Schlagwort: Streaming

  • RUSTIN ★★★★

    RUSTIN ★★★★

    Im Abo

    Mit Colman Domingo, Chris Rock, Aml Ameen, Glynn Turman, Gus Halper Regie George C. Wolfe
    Ab 12 Länge 99 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Die Bilder des Marsches auf Washington, bei dessen Kundgebung Martin Luther King im Jahr 1963 seine legendäre I have a dream-Rede hielt, sind wohl jedem bekannt. Nur wie kam es dazu? Der Mastermind hinter der Großveranstaltung mit am Ende über 250.000 TeilnehmerInnen war der charismatische homosexuelle Bürgerrechtler Bayard Rustin. Gegen viel Widerstand machte er mit großer Hartnäckigkeit und Organisationstalent das scheinbar Unmögliche möglich, in dem er die unterschiedlichsten Vereine und Gewerkschaften an einen Tisch zu brachte. In der Hauptrolle ist Colman Domingo zu sehen. Es ist eine der bemerkenswertesten schauspielerischen Leistungen des Jahres.

    Colman Domingo als Bayard Rustin auf dem Weg zu seinem Platz in einem Linienbus der 1960er Jahre.
    Colman Domingo in RUSTIN (George C. Wolfe, USA 2023)

    Kurzkritik

    Die Karten standen schlecht. „I’m not your man.“, sagte Martin Luther King, als er 1960 einen Massenprotest anführen sollte. Noch dazu wurde von Roy Wilkins, Anführer des N.A.A.C.P. * (Chris Rock) und Adam Clayton Powell Jr., Vertreter des Bundesstaates New York im US-Repräsentantenhaus (leider wenig zu sehen: Jeffrey Wright) versucht, einen Keil zwischen King und Bayard zu treiben.

    Und überhaupt: es ist bis heute ein weltweites Phänomen, dass die Linken zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind: „Wir streiten uns über den Inhalt von Liedertexten“, erkennt Bayard Rustin richtigerweise. Von einem breiten Konsens ist man weit entfernt. Trotzdem versucht Rustin im Jahr 1963 seine Vision eines Marsches für Freiheit und Arbeit umzusetzen.

    Don’t kill an impulse, before it’s born.

    Bayard Rustin zu seinen MitstreiterInnen im Organisationskomitee.

    Das war aber nur möglich, wenn die unterschiedlichsten Institutionen zusammenarbeiteten. Noch dazu war die Skepsis groß, dass die Kundgebung erfolgreich sein würde und friedlich über die Bühne gegen konnte. Zu oft eskalierten Proteste in der Vergangenheit in Gewalt. Rustin war aber von seiner Idee überzeugt und setzte alles daran, die Anführer vieler wichtigen Organisationen buchstäblich an einen Tisch zu setzen (Es waren tatsächlich nur Männer, was der Aktion scharfe Kritik von Seiten der Frauenbewegungen einbrachte.).

    Der Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit war als sozialpartnerschaftlicher Schulterschluss eine organisatorische Meisterleistung. Obwohl der Rassismus, erst recht so kurz nach Aufhebung der Rassentrennung, noch nicht überwunden war, wie Regisseur George C. Wolfe (Ma Rainey’s Black Bottom) zu Beginn zeigt, wurde der Protest auch von weiß dominierten Organisationen mitgetragen. Weder davor noch danach war jemals wieder ein so breiter Konsens möglich.

    Zum Film selbst: Bayard Rustin (1912-1987) war eine schillernde Persönlichkeit und Colman Domingo scheint ihr gerecht zu werden. Er zieht uns vom ersten Moment an in seinen Bann. Seine Energie trägt den gesamten Film, der ohne ihm wohl weit weniger Breitenwirkung hätte. Es ist Domingo, weswegen man sich den sonst etwas konservativ geratenen Film unbedingt ansehen sollte.

    Produziert wurde RUSTIN von Higher Ground, der Produktionsfirma von Barack und Michelle Obama.

    *Nationale Vereinigung für die Förderung farbiger Menschen

    RUSTIN, USA 2023
    Drama Ab 12 Länge 99 Min.
    Regie George C. Wolfe Drehbuch Julian Breece, Dustin Lance Black Kamera Tobias A. Schliessler Schnitt
    Musik Branford Marsalis Mit Andrew Mondshein Mit Colman Domingo, Chris Rock, Aml Ameen, Glynn Turman, Gus Halper Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • MAESTRO ★★★★ ½

    MAESTRO ★★★★ ½

    Im Abo

    Mit Bradley Cooper, Carey Mulligan Regie Bradley Cooper
    Ab 10 Länge 129 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Die Kamera nähert sich Leonard Bernstein, gespielt von Bradley Cooper, von hinten an. Für ein Fernsehteam spielt er auf dem Klavier. Am Ende sackt er in sich zusammen und erinnert sich an seine große Liebe. Jede Geste stimmt, die Maske sitzt perfekt. Cooper zieht uns in MAESTRO vom ersten Moment an in seinen Bann. Die ersten beiden kaum fünf Minuten dauernden Szenen haben mehr cinematische Kraft und Emotion als so manch anderer Film in diesem Jahr in mehreren Stunden zu entfachen vermag. Was folgt ist kein gewöhnliches Biopic, sondern eine schmerzhafte Liebesgeschichte anhand der sich Cooper an einer der beeindruckendsten Künstlerbiografien des 20. Jahrhunderts abarbeitet.

    Bradley Cooper und Carey Mulligan in MAESTRO (USA 2023)

    Kurzkritik

    A STAR IS BORN war also keine Regieeintagsfliege. Bradley Cooper ist es gelungen, mit seiner zweiten Regiearbeit an den Erfolg von 2018 anzuknüpfen. Und wieder steht eine starke Frauenfigur im Zentrum. Diesmal ist es Bernsteins langjährige Ehefrau Felicia Montealegre gespielt von Carey Mulligan. Wir erleben das Musikgenie aus ihrer Perspektive. Sie selbst ein Broadwaystar, leidet unter seinem enorme Ego. Das kann nicht gut gehen. Zudem Bernstein nicht gerade für seine Treue bekannt war. Trotzdem bleibt sie Jahrzehnte an seiner Seite.

