Schlagwort: 2018

  • DIE UNGLAUBLICHEN 2 | Incredibles 2 ★★★½

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 | Incredibles 2 ★★★½

    Der erste Teil von DIE UNGLAUBLICHEN liegt bereits 14 Jahre zurück. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat Disney das Publikum mit 20 Marvel Superheldenfilmen beglückt. Umso erstaunlicher, dass sich der Konzern mit der Fortsetzung des Animations-Kassenschlagers soviel Zeit gelassen hat. Dass Superhelden trotz des übersättigten Marktes so zu unterhalten vermögen wie Mr. Incredible und seine Familie, ist durchaus bemerkenswert, auch wenn es eben nur eine Fortsetzung ist, die nicht wirklich Neues zu bieten hat.

    Zuvor aber kommt der obligatorische Kurzfilm. BAO erzählt von einem lebendig gewordenem Dim Sum, dass zur Allegorie auf das Erwachsenwerden wird. Das hat mit Sicherheit kein Kind im Saal verstanden. Den Schluss auch so manch Erwachsener nicht, wovon spontane Erklärungsversuche zeugen. Unglaublich ist jedoch, dass hier mittels einer Teigtasche Emotionen erzeugt werden. Hut ab.

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 schließt nahtlos an das Ende von Teil 1 an, in dem der Schurke Tunnelgräber in Metroville sein Unwesen treibt. Jede Rettungsaktion artet in Verwüstungen aus, für die keine Versicherung aufkommen möchte. Daher sind Superhelden illegal. Die Avengers kennen das. Die Parrs, wie sie mit bürgerlichem Namen heißen, leben in einem Motel, die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Daher kommt das Angebot von Winston Deavor, dem Besitzer von DevTech gerade recht, der das Image der Superhelden wieder zurechtrücken möchte. Gemeinsam mit dessen Schwester Evelyn starten sie einen PR Feldzug. Es dauert nicht lange und der nächste Bösewicht betritt die Bühne. Screenslaver nutzt die Abhängigkeit der Menschen von Bildschirmen aus und betreibt für seine Zwecke Massenhypnose.

    Allerdings möchte Deavor, dass Mr. Incredible (Craig T. Nelson/Markus Maria Profitlich) seiner Frau Helen (Holly Hunter/Katrin Fröhlich) alias Elastigirl den Vortritt lässt. Eine Frau könne die öffentliche Meinung eher zu deren Gunsten beeinflussen. Mr. Incredible bleibt widerwillig zu Hause bei den Kindern. DIE UNGLAUBLICHEN 2 spielt mit Geschlechterrollen. Im Kontext der 1960er, in denen die Handlung angesiedelt ist, eine Novität und heute nicht weniger aktuell.

    Natürlich ist Mr. Parr maßlos überfordert. Die Tochter Violet pubertiert und der Sohn Robert ist sowieso ein unberechenbarer Chaot. Der wahre Star des Films ist aber Jack-Jack, das Baby der Familie. Es ist keine große Überraschung, dass es auch bald seine Superkräfte entdeckt – wie schon am Ende von Teil 1 angedeutet – und ganz und gar nicht unter Kontrolle halten kann. Laserblick, beliebige Vervielfachung, Teleportation, Blitze abfeuern, sich in Schwermetall verwandeln und dem nicht genug, im niedlichen Baby schlummert der Höllenhund.

    Beste Voraussetzungen für ein Gag-Feuerwerk, das alt und jung gleichermaßen unterhält. Für die Kleinsten ist auch Spannung garantiert, die interessanterweise gerade an jenen Stellen am größten ist, wo die Handlung am ehesten emotional nachzuvollziehen ist. Sich von einem Hochhaus zu stürzen, kein Problem! Wenn Elastigirl einen dunklen Raum betritt, verkriechen sich die Kinder aber im Kinosessel.

    Musik und Setdesign erinnern an Agentenfilme der 1960er und verpassen dem Film einen Retro-Future-Look. Das neue Haus der Parrs ist wahrlich ein Traum. Bond-Designer Ken Adam lässt grüßen. Lucius Best (Samuel L. Jackson/Ian Olde) alias Frozone schafft beeindruckende animierte Eisberge. Sowohl die Arbeitsabläufe hinter der Kamera als auch das visuelle Ergebnis nähern sich immer mehr Realfilmen.

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 ist ein charmanter und unterhaltsamer Aufguß des bekannten Themas. Kein Geniestreich aber man bekommt die gewohnte Pixar Qualität. Die dritte Fortsetzung wird wohl nicht ganz so lange auf sich warten lassen.

    Brad Bird | USA 2018 | 118 Min | [usr 3,5]

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE ★★

    THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE ★★

    Einer dieser lange erwarteten Filme. „After more then 25 years in the making – and unmaking“, heisst es im Vorspann. Die Entstehungsgesichte ist legendär oder schon längst wieder vergessen. Je nach dem. Terry Gilliam hat es also doch noch vollbracht. In seinen zahlreichen Interviews ist von den Dreharbeiten die Rede, zu denen es bereits einen eigenen Film gab. Nur für den fertigen Film scheint sich kaum jemand zu interessieren.

    Immer dann, wenn ein Stück Weltliteratur den Weg ins Kino findet, ruft das Kritiker auf den Plan und es wird genauer hingeschaut. Bei Gilliams neuestem Film ist das aber gar nicht notwendig. Für ihn ist der Stoff Ausgangspunkt für eine Neuinterpretation. Er hat die Handlung kurzerhand in die Gegenwart verlegt und stellt den Anspruch einer werkgetreuen Umsetzung nicht.

