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  • DIE BESTEN FILME 2023 (Oscars 2024)

    DIE BESTEN FILME 2023 (Oscars 2024)

    Die 96. Verleihung der Academy Awards, die alle nach der überreichten Statuette Oscars nennen, begann diesmal 5 Minuten zu spät – oder doch 55 Minuten zu früh? Jedenfalls nach unserer Zeitrechnung um Mitternacht. Ein Detail, das hierzulande nur alle jene betrifft, die alle Jahre wieder in einem Kino oder vor dem Fernseher ausharren, um das Ereignis live mitzuerleben. Es war gleich zu Beginn Thema in der Moderation von Jimmy Kimmel und wird am Ende, soviel darf jetzt verraten werden, nach dreieinhalb Stunden völlig irrelevant gewesen sein. Abgesehen davon, dass um 3:30 keine U-Bahn nach Hause fährt.

    Erfreulicherweise hat das schon starke Filmjahr 2022 (hier nachzulesen) im Folgejahr eine würdige Fortsetzung gefunden. Neuerlich waren die 10 in der Kategorie Bester Film nominierten Filme allesamt sehenswert. Und nicht nur die. Oppenheimer von Christopher Nolan wurde seiner Favoritenrolle gerecht. Es gab aber durchwegs mehr Überraschungssieger, als es im ersten Moment den Anschein hat.

    Titelbild: Cillian Murphy in Oppenheimer

    Quelle: Wikipedia

    Die Oscars

    7 Oscars für Oppenheimer und somit gleichviele wie Everything Everywhere All At Once (Prime Video), der Überraschungssieger aus 2023. Für die Statistik: Christopher Nolans Epos ist nun einer von fünf Filmen, denen das in den letzten 25 Jahren geglückt ist. Setzt man die Zahlenspiele fort, so hat Poor Things mit vier Preisen in diesem Jahr die Rolle von Im Westen nichts Neues (Netflix) übernommen. Apropos Streamingdienste: Die schauten in diesem Jahr ziemlich durch die Finger. Wes Anderson erhielt fast unbemerkt seinen ersten Oscar für den Kurzfilm The Wonderful Story of Henry Sugar (Netflix), den ersten einer vierteiligen Serie von Kurzgeschichten des Autors Roald Dahl. Es sollte die einzige Auszeichnung für Netflix bleiben. Dabei hatten Netflix und Apple zusammen 32 Nominierungen. Bei Apple ging man mit Killers of the Flower Moon komplett leer aus. Netflix hatte sich mit May December mit Julianne Moore und Natalie Portman (ab 6. Juni im Kino) wohl auch mehr Erfolg erwartet, wurde aber bereits im Vorfeld mit nur einer Nominierung bedacht.

    Vor 20-30 Jahren hätte Martin Scorsese vermutlich alle 10 Preise erhalten. Doch heute gibt es mit Christopher Nolan jemanden, der Gegenwartskino macht. Scorsese wirkt da etwas aus der Zeit gefallen. Paradoxerweise gilt das nicht für den Inhalt. Hier ist Scorsese mehr als aktuell. Nolan wiederum verweigert sich einem aktuellen Diskurs zur Atombombe. Eine Thematik, die sich gerade wieder mit großen Schritten auf uns zubewegt. Weswegen ich Oppenheimer auch für überschätzt halte.

    POOR THINGS von Giorgos Lanthimos

    In der Kategorie für die Beste Regie alle Jahre wieder die Diskussion der unterrepräsentierten Frauen. Diesmal immerhin mit einer Nominierung für Justine Triet (Anatomie eines Falles). Greta Gerwig ging mit Barbie leer aus aber gegen wen tauschen, in dem hochqualitativen Feld? Es sind nach wie vor nur 5 Nominierungen möglich. Einen Oscar gab es für Barbie. Es war der zweite innerhalb von zwei Jahren für Billie Eilish. Interessanterweise wurde, wie es zu erwarten war, What was i made for? als Bester Song ausgezeichnet und nicht I’m just Ken. Die Performance von Ryan Gosling war der angekündigte Höhepunkt des Abends. Viele mehr gab es nicht.

    Ein weiterer war da noch der traditionell als erster vergebene Preis an die großartige Da’Vine Joy Randolph für The Holdovers. Mit Ansage aber sie ist einfach eine Wucht. Zu den zwei größten Überraschungen zählte, dass die Academy Der Junge und der Reiher von Hayao Miyazaki den Vorzug gegenüber Spider-Man: Across the Spider-Verse gab. Dann war da noch ein zweiter Oscar für The Zone of Interest für den Besten Ton. Jeder, der den Film gesehen hat, weiß, was die Tonspur in Jonathan Glazers Film für eine bemerkenswerte Rolle spielt.

    Das Filmjahr

    Christian Petzolds ROTER HIMMER (D 2023)

    Wie eingangs erwähnt, war 2023 neuerlich ein gutes Filmjahr und wie immer dauert es bis weit ins Jahr hinein, bis man sich davon ein Bild machen kann. Da wären die Festivals im Winter und im Frühjahr, deren Filme so gut wie immer erst im Herbst bei uns anlaufen. Dazu komprimiert sich das Jahr ohnehin im letzten Viertel, wenn es in die heiße Phase um diverse Filmpreise geht.

    Wieder hatte die Viennale ein starkes Programm anzubieten und wieder gingen für mich zahlreiche Filme entweder mangels Übersicht unter oder es war aufgrund der Programmierung nicht möglich alle einzuplanen. Das ist wie immer schade. Wenigstens sind es Filme, die in den folgenden Monaten dank Verleih regulär ins Kinoprogramm aufgenommen wurden.

    Tiefgründige Filme von Celine Song, die mit Past Lives einen richtigen Publikumsliebling über das Thema Migration geschaffen hat (siehe auch Return to Seoul von Davy Chou aus dem Jahr 2022), Wim Wenders, Christian Petzold und Jonathan Glazer prägten das vergangene Jahr. Ebenso wie der Marketingcoup Barbenheimer, der den Kinos gut gefüllte Säle bescherte. Mit The Holdovers von Alexander Payne kam verspätete aber doch ein zukünftiger Weihnachtsklassiker in die Kinos.

    DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG (Tarik Saleh, SWE/F/FIN/DEN 2023)

    Yannick von Quentin Dupieux war der unterhaltsame Höhepunkt des Jahres und Abschlussfilm der Viennale 2023 (Zu sehen bei Mubi). Mit Dungeons and Dragons: Ehre unter Dieben könnte ein sympathisches Franchise gestartet sein. Fortsetzung wahrscheinlich.

    Die Bestenliste 2023. Wie immer gilt bei THE REEL THERAPIST alles ab einer 4 ★ Bewertung als Empfehlung. Anschließend sind sämtliche Filme aus dem Produktionsjahr 2023 aufgelistet, die ich in dieser Saison gesehen habe. Es sind 53 Filme. Oft stellt sich mir bei Bestenlisten die Frage, aus welchem Grund der ein oder andere Film nicht vertreten ist. So lässt sich die Auswahl besser einordnen.

    Die besten Filme 2023

    ★★★★★

    Geliebte Köchin

    The Holdovers

    Killers of the Flower Moon (Apple TV)

    Mars Express

    Past Lives – In einem anderen Leben (Amazon Prime/Apple TV €)

    Perfect Days (Mubi)

    Roter Himmel

    Spider-Man: Across the Spider-Verse

    The Zone of Interest

    Yannick (Mubi)

    ★★★★ ½

    All of us Strangers

    Barbie

    La Chimera

    Der Junge und der Reiher

    Die Kairo Verschwörung (Amazon Prime/Apple TV €)

    Kuru Otlar Üstüne

    Maestro (Netflix)

    Wonka

    ★★★★

    Air: Der große Wurf (Amazon Prime)

    American Fiction (Amazon Prime)

    Anatomie eines Falles (Amazon Prime/Apple TV €)

    Dream Scenario

    Dungeons and Dragons: Ehre unter Dieben (Paramount+)

    El Conte (Netflix)

    Ein Glücksfall

    How To Have Sex (Amazon Prime/Apple TV €)

    Monster (Kaibutsu)

    Der Killer (Netflix)

    The Lost King (Amazon Prime/Apple TV €)

    Nyad (Netflix)

    Oppenheimer (Amazon Prime/Apple TV €)

    Poor Things (Disney+)

    Rickerl – Musik is höchstens a Hobby

    Robot Dreams (demnächst bei Apple TV)

    Rustin (Netflix)

    Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem (Paramount+)

    Komplette Liste der gesehenen Filme mit Premiere im Jahr 2023

    AIR | ALL OF US STRANGERS | AMERICAN FICTION | ANATOMIE EINES FALLS | BARBIE | BLACKBERRY | THE BOY AND THE HERON | THE CREATOR LA CHIMERA | DREAM SCENARIO | DUNGEONS AND DRAGONS: EHRE UNTER DIEBEN | EUROPA | FALLENDE BLÄTTER | FALCON LAKE | GELIEBTE KÖCHIN | EIN GLÜCKSFALL | A HAUNTING IN VENICE | THE HOLDOVERS | HOW TO HAVE SEX | L’IMMENSITA | INDIANA JONES UND DAS RAD DER ZEIT | KAIBUTSU | DIE KAIRO-VERSCHWÖRUNG | KILLERS OF THE FLOWER MOON | KURU OTLAR ÜSTÜNE | DAS LEHRERZIMMER | THE LOST KING | MARS EXPRESS | MAY DECEMBER | NAPOLEON | MIRACULOUS – LADYBUG AND CAT NOIR | MISSION: IMPOSSIBLE – DEAD RECKONING PART 1 | NIMONA  | THE OLD OAK | |OPPENHEIMER | PASSAGES | PAST LIVES | PERFECT DAYS | POOR THINGS | PRISCILLA | RICKERL: MUSIK IS HÖCHSTENS A HOBBY | ROBOT DREAMS | ROTER HIMMEL | RUSTIN | SHE CAME TO ME | SIMPLE COMME SYLVAIN | IL SOL DELL’AVVENIRE | SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDER-VERSE | STELLA. EIN LEBEN | TENAGE MUTANT NINJA TURTLES: MUTANT MAYHEM | DIE THEORIE VON ALLEM | WALD | WONKA | YANNICK | THE ZONE OF INTEREST


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  • THE ZONE OF INTEREST ★★★★★

    THE ZONE OF INTEREST ★★★★★

    Mit Christian Friedel, Sandra Hüller Regie Jonathan Glazer
    Ab 14 Länge 106 Minuten

    OSCAR GEWINNER

    Das Interessengebiet des KZ Auschwitz bezeichnete die Sperrzone rund um das Vernichtungslager in Polen. Direkt an dessen Außenmauern befand sich das Einfamilienhaus des Lagerkommandanten Rudolf Höß und seiner Frau Hedwig. Von Mai 1940 bis Juli 1944 lebten sie dort mit ihren vier Kindern in einer Parallelwelt, völlig unbehelligt davon, welch buchstäblicher Alptraum sich auf der anderen Seite der Mauer zutrug. Regisseur Jonathan Glazer (UNDER THE SKIN, 2013. Verfügbar bei Amazon Prime) hat einen sehr speziellen Weg gefunden, das Grauen spürbar zu machen, in dem er es nicht zeigt. Mit Sandra Hüller und Christian Friedel hat er zwei formidable Schauspieler gefunden und wurde dafür in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. THE ZONE OF INTEREST war bei den Oscars 2024 5-fach nominiert und wurde als Bester Internationaler Film und für den Besten Ton ausgezeichnet.

    Sandra Hüller als Hedwig Höß spaziert mit Kind im Arm durch ihren Blumengarten.
    Sandra Hüller in THE ZONE OF INTEREST (Jonathan Glazer, 2023)

    Kurzkritik

    Hanna Arendt prägte 1963, während sie den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem beobachtete, die nicht unumstrittene Beschreibung von der „Banalität des Bösen“. Der britische Regisseur Jonathan Glazer hat sich in seinem fünften Spielfilm nun aus einer bürokratisch technokratischen Perspektive an die Todesmaschinerie der Nationalsozialisten angenähert. Banal ist hier der Alltag, dem das Ehepaar nachgeht. Ganz im Gegensatz zu der Katastrophe, die sich gleichzeitig wenige Meter weiter ereignet.