    Besonders auffällig ist die von Cooper penibelst einstudierte Mimik und Gestik, was ihm Kritik eingebracht hat. Er sieht Bernstein dank einer im wahrsten Wortsinn herausragenden Maske zum verwechseln ähnlich. Nahezu jedes Outfit weckt Erinnerungen an Fotos und Filmaufnahmen von Bernstein. Hier drängen sich in einigen Departments Oscar Nominierungen auf. Sogar sein Klavierspiel hat er perfektioniert, für Szenen wie jene, in der Bernstein mit Aaron Copland (Brian Clements) ein Duett spielt. Allerdings bekommen wir eine andere Version zu hören. Ein Höhepunkt von MAESTRO ist jene mehr als fünf Minuten lange Szene, in der Cooper die 2. Symphonie von Mahler dirigiert. In der Kathedrale von Ely, an jenen Ort, an dem Bernstein in den 1970ern einen großen Erfolg feierte.

    Maestro. Bradley Cooper as Leonard Bernstein (Director/Writer/Producer) in Maestro. Cr. Jason McDonald/Netflix © 2023.

    Bereits in A STAR IS BORN umgab sich Bradley Cooper mit bis in die kleinsten Rollen erstklassig besetzen NebendarstellerInnen. Egal ob Hausmeister oder Gesprächspartner in einer Tischgesellschaft: In der jeweiligen Szene sind sie den beiden Hauptdarstellern unmittelbar ebenbürtig. Das gibt dem Film eine unglaubliche Kraft. Genauso wie immer wiederkehrende Traumsequenzen, die sich fließend in die Handlung einfügen und eine ganze Reihe an ausdrucksstarken Bildkompositionen.

    A work of art does not answer questions, it provokes them, and its essential meaning is in the tension between the contradictory answers.

    Das Zitat von Leonard Bernstein steht am Anfang von MAESTRO.

    Voller Widersprüche war Bernstein selbst. Allein schon, da er als homosexueller Mann ein Doppelleben führte, das er selbst vor seinen Kindern verborgen hatte (der Film entstand in Zusammenarbeit mit seinen drei Kindern). Es ist unbestritten, dass er seine Frau über alles liebte, auch wenn Montealegre in einer zentralen und emotionalen Szene behauptet, sein Herz sei voll Haß. Was, so Cooper, der diese Szene schon vor mehreren Jahren geschrieben hatte, aber wiederum in Frage stellt. Sonst wäre sie nicht so lange an seiner Seite geblieben. Gleichzeitig erdrückt Bernstein alle in seiner Umgebung mit seiner Persönlichkeit und läßt kaum Luft zum Atmen. Als Dirigent hatte er zudem ein komplett anderes Auftreten, als wie wenn er gerade komponierte oder sich auf den zahlreichen Parties herumtrieb.

    MAESTRO ist ein sehr ambitioniertes aber auch gelungenes Porträt einer Beziehung und wie so oft, wenn die Beziehung eines Genies beleuchtet wird, muss man unweigerlich erkennen, dass dieses Genie ohne den Rückhalt einer Partnerin an der Seite, bei weitem nicht so erfolgreich sein konnte. Ohne Felicia wäre Leonard verloren gewesen. Das bringt Bradley Cooper auf den Punkt. Nicht zu vergessen ein grandioser, das Schaffen Bernsteins umspannender Soundtrack, der zum immer wieder Nachhören einlädt.

    Nach wenigen Wochen im Kino ist MAESTRO bereits bei Netflix verfügbar. Was ich befürworte. Ins Kino habe ich es nicht geschafft und zudem konnten wir den Film zu Hause gemeinsam schauen. Im Kino wäre das undenkbar. Es ist ein großer Gewinn.

    Maestro, USA 2023
    Biografie Ab 10 Länge 129
    Regie Bradley Cooper Drehbuch Bradley Cooper, Josh Singer Kamera Matthew Libatique Schnitt Michelle Tesoro
    Mit Bradley Cooper, Carey Mulligan
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • DER KILLER ★★★★

    DER KILLER ★★★★

    Im Abo

    DER KILLER (OT: THE KILLER), USA 2023 Regie David Fincher
    Krimi, Thriller Ab 16 Länge 119 Min.


    Lasst Martin Scorsese, Alejandro Iñárritu und all die anderen keine 3-Stunden-Filme machen, hatte Terry Gilliam erst vor kurzem auf der Bühne des Gartenbaukino gefordert. Durch die Streamingplattformen war das Zeitmanagement in den letzten Jahren etwas aus dem Ruder gelaufen. Bei Netflix zählen ab 120 Sekunden alle als ZuschauerInnen, ob dann noch 3 Stunden oder mehr folgen, spielt keine Rolle. Aus dem Rahmen fällt da DER KILLER von David Fincher. Knackige 2 Stunden braucht er, um uns von einem namenlosen Profikiller zu erzählen. Die Rolle scheint Michael Fassbender auf dem Leib geschrieben zu sein. Die Meinungen gehen auseinander. Ich konnte dem Film sehr viel abgewinnen.

    Michael Fassbender in DER KILLER (David Fincher, USA 2023)

    Kurzkritik

    Es beginnt damit, dass der namenlos bleibende Protagonist ein leeres Hotelzimmer observiert. Tage- und Nächtelang geht er seiner langweiligen Tätigkeit nach (Es ist fast so, als würde uns James Stewart aus DAS FENSTER ZUM HOF vom Haus gegenüber aus beobachten). In DER KILLER verbringt der Auftragskiller die meiste Zeit mit warten. Kein all zu aufregender Beruf also. Das ändert sich erst, als ihm ein Missgeschick passiert und er seinen Auftrag nicht zur Zufriedenheit des Auftraggebers ausführen kann. Nach einer grandios inszenierten Flucht, muss er erkennen, dass er nach und nach all seine Prinzipen über Board werfen wird müssen. Er wird persönlich getroffen und muss reagieren.