    Toby (Adam Driver) ist Werberegisseur und eigentlich recht unsympathisch. Bei Dreharbeiten in Spanien stößt er zufällig auf eine Kopie seines ersten Films. In einem nahegelegenen Dorf inszenierte er mit den dortigen Bewohnern die legendäre Geschichte vom Ritter der traurigen Gestalt. In der Hauptrolle ein Schuster (Jonathan Pryce) und Angelica (Joana Ribeiro), die Tochter des Wirtes, als Dulcinea. Als Toby sich auf den Weg in das Dorf macht, muss er feststellen, dass es seine Darsteller mit ihren damaligen Rollen etwas zu ernst genommen haben. Angelica ging als Prostituierte in die Stadt und der Schuster ist davon überzeugt, selbst Don Quixote zu sein. In Toby glaubt er seinen Knappen Sancho Panza zu erkennen.

    Der Stoff lag Gilliam am Herzen. Er spinnt das Thema weiter und die Verlegung in die Gegenwart ist ein spannender Clou. Der Film springt in den Zeitebenen aber hin und her und irgendwann artet das in einem Chaos aus. Er wirkt wie aus Fragmenten zusammengeschustert. Als hätte er sich die gesamte Produktionsgeschichte einverleibt. So ist es mehr eine tödliche Umarmung geworden, denn eine liebevolle Hommage. Ob sich Gilliam mit dem Mann im Filmtitel selbst gemeint hat, ist nicht bekannt. Ganz unschuldig ist er nicht.

    Jonathan Pryce ist in der Viertbesetzung die Rolle auf den Leib geschrieben. Mit seinen 70 Jahren ist er auch im besten Alter. Aber ein guter Stoff ist nicht umzubringen? Naja. THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE ist ein handfestes Desaster mit einer Länge von mehr als zwei Stunden geworden. Die Erlösung hat der Regisseur nun gefunden. Don Quixote und dem Publikum bleibt sie verwehrt.

    Terry Gilliam | ES, GB, FR, PT, BG 2018 | 132 Min [usr 2]

  • OFFENES GEHEIMNIS | Todos lo saben ★★★½

    OFFENES GEHEIMNIS | Todos lo saben ★★★½

    Der iranische Regisseur Asghar Farhadi kehrt seiner Heimat den Rücken zu und dreht einen Film in Spanien, mit Penélope Cruz, Javier Bardem und Ricardo Darin. Deren Familien kommen für eine Hochzeit in der Idylle einer Kleinstadt zusammen und es wäre nicht Farhadi, wenn sich da nicht zwischenmenschliche Abgründe auftun würden.

    Laura (Penélope Cruz) lebt mit ihrem Mann Alejandro (Ricardo Darin) in Buenos Aires und kommt mit ihren beiden Kindern zur Hochzeit ihrer Schwester zurück in ihre Heimatstadt in der Nähe von Madrid. Die Freude ist groß, die Stimmung ausgelassen. Sie trifft auch auf ihre Jugendliebe und nunmehrigen Weinbauern Paco (Javier Bardem), der ihr vor Jahren ihre Ländereien abgekauft hat. Zu billig, wie manche meinen. In der Nacht der Hochzeit verschwindet Lauras Tochter Irene (Carla Campra) spurlos. Der Zusammenhalt der Familie wird auf die Probe gestellt, denn es gibt ein offenes Geheimnis und wie die deutsche Übersetzung des Titels lautet: alle wissen es.

    Auch das Publikum tappt nicht ewig im Dunkeln. Regisseur Farhadi hatte aber auch keinen klassischen whodunit im Sinn. Wie in seinen Vorgängerfilmen interessiert er sich vielmehr für zwischenmenschliche Beziehungen, die er neuerlich präzise ausgearbeitet hat. Nichts passiert hier unüberlegt. Das obwohl es kein fertiges Drehbuch am Set gibt. Ein Drehbuch, das in einer Sprache verfasst ist, die der Regisseur nicht versteht. Nach eigenen Aussagen keine große Herausforderung für ihn.

    Fernab von politischem Kleingeld und Manipulation von Meinungen hat uns Farhadi mit seinem scharfen Blick für familiäre Beziehungen vorbei an der Zensur im Iran viel über die Unzulänglichkeiten des Alltags, den sozialen Druck und der Angst vor der Obrigkeit erzählt. OFFENES GEHEIMNIS ist der europäischste von Farhadis Filmen geworden. Erstmals bestimmt nicht die Anonymität der Großstadt das Setting. Auf dem Land kennt jeder jeden und ist jeder verdächtig. Dem Thema des Familiendramas ist er aber treu geblieben.

    Penélope Cruz‘ Darstellung erinnert an Sophia Loren, ihre Natürlichkeit ist beeindruckend und Javier Bardem ist ohnehin einer der gewaltigen des Kinos. Beide geben mit ihrer Leinwandpräsenz ein Traumpaar auf der großen Leinwand ab.

    OFFENES GEHEIMNIS war der diesjährige Eröffnungsfilm bei den Filmfestspielen in Cannes. Dort ging er leer aus, für eine neuerliche Oscar Nominierung stehen die Chancen aber nicht schlecht. Trotz der Zugeständnisse an das europäische Arthauskino und die Loslösung vom iranischen Kontext festigt der Film einmal mehr Asghar Farhadis Status als ganz großer Regisseur unserer Zeit.

    Asghar Farhadi | E/F/I 2018 | 133 Min | [usr 3,5]

    Foto © Thimfilm

  • WEAPON OF CHOICE ★★★★

    WEAPON OF CHOICE ★★★★

    Wenn irgendwo auf der Welt jemand eine Pistole an den Kopf gehalten bekommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Schriftzug „Glock 17 Austria“ auf dem Lauf eingraviert ist. Produziert wird sie unter anderem in Deutsch Wagram, vor den Toren Wiens, wo sich zwischen Bahnhof und Einfamilienhäusern hinter einer hohen Mauer eines von zwei Werken befindet. Zehntausende Pistolen verlassen Monat für Monat die Fabrik und gelangen irgendwann in die entlegensten Winkel der Erde.