    Regisseur Jonathan Glazer ließ das Haus, in dem das Ehepaar Höß mit seinen fünf Kindern lebte, originalgetreu von Szenenbildner Chris Oddy in Auschwitz nachbauen (das Originalhaus befindet sich in Privatbesitz). Dafür wurde bereits Monate vor den Dreharbeiten damit begonnen, den Garten, um den sich Hedwig Höß so führsorglich kümmerte, anzulegen. In der Bildästhetik lies sich Glazer von zeitgenössischen Filmaufnahmen inspirieren: Die Kamera bewegt sich kaum und die matten Farbtöne erinnern an Agfacolor. Im Haus wurden zehn automatisierte Kameras verbaut, damit sich die Schauspieler ungestört und scheinbar unbeobachtet bewegen konnten. Für einige Szenen kamen Nachtsichtkameras zum Einsatz.

    Der Rudi nennt mich „Die Königin von Auschwitz“.

    Hedwig Höss in THE ZONE OF INTEREST

    In Uniform oder komplett weiß gekleidet sehen wir Höß in seiner Villa, im Garten und mit seinem Sohn ausreiten. Nur vom Lager selbst sehen wir nur, was über die Mauern hinausragt. Dazu ziehen Tag und Nacht dunkle Rauschwaden über den Himmel. Es sind Gespräche und zahlreiche Details, die eine Atmosphäre des Unbehagens schaffen. Einmal freut sich Hedwig Höß über einen in einer gestohlenen Zahnpastatube versteckten Diamanten.

    Vor allem aber ist es die Arbeit von Sound Designer Johnnie Burns (siehe Video unten), die die einzige permanente Verbindung zum Lager darstellt (gemeinsam mit Tarn Willers ist er für einen Oscar nominiert). Über Monate sammelte er verschiedenste Geräusche, um am Ende den ungewöhnlichen Soundtrack für THE ZONE OF INTEREST zu schaffen: ein ständiges Brummen, Schüsse und Geschrei. All das wird von der Familie Höß ignoriert. Dabei stützt sich diese Darstellung auf historische Aufzeichnungen, die den völlig von Empathie befreiten Charakter von Rudolf Höß beschreiben, der sich bis zuletzt keiner Schuld bewusst war.

    Es ist eine vollkommen anderen Herangehensweise als etwa jene von Steven Spielberg in SCHINDLERS LISTE. Dort plastische Darstellungen von Gewalt, ein Stil, der ihm trotz des Erfolges immer noch nachgetragen werden und bei Glazer die vollkommene Abstinenz von eindringlichen Bildern. Man könnte anmerken, dass es auch bei Glazer ein spezieller Effekt ist, der eine Emotion hervorruft (ist es bei Claude Lanzmanns SHOAH aus dem Jahr 1985 nicht anders?). Allerdings wurde schon alles gezeigt und es reichen die Bilder unserer Phantasie aus, um das Geschehene einordnen zu können. Da im Film generell den Darstellungsweisen längst keine Grenzen mehr gesetzt sind und sie gleichzeitig der Realität nie gerecht werden können (und das auch nicht zielführend wäre), ist es die logische filmtechnische Fortführung. Das gipfelt in jenem Moment, als wir uns doch einmal im Lager befinden. Die Kamera blickt jedoch von unten auf den vermutlich auf seinem Pferd sitzenden Höß hinauf. Was wir da über die Tonspur hören, wollen wir gar nicht sehen. Spielberg war der Meinung, man müsse dem Publikum das Grauen vor Augen führen. Jonathan Glazer stellt die Darstellung des Naziterrors 31 Jahre später nun eindringlich und effektiv auf eine völlig neue Stufe.

    THE ZONE OF INTEREST, USA/UK/POL 2023
    Drama Ab 14 Länge 106 Minuten
    Regie und Drehbuch Jonathan Glazer Kamera Łukasz Żal Schnitt Paul Watts
    Musik Mica Levi Mit Christian Friedel, Sandra Hüller


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  • GELIEBTE KÖCHIN ★★★★★

    GELIEBTE KÖCHIN ★★★★★

    Mit Juliette Binoche, Benoît Magimel Regie Tran Anh Hung
    Ab 12 Länge 135 Min.


    „If you can eat it, it’s no art.“ hat Fran Lebowitz einmal geschrieben. Auch wenn der Satz von dem ihr typischen sarkastischen Unterton begleitet wird, so zeigt Trần Anh Hùngs (DER DUFT DER GRÜNEN PAPAYA) neuester Film GELIEBTE KÖCHIN, wie die Grenzen doch verschwimmen können. Juliette Binoche und Benoît Magimel erstmals seit 26 Jahren wieder gemeinsam vor der Kamera und es knistert gewaltig. Nicht nur in den großen Töpfen, in denen kulinarische Köstlichkeiten schmoren. Es ist eine Ode an die französische Küche und an zwei französische Schauspielstars, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

    Ein Großteil von GELIEBTE KÖCHIN spielt in einer Küche, bei der wohl jeder Kochenthusiast vor Neid erblasst.

    Kurzkritik

    Mehrmals ging ein Seufzen durch die Reihen des während der Viennale 2023 gut besuchten Gartenbaukinos. Es war fast Mittag und es machte sich bemerkbar, dass in den meisten Mägen gähnende Leere herrschte. GELIEBTE KÖCHIN ist nämlich Foodporn vom Feinsten. Was da an Speisen übergroß auf der Leinwand aufgewartet wird, sucht seines Gleichen. Kein Wunder: als Berater war der französische Starkoch Pierre Gagnaire tätig. Wunderschön von Kameramann Jonathan Ricquebourg in Szene gesetzt und ohne Filmmusik, allein das Knistern des Feuers und das Brutzeln in der Pfanne erfüllt den Raum.