    Was folgt ist ein Rachefeldzug, wie man ihn schon öfters gesehen hat und doch ist etwas anders. Nicht nur die Arbeit des Protagonisten ist langweilig, er ist es selbst auch. Um seine Identität zu waren, verfolgt er eine strenge Routine nahe der Perfektion, wechselt ständig seine Identität und verwischt seine Spuren gründlich. Regisseur David Fincher beobachtet ihn dabei in seiner schon fast analytischen Herangehensweise. Zu hören ist die fast schon zu schöne, monotone Stimme des Killers, die uns an seinen Lebensphilosophien teilhaben lässt. Dialoge gibt es in DER KILLER kaum.

    Basierend auf dem französischen Comic mit gleichem Namen, geschrieben von Alexis Nolent (a.k.a. Matz) und illustriert von Luc Jacamon, ist es nach MANK Finchers zweiter Film, der für ein breiteres Publikum nur schwer zugänglich ist. Waren es im Vorgänger noch eine Reihe an historischer Persönlichkeiten aus der Filmwelt, die allgemein nicht unbedingt einen großen Bekanntheitsgrad hatten, so ist es hier die schiere Konturenlosigkeit des von Michael Fassbender dargestellten Hauptdarstellers. Ich kann gut verstehen, wenn eine Geschichte mit einem emotionslosen und aalglatten Protagonisten und kaum Dialog nicht viele Freunde findet. Noch dazu, wo Fincher dem Genre nicht viel hinzuzufügen weiß. Vielleicht ist es Fassbender in seiner minimalistischen aber fesselnden Art oder die gewohnt beeindruckende Bilderwelt Finchers und das Tempo aber ich bin dran geblieben und würde sogar so weit gehen und mehr aus dem Alltag des Protagonisten erfahren wollen. Und nicht zu vergessen: Tilda Swinton und ihr kleiner aber feiner Auftritt.

    DER KILLER (OT: THE KILLER), USA 2023
    Krimi, Thriller Ab 16 Länge 119 Min.
    Regie David Fincher Drehbuch Andrew Kevin Walker Kamera Erik Messerschmidt Schnitt Kirk Baxter
    Musik Trent Raznor, Atticus Ross, The Smiths Mit Michael Fassbender, Tilda Swinton Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • KILLERS OF THE FLOWER MOON ★★★★★

    KILLERS OF THE FLOWER MOON ★★★★★

    Mit Leonardo DiCaprio, Robert deNiro, Lily Gladstone, Jesse Plemons Regie Martin Scorsese
    Ab 14 Länge 206 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Die Mordserie, die vor etwa 100 Jahren über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren Oklahoma eben nicht erschütterte, sondern von den lokalen Behörden unter den Teppich gekehrt wurde, dürfte außerhalb des Bundesstaates kaum bekannt sein. Martin Scorsese ändert das nun mit KILLERS OF THE FLOWER MOON, seinem 25. Spielfilm. Der Stamm der Osage erlangte Anfang des 20. Jahrhunderts großen Reichtum, als auf dem ihm zugewiesenen scheinbar wertlosen Land Ölvorkommen entdeckt wurden. Das rief skrupellose weiße Männer auf den Plan, die durch Morde und mit einer perfiden Taktik versuchten, das Land in Besitz zu nehmen. Eine Schlüsselfigur verkörpert Robert De Niro als William King Hale, der, obwohl vordergründig als wohlwollender Pate auftretend, eine ganze Riege an Männern zu Verbrechen anstachelte. So auch seinen Neffen Ernest Burkhart, gespielt von Leonardo DiCaprio, der die indigene Frau Mollie, gespielt von Lily Gladstone, heiratet und somit Teil einer äußerst wohlhabende Familie wird. Scorsese verhilft den Osage mit seinem formidablen True-Crime-Western, basierend auf den gleichnamigen Recherchen von David Grann aus dem Jahr 2017, zu so etwas wie verspäteter Gerechtigkeit.

    Robert De Niro und Leonardo DiCaprio in Killing of the Flower Moon.
    King (Robert De Niro) verfolgt einen eiskalten Plan und sein Neffe Ernest (Leonardo DiCaprio) spielt zu lange mit.
    KILLERS OF THE FLOWER MOON (Martin Scorsese, USA 2023)

    Kurzkritik

    Freilich mutet uns Martin Scorsese hier einiges zu. Neben der epischen Länge erzählt KILLERS OF THE FLOWER MOON eine nur schwer verdauliche Geschichte. Es staut sich einiges an Emotionen zusammen, wenn man für dreieinhalb Stunden gespannt im Kinosessel sitzt, um auch ja nichts zu versäumen. Dann setzt der Regisseur zum Finale an, erst verspielt witzig und trifft uns in der letzten Minute Mitten ins Herz.

    Es ist keine Übertreibung von einem Meisterwerk zu sprechen, bei soviel Empathie und Fingerspitzengefühl, das Scorsese für die verzweifelte Lage des Osage aufbringt. Erst nach einem Vorschlag von DiCaprio verschob sich der Fokus des Drehbuches weg von den Ermittlungen hin zu den Osage. Die Geschichte von Mollie rückte mehr in den Mittelpunkt. Lily Gladstone (First Cow) kämpft als Frau eines Mannes, den sie erst nach und nach durchschaut, buchstäblich um ihr Überleben. Der Tod steht bereits bei ihr im Schlafzimmer. DiCaprio spielt wiederum einen einfältigen und faulen Charakter, dem die Aussicht auf leichtes Geld so blind macht, dass ihm gar nicht bewusst zu sein scheint, dass er dafür seine Frau opfern würde. Und eine so geballte Ladung an Falschheit und Hinterlist, wie bei De Niros King Hale, hat man selten gesehen. Es ist eine Freude, den dreien beim Spielen zuzusehen.

    Erst nach zwei Stunden hat Jesse Plemons als einer der frühesten FBI Agenten der Geschichte (Das Bureau wurde ein paar Jahre zuvor von J. Edgar Hoover ins Leben gerufen) seinen ersten Auftritt. Er und seine Männer stellen erstmals die richtigen Fragen. Plemons zeigt einmal mehr seine starke Leinwandpräsenz. Er scheint fast wortlos, wenn auch nur im Hintergrund, jede Szene zu beherrschen und komplettiert somit das starke Ensemble von KILLERS OF THE FLOWER MOON.

    Martin Scorsese hat nicht nur den zahlreichen Opfern der Osage ein filmisches Denkmal gesetzt, sondern uns dazu auch noch eines der grandiosesten Werke seiner Karriere geschenkt. 206 Minuten und das keine zu lange.

