Schlagwort: 2018

  • WEINER ★★★★

    WEINER ★★★★

    DER NETFLIX-TIPP

    Anthony Weiner ist ein charismatischer und eloquenter Politiker, der sieben Amtszeiten im Kongress von New York saß und durch seine emotionalen Reden landesweit Aufmerksamkeit erregte. So wie zum Beispiel mit seiner Rede anlässlich eines Gesetzesentwurfes für gesundheitliche Hilfe für Ersthelfer von 9/11. Ein wenig fühlt man sich an Matthias Strolz erinnert, wenn er die anderen Abgeordneten durch seine pointierte Rede auf die Palme bringt.

    Mit dieser Rede beginnt auch diese Dokumentation, die genauso eine klassische Komödie mit einem tragischen Helden sein könnte, wenn nicht alles wahr wäre, was wir hier zu sehen bekommen. 2011 ist seine Karriere vorerst beendet. Auf seinem Twitter Account taucht ein vermeintliches Foto seiner Nudel auf. In Unterhosen zwar aber das reicht in den USA für einen handfesten Skandal. Da nützt es nichts, dass er behauptet, sein Account wurde gehackt. Weniger später muss er ohnehin zugeben, dass das Foto von ihm stammt.

    Huma Abedin ist Weiners Ehefrau und steht entsetzt neben ihm. Die Kamera ist nämlich immer dabei und man fragt sich, wie ist das möglich? Warum gibt es diese Dokumentation überhaupt? Warum läßt Weiner dies zu? Sie wird den ganzen Film über zu ihm stehen. Obwohl sie noch einiges mehr ertragen muss und obwohl sie die engste Mitarbeiterin von Hillary Clinton ist und auch ihre Karriere auf dem Spiel steht. Einmal bittet Weiner dann doch den Kameramann den Raum zu verlassen um sich mit seiner Frau auszusprechen. Man ist fast froh darüber, wenn man ihren Blick sieht. Huma, wie sie liebevoll von der Öffentlichkeit genannt wird, ist eine toughe Frau, die über Jahre nicht von seiner Seite weicht. Sie wird ihn erst 2016 verlassen, lange nachdem die Handlung der Dokumentation endet.

    Zwei Jahre später, im Jahr 2013, kandidiert Weiner für das Amt des Bürgermeisters von New York. Er geht mit einem soliden Vorsprung von über 35% ins Rennen. Er stellt sein Wahlkampfteam zusammen, sammelt erfolgreich Spendengelder. Alles verziehen, die Menschen jubeln ihm zu. Bekanntlich wurde er nicht Bürgermeister. Weiner erreichte bloß 4,94%. Warum? Die Dokumentation schildet es detailreich. Manchmal möchte man dabei verlegen im Sofa versinken.

    Weiner handelt zum einen von der Doppelmoral der Amerikaner. Jeder Fehltritt wird dankend angenommen und in den Medien tagelang ausgekostet. Inhalte spielen überhaupt keine Rolle mehr. Da die Kamera über einen längeren Zeitraum immer mit dabei war, erhält man einen spannenden Blick hinter die Kulissen einer Wahlkampfmaschinerie. Taktische Überlegungen stehen hier an der Tagesordnung. Und Weiner selbst? Was treibt ihn an? Ist er rein geltungssüchtig? Warum kann er nie einen Schritt zurücktreten? Er weiß nicht wann es genug ist und hält, als ihm das Wasser bist zum Hals steht, auch noch sein Kind in die Kameras.

    Zum Vorteil des Publikums, das bestens unterhalten wird.  2016 lief Weiner bei der Viennale und seit einiger Zeit ist er bei Netflix verfügbar.

    Josh Kriegman, Elyse Steinberg | USA 2015 | 96 Min. | [usr 4]

  • ANT-MAN AND THE WASP ★★★½

    ANT-MAN AND THE WASP ★★★½

    Scott „Ant-Man“ Lang (Paul Rudd) war unartig. Nachdem er am Leipziger Flughafen mit den Avengers das obligatorische Chaos hinterlassen hatte, steht er in San Fransisco unter Hausarrest. Auslieferungsabkommen. Zumindest das funktioniert noch zwischen EU und USA. Dr. Hank Pym (Michael Douglas), Erfinder des Ameisenkostüms, mag die Avengers überhaupt nicht und ist deswegen eingeschnappt und von seinem Alterego bitter enttäuscht. In der Zwischenzeit hat er daher seiner Tochter Hope (Evangeline Lilly) einen Wespenanzug verpasst, um gemeinsam seine seit 30 Jahren in der Quantenwelt verschollene Ehefrau Janet (Michelle Pfeiffer) zu retten.