    Es ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Anfang der 1980er vom Wiener Gaston Glock entwickelt, ist die 17 Patente umfassende halbautomatische Schnellfeuerwaffe aus Kunststoff zu einem Kultobjekt geworden. Leicht zu bedienen und zuverlässig. Darauf vertrauen Polizisten, Sportschützen, Leinwandhelden, Gangsterrapper, Militärs und Terroristen von den USA bis Bagdad. Nur in Österreich wird das alles ziemlich verdrängt. Fritz Ofner und Eva Hausberger versuchen in ihrer Dokumentation das Phänomen näher zu beleuchten.

    Die Türen zum Konzern blieben ihnen dabei verschlossen. Kein aktiver Mitarbeiter war zu einem Gespräch bereit. Offizielle Stellungnahmen gibt es ohnehin nie. Man verkehrt lieber über Anwälte. Mit allen Mitteln wird versucht, kritische Berichterstattung zu verhindern. Dass in Österreich zahlreiche Medien auf Beiträge zur Dokumentation lieber verzichten, zeigt die engen wirtschaftlichen Verflechtungen der Waffenindustrie.

    Also versuchten sich Ofner und Hausberger über ehemalige Mitarbeiter und jene, die von der Waffe mit Vorliebe Gebrauch machen, zu nähern. Da ist zum Beispiel der Waffenhändler aus den USA, der feuchte Augen bekommt, wenn er eine Glock in Händen hält und ins Schwärmen über seinen Besuch in der Fabrik in Österreich gerät. Jeans Cruz kommt zu Wort, jener Soldat, der Saddam Husseins Versteck als erster betrat und dessen Besitz sicherstellte. Darunter befand sich eine Glock. Sie befindet sich nun in einem Museum. Charles Ewert, Ex-Treuhänder, auch „Panama Charly“ genannt, erzählt von seinem ehemaligen Arbeitgeber. Er sitzt im Gefängnis und soll in einen missglückten  Auftragsmord an Gaston Glock in einer Luxemburger Tiefgarage verwickelt gewesen sein.

    Es ist der erste Versuch, hinter die Kulissen des Konzerns zu Blicken, dem jahrelange Recherchen vorausgingen. Ortner und Hausberger gelingt es dabei, möglichst neutral zu bleiben. Niemand wird vorgeführt oder angeprangert. WEAPON OF CHOICE beantwortet keine Fragen, wirft jedoch einige auf. Zum Beispiel wieso so viele Waffen in die Hände von Terroristen gelangen. Der Film regt zur Diskussion an. Ein erster wichtiger Schritt.

    Eine Frage wird dann doch beantwortet. Warum nämlich der Konzern davon profitiert, wenn dessen Name im Zusammenhang mit einem Terroranschlag genannt wird. Die Glock funktioniert eben.

    Der Firma Glock ist es nicht geglückt, den Film zu verhindern. Ein Jahr nach der Weltpremiere beim This Human World Filmfestival läuft die Dokumentation nun regulär im Kino an.

    Fritz Ofner, Eva Hausberger | A 2017 | 90 Min | [usr 4]

    Foto © Polyfilm Filmverleih

  • COPS ★★★½

    COPS ★★★½

     

    COPS ist ein vielschichtiges Drama und gibt einen Einblick in den Alltag einer Polizeisondereinheit. In eine Männerwelt, in der eine strenge Hierarchie vorherrscht und eine hohe psychische Belastung tägliche Routine ist. Ein Leben für den Adrenalinkick und den Kampf gegen den inneren und äußeren Feind. Darüber hinaus überzeugt der Film mit einer starken Ensembleleistung. Allen voran mit Laurence Rupp als angehender WEGA Polizist und Roland Düringer in einer seltenen ernsten Rolle.

    Die WEGA (Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung) ist eine Sondereinheit der Wiener Polizei und wird zu Einsätzen mit erhöhtem Gefahrenpotential hinzugezogen. In dieser Eliteeinheit Dienst zu tun ist der Traum manch junger Männer. So auch der von Christoph Horn (Laurence Rupp), der kurz vor dem Ende seiner Ausbildung steht. Die Aufnahme in diese Truppe verspricht Abenteuer und Adrenalinkicks. Im Idealfall wird man nach einem Einsatz als Held abgefeiert. Zumindest innerhalb dieses Mikrokosmos von harten Männern in ihren gestählten Körpern.

     

    Ein harmlos anmutender Einsatz endet damit, dass Christoph mehrere Schüsse in die Brust eines verhaltensauffälligen Mannes abfeuert. Damit rettet er seinem Vorgesetzten Konstantin Blago (Anton Noori) womöglich das Leben. Ob die gefährliche Situation erst durch die WEGA Polizisten entstanden war, sei zuerst einmal dahingestellt. Die sich am Tatort befindliche Polizistin Marianne Kelck (Maria Hofstätter) ist sich dessen aber sicher.

    Christoph befindet sich in einem Rauschzustand. Nun ist er in den inneren Kreis rund um Blago aufgenommen. Er fühlt sich stark. Hilfe durch den psychologischen Dienst der Polizei lehnt er ab. Die Waffe lädt er aber nur mehr mit zittriger Hand. Post-Shooting-Trauma. Als der angeschossene Mann seinen Verletzungen erliegt, kommt der Zusammenbruch. Zweifel an der Verhältnismäßigkeit kommen auf und wer zweifelt, hat bei der Sondereinheit nichts verloren.