    Dodin (Benoít Magimel) ist Gastronom. Es ist das ausgehende 19. Jahrhundert und er lebt mit seiner Köchin Eugénie (Juliette Binoche) in einem großen Landhaus. Über die Jahrzehnte hat sich zwischen Dodin und Eugénie eine innige Beziehung entwickelt und Dodin wird nicht müde, sie zu umwerben. Jahrelang lehnt sie jedoch jeden Gedanken an Heirat ab. Während Dodin mit seinen (männlichen) Freunden diniert, bleibt Eugénie in der Küche und sitzt nie mit ihnen am Tisch. Als die Runde von einem Prinzen zum Essen eingeladen wird und vom Menü alles andere als überzeugt ist, beschließt Dodin, eine Gegeneinladung auszusprechen. Doch das Schicksal macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

    Man kommt nicht umhin, daran zu denken, dass Binoche und Magímel vor 20 Jahren für ein paar Jahre ein Paar gewesen sind. Bei den Dreharbeiten zu DAS LIEBESDRAMA VON VENEDIG hatten sie sich 1997 kennengelernt. GELIEBTE KÖCHIN, im Original mit dem klingenden Namen LA PASSION DE DODIN BOUFFANT, ist erst ihr zweiter gemeinsamer Film. Nun sehen wir sie als Paar, dass bereits gut 20 Jahre zusammen ist. Das fügt dem Film eine spannende Ebene hinzu. 

    In Frankreich hat man dem Film überraschenderweise gegenüber dem Gewinner der Goldenen Palme ANATOMIE EINES FALLS den Vorzug bei der Einreichung für die Oscars 2024 gegeben. Meiner Meinung nach zurecht. Vor allem auch, weil hier jene Speise gehuldigt wird, die den gesamten Schlemmereien um nichts nachsteht: die Eierspeise. Am besten gegessen mit Löffel. Für eine Nominierung hat es leider am Ende nicht gereicht.

    Tran Anh Hùng wurde bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet. Ein Film über die Liebe und die Kulinarik. Eine ganz große Empfehlung.

    GELIEBTE KÖCHIN (OT: La passion de Dodin Bouffant), Frankreich 2023
    Drama Ab 12 Länge 135 Min.
    Regie und Drehbuch Tran Anh Hung Kamera Jonathan Ricquebourg Schnitt Mario Battistel
    Gastronomische Leitung Pierre Gagnaire Mit Juliette Binoche, Benoît Magimel


    Dieser Text wurde im Rahmen der Viennale 2023 verfasst.


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  • RUSTIN ★★★★

    RUSTIN ★★★★

    Im Abo

    Mit Colman Domingo, Chris Rock, Aml Ameen, Glynn Turman, Gus Halper Regie George C. Wolfe
    Ab 12 Länge 99 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Die Bilder des Marsches auf Washington, bei dessen Kundgebung Martin Luther King im Jahr 1963 seine legendäre I have a dream-Rede hielt, sind wohl jedem bekannt. Nur wie kam es dazu? Der Mastermind hinter der Großveranstaltung mit am Ende über 250.000 TeilnehmerInnen war der charismatische homosexuelle Bürgerrechtler Bayard Rustin. Gegen viel Widerstand machte er mit großer Hartnäckigkeit und Organisationstalent das scheinbar Unmögliche möglich, in dem er die unterschiedlichsten Vereine und Gewerkschaften an einen Tisch zu brachte. In der Hauptrolle ist Colman Domingo zu sehen. Es ist eine der bemerkenswertesten schauspielerischen Leistungen des Jahres.

    Colman Domingo als Bayard Rustin auf dem Weg zu seinem Platz in einem Linienbus der 1960er Jahre.
    Colman Domingo in RUSTIN (George C. Wolfe, USA 2023)

    Kurzkritik

    Die Karten standen schlecht. „I’m not your man.“, sagte Martin Luther King, als er 1960 einen Massenprotest anführen sollte. Noch dazu wurde von Roy Wilkins, Anführer des N.A.A.C.P. * (Chris Rock) und Adam Clayton Powell Jr., Vertreter des Bundesstaates New York im US-Repräsentantenhaus (leider wenig zu sehen: Jeffrey Wright) versucht, einen Keil zwischen King und Bayard zu treiben.

    Und überhaupt: es ist bis heute ein weltweites Phänomen, dass die Linken zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind: „Wir streiten uns über den Inhalt von Liedertexten“, erkennt Bayard Rustin richtigerweise. Von einem breiten Konsens ist man weit entfernt. Trotzdem versucht Rustin im Jahr 1963 seine Vision eines Marsches für Freiheit und Arbeit umzusetzen.

    Don’t kill an impulse, before it’s born.

    Bayard Rustin zu seinen MitstreiterInnen im Organisationskomitee.

    Das war aber nur möglich, wenn die unterschiedlichsten Institutionen zusammenarbeiteten. Noch dazu war die Skepsis groß, dass die Kundgebung erfolgreich sein würde und friedlich über die Bühne gegen konnte. Zu oft eskalierten Proteste in der Vergangenheit in Gewalt. Rustin war aber von seiner Idee überzeugt und setzte alles daran, die Anführer vieler wichtigen Organisationen buchstäblich an einen Tisch zu setzen (Es waren tatsächlich nur Männer, was der Aktion scharfe Kritik von Seiten der Frauenbewegungen einbrachte.).

    Der Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit war als sozialpartnerschaftlicher Schulterschluss eine organisatorische Meisterleistung. Obwohl der Rassismus, erst recht so kurz nach Aufhebung der Rassentrennung, noch nicht überwunden war, wie Regisseur George C. Wolfe (Ma Rainey’s Black Bottom) zu Beginn zeigt, wurde der Protest auch von weiß dominierten Organisationen mitgetragen. Weder davor noch danach war jemals wieder ein so breiter Konsens möglich.

    Zum Film selbst: Bayard Rustin (1912-1987) war eine schillernde Persönlichkeit und Colman Domingo scheint ihr gerecht zu werden. Er zieht uns vom ersten Moment an in seinen Bann. Seine Energie trägt den gesamten Film, der ohne ihm wohl weit weniger Breitenwirkung hätte. Es ist Domingo, weswegen man sich den sonst etwas konservativ geratenen Film unbedingt ansehen sollte.

    Produziert wurde RUSTIN von Higher Ground, der Produktionsfirma von Barack und Michelle Obama.