    Soweit die Ausgangslage. Es ist ein Verdienst des Marvel Cinematic Universe (MCU), dass dies auch ohne die vorherrschenden Spannungen näher zu erklären funktioniert. Dort und da werden Hinweise bis hin zur Mid- und Post-Credit-Szene gesteut, die die Handlung zeitlich verorten. Das freut die Marvel Fan Gemeinde, ist für den Rest des Publikums aber nicht von größerer Bedeutung. Ant-Man and the Wasp ist in der Reihe wie sein Vorgänger mehr Mitläufer als Handlungsträger.

    Wie schon in Captain America: Civil War (2016) zu sehen war, ermöglicht Dr. Pyms Technologie nicht nur eine Verkleinerung von Materie, sondern auch genau das Gegenteil. Seine Arbeit erregt vielenorts Aufmerksamkeit und droht in die falschen Hände zu geraten. Waffenhändler und ein neuer – weiblicher – Bösewicht nehmen die Verfolgung auf, um sich Dr. Pyms Labor, das er geschrumpft in Handkoffergröße mit sich führt, zu schnappen.

    Verfolgungsjagden und das Spiel mit den Dimensionen sind dann auch die bestimmenden Elemente des neuen Marvel Abenteuers. Das Schrumpfen und Wachsen von Häusern, Autos und den Charakteren eröffnet eine Fülle an visuellen Möglichkeiten, die trotz Wiederholungen gut unterhalten und sich nicht erschöpfen. Die Fahrt durch die Lombard Street erinnert einmal mehr an die von Peter Bogdanovic inszenierte Verfolgungsjagd aus What’s up, Doc? (1972). Eines der vielen Vorbilder von Regisseur Peyton Reed. Unterstützt werden die Helden wie schon im ersten Teil von Michael Peña als Scotts Arbeitskollege Luis.

    Über die neue Antagonistin Ghost (Hannah John-Kamen) erfährt man nicht viel. Nach einem Unfall ist ihr materieller Zustand etwas durcheinandergeraten und sie steht sozusagen etwas neben sich und sieht in Pyms Erfindung ihre Erlösung. Zumindest in diesem Film ist sie daher weniger Bösewicht und daran das Universum an sich zu reißen, sondern mehr getrieben von ihren eigenen Bedürfnissen.

    The Wasp tauchte nicht nur im Jahr 1963 als erste weibliche Heldin in einem Avengers Comic auf, sondern ist auch die erste Protagonistin, die in einem Marvel Filmtitel geführt wird. Ant-Man steht ihr zwar zur Seite, muss sich aber nebenbei noch um seine Tochter kümmern. Ein Gutteil der Arbeit bleibt also für The Wasp. Gegen Ende ist sie die Retterin und spendet den Kuss, der die Romanze zwischen den beiden in Gang bringt.

    Ant-Man and the Wasp erzählt eine simple Geschichte in kurzweiligen zwei Stunden, nimmt sich weniger ernst als dies die restlichen Avengers tun und setzt auf Humor und familienfreundliche Unterhaltung. Scott und Hope sind darüber hinaus die einzigen Helden ohne Superkräfte. Normale Menschen, nicht einmal Milliardäre wie Bruce Wayne. Dass trotz Thematisierung von subatomarem Raum und Quantenverschränkung jegliche wissenschaftliche Basis fehlt, darf nicht weiter stören. Auf die weitere Genese des MCU werden die Quanten so oder so entscheidenden Einfluss nehmen. Ab diesem Zeitpunkt wird alles in Frage gestellt. Auch der Hinweis ganz zum Schluss, dass Ant-Man und The Wasp auf die Leinwand zurückkehren, bleibt nicht ohne Fragezeichen.