    Auch wenn Regisseur Istvan einen Extremfall schildert, zu einem Schusswaffengebrauch kommt es bei der WEGA äußerst selten, ermöglicht die verfahrene Situation nun die inneren Dynamiken in der streng hierarchisch organisierten Polizei zu durchleuchten. Das passiert mit Bedachtsamkeit. Die Motive der einzelnen Charaktere sind nachvollziehbar. Selbst bei der Polizei gibt es unterschiedliche Überzeugungen, wenn es darum geht, wie man mit potentiellen Gefahren aber auch mit der enormen psychologischen Belastung umgeht.

    Christophs Vater Heinz Horn (Roland Düringer) ist ebenfalls Polizist und versucht bei Fußballspielen zwischen den Fans zu vermitteln. Seine Arbeitsweise steht im strikten Gegensatz zur Law and Order Mentalität der WEGA. Dort wo sein Sohn jetzt steht war er schon vor Jahren und spricht seine psychischen Probleme auch offen an. Laut Istvan befinden sich Christoph und seine Kollegen im „Krieg gegen das Verbrechen“. Grauzonen gibt es nicht. Christophs Hingabe für die Einheit belastet die Beziehung zu seiner Freundin Nicky Winter (Anna Suk), einer Polizistin in Ausbildung, schwer. Für Frauen ist in der Mitte der Elitetruppe ohnehin kein Platz.

    Schon 2012 beschäftigte sich Istvan in seinem Kurzfilm VOID mit unverhältnismäßiger Polizeigewalt in Österreich. Der Film ist bis heute Teil der Polizeiausbildung. In der jahrelangen Vorbereitungszeit zu COPS erhielt er die Unterstützung der Polizei, was eine gründliche Recherche möglich machte und zu einem authentischen Film führte. Mit dem Ergebnis ist man im Innenministerium diesmal weniger glücklich, kratzt der Film doch am Image der Sondereinheit in dem gruppendynamische Prozesse dargestellt werden, die man so lieber nicht in der Öffentlichkeit diskutiert haben möchte. Für Diskussionsstoff sorgte der Film aber bereits bei den ersten Aufführungen.

    Dabei zeigt COPS einen differenzierten Blick auf das geschlossene System Polizei und zollt deren Arbeit durchaus Respekt. Schwäche, Zweifel und Ängste sind hier aber nicht vorgesehen. Gerade zu einer Zeit, in der es zu einer Aufrüstung kommt, in dem das Innenministerium eine angeblich permanente latente Gefahr heraufbeschwört. Die Polizei wird mit militärischen Waffen ausgerüstet und die Zivilbevölkerung soll durch Inserate in Alarmbereitschaft versetzt werden.

    COPS versteht sich als politisches Kino und darum war es Istvan auch wichtig, nichts neu zu erfinden, sondern ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Bereits in der ersten Szene taucht man ein in die Welt von Christoph und seinen Kumpels. Es ist ein düsterer Film geworden, der in seinem Herzschlagfinale am Ende aber aus einer positiven Kraft Hoffnung schöpft.

     

    *** Update 26.9.2018 ***

    Manchmal geht es schnell. VOID wurde vom BMI aus dem Ausbildungsprogramm gekickt. Kein Wunder, die FPÖ stößt sich schon lange daran.

     

    Istvan aka. Stefan A. Lukacs | Ö 2018 | 92 Min | [usr 3,5]

  • THE RIDER ★★★★

    THE RIDER ★★★★

    Kann man sich einem Menschen, der einer völlig fremden Welt entstammt, verbunden fühlen? Noch dazu jemanden aus Trumps Kernland, das man aus weiter Ferne bestenfalls belächelt und der Lebenstraum darin besteht, möglichst lange im Sattel zu sitzen? Chloé Zhao zeichnet in ihrem neuen Film, fernab von politischen Realitäten und Ideologien ein Porträt eines Mannes, der seine Berufung gefunden hat, ihr aber plötzlich nicht mehr nachgehen kann.

    Brady Blackburn (Brady Jandreau) lebt im Pine Ridge Reservat im Südwesten des US-Bundesstaats South Dakota. Er ist bekannt für seinen einfühlsamen Umgang mit Pferden. Auf deren Rücken ist er ein Held. Gleich zu Beginn verändert ein schwerer Sturz bei einem Rodeo-Ritt sein ganzes Leben. Er erleidet eine Hirnfraktur und muss fortan mit einer Metallplatte im Kopf leben. Er darf nicht mehr reiten.

    Damit kann sich Brady nicht abfinden. Die Narbe ist noch frisch und er steigt wieder auf ein Pferd. Die Tiere sind sein Lebensinhalt und nur auf deren Rücken kann er er selbst sein. Der Gedanke an das nächste Rodeo ist nicht fern, jedoch erlaubt es sein gesundheitlicher Zustand nicht.

    Die finanzielle Situation ist angespannt. Die Mutter tot, der Vater (Tim Jandreau) ein Spieler, die Schwester (Lilly Jandreau) geistig beeinträchtigt. Das Pine Ridge Reservat gehört zu den ärmsten Gegenden der USA. Hier lebt ein Großteil der Familien unterhalb der Armutsgrenze, viele haben weder Strom noch Telefon. Die Lebenserwartung liegt um die 50 Jahre. Brady nimmt einen Job im Supermarkt an.

     

    Im gleißenden Neonlicht stellt sich für ihn die Frage, ob das alles noch einen Sinn macht. Es spielt in diesem Moment keine Rolle, ob er ein Reiter ist oder nicht. Brady ist jemand, der seine Bestimmung gefunden hatte, etwas das nicht vielen vergönnt ist. Nicht mehr zu reiten bedeutet für ihn gleichzeitig seine Identität aufzugeben und seine Männlichkeit zu verlieren. Von dieser inneren Verzweiflung handelt The Rider. Als er sich dann doch auf zum nächsten Rodeo macht, schlägt der Film eine Richtung ein, die, wie Werner Herzog bemerkt, so ganz der amerikanischen Filmkultur und dem American Dream widerspricht.