    KILLERS OF THE FLOWER MOON
    Drama, USA 2023

    Regie Martin Scorsese
    Drehbuch Eric Roth, Martin Scorsese
    Basierend auf Killers of the Flower Moon von David Grann
    Kamera Rodrigo Prieto
    Schnitt Thelma Schoonmaker
    Musik Robbie Robertson
    Mit Leonardo DiCaprio, Robert deNiro, Lily Gladstone, Jesse Plemons
    Länge 206 Min.
    Streamingplattform
    AppleTV+


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • INDIANA JONES UND DAS RAD DES SCHICKSALS ★★★½

    INDIANA JONES UND DAS RAD DES SCHICKSALS ★★★½

    Fünfzehn Jahre nach der umstrittenen vierten Fortsetzung von Indiana Jones startete man einen letzten Versuch, den wohl berühmtesten und beliebtesten Archäologen auf die große Leinwand zu bringen. Neu ist James Mangold (Le Mans 66) als Regisseur. Ansonsten gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten in diesem alten Mustern folgenden rasanten Abenteuer, dass das Herz aber doch am rechten Fleck hat. Gleichzeitig bekommen wir zu sehen, welche Gefahren die für manche Filmemacher verlockenden neuen technischen Möglichkeiten mit sich bringen.

    Darum geht es

    Im Jahr 1944 ist Indiana Jones (Harrison Ford) gemeinsam mit Basil Shaw (Toby Jones) auf der Jagd nach der Lanze von Longinus. Als er sie den Nazis unter der Führung von Jürgen Voller (Mads Mikkelesen) entreissen möchte, wird er auf ein anderes Artefakt aufmerksam: den Mechanismus von Antikyhera. Gebaut von Archimedes, soll er Raum-Zeit-Übergänge aufspüren können. Es ist allerdings nur die Hälfte des Mechanismus forhanden.

    Zeitsprung: 1969 wird gerade die Rückkehr der Astronauten nach der Mondlandung gefeiert. An seinem letzten Arbeitstag sucht seine Patentochter Helena Shaw (Phoebe Waller-Bridge) Jones auf. Sie möchte beide Teile des Artefakts auffinden und teuer verkaufen. Ebenso ist Jürgen Voller, der nun unter neuem Namen als Wissenschaftler für die Amerikaner arbeitet, immer noch hinter dem Mechanismus von Antikyhera her. Eine Jagd um die Wette quer durch Europa.

    Phoebe Waller-Bridge und Harrison Ford in Indiana Jones und das Rad des Schicksals (James Mangold, USA 2023)

    Kommentar

    Man kann Indiana Jones und das Rad des Schicksals durch mehrere Brillen sehen und je nachdem funktioniert er mehr oder weniger gut. Durch die nostalgische Brille betrachtet, erfüllt das Abenteuer wohl nahezu alle Wünsche. Freunde des Archäologen werden ihren Spaß haben und recht gut unterhalten. Es gibt Anspielungen auf die älteren Filme zu entdecken und ein Wiedersehen mit beliebten Charakteren. Das Setdesign ist gelungen und füllt sich voll und ganz nach Indy an.

    Wechsel man jedoch die Brille, dann wird bald klar, welche Chancen hier vergeben wurden. Zum einen haben wir es mit einem alternden Helden zu tun (dem wiederum eine junge Frau zur Seite gestellt wird), der sich (trotz aller Actionszenen), seinen physischen Grenzen bewusst ist. Nun ist das Rad des Schicksals eigentlich (Spoiler!) ein Rad der Zeit. Leider wird dieses Konnex überhaupt nicht in die Story aufgenommen. Es hätte eine wunderbare Abhandlung über das Altern an sich werden können, hätte man vielleicht auf die ein oder andere der zahlreichen Verfolgungsjagden verzichtet.

    Der in der Indiana Jones-Reihe immer mitspielende historische Hintergrund hat jedes Mal auch einen gewissen Reiz ausgemacht. Wenn auch nicht so bekannt wie der Kelch oder die Bundeslade, so ist auch der 1901 entdeckte Mechanismus von Antikythera von großer Bedeutung für die Wissenschaft. Im Film hat der Schurke Jürgen Voller einen großen Anteil am Erfolg des US-Raumfahrtsprogramms. Sein reales Vorbild Wernher von Braun war ebenso für das Deutsche Reich, als eben später auch für die USA erfolgreich als Wissenschaftler tätig.

    Zu guter Letzt zurück zum Thema Alterung. Die Technik der digitalen Verjüngung von SchauspielerInnen eröffnet nie dagewesene Möglichkeiten und ist indirekt auch ein Grund für den großen Streik gleich zweier Gewerkschaften in Hollywood. Bei Indiana Jones und das Rad des Schicksals kommt da jedoch eine gewissen Computerspielästhetik auf, die sich gleich durch mehrere Actionsequenzen zieht, also nicht nur bei der digitalen Verjüngung von Harrison Ford selbst (wobei Mads Mikkelsen da ungleich furchtbarer aussieht). Erwähnt sei nur die Szene in der Jones auf dem Dach des Zuges läuft. Wenn es nicht besser geht, dann lässt man es besser gleich bleiben. Mit all der Nostalgie geht das ohnehin nicht zusammen.

    Dass bekannte Helden aus der Kiste geholt werden, ist nichts Neues und wird uns wohl für immer begleiten, auch wenn in diesem Fall der finanzielle Erfolg ausgeblieben ist. Das kann aber auf Dauer nur gut gehen, wenn man auch inhaltlich etwas zu bieten hat. Für den Gegenwert von mehr als einen Monat Streamingdienst hat sich das Publikum alles verdient. Einfallslose Massenware bekommen wir ohnehin Woche für Woche bei Netflix und Co.

    Alles in allem wird man hier mit Abstrichen gut unterhalten und mit einem rührenden Finale belohnt.