    Peyton Reed | USA 2018 | 118 Min | [usr 3]

    Foto: ©Marvel Studios 2018

     

  • CATCH ME! (TAG) ★★

    CATCH ME! (TAG) ★★

    Fünf Freunde in ihren Vierzigern befinden sich jedes Jahr im Mai in Alarmbereitschaft. Seit Grundschulzeiten spielen sie einmal im Jahr das Fang-Spiel Tag. Hogan (Ed Helms), Bob (Jon Hamm), Randy (Jake Johnson), Kevin (Hannibal Buress) und Jerry (Jeremy Renner) leben verstreut in den USA und wenden einige Energie auf, die jeweils anderen Abzuklatschen und am Ende nicht übrig zu bleiben. Jerry wurde in all den Jahren nie erwischt. Als an einem letzten Tag im Mai seine Hochzeit bevor steht, wittern die anderen ihre große Chance.

     

    Tag ist ein Fang-Spiel, bei dem ein Fänger (engl. „it“) einen anderen Mitspieler berühren muss und dieser dann folglich der neue Fänger ist oder sich ein Team aus Fängern bildet. Spannend wird es dann, wenn das Spielfeld so erweitert wird, daß folglich niemand weiß wer gerade der Fänger ist. Das Spiel kann beliebig durch Regeln erweitert werden. Tag wird weltweit gespielt. In den USA kam es sogar zu Verboten, da es an Schulen im Laufe des Spiels immer wieder zu schweren Verletzungen kam oder aber auch weil es im Spielverlauf zu Mobbing kommen kann.

    Dem Film liegt eine wahre Geschichte zu Grunde. Russell Adams vom Wall Street Journal (→ Link) war durch Zufall während eines Interviewtermins mit einem der Mitspieler auf diese Geschichte gestoßen, als dieser plötzlich vor ihm gefangen wurde. Im Film übernimmt Annabelle Wallis die  Rolle der Journalistin, die fortan den anderen durch die Handlung nachhetzt. Mehr hat sie dann auch nicht zu tun. Das ist nicht einmal eine Nebenhandlung und völlig unnötig.

    Leider nicht die einzige Schwachstelle des Films. Zu Beginn weiß die Komödie noch zu unterhalten. Wie die einzelnen Mitspieler zusammenfinden ist durchaus komisch. Spätestens wenn es daran geht, Jerry zu erwischen und der wahre Grund für die diesjährige Jagd ans Licht kommt, ist die Luft draußen. Der grundsätzlich spannenden Idee eine Rahmenhandlung zu verpassen ist weniger geglückt.

    Wie gefährlich das Spiel tatsächlich sein kann, davon kann Jeremy Renner berichten. Er brach sich zu Beginn der Dreharbeiten beide Arme. Daraufhin bekam er zwei grüne Gipsarme verpasst, damit in der Nachbearbeitung mittels digitalem Effekt heile Arme hinzufügt werden konnten.

    Catch Me! hat seine komischen Momente und Lacher sind garantiert. Der Unterhaltungswert bleibt aber im Laufe der sehr konstruierten Handlung immer mehr auf der Strecke. Am Ende bleibt ein unbefriedigendes Gefühl. Der Stoff ist wohl in den falschen Händen gelandet. Vor dem Nachspann sieht man Sequenzen von Videos der realen Spieler. Von ihnen möchte man mehr erfahren. Eine Doku wäre zumindest nicht weniger unterhaltsam gewesen.

    Jeff Tomsic | USA 2018 | 100 Min | [usr 2]

    Foto © Warner Bros. Pictures GmbH

  • TULLY ★★★½

    TULLY ★★★½

    Ist man mit seinem Baby nach 18 Uhr in der U-Bahn unterwegs, zieht man vorwurfsvolle Blicke auf sich. Gehören Babys nicht schon ins Bett? Schreit es laut, werden Köpfe geschüttelt. Das arme Kind! Gleichzeitig ist es mit Kind nicht selbstverständlich einen Sitzplatz zu bekommen. Auch die hochschwangere Marlo (Charlize Theron) sieht sich mit dem einen oder anderen Ratschlag konfrontiert. Da ist Koffein im koffeinfreien Kaffee! Danke für den Hinweis.

