In seinem neuesten Film Parallele Mütter zeigt Pedro Almodóvar einmal mehr, dass er zu den ganz Großen des zeitgenössischen Kinos gehört. Mit der für einen Oscar nominierten Penélope Cruz in der Hauptrolle erzählt der Regisseur über ein schicksalhaftes Ereignis, das zwei Frauen einander näher bringt. In der Rahmenhandlung verknüpft Almodóvar die Geschichte mit der grausamen Vergangenheit des spanischen Bürgerkriegs.Erschütternd und schön zugleich.
Darum geht es
Janis (Penélope Cruz) ist Werbefotografin in Madrid und hat eine Affäre mit dem forensischen Anthropologen Arturo (Israel Elejalde). Sie bittet ihn, die Exhumierung ihres Urgroßvater zu veranlassen, der unter dem Franco Regime in ihrem Heimatdorf ermordet und in einen Massengrab beigesetzt wurde und die Leichen dort zu identifizieren.
Als Janis schwanger wird und sie der verheiratete Arturo zu einer Abtreibung zu überreden versucht, beschließt sie, das Kind alleine groß zu ziehen. Auf der Entbindungsstation lernt sie Ana (Milena Smit) kennen, mit der sie das Zimmer teilt und die Beiden freunden sich an. Als Arturo einige Monate später überraschend auftaucht und das Kind sehen möchte, reagiert er verhalten und fragt ob das wirklich sein Kind sei. Die Aussage beunruhigt Janis und sie stellt mittels DNA Test Nachforschungen an. Dabei macht sie eine Entdeckung, mit der sie nie und nimmer gerechnet hätte. Dann steht plötzlich Ana buchstäblich vor der Tür. Janis bietet ihr an, bei ihr einzuziehen.
Penélope Cruz und Milena Smit in Parallele Mütter (E 2021)
Kommentar
Pedro Almodóvar gehört zu jenen Regisseuren, die eine unverwechselbare Handschrift entwickelt haben. Jeder Kader ist wohl seinem Werk zuzuordnen. Die kräftigen Farben sind bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt. Die Interieurs geschmackvoll. Dabei stellte der Regisseur aber nie die Form vor den Inhalt. Starke Frauenrollen zeichnen die Arbeiten von Almodovar seit jeher aus. So auch seinen neuesten Film Parallele Mütter.
Penélope Cruz‘ Darstellung von Janis ist einglaublich nuancenreich, die neben ihrem nach außen starken Auftreten auch in das tiefste Innere von Janis blicken lässt. Sie weiß ganz genau wohin sie will und was sie tut, bis sie in ihrer Verzweiflung von ihren Gefühlen überwältig wird und ihr das Leben für einen kurzen Moment entgleitet. Es ist eine der beeindruckendsten Charakterdarstellungen der jüngsten Zeit, die manchmal an die große Sophia Loren erinnert. Dabei lässt sie der um einige Jahre jüngeren Milena Smit als Ana genügend Raum.
Darüber hinaus urteilt Almodóvar nie über seine Figuren. Selbst als er den Bogen in die dunkle Vergangenheit Spaniens und den Verbrechen den Bürgerkriegs spannt, bedient er sich einer fast nüchternen Herangehensweise. Die Gegenwart wie die Vergangenheit wird mittels DNA Proben aufgearbeitet. Ein Kontrapunkt zum opulenten Stil und der stark emotionalen Handlung, in der es nicht zuletzt darum geht, inwieweit es außerhalb unserer Macht steht, dass die eigenen Kinder von Fremden beeinflußt werden.
Spätestens wenn Janis eine Tortilla de patata zubereitet, möchte man sich zu ihr an den Tisch setzen. Das Kino des Pedro Almodóvar geht auch durch den Magen. Almodóvar muss uns nichts mehr beweisen. Er macht es trotzdem. Große Empfehlung für Parallele Mütter.
Parallele Mütter (OT: Madres paralelas) Drama, E 2021
Regie Pedro Almodóvar Drehbuch Pedro Almodóvar Kamera José Luis Alcaine Schnitt Teresa Font Musik Alberto Iglesias Mit Penélope Cruz, Milena Smit, Rossy de Palma, Israel Elejalde Länge 123 Min.
Am 27. März 2022 fand in Hollywood mit der Verleihung der Oscars eine schwache Filmsaison zu einem unrühmlichen Ende. Die Academy of Motion Picture Art and Sciences machte in diesem Jahr ihrem Namen keine Ehre. Neuerliche Versuche, verloren gegangenes Publikum wieder vor die Fernsehgeräte zu locken, endeten in einem Desaster, das wohl auf seine Art und Weise in die Geschichte eingehen wird. Aber der Reihe nach.
2020 war ein großes Filmjahr. Einen Überblick gibt es hier zum Nachlesen. Retrospektiv war es ein richtiggehend glänzendes Filmjahr, alleine schon, wenn man sich die Kandidaten in der Kategorie Bester Film vor Augen führt. Aber auch Abseits der Oscars braucht sich das Jahr nicht zu verstecken. Nun bekamen wir aber die Auswirkungen der Pandemie voll zu spüren. Sean Bakers (The Florida Project) wunderbares Red Rocket wiederum (der Regisseur reiste eigens an, um seinen neuen Film bei der Viennale vorzustellen), ist dem Umstand geschuldet, dass Baker ein geplantes größeres Projekt unter den derzeitigen Produktionsbedingungen nicht verwirklichen konnte und sich mit einem kleinen Team seiner Wurzeln besinnte. Ein Glücksfall.
(Titelbild: Flee von Jonas Poher Rasmussen, DK/F/N/S 2021)
Die Oscars
Und eine Ausnahme. Gleich 10 Filme waren in diesem Jahr in der Kategorie bester Film nominiert. Wovon meiner Meinung nach bestenfalls drei auch hier ihre Berechtigung hatten. Neben Steven Spielbergs Meisterwerk West Side Story gehören dazu die schwer zugänglichen The Power of the Dog von Jane Campion und Drive my Car von Ryūsuke Hamaguchi. Es gibt immer glückliche Mitläufer, die es irgendwie unter die Nominierten schaffen. In diesem Jahr waren sie in der Überzahl.
Kurz bevor die Verleihung am Sonntag Abend im Dolby Theatre über die Bühne ging, könnte man über Twitter bereits von 8 Gewinnern lesen. Die Preise (unter anderen Schnitt und Ton) wurden kurz vor der Gala vergeben, um Zeit einzusparen, was im Vorfeld neuerlich für große Empörung sorgte, nur um sie nachträglich bruchstückhaft und ungeschickt erst wieder in die Show einzufügen. Die geplante Sendezeit übertraf man aber letzten Endes um knappe 45 Minuten. Der Abend was sogar länger als im vergangenen Jahr. Abgesehen davon, dass es wieder live Darbietungen aller in der Kategorie Bester Song nominierten Liedern gab, fand sich sogar Zeit für einen zusätzlichen Song aus Encanto, der nicht einmal nominiert gewesen ist. Oder Zeit für eine Hommage auf 60 Jahre James Bond, ohne auch nur einen mit dem Franchise verbundenen Gast einzuladen.
Weiters nicht nominiert waren Joel Coens optisches Meisterwerk The Tragedy of Macbeth, Maggie Gyllenhaals Frau im Dunkeln oder Pig von Michael Sarnoski, Spencer von Pablo Larraín oder Lin Manuel Mirandas In the Heights, der mit seinem Migrations-Musicaldrama die West Side Story quasi ins 21. Jahrhundert geholt hat. In diesem Jahr ist die Liste auffällig lang. Die der Nominierten so beliebig wie noch nie.