    INDIANA JONES UND DAS RAD DES SCHICKSALS (OT: INDIANA JONES AND THE DIAL OF DESTINY)
    Abenteuer, USA 2023
    Regie James Mangold
    Drehbuch Jez Butterworth, John Henri Butterworth, David Koepp, James Mangold
    Kamera Phedon Papamichael
    Schnitt Michael McCusker, Andrew Buckland, Dirk Westevelt
    Musik John Williams
    Mit Harrison Ford, Phoebe Waller-Bridge, John Rys Davies, Antonio Banderas, Mads Mikkelsen, Boyd Holbrook
    Länge 154 Min.
    Streamingplattform ab Herbst bei Disney+


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • AFTERSUN ★★★★★

    AFTERSUN ★★★★★

    Das Spielfilmdebüt von Charlotte Wells zählt zu den großen Überraschungen des Jahres. Im Zentrum steht die Beziehung der 11-Jährigen Sophie zu ihrem Vater, an den sie sich Jahre später als junge Frau zurückerinnert. Von der Fachzeitschrift Sight and Sound wurde Aftersun zum Film des Jahres 2022 gewählt. Für The Reel Therapist ist auf jeden Fall ebenso ein Platz an der Spitze sicher.

    Darum geht es

    Die 11-Jährige Sophie verbringt mit ihrem 30-Jährigen Vater Calum einen Sommerurlaub in einem türkischen Resort. Normalerweise lebt sie bei ihrer Mutter. Die Eltern sind getrennt. Die Beiden haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Als Mädchen beginnt sie sich erstmals für Jungen zu interessieren und versucht Kontakt zu anderen Jugendlichen in der Hotelanlage aufzunehmen. Trotzdem merkt Sophie, dass ihr Vater zeitweise auf Distanz geht oder abwesend ist. So richtig begreifen kann sie das aber alles erst, als sie sich als erwachsene junge Frau das Urlaubsvideo von damals ansieht.

    Aftersun (Charlotte Wells, 2022)

    Kommentar

    Charlotte Wells‘ Spielfilmdebut mit den zwei herausragenden Darstellerin Paul Mescal und der Newcomerin Francesca Corio spielt auf mehreren Ebenen mit Erinnerungen und wie sich diese im Laufe der Zeit verändern und den unterschiedlichen Perspektiven auf die Vergangenheit und das Medium Film selbst.

    Da wäre zum einen die knapp 10-jährige Sophie, die einen Urlaub mit ihrem Vater verbringt. Kein Kind steckt eine Trennung leicht weg. Sie genießt die gemeinsame Zeit am Meer. Die Chemie zwischen den beiden stimmt und umso enger ist ihre Beziehung. Sophie ist Beobachterin. Nicht alles was sie sieht und erlebt, kann sie auch richtig deuten. Ein Urlaubsvideo dient ihr in Aftersun dazu, Jahrzehnte später die Erinnerungen aufzufrischen. Während vor allem Fotos unsere Erinnerungen selektiv beeinflussen, dient das Video Sophie dazu, Gesten und Kommentare ihres Vaters im Nachhinein anders zu deuten. Manches versteht sie jetzt besser über ihren Vater, der offenbar nicht mehr in ihrem Leben ist (Wells lässt einiges an Interpretationsspielraum offen, es gibt aber da und dort mehr oder weniger klare Indizien).

    Dann gibt es noch uns selbst, das Publikum. Unsere Perspektive ist noch am ehesten mit jener der 30-jährigen Sophie vergleichbar. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Sophie erzählt und trotzdem nehmen wir die Rolle von Beobachtern von Außen ein. Das macht Aftersun zu einem spannenden Puzzle aus Emotionen und Erinnerungen.

    Durch alltägliche Banalitäten (gibt es so etwas überhaupt?) und die Homevideo Sequenzen, die freilich auch einen sichtbaren Einfluss auf die Optik des Films haben, erreicht Wells einen hohen Grad an Authentizität. Es ist ein entspannter und unaufgeregter Urlaub. Genauso wie die darstellerischen Leistungen es sind. Mescal und Corio, unter der cleveren Regie von Wells, machen Aftersun zu einem erinnerungswürdigen Film und einem der Besten des Jahres.


    Aftersun
    Drama, UK/USA 2022


    Regie Charlotte Wells
    Drehbuch Charlotte Wells
    Kamera Gregory Oke
    Schnitt Blair McClendon
    Musik Oliver Coates
    Mit Paul Mescal, Francesca Corio
    Länge 101 Min.
    Streaming Mubi


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • GLASS ONION: A KNIVES OUT MYSTERY ★★★★

    GLASS ONION: A KNIVES OUT MYSTERY ★★★★

    Jetzt verfügbar bei

    Im Abo

    Drei Jahre nach dem Überraschungserfolg Knives Out – Mord ist Familiensache bringt uns Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson mit Glas Onion: A Knives Out Mystery den nächsten Fall für Meisterdetektiv Benoit Blanc. Diesmal direkt ins Wohnzimmer, da der Film bei uns ausschließlich über Netflix vertrieben wird. Letzten Endes eine Entscheidung des Regisseurs, was schade ist, denn die mehr als gelungene Fortsetzung – die im eigentlichen Sinn gar keine ist – hätte sich die große Leinwand verdient.

    Darum geht es

    Der Milliardär Mike Bron (Edward Norton) lädt alljährliche eine Runde an Freunden aus Jugendtagen zu einem gemeinsamen Wochenende ein. In diesem Jahr beordert er sie auf eine abgelegene Insel. Auf dem eigenwilligen Anwesen kündigt er an, dass er seinen eigenen Mord als Spiel inszenieren wird und seine Gäste das Wochenende über Zeit haben, den Mörder zu ermitteln.

    Da wären Cassandra „Andi“ Brand (Janelle Monáe), die ihr Geschäftspartner Bron vor kurzem um die Anteile an der gemeinsamen Firma gebracht hatte, Duke Cody (Dave Bautista), ein Twitch Celebrity, Birdie Jay (Kate Hudson), Model und Modedesignerin, Claire Debella (Kathryn Hahn), eine Politikerin und der Wissenschaftler Lionel Toussaint (Leslie Odom Jr.).

    Aber was macht Meisterdetektiv Benoit Blanc auf der Insel? Wer hat ihn eingeladen? Nach und nach stellen sich immer mehr Fragen. Gleichzeitig wird das Verhältnis der Gäste untereinander und zu deren Gastgeber immer klarer. Es ist alles andere als harmonisch. Auch dieses Wochenende nicht, an dem rein gar nichts nach Plan verlaufen wird.