    Um die von Leid geplagte Lebensphase rund um Geburt geht es im neuen Komödiendrama von Regisseur Jason Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody. Die Beiden brachten schon Juno gemeinsam in die Kinos und elf Jahre später zeigen sie nun ihre erwachsen gewordene Variante des Zusammenlebens rund ums Kinderkriegen.

    Are you ok?

    Marlo ist am Ende ihrer Kräfte. Ihr Körper spielt verrückt. Das dritte Kind ist auf dem Weg und die ersten Beiden halten sie auf trab. Es ist ein Zustand wie im Dellirium, wenn einem der eigene Körper fremd wird und man sich vor lauter Erschöpfung kaum mehr wach halten kann. „Are you ok“, fragt ihr Mann Drew (Ron Livingston) nach der Arbeit, als Marlo sichtlich erschöpft im Sessel versunken mit den Kindern beim Abendessen sitzt. Es ist eine Mischung aus Überforderung, Hilflosigkeit und Ignoranz, die eine Beziehung in dieser Zeit prägen. Der Alltag wird durch komplexe Aushandlungsprozesse gemeistert. Irgendwie. Denn nicht selten bleibt die Frau dabei auf der Strecke.

    Die Sehnsucht nach einem anderen Leben

    Tully zeigt die für die Frau extreme Situation, diesen körperlichen und geistigen Ausnahmezustand, für einen Mainstream Film relativ schonungslos. Charlize Theron hat für die Rolle über 20 Kilogramm zugenommen und zeigt einmal mehr, warum sie eine der herausragendsten Schauspielerinnen ihrer Generation ist.

    Als Marlo zufällig eine Jugendfreundin trifft, deren Leben sich in eine andere (kinderlose) Richtung entwickelt hat, wird in ihr für einen Moment die Sehnsucht nach einem anderen Leben wach, ohne Kinder und dicken Bauch. Die Freiheit über ihr Leben selbst bestimmen zu können, ein verlockender Gedanke.

    Girls just wanna have fun

    Marlos wohlhabender Bruder Craig (Mark Duplass) macht ihr das Angebot eine Nightnanny als Unterstützung zu finanzieren. Die würde das Baby in der Nacht übernehmen und sie einzig zum Stillen aufwecken. Der Gedanke, in der Nacht eine Fremde im Haus zu haben, ist für Marlo zumindest anfangs irritierend. Marlo entscheidet sich dann doch dafür und eines Abends steht Tully (Mackenzie Davis) vor der Tür. Zuerst fühlt sich Marlo von der jungen Frau überrumpelt, als sie ganz routiniert zur Sache geht. Es entwickelt sich jedoch bald eine innige und sehr persönliche Freundschaft zwischen den beiden. Marlo bewundert Tullys Leichtigkeit und Lebensfreude. Mehr über den Inhalt sein aber an dieser Stelle nicht verraten. Gegen Ende wartet der Film mit einer großen Überraschung auf.

    Mom, what’s with your body?

    Ein interessantes Detail am Rande vorbehaltlich der Authentizität ist die Geburt selbst. Marlo liegt an Maschinen angeschlossen wie eine schwerkranke im Spitalsbett. Das Neugeborene wird ihr sofort genommen und weggelegt. Das ist alles andere als zeitgemäß und hat mit einer normalen Geburt in unseren Breitengraden nichts zu tun. Und noch was: Babywindeln riechen nicht, solange sie ausschließlich Muttermilch zu sich nehmen.

    Tully ist über weite Strecken kurzweilig und unterhaltsam aber keine Komödie der großen Lacher, wie das vielleicht der Trailer zum Film suggerierte. Vielmehr ist sie eine Momentaufnahme einer Familie des Bildungsbürgertums, in der es was die Geschlechterrollen betrifft nicht ganz so modern zugeht, wie das nach außen hin zelebriert wird oder man sich selber eingestehen möchte. Das kann durchaus einen Nachdenkprozess in Gang bringen. Ein großer Verdienst für einen Unterhaltungsfilm.

    Jason Reitman | USA 2018 | 96 Min | [usr 3,5]

     

  • Die TOP FILME 2017

    Die TOP FILME 2017

    Der Frühling ist auf Sommerurlaub und so hat uns auch das Sommerloch früher erreicht als sonst. Wo sonst die Blockbuster des Jahres auf uns losgelassen werden, ist jetzt gähnende Leere. Zugegeben, der Therapeut hat dazu einen kleinen Motivationseinbruch.

