerscheinausbildung und folglich gelingt es ihm tatsächlich, in der wohlhabende Familie von Ashok (Rajkummar Rao) eine Stelle als 2. Chauffeur zu bekommen. Fortan steht er im Dienst von Ashok und seiner Frau Pinky. (Priyanka Chopra Jonas), die gerade aus den USA zurück in ihre Heimat gekommen sind. Seine Erziehung gebietet es, sich unterzuordnen und alle Erniedrigungen über sich ergehen zu lassen. Doch insgeheim möchte er sich nicht mit seinem Schicksal abfinden und schmiedet große Pläne.

    Balram (Adarsh Gourav) hat verstanden, das System für sich zu nutzen.

    Kommentar

    Man muss einen Schritt zurücktreten, die westliche Brille abnehmen, durch die hindurch wir die Welt sehen, deuten und zu verstehen versuchen, um The White Tiger zu beurteilen. Ganz klar: wunderschön gefilmt (Kamera: Paolo Carnera) und in kräftige Farben getaucht, gibt der Film ordentlich was her. Regisseur Ramon Bahrani hat sein ganzes Vertrauen in den unbekannten Adarsh Gourav gelegt und die Rechnung ging auf. Obwohl nicht auf den Mund gefallen und zahlreiche zitierwürdige Kommentare abgebend, ist es oft nur ein Ausdruck in seinem Gesicht, der Bände spricht. Als ZuseherIn weiß man immer ganz genau, was in ihm vorgeht. Egal ob sich Wut aufstaut oder er schon seinen nächsten Schritt plant. Seine Co-Darsteller haben ebenso stark ausgeprägte und überzeugende Rollen. Selbst kleinere Rollen, wie die des Balram ständig drangsalierenden Assistenten Ashoks, tragen ihres zu einem gelungenen Ensemble bei.

    Wie stark beeinflusst nun aber der Blick von außen einen Film, der mit einem jahrtausendealten Gesellschaftssystem derart hart ins Gericht geht? Zurecht möchte man meinen und The White Tiger liefert auch gleich mögliche Erklärungen, warum das Kastensystem auch heute noch so gut funktioniert. Es hat sich blendend an die kapitalistischen Strukturen angepasst. Für uns ist es schlicht unverständlich, wie eine Minderheit soviel Menschen über einen langen Zeitraum unter Kontrolle halten und letzten Endes brutal unterdrücken kann.

    Der Film beginnt mit dem Welthit Mundian To Bach Ke von Punjab MC aus dem Jahr 1998. Im Grunde gibt das schon die Tonalität der Geschichte vor. Indische Klänge werden mit Hip-Hop Rhythmen vermischt um sie massentauglich zu machen. Karan Madhok führt das in seiner Filmbesprechung Indian Tiger, foreign gaze für The Chakkar sehr eindrücklich aus. Gewissermaßen ist der ganze Film weichgespült und auf den westlichen Geschmack getrimmt. Madhok kritisiert weiters die englische comichafte Sprache mit indischem Akzent. Gerade so weit exotisch, dass keine Übersetzung notwenig ist und unerträglich lächerlich für indisch sprechende Menschen.

    The White Tiger gibt jetzt nicht vor authentisches Weltkino zu sein. Die Geschichte ist unterhaltsam und wird spannend erzählt. Sie wird den Großteil des Publikums zufriedenstellen. Trotzdem schadet es nicht, sich etwas mehr Gedanken darüber zu machen, wie gefiltert und zurechtgebogen uns die Welt präsentiert wird, genau so nämlich, wie wir sie gerne sehen möchten.

    THE WHITE TIGER | RAMIN BAHRANI | USA 2021 | 125 MIN. | [usr 3,5 ]


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  • BOYS STATE ★★★★

    BOYS STATE ★★★★

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    Wie würden jugendliche Burschen Politik machen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten? Boys State ist ein in zahlreichen Bundesstaaten der USA stattfindendes Experiment und ermöglicht ihnen genau das, nämlich demokratische Strukturen kennenzulernen und auch gleich praxisnah auszuprobieren. Die viel gepriesene Dokumentation erhielt beim Sundance Filmfestival den Preis der Jury. Sie verrät viel über das aktuelle Politikverständnis in den Vereinigten Staaten.