Es gab buchstäblich zwei Elefanten im Raum. Zum einen war man sich im Vorfeld unklar darüber, wie man mit den Krieg in der Ukraine umgehen sollte. Selbst eine Live Schaltung zu Wolodymyr Selenskyj war angedacht. Man entschied sich dazu zwei holprig formulierte Texttafeln einzublenden und für eine Schweigeminute in einer Werbepause. Einzig der 82 jährige Francis Ford Coppola fand im Rahmen der Der Pate Hommage flankiert von Al Pacino und Robert de Niro Worte zur Ukraine. Sonst herrschte Funkstille. Die Oscars waren aber auch noch nie eine politische Veranstaltung.
Macbeth (R. Joel Coen, 2021, AppleTV+)
Dann war da noch der Moment, von dem noch lange alle sprechen sollten. Als Chris Rock einen Witz über Jada Pinkett Smiths krankheitsbedingt kahlen Kopf machte, schmunzelte Will Smith zuerst und als er bemerkte, dass seine Frau das gar nicht lustig fand, ging er kurzerhand auf die Bühne und schlug Rock ins Gesicht. Nicht nur Chris Rock verfiel in eine sekundenlange Schockstarre, auch dem Publikum, vor Ort und zu Hause, schien es ähnlich gegangen zu sein. War das ein weiterer misslungener Scherz, derer es an diesem Abend zahlreiche gab?
Nachdem Will Smith aber anschließend von seinem Platz aus noch nachschob, Rock solle den Namen seiner Frau nie wieder in seinen verdammten Mund nehmen, inklusive gleich zwei Mal dem im US-Fernsehen verpönten F-Wort, war klar, das dies nicht Teil der Show war (Das US-Fernsehpublikum erfuhr übriges erst später von den Details, da der Ton bei der Übertragung stumm geschalten wurde). Im Nachhinein erfuhr man, dass Denzel Washington und TylerPerry (oder wars Bradley Cooper?) in der folgenden Werbeunterbrechung Smith für ein Gespräch zur Seite holten. Sonst tat man so, als wäre nichts geschehen. Als Will Smith dann den Oscar für sein Rolle in King Richard als Vater der Williams Schwestern erhielt, sprach er davon, wie Richard Williams immer seine schützende Hand über die Familie gehalten hatte und dieses Gefühl, das tun zu müssen, hatte er selbst eben auch gehabt. Er entschuldigte sich bei der Academy. Ein absurder Moment.
Es stand folglich alles im Schatten dieses Eklats. Die In Memoriam Sequenz fiel zwar großzügiger aus (im vergangenen Jahr konnte man aufgrund des Tempos, in dem die Verstorbenen aufschienen, nicht einmal die Namen richtig lesen), allerdings mit eigenwilliger Musik. Selbst dass Bill Murray bewegende Worte zu Ivan Reitman fand, konnte den Moment nicht retten. Dass Jamie Lee Curtis zum Gedenken an Betty White mit einem Welpen auf er Bühne stand, wunderte zu diesem Zeitpunkt vermutlich kaum noch jemanden.
Bereits früher am Abend hielt Troy Kotsur eine bewegende Rede, als er seinen Oscar für seine Rolle als Bester Nebendarsteller in Coda entgegen nahm. Es war auch der Moment, in dem klar war, welcher Film am Ende als Sieger hervorgehen würde. In Gebärdensprache machte er deutlich, wie wichtig der Film für alle Taubstummen und deren Familie sei. Coda entpuppte sich erst kurz vor der Verleihung als Favorit. Der Film konnte alle seine drei Nominierungen in goldenen Statuen verwandeln. Ganz im Gegensatz zum 12-fach nominierten The Power of the Dog, für den einzig Jane Campion als Beste Regisseurin (nach Chloé Zhao die zweite Frau in Folge) ausgezeichnet wurde. Allgemein waren die Statuetten in diesem Jahr weniger gleichmäßig verteilt als im vergangen Jahr. Dune erhielt ganze 6 Oscars, allerdings in den technischen Kategorien. So sticht auch in diesem Jahr kein großer Gewinner hervor.
Instagram, 28. März 2022
Die Kategorie Bester Animationsfilm wird offenbar immer noch als inoffizieller Bester (Disney) Kinderfilm geführt. Andernfalls hätte in diesem Jahr, in der wie immer stark aufgestellten Kategorie, der Dokumentarfilm Flee von Jonas Poher Rasmussen gewinnen müssen.
Hinter den Kulissen lag der Abend in den Händen von jenen, denen sowohl die Filme als auch die Preise völlig egal sind. Die Übertragung war eine Lehre für alle TV-Programmmacher, die sich einem möglichst breiten Publikum anbiedern möchten. In einem Jahr, in dem die Oscars so divers wie noch nie waren eine Enttäuschung für alle, die das Kino und Filme lieben. Mit Coda als Gewinner, der in anderen Zeiten wohl sein Publikum gefunden hätte, nun aber auf der kleinen Streamingplattform AppleTV+ sein Dasein fristet und wo man sich vehement weigert, den Film auf der großen Leinwand zu zeigen. Ein fatales Zeichen. So gesehen war die Gala eine Tiefpunkt gerade zu einer Zeit, die für das Kino ohnehin so schwierig ist. Dem nicht genug, rief die Academy via Twitter zur Wahl des Fan Favorite Movie auf. Es gewann überraschend Army of the Dead von Zack Snyder (Netflix). Dafür gab zwar keinen Statuette aber immerhin erwähnt wurde es in der Übertragung.
Erstaunlicherweise entstand in den Tagen danach keineswegs ein Konsens darüber, dass Smiths Kontrollverlust zu verurteilen sei. Am Montag nach der Verleihung entschuldigte sich Smith via Instagram. Der Text entstammt wohl eher einer Anwaltskanzlei. Es ist, wenn auch gemessen an der momentanen allgemeinen Situation völlig unbedeutend, ein für die Oscars sicherlich beispielloses Vorkommnis. Von diesem Abend wird sich die Academy so schnell nicht mehr erholen. Es wäre jedenfalls dringend notwendig, wieder ausschließlich Filme mit Kinostart zu nominieren.
Filmbesprechungen auf THE REEL THERAPIST zu den mit Oscars nominierten Filmen gibt es hier (Don’t Look up), hier (Dune), hier (Nightmare Alley), hier (Keine Zeit zu Sterben), hier (Licorice Pizza) und hier (Cruella). Links zu weiteren Filmen sind unten in der Bestenliste angeführt.
Das Filmjahr
Trotzdem, es gab sie, die feinen Höhepunkte des vergangenen Filmjahres. Wenn auch von der Academy größtenteils nahezu vollkommen ignoriert, sind heute viele via Streaming verfügbar. Hervorgestochen sind zahlreiche sehenswerte Musikdokus. Nachzulesen hier. Ansonsten wurden zahlreiche Blockbuster neuerlich um ein Jahr verschoben. Was die Filmverleihe leider wieder nicht davon abgebracht hat, kleinere Film über Monate verzögert in die Kinos zu bringen. Nicht selten ein bis eineinhalb Jahre nach den Premieren. Immerhin gibt es Kinostarts noch. In der folgenden Auflistung wurden manche Filme mit einer sehr kurzen Spielzeit bedacht oder sie wurden direkt über Streamingplattformen vermarktet.