    Der beste Zeitpunkt um mit etwas rauszurücken, auf das ohnehin nie jemand gewartet hat. Erst recht nicht jetzt. Die Liste der besten Filme 2017. Immer wieder stellt sich heraus, dass jedes Jahr gut 20 herausragende Filme hervorbringt. Auch wenn es subjektiv als schwaches Filmjahr empfunden wurde.

    Das heißt noch nicht, dass uns nicht die ein oder andere Entdeckung verborgen blieb. Festivals ermöglich zwar einen Blick in für uns auch noch so entfernte Weltenregionen und erweitern das Spektrum der Filmauswahl entscheidend. Ob aus österreichischer Sicht etwa Die beste aller Welten verdientermaßen sein Publikum um den Weltball erreicht hat, ist mehr als fraglich.

    Die Geträumten von Ruth Beckermann hat in diesem Jahr viel Anerkennung erfahren. Der Film ist allerdings aus dem Jahr 2016 und ist so auch auf der Liste von 2016 zu finden. Einen fixen Platz hätte er in jedem Jahr.

    Über 100 Filme wurden gesichtet. Hier ist die Auswahl von The Reel Therapist für 2017 in alphabetischer Reihenfolge. Filme die man gesehen haben sollte.

     

    Die andere Seite der Hoffnung

    Die beste aller Welten

    Blade Runner 2049

    Captain Underpants

    Coco

    Dunkirk

    The Florida Project

    Get out

    The Killing of a sacred Deer

    Lady Bird

    Lucky

    Der Tod von Ludwig XIV

    Phantom Thread – Der seidene Faden

    Siebzehn

    The Square

    Three Billboards outside Ebbing, Missouri

    Western

    Z Auf der Suche nach der versunkenen Stadt

    In Zeiten des abnehmenden Lichts

     

     

     

     

  • ISLE OF DOGS ★★★★

    ISLE OF DOGS ★★★★

    Einmal mehr erinnert eine parabelhafte Erzählung daran, wie leicht eine moderne fortschrittliche Gesellschaft in den Totalitarismus abrutschen kann. Feindbilder werden geschaffen um vom eigenen Unvermögen abzulenken, sich nicht den wahren Herausforderungen des Zusammenlebens stellen zu können. In Wes Andersons zweitem Stop-Motion-Trickfilm geht es den Hunden einer Megastadt im Japan der nahen Zukunft an den Kragen. Ein politischer Trickfilm für Groß und Klein.

    Die Hundegrippe breitet sich unter den treuesten Freunden des Menschen aus. Der korrupte Bürgermeister Kobayashi von Megasaki City verbannt die Hunde kurzerhand auf Trash Island, eine riesige Mülldeponie in der Bucht vor der Stadt. Spot, der Hund seines Ziehsohnes Atari wird als erster deportiert. Ein paar Monate später, die Insel ist in der Zwischenzeit von verwahrlosten Hunden bevölkert, macht sich Atari auf die Suche nach seinem geliebten Gefährten. Dabei trifft er auf ein Rudel Mischlingshunde (gesprochen von Andersons All-Star Cast), die ihn auf seiner Reise begleiten.

    Trotz Kommunikationsproblemen. Während das Bellen der Hunde zum besseren Verständnis (so steht es im Vorspann) ins Englische übersetzt wurde, spricht Atari Japanisch. Atari weiß noch nicht, dass seine Reise weitreichende Konsequenzen mit sich bringen wird. Als die Öffentlichkeit in der Stadt von Ataris Vorhaben erfährt, formiert sich Widerstand gegen das Regime.

    Die Insel selbst gleicht einem Internierungslager: hinter Zäunen türmen sich graue Müllberge auf, überall verwahrloste und halbverhungerte Hunde. Diese an sich düstere Welt wird durch den zum Markenzeichen von Anderson gewordenen visuellen Stil und seinem schrulligen Humor konterkariert. Wie gewohnt sind die an Tableau vivants erinnernden Bilder bis ins kleinste Detail durchkomponiert. Es sind die Detailverliebtheit und die große Empathie, die Anderson für seine Charaktere aufbringt, die seine Arbeiten zu einem Genuss werden lassen. 144.000 Standbilder waren notwendig, um den Film mit einer Laufzeit von rund 100 Minuten fertigzustellen. Die längste Einstellung dauert 80 Sekunden und dafür wurden 15 Wochen Arbeit aufgewendet. Stop-Motion ist immer mit Superlativen verbunden.