     

    Die Geschichte ist wahr. Brady Jandreau spielt sich selbst. Noch vor dem Unfall hatten sich er und Regisseurin Zhao kennengelernt. Auch der Rest der Familie konnte für den Film gewonnen werden. Die Folge sind halbdokumentarische Charakterstudien. Das Publikum ist Bradys Verzweiflung und Traurigkeit so nahe wie nur irgendwie möglich. Die Authentizität ist erstaunlich. Dabei ist der Mythos des Westerns allgegenwärtig. Die schier unendlichen Weiten der Landschaft eröffnen sich in wunderschönen Panoramen. Wenn die Kamera dann groß auf Bradys Gesicht verweilt, wird klar, dass er trotz all der Tragik immer ein Teil dieser Welt sein wird.

    Zhoa hat einen nur auf den ersten Blick apolitischen Film gemacht. Ihre Herangehensweise eröffnet uns einen humanistischen Blick auf eine Gesellschaft, die uns sonst nur als stockkonservativ und hinterwäldlerisch bekannt ist.

    Chloé Zhao | USA 2017 | 102 Min | [usr 4]

    © Foto: Joshua James Richards

  • THE CLEANERS ★★★★

    THE CLEANERS ★★★★

    IGNORE – DELETE – IGNORE – DELETE

    Sie sehen das, was wir nicht sehen. Sie sitzen tausende Kilometer weg von uns aber nur einen Mausklick von unseren Laptops und Smartphones entfernt. Die Content Moderatoren der Silicon-Valley-Konzerne.

    Schon mal gewundert, warum auf Facebook, Twitter, Youtube & Co ein Beitrag gelöscht wurde? Content Moderatoren in Manila sichten im Auftrag der Internetkonzerne gut 25.000 Bilder – pro Tag und Mitarbeiter. Menschen also, die in einem autokratischen System leben und völlig andere Moralvorstellungen haben. Sie handeln nach strikten Vorgaben und sind einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. Qualitätskontrolle gibt es praktisch keine, bzw. dient sie allein dazu Mitarbeiter unter Druck zu setzen.

    Über Zensur, das Spiel mit der Wahrheit, den Umgang mit Fakten und die tragischen Konsequenzen. Die Content Moderatoren sehen sich als Hüter der Welt, sind aber Teil eines Systems, das längst außer Kontrolle geraten ist.

    Diese Dokumentation lief gerade noch im Kino und ist jetzt bis 3. September 2018 bei Arte verfügbar.

    Link: Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners

    Hans Block, Moritz Riesewieck | D/BRA/NL/I/USA 2018 | 88 Min. | [usr 4]

  • BLACKkKLANSMAN ★★★★

    BLACKkKLANSMAN ★★★★

    In Spike Lees Politsatire bleibt einem schon einmal das Lachen im Halse stecken. Basierend auf den Memoiren „Black Klansman“ von Ron Stallworth erzählt er die unglaubliche aber wahre Gesichte einer absurden Undercoveraktion, einer Infiltration des Ku Klux Klan durch einen schwarzen und einen jüdischen Polizisten. Lee macht kein Geheimnis daraus, was er von Präsident Trump hält. Ganz ungeniert zieht er Parallelen zwischen der aktuellen US-Regierung und dem Ku Klux Klan.

    Ron Stallworth (John David Washington) heuert in den 1970er bei der Polizei von Colorado Springs an und wird deren erster schwarzer Detektive. Zuerst ins Archiv verbannt, wo er laufend rassistischen Anfeindungen seiner Kollegen ausgesetzt ist, wird er auf seinen Wunsch hin bald zu den verdeckten Ermittlern versetzt. Dort soll er sich sogleich in die schwarze Studentenbewegung einschleusen und an einer Kundgebung des ehemaligen Black Panther Aktivisten Kwame Ture (Corey Hawkins) teilnehmen. Dort weckt die Präsidentin der Bewegung Patrice Dumas (Laura Harrier) sein Interesse. Die scheinbare Gewaltbereitschaft der StudentInnen lässt bei der Polizei die Alarmglocken schrillen. Stallworth versucht zu kalmieren. Dass es sich hierbei um linke AktivistInnen handelt, verbessert die Lage nicht.

    „What would you do if someone called you a nigger?“

    „That would happen?“

    Stallworth beim Bewerbungsgespräch.

    Stallworth ruft eines Tages auf eine Annonce hin prompt beim Ku Klux Klan an und gibt sich am Telefon zum Erstaunen seiner Kollegen als handfester Rassist aus. Das Interesse des KIans ist schnell geweckt. Aus offensichtlichen Gründen kann Stallworth jedoch nicht selbst an den Treffen teilnehmen und schickt seinen jüdischen Kollegen Flip Zimmerman (Adam Driver) vor. Schon ist eine schräge Undercoveroperation im Gange. An deren Ende hält Stallworth voll Stolz einen Mitgliedsausweis des Klans in seinen Händen.

    Stallworth gelingt es sogar mit dem Großmeister David Duke (Toper Grace) persönlich Kontakt aufzunehmen. Als Antisemit, Holocaustleugner und Nazi genießt Duke in den Staaten bis heute einen zweifelhaften Ruf. An einer Stelle lässt Lee ihn den Trinkspruch „America First“ ausgeben. Der Ausspruch wurde tatsächlich bereits 1920 vom KKK verwendet. Erfunden wurde er dort aber nicht. Vielmehr wurde er zu unterschiedlichen Zeiten von allen Lagern gebraucht.