    *Nationale Vereinigung für die Förderung farbiger Menschen

    RUSTIN, USA 2023
    Drama Ab 12 Länge 99 Min.
    Regie George C. Wolfe Drehbuch Julian Breece, Dustin Lance Black Kamera Tobias A. Schliessler Schnitt
    Musik Branford Marsalis Mit Andrew Mondshein Mit Colman Domingo, Chris Rock, Aml Ameen, Glynn Turman, Gus Halper Netflix


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  • THE HOLDOVERS ★★★★★

    THE HOLDOVERS ★★★★★

    Mit Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston Regie Alexander Payne
    Ab 12 Länge 133 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Nach SIDEWAYS aus dem Jahr 2004 kommt es neuerlich zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Regisseur Alexander Payne und Paul Giamatti. In der Tragikomödie THE HOLDOVERS muss sich Giamatti als Professor für Alte Geschichte mit einem Teenager herumschlagen, nachdem die Beiden dazu verdonnert wurden, die Weihnachtsferien auf dem Campus zu verbringen. Es gibt Filme, die verschwinden bald wieder von der Bildfläche, ganz unabhängig von deren Qualität. THE HOLDOVERS hat das Zeug dazu, zu bleiben und taugt zudem hervorragend als Weihnachtsfilm. Sowohl Giamatti, als auch seine Co-Stars Dominic Sessa und Da’Vine Joy Randolph konnten in dieser Saison schon zahlreiche Auszeichnungen mit nach Hause nehmen.

    Szenenbild aus THE HOLDOVERS. Paul Giamatti spricht zu Dominic Sessa und Da’Vine Joy Randolph. Es ist Abend und Winter.
    Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph und Paul Giamatti in THE HOLDOVERS (Alexander Payne, USA 2023)

    Kurzkritik

    Alexander Payne (DOWNSIZING) befördert uns per Zeitmaschine in die Weihnachtsferien des Jahres 1970. Bereits der Trailer zu THE HOLDOVERS erinnert uns an Kinovorschauen aus dem letzten Jahrhundert: Die alten Studiologos, eine vertraute Erzählstimme und der körnige Look stimmen nostalgisch. Der Film selbst versprüht dann auch den Geist der 1970er. Owen Gleibermann (Variety) stellt diesen Ansatz in Frage: Is ‘The Holdovers’ Really ‘a ’70s Movie’? Or Is It the New ‘Green Book’?. Ganz so hart ins Gericht würde ich dann nicht gehen aber es ist ein interessanter Gedanke. Täuscht THE HOLDOVERS nur vor, ein in Film der 70er Jahre zu sein?

    Es ist ein filmtheoretisches Gedankenspiel. Dem Unterhaltungswert und der großartigen schauspielerischen Ensembleleistung tut es jedenfalls keinen Abbruch (das sieht im übrigen auch Gleibermann so). Giamatti ist der grantelnde Paul Hanham, Professor für Alte Geschichte an einer Privatuniversität in Neuengland. Seine innere Leidenschaft für sein Fach kann er nur schwer vermitteln. Für ihn sind seine Studenten ohnehin nur verwöhnte Schnösel. Er straft sie mit schlechten Noten. Das verärgert dann auch den ein oder anderen Sponsor, dessen Sprössling in Hunhams Klasse sitzt.

    Zur Strafe quasi muss sich Hunham um all jene Studenten kümmern, die über Weihnachten nicht nach Hause fahren können. Ein Babysitter für Oberstufenschüler sozusagen. Das hat der ohnehin griesgrämige Pessimist noch gebraucht. Am Ende bleibt nur Angus Tully, gespielt in Dominic Sessa zurück. Dazu gesellt sich die Küchenchefin Mary, die gerade ihren Sohn im Vietnamkrieg verloren hat. Da’Vine Joy Randolph (ONLY MURDERS IN THE BUILDING, THE LOST CITY) ist die Seele des Filmes. Es ist unbeschreiblich, wie sie mit ihrer schauspielerischen Kraft die Leinwand einnimmt.

    Im Hintergrund spielt der historische Kontext der Zeit durchaus eine Rolle, wenn auch nur andeutungsweise (vergleiche hierzu ARMAGEDDON TIME aus 2022). Nicht nur durch den Vietnamkrieg, an dem die USA Ende der 1960er bereits 5 Jahre beteiligt sind. Die Rassentrennung hat so mancher Student noch nicht überwunden. Hunham möchte, dass seine Studenten gerüstet sind für ihr zukünftiges Leben. Im Lernen von der Vergangenheit liegt für ihn der Schlüssel. Einmal sagt er „the world is on fire“. Jede Zeit hat ihre Konflikte. Man kann nur erahnen, dass Menschen aus der damaligen Zeit wohl mit den heutigen Herausforderungen heillos überfordert wären.

    Es ist eine Melange aus DER CLUB DER TOTEN DICHTER und THE BREAKFAST CLUB, die uns Alexander Payne hier serviert. Das Trio begibt sich bald auf Exkursion und wir befinden uns in einem Roadmovie. Natürlich kommt sich die Schicksalsgemeinschaft näher. THE HOLDOVERS ist komisch, tragisch, warmherzig und rührend zugleich. Der Soundtrack spannt sich von Shocking Blue, Cat Stevens und The Temptations bis zur Familie Trapp. Ein Lieblingsfilm.


    TITEL The Holdovers, USA 2023
    Tragikomödie Ab 12 Länge 133 Min.
    Regie Alexander Payne Drehbuch David Hemingston Kamera Eigil Bryld Schnitt Kevin Tent
    Musik Mark Orton Mit Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston


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  • DER JUNGE UND DER REIHER ★★★★½

    DER JUNGE UND DER REIHER ★★★★½

    Mit den Stimmen von Soma Santoki, Masaki Suda, Takuya Kimura, Aimyon Regie Hayao Miyazaki
    Ab 12 Länge 124 Min.

    OSCAR GEWINNER

    Nach siebenjähriger Vorbereitungszeit haben der großartige Hayao Miyazaki und das Animestudio Ghibli überraschend einen neuen Film veröffentlicht. Schön, dass es heute noch Geheimnisse gibt. Geheimnisse und fantastische Ereignisse gibt es in DER JUNGE UND DER REIHER reichlich. Der Faszination der Geschichte um den Jungen Mahito, der während des Pazifikkrieges seine Mutter verliert, aufs Land zieht und dort in eine fantastische Welt eintaucht, kann man sich kaum entziehen. Der Fantasie Miyazakis scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Das kann streckenweise durchaus auch überfordern aber am Ende ist man um eine schöne Filmerfahrung reicher. Der Film wurde überraschenderweise bei den Oscars 2024 in der Kategorie Bester Animationsfilm ausgezeichnet.