    Die Entscheidung, die Geschichte in Japan spielen zu lassen, hat Anderson einiges an Kritik eingebracht. Seine Sichtweise sei von Stereotypen geprägt und gerade die historische Perspektive des Verhältnisses von USA und Japan eine sensible Angelegenheit. Mag sein, dass in seiner Darstellung des japanischen Archipels wenig Platz für eine differenzierte Betrachtungsweise ist. Das Anderson-Universum war aber immer ein märchenhaftes, wie zuletzt die Republik Zubrowka, irgendwo südlich des  Sudetenwaldes in The Grand Budapest Hotel (2014).

    Ein schwermütiger Trommelrhytmus durchdringt den gesamten Film und bleibt auch danach im Gedächtnis. Alexandre Desplats Soundtrack ist eindringlich, bedrohlich und witzig zugleich. Egal was dieses Jahr noch bringen wird, bei den Oscars 2019 werden die Trommler wieder zu hören sein.

    Während durch Spektakelfilme anderswo Ressourcen verschwendet werden, konzentriert Wes Anderson kreative Kräfte um seinen unverwechselbaren Stil zu schaffen. Isle of Dogs hat zu Recht als erster Animationsfilm die diesjährige Berlinale eröffnet. Eine Ode an Freundschaft und Toleranz.

     

    Wes Anderson | USA/D 2018 | 101 Min | [usr 4]

    © Fotos 20th Century Fox

  • TRANSIT ★★★★

    TRANSIT ★★★★

    Transit ist ein bedeutendes Stück Exilliteratur. Die Autorin Anna Seghers verarbeitete darin 1941/42 ihre eigene Flucht vor den Nazis nach Mexiko. Der deutsche Regisseur Christian Petzold hat sich nun dem Stoff angenommen und bedient sich bei der Umsetzung eines kühnen Kniffes.

    Georg (Franz Rogowski) sitzt in einem Pariser Café. Draußen ist die Welt in Aufruhr. Polizeiautos brausen durch die Gassen. Menschen werden auf der Straße zusammengetrieben. Die Situation ist angespannt. Georg entgeht nur knapp einer Verhaftung. Er ist auf der Flucht vor einem totalitären Regime.

    Was die Bilder von der ersten Einstellung an verraten – wir scheinen uns im hier und jetzt zu befinden. Petzold hat die Handlung ins Frankreich der Gegenwart transferiert.  Er wollte diesmal keinen Historienfilm machen und eigentlich muss man sagen, Transit ist zeitlos.

    Die Zeit als Feind

    Über den Zeitpunkt der Handlung werden keine näheren Angaben gemacht (Auf hinweisgebene Gegenstände wie Smartphones hat Petzold bewusst verzichtet). Das verleiht dem Film eine universelle und zeitliche Allgemeingültigkeit. Eine brillante Idee. Für Menschen auf der Flucht scheint Zeit ein unendlich dehnbarer Begriff zu sein. Das lange Warten auf Transitvisa für eine Schiffspassage nach Übersee, wie es auch Georgs Fluchtplan ist, ist zermürbend. Zum Nichtstun verdammt und den Feind im Nacken muss er die Vergangenheit hinter sich lassen und sich auf eine unsichere Zukunft gefasst machen. Transit ist ein langer Augenblick der Ungewissheit.

    Identitäten

    Mit einer falschen Identität in der Tasche flüchtet Georg weiter in die Hafenstadt Marseilles. Mit den Dokumenten des toten Schriftstellers Weidel scheinen die Transitvisa gesichert.  Dort trifft er auf dessen Ehefrau Marie (Paula Beer), die nichts vom Tod ihres Mannes weiß. Die Zwei kommen sich näher. Eine Begegnung mit schicksalhaften Folgen.

