Schlagwort: 2018

  • DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    Der Science-Fiction-Film Die Auslöschung, Originaltitel Annihilation, ist bereits seit fast einem Jahr bei Netflix abrufbar. Obwohl an den Kinokassen in den USA ein Misserfolg, erfreut sich der Film einer großen Fangemeinde und gilt für viele als Highlight des vergangenen Filmjahres. Ein guter Grund also, sich den starbesetzten Film näher anzuschauen. 

    Die Auslöschung ist ein Beispiel dafür, unter welche extremen Bedingungen heute das Filmbusiness betrieben wird. Bereits 17 Tage nach dem US-Kinostart veröffentlichte Netflix den Film auf seiner Plattform.  Was war geschehen? Schon die Testscreenings verliefen nicht nach Wunsch. Zu anspruchsvoll und zu kompliziert sei der neue Film mit Natalie Portman und Oscar Isaac. Paramount Pictures verkaufte die Vertriebsrechte noch vor dem Kinostart an Netflix. Der Film sollte ausserhalb Nordamerikas nicht mehr in die Kinos kommen. 

    Zum Inhalt. Ein Feuerball stürzt auf die Erde. Fortan breitet sich der sogenannte Shimmer aus. Eine Art Glocke hat sich über die Landschaft gestülpt, an deren Oberfläche es seifenblasenähnlich in Regenbogenfarben schimmert.  Expeditionsteams werden hineingeschickt und kehren nicht zurück, bis eines Tages der auch verschollen geglaubte Kane (Oscar Isaac) vor seiner Frau, der Molekularbiologin Lena (Natalie Portman), steht. Die Freude währt nur kurz, irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Er muss in Quarantäne und Lena entschließt sich, an einer weiteren Expedition in das mysteriöse Area X teilzunehmen. Nicht unbedingt die logischste Entscheidung aber vermutlich erhofft sie sich dadurch Rettung. Im weiteren Verlauf wird das durchaus Sinn machen.

    Gemeinsam mit drei anderen Wissenschaftlerinnen, darunter Jennifer Jason Leigh als Dr. Ventress, begibt sich Lena in das unbekannte Gebiet. Bereits kurz nach Eintritt, versagt jegliche Kommunikation nach außen und das Zeitgefühl geht auch noch verloren. Was dort aber neben mittelmäßig animierten Kreaturen noch so abgeht, kann sich sehen lassen. Es sei nicht zu viel verraten aber vor allem zum Ende hin, wenn der Plot immer abstrakter und verrückter wird, trumpft Die Auslöschung so richtig auf. Biologische Gesetzmäßigkeiten scheinen sich aufzulösen. Das eigene Ich wird in Frage gestellt. Banale Erklärungen werden dem Publikum erspart und so lässt einen das Finale auch nach dem Ende des Filmes so schnell nicht mehr los.

    Trotz der interessanten Ideen, die Die Auslöschung aufgreift, kommt der Film nicht an große Science-Fiction-Momente der letzten Jahre heran und kann auf der emotionalen Ebene nicht mit Arrival mit halten. Jene Wagnis, den Film nicht schon vor Veröffentlichung zu adaptieren und leichter zugänglich zu machen, ist der Produktion aber hoch anzurechnen. Solch ein Mut fehlt in der durchkalkulierten Filmlandschaft von heute. 

    Manche Stimmen meinen, Die Auslöschung wurde bei den diesjährigen Oscar Nominierungen übergangen. Zumindest auf eine Kategorie trifft das zu: Die Qualität des Sounds lässt sich zu Hause nur erahnen aber selbst hier vermag er zu beeindrucken. Wie muss das erst in einem Kinosaal sein!

    Es ist nach Ex Machina (2015) die zweite Regiearbeit von Alex Garland, der sich auch für die Romanvorlage von The Beach (2000) verantwortlich zeichnet. Ungewöhnlicherweise hat er nun die Trilogie der Vorlage zu einem Film vereint. Eine Geschichte, die uns von der Protagonistin im Nachhinein erzählt wird, was noch mehr Raum für Interpretationen offen lässt. Erfrischend gut.

    ALEX GARLAND | OT: Annihilation |USA 2018 | 115 Min. | [usr 3.5]

    Foto (C) Netflix

  • GREEN BOOK – Eine besondere Freundschaft ★★★★½

    GREEN BOOK – Eine besondere Freundschaft ★★★★½

    Erinnert sich noch jemand an die Farrelly Brüder? Neben dem Hit There’s something about Mary (1998) beglückten sie uns mit Dumb and Dumber (1994) und Me, Myself & Irene (2000). Der letzte Film von Peter Farrelly (Movie 43, 2013) hält auf der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes aktuell bei 4%. Ja, der Höchstwert der Skala liegt tatsächlich bei 100%. Genau dieser Peter Farrelly gilt jetzt mit seinem neuen Film Green Book mit 5 Nominierungen als Oscar Anwärter (hat allerdings keine Nominierung als Regisseur erhalten). Das ist mindestens so unglaublich wie die wahre Geschichte selbst, um die es hier geht.