    Glass Onion: A Knives Out Mystery (2022). Daniel Craig als Detective Benoit Blanc. Cr. John Wilson/Netflix © 2022.

    Kommentar

    Ein neuer Fall für Benoit Blanc. Neue Charaktere und eine neue Geschichte machen Glass Onion zu einem eigenständigen Film. Rian Johnson verlässt das klassische Setting des Vorgängers und verpflanzt die Handlung auf das Anwesen eines exzentrischen Milliardärs, dessen Gebaren durchaus Parallelen zu Elon Musk aufzeigt (hier wurde der Film regelrecht von der Realität eingeholt). Von Anfang an mutet hier alles wie ein Spiel an aber dabei bleibt es natürlich nicht.

    Neuerlich bestechen das Setdesign und die ausgefallenen Kostüme. Blanc wird noch zur Stilikone werden. Aber auch seine Mitstreiter sind alle nicht weniger ausgefallen gekleidet. Auch die Villa hat einige Schauwerte zu bieten. Das was den Film darüber hinaus im Detail aber eigentlich ausmacht, wird es hier nicht zu lesen geben. Johnson hat sein Drehbuch neuerlich perfekt getimt und es funktioniert wie ein Uhrwerk. Dort und da gibt es Hinweise, die sich erst im Nachhinein also hilfreich erweisen, wenn sie überhaupt aufgefallen sind. Ungewöhnlich ist der dramaturgische Aufbau. Zuerst steuert alles auf einen vermeintlichen Höhepunkt zu, der wie eine Seifenblase zerplatzt. Dann kommt ein halbstündiger Einschub in Form einer Rückblende, die noch einmal alles auf den Kopf stellt.

    It’s a dangerous thing to mistake speaking without thought for speaking the truth.

    Benoit Blanc in „Glas Onion: A Knives Out Mystery“

    Wie schon im Vorgänger appelliert Johnson an unser soziales Gewissen und prangert hier aufgeblasene Internetphänomene an, hinter denen rein gar nichts steckt außer Selbstdarstellung und großes Business. Nach Idealen wird man unter den Gästen lange suchen müssen. Einzig die Angst vor dem Statusverlust verursacht so etwas wie Emotionen. Ein großes Geschäft steckt auch hinter der Produktion selbst. Die Kosten sind regelrecht explodiert. Ebenso die Gagen für Johnson und Craig. Netflix war die Geschichte die teuerste Streamingproduktion überhaupt wert. Andere drehen um dieses Budget eine ganze Phantasy-Serie. Vor diesem Hintergrund ist Glass Onion nicht frei von Ironie.

    Glass Onion bietet beste Unterhaltung und ist trotz der Länge kurzweilig. Es ist gerade so, dass man immer wieder auf neue Wendungen hofft. Vor allem der witzige Daniel Craig (mit großartigem Dialekt, hat sichtlich großen Spass an der Rolle) und die geheimnisvolle Janelle Monáe tragen den Film. Ganz so stark ist das Ensemble diesmal sonst leider nicht. Der Titel ist einem Song der Beatles entlehnt (im Liedtext beklagt sich John Lennon darüber, dass die Texte der Beatles viel zu ernst genommen werden und sich weit weniger dahinter versteckt, als allgemein angenommen wird) und er verrät es schon: die Abgründe werden hier Schicht für Schicht enthüllt. Allerdings ist das Ergebnis im Kern diesmal weit weniger zufriedenstellend und hier sind wir wieder bei Lennon. Die finale Auflösung will dann nicht so ganz zünden. Es liegt wohl auch an der Zusammensetzung der Gruppe, dass man nicht der Lösung entgegenfiebert, so wie in Knives Out. Es ist irgendwann auch schon egal, wer hier nun der Bösewicht ist. Dadurch verliert alles etwas an Intensität.

    Trotzdem: es ist ein kluger großer Spaß. Rian Johnson spielt mit unseren Erwartungshaltungen und nebenbei liefert das Drehbuch gleich eine ganze Menge erinnerungswürdiger Zitate. Teil 3 ist schon auf Schiene. Benoit Blanc kehrt zurück. Das ist sicher. Wir sind gerne mit an Board.


    Glass Onion: A Knives Out Mystery
    Drama, USA 2022

    Regie Rian Johnson
    Drehbuch Rain Johnson
    Kamera Steve Yedlin
    Schnitt Bob Ducsay
    Musik Nathan Johnson
    Mit Daniel Craig, Janelle Monáe, Edward Norton, Dave Bautista, Kate Hudson, Leslie Odom Jr., Kathryn Hahn
    Streamingplattform Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ENOLA HOLMES 2 ★★★★

    ENOLA HOLMES 2 ★★★★

    Jetzt verfügbar bei

    Im Abo

    Zwei Jahre nach dem vielversprechenden ersten Teil Enola Holmes kommt nun endlich die Fortsetzung. In Enola Holmes 2 hält man sich nicht mehr an die Romanvorlage, sondern adaptiert eine historische Begebenheit von 1888. Soviel sei schon verraten: die Serie entwickelt sich weiter und löst ihre Versprechen ein. Nebenbei macht sie Millie Bobby Brown zu bestbezahltesten Schauspielerin unter 20 Jahren. Formal folgt man der BBC Serie mit Benedict Cumberbatch.

    Darum geht es

    Enola Holmes (Millie Bobby Brown) eröffnet ihre eigene Detektei. Leider mit geringem Erfolg. Gerade als sie aufgeben möchte, steht ein kleines Mädchen im Büro, das ihre verschwundene Schwester sucht. Enola nimmt sich ihr an. Die Gesuchte arbeitete vor ihrem Verschwinden in einer Streichholzfabrik, in der gerade Typhus wütet und vielen Arbeiterinnen bereits das Leben kostete.. Es dauert nicht lange und Enola erregt das Interesse von so manch finsterer Gestalt. Wie kann es anders sein, sie ist natürlich etwas Großem auf der Spur. Ganz ohne die Hilfe ihres großen Bruders Sherlock (Henry Cavill) wird es allerdings nicht gehen, denn vor allem die Polizei hat es auf Enola abgesehen.