    Der Junge und der Reiher (Hayao Miyazaki, Japan 2023)

    Kurzkritik

    Der zwölfjährige Mahito ist traurig und wütend zugleich. Die Mutter verunglückt, plagen ihn Schuldgefühle. Dann soll es auf einmal eine Ersatzmutter geben. Der Umzug aufs Land. Eine neue Umgebung. Das ist alles zu viel. Er verletzt sich selbst. Eine Schlüsselstelle. Dann wird er auch noch von einem sprechenden Reiher verfolgt. Wenn DER JUNGE UND DER REIHER ein coming-of-age Film ist, dann gab es wohl noch nie eine derart fantastische Reise mit so vielen Umwegen bis zur Selbsterkenntnis am Schluss. Da muss Mahito eine wichtige Entscheidung treffen und die Wunde auf dem Kopf eine wichtige Rolle spielen.

    Wer Hayao Miyazakis Werk schätzt, wird auch bei seinem neuesten Film gut unterhalten. Surreale Welten, schelmische Gestalten und groteske Fabeltiere tummeln sich. Überall lauern Gefahren. Es geht um Verlust, Tot und Traumata. Etwas überladen wirken die mehr als zwei Stunden schon. Wer sich für Mythologie interessiert, wird aber wie immer bei Miyazaki seine Freude haben.

    Für Kinder ist DER JUNGE UND DER REIHER weniger geeignet, auch wenn sie der emotionalen Storyline wohl folgen können und sich am Ende ohnehin ihre eigene Geschichte im Kopf zusammenbauen können. An anderer Stelle wurde geschrieben, dass der Film die Geschichte eines Jungen und eines alten Mannes zugleich ist. Ein Abschiedswerk Miyazakis? Wer weiß, vielleicht arbeitet er längst an einem neuen Projekt.

    Der Junge und der Reiher | The Boy and the Heron | OT: Kimitachi wa Do Ikiru ka, Japan 2023)
    Anime Ab 12 Länge 124 Min.
    Regie Hayao Miyazaki Drehbuch Hayao Miyazaki, Genzaburô Yoshino Bildgestaltung: Atsushi Okui Art Direction: Yôji Takeshige, Noboru Yoshida Musik: Joe Hisaishi
    Mit den Stimmen von Soma Santoki, Masaki Suda, Takuya Kimura, Aimyon


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  • RICKERL – Musik is höchstens a Hobby ★★★★

    RICKERL – Musik is höchstens a Hobby ★★★★

    Mit Voodoo Jürgens, Ben Winkler, Agnes Hausmann Regie Adrian Goiginger
    Ab 12 Länge 104 Min.

    Vodoo Jürgens und sein Filmsohn Ben Winkler haben bei der Premiere während der Viennale 2023 das Publikum im Sturm erobert. Regisseur Adrian Goiginger ist ein ganz besonderes Porträt über einen sich durchs Leben kämpfenden Wiener Musiker gelungen. Dabei packt er Wien sozusagen an den Wurzeln der Sprache. Bekannte Straßenmotive sucht man vergebens. Die Locationscouts haben eine hervorragende Arbeit geleistet, um Wien so zu zeigen, wie es wahrscheinlich nur WienerInnen kennen. Mit RICKERL taucht man so richtig ein in das Leben des Protagonisten und der Hauptstadt. Und soviel geraucht wurde schon lange nicht mehr!

    RICKERL mit Voodoo Jürgens und Ben Winkler (Adrian Goiginger, A 2023)

    Kurzkritik

    Regisseur Adrian Goiginger knüpft an seinen großen Erfolg DIE BESTE ALLER WELTEN an. Der Spezialist für authentische Geschichten in ganz spezifischen sozialen Milieus verknüpft eine Musikerbiografie, die eng mit dem Austropop verhaftet ist, mit einer Vater-Sohn-Beziehung. Im echten Leben hätte man wohl so seine Schwierigkeiten mit Rickerl, wie im Film eben auch die Mutter von Dominik (großartig: Ben Winkler), gespielt von Agnes Hausmann. Unzuverlässig, etwas tollpatschig und alles dem Musikerleben unterordnend, macht er es seiner Umgebung nicht gerade leicht. Seinem Charme und seiner Liebenswürdigkeit kann aber weder im Film, noch vor der Leinwand kaum jemand widerstehen. Seiner Musik sowieso nicht.

    Allen voran überzeugt Singer-Songwriter David Öllerer alias Voodoo Jürgens in seiner ersten Rolle. Er trägt dazu bei, dass die Balance zwischen Drama und Komödie gelingt. Wiener Milieustudien driften im allzu leicht ins lächerliche-alberne ab oder provozieren Voyeurismus. Seinen Protagonisten begegnet er auf Augenhöhe. Für Goiginger ist Voodoo Jürgens „der Musiker der jüngeren Generation, der am stärksten diesen Spirit, das Melancholische, das Zynische, aber auch Hoffnungsvolle transportiert.“

    In RICKERL erleben wir eine Sprache die, man muss es sagen, vom Aussterben bedroht ist. Sogesehen ist der Film fast ein Zeitdokument. Alles hier wirkt authentisch. Es ist ein Glücksfall für das österreichische Kino, dass Adrian Goiginger und Voodoo Jürgens zusammengefunden haben.

    RICKERL, Österreich 2023
    Drama/Komödie Ab 12 Länge 104 Min.
    Regie/Drehbuch Adrian Goiginger Kamera Paul Sprinz Schnitt Martin Pfeil
    Musik Voodoo Jürgens Mit Vodoo Jürgens, Ben Winkler, Agnes Hausmann


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  • HOW TO HAVE SEX ★★★★

    HOW TO HAVE SEX ★★★★

    Mit Mia McKenna-Bruce, Lara Peake, Samuel Bottomley, Shaun Thomas Regie Molly Manning Walker
    Ab 14 Länge 91 Min.

    Mit sechzehn Jahren legen die meisten britischen SchülerInnen eine Zwischenprüfung ab. Für die drei Freundinnen Tara (Mia McKenna-Bruce), Em (Enva Lewis) und Skye (Lara Peake) ist das ein willkommener Anlass, um in ein Partyressort in Malia auf Kreta zu fahren. Nächte durchfeiern, viel Alkohol und für Tara der erste Sex ist das erklärte Ziel. Wozu das in HOW TO HAVE SEX führt, ist erwartbar. Darum Skepsis im Vorfeld. Aber erwarten ist nicht fühlen und nach dem ersten Akt hat uns Molly Manning Walker mit ihrem Debüt eiskalt erwischt. Nicht nur ihren Namen sollte man sich merken, sondern auch jenen der großartigen Hauptdarstellerin Mia McKenna-Bruce. Two Stars are born sozusagen.

    Drei Mädchen sitzen lachend auf dem Boden. Filmstill aus How to have Sex von Molly Manning Walker.
    Drei Freundinnen auf Partyurlaub (HOW TO HAVE SEX, Molly Manning Walker, GB 2023)

    Kurzkritik

    Es ist der Stoff, aus dem viele Komödien gemacht sind. Jene in denen gekotzt wird und alle lachen. Gelacht wird anfangs noch ab und dann. Aber eher über die drei Mädchen: über ihre Sprache, ihre Outfits und ihre Naivität. Es ist das Alter, in dem einen Eindrücke und Gefühle überrollen und man eigentlich noch für nichts bereit ist. Allerdings beschleunigt der Gruppenzwang – auch unter Freundinnen – so einiges.

    Im ersten Teil sind die drei Mädchen noch mehr oder weniger gleichberechtigte Charaktere. Dann tritt Tara mehr in den Vordergrund. Um sie geht es hier also. Unsicher und orientierungslos ist sie. Hinzu kommt der Druck, doch endlich mit einem Burschen im Bett zu landen – oder im Sand. Unter die Dauerbespaßung von Abfüllen und Auskotzen mischt sich still und heimlich der pure Alptraum. Die ständig wummernde Musik wirkt zunehmend bedrohlicher.

    Dem Mangel, noch nicht artikulieren zu können, was man wirklich möchte und vor allem, was man nicht möchte, stehen jene gegenüber, die die Gunst der Stunde nutzen wollen. In ein paar Stunden ist man ohnehin auf dem Weg zum Flughafen und alles ist vergessen. Für Tara wohl eher nicht. Es ist dieser eine Moment, eine Entscheidung, die man eigentlich noch nicht bereit ist zu treffen, die Molly Manning Walker so gekonnt und eindringlich einfängt und von Mia McKenna-Bruce grandios gespielt ist, dass sie noch lange im Kopf bleibt. Eingerahmt in einen effektiv inszenierten schier endlosen Partywahnsinn. Für beide ist es wohl der Beginn einer vielversprechenden Karriere.

    HOW TO HAVE SEX wurde 2023 bei den Filmfestspielen in Cannes in der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet.


    HOW TO HAVE SEX, GB 2023
    Coming-of-Age-Drama Ab 14 Länge 91 Min.
    Regie/Drehbuch Molly Manning Walker Kamera Nicolas Canniccioni Schnitt Fin Oates
    Musik James Jacob Mit Mia McKenna-Bruce, Lara Peake, Samuel Bottomley, Shaun Thomas


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  • PRISCILLA ★★★ ½

    PRISCILLA ★★★ ½

    Mit Cailee Spaeny, Jacob Elordi Regie Sofia Coppola
    Ab 12 Länge 114 Min.

    Priscilla war 14 Jahre alt, als sie den 10 Jahre älteren Elvis in Deutschland kennenlernte und ihre Mutter und ihr Stiefvater sie kurz darauf nach Tennessee ziehen ließen. Manche werden, nachdem sie den Kinosaal verlassen haben, wohl das Handy zücken und Wikipedia bemühen. Aber das hat schon alles seine Richtigkeit, in Sofia Coppolas PRISCILLA, basierend auf der Biografie „Elvis and Me“ von Priscilla Presley und Sandra Harmon. Alle Augen sind in dieser Biografie, in der kein einziger Song von Elvis vorkommt, weil es die Nachlassverwaltung untersagt hatte, auf Cailee Spaeny in der Titelrolle gerichtet. Selbst gerade in jene Alter, in dem Priscilla war, als sie Elvis verließ, verkörpert sie die mehr als 10 Jahre jüngere Version mit ebensolcher Überzeugung, was ihr große Anerkennung eingebracht hat. Dabei macht es ihr Sofia Coppola mir ihrem eigenen Regiestil nicht gerade leicht.

    Cailee Spaeny und Jacob Elordi in PRISCILLA (Sofia Coppola, USA 2023)

    Kurzkritik

    Baz Luhrmann gestand man für seinen ELIVS (2022) noch zu, Originalsongs zu verwenden. Damals wurde die Geschichte allerdings aus Sicht des ominösen Managers Colonel Tom Parker (Tom Hanks) erzählt und ihm eine Mitschuld an Elvis‘ Untergang gegeben. Nun kommt bei Coppolas und Priscillas Version Elvis selbst nicht immer gut weg. Daran hat man sich womöglich gestoßen. Ein Detail am Rande: Bei Coppola kommt der so wichtige Colonel nun überhaupt nicht vor, sondern zieht nur im Hintergrund die Strippen. Dabei rettet er vermutlich nicht nur einmal die Beziehung zwischen Priscilla und Elvis, sei es auch nur wegen dem Business.

    Jacob Elordi als Elvis gibt eine solide Leistung ab, spielt sich nicht in den Vordergrund. Auf nennenswerte NebendarstellerInnen hat Coppola keinen Wert gelegt, also ist PRISCILLA ganz auf die Hauptdarstellerin ausgerichtet. Spaenys Wandlungsfähigkeit in der 13 Jahre umspannenden Handlung ist beachtlich, vor allem wenn man bedenkt, dass sie anfangs 14 Jahre alt ist. Eine zusätzliche Herausforderung ist der distanziert kühle Stil der Regisseurin. Sie wahrt Distanz zu ihren Charakteren. Das Publikum möchte sie emotional nicht beeinflussen. Darum spart sie emotionale Höhepunkte so gut es geht aus. Es wird damals wohl reichlich davon gegeben haben. Nicht einmal DIE Sexszene, nach Jahren der Enthaltsamkeit, kommt vor. Keine Filmmusik, die auf die Tränendrüse drückt. Menschen in Isolation sind Coppolas Spezialgebiet und so ist es auch hier, wenn Priscilla alleine durch Graceland wandert, weil Elvis die meiste Zeit nicht da ist, sie aber gleichzeitig dort nahezu gefangen hält und ihr untersagt, arbeiten zu gehen. Das muss man als Zuseher mögen.