    Titelgebend ist das „Negro Motorist Green Book“. Ein Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der bis 1966 herausgegeben wurde und die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen ausweist, die auch schwarze Kunden akzeptieren. Er sollte das Reisen für Schwarze erleichtern. So auch für den Starpianisten Don Shirley (Mahershala Ali). 

    Don Shirley wohnt nicht nur über der Carnegie Hall, sondern füllt sie mit seinen Konzerten auch. Trotzdem plant er eine Tournee durch das gefährliche Gebiet der Südstaaten. Dafür sucht er einen Fahrer, der notfalls auch noch andere Fähigkeiten vorzuweisen hat. Tony Lip (Viggo Mortensen), eigentlich Vallelonga, der Mann fürs Grobe in einem Nachtclub, wird bei Shirley vorstellig und die erste Begegnung verläuft alles andere als vielversprechend. In ein afrikanisches Gewand gekleidet, besteigt Shirley einen Ton. Das ist etwas zu viel für Lip. Dazu soll er nicht nur Fahrer, sondern auch Butler sein. Da lehnt er dankend ab. 

    Der Film rückt Tony Lip (in späteren Jahren startete das reale Vorbild eine Karriere als Schauspieler) in den Mittelpunkt. Selbst einer Einwandererfamilie entstammend, hegt er Ressentiments gegenüber allem, was nicht weiß und amerikanisch ist. In seinem Inneren ein aufrichtiger Kerl. Die Esskultur hat er dermaßen verinnerlicht, dass dies zu einigen witzigen Momenten führt.

    Kein großer Spoiler: sie kommen doch zusammen und auf dem folgenden Roadtrip wird das zelebriert, was offensichtlich ist: hier prallen zwei Welten aufeinander. Sehr zum Gaudium des Publikums. Die Dialoge sind  sehr komisch. Der gebildete, sich gewählt ausdrückende Musiker und der der Arbeiterklasse entstammende italienisch-amerikanische Türsteher überwinden die anfängliche Abneigung und entwickeln gegenseitigen Respekt für einander. Auch weil sie erkennen, dass sie beide auf ihre Art und Weise am Rande der Gesellschaft zu stehen

    Das Duo sieht sich mit widerlichen Auswüchsen von Rassismus konfrontiert und der Film vollzieht eine Gratwanderung, wie schon viele vor ihm, die sich auf humoristische Weise einem todernsten Thema widmen. Es ist Ali und Mortensen zu verdanken, dass dies geglückt ist. Mortensen beherrscht die Leinwand von der ersten Szene an mit einer unglaublichen Präsenz. In Alis manieriertem Auftreten sitzt jede Geste, jedes Wort wird mit bedacht gesprochen. Schauspielerisch ist da nicht mehr viel Luft nach oben. Die beiden alleine rechtfertigen einen Kinobesuch.

    Green Book ist ein zugänglicher und gefälliger Film, was ihm auch Kritik eingebracht hat. Bekämpft der Film Stereotypen oder verstärkt er sie (Italoamerikaner mit schneller Faust)? Ist die Geschichte vom geläuterten weißen Mann noch zeitgemäß? Ein Feelgood-Movie? Ist der Film zu harmlos? Green Book ist eine Charakterstudie, keine Provokation sondern Unterhaltungskino. Auf menschlicher Ebene funktioniert der Film am Besten. Es ist kein Nachteil, die Geschichte einem großen Publikum zugänglich zu machen. Genau das schafft Peter Farrelly mit seinen zwei grandiosen Darstellern, indem er immer wieder Bestürzung auslöst und sie im nächsten Moment mit bitterem Witz auffängt. Man lacht im Kino ohnehin viel zu selten.

    Peter Farrelly | USA 2018 | OT: Green Book | 130 Min. | [usr 4]

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  • LEAVE NO TRACE ★★★★★

    LEAVE NO TRACE ★★★★★

    In einem Nationalpark nahe Portland haben ein Vater und seine Tochter ein Lager unter einer Zeltplane aufgeschlagen. Die widrigen Witterungsverhältnisse scheinen die Beiden nicht zu stören. Trotz Regen und Kälte gehen sie ihrer täglichen Routine nach, spielen sogar Schach. Das dichte saftige Grün und mächtige Baumriesen bieten ihnen Schutz. Aber wovor?

    Die 13-jährige Tom (Thomasin McKenzie) lebt mit ihrem Vater Will (Ben Foster) am Rande der Wildnis. Anders erträgt er das Leben nicht mehr. Nur um das Notwendigste zu besorgen begeben sich die Beiden in die nächste Stadt. Die Zivilisation hält Will nicht mehr aus. Er ist Kriegsveteran und auf Medikamente angewiesen, die er aber auf dem Schwarzmarkt an Drogenabhängige verkauft.