    Darum geht es

    Zu Beginn des eine Woche dauernden Camps werden rund tausend Jugendliche per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt, die das Zweiparteiensystem in den USA widerspiegeln sollen. Das Ziel ist klar: am Ende soll ein Gouverneur gewählt werden. Zuerst muss jedoch ein Programm geschrieben werden, ein Parteivorsitzender und eine Reihe anderer Posten besetzt werden. Bereits am ersten Abend beginnen die Kandidaten Unterstützungsunterschriften zu sammeln und schon nach wenigen Stunden kristallisiert sich heraus, wer jene mit den größten Ambitionen sind.

    Für manche geht es um alles.

    Kommentar

    American Legion, eine Non-Profit Organisation bestehend aus Veteranen, veranstaltet jedes Jahr Boys und Girls State Jugendcamps in den USA. Deren Geschichte geht bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück und sie waren ursprünglich von Camps in der Sowjetunion inspiriert. Sie entwickelten sich jedoch bald zu einem Programm, dass jungen Menschen die Dynamiken von Politik und Demokratie näher bringen sollte. Heute nehmen jedes Jahr rund 20.000 Jugendliche teil. Die Auswahl ist elitär. Für gewöhnlich schickt jede High School insgesamt nur ein bis zwei Studenten aus den letzten beiden Jahrgängen. Die Teilnahme ist gleich die Eintrittskarte für College und Militärakademie.

    Die Inhalte des Boys/Girls State Camps variieren leicht. Mal geht es um einen fiktiven Prozess oder einen speziellen Fokus auf Bildung aber meist läuft es so ab, wie es in der Dokumentation Boys State (gedreht 2018 in Austin, Texas) nun zu sehen ist. Es gibt eine strikte Trennung zwischen Mädchen und Jungen. Die Regisseure arbeiten gerade an einer Dokumentation über Girls State.

    Das verspricht auf jede Fall spannend zu werden, denn was passiert in Boys State? Sie machen das, was man von der männerdominierten Politiklandschaft ohnehin kennt. Mehrheiten zu finden ist in der Demokratie unumgänglich, wenn man erfolgreich sein möchte. Die eigene Werte und Prinzipien werden schnell hintangestellt. Jeder glaubt, über die Rechte von Frauen bestimmen zu können und zu wissen, was für sie das Beste ist. Das Thema Abtreibung ist allgegenwärtig.

    Die Teilnehmer bilden eine Mischung aus großen ehrgeizigen politischen Talenten (auch Bill Clinton nahm einst teil), Schnöseln und Besserwissern. Zumindest jene, die sich das Regieduo herausgepickt hat. Sie sind es, die die Zukunft der USA bestimmen werden und sie haben erstaunlich schnell begriffen, wie der Hase läuft. Idealismus und revolutionäre Gedanken muss man hier lange suchen.

    BOYS STATE | AMANDA MCBAINE, JESSE MOSS | USA 2020 | 109 MIN. | [usr 4]


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  • SOMMER DER KRÜPPELBEWEGUNG ★★★★½

    SOMMER DER KRÜPPELBEWEGUNG ★★★★½

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    Unsere Wohnanlage wurde im Jahr 2012 fertiggestellt. Bereits in der Tür ins Stiegenhaus befindet sich eine kleine völlig unnötige Schwelle, die Gegensprechanlage ist zu hoch und der Haupteingang ist über Stiegen erreichbar. Für Barrierefreiheit muss man den Umweg über einen ganzen Häuserblock nehmen. In den USA ist so etwas seit dem Americans with Disabilities Act aus dem Jahr 1990 undenkbar. Die Dokumentation Sommer der Krüppelbewegung nimmt ihren Ausgang 1971 in einem Sommercamp für Menschen mit Behinderung. Im Fahrwasser der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King bildete sich über die Jahre eine Bewegung, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung engagierte. Bis dahin konnten diese Menschen meist nicht am öffentlichen Leben teilnehmen. Für den Film erhielt das Regieduo Nicole Newham und James Lebrecht den Publikumspreis beim Sundance Filmfestival 2020 und sie sind bei den Oscars in der Kategorie Bester Dokumentarfilm nominiert.

    Es sind erschütternde Bilder aus einer Pflegeanstalt für Menschen mit Behinderungen. Abgemagerte Kinder liegen fast übereinander, beiseite geräumt und vor der Öffentlichkeit verborgen. Ihnen wurde fälschlicherweise oft eine geringe Lebenserwartung prognostiziert. Die Welt draußen ermöglichte ihnen kein normales Leben. Überall stießen diese Menschen auf Hürden: Physische Hürden im öffentlichen Raum, die sie mehr in der Bewegungsfreiheit einschränkten als ihre Rollstühle und Hürden in den Köpfen der nicht behinderten Menschen.