    Fluchtrouten

    Irgendwann ist für Georg die Flucht nicht mehr vorrangig. Im Abspann ist Road to Nowhere von den Talking Heads zu hören. Die Flüchtlinge sind Gespenster im Transitraum Niemandsland. Keiner interessiert sich für sie. Die Fluchtrouten sind steinig und nicht offen für alle. Heute mehr den je nicht aber das war auch zu Zeiten Seghers so. Das sollten Politiker einmal nachlesen. Der Schutz von Flüchtlingen hat seit jeher nur solange gegolten, wie sich nicht allzu viele von ihnen auf den Weg gemacht hatten.

    Shootingstar

    Petzold hat die Parallelen von Seghers Roman zur Gegenwart erkannt. Einzig die abrupt einsetzende, aus der Buchvorlage stammende, Erzählstimme ist gewöhnungsbedürftig. Ein Barkeeper erzählt in der dritten Person und soll Georg stellvertretend für alle Flüchtenden eine Stimme verleihen. Franz Rogowski ist jedenfalls der Shootingstar des deutschen Kinos und nicht zuletzt er macht den Film sehenswert.

     

    Christian Petzold | D/F 2018 | 102 Min. | [usr 4 ]

    © Foto: Stadtkino Filmverleih

  • GOLDENE PALME FÜR SHOPLIFTERS

    GOLDENE PALME FÜR SHOPLIFTERS

    *** Die Goldene Palme 2018 geht an Kore-Eda Hirokazu für sein Familiendrama Shoplifters. Den Großen Preis der Jury unter dem Vorsitz von Cate Blanchett erhielt Spike Lee und BlacKkKLansman. Als beste Schauspielerin wurde Samal Yeslyamova (Ayla von Sergey Dvortsevoy) ausgezeichnet und als bester Schauspieler Marcello Fonte (Dogman von Matteo Garrone).***

    Der Preis für die Beste Regie ging an Pawel Pawlikowski (Zimna Wojna). In der Kategorie Bestes Drehbuch wurden Alice Rohrwacher (Lazaro Felice) und Radar Saeivar (3 Faces) ex aequo ausgezeichnet. Der Spezial Preis ging an Jean-Luc Godard für Le Live D’Image.

    LINK:

    Die Liste aller weiteren Preisträger: www.festival-cannes.com

  • THE DEATH OF STALIN ★★★★★

    THE DEATH OF STALIN ★★★★★

    1953 in der Nähe von Moskau. Die mächtigsten Männer der Sowjetunion stehen verzweifelt im Kreis. Auf dem Boden vor ihnen liegt in einer Urinlache ihr Führer Stalin (Adrian McLoughlin). Auch wenn der nicht mehr aufstehen wird, ist tiefste Untergebenheit geboten. Keiner kann dem anderen trauen. Ein falsches Wort könnte als Verrat ausgelegt werden und hätte die sofortige Erschießung zufolge.

    Ein Arzt muss her. Leider wurden fast alle bereits im Zuge der Ärzteverschwörung, einem Auswuchs des Antisemitismus, erschossen. Das ist die Ausgangslage für Armando Iannuccis („Veep“) geniale Satire über das sowjetische Politbüro rund um Stalins Tod. Es ist eine Gradwanderung zwischen der exzessiven Gewalt in Form von permanenten Erschießungen und wahnwitzigen Momenten, die Iannucci gekonnt zu meistern weiß.

    Die Listen

    Lawrenti Beria (Simon Russell Beale), Geheimdienstchef und Herr über die Todeslisten, ist der erste, der die Macht an sich reißen möchte und unterstützt zu diesem Zweck den legitimen Nachfolger Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor), um gleichzeitig die völlige Kontrolle über ihn zu erlangen. Da wären noch Wjatscheslaw Molotow (Michael Palin) und Anastas Mikojan (Paul Whitehouse) mit von der Partie, allesamt verantwortlich für Deportationen und Massenmorde, den Tod von hunderttausenden Menschen also. Nur Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) bleibt außen vor. Er ist ein kühler Taktierer.

    In „The Death of Stalin“ werden sie zu parasitären Witzfiguren degradiert. Allerdings: die noch so skurril anmutenden Situationen beruhen auf wahren Begebenheiten. Selbst Stalins Wunsch nach einem Mitschnitt eines Live im Radio übertragenen Konzerts, das für die Aufnahme folglich unmittelbar wiederholt werden musste, ist keine Erfindung.