    In der Nacht wärmen sie sich gegenseitig. Das Einzige, was gegen die Kälte hilft.  Es ist eine innige Verbundenheit, die auf dem grenzenlosem Vertrauen aufbaut, das Tom gegenüber ihrem Vater hegt. Der unterrichtet sie und lehrt ihr, was zum Überleben notwendig ist. Das Leben ist hart aber sie nehmen es so wie es ist. Als Tom eines Tages von einem Läufer entdeckt wird, schaltet sich der Staat und das Jugendamt ein. Beide gehen mit der Situation unterschiedlich um. Nach und nach wird die Zweisamkeit auf die Probe gestellt. 

    Die Regisseurin Debra Granik stellt nach ihrem Erfolg Winter’s Bone (2010) neuerlich ein starkes Mädchen ihres, ja man muss sagen Meisterwerks, in den Mittelpunkt. Damals bedeutete es für die 20-jährige Jennifer Lawrence den Durchbruch. Heute überzeugt Thomasin McKenzie in ihrer ersten Hauptrolle. 

    Die zutiefst menschliche Weise, in der sich Granik in Leave No Trace ihren Charakteren annähert, schafft eine Unmittelbarkeit, die im Kino selten zu erleben ist. Es ist als wäre man auch unter der Zeltplane. Die Regentropfen, das Rauschen des Windes, die Erde, alles wird spürbar. Als wäre man ein stiller Beobachter und alles wäre tatsächlich wahr. 

    Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Peter Rock aus dem Jahr 2009. Dieser wurde durch einen Zeitungsartikel für seinen Roman inspiriert, der von einem sehr ähnlichen Fall handelte. Regisseurin Granik zeigt neuerlich, dass sie Menschen interessieren, die nicht Teil der Gesellschaft sein wollen oder können. Im Zuge der Recherchen für den Film wurde sie sogar auf eine Subkultur aufmerksam, die versucht mit einfachsten Mitteln in der Natur zu überleben.

    Thomasin McKenzie ist die Entdeckung des Jahres und Leave No Trace einer dieser Filme des Jahres die man gesehen haben muss. 

    Debra Granik | USA 2018 | 109 Min. | [usr 5]

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  • BIRD BOX ★★★

    BIRD BOX ★★★

    Während die hochschwangere Malorie (Sandra Bullock) noch unbedarft in ihrem Atelier den Pinsel schwingt, erreichen sie über den Fernseher fast beiläufig erste unheilvolle Nachrichten. Aus unerklärlichen Gründen begehen Menschen in mehreren Regionen auf der Welt plötzlich in Massen Selbstmord. Vorerst erschüttert sie und ihre Schwester Jessica (Sarah Paulson) das eher weniger. Schon kurz darauf bricht aber auch in ihrer Stadt das Chaos aus. Menschen laufen, stürzen und fahren in den Tod.

    Soweit die Ausgangslage. Bald stellt sich heraus, dass eine unsichtbare Macht die Menschen bloß durch Augenkontakt in den Selbstmord treibt. Malorie flüchtet in ein Haus, in dem eine Gruppe von Menschen Zuflucht gefunden hat und die bald erkennen muss, dass sie in der Falle sitzt. Die Fenster verklebt und von der Außenwelt abgeschnitten.

    Es ist das Haus von Douglas (John Malkovich), einem misanthropischen Bastard, der darauf bedacht ist, niemanden mehr herein zu lassen. Zu der illustren Runde gehören unter anderen Tom (Trevor Rhodes) und Sheryl (Jacki Weaver). Bald gesellt sich Gary (Tom Hollander) dazu. Ein kurzer Auftritt, der es in sich hat. 

    Unterschnitten wird die Geschichte mit Szenen von Malorie und zwei Kindern, die fünf Jahre in der Zukunft liegen. Irgendwo in der Wildnis irren sie mit verbunden Augen umher und begeben sich bald in einem kleinen Boot flussabwärts. Ziel unbekannt. 

    Bird Box beginnt stark, löst sein Versprechen aber nicht ein. Wie so oft in diesem Genre liegen auch diesem Mysterythriller gute Ideen zu Grunde, die sich aber offenbar nur schwer schlüssig umsetzen lassen. Nicht das alles bis ins letzte Detail erklärt werden muss aber ein paar Informationen bleibt der Film trotzdem schuldigt.

    Der Film wartet mit einem tollen Ensemble auf. Malkovich ist in seinem Element und Rhodes, noch von Moonlight in guter Erinnerung, füllt die Lein.. nein, den Bildschirm mit seiner Präsenz. Bullocks Charakter bekommt durch ihre Schwangerschaft im Endzeitszenario eine Tiefe. Sie akzeptiert ihre Mutterschaft von Anfang an nicht, ist aber doch eine Kämpferin. Später auch für die Kinder. Bird Box ist auch ein Melodram.