    Höhepunkt von BlacKkKlansman ist eine Parallelmontage einer Messe des Klans und einer Gedenkveranstaltung der Studentenbewegung. Während der KKK grölend einer Vorstellung des rassistischen Porpagandafilms Birth of a Nation (D. W. Griffith, 1915) beiwohnt, erzählt Zeitzeuge Jerome Turner, gespielt vom großartigen Harry Belafonte, detailiert vom grausamen Lynchmord an Jesse Washington im Jahr 1916. Gerade jenen Mann diese Worte sprechen zu lassen, einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung, ist eine große und eindringliche Geste von Lee.

    Auf der Ebene des Kriminalfilms entwickelt sich im Laufe der Handlung ein Wettlauf gegen die Zeit. Die zwei Polizisten drohen aufzufliegen. Vor allem der misstrauische Felix (Jasper Pääkkönen) stellt eine latente Gefahr da. Das ermöglicht Lee die Spannung über zwei Stunden zu halten und so eine Fülle an Botschaften einzuarbeiten, wie auch einen Pre-Credits Kurzfilm, Anspielungen auf Blaxploitation, Filmausschnitte und Plakate.

    Die Parallelen zu heutigen Rechtsextremen überall auf der Welt sind offensichtlich. Absurd anmutendes Gedankengut tumber Männer gepaart mit einem konservativen Weltbild. Die Religionszugehörigkeit wird hochgehalten, ist aber nicht mehr als ein Versatzstück um sich von allen anderen abgrenzen zu können. Der Vorwurf mangelnder Differenzierung trifft im Kontext von KKK und Lee kaum zu. Es geht nicht darum, Verständnis zu erzeugen. Der KKK ist eine gewaltbereite kriminelle Organisation. Frauen gehören hier hinter den Herd. Einzig dann, wenn es darum geht, eine Bombe zu platzieren, ist Felix‘ Ehefrau Conny (Ashlie Atkinson) gefordert, die Abends im Bett mit ihrem Mann in rassistischen Gewaltfantasien schwelgt. Innerhalb der Bürgerrechtsbewegung wiederum kämpfen Frauen auf allen Ebenen an erster Front.

    Lee liebt seine Darsteller. Die Kamera umgart Washington, der in seiner Rolle überzeugt. Noch ambivalenter ist Drivers Charakter, der trotz weißer Hautfarbe nicht in das Bild der weißen Herrenmenschen passt und sich auf spiritueller Ebene selbst verleugnen muss um in der „Organisation“, wie sie sich selbst nennt, aufgenommen zu werden.

    Das erst im Schnitt von Spike Lee angefügte Ende entlässt das Publikum eben nicht mit der Auffassung, es handle sich hierbei um einen historischen Film, sondern holt es ins hier und jetzt zurück. Der Schock sitzt tief. Jene, an die Lee seine Botschaft adressiert, wird er wohl kaum ins Kino locken. Diskursive Auseinandersetzungen finden aber ohnehin ausserhalb des Kinosaales statt.

    Spike Lee erhielt bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes den Preis der Jury. Premiere in den USA war am ersten Jahrestag der rassistisch motivierten Unruhen in Charlottesville.

    Spike Lee | USA 2018 | 135 Min | [usr 4]

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • THE MEG ★★

    THE MEG ★★

    Den Tiefpunkt seiner Hunderte Millionen Jahren andauernden Evolutionsgeschichte erreichte der Hai im Jahr 2013, als er in Form eines Hai-Tornados, sprich Sharknado, auf der Theke eines Pizzakoches landete und es Haie über ganz New York regnete. Einen unrühmlichen Höhepunkt erlebte er keine 40 Jahre davor in Steven Spielbergs Der Weiße Hai (Jaws, 1975). Ein Filmklassiker, dem unzählige überwiegend trashige Imitationen folgten. Der Hai wurde zum Schrecken der Weltmeere. Gleichzeitig ist seine Schwanzflosse in manchen Ländern eine Delikatesse. Sie wird ihm brutal abgeschnitten und der Rumpf zurück ins Meer geworfen. Obwohl der Hai kaum natürliche Feinde hat, wurde ihm das Leben in den letzten Jahrzehnten nicht leicht gemacht und auch diese Woche wird es nicht besser.

    Die Ausgangslage in Jon Turteltaubs The Meg ist vielversprechend. In einer internationalen Unterwasserforschungsstation glaubt man kurz vor einer sensationellen Entdeckung zu stehen. An einer Stelle im Marianengraben, wo man bisher den tiefsten Punkt des Meeresgrunds vermutete, geht das Team von Wissenschaftlern rund um Dr. Zhang (Winston Chao) und seiner Tochter Suyin (Li Bingbing) davon aus, dass es sich nur um eine Art Schutzschicht aus Gasen handelt und darunter eine völlig unbekannte Welt verborgen liegt. Sie liegt, der Traum eines jeden Tiefsehforschers. Allerdings ist der Mensch gleichzeitig in das Habitat einer Spezies eingedrungen, die seit gut einer Million Jahren als ausgestorben galt: der Megalodon, die wahrscheinlich größte Haiart, die je die Erde bevölkerte. Mit einer vermuteten Körperlänge von an die 20 Meter mutet der große Weiße im Vergleich wie ein Baby an. Es geht schief, was schief gehen kann. Das Forschungs-U-Boot wird attackiert und der ehemalige Taucher Jonas Taylor (Jason Statham) muss herbei um die festsitzenden Wissenschaftler zu retten. Der Einzige, der je eine Rettungsaktion in 10.000 Meter Tiefe überlebt hat.