    Im Camp Jened hatte man erkannt, dass nicht diese Menschen ein Problem hatten, sondern alle anderen mit ihnen. Hier wurden sie als vollwertige Menschen empfangen und konnten ein freies und glückliches Leben führen, was ihnen damals im Alltag verwehrt blieb. Hier nahm eine nationale Bürgerrechtsbewegung ihren Ausgang und breitete sich später über die ganze Welt aus.

    Szene aud dem Camp Jened.

    Der Kampf für mehr Rechte sollte sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken. Erstmals wurden Menschen mit Behinderung im Jahr 1973 in einem Teil des Rehabilitation Act Bürgerrechte eingeräumt. Abschnitt 504 gewährleistete, dass Kinder und Erwachsene dieselben Chancen im Bildungssektor, Arbeitsleben und anderen Teilen des gesellschaftlichen Lebens bekommen sollten. 1990 wurden dann mit dem Americans with Disabilities Act Diskriminierungen per Gesetz verboten.

    Sommer der Krüppelbewegung schildert den mühsamen und emotionalen Kampf gegen den Widerstand der Politik, die meist das Kostenargument vorschob, um eine entsprechende Gesetzgebung zu verhindern. Obwohl damals 40 Millionen Amerikanerinnen betroffen waren. Die Proteste gipfelten in der Besetzung des Gesundheitsministeriums.

    Die Dokumentation schärft den Blick für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Die Menschen wurden nicht als Frau oder Mann wahrgenommen, sondern auf ihren Rollstuhl reduziert. Im Rollstuhl zu sitzen, war gleichbedeutend wie schwarz zu sein, heißt es einmal. Sommer der Krüppelbewegung ist gleichermaßen unterhaltsam und eine bedeutende Geschichtsstunde. Der Film erzählt davon, wie ziviler Ungehorsam zu einem bahnbrechenden Gesetz für die Gleichberechtigung führte und über die Kraft der Gemeinschaft, die in sozialen Bewegungen liegt. Ein Pflichtfilm.

    Sommer der Krüppelbewegung (OT: Crip Camp: A Disability Revolution)

    Dokumentation, USA 2020
    Regie
    , Drehbuch Nicole Newnham, James Lebrecht
    Kamera Justin Schein
    Schnitt Alex Odesmith, Mary Lampson, Eileen Meyer
    Musik Bear McCreary


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  • MEIN 40-JÄHRIGES ICH ★★★★

    MEIN 40-JÄHRIGES ICH ★★★★

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    Ein weiteres aussergewöhnliches Regiedebüt aus dem Jahr 2020 kommt von Radha Blank. In ihrem semi-autobiographischen Film Mein 40-jähriges Ich spielt sie eine Dramatikerin mit gleichem Namen, sozusagen eine Version ihrer selbst und beschreibt die Tiefen einer künstlerischen Existenz zwischen Frau sein und Schwarz sein auf eine humoristische Weise und einem hohen Grad an Authentizität. Beim Sundance Filmfestival erhielt sie dafür den Regiepreis.

    Darum geht es

    Die Dramatikerin Radha (Radha Blank) steht kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Große Erfolge liegen lang zurück. Einst war sie eines der vielversprechendsten Talente unter 30 (von dieser Auszeichung zehrt sie noch heute). Nun befindet sie sich in einer Sinnkrise. Der Theaterunterricht an einer Schule dient mehr zum Broterwerb, als der künstlerischen Erfüllung. Zumal die StudentInnen ihr mit wenig Respekt begegnen. Da hat sie die Eingebung, sich als Rapperin zu versuchen. Dazu begibt sie sich nach Brooklyn zum angesagten DJ D (Oswin Benjamin). In der Zwischenzeit versucht ihr langjähriger Freund und Manager Archie (Peter Y. Kim) für sie ein Engagement bei dem einflussreichen Produzenten und Theaterdirektor Josh Whitman (Reed Birney) einzufädeln. Radha ist von dem arroganten Selbstdarsteller weniger begeistert.

    Radha und D beim Poetry Slam im Ring.