    Die Regisseurin Susanne Bier gewann 2010 mit A Better World den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Sicher ein gute Wahl, allerdings kann die Geschichte ihr volles Potential nicht ausschöpfen. Das Ende wird wie so oft eher wenige zufrieden stellen und der Weg dahin ist um gut eine viertel Stunde zu lang. „We make the end of the world great again!“ ruft Douglas einmal aus. Stimmt nicht ganz aber trotzdem ein markiger Spruch.

    Netflix hält sich gewöhnlich mit der Preisgabe von Zuseherzahlen zurück. Bei Bird Box ist das nun anders. Kein Wunder, wurde der Film doch allein in der ersten Woche 45 Millionen Mal gestreamt. Umgelegt auf Kartenkäufe entspricht das bei einem Budget von kaum 20 Millionen US-Dollar einem außerordentlich großen Erfolg. Laut Angaben von Netflix wird erst gezählt nachdem mindesten 70% des Filmes konsumiert wurden. Der Film bekommt nun eine Aufmerksamkeit, die er bei einem regulären Kinostart wohl nie bekommen hätte. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, ob es in diesem Fall gerechtfertigt ist, sei dahingestellt.

    Gab es gerade noch die Diskussion, welche Filme bei Festivals zugelassen werden sollten und Unmutsäußerungen darüber, das Produktionen ein regulärer Kinostart verwehrt wird, so geht es jetzt mit Jahresende bereits einen Schritt weiter. Der Erfolg einzelner Produktionen ist natürlich ausschlaggebend dafür, was wir in Zukunft überhaupt zu sehen bekommen und Sehgewohnheiten sind auf dem Sofa andere als im Kino. Zumal Streamingproduktionen bestimmten rechtlichen und moralischen Anforderungen des jeweiligen Konzerns entsprechen müssen.

    Die Filmwelt wird gerade auf den Kopf gestellt. Bird Box erfüllt seinen Zweck für einen Filmabend zu Hause. Nicht mehr und nicht weniger. Die Auswirkungen des Erfolges werden uns aber weiterhin beschäftigen.

    Susanne Bier | USA 2018 | 124 Min. | [usr 3]

    Foto (c) Netflix

  • SHOPLIFTERS ★★★★

    SHOPLIFTERS ★★★★

    Gleich vorweg: Shoplifters offenbart nach und nach ein Geheimnis. Es wurde viel zu viel über den Inhalt geschrieben, denn Regisseur und Drehbuchautor Hirokazu Kore-Eda gibt nur sehr langsam Preis, worin der Kern dieser berührenden Geschichte liegt. Nicht zuletzt davon lebt diese Erzählung von einer Familie am Rande der Gesellschaft, die auf engstem Raum in einer kleinen Hütte umringt von Hochhäusern ihr Dasein fristet und dabei eigentlich recht glücklich ist. Also Finger weg vom Trailer!

    Rasante soziokulturelle Transformationen machen auch vor japanischen Gesellschaft nicht halt. Betroffen davon ist nicht zuletzt das für uns ungewöhnliche Bild der Familie. Der Begriff ist in Japan sehr weit gefasst und meint viel mehr als die Kernfamilie und die Verwandtschaft. Hinzu kommen Traditionen, wie dass das Ehepaar bei den Eltern des Mannes wohnt und die immer noch strikte hierarchische Struktur. Der Druck ist enorm und führt zu allerhand Betrügereien. Da wird schon einmal dem Staat das Ableben der Großmutter verschwiegen um weiterhin deren Pension zu kassieren. Hirokazu hat dies neuerlich zum Anlass genommen um seinem Land den Spiegel vorzuhalten. Das ist in Japan nicht gerade wohlwollend aufgenommen worden, bietet uns aber die Möglichkeit für einen tiefen Einblick in eine völlig fremde Kultur. 

    Shibata Osamu (Lily Franky) und sein Sohn Shota (Kairi Jyo) geben beim Ladendiebstahl ein eingespieltes Duo ab. Auf dem Heimweg finden sie in einer kalten Winternacht das verwahrloste Mädchen Yuri (Miyu Sasaki) und nehmen es mit nach Hause. Es bleibt nicht bei einer wärmeren Suppe. Die Familie behält Yuri kurz entschlossen. Ihre Eltern scheinen sie nicht zu suchen. Unter einem Dach wohnen darüber hinaus noch Osamas Ehefrau Nobuyo (Sakura Andô), die Großmutter Hatsue (Kilin Kiki) und die Halbschwester Aki (Mayu Matsuoka). Das Glück währt solange, wie die Familie ihr Geheimnis bewahren kann. Erst durch den Tod der Großmutter kommen die Dinge ins Rollen.

    Die Familie Osamu lebt auf wenigen Quadratmetern und es gelingt Hirokazu und seinem Kameramann Ryûto Kondô diese Enge auf die Leinwand zu übertragen. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, kein Platz für Privatsphäre.