    Soviel zur Handlung, die so voll von Stereotypen ist, dass man nie sicher sein kann, ob es sich um eine Persiflage handelt oder das alles ernst gemeint ist. Zumindest im Falle von DJ (Page Kennedy), Afroamerikaner und Nichtschwimmer, ist Zweiteres zu befürchten. Als zwei TV-Helikopter beim Rennen um das beste Bild frontal zusammenstoßen, kann man am ehesten noch von einem kritischen Moment sprechen. Nicht dass man dies von so einem Film erwarten würde. Die eindimensionalen Charaktere sind dem Bestsellern Meg von Steven Alten entsprungen. Also bei einem etwaigen Erfolg (die ansprechende Plakatkampagne wird ihren Teil dazu beitragen) ist mit Fortsetzungen zu rechnen, wo es einzig darum geht, wer überlebt und wann und auf welche Weise es die auserwählten Opfer erwischt.

    „This is the worst thing, I’ve ever seen.“ Wenn ein Film so beginnt, kann man ihm zumindest einmal keinen Mangel an Selbstironie vorwerfen. Am spannendsten war es immer, wenn sich die vermeintlichen Opfer und mit ihnen das Publikum im selben Element befanden. Das passiert hier gerade nach fast 90 Minuten. Nichts stellt diese Ausweglosigkeit besser dar, als wenn die Gefahr aus allen Richtungen kommen kann und man orientierungslos im Wasser schwimmt. Dabei hat der Hai bereits nach 40 Minuten seinen ersten Auftritt. Spielberg legte in Der Weiße Hai Wert darauf, dass dieser in der ersten Stunde nicht zu sehen ist und steigert die Erwartungshaltung so ins unermessliche. Dieser Spannungsaufbau fehlt hier völlig. Auch weil einem die Charaktere völlig egal sind.

    Aber zurück zum Star des Filmes und somit zum Kernpoblem. Dass es sich beim Meg um eine Bestie handelt, liegt im Wesen des ganzen Genres. Anders als der Weiße Hai ist dies auch eine prähistorische Art. Mit einem Schlag jedoch sämtliche vorkommenden Haiarten als aasfressende Ungeheuer darzustellen ist gelinde gesagt ein Skandal. Gerade im Kontext einer Forschungsstation hätte man diese Tiere als das darstellen können was sie sind, nämlich hochintelligent, mit über Jahrmillionen perfektionierten Körpern und Verhaltensweisen und für Menschen relativ ungefährlich. Somit befördert der Film neuerlich, dass Haie gejagt werden. Eine verpasste Chance, dem Hai ein besseres Image zu verpassen.

    Der wahre Horror spielt sich gegen Ende am Strand von Sanya auf der Hainan-Insel ab. Tausende Menschen im Meer, dicht gedrängt mit ihren bunten Schwimmreifen. Das Wasser ist kaum zu sehen. Ein paar schöne Happen für den Meg. Das Auge isst bekanntlich mit. Regisseur Turteltaub ist mit dem fertigen Film nicht ganz zufrieden. Man kann es sich aufgrund der FSK Freigabe ab 12 Jahren denken: die blutigsten Momente wurden herausgeschnitten. Die hohen Produkionskosten machten dies notwendig. Mit der unzensurierten Version kann man mit Erscheinen der DVD/Bluray rechnen. Unter bestimmten Einflüssen kann The Meg schon Spaß machen, aber nicht mehr also dutzende derartige Filme davor auch. The Shallows (2016) mit Blake Lively war zuletzt ein gelungenerer Versuch, den Kampf Mensch gegen Natur keine 200 Meter vom Strand spannend umzusetzen. „You’re going to need a bigger boat.“ hieß es in Der Weiße Hai. Richtig geraten, das Boot ist in The Meg immer noch zu klein. Der Mensch hat vor und hinter der Kamera nichts dazugelernt.

    Jon Turteltaub | USA 2018 | 115 Min | [usr 2]

  • MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT ★★★★

    MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT ★★★★

    Schneller. Höher. Spektakulärer. Der Actionfilm muss seit jeher den Anforderungen gerecht werden, alles bisher Gesehene in den Schatten zu stellen. Nun ist ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem die ersten Kriminalfilme über die Leinwände flimmerten und James Bond sich aufmachte, die Welt zu retten. Lichtblicke gab es immer wieder und zwar immer dann, wenn neben neuen Ideen und atemberaubenden Stunts die Story rund um eine charismatische Heldenfigur nicht zu kurz kam. Trotzdem war der Trend zu beobachten, dass, auch dank der technischen Entwicklungen, die Sequenzen immer unglaubwürdiger wurden und die Filme zunehmend langweiliger. Das Budget, das für die Materialschlachten aufgewendet wurde, war zum Marketinginstrument geworden und musste oft schon alleine reichen um Publikum anzulocken. Wenn es um Superlative in Kombination mit Qualität geht, ist die 1996 gestartete Mission: Impossible-Reihe im Laufe der Jahre zum Maß aller Dinge geworden und der nunmehr 6. Teil zeigt mehr den je warum das so ist.

    Ethan Hunt hat einen Fehler gemacht. Oder doch eher Tom Cruise, denn in einer unvergleichlichen Art und Weise sind Hauptdarsteller und Filmfigur hier miteinander verschmolzen. Ohne Cruise gäbe es die Reihe in dieser Form nicht. Wir haben es hier erstmals mit einer direkten Fortsetzung des Vorgängers (Rogue Nation, 2015) zu tun und an dessen Ende lässt Hunt seinen Gegenspieler Solomon Lane (Sean Harris) am Leben. Dieser kehrt nun zurück und möchte mit seinem Netzwerk an Terroristen, genannt die Apostel, durch einen Atomkrieg der jetzigen Weltordnung ein jähes Ende setzen. Leid schafft Frieden, ist deren Motto. Getrieben wird Lane aber von etwas anderem. Doch von was wird hier nicht verraten.