    Da ist Bradley Coopers MAESTO fast schon ein Gegenpool. Er fährt große emotionale Geschütze auf und lässt auch in der Inszenierung nichts anbrennen. Sofia Coppola setzt auch im Auftreten ihrer Protagonisten einen Kontrapunkt. Elvis und Priscilla sind optisch weit weniger zwanghaft an ihre realen Vorbilder angelehnt, als es Filmbiografien im allgemeinen in den letzten Jahren getan haben.

    Der Soundtrack ist eine Geschichte für sich. Nur eines: Als Priscilla (Achtung Spoiler!) am Ende Graceland verlässt, hört man „I Will Always Love You“ von Dolly Parton (Ja, der ist nicht von Whitney Houston. Wieder was gelernt). Elvis liebte den Song. Er sang ihn sogar für Priscilla nach der Scheidung auf den Stufen zum Gericht. Wegen Rechtsstreitigkeiten (wieder der Colonel … ) kam es aber nie zu einer Zusammenarbeit. Nachzulesen hier. Alles in allem wurde ich das Gefühl nicht los, dass der Name der Regisseurin dem Film einiges an Rückenwind gegeben hat. An ihr Frühwerk kann Sofia Coppola mit PRISCILLA nicht anknüpfen.

    PRISCILLA, USA 2023
    Biografie Ab 12 Länge 115 Min.
    Regie Sofia Coppola Drehbuch Sofia Coppola, basierend auf „Elvis and Me“ von Priscilla Presley, Sandra Harmon Kamera Philippe Le Sourd Schnitt Sarah Flack
    Musik Phoenix, Sons of Raphael Mit Cailee Spaeny, Jacob Elordi


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  • PERFECT DAYS ★★★★★

    PERFECT DAYS ★★★★★

    Mit Kōji Yakusho Regie Wim Wenders
    Ab 12 Länge 123 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Ins Kino gehen, um jemanden beim Kloputzen zuzusehen? Ein bis zum letzten Platz gefüllter Kinosaal, in dem jeder gespannt auf die Leinwand blickt und man zwei Stunden lang eine Stecknadel hätte fallen hören können? Wim Wenders macht es mit PERFECT DAYS möglich. Ihm ist ein kleines Filmjuwel geglückt, das uns beglückt. Hauptdarsteller Kōji Yakusho wurde 2023 bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet. Der Film ist Japans Beitrag für die Oscars 2024.

    Hauptdarsteller Kōji Yakusho liegt in Perfect Days von Regisseur Wim Wender auf seiner auf dem Boden liegenden Matratze und liest ein Buch. Es ist Nacht. Der Raum ist nur durch eine kleine Lampe erläutet.
    Kōji Yakusho in PERFECT DAYS (Wim Wender Japan, 2023)

    Kurzkritik

    Das menschliche Schicksal als Essenz des Geschichtenerzählens und Schicksal meint hier nicht das große Drama sondern die Banalitäten des Lebens. Ohne sie würde kein Actiongewitter funktionieren. Das Kino könnte nicht existieren. Wim Wenders widmet sich den Wiederholungen des Alltags, denen wir alle ausgesetzt sind. Dabei entfaltet sich das Porträt eines Mannes, der mit sich scheinbar im Reinen ist und jeden Tag mit einem Lächeln begrüßt. Dabei ist der wortkarge Hirayama, in der bemerkenswerten Darstellung von Kōji Yakusho, nicht Naiv oder einfach gestrickt. Das drückt sich nicht zuletzt in der Auswahl der Bücher aus, die er Abends in seiner spärlichen Freizeit ließt.

    PERFECT DAYS ist getragen vom Respekt gegenüber Mitmenschen, denen wir tagtäglich flüchtig begegnen. Wir fassen in Sekundenschnelle ein Urteil, das in erster Linie im äußerlichen Erscheinungsbild und eben im Beruf begründet ist. Hirayama putzt (architektonisch interessant, von Stararchitekten entworfene) öffentliche Toiletten in Tokio. Ein Mann also, den man in der Öffentlichkeit kaum Beachtung schenken würden. Wenders zeigt ihn uns nun beim Matratzenzusammenfalten, der Pflege seiner Zähne und seiner Bäumchen im Wohnzimmer und im öffentlichen Bad. Tagtäglich. Er ist ein Perfektionist.

    Zwischendurch sehen wir famose Traum-Collagen mit Fotografien in schwarzweiss. Entworfen von Donata Wenders. Diese Sequenzen sind Kunstwerke für sich, die sich geschmeidig in die Erzählung einfügen und stark zu Rhythmus und Stimmung des Filmes beitragen.

    Die Regale im Wohnzimmer sind voll mit Musikkassetten. Im Auto hört Hirayama Van Morrison, Nina Simone und Lou Reed. Der Song „Perfect Day“ ist dann auch sowas wie das Mantra des Films. Er fotografiert noch auf Film, lebt in einer analogen Welt. Die Routinen von Hirayama werden jäh unterbrochen, als ein junges Mädchen vor der Tür steht. Sie spricht ihn mit Onkel an und in wenigen Augenblicken können wir einen Blick in Hirayamas Vergangenheit und Familienverhältnissen erhaschen.

    Dann wird klar: Wim Wenders spielt mit doppeltem Boden. Denn unter der Zufriedenheit und Genügsamkeit verbirgt sich scheinbar mehr. Müsste er gar keine Toiletten putzen? Was steckt wirklich dahinter? Wir erfahren es nicht. In der allerletzten Einstellung spüren wir jedoch auf einmal einen Schmerz, der sich tief in Hirayama verbirgt. Wir leiden mit ihm.

    Mit PERFECT DAYS ist Wim Wenders ein zutiefst berührendes Kleinod geglückt. Gedreht im Academy Format 1.33:1. Passend zu Hirayamas Minitransporter.

    Titel Perfect Days, Japan 2023
    Ab 12 Länge 123 Min.
    Regie Wim Wenders Drehbuch Wim Wenders, Takuma Takasaki Kamera Franz Lustig Schnitt Toni Froschhammer
    Musik Lou Reed, Van Morrisson, Nina Simone Mit Kōji Yakusho


    „Der Trost der Gewohnheit„: Peter Körte in der FAZ über PERFECT DAYS.


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