    Die Geschichte ist lebensbejahend, herzzerreißend und erschütternd zugleich. Hirokazu erzählt aber ohne Pathos mit einer Leichtigkeit die ihresgleichen sucht ohne groß auf die Tränendrüsen drücken zu müssen. Als Zuseher kommt einem immer wieder ins Bewusstsein, wie tragisch diese Geschichte eigentlich ist und in welchen prekären Verhältnissen die Familie lebt aber da man sieht, wie die Familie ihr Leben meistert, kommt weder auf noch vor der Leinwand große Verzweiflung auf.

    Shoplifters – Familienbande, so der deutsche Verleihtitel,  wurde bei den Filmfestspielen Cannes 2018 verdientermaßen mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und ist außerdem die japanische Einreichung zum Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“.

    Hirokazu Kore-Eda | JPN 2018 | OT: Manbiki Kazoku | 121 Min. | [usr 4]

    Foto (c) Filmladen Filmverleih

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  • MOGLI : LEGENDE DES DSCHUNGELS ★★

    MOGLI : LEGENDE DES DSCHUNGELS ★★

    Mogli liegt verwundet in einem Käfig. Kinder bewerfen ihn mit Steinen und das Essen wird ihm wie einem Tier zugeschoben. Das was Regisseur Andy Serkis, der Meister der Motion-Capture-Technik (Sensoren erfassen menschliche Bewegungen, zum Beispiel der Gesichtsmuskulatur und diese dienen als Grundlage für digitale Effekte) hier serviert, hat so gar nichts mit der bekannten Disney Version zu tun sondern orientiert sich an der Buchvorlage von Rudyard Kipling. Zwei Jahre nach dem großen Erfolg von Jon Favreaus The Jungle Book  scheitert er damit kläglich. 

    Die Sterne über dem Dschungel standen schon lange schlecht. Warner Bros. sagte den für Herbst geplanten Kinostart ab und verscherbelte das 3D-Abenteuer kurzerhand an den Streaming-Dienst Netflix. Ein Schicksal, dass in Zukunft so manchem Film widerfahren könnte, wenn eine entsprechende Vermarktung nicht möglich ist oder zu befürchten ist, dass die ersten Rezensionen nicht nach Wunsch ausfallen.

    Nach so kurzer Zeit hätten sich wohl nicht neuerlich die Massen in die Kinos begeben. Damit konnte ein vorprogrammierter Flop abgewendet werden. Zumal Mogli mit dem gleichen Problem kämpft, wie schon sein Vorgänger: Zu düster für Kinder und nicht erwachsen genug für ein älteres Publikum. Die Disney-Neuverfilmung konnte nicht nur auf die beliebten Hits zurückgreifen sondern setzte technische Maßstäbe und war somit auch ein künstlerischer Erfolg. 

    Bei Mogli wird aber schon nach wenigen Minuten klar, dass hier nicht der große Wurf gelungen ist. Die Effekte bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Tiere wirken wie aus einem Computerspiel und dadurch noch befremdlicher. Emotionale Bindung kann sich so keine Aufbauen. Trotz eines Allstar-Cast mit Christian Bale, Benedict Cumberbatch, Cate Blanchett, Frida Pinto und Andy Serkis als Balu.

    Der Charakter des Balu ist eine der größten Änderungen zu Disney Version. Er trainiert die jungen Wölfe und bereitet sie auf das Leben in der Wildnis vor. Von Gemütlichkeit nicht die Spur. Es weht ein rauer Ton. Balu ist kein großer Sympathieträger. Die Handlung ist aber interessanter. Visuell spannend umgesetzte Momente, wie das erste Zusammentreffen von Mogli und Shir Khan, können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film von der Technik förmlich überrollt wird und die Menschlichkeit dabei auf der Strecke bleibt.

    Dass dieser Film überhaupt existiert, ist alleine den Ambitionen von Andy Serkis zu verdanken und zumindest der Umstand die Geschichte so zu erzählen wie sie Kipling einst erzählt hatte, ist ihm hoch anzurechnen. Es zeigt sich aber auch wie schwer es ist gegen eine Version der Erzählung anzukommen, die sich seit über 50 Jahren in den Köpfen festgesetzt hat. Netflix muss aufpassen, nicht zum Resteverwerter zu werden. Vor allem, weil das Programm der Studios der Plattform nach und nach abhanden kommt.