    Jedes Wort wird auf die Wagschale gelegt und verliert dadurch gleichzeitig an Bedeutung. Als Stalins versoffener Sohn eine Rede bei dessen Begräbnis ankündigt, hat Malenkow keine Einwände. Nur um sich dann zu korrigieren: „When i said No problem what i meant was No. Poblem!„

    Verklärung der Vergangenheit

    Nikita Chruschtschow entschied das Rennen um Stalins Nachfolge bekanntlich für sich. Er leitete die Entstalinisierung ein und vollzog einen gemäßigteren Kurs.

    Ist Stalin eine Ikone oder war er ein Massenmörder? In Russland ist diese Frage noch nicht beantwortet worden. Das Publikum in Russland wird den Film nicht zu sehen bekommen. Kurz vor dem Start wurde „The Death of Stalin“ vom Kulturministerium verboten. Für manche liegt in der Satire dann doch zuviel Wahrheit.

    Die Bloßstellung führt zur Enttarnung des unfassbar Bösen und macht die Willkür und den Irrsinn eines jeden Totalitarismus greifbar. Regisseur und Drehbuchautor Armando Iannuccis tiefschwarze Komödie ist urkomisch und nachdenklich stimmend zugleich. Ein Höhepunkt des Kinojahres. Und eine Warnung.

    Armando Iannucci | UK, F 2017 | 106 Min | [usr 5 ]

    © Foto: Filmladen

  • A BEAUTIFUL DAY ★★★★

    A BEAUTIFUL DAY ★★★★

    Joaquin Phoenix, im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes für seine Rolle ausgezeichnet, ist Joe. Regisseurin und Drehbuchautorin Lynne Ramsay (Drehbuchpreis in Cannes) lässt das Publikum zu Beginn im Ungewissen darüber, wer er eigentlich ist und was er so tut. Joe scheint ein Auftragsmörder zu sein. Aber ist das die ganze Wahrheit?

     

    „You were never really here“, wie der Film im Original nach einem Roman von Jonathan Rames heisst (für gewöhnlich hängt eine derartige Namensänderung mit dem europäischen Urheberrecht zusammen), erschließt sich durch Rückblenden, die messerscharf die Handlungsebene durchpflügen. So erfährt man nach und nach, dass Joe eine traumatische Kindheit hatte und sich grausame Erlebnisse während seiner Zeit als Soldat in seiner Erinnerung eingebrannt haben. Es stellt sich heraus, dass er es sich zur Aufgabe gemacht hat Kinder aus der Gewalt von Menschenhändlern und Pädophilenringen zu befreien. Als er sich auf die Suche nach Nina (Ekaterina Samsonov), der Tochter eines Senators, begeben soll, gerät die Rettungsaktion außer Kontrolle.

     

    Joe ist kein Mann der großen Worte und scheut vor exzessiver Gewaltanwendung nicht zurück. Ramsay interessiert sich aber mehr für seine Person, denn für seine Taten. Phoenix‘ körperbetonte Performance ist eine vielschichtige Charakterdarstellung. Joe lebt immer noch mit seiner Mutter (Judith Roberts) zusammen. In dieser geschützten Umgebung kommt ein direkt kindliches Gemüt zu Tage. Aber diese Sicherheit ist trügerisch.

     

    Selbst die Straßen von New York wirken hier bedrohlich. Der Verkehrslärm ist dröhnend laut. Es ist die Umgebung, in der sich Joe bewegt und unter deren Oberfläche sich ein moralischer Sumpf auftut. Verbrechen, mit Verstrickungen in höchste politische Kreise. Jonny Greenwood Filmmusik ist verstörend und wirkt deplaziert, unterstreicht aber die ambivalente Gefühlswelt des Hauptcharakters.

     

    „A Beautiful Day“ ist eine düstere und intensive Kinoerfahrung. Ramsay ist durch ihre kompakte und präzise Inszenierung ein handwerkliches Meisterwerk gelungen. Pures energetisches Kino mit einem großartigen Joaquin Phoenix.

     

    Lynne Ramsay | F/USA/GB 2017 | 90 Min | [usr 4.0]

     

    © Foto: Constantin Film