    Enola Holmes 2. Millie Bobby Brown als Enola Holmes, Henry Cavill als Sherlock Holmes. Cr. Alex Bailey/Netflix © 2022

    Kommentar

    Es sind einige Themen, die in Enola Holmes 2 angerissen werden. Wie schon Teil 1 geprägt von einem erfrischenden Feminismus, damals vor allem durch Enolas Mutter Eudoria (Helena Bonham Carter) vorangetrieben, setzt die Serie diesen Weg fort. Hinzukommen die Komplexe Arbeiterinnenrechte, gewerkschaftliche Organisation, Streik (Historischer Verweis auf den Matchgirls‘ strike), parlamentarische Konsensfähigkeit und Korruption. Das alles verpackt in einen Krimi, der äußerst unterhaltsam ist. Das ist in erster Linie der charmant agierenden Millie Bobby Brown zu verdanken, die neuerlich die vierte Wand durchbricht und sich an das Publikum wendet.

    Es ist der seltene Fall einer starken emphatischen weiblichen Identitätsfigur für junge Mädchen. Allein das schon ist es Wert, sich den Film anzuschauen. Enola kämpft auch weiterhin gegen die gesellschaftlichen Zwänge des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die vor allem zum Nachteil von Frauen waren. Enola Holmes 2 gibt sich noch dazu äußert divers, was die Auswahl der SchauspielerInnen angeht. Hier gibt es die ein oder andere Überraschung. Dem multikulturellen London wird das allemal gerecht. Woanders muss man danach lange suchen.

    Nicht nur dass Cavill in der selben Wohnung wie Cumberbatch in der BBC Serie residiert, auch die rasante Art, in der Indizien kombiniert werden, weckt Erinnerungen an die Serie (4 Staffeln 2010-2017). Schon klar, dass es ganz ohne Sherlock Holmes nicht geht. Dabei besteht aber immer die Gefahr, dass die eigentliche Hauptfigur ins Hintertreffen gerät. Vor allem hinsichtlich des Teasers im Abspann. Unterschätzt nicht die Nebendarsteller! Fortsetzung folgt nämlich. Wir können es kaum erwarten.

    ENOLA HOLMES 2
    Krimi, 2022
    Regie Harry Bradbeer
    Drehbuch Jack Thorne
    Kamera Giles Nuttgens
    Schnitt Adam Bosman
    Musik Daniel Pemberton
    Mit Millie Bobby Brown, Henry Cavill, Helena Bonham Carter, Louis Partridge, David Thewlis, Adeel Akhtar
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ARGENTINIEN, 1985 ★★★★

    ARGENTINIEN, 1985 ★★★★

    Jetzt verfügbar bei

    Im Abo

    Gerade wenn illiberale Strömungen überall auf der Welt im Vormarsch sind, müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass von Europa bis Südamerika faschistische Regime an der Macht waren. Sind demokratische Grundfesten einmal zerstört, ist es ein steiniger Weg zurück in die Freiheit. Von diesen Schwierigkeiten erzählt Argentinien, 1985 von Santiago Mitre. Die Junta ist zwar Geschichte aber überwunden ist sie noch lange nicht, wie der Staatsanwalt Julio Strassera erfahren muss, als er das größte Strafverfolgungsverfahren für Kriegsverbrechen seit den Nürnberger Prozessen vorbereitet.

    Darum geht es

    Nachdem das Militärgericht 1984 keinen Grund für eine Strafverfolgung gegen die Haupttäter der argentinischen Militärdiktatur feststellen wollte, beschließt ein ziviles Gericht Anklage gegen den ehemaligen General Jorge Videla und weitere führende Mittäter zu erheben. Dem Staatsanwalt Julio Strassera (Ricardo Darín) bleiben nur wenige Wochen, um ein Team zusammenzustellen und Beweise zusammenzutragen. Renommierte Juristen zu finden gestaltet sich als unmöglich. Zum einen ist die Gesellschaft gespalten und dann geht auch immer noch die Angst vor der Rache des Militärs um. Einzig der junge Anwalt Luis Moreno Ocampo (Juan Pedro Lanzani) erklärt sich bereit mit Strassera zusammenzuarbeiten. Obwohl er selbst familiäre Verbindungen zum Militärregime hat, ist er im Gegensatz zum Staatsanwalt davon überzeugt, dass ein fairer Prozess möglich ist. Gemeinsam stellen sie ein sehr junges Team aus unerfahrenen und somit auch politisch nicht vorbelasteten AnwältInnen zusammen. Innerhalb kürzester Zeit sammeln sie quer durch ganz Argentinien über 800 Zeugenaussagen. Dabei sind sie ständig Bedrohungen ausgesetzt. Es gibt Kräfte im Land, die einen Prozess mit allen Mitteln verhindern möchten.

    Staatsanwalt Julio Strassera (Ricardo Darín) und sein Team. (Argentinien, 1985, Amazon Studios)

    Kommentar

    Selbst in Argentinien ist der Prozess von 1985 zumindest bei der jüngeren Bevölkerung in Vergessenheit geraten. Mit ein Grund für Regisseur Santiago Mitre sich dem Thema anzunehmen. Die juristische Aufarbeitung sollte das Land noch viele Jahre beschäftigen. Alle damals verurteilten wurden bald wieder in die Freiheit entlassen. Ein neuerlicher Prozess fand erst mehr als 20 Jahre später statt. Videla wurde erst 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 2013 im Gefängnis. Während der Diktatur verschwanden zehntausende Menschen. Kinder wurden systematisch entführt und verkauft.

    Argentinien, 1985 gibt jenen Menschen eine Stimme, die unter der Junta litten. Vor Gericht kommen sie zu Wort und schildern die unfassbaren Gräuel, denen sie ausgesetzt waren. Die detaillierten Berichte sind kaum zu ertragen. Es ist der Moment, in dem Regisseur Mitre todernst wird.

    Darüber hinaus kommt das Drama mit einer gewissen Leichtigkeit daher, die vor allem dem ambivalenten Charakter Julio Strassera zu verdanken ist. Am Anfang ist er alles andere als ein Held. Nur widerwillig nimmt er sich der Aufgabe an und ist nicht von der Sinhaftigkeit eines Prozesses überzeugt. Ricardo Darín verkörpert ihn mit einem gewissen Witz und einer mürrischen Schrulligkeit, die Argentinien, 1985 auch zu einem unterhaltsamen Film machen. Spannend und mit einer charismatischen Besetzung braucht das Gerichtsdrama den Vergleich mit Hollywood nicht zu scheuen.