    Andy Serkis | USA 2018 | OT: Mowgli: Legend of the Jungle | 104 Min. | [usr 2]

    Foto (c) Netflix

  • SPIDER-MAN: A NEW UNIVERSE ★★★★

    SPIDER-MAN: A NEW UNIVERSE ★★★★


    Kurz vor Jahresende spuckt Hollywood noch ein paar Superheldenfilme aus. Das gehört eigentlich zur Routine. Irgendwo entsteht in einer Soundstage bereits der Nächste. Zu Weihnachten frei? Eher unwahrscheinlich aber es geht während des  Dreharbeiten sicher mindestens so spaßig zu, wie in den fertigen Filmen. Man kennst sich schließlich schon eine ganze Weile. Spiderman gehört da natürlich dazu. Irgendwie. Rechtemäßig ist das nicht so einfach aber Paul McCartney hält bekanntlich auch nicht die Rechte an seinen Beatles Songs. Die gehören Sony. Genauso wie Spider-Man. Zumindest Sony und Marvel haben sich arrangiert, damit alle etwas vom Kuchen haben. Nun also ein Animationsfilm, der bewusst abseits des Marvel Cinematic Universe (MCU) angesiedelt ist. Gute Idee, weil Spider-Man: A New Universe ist richtig gelungen und fügt dem Francise eine neue Facette hinzu

    Wobei ganz ohne Außenseiterdasein und Spinnenbiss geht es nicht. Miles Morales, einer von Spider-Mans Fans, erleidet das gleiche Schicksal wie schon Peter Parker vor ihm. Der gerät auch arg in Bedrängnis und so sieht sich Miles gezwungen, nach und nach in seine neue Rolle hineinzuwachsen. Kingpin, der böse, ist auf Rache aus und versucht mittels Teilchenbeschleuniger eine Dimensionenkoppelung, um sich seine Familie zurückzuholen. Dabei saugt er gleich mehrere Spider-Men und Spider-Women in die Welt von Miles. Darunter ein Spider-Man Noir und ein Spider-Ham.

    Die Story ist unterhaltsam und die Figuren sind liebevoll ausgearbeitet. Nach Black Panther betritt mit Miles der zweite afroamerikanische Charakter die Bühne der Superhelden. Dazu ein obligatorischer Hip-Hop Soundtrack (The Notorious B.I.G.!). Der wahre Knaller ist aber die Animation. Es ist als hätte sich ein Comic auf der Leinwand aufgeschlagen. Man kann das Papier richtig spüren. Bildteiler und Textfelder spielen mit der typischen Ästhetik von Comics. Alles ist anders, als man es von Animationsfilmen gewohnt ist. Das Ganze ist ziemlich spektakulär und atemberaubend schön.

    Nur für Kinder ab 6 Jahren , wie vom Verleih vorgegeben, ist der Film sicher nicht geeignet. Wohl eher ab 10 Jahren, wie in Österreich empfohlen. Das hohe Tempo und die anspruchsvolle visuelle Umsetzung führt, neben der für die Jüngsten verwirrenden Geschichte, selbst in 2D schnell zu einer Überforderung.

    Marvel ist sicher nicht ganz undankbar darüber, dass es jetzt Paralleluniversen gibt, weil sich im MCU gerade ein paar Helden und mit ihnen die halbe Menschheit in Staub aufgelöst haben. Vielleicht zeigt dieser Spider-Man, zu einem Zeitpunkt, als kaum jemand geglaubt hätte, einen weiteren Film ertragen zu können, einen Blick in die Zukunft des Genres. Zumindest ist man einmal ein gewisses Risiko eingegangen, in dem man dem Regietrio freie Hand ließ. Hier kann jeder ein Superheld sein. Die Rechnung ist voll aufgegangen.

    Bob Persichetti / Peter Ramsey / Rodney Rothman | OT: Spider-man: Into the Spider-Verse | USA 2018 | 117 Min. | [usr 4]

    (c) Foto Sony Pictures

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  • WIDOWS ★★★★

    WIDOWS ★★★★

    Regisseur Steve McQueen verdichtet eine britische TV Serie aus den frühen 1980ern zu einem Spielfilm, verlegt die Handlung ins heutige Chicago und stattet seinen Heist-Movie mit einem (Frauen)Ensemble aus, das seines gleichen sucht. Dabei steht nicht allein der Raub im Zentrum sondern McQueen greift soziale, ethnische und politische Konflikte auf.

    Es sind vertauschte Rollen, denn in Widows – Tödliche Witwen (so der irreführende deutsche Verleihtitel) kommen die Männer der Protagonistinnen bei einem Überfall allesamt ums Leben und hinterlassen ihren Frauen einen Haufen Schulden. Allen voran Veronica (Viola Davis) sieht sich gezwungen das Geld aufzutreiben und kann bald die anderen Frauen Alice (Michelle Rodriguez), Linda (Elisabeth Debicki) und Belle (Cynthia Ervio) davon überzeugen, einen bereits geplanten finalen Coup ihrer Männer umzusetzen um so die Schulden begleichen zu können.

    Dass es McQueen nicht vordergründig um die Action geht, bekommt man gleich zu Beginn mit, wenn sich Autostunts bei einer Verfolgungsjagd nur im Hintergrund abspielen. Überhaupt setzt der Regisseur in seiner Inszenierung durchwegs interessante Kontrapunkte zum sonst Genreüblichen.  Er interessiert sich viel mehr für soziale Spannungen und Politik. Die Frauen kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten und sind gezwungen zu kooperieren. Denn nur so können sie ihr Ziel erreichen.