    Kommentar

    Radha Blank verpackt eine ganze Latte an Themen in ihren Regieerstling. Ihre Protagonistin steckt in der Midlifecrisis, die allerdings nicht unwesentlich durch die äußeren Umstände bestimmt wird, die auf eine schwarze 40-jährige Künstlerin einwirken. Genderfragen, Rassismus und sexuelle Belästigung erweitern das Spektrum. Sie blickt zurück auf ihre Erfolge, kann daran aber gerade nicht anschließen. Heute versucht sie unabhängig von Weißen zu arbeiten und zu leben. Dazu lastet der jüngste Tod ihrer Mutter auf ihr.

    Diese war selbst Künstlerin. Nun muss Radha mit ihre Bruder deren Gemälde in einem Lager verstauen. Was bleibt für die Nachwelt? Diese Frage stellt sie sich. Gleichzeitig beflügelt es sie, etwas für sie völlig Neues auszuprobieren. Der Fremdbestimmung durch Weiße kann sie sich aber nicht entziehen. Die schwarze Theaterwelt ist notorisch unterfinanziert. Dort reicht das Geld nicht einmal um die Miete zu bezahlen. Sie begibt sie ich, wie Ma Rainey fast 100 Jahre vor ihr in die Hände eines weißen Produzenten (siehe auch Ma Rainey’s Black Bottom). Der Produzent Whitman ist aber nur an Black-poverty-porn interessiert, was Radha mehr als verabscheut. Sie versucht sich dem Bild zu widersetzen, das Weiße von Schwarzen gerne hätten.

    Mein 40-jähriges Ich ist ein erfrischend kantiges und raues Debüt in Schwarzweiß. Eine Abrechnung mit der gegenwärtigen New Yorker Theaterwelt. Blanks Humor ist sehr subtil und funktioniert oft nur durch kleine Gesten. Radha Blank zeigt eine starke Frau mit Mut zur Selbstironie und Selbstkritik. Sie möchte als Künstlerin ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Darum geht es hier im Kern. Man spürt ihre Leidenschaft, innere Verzweiflung und kreative Kraft. Wir sehen ein neues vielversprechendes Multitalent.

    THE 40-YEAR OLD VERSION | RADHA BLANK | USA 2020 | 123 MIN. | [usr 4]


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  • SOUND OF METAL ★★★★ ½

    SOUND OF METAL ★★★★ ½

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    Was passiert, wenn man plötzlich sein Gehör verliert? In Sound of Metal trifft es einen Schlagzeuger, der von heute auf morgen nichts mehr hören kann und sein Schicksal nicht akzeptieren möchte. Das Filmdrama von Darius Marder und sein Hauptdarsteller Riz Ahmed sind die Geheimtipps bei den diesjährigen Oscars. Kaum eine Geschichte hat uns in diesem Jahr mehr berühren können und war im Stande uns mit einem dramaturgisch ausgeklügelten Sounddesign derart in den Bann zu ziehen. Gestartet und ausgezeichnet auf dem Toronto International Filmfestival, landete der Film bedingt durch die Pandemie bereits nach wenigen Wochen im Angebot von Amazon Prime Video.

    Darum geht es

    Ruben (Ria Ahmed) und seine Freundin Lou (Olivia Cooke) bilden gemeinsam das Metal-Duo Blackgammon und Touren mit einem Wohnmobil durch die USA. Ihre Zweisamkeit wird jäh auseinandergerissen, als Ruben während eines Konzerts einen Gehörsturz erleidet. Heilung verspricht nur ein Implantat, das jedoch enorm teuer ist. Er möchte weitermachen wie bisher, doch Lou sieht die Gefahr, dass Ruben rückfällig werden könnte, da er sich gerade nach einer Drogenabhängigkeit auf Entzug befindet. Sein Therapeut empfiehlt eine ländliche Gemeinschaft, die sich genau solchen Menschen wie Ruben angenommen hat. Joe (Paul Raci) leitet die Einrichtung. Hier lautet die Devise, dass Taubheit kein Handicap ist. Joe versucht Ruben mit der Stille vertraut zu machen. Der lernt zwar die Zeichensprache, kann sich mit der Situation jedoch nicht abfinden. Er verkauft seinen ganzen Besitz um sich die Operation leisten zu können. Sehr zum Missfallen von Joe. Ruben passt nun nicht mehr in die Gemeinschaft und muss gehen. Als die Implantate aktiviert werden, ist es ein großer Schock für ihn. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

    Ruben (Riz Ahmed) in der schönsten Szenen von Sound of Metal.

    Kommentar

    Wenn es in jüngster Zeit einem Film gelungen ist, uns tatsächlich in die Gefühlswelt seines Protagonisten eintauchen zulassen, dann ist das Sound auf Metal. Wir sind nicht mehr bloß Beobachter, wenn Ruben plötzlich sein Gehör verliert, sondern können seine Verzweiflung spüren. Das ist zum einen dem großartigen Riz Ahmed zu verdanken, der uns scheinbar durch seine großen Augen in sein innerstes schauen lässt. Er muss sich dazu gar nicht viel artikulieren, alleine seine Blicke sagen alles.

    Dann wäre noch das aussergewöhnliche Sounddesign von Nicolas Becker. Als Film über die Stille dreht uns Regisseur Darius Marder kurzerhand den Ton ab. Mehr als ein dumpfer Ton in der Ferne ist nicht mehr zu hören. Dazwischen kommt der Ton für uns zwar immer wieder zurück aber nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden und uns somit immer wieder damit konfrontiert. Als die Implantate aktiviert werden, ist das Ergebnis nicht nur für Ruben ein Schock, sondern genauso für uns. In der schönsten Szene sitzt Ruben am unteren Ende einer Rutsche beginnt auf das Blech zu trommeln. Ein ebenfalls gehörloser Bub am oberen Ende legt sein Ohr auf die Rutsche und lauscht dem dumpfen Klopfen. Es ist ein berührender und zugleich ungemein friedlicher Moment, den beiden zuzusehen, wie sie in eine für sie ferne Welt versinken.

    Paul Raci spielt Joe, den Leiter der Gehörlosen Gemeinschaft. Der nahezu unbekannte Schauspieler wuchs in einer Familie von Gehörlosen auf und beherrscht die Gebärdensprache. Es ist eine glückliche Fügung, dass er nun gerade wegen seiner Fähigkeit für die Rolle in Sound of Metal ausgewählt wurde. Joe ist bereit Ruben aufzunehmen aber gleichzeitig drauf bedacht, das die Grundwerte der Einrichtung nicht verletzt werden: Gehörlosigkeit ist kein Handicap und ist nichts, was behandelt werden muss. Er tritt Ruben mit aller Strenge gegenüber und das kostet ihm vermutlich Sympathiewerte beim Publikum. Sein starrer, ausdrucksloser Blick ist schwer einzuschätzen. Erst während des letzten Aufeinandertreffen der Beiden wird klar, wie wichtig ihm seine Bewohner sind und wie sehr er durch die Entscheidung von Ruben verletzt ist. Ein starker Moment, der in Gedächtnis bleibt. Raci darf sich durchaus Chancen bei den Oscars ausrechnen.

    Filme über Menschen mit Behinderung ziehen immer wieder Kritik auf sich. So kam in diesem Fall unter anderem von Bret Easton Ellis der Einwand, der Filme stelle Menschen mit Behinderung als Opfer dar. Viktimisierung kann man Sound of Metal aber wohl eher nicht vorwerfen. Paul Schrader kritisierte das Ende. Hier gehen die Meinungen auseinander. Eines ist aber klar: kalt lassen wird der Film niemanden und immerhin schafft er es, dass wir uns über das Gehörlossein Gedanken machen.

    SOUND OF METAL | DARIUS MARDER | USA 2019 | 120 MIN. | [usr 4,5]


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  • THE ASSISTANT ★★★★ ½

    THE ASSISTANT ★★★★ ½

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    Zum Ausleihen

    Aufsehenerregende Geschichten nach wahren Begebenheiten finden in der ein oder andere Form früher oder später ihren Weg auf die Leinwand. So verhält es sich auch mit The Assistant von Kitty Green und dem Weinstein-Skandal. Sogar das mit der Leinwand stimmt in diesem Fall. Das Drama um sexuellen Missbrauch am Arbeitsplatz feierte bei der Berlinale im Februar 2020 Premiere. Der Film zeichnet sich durch eine außergewöhnlich wirkungsvolle subtile Herangehensweise aus. Ein weiteres gelungenes Spielfilmdebüt in diesem Jahr.

    Darum geht es

    Julie (Julia Garner) sitzt seit fünf Wochen im Vorzimmer eines Filmproduzenten. Als seine Assistentin kommt sie als erste ins Büro und verläßt es spät Abends als letzte. Termine koordinieren, kopieren, saubermachen und Kinder betreuen sind nur ein kleiner Teil ihrer Aufgaben. Als Mädchen für alles kann sie es trotz sehr guter Qualifikation nie allen recht machen. Ihre zwei männlichen Kollegen im Raum lassen ihr im Büro keinerlei Privatsphäre. Ständig wird sie für private Angelegenheiten eingespannt aber ist für die anderen trotzdem so gut wie unsichtbar.

    Als ihr Chef eine zusätzliche Sekretärin einstellt, erhärten sich die Indizien, dass diese nur wegen ihres Aussehens ausgewählt wurde und dem Chef als sexuelle Gespielin dienen soll. Sie wendet sich mit ihrem Verdacht an den Personalleiter (Matthew Macfadyen). Dort muss sie aber erkennen, dass hier ein System dahinter stecken dürfte. Sie bekommt nur den Hinweis mit auf den Weg, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, da sie nicht nicht sein Typ sei.

    Jane (Juli Garner) unter Kollegen.

    Kommentar

    Die Handlung von The Assistant erstreckt sich über einen Arbeitstag von Julie. Als Zuseher nimmt man ihre Perspektive ein und es ist ihr Gesicht, das den gesamten Film prägt. Über ihre Blicke nehmen wir nicht nur ihre Gefühlswelt, sondern auch die Umgebung war. Den Boss, den sieht man nicht. Wir kennen nur seine Stimme am Telefon, wenn er Julie wieder einmal maßregelt, wenn sie eine Aufgabe, die meist von Vorhinein nicht ihr gewesen wäre, nicht nach seine Wünschen erledigt hat. Oder hören sein Lachen durch die verschlossene Tür.

    Ihre zwei Zimmerkollegen ignorieren sie völlig, sind aber schnell unaufgefordert zu Stelle, wenn Julie wieder einmal ein Entschuldigungsmail an ihren Chef verfassen muss. Bestenfalls werfen sie ihr skeptische Blicke zu, wenn sie versucht, ein Problem zu lösen. Meist spricht Julie man Telefon, darüber hinaus gibt es kaum Dialoge und wenn, dann nur bruchstückhafte Gespräche.

    Der Ton trägt in The Assistant viel zur atmosphärischen Stimmung bei. Die Kamera meist auf Julie gerichtet, spielen sich fast sämtliche Gespräche außerhalb unseres Blickfeldes ab. Musik von Tamar-kali gibt es nur in der ersten und letzten Szene. Dafür ist das ständige Surren der Lüftungsanlage zu hören. Satzfragmente und Stimmengewirr im Hintergrund lassen das Publikum in das Büro eintauchen. Dabei möchte man das eigentlich überhaupt nicht. Regisseurin Kitty Green gelingt es, eine klaustrophobische Atmosphäre des Unbehagens zu erzeugen. Die Bildsprache ist von klaren Linien bestimmt, die Farben sehr reduziert. Das Büro wirkt beinahe wie ein Gefängnis, die Stimmung erinnert an einen modernen Horrorfilm.

    Langsam entsteht in Julies Kopf und damit gleichzeitig in unseren Köpfen ein Bild davon, was in dieser Firma vor sich geht. Man sieht es aber nicht. Trotzdem besteht kein Zweifel daran. Indirekte Bestätigung erfährt sie durch die Reaktionen der Kollegen. In diesem Moment wird klar, dass sie völlig alleine dasteht und von niemanden Unterstützung erfahren wird. Ganz im Gegenteil: der Rest der Belegschaft hat sich längst angepasst.

    Die kühle und reduzierte Herangehensweise an ein Thema, für das erst vor wenigen Jahren ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen wurde, machen The Assistant zu einem besonderen Film. Die eigentliche Tat ist darin so unsichtbar, wie im realen Leben versteckt hinter Bürotüren. Alle wissen es. Keiner unternimmt etwas. Dabei beginnt der systematische Missbrauch einer Machtposition durch kleine Gesten und Verhaltensmuster schon viel früher und gehört zum Büroalltag. Das Herz des Filmes ist jedenfalls die schauspielerische Leistung von Julia Garner, die fast zur Gänze ohne Dialoge auskommen muss. Eine Frau ohne Stimme umgeben von widerwärtigen Männern.

    The Assistant ist übrigens einer von zwei großartigen Filmen im Jahr 2020, die sich mit Frauenschicksalen auseinandersetzen und auf der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes eine auffällige Diskrepanz zwischen Kritiker- und Publikumsbewertung aufweisen, nämlich 92% zu 25%. Bei Never Rarely Sometimes Always, einem Film über Abtreibung, ist das Verhältnis 99:20.

    THE ASSISTANT | KITTY GREEN | USA 2019 | 88 MIN. | [usr 4,5]


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