Kurioserweise war West Side Story erst vor wenigen Wochen in aller Munde, als der Film bei Disney+ veröffentlicht wurde. Zum Kinostart um Weihnachten hat sich noch kaum jemand für die Neuauflage des Klassikers interessiert. Als Coda im vergangenen August bei AppleTV+ veröffentlicht wurde, hat von dem zukünftigen Oscargewinner auch kaum jemand Notiz genommen. Es ändern sich gerade die Vermarktungsstrategien in vielerlei Hinsicht. Die Entscheidung, welche Filme ins Kino kommen oder nicht, ist nicht mehr nachvollziehbar (Siehe Pixar: Das Animationsstudio von Disney hat seine letzten Filme nur mehr auf der eigenen Streamingplattform veröffentlicht). Darüber hinaus werden einzelne Filme nicht einmal mehr beworben, selbst unter Abonnenten nicht. Das hat zur Folge, dass sehenswerte Filme auf den immer noch nicht kuratierten Streamingplattformen in der Fülle des Angebots untergehen. Es ist ein Ziel, dass ich mit der Seite THE REEL THERAPIST verfolge, zumindest einen kleinen Überblick zu geben und auf den ein oder anderen Film aufmerksam zu machen.
In den jeweiligen Filmbesprechungen befinden sich die Links zu den Filmen, sollten sie gerade online verfügbar sein. In den meisten Fällen sind sie in den Streamingabos inkludiert. Es ist eine vorläufige Übersicht. Der ein oder andere Film kann sich in den kommenden Wochen noch dazugesellen.
Kaum einer kann auf eine vielseitigere und ungewöhnlichere Filmografie zurückblicken als Nicolas Cage. Sowohl im Blockbustergenre hat er sich einen Namen gemacht, als auch im Drama und in einem Kino der Extreme. Nun ist sein Schaffen um einen Höhepunkt reicher. Im Debüt von Regisseur und Drehbuchautor Michael Samoski begibt er sich auf einen Rachefeldzug, der so gar nicht unseren Erwartungen entspricht. Dafür ist Pig nämlich viel zu klug konstruiert. Es hätte nach 27 Jahren die zweite große Chance für Nicolas Cage sein können, einen Oscar als Bester Schauspieler zu erhalten. Leider hat die Academy den gesamten Film ignoriert.
Darum geht es
Robin „Rob“ Feld (Nicolas Cage) lebt in einer einsamen Hütte mitten im Wald. Einzig sein Trüffelschwein leistet ihm Gesellschaft. Die Besuche des Zwischenhändlers Amir (Alex Wolff), an den er die Trüffel verkauft, sind alles andere als eine willkommenen Abwechslung. Rob sucht die Einsamkeit und braucht keinen Ansprechpartner. Als eines Nachts sein Trüffelschwein gestohlen wird, begibt er sich mit Hilfe von Amir gezwungenermaßen auf die Suche in die Stadt. Es ist lange her, dass er unter Menschen war. Ein Schicksalsschlag hat ihm zu dem gemacht, was er heute ist. Manche erinnern sich sogar nach vielen Jahren an ihn. Genauso wie er sich an sie erinnert. Wer war Robin Feld und wer hat es auf sein kostbares Schwein abgesehen?
Nicolas Cage on fire (Pig, 2021)
Kommentar
Es ist wohl dem Mut und der Experimentierfreudigkeit von Menschen wie Nicolas Cage zu verdanken, dass Filme wie Pig – den er auch co-produziert hat – überhaupt existieren. Klar, ein Film, in dem es um ein gestohlenes Trüffelschein geht und der sich von einem augenscheinlichen Rachethriller in eine völlig andere Richtung entwickelt, ist nicht für die Massen gemacht. Leider war es kaum möglich, den Film in Österreich auf der Leinwand zu sehen, bevor er nun bei Amazon Prime Video gelandet ist.
Dabei handelt es sich um einen Film, der ein dunkles Kino dringend benötigt. Es sind gerade die kleinen Dramen, die in einem Raum frei von Ablenkungen ihre größte Sogwirkung entfalten können. Pig ist ein intensives Seherlebnis ohne dabei ständig am Limit der Erträglichkeit sein zu müssen. Der Film ist zwar erst ab 16 Jahren freigegeben, was aber nicht bedeutet, dass die 91 Minuten von destruktiver Gewalt bestimmt sind. Ganz im Gegenteil.
Pig erinnert vor allem zu Beginn an Leave No Trace von Debra Granik. Ebenfalls in den Wäldern rund um Portland, Oregon angesiedelt handeln beide Filme von Aussteigern und zu Beginn ist nicht ganz klar, wovor sie weggelaufen sind. Es ist ein düsterer Film, keine Frage. Wegen der Thematik genauso, wie aufgrund der visuellen Umsetzung. Robs Vergangenheit lastet zu sehr auf ihm, um hier auch nur einen Keim an Optimismus aufkommen zu lassen. Er läßt es seinen verwahrlosten und leidgeplagten Körper spüren. Weil sich uns aber der Charakter nach und nach offenbart und wir uns längst unbemerkt auf seine Seite gestellt haben, versprüht der Film keine Trostlosigkeit. Das gipfelt in einem Finale, mit dem wohl niemand gerechnet hat.
Davor tauchen wir in eine Zwischenwelt ein, die die meisten von ins wohl nicht gekannt haben. Es ist ein Netzwerk aus Lieferanten von Delikatessen und Küchenchefs, das einem Gangsterfilm entsprungen sein könnte. Die Stadt und die Interieurs ähneln in ihrer Unübersichtlichkeit jener des Waldes zu Beginn. Ein Stadtdschungel im wahrsten Sinne des Wortes. Mitten drin der anfangs wortkarge Rob (mit Alex Wolff hat Cage übrigens einen kongenialen Partner an seiner Seite), der von einem inneren Schmerz angetrieben wird, der dem Charakter eine unglaubliche Tiefe gibt und dessen Motivation nicht die Vergeltung ist. Nicolas Cage, der sich in den letzten Jahren dem Horrorgenre zugewendet hat, ist die Rolle auf den Leib geschrieben..
Regisseur und Drehbuchautor Michael Samoski schafft es in drei Kapiteln und knapp eineinhalb Stunden eine tiefgründige und komplexe Story glaubwürdig und in einem langsamen Tempo zu erzählen. Pig ist nicht jedermanns Sache. Dafür ist er viel zu kompromisslos. Allerdings öffnet uns Samoski gegen Ende eine neue Perspektive, die von einer tiefen Menschlichkeit geprägt ist. Dann ist Pig auf einmal ein Film über Verlust und eine verlorengegangene Liebe. Doch am Anfang steht ein in der Dunkelheit um sein Leben quiekendes Trüffelschwein. Diesen Bogen zu spannen ist ganz große Erzählkunst.
Pig Drama, USA 2021
Regie Michael Samoski Drehbuch Michael Samoski Kamera Patrick Scola Schnitt Brett W. Bachman Musik Alexis Grapsas, Philip Klein Mit Nicolas Cage, Alex Wolff, Adam Arkin Länge 91 Min. Streamingplattform Amazon Prime Video
Wenn die Oscars irgendwie die Spitze des Eisbergs sind, dann kann man anhand der heurigen Nominierten erahnen, dass es nicht das stärkste Filmjahr gewesen ist. Da ist diesmal deutlich mehr als ein lucky-to-be-there Kandidat dabei. Dafür ist das Jahr 2021 an einer ganz anderen Front aufgefallen. Das zweite Jahr der Pandemie hat uns eine Fülle an großartigen Musikdokus beschert. Es finden sich große Namen vor und hinter der Kamera. Nahezu sämtliche Filme sind über Streamingdienste verfügbar.
Bereits vor einen Jahr wurde Billie Eilish: The World’s a little blurry (AppleTV+) veröffentlicht. Die Dokumentation gibt spannende Einblicke in das Leben des jungen Popstars. Mehr dazu hier. Billie Eilish ist in dieser Auflistung insofern die Ausnahme, weil alle anderen Filme gleich mehrere Jahrzehnte zurückblicken.
The Beatles in den Abbey Road Studios (The Beatles: Get Back)
Auf wenige Tage im Jänner 1969 konzentriert sich The Beatles: Get Back (Disney+) von Peter Jackson. In drei Teilen und sage und schreibe 468 Minuten sehen wir die vier Musiker bei der Arbeit. Wie schon bei Jacksons They Shall not grow old (2018, AppleTV+, gegen Gebühr) verbirgt sich hinter der Dokumentation eine technische Meisterleistung. Neuerlich wurde das Filmmaterial digitalisiert, verfeinert, koloriert und in 4K-Qualität umgewandelt. Noch nie waren die Beatles scheinbar so zum Greifen nahe. Es ist ein intimes Zeitdokument, dass die Gruppe der Nachwelt hinterlassen hat. Die Beatles befanden sich bereits in einer Krise, die sie nicht mehr überwinden konnten. Paul McCartney versuchte die Band noch einmal zu einem Liveauftritt, dem ersten seit August 1966, zu bewegen, was die anderen Mitglieder anfangs ablehnten. Der Film zeigt die Probenarbeit zu ihrem letzten Album Let it Be, die mit ihrem letzten Liveauftritt, dem Rooftop-Konzert auf dem Dach des Abbey Road Studios, ihr Ende fanden.
Dazwischen liegen drei Wochen, in denen ständig die Kameras und Mikrofone auf die Band gerichtet waren. Albernheiten, Spannungen und geniale Improvisationen machen diese Stunden zu einem wahren Genuss für Musikliebhaber. Die Bild- und Tonqualität ist so überwältigend, dass man fast ein Eindruck erhält, mit ihnen im Studio zu sitzen. In einer Sequenz improvisiert McCartney auf der Gitarre und man ist hautnah dabei, wie er sich in wenigen Minuten an die Melodie von Get Back herantastet. Klar zu spüren ist die Dominanz von Lennon und McCartney gegenüber den anderen beiden Bandmitgliedern. George Harrisons Versuche, sich mehr einzubringen, werden schnell im Keim erstickt. Das führt zu dem dramatischen Höhepunkt der Dokumentation, als Harrison nämlich beschließt, die Band zu verlassen. Erst realisieren es die anderen nicht so recht, doch spätestens am nächsten Morgen kommt die Ernüchterung. Es ist der Moment, als eine der größten Bands des 20. Jahrhunderts kurz vor dem Aus steht. Die knapp acht Stunden von The Beatles: Get Back sollte man sich nicht nur als Beatles Fan nicht entgehen lassen. Sie verraten auch, mit welchen gruppendynamischen Prozessen Bands zu kämpfen haben.
Paul McCartney und Rick Rubin in McCartney 3,2,1
Mehr als ein halbes Jahrhundert später steht Paul McCartney mit Rick Rubin im Tonstudio und hört sich die Bänder der Originalaufnahmen der Beatles an. In McCartney 3,2,1 (Disney+) erfahren wir, wie einzelnen Passagen entstanden sind und woher so mancher Titel stammt. Die Melodie von Hey Jude beispielsweise kam ihm im Schlaf. Es ist fast ein Wunder, dass sie überhaupt erhalten blieb. Aufnahmegerät war damals natürlich so schnellt keines zur Stelle. Zumal sich McCartney nicht sicher war, ob er da überhaupt nur eine fremde Melodie aus seiner Erinnerung abgerufen hatte. Es ist jedenfalls erstaunlich, mit welch Begeisterung er sich seine alten Kompositionen auch heute noch anhören kann und Anekdoten darüber erzählt. Rick Rubin, der bloßfüßige Rübezahl, hört nicht weniger gespannt zu als wir selbst.
The Sparks Brothers, Edgar Wright 2021
Zwei namhafte Regisseure haben sich zwei weiteren legendären Bands angenommen. Edgar White gibt in The Sparks Brothers („When do i get to sing „My Way““) einen pointierten Überblick über die Karriere der Sparks. Die Brüder Ron und Russell Mael sind seit Anfang der 1970er bekannt für ihre exzentrischen Auftritte und ihren experimentellen Sound. Trotzdem sie sich immer gegen alle Konventionen stellten, ist die Band seit Jahrzehnten erfolgreich und gerade deswegen auch Inspiration für zahlreiche Musiker ab den 1980er Jahren. Von den Sparks ist zudem der Soundtrack von Leo Carax‘ Annette. Die Dokumentation gibt es zur Zeit auf diversen Plattformen zum Ausleihen.
The Velvet Underground von Todd Haynes
Todd Haynes‘ The Velvet Underground (AppleTV+) behandelt die Phase von der Gründung bis zu dem Moment, als Lou Reed die Band verlässt. Die Bandmitglieder John Cale und Maureen Tucker kommen zu Wort. Der Film erfasst die Band als Phänomen ihrer Zeit und weniger als klassische Rockband. The Velvet Underground war nicht zuletzt wegen des Produzenten Andy Warhol stark im Umfeld der Factory verankert. Ihr Einfluss auf kommende Musiker war enorm. Haynes verwendet über weite Strecken Splitscreens und so erhält man den Eindruck einer Collage. Durch den eigenwilligen Stil gelingt es den experimentellen Charakter der Band einzufangen. Ein Film nicht nur über Musik, sondern über Kunst an sich. Man bekommt sofort Lust wieder The Velvet Underground zu hören.
NINA SIMONE auf dem Harlem Cultural Festival im Jahr 1969.
Eines der großen Ereignisse des vergangenen Jahres ist Summer of Soul (…Or, When the Revolution Could Not Be Televised) (Disney+). Der Dokumentarfilm von Questlove (The Roots) zeigt bisher unveröffentlichtes Filmmaterial des Harlem Cultural Festival. Es fand im Sommer 1969 an sechs Sonntagen im Mount Morris Park in New York City statt. Während das zur gleichen Zeit nicht weit entfernt stattfindende Woodstock Festival einen hohen Bekanntheitsgrad errang, war bis jetzt über diese Konzertserie, der rund 300.000 Menschen beiwohnten, kaum etwas bekannt. Das lag daran, dass damals kein Interesse an einer Veröffentlichung der vielen Stunden Filmmaterial bestand und ist damit, dass sich die Veranstaltung explizit an schwarze AmerikanerInnen richtete. Wir der Titel verrät, wurde das Konzert, bis auf einige wenige Ausschnitte nie ausgestrahlt. Dabei traten KünstlerInnen wie Nina Simone, Stevie Wonder, B. B. King, The Fifth Dimension und viele mehr auf. Das Festival war ein starkes Lebenszeichen der schwarzen Bevölkerung, die noch unter dem Schock der Ermordung von Martin Luther King und deren Folgen standen. Summer of Soul ist sowohl ein musikalisches als auch gesellschaftspolitisches Zeitdokument.
Billie Eilish: The World’s a little blurry Dokumentation, USA 2021 Regie R. J. Cutler Drehbuch R. J. Cutler Schnitt Lindsey Utz Musik Billie Eilish, Finneas O’Connell Mit Billie Eilish, Finneas O’Connell Länge 140 Min. Streamingplattform Apple TV+
The Beatles: Get Back Dokumentation, UK/NZ/USA 2021
Regie Peter Jackson Kamera Ben Davis Schnitt Jabez Ollsen Länge 468 Min. Streamingplattform Apple TV+
Paul McCartney 3,2,1 Dokumentation USA 2021
Regie Zachary Heinzerling Kamera Stuart Winecoff Länge 6 Episoden, je ca. 30 Min. Streamingplattform Disney+
The Sparks Brothers Dokumentation, USA UK/USA 2021
Regie Edgar Wright Kamera Jake Polonsky Schnitt Paul Trewartha Länge 140 Min. Auf diversen Plattformen zum Leihen verfügbar
The Velvet Underground Dokumentation, USA 2021
Regie Todd Haynes Kamera Edward Lachman Schnitt Affonso Goncalves, Adam Kurnitz Länge 110 Min. Streamingplattform Apple TV+
Summer of Soul (…Or, When the Revolution Could Not Be Televised) Dokumentation, USA 2021
Regie Ahmir „Questlove“ Thompson Kamera Shawn Peters Schnitt Joshua L. Pearson Mit Nina Simone, BB King, Mahalia Jackson, Stevie Wonder, The 5th Dimension, uvm. Länge 117 Min. Streamingplattform Disney+
Für viele ist es ein langersehnter Höhepunkt nach einem Jahr, in dem die Pandemie mit voller Wucht im Filmgeschäft zugeschlagen hat. Der Autodidakt Paul Thomas Anderson (Der Seidene Faden) gilt als einer der großen Regisseure des zeitgenössischen Hollywood. Seine Detailverliebtheit und sein Perfektionismus kommen ihm gerade in seinen Historienfilmen zugute. Im 1973 im San Fernando Valley spielenden Licorice Pizza verläßt er sich voll und ganz auf zwei Newcomer: Alana Haim und Cooper Hoffman.
Darum geht es
Im kalifornischen San Fernando Valley des Jahres 1973 entwickelt sich zwischen Mittzwanzigerin Alana Kane (Alana Haim) und Teenager Gary Valentine (Cooper Hoffman) eine ungewöhnliche Freundschaft. Doch inmitten des alltäglichen Trubels aus Gelegenheitsjobs und Schauspielkarriere, Freunden und Politik entstehen mit der Zeit auch intensivere Gefühle. (UIP)
Cooper Hoffman und Alana Haim
Kommentar
Es verhält sich ähnlich wie bei Quentin TarantinosOnce upon a time in … Hollywood. Seine Hommage an Hollywood spielt nur wenige Jahre früher und ist ebenso als Liebeserklärung an jene Zeit zu verstehen, wie nun Paul Thomas Andersons Licorice Pizza. Bei Tarantino war es hilfreich, etwas über die historischen Zusammenhänge und seine Figuren zu wissen. Zumindest hatte man dann mehr Spaß am Film. Während es bei Tarantino allerdings recht schnell nachzulesen war, ist das bei Anderson eigentlich unmöglich. Außer man liest sich durch die zahlreichen Filmbesprechungen.
Im ersten Moment macht das aber nichts, denn hier geht es vor allem um die wie wunderbaren Hauptdarsteller, die beide ihr Debüt geben. Alana Haim, eine von drei Schwestern, bekannt durch die gleichnamige Band und Cooper Hoffman, der 19-jährige Sohn von Philip Seymour Hoffman. Die Natürlichkeit mit der die Beiden spielen ist überwältigend, fast wie zufällig von der Kamera eingefangen. Die scheinbare Unmöglichkeit der Beziehung mit dem großen Altersunterschied wird durch die Leichtigkeit des Filmes aufgefangen. Und außerdem: im Kino ist alles möglich. Es ist Haim und Hoffman zu verdanken, dass wir es ihnen abnehmen.
Natürlich muss man nicht wissen, was es mit dem Titel auf sich hat. Auch nicht, welchen verrückten Typen Bradley Copper verkörpert oder wem Sean Penns Rolle nachempfunden ist. Selbst die Hauptfigur ist an ein reales Vorbild angelehnt. Wasserbetten, wie? John C. Reilly nicht entdeckt? Geschenkt. Die Aufzählung ließe sich nahezu endlos fortsetzen. Anderson verläßt sich in seiner Geschichte voll auf die Hauptdarsteller, die tolle Ausstattung und die Kostüme. Licorice Pizza ist ein optischer Genuss.
Einerseits hält sich Anderson nicht mit Details auf (wie bei der Figur von Bradley Cooper, der immerhin für einen sehr komischen Auftritt sorgt), dann räumt er aber einer Figur wir dem zukünftigen Stadtrat Joel Wachs (Bennie Safdie) viel Raum ein, sodass man auch ohne tieferes Wissen weiß, worum es geht. Das hat freilich damit zu tun, dass Alana bei ihm im Wahlkampf anheuert. Sonst mäandert der Film leichtfüßig von Episode zu Episode. Der Regisseur schwelgt in Nostalgie. Es ist richtiggehende eine Zeitreise, die gut unterhält. Vor allem, wenn John Michael Higgins als Betreiber eines japanischen Restaurants, der Fremdsprache nicht mächtig, sie seiner japanischen Geliebten gegenüber nur mit einem Akzent imitiert. Zum Schreien komisch.
Es ist nur schade, dass die zahlreichen Verweise an diese Zeit untergehen. Das mag für den ein oder anderen Filmnerd spannend sein aber für einen Großteil des Publikums bleiben sie verborgen. Am Ende bleiben vor allem die zwei Neuentdeckungen Alana Haim und Cooper Hoffman, die den Film so sehenswert machen. Ansonsten plätschert der Film über zwei Stunden so vor sich hin.
Licorice Pizza Drama, USA 2021
Regie Paul Thomas Anderson Drehbuch Paul Thomas Anderson Kamera Michael Bauman, Paul Thomas Anderson Schnitt Andy Jurgensen Musik Jonny Greenwood Mit Alana Haim, Cooper Hoffman, Bennie Safdie, Sean Penn, Bradley Cooper Länge 133 Min.
Vier Jahre nach Guillermo del Toros größtem Triumph The Shape of Water kehrt der Regisseur mit dem Thriller Nightmare Alley in die Kinos zurück. Ein großartiges Ensemble, allen voran Bradley Cooper und Cate Blanchett, führt uns in die Welt der schaurigen Jahrmärkte der ausgehende 1930 Jahre. Zumindest in der ersten Stunde. Dann geht der Film andere Wege. Del Toro bedient sich vor allem mit seinen Charakteren beim Film noir. Wer die zweieinhalb Stunden durchhält (im Kino stellt sich diese Frage wohl weniger, ab März läuft der Film bei Disney+), wird in der letzten Minute mit einem Ende überrascht, das unter die Haut geht.
Darum geht es
Stanton „Stan“ Carlisle (Bradley Cooper) möchte seine Vergangenheit hinter sich lassen und schließt sich einem fahrenden Jahrmarkt an. Clem (Willem Defoe), der Besitzer eines Geeks, gibt ihm vorerst als Helfer Arbeit. Stans Interesse gilt aber bald Zeena (Toni Collette) und Peter (David Strathaim), die auf dem Jahrmarkt mit Wahrsagerei ihr Geld verdienen. Er eignet sich ihre Tricks an und entpuppt sich bald als Unterhaltungstalent. Molly (Rooney Mara), die sich in ihrem Auftritt immer wieder unter Strom setzen läßt, macht er schöne Augen. Stan überzeugt Molly, ihr Glück zu zweit abseits des Jahrmarkts zu versuchen.
Nach einem Zeitsprung von zwei Jahren sieht man die beiden in vornehmerer Umgebung New Yorks als Wahrsager-Duo. Bei einem Auftritt lernen sie die Psychologin Dr. Ritter (Cate Blanchett) kennen. Sie ist sich bewusst, dass die beiden Betrüger sind. Da Dr. Ritter aber intime Tonbandaufnahmen der New Yorker High Society hat, wittert sie eine Geschäftsidee. Molly wendet sich wenig begeistert ab aber Stan lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein.
Die Sets von Nightmare Alley sind richtige Kunstwerke (Hier Cate Blanchett und Bradley Cooper in der Praxis von Dr. Ritter).
Kommentar
Es ist die zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans von William Lindsay Gresham aus dem Jahr 1946. Die Erstverfilmung ist bei uns unter dem Namen Der Scharlatan (Edmund Goulding, 1947. Mit Tyrone Power) bekannt und zur Zeit leider auf keiner Streamingplattform verfügbar. Der deutsche Titel verrät weit mehr darüber, womit wir es hier zu tun haben. Guillermo del Toro hat ein paar entscheidende inhaltliche Veränderungen vorgenommen und hält sich mehr an die Romanvorlage. Damalige Veränderungen waren wohl der Selbstzensur geschuldet. Es ist vor allem die letzte Szene, die noch lange in Erinnerung bleiben wird und ein regelrechtes Kopfkino in uns zum Laufen bringt.
Nightmare Alley spielt genau zum Beginn der Hochblüte des Film noir. In der visuellen Umsetzung orientiert sich del Toro allerdings weniger an den legendären Vorbildern. Es sind vielmehr die Thematik und die Figuren, die typisch für dieses Genre sind. Wir tauchen ein in eine Welt von Betrug und Mord. Die Protagonisten sind prototypische Antihelden, moralisch fragwürdige, gescheiterte Charaktere. Cate Blanchett gibt in ihrer grandiosen Darstellung die Femme fatale. Die typische Kameraführung und auch die harten schwarzweiß Kontraste gibt es hier nicht (Wobei unter dem Titel Nightmare Alley: Vision in Darkness and Light eine schwarzweiß Version veröffentlicht wurde.)
Besonders im Gedächtnis bleibt die erste Stunde auf dem Jahrmarkt. Man spürt den Moder und die Feuchtigkeit, glaubt die Alkoholfahnen riechen zu können. Del Toro und seine Setdesigner schaffen ein sehr immersives Erlebnis. Der Jahrmarkt ist nicht superartifiziell und nicht (vielleicht nur auf den ersten Blick) perfekt designt wie der Look von The Shape of Water, sondern erdiger und schmutziger. Die Aussenseiter und gescheiterten Figuren schaffen eine Unbehaglichkeit, die einem Kuriositätenkabinett gerecht werden, das vor dem Schlimmsten nicht zurückschreckt. Leider werden fast alle Charaktere in der Mitte des Filmes fallengelassen. Der Jahrmarkt weicht einer Art Deco Kulisse.
Im Zentrum des Jahrmarktes steht ein Geek. Geistig beeinträchtigte und gebrochene Menschen in Käfigen bissen vor Publikum Tieren den Kopf ab und wurden als Wilde vermarktet. Meist waren es Landstreicher, die gegen Kost und Logis ein elendes Dasein fristeten. Durch Opium wurden sie gehörig gemacht und am Ende wie Müll entsorgt. Es zählte allein die Sensationsgier der Menschen, die für ein paar Cent einen Blick auf ein Stück Elend werfen konnten.
Del Toros Detailverliebtheit spürt man an allen Ecken und Enden. Bradley Coopers Charisma hat auf uns die selbe Wirkung wie auf jene, die im Film seinen Täuschungen unterliegen. Willem Dafoe ist in seinem Element und hat sichtlich Freude daran, mit seinem Charakter in menschliche Abgründe abzutauchen. David Strathaim bleibt uns nach Nomadland neuerlich mit einer kleinen feinen Rolle im Gedächtnis. Rooney Maras Molly ist zwar die einzige Figur, die wir neben Stan fast den gesamten Film hindurch begleiten. Im zweiten Teil ist sie aber kaum mehr als Beiwerk.
Nightmare Alley lässt sich sehr viel Zeit für die Entwicklung der Charaktere. Nach einer starken Einführung in den Jahrmarkt gelingt es aber kaum, die Spannung für eine so lange Zeit zu halten. Da fällt vor allem der Antiheld als Protagonist ins Gewicht, genauso wie die artifizielle Ästhetik in der zweiten Hälfte. Keine Frage aber, der Film ist eine technisch starke Arbeit mit großartigen Darstellern und einer unvorhersehbaren Handlung, die es verdient gesehen zu werden.
Jetzt im Kino und ab März bei Disney+
Nightmare Alley Drama, USA 2021
Regie Guillermo del Toro Drehbuch Guillermo del Toro, Kim Morgan Kamera Dan Laustsen Schnitt Cam McLauchlin Musik Nathan Johnson Mit Bradley Cooper, Rooney Mara, Willem Dafoe, Cate Blanchett, Toni Collette, David Strathaim, Richard Jenkins, Ron Perlman Länge 150 Min.
Die Prinzessin zusammengekauert, ihr Gesicht vergraben im opulenten Hochzeitskleid. Das Plakat zu Pablo Larraíns Film Spencer gehört zu den schönsten der jüngsten Vergangenheit.Man kann vom britischen Königshaus halten was man möchte. Es zahlt sich diesmalwirklich aus, sich nicht genervt abzuwenden. Larraín ist hier Großes gelungen. Nicht nur seine Hauptdarstellerin Kristen Stewart lockt uns ins Kino. Das tragische Leben von Prinzessin Diana wird auf geniale Art und Weise auf wenige Stunden verdichtet. Erschütternd gut.
Darum geht es
Es ist der Weihnachtsabend 1991 und Prinzessin Diana (Kristen Stewart) ist auf dem Weg zum Schloss Sandringham in Norfolk im Osten Englands. Dort sollen die Weihnachtsfeierlichkeiten mit der Familie stattfinden. Diana kommt spät. Zieht sich gleich zurück. Sie meidet den Kontakt zu den anderen. Einzig ihre Zofe Maggie (Sally Hawkins) ist für sie eine Vertrauensperson. Das Verhältnis zu Charles ist mehr als angespannt. Seine Affäre ist Diana längst bekannt. Es sind die letzten Tage eines Märchens, das nie eines war.
Kristen Stewart als Prinzessin Diana
Kommentar
Pablo Larraín siedelt seine Geschichte wenige Monate vor dem Ende der Ehe von Charles und Diana an. Er spekuliert darüber, wie es wohl beim letzten gemeinsamen Weihnachten zugegangen sein mag. Dabei bedient er sich eines dramaturgischen Kniffes und konzentriert sich auf die intimen Momente mit Diana und 2-3 ihrer Bezugspersonen. Die Zusammentreffen mit dem Rest der Familie werden weitestgehend ausgespart.
Die erdrückende Atmosphäre im nicht nur zwischenmenschlich kalten Schloss ist unverkennbar Spiegel Dianas eigener Empfindungen. Gefangen in einem Luxuskäfig, wird sich das Mitleid in Grenzen halten. Allerdings gelingt es Larraín und Stewart die menschliche Ebene derart glaubwürdig zu vermitteln, dass man sehr wohl Mitgefühl empfinden kann.
Immer wieder, nicht nur in der famosen Eröffnungssequenz, verweist der Film auf Absurditäten, die den königlichen Alltag begleiten. Es sind Details, deren Ziel es aber nicht ist, die Lebensweise lächerlich zu machen. Es zeigt vielmehr, dass man so einfach nicht leben kann und das dieses Umfeld nichts anderes als Psychoterror ist. Privatsphäre gibt es nicht. Über jede Kleinigkeit bestimmt das Protokoll.
Der Soundtrack von Jonny Greenwood gehört zu den besten des Jahres: jazzig, klassisch, experimentell und bedrohlich. Neben der großartig spielenden Kristen Stewart sind Sally Hawkins als Zofe, Sean Harris, als einfühlsamer Küchenchef und Timothy Spall als inoffizieller Aufpasser zu sehen.
Spencer ist ein atmosphärisch dichtes Biopic geworden, dass sich auf wenige Tage fokussiert und dabei doch soviel über seine Protagonistin preis gibt. Einer der sehenswerteren Filme des vergangenen Jahres.
Gesehen während der Viennale 2021.
Spencer Drama, D/GB/USA/CHIL/2021
Regie Pablo Larraín Drehbuch Stephen Knight Kamera Claire Mathon Schnitt Sebastián Sepúlveda Musik Jonny Greenwood Mit Kristen Stewart, Jack Farthing, Sally Hawkins, Sean Harris, Timothy Spall Länge 117 Min.
Wer kennt sie nicht: die Gucci Handtasche. Auch in einer Ganzkörpervariante erhältlich, darf sie in keinem modebewussten Haushalt fehlen. Dazu am besten ein Sweater mit dem Gucci Schriftzug auf der Brust und die dazu passenden Schuhe mit dem Firmenlogo, auch dort so groß, dass man sich erst gar nicht Richtung Asphalt beugen muss, um es lesen zu können. Original muss nicht sein, es reichen Replika. Etwas in Vergessenheit geraten ist die spektakuläre Familiengesichte der Guccis und warum eigentlich schon lange keines der Familienmitglieder mehr im Unternehmen tätig ist. Ridley Scotts House of Gucci erzählt davon. Lady Gaga glänzt in ihrer zweiten Hauptrolle.
Darum geht es
Auf einer Party lernt Patrizia Reggiani (Lady Gaga) zufällig Maurizio Gucci (Adam Driver) kennen. Sie macht sich sogleich zielstrehbig daran, mit ihm ein Verhältnis zu beginnen. Sehr zum Missfallen von Rodolfo Gucci (Jeremy Irons), für den Patrizia nicht standesgemäß ist und der mit Aldo Gucci (Al Pacino) das Firmenimperium leitet. Während Maurizio angehender Rechtsanwalt ist, wird Paolo (Jared Leto), der exzentrische Sohn Aldos, von niemandem ernst genommen.
Maurizio setzt sich über den Willen seines Vater hinweg und heiratet Patrizia. Rodolfo bricht alle Beziehungen ab. Aldo sieht in Maurizio den einzigen legitimen Erben und bemüht ich darum, den Familienfrieden wieder herzustellen.
Nachdem Maurizio eine alte Beziehung zu einer Jugendfreundin (Camille Cottin) wieder aufnimmt, trennt er sich von Patrizia. Während in der Firma kein Stein auf dem anderen bleibt, plant Patrizia aus Rache ein Mordkomplott gegen ihren ehemaligen Ehemann.
Patrizia (Lady Gaga) ist der Umgang ihres Mannes Maurizio (Adam Driver) mit dem Firmenimperium gar nicht recht.
Kommentar
Viel musste Sara Gay Forden in ihrem 2001 erschienen und dem Film zugrundeliegenden Roman The House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour, and Greed nicht dazuerfinden. Die Familie Gucci lieferte eine Vorlage, die einer Seifenoper entsprungen sein könnte. Dem dramatischen Ende im Jahr 1995 ging mehr als ein Jahrzehnt ein Spiel aus Macht, Gier, Eitelkeiten und allerhand Verrücktheiten voran. Ganz so genau nimmt es Ridley Scott in House of Gucci mit historischen Details aber nicht. Das verstellt aber nicht den Blick auf eine unglaubliche Geschichte und interessante Persönlichkeiten.
„Father, Son and House of Gucci„
Patrizia Reggiani bekundet Verschwiegenheit
Rein optisch gibt der Film ordentlich was her (Kostüme von Oscar-Preisträgerin Janti Yates). Scotts visueller Stil ist schon sehr Gucci. Stilsicher in den 1980er Jahren verankert (auch musikalisch). Aus heutiger Sicht also immer an der Kippe zur Geschmacklosigkeit. Aber hat sich Scott zu sehr auf das reale Vorbild verlassen? Auf der Leinwand kommt das Ganze zwar sehr wohl kurzweilig daher aber ist doch frei von emotionalen Höhepunkten. House of Gucci ist etwas verloren im Schwebezustand zwischen Kriminalfilm und Familiensaga. Wäre da nicht Lady Gaga, die nach A Star Is Bornein zweites Mal ausserordentlich überzeugend spielt und den Film fest im Griff hat. Ihre Leinwandpräsenz ist unglaublich.
Für einen Kriminalfilm fehlt es aber an Spannung und eine Familiensaga verlangt nach mehr Dramatik. Da nutzt es nichts, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Unterhaltung folgt dann doch anderen Gesetzmäßigkeiten als die Realität es tut. Zu den restlichen schauspielerischen Leistungen gibt es geteilte Meinungen. Al Pacino und Jeremy Irons werden richtiggehend verbraten. Jared Leto ist bis zur Unkenntlichkeit geschminkt und spricht mit hoher dünner Stimme. Das wirkt unfreiwillig komisch. Adam Driver steht im Schatten von Lady Gaga. Da nützt der perfekt sitzende Anzug nichts. Wegen ihr allein wird man sich an House of Gucci zurückerinnern.
House of Gucci Drama, USA 2021
Regie Ridley Scott Drehbuch Robert Bentivegna, Becky Johnson Kamera Dariusz Wolski Schnitt Claire Simpson Musik Harry Gregson-Williams Mit Lady Gaga, Adam Driver, Jared Leto, Al Pacino, Jeremy Irons, Salma Hayek Länge 158 Min.
Italien ist für uns alle ein Sehnsuchtsort. Die Italiener mögen wir. Mit Einschränkungen. Die meisten anderen Menschen aus dem Süden bekanntlich eher nicht. Die Sprache. Das Meer. Das Essen. Das Temperament. Den Fußball. Und die Filme. Paolo Sorrentino blickt in derautobiographische Tragikomödie Die Hand Gottes auf seine eigene Jugend in Neapel zurück. Dabei nimmt er Bezug auf das italienische Kino der damaligen Zeit, ganz ohne nostalgische Verklärung. Für den Regisseur ist es laut eigenen Aussagen sein bisher persönlichster und intimster Film. Daher gilt er für viele als sein bisher persönlichster Film. Ein außerordentlich Unterhaltsamer ist er in jedem Fall.Bei den Filmfestspielen von Venedig gewann Sorrentino den Silbernen Löwen (Großer Preis der Jury).
Darum geht es
Neapel in den 1980er Jahren. Fabietto (Filippo Scotti) steht als jüngstes von drei Geschwistern inmitten seiner exzentrischen Großfamilie etwas auf verlorenem Posten. Der Vater (Toni Servillo) ist Bankdirektor, die Mutter (Teresa Saponangelo) Hausfrau. Die Schwester verbringt die meiste Zeit im Bad. Man bekommt sie kaum zu Gesicht. Mit dem Bruder (Marlon Joubert) teilt er sich ein Zimmer und geht einmal mit ihm zu einem Casting für Fellinis nächsten Film. Zu Tante Patrizia (Luisa Ranieri) fühlen sich alle Männer hingezogen. Auch jene in der Familie.
Bekanntschaften mit einem Filmregisseur und einem Schmuggler eröffnen Fabietto, der kurz vor dem Studium steht, neue Horizonte. Als Diego Maradona vom SSC Neapel verpflichtet wird, bekommt er als großer Fan des Vereins von seinem Vater eine Dauerkarte geschenkt. Es sollte sich als schicksalhaftes Geschenk herausstellen, das sein Leben verändern wird.
Ulrich Seidl läßt grüßen (Filippo Scotti, Teresa Saponangelo, Marlon Joubert und Toni Servillo. Foto von Gianni Fiorito).
Kommentar
Auch wenn uns Paolo Sorrentino seine eigene Vergangenheit auf eine witzige und äußerst skurrile Art und Weise näher bringt, ist es für sein Alter Ego Fabietto doch eine traumatische Jugendzeit. Pubertären Verwirrungen und der Leidenschaft zum Fußball, die ihren Höhepunkt in der Verpflichtung von Diego Maradona in der Saison 1984/85 erreichte, sind das eine. Für die Menschen in Neapel war damit die Hoffnung verbunden im Fußball mit dem reichen Norden mithalten zu können. Zwei Jahre später konnte der SSC Neapel dann tatsächlich seinen ersten Meistertitel feiern.
Auf der anderen Seite ist da die Orientierungslosigkeit. Theater und Film üben bereits eine gewisse Faszination auf ihn aus. Fabietto stellt sich der Frage, ob dafür Neapel nicht der falsch Platz ist. Die Hauptstadt lockt. Trotzdem dreht Federico Fellini gerade in Neapel und der Regisseur Antonio Capuano imponiert Fabietto mit seiner fast schon aggressiven Art und Weise, Kunst und Künstler herauszufordern. Er meint, die Geschichten liegen vor uns. Dafür muss man nicht nach Rom reisen.
In der ersten Hälfte bekommt die Familie den größten Raum. Hinter all den Übertreibungen kann man den wahren Kern der Figuren erahnen: die Späße der Mutter und ihr liebevolles aber auch angespanntes Verhältnis zum Vater, die exzentrische Großmutter oder die attraktive kinderlose Tante Patrizia. Dann aber kommt der Schicksalsschlag und der Film schlägt eine andere Richtung ein. Fabietto muss auf einemmal schneller erwachsen werden. Große Lebensentscheidungen stehen unmittelbar bevor. Der Humor tritt in den Hintergrund.
Sorrentino Hang zu Skurrilitäten, wie in der grandiosen Eröffnungssequenz (Wer kann da schon erahnen, mit was für einem Film man es zu tun hat. Bei der Viennale herrschte Stille im vollen Saal. Interessant zu sehen, wenn das Publikum einen Film nicht gleich einordnen kann), bereitet großen Spaß. Er verdichtet eine coming-of-age Geschichte auf einen sehr kurzen Zeitraum, genau rund um ein einschneidendes Ereignis, dass für ihn sein ganzes Leben verändert hat. Allerdings findet er zu keinem Schluss. Ein oder zwei Mal glaubt man ihn zu erahnen aber der Film breitet sich auf einer Länge von 130 Minuten aus. Zumal der Film da schon einiges vom anfänglichen Esprit eingebüßt hat.
Die Hand Gottes (OT: È stata la mano di Dio) Tragikomödie, IT 2021
Regie Paolo Sorrentino Drehbuch Paolo Sorrentino Kamera Daria D’Antonio Schnitt Cristiano Travaglioli Musik Lele Marchitelli Mit Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Soponangelo, Marlon Jaubert, uvva. Länge 130 Min. Streamingplattform Netflix
Man könnte meinen, in unserer aufgeklärten Gesellschaft gäbe es keine Tabus mehr. Maggie Gyllenhaal belehrt uns in ihrem Regiedebüt eines besseren. Worum es in der Romanverfilmung Frau im Dunkeln – im Original The Lost Daughter – eigentlich geht, bleibt tatsächlich lange im Dunkeln. Gyllenhaal fesselt uns aber von der ersten Minute an. Dank zweier grandioser Hauptdarstellerinnen und einem wunderbaren Team hinter der Kamera.
Darum geht es
Die Literaturwissenschaftlerin Leda (Olivia Coleman) verbringt alleine einen Arbeitsurlaub in Griechenland. Sie genießt es, dass sie von ihrem älteren Vermieter Lyle (Ed Harris) und auch vom jüngeren Will (Paul Mescal), der in der Strandbar arbeitet, begehrt wird. Die Ruhe am Strand wird bald von einer griechisch-amerikanischen Großfamilie gestört. Nina (Dakota Johnson), eine junge Mutter, scheint Leda an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern. Die ersten Begegnungen verlaufen nicht spannungsfrei. Leda fühlt sich gestört. Dann wird am Strand plötzlich Ninas kleine Tochter Elena vermisst.
In Rückblenden erfahren wir nach und nach, was sich hinter der immer wieder seltsam agierenden Leda verbirgt. In jungen Jahren (in den Rückblenden gespielt von Jessie Buckley) traf sie eine schockierende Entscheidung, für die man als Außenstehender im ersten Moment nur wenig Verständnis aufbringen kann.
Jessie Buckley spielt die junge Leda Caruso
Kommentar
Die allererste Szene deutet an, dass uns in den kommenden zwei Stunden einiges erwarten wird. Die darauffolgende Sequenz bricht sofort mit der gerade provozierten Erwartungshaltung. Leda fährt voller Urlaubsstimmung zur wunderbaren Musik von Dickon Hinchliffe die Küste entlang. Sie bezieht ein schönes Appartement und genießt die Ruhe am Strand. Maggie Gyllenhaal lässt uns sehr lange zappeln. Manche Handlungen Ledas machen uns misstrauisch. Was hat sie zu verheimlichen?
Frau im Dunkeln baut eine Spannung auf, obwohl lange vordergründig nicht viel passieren mag. Obwohl der Rahmen der Handlung vertraut zu sein scheint, wird über Ledas Beobachtungen aus der Entfernung und ihre Blicke ein beklemmendes Gefühl in uns hervorgerufen. Es ist klar, dass uns hier etwas verborgen bleibt. Bis Rückblenden einsetzen. Wir sehen Leda, die sehr jung zweifacher Mutter geworden ist. Erfüllung geben ihr aber nicht ihre zwei Töchter, sondern ihre Arbeit. Mehr sei hier zum Inhalt nicht verraten. Außerdem: Es ist Leda, die sich erinnert. Können wir ihr überhaupt trauen?
Was uns Gyllenhaal nach der Kurzgeschichte von Elena Ferrante auftischt, ist reich an Metaphern und feinen Zwischentönen aber auch Irritationen. Leda ist ein komplexer Charakter, wie ihn wohl nur wenige Schauspielerinnen so nuanciert spielen können wie derzeit Olivia Coleman, deren Stärke in kleinen Gesten liegt. Dabei muss man ihr jüngeres Ich Jessie Buckley in einem Atemzug nennen. Buckley ist so gesehen die große Überraschung des Films.
Die Geschichte kann eine erschütternde und schmerzhafte Erfahrung sein. Gyllenhaal erklärt nicht, was Leda antreibt. Vieles bleibt ungewiss. Genau das regt uns aber zum Nachdenken an. Frau im Dunkeln ist ein psychologischer Thriller. Mysteriös und aufreibend. Ein Film des Jahres und ein Triumph für Maggie Gyllenhaal..
Frau im Dunkeln (OT: The Lost Daughter) Drama, USA 2021
Regie Maggie Gyllenhaal Drehbuch Maggie Gyllenhaal Kamera Hélène Louvart Schnitt Alfonso Gonçalves Musik Dickon Hinchliffe Mit Olivia Coleman, Jessie Buckley, Dakota Johnson, Ed Harris Länge 121 Min. Streamingplattform Netflix