    Der korrupte Politiker Jack (Colin Farrell) befindet sich im Wahlkampf, der ihn in die unterschiedlichsten Vierteln der statt führt. Steve McQueen veranschaulicht das mit einer Autofahrt von einem Wahlkampfauftritt zu ihm nach Hause. Die Kamera lässt er seitlich über das Auto blicken und binnen weniger Minuten Fahrt kommt man von einem armen Viertel in eine Villengegend. Die Kameraarbeit ist durchwegs durchdacht und unkonventionell.

    Komplettiert wird das Ensemble – Widows ist in erster Linie eine exzellente Ensembleleistung – durch Robert Duvall als Jacks Vater Tom, Liam Neeson als Violas Mann Tom, Jacki Weaver als Lindas Mutter Angieska und  Daniel Kaluuya (in diesem Jahr mit Get out für einen Oscar nominiert) als kaltblütiger Killer Jatemme. Kaluuya weiß in seinen kurzen Auftritten zu überzeugen und dominiert jede seiner Szenen.

    Steve McQueen vollzieht in seinem erst vierten Spielfilm neuerlich einen radikalen Genrewechsel und beweist sein handwerkliches Können.

    Steve McQueen | USA/UK 2018 | 130 Min | [usr 4]

    Foto © Twentieth Century Fox

  • CLIMAX ★★★½

    CLIMAX ★★★½

    Wer die Filme von Gaspar Noé kennt, weiß, dass man nach seinen Filmen nicht einfach so den Saal verlässt und so tut als wäre nichts gewesen. Es sind intensive Kinoerfahrungen die nicht jedem gefallen mögen und über die sich nur schwer diskutieren lässt, weil, entweder man findet es toll oder eben nicht. Ob das Publikum heute noch zu hunderten den Saal verlassen würde, wie vor sechzehn Jahren bei Irreversible, sei dahingestellt. Exzessive Gewalt ist heute schon fast Mainstream geworden. Noès Filme sind aber viel mehr als bloße explizite Gewaltdarstellungen. Sie erheben durchaus künstlerischen Anspruch.

    Sein neuester Film Climax beginnt zwar neuerlich mit dem Ende, wird darüber hinaus aber chronologisch erzählt. Zu Beginn werden die Darsteller in einem Prolog vorgestellt. Sie sprechen aus einem alten Fernsehgerät umrahmt von Videokassetten und Büchern, die den Regisseur bei seinem folgenden Trip offensichtlich beeinflusst haben oder er möchte das dem Publikum jedenfalls glauben machen. Das Ganze strapaziert etwas die Geduld, was danach kommt ist aber großes Kino.

    Eine Tanzkompanie probt ein letztes Mal vor einer großen Tournee in einem Veranstaltungssaal. Der gesamte Film wird in diesem Raum und den angrenzenden Gängen und Zimmer spielen. Die Choreografie ist berauschend gut, die Kamera fliegt durch den Raum, dass es eine Freude ist und der Soundtrack dazu ist eine Wucht. Alles in einer einzigen ungeschnittenen Einstellung. Noés Filme sind immer ein Rausch und man ist bereits mitten drinnen. Was folgt ist aber ein Trip in die Hölle.

    Die Probe ist zu Ende und die Party kann beginnen. Irgendwann kommen die Credits. Wie immer bunt und groß. An dieser Stelle könnte man das Kino verlassen. Sangria fließt in strömen. Die Stimmung kippt. Jemand hat Drogen in die Bowle gemischt. Bei gleichbleibend wummerndem Soundtrack wird jetzt auch noch geschrien. Panik macht sich breit. Ein Kind ist involviert. Noè geht aufs Ganze, in allem was er tut. Das mag dick aufgetragen sein, andererseits ist es nur konsequent. Dass dies kein Kindergeburtstag ist, hat man schon in der ersten Szene gesehen.

    Bei Noé geht es nicht ohne unschöne Bilder aber visuell ist das alles brillant. Die Musik spielt in Climax eine wesentliche Rolle. House, Disco, Techno: Supernature im Remix, Born to be alive und eine tolle Instrumentalversion von Angie. Ein Höhepunkt jagt im wahrsten Wortsinn den nächsten. Ein opulenter Drogentrip den man nicht verpassen sollte, wenn man bis hier her gelesen hat und das alles nicht schon im Vorhinein für unerträglich hält.

    Gaspar Noé | F 2018 | 96 Min | [usr 3.5]

    Foto © Thimfilm

  • ROMA ★★★★★

    ROMA ★★★★★

    Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón hat seinen bisher persönlichsten Film gedreht. Aus Sicht seines Kindermädchens porträtiert er in atemberaubenden schwarzweiß Bildern den Alltag von Mexiko City in den sechziger und siebziger Jahren.

    Es gibt viele Möglichkeiten einen Film zu beginnen. Alfonso Cuarón zeigt Abwaschwasser, das schwallweise in einen Kanal rinnt. Minutenlang. Ein Flugzeug am Himmel spiegelt sich in der Pfütze und die Kamera öffnet sich zu einer Totalen, gefolgt von einem dieser langen Schenks, die in diesem Epos immer wieder kehren werden. Cleo reinigt die Einfahrt des gutbürgerlichen Hauses im Titel gebenden Stadtteil in Mexico City. In der engen Zufahrt parkt der Vater Antonio (Fernando Grediaga) jeden Abend mit fanatischer Genauigkeit millimetergenau sein Auto ein, während seine Frau Sofía (Marina De Tavira) mit deren vier Kindern geduldig und sehnsüchtig wartet. Eine heile Welt, wenn sich die Tore der Garage schließen.

    Cloe, gespielt von Yalitza Aparicio, ist Haus- und Kindermädchen mixtekischer Abstammung. Die Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt. Sie stellt Cuaróns einstiges Kindermädchen dar, das ihn in den sechziger und siebziger Jahren großgezogen hat. Nach dem Überraschungserfolg von Y Tu Mamá También in Venedig 2001 und dem technischen 3D-Meisterwerk Gravity 2013 kehrt der Regisseur zuerst für die Dreharbeiten in seine Heimat und dann nach Venedig zurück und holt sich in diesem Jahr seinen dritten Goldenen Löwen ab.

    Roma ist ein liebevolles Porträt von gesellschaftspolitischer Dimension. Zu Hause spielt sich bald ein Familiendrama ab. Cloe ist wie ein Hausgeist mittendrinnen und wird, obwohl selbst vom Schicksal nicht verschont, von der Familie völlig ignoriert, sobald sie selbst mit ihren eigenen Problemen zu sehr beschäftigt ist. Mitten durch das Wohnzimmer verläuft eine scharfe soziale Trennlinie.

    Cuarón beherrscht die leisen Töne und verleiht ihnen eine enorme Wucht, stellt dem Alltag historische Ereignisse gegenüber. Cloe wird während eines Einkaufes Zeugin des Corpus-Christi-Massakers, bei dem 120 Studenten von Militärs getötet wurden. Dabei bleibt die Kamera konsequent bei der Hauptdarstellerin und verleiht dem Moment eine unglaubliche Eindringlichkeit. Im quälend langsamen Kameraschwenks fühlt man sich als Zuschauer selbst wie gelähmt im Angesicht des tragischen Ereignisses.

    Cuarón spielt mit der Aufmerksamkeit des Publikums. In einer Szene in einem Kinosaal leitet er sie vom Geschehen im Vordergrund direkt auf den Film auf der Leinwand. Aufeinmal ist man mitten in einer Kriegskomödie. Im Zentrum des Filmes steht später eine herzzerreißend Spitalsszene mit Cloe. Eine schier endlos lange Kameraeinstellung, die kein Wegschauen zulässt und für viele ein Schock sein dürfte. Gegen Ende kommt es dann zu einer Wende, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Ebenfalls eine einzige Einstellung, im tosenden Meer.

    Der Sound ist neben den prächtigen durchkomponierten schwarzweiß Bilder in Cinemascope ein weiteres bemerkenswertes Detail. Wie oft kommt es in Zeiten von ausgeklügeltsten Surround Sounds schon vor, das man sich umdreht, weil man in den hinteren Reihen störende Plaudertaschen vermutet? Roma ist nicht nur ein erzählerisches Meisterwerk, sondern auch ein technisches.

    Alfonso Cuarón war der erste mexikanische Regisseur, der einen Regie-Oscar bekommen hatte. Gut möglich, dass er im nächsten Jahr wieder Geschichte schreiben wird. Roma geht für Mexiko ins Rennen um den Besten Fremdsprachigen Film. Dort darf er als Favorit gelten und obwohl die Nominierungen erst im Jänner bekannt gegeben werden, führt er bei den Buchmachern bereits die Kategorie Beste Regie an. Dabei zeichnet sich Cuarón noch für das Drehbuch, die Kamera und den Schnitt (mit Adam Gough) verantwortlich. Roma ist ein Ausnahmefilm. Gut möglich, dass sich das auch bei der Preisvergabe niederschlägt.

    Netflix hat die Produktion und den Vertrieb übernommen. In den nächsten Tagen kommt es zu einem limitierten Kinostart, bevor der Film nächste Woche auf der Streaming Plattform abrufbar sein wird. Ein Screening auf der großen Leinwand sei dringend empfohlen. Paradoxerweise kann sich gerade Roma nur dort richtig entfalten. In Italien kam es wegen der Restriktionen im Verleih zu einem Boykott durch Kinobetreiber. Eine besondere Situation, da der Film im Rahmen der staatlich subventionierten Filmfestspiele gelaufen ist und nun nicht flächendeckend verwertet werden darf. Das Kino befindet sich also im Umbruch. Mit Roma an der Spitze sind die Zeiten so schlecht nicht.

    Alfonso Cuarón | MEX/USA 2018 | 135 Min | [usr 5]

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