    Unterstützung erhält Hunt wie gewohnt von seinen von Film zu Film leicht variierenden Sidekicks. Diesmal sind Luther (Ving Rhames), Benji (Simon Pegg) und die ehemalige MI6 Agentin Ilsa (Rebecca Ferguson) mit dabei. Benji hat in seinem dritten Auftritt die Wandlung vom Clown im Innendienst zum Agenten abgeschlossen. Die albernen Sprüche sind weniger geworden. Das schlägt sich auf die gesamte Tonart des Filmes nieder, trotzdem ist der typische Witz erhalten geblieben. Ilsa verfolgt teilweise eine eigene Agenda und bei ihr weiß man nie so recht, was als nächstes kommt. Alec Baldwin gibt als IMF (Impossible Mission Force) Chef Alan Hunley Rückendeckung, zumindest solange er kann.

    Es gibt auch ein paar Neuzugänge. Von der CIA Direktorin Erika Sloane (kurzer aber starker Auftritt von Angela Bassett) bekommt Hunt einen Aufpasser: August Walker (Henry Cavill) entpuppt sich als Mann fürs Grobe und verleiht der Handlung einen neuen Twist. Vanessa Kirby ist die weiße Witwe. Mittelsfrau, Waffenhänderlin und Hunts Pendant. Eine Versuchung. Als sie sich an der Seine gegenüberstehen, fragt man sich unweigerlich, ob der ganze Film nur Cruise‘ Aufforderung zum gemeinsamen Abendessen mit offenem Ausgang ist („Schau, ich hab ganz Paris für dich absperren lassen.“).

    Die Besetzung ist eine Stärke von Mission: Impossible. Bekanntheit erlangte die Serie aber durch ihre spektakulären Stunts. Stand bisher ein Highlight pro Film auf dem Programm, gibt es in Fallout gleich eine ganze Reihe. Etwa einen „High Altitude Low Opening“ (kurz: HALO) Sprung aus 8000 Meter Höhe. Dafür wurde eigens ein Helm entworfen, damit man die Gesichter der Schauspieler erkennen kann. Weil eines ist längst bekannt: Tom Cruise macht das alles tatsächlich selber. Über 100 Sprünge sind notwendig, bis man in der Lage ist einen HALO Sprung mit einer bestimmten Choreografie auszuführen. Für eine Verfolgungsjagd durch Paris wurden große Teile der Stadt gesprerrt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Es scheint, als hätte Tom Cruise eine To-do-Liste, die er abarbeitet. Dafür durfte er nach den Dreharbeiten mit einem Pilotenschein nach Hause gehen. Hubschrauberstunts inklusive Spiralflug – Check. Knöchelbruch? Ein paar Wochen später rennt er schon wieder über die Dächer Londons. Unter Schmerzen.

    Auch wenn sich Fallout nicht mit großen Reden aufhält, verkommt er nicht zu einer Aneinanderreihung von Actionsequenzen. Dafür sorgt das Drehbuch von Regisseur Christopher McQuarrie, das er während des Drehs immer wieder geändert hatte. Der Spruch „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“ wird in M:I 6 groß geschrieben. Hunt vermeidet jeglichen Kollateralschaden und verliert dadurch immer wieder die Kontrolle über seine Missionen. In den Chefetagen ist man der Meinung, dass einzelne Opfer zum Wohl der Allgemeinheit in Kauf genommen werden müssen. In einer schönen Szene kommt das gut zum Ausdruck. Am Rande der Verfolgungsjagd durch Paris versucht Hunt eine unbeteiligte Polizistin, die ins Kreuzfeuer gerät, zu schützen und riskiert dabei selbst in eine auswegslose Situation zu geraten. Diese Eigenschaft machen sich die Anarcho-Terroristen zum Vorteil und versuchen Hunt dort zu treffen wo es am meisten Weh tut. Dabei spielt Hunts Frau Julia (Michelle Monaghan) eine Rolle. Am Ende von Phantom Protokoll (2011) erfuhr das Publikum, dass sie noch am Leben ist. Dafür war es notwenig, erstmals auch mehr über den Charakter von Hunt selbst zu erfahren.

    Das Spiel mit den Masken war seit Anbeginn ein markanter Bestandteil von Mission: Impossible. Diesmal gerät deren Einsatz allerdings allzu vorhersehbar. Hier kann das Publikum dem Drehbuch hin und wieder einen Schritt voraus sein. Bei all der Fülle an Action kommt man unweigerlich in die Überlänge, da hätte man sich die ein oder andere Idee aufsparen können. Aber vielleicht hat Tom Cruise schon die Torschlusspanik. Mit dem nächsten Teil nähert er sich unfassbarerweise schon seinem 60er. Erstmal läuft ein Film der Reihe in 3D. Darauf kann man getrost verzichten. Vermutlich eine Auflage des Studios. Man hat jedenfalls in der Produktion keinen Gedanken daran verschwendet.

    Alle, die sich auf diesen Film gefreut haben, werden nicht enttäuscht sein. Es ist der ausgereifteste Film der Serie, schafft die Balance zwischen Action und Handlung, bringt diese weiter und eröffnet neue Möglichkeiten für Fortsetzungen. Wo Antman gerade bloss Unterhaltung war, regt Fallout durchaus zum Nachdenken über das ganze Genre an. Wohin auch immer die Reise geht, man wird sich an Ethan Hunt orientieren müssen.

    Christopher McQuarrie | USA 2018 | 148 Min | [usr 4 ]