    Argentinien, 1985 erfindet das Genre nicht neu aber Mitre, trifft aber immer den richtigen Ton und leistet einen großen Beitrag zur Erinnerungskultur und seine Geschichtsstunde sollte in Argentinien aber auch über die Grenzen hinaus in der Welt ihr Publikum finden. Hat man sich erstmal von der Demokratie verabschiedet, ist der Weg zurück ein sehr mühsamer und die Aufarbeitung langwierig.

    Argentinien, 1985 (OT: Argentina, 1985)
    Drama, ARG/UK/USA 2022

    Regie Santiago Mitre
    Drehbuch Santiago Mitre, Mariano Llinás
    Kamera Javier Juliá
    Schnitt Andrés P. Estrada
    Musik Pedro Osuna
    Mit Ricardo Darín, Juan Pedro Lanzani, ua.
    Länge 140 Minuten
    Streamingplattform
    Amazon Prime


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ATHENA ★★★½

    ATHENA ★★★½

    Verfügbar bei

    Im Abo

    In Österreich erlangte Athena von Romain Gavras unrühmliche Bekanntheit, als es Ende Oktober 2022 in Linz zu Ausschreitungen kam und der Film hier offenbar als Inspiration für die Gefechte mit der Polizei herhalten musste. Bei den Filmfestspielen in Venedig mit zwei Preisen bedacht, ist Athena vor allem eins: ein rasantes wutgeladenes Gefecht mit chaotischen, langen Plansequenzen, die ihresgleichen suchen. Nicht zuletzt in der technischen Umsetzung sehr spannend. Wem Emily in Paris zu lieblich ist, hier kommt Mad Max: Fury Road in der Pariser Vorstadt.

    Darum geht es

    Die drei Brüder Karim (Sami Slimane), Abdel (Dali Benssalah) und Moktar (Ouassini Embarek) machen für den ungeklärten Tod ihres Bruders Idir die Polizei verantwortlich. Allerdings gehen sie damit ganz unterschiedlich um. Sie haben einen algerischen Migrationshintergrund, jedoch ganz verschiedene Biografien. Karim ist eine im Bezirk angesehene Größe und schwört auf Rache. Im zur Seite steht ein ganzes Heer an wütenden Mitstreitern. Nicht weniger aufgebracht ist Moktar, ein Drogendealer. Abdel kehrt gerade von der Armee zurück und versucht zu beschwichtigen. Er kann jedoch nicht mehr verhindern, dass die Lage allmählich eskaliert und sich ein ganzer Wohnblock in ein Schlachtfeld verwandelt.

    Für Karim (Sami Slimane) gibt es keine Kompromisse. Alle Zeichen stehen auf Angriff. (Athena, 2022)

    Kommentar

    Bereits nach wenigen Minuten musste ich die Pausetaste drücken. Was ist das jetzt? Schnell bei Youtube fündig geworden (siehe Making-of unten). Also alles echt. Athena beginnt mit einer 10-minütigen Plansequenz: Anfangs ein Pressestatement der Polizei, das in einen Brandanschlag und einer Stürmung eines Gebäudes mündet. Dann Flucht auf Motorrädern und im Kleinlaster. Die Kamera (Matias Boucard) mal auf dem Motorrad, dann im Inneren des Lasters. Von Beginn an alles ohne Schnitt gedreht auf einer Distanz von mehreren Kilometern, bis die Kamera in die Luft abhebt. Das ist atemberaubend gut.

    So geht es dann auch weiter. Romain Gavras hat den gesamten Film um die drei Brüder in der Pariser Vorstadt in Plansequenzen angelegt. In der Ästhetik erinnern sie teilweise an Peter Jacksons Schlachten in Mittelerde, nur das hier Großteils Migranten der Polizei gegenüberstehen. Das ist unglaublich dynamisch und dicht, sicherlich auch wegen der kompakten Spiellänge von rund 90 Minuten.

    Athena Making-of (Netflix)

    Am Drehbuch beteiligt war unter anderen Ladj Ly, der 2019 mit Die Wütenden – Les Misérables auf sich aufmerksam machte (Amazon Prime). In seinem Regiedebüt porträtierte Ly drei Polizisten im Stadtteil Les Bosquets. War damals der schwellende Konflikt unter der Oberfläche zu spüren, eskaliert es in Athena nun bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

    In diesem Sinne haben wir es hier mit einer Fortführung des Themas zu tun. Allerdings entwarf Die Wütenden ein präziseres und feinfühliger Bild der Konflikte in den Banlieues. Weniger spektakulär in der Umsetzung, dafür mehr der Sache dienlich, in dem der Fokus auf die Lebenssituation der Menschen gelegt wurde. Athena ist pure Provokation. Graubereiche gibt es hier keine mehr.

    Es ist am Ende die technische Umsetzung mittels enormen logistischem Aufwand, die Athena so spannend macht. Der hohe technische Aufwand und der Einsatz von realer Pyrotechnik ermöglicht ein unmittelbares Erlebnis, das an Intensität und Rasanz kaum zu überbieten ist. Greenscreen oder digitale Effekte gibt es nicht. Vor allem die erste Sequenz wird lange in Erinnerung bleiben. Es ist die wohl spektakulärste Plansequenz der Filmgeschichte. Die epochalen Choräle von Surkin entfalten ihre Wirkungskraft vor allem in den großen Gefechtsszenen. Überwiegend gedreht mit IMAX Kameras. Zu sehen ausschließlich bei Netflix.

    ATHENA
    Drama, F 2022

    Regie Romain Gavras
    Drehbuch Romain Gavras, Ladj Ly, Elias Belkeddar
    Kamera Matias Boucard
    Schnitt Cherifi Akram Mohamed Yasser
    Musik Gener8ion
    Mit Dali Benssalah, Sami Slimane, Anthony Bajon, Ouassini Embarek, Alexis Manenti
    Länge 97 Minuten
    Streamingplattform Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau