Schlagwort: 2021

  • THE GREEN KNIGHT ★★★½

    THE GREEN KNIGHT ★★★½

    Es gibt Filme, bei denen sich bei mir nach dem ersten Mal Ansehen nicht die große Begeisterung einstellt, wenngleich nicht zu bestreiten ist, dass es da etwas gibt, das sie zu etwas besonderem macht. Das war bei David Lowerys A Ghost Story (Viennale, 2017) so und gestaltet sich ähnlich bei seinem neuen Film The Green Knight, einer Geschichte rund um die Artus Legende. Diesmal muss man eine gehörige Portion Geduld mitbringen, um bis zum Ende durchzuhalten und die volle Schönheit dieses Fantasy-Dramas erfahren zu können.

    Darum geht es

    Der König (Sean Harris) hat Zahnweh. Die glorreiche Zeit ist längst vorüber. Den Weihnachtsabend verbringt er gemeinsam mit seinen Rittern an der runden Tafel. Als ein mysteriöser Reiter erscheint und ihm zum Duell auffordert, muss er passen. Der Geist ist willig, allein der Körper macht nicht mehr mit. Die Bedingung des Fremden: Man darf einen Schlag gegen ihn ausführen. Sollte er jedoch überleben, muss sein Gegner ihn in genau einem Jahr in seiner grünen Kapelle aufsuchen und wiederum einen Schlag über sich ergehen lassen. Gawain (Dev Patel), des Königs Neffe, stellt sich dem Fabelwesen, hab Mensch, halb Baum. Das Duell mutet mehr wie eine Hinrichtung an. Dann passiert gar seltsames und der Reiter zieht davon. Gawain hält es für ein Spiel. Fast ein Jahr vergeht, bis ihn König Artus an sein Versprechen erinnert und ihn auf eine Reise in den Norden schickt, um die Grüne Kapelle aufzusuchen und zu beenden, was ein Jahr zuvor begonnen hatte. Gawain, zufrieden mit seinem lasterhaften Leben und seiner Romance mit einer Lady (Alicia Vikander), macht sich widerwillig auf den Weg.

    Dev Patel und Alicia Vikander

    Kommentar

    Es gibt großartige Momente in The Green Knight, eingefangen in wunderschönen Bildern von Kameramann Andrew Droz Palermo. Zum Beispiel als Gawain im Wald ausgeraubt wird, gefesselt auf dem Boden liegt und verrottet, nur um in einer 360 Grad Kamerafahrt eine Wiederauferstehung zu erfahren. David Lowerys Erzählung strotzt vor visuellen Ereignissen. Er hat eine eigene mittelalterliche Welt erschaffen. Sie ist nicht nur finster, wie wir dieses Zeitalter ohnehin kennen, sondern voll Metaphorik, eingehüllt in Nebel, umgeben vom feuchten Duft von Erde und Moos. Es sind Stimmungen, die lange in Erinnerung bleiben werden.

    Is it wrong to want greatness for you?

    König Artus zu Gawain.

    Gleichzeitig verlangt er dem Publikum einiges ab. Das Erzähltempo ist bedächtig und es ist keineswegs immer klar, was hier vor sich geht. Es dauert eine ganze Weile, bis sich Gawain endlich auf den Weg machen muss. Lowery hat sich von der Ritterromanze Sir Gawain and the Green Knight aus dem 14. Jahrhundert inspirieren lassen. Die ursprüngliche Form der Erzählung ist im Film spürbar. Wir haben es mit keinem Abenteuer- oder Actionfilm zu tun, sondern mit einer Reise, die mehrmals vom Pfad des körperlichen Daseins abkommt.

    Jede Bewegung des grünen Ritters (kommt leider viel zu kurz vor, eine sehr spannende Figur!) wird von einem Knirschen und Knacken begleitet, das die Nähe der Natur in dieser Geschichte unterstreicht. Vikander hält einen eindringlichen Monolog über den Kreislauf der Natur. Gawain ist der Welt völlig ausgesetzt, hat sein behütetes Nest wohl noch nie verlassen. Seine Ängstlichkeit und Unsicherheit überträgt sich auf das Publikum, dem allerhand Interpretationsspielraum gegeben wird. Etwas, das viel zu selten ist, bekommen wird doch heute oftmals die Erklärung sofort und manchmal gleich doppelt geliefert. Auch so gesehen ist David Lowery ein erfrischender Film gelungen.


    The Green Knight
    Fantasie-Drama, 2021

    Regie David Lowery
    Drehbuch David Lowery
    Kamera Andrew Droz Palermo
    Schnitt David Lowery
    Musik Daniel Hart
    Mit Dev Patel, Alicia Vikander, Joel Edgerton, Sean Harris


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  • DUNE ★★★

    DUNE ★★★

    Es ist nicht zu bestreiten. In den vergangenen Wochen schlich sich eine gewisse Vorfreude ein. Endlich stand wieder ein Kinofilm an, bei dem neben dem Popcornfaktor auch mit Qualität zu rechnen war. Der Regisseur Denis Villeneuve hatte sich schon erfolgreich der Blade Runner Fortsetzung Blade Runner 2049 angenommen und bereits davor mit Arrival gezeigt, das er Fans von Science-Fiction durchaus zufriedenstellen kann. Nun wagte er sich an die Verfilmung des Dune-Zyklus von Frank Herbert. Die meisten bisherigen Versuche verschwanden in der Versenkung, bis überhaupt ein Kader gedreht worden war. David Lynch ist mit Der Wüstenplanet (1984) grandios gescheitert und übt sich seitdem in transzendentaler Meditation um die Schmach zu lindern. Für Villeneuve und sein Team nun Standing Ovation bei den Filmfestspielen von Venedig. Das ist schon großes Kino, was uns hier geboten wird. Die Euphorie liegt aber wohl eher im wunderbaren Aperol Spritz unter der italienischen Sonne begründet.

    Darum geht es

    Irgendwann in ferner Zukunft braucht man sich über die Klimaerwärmung keine großen Gedanken mehr zu machen. Statt über das Wetter zu Reden, sorgt man sich eher um gigantische Sandwürmer. Herzog Leto Atreides (Oscar Isaac) hat gerade die Verwaltung des Wüstenplaneten Arrakis, auch unter dem Namen Dune bekannt, übernommen. Er ist die einzig Quelle der wertvollsten Substanz des Universums, dem Spice. Nicht zuletzt ermöglicht sie das Überwinden großer Entfernungen. Für Reisen durch das Universum unerlässlich. Obwohl die Sache nicht ganz risikofrei ist, reist Leto mit Konkubine Lady Jessicas (Rebecca Ferguson), seinem Sohn Paul (Timothée Chalamet) und Gefolgschaft von seinem Heimatplaneten Caladon an. Die Vorahnungen bestätigen sich, und Leto gerät in einen Hinterhalt des Hauses Harkonnen unter Wladimir Harkonnen (hat auch schon besser ausgesehen: Stellan Skarsgård). Paul und Jessica fliehen zu den Einwohnern von Arrakis, den in der Wüsten lebenden Fremen.

    Paul und Jessica blicken einer ungewissen Zukunft entgegen.

    Kommentar

    Bei der Pressekonferenz nach der Premiere bei dem Filmfestspielen von Venedig meinte Denis Villeneuve, dass Autor Frank Herbert in den 1960er Jahren die Welt des 20. Jahrhunderts im Sinn hatte aber Dune aus heutiger Sicht fast eine prophetische Beschreibung der Gegenwart darstellt. Religion ist spätestens seit 9/11 als Kategorie in der Politik nicht mehr wegzudenken. Umweltfragen stehen ohnehin auf er täglichen Agenda, oder sollten es zumindest. Über allem schweben die Nachwehen des Kolonialismus und die damit einhergehende Ausbeutung von Ressourcen. Das Spice auf dem Wüstenplanet ist auf der Erde Kobalt, unverzichtbar für die Herstellung von Smartphones.

    Dieser Themenkomplex verleiht Dune also eine gewisse Aktualität. Es ist nur so, dass hier ein junger auserwählter weißer Mann in der Gestalt von Paul nun das Wüstenvolk retten soll. Ob das gegenwärtig der richtige Weg ist, um Kolonialismus zu thematisieren, darf bezweifelt werden. Weiters sind die unendlichen Weiten des Wüstenplaneten der unverkennbare Verweis auf die Problematik der Erderwärmung.

    Die Vorzüge von Villeneuves Dune liegen aber ohnehin woanders. Die Kamera von Greig Fraiser reiht ein imposantes Bild an das Nächste. Eines schöner als das Andere. Das Setdesign trägt sein übriges dazu bei: viel Beton und große Räume stehen der der kargen Wüste gegenüber. Der Sand scheint ständig im fließen begriffen, vor allem wenn sich die Sandwürmer annähern. Die Kreaturen liefern auch die einzigen größeren dramatischen Spannungsmomente.

    In David Lynchs Version der Geschichte zeichneten Toto und Brian Eno für den Soundtrack verantwortlich. Nun ist es Hans Zimmer, der mit einem mystisch orientalischen Klangteppich die Daumenschrauben anzieht. Understatement sieht anders aus. Aber dann wäre es auch nicht Hans Zimmer.

    Dune wartet mit einen regelrechten Starensemble auf. Wobei wir einzig Paul etwas näher kennenlernen. Viele anderen haben kurze Auftritte oder verschwinden bald wieder im Treibsand. Und dass, obwohl sich Villeneuve und seine Co-Autoren Eric Roth (A Star is Born) und Jon Spaihts (Prometheus) sehr viel Zeit lassen. Zu viel Zeit. Der Film hat nämlich kein Ende. Nach gut 2 1/2 Stunden werden wir ins Ungewisse entlassen.

    This is only the beginning

    Chani (Zendaya) von den Fremen hat in Dune das letzte Wort.

    Es ist schon ein gewagtes Unterfangen, einen Film mit dem Untertitel „Part 1“ zu versehen und eine Geschichte nicht fertig zu erzählen, ohne zu Wissen, ob es überhaupt eine Fortsetzung geben wird. Das hängt naturgemäß vom Einspielergebnis im Kino und auf der Streamingplattform von Warner ab und ist in der jetzigen Situation mehr als ungewiss. Das sollte man wissen, bevor man sich für einen Kinobesuch entscheidet. „Fortsetzung folgt nicht“, sagte Edgar Böhm in den 1980er Jahren im österreichischen Kinderfernsehen. Damals allerdings um Spannung zu erzeugen und Kinder zum Lesen zu motivieren. Hier könnte das schnell in Frust ausarten. Dune wirkt wie der hundertfünfundfünfzig Minuten Trailer zu Dune 2, in dem nicht all zu viel passiert. Sollte es eine Fortsetzung geben, wird man erst danach die Filme als gesamtes beurteilen können. Nach unzähligen Monaten ohne vergleichbare Blockbusternahrung scheint es Dune jedenfalls leicht zu haben, eine gewisse Euphorie zu verbreiten.

    Dune
    Science-Fiction, USA 2021

    Regie Denis Villeneuve
    Drehbuch Denis Villeneuve, Eric Roth, Jon Spaihts
    Kamera Greig Fraiser
    Schnitt Joe Walker
    Musik Hans Zimmer
    Mit Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac, Josh Brolin, Stellan Skarsgård, Dave Bautista, Zendaya

    Foto: Copyright: © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Credit: Chiabella James.


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  • THE SUICIDE SQUAD ★★★★

    THE SUICIDE SQUAD ★★★★

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    Ist der Ruf erst ruiniert … das Suicide Squad ist uns aus der Verfilmung aus dem Jahr 2016 nicht in bester Erinnerung. Über ihren Ruf muss sich dieses üble Pack rund um die Kultfigur Harley Quinn jedoch wahrlich keine Gedanken machen. Hier versammeln sich ohnehin die fiesesten Kriminellen des DC Comic-Universums. Kaum zu glauben, alles was beim ersten Versuch schief ging, gelingt hier. Es wird böse, witzig und so richtig blutig. Regisseur James Gunns Sinn für archaische Gewalt und derben Humor sorgt dafür, dass wir uns bald nur mehr an sein THE Suicide Squad erinnern werden.

    Darum geht es

    Die mysteriöse Task Force X unter der Leitung von Amanda Waller (Viola Davies) rekrutiert einen bunten Haufen Superbösewichte in einem Hochsicherheitsgefängnis und setzt ihn vor der Küste eines (beliebigen) Inselstaates ab. Es gilt das ehemalige Nazi-Gefängnis und nunmehrige Labor Jotunheim in der Hauptstadt zu zerstören. Bloodsport (Idris Elba) führt die Truppe widerwillig an. Harley Quinn (Margot Robbie), Col. Rick Flag (Joel Kinnaman), Peacemaker (John Cena), Polka-dot Man (David Dastmalchian), King Stark (Steve Agee) und Ratcatcher 2 (Daniela Melchior) machen es ihm allerdings alles andere als leicht. Es ist ein unberechenbarer Haufen, der sich selbst kaum unter Kontrolle halten kann. Am Ziel angekommen, müssen sie feststellen, dass man ihnen daheim wesentliches verschwiegen hat.

    Es ist groß, es ist böse und es ist bunt, was da durch die Wand kommt.

    Kommentar

    Superheldenfilme stehen wieder zur Diskussion. Die Befürchtung, dass die Studios mehr den je auf Filme setzen, die einem möglichst großen Publikum gefallen (müssen), ist sicher nicht unbegründet. Gleichzeitig sollen kleinere Produktionen direkt über diverse Streamingdienste vertrieben werden. Die letzten Monate haben gezeigt, dass dies funktioniert. Gespannt wartet man auf zahlreiche Blockbuster, die seit über einem Jahr zurückgehalten werden. Wenn sie dann endlich starten, werden sie nicht selten zeitgleich auf anderen Kanälen vermarktet. Zumindest Disney und Warner Bros. tun dies bereits. Was das für das Kino als ganzes bedeutet, können wir heute noch gar nicht ermessen.

    Hierzulande ist The Suicide Squad derweilen ausschließlich im Kino zu bestaunen und da ist er auch bestens aufgehoben. Ist das neueste Abenteuer von DC Comics doch eine erfrischende Abwechslung im Superheldeneinerlei. James Gunn konnte sich nach Herzenslust austoben. Am Ende stand in den USA ein R-Rating und bei uns eine Altersfreigabe ab 16 Jahren. Freunde des Splatterfilmes werden ihre große Freude haben. Es fliegen Köpfe, es werden Körper in der Mitte zerteilt und Gliedmassen zuhauf abgetrennt, untermalt von gschmackigen Soundeffekten. Die Boshaftigkeit der Charaktere schlägt sich im derben Humor nieder. Selbst visuell hebt sich der Film Dank der Imaginationskraft des Regisseurs von der Konkurrenz ab.

    Der überhöhte Stil folgt dem dunklen Wesen der Protagonistinnen. Bereits die Eröffnungssequenz ist fulminant und führt uns in die Irre. Das Tempo bleibt den gesamten Film über hoch. Naturgemäß steuert die Handlung auf das obligatorische Finale zu. Es wirkt aber weniger aufgesetzt, als bei den Marvel Filmen. The Suicide Squad ist auch etwas kürzer. Dass man während der Schlusssequenz nicht die Orientierung verliert, ist ebenfalls ein großer Verdient des Regisseurs. Da geht es nämlich tatsächlich drunter und drüber. An dieser Stelle muss auch das großartige Stuntteam erwähnt werden.

    Ein irritierend hässliches menschengroßes Wiesel, ein Wesen halb Hai halb Mensch, das für sein Leben gerne isst, was ihm gerade in die Quere kommt, auch wenn es ein Teammitglied ist und eine Ratte, die stets freudig winkt. Das ist alles ganz schön grotesk und albern. Dass bei all dem auch noch Platz ist, um nebenbei eine politische Botschaft anzubringen, die das (Anti-)Heldentum gar in Frage stellt, anstelle die US-Flagge wehen zu lassen, fügt sich gut zusammen und macht aus dieser Comicverfilmung auf jeden Fall eine der sehenswerteren.

    The Suicide Squad
    Comicverfilmung, USA 2021

    Regie James Gunn
    Drehbuch James Gunn
    Kamera Henry Braham
    Schnitt Fred Raskin
    Musik John Murphy
    Mit Margot Robbie, Viola Davies, Joel Kinnaman, Idris Elba, Daniela Melchior, David Dastmalchian, John Cena


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  • OLD ★★★½

    OLD ★★★½

    Ich schreibe diese Zeilen mit aller letzter Kraft. Die Augen werden immer schlechter. Die Haut wird plötzlich schrumpelig. Allein in der letzten Minute bin ich um Tage gealtert. Was wäre wenn … Mit diesem Gedankenexperiment beschäftigt sich der Regisseur M. Night Shyamalan in seinem neuesten Film. Soviel sei verraten, nach einer Durststrecke findet der für seine übernatürlichen Plots und überraschenden Wendungen bekannte Regisseur mit Old fast zu alter Form zurück.

    Darum geht es

    Ein einsamer Strand, auf dem die Gesetze der Zeit, so wie wir sie kennen, aufgehoben sind. Mehr muss man nicht wissen.

    Verzweiflung macht sich breit.

    Kommentar

    Neben all den immer wieder in leichten Variationen aufgetauten Geschichten, die uns so geboten werden, muss man Shyamalan einfach lassen, dass er Neues wagt und ein Gespür für interessante Stoffe hat. Es gibt ein Grundidee, um die sich die Erzählung dreht und am Ende einen überraschenden Plotttwist. Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Eine ungewöhnliche Wahl trifft er bei seinen Darstellern. Vicky Krieps (Der seidene Faden) und Gael Garcia Bernal (Neruda) geben ein interessantes Paar ab. Leider werden sie nicht all zu herausgefordert und das obwohl das Drehbuch genügend Raum dafür lassen würde. Nicht zum ersten mal brilliert Thomasin McKenzie (Leave No Trace, Jojo Rabbit) hier in einer Nebenolle und sticht auch aus dem sonst gut durchmischten Ensemble heraus.

    Die Kameraarbeit von Mike Gioulakis (Us, Under the Silverlake) ist bemerkenswert und übersteigt bei weitem das, was man sonst von Filmen aus dem Mainstream gewohnt ist. Mal mäandert die Kamera entfesselt und orientierungslos umher und dann verweilt sie in extremen Nahaufnahmen und schneidet Gesichter hart ab. Dazu bekommt man ein gutes räumliches Gespür für die Ausmaße dieses von Felsen umgebenen Strandes.

    Es beschleicht einen allerdings das Gefühl, es handle sich hier um eine entschärfte Fassung. Old ist brutal und grausam, das liegt schon allein im Grundmotiv begründet. Nur sieht man das Grauen meist nicht sondern nur die entsetzen Gesichter der Urlaubsgruppe. Das ermöglicht außergewöhnliche Einstellungen (siehe Bild oben). Gerade dort, wo man alles sieht, funktioniert es allerdings sehr gut. Das erkennt man an den Reaktionen im Publikum. Es hätten sich viel mehr Möglichkeiten geboten, feinstem Bodyhorror zu frönen.

    Es ist ein spannendes Gedankenexperiment, auf das Shyamalan durch das Grafic Novel aufmerksam wurde, das ihm seine Kinder vor ein paar Jahren zum Geschenk gemacht haben. Allerdings tun sich auch ein paar Fragen auf und gerade gegen Ende verläßt der Regisseur den Pfad der selbst in dieser Welt geltenden Logik und Naturgesetze. Das macht aus Old leider keinen großen Film aber einen, den man sich, vor allem wenn man Shyamalan Werke mag, auf jeden Fall an einem verregneten Sommerabend ansehen kann.

    Old
    Thriller, USA 2021

    Regie M. Knight Shyamalan
    Drehbuch M. Knight Shyamalan (nach dem Graphic Novel Sandcastle von Pierre Oscar Levy und Frederik Peeters)
    Kamera Mike Gioulakis
    Schnitt Brett M. Reed
    Musik Trevor Gureckis
    Mit Gel Garcia Bernal, Vicky Krieps, Thomasin McKenzie,


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  • IN THE HEIGHTS ★★★★½

    IN THE HEIGHTS ★★★★½

    Die Musicalverfilmung In The Heights nach einer Vorlage von Lin-Manuel Miranda (Hamilton) macht das, was das US-Kino am besten kann: das Kino zu einem Ort der Träume und großen Gefühle. Zweieinhalb Stunden reihen sich großartige Choreographien und Gesangsnummern, die ins Ohr gehen, aneinander. Dabei tritt eine Bevölkerungsgruppe ins Rampenlicht, die sonst im Verhältnis zu ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung in der Öffentlichkeit stark unterrepräsentiert ist.

    Darum geht es

    Usnavi de la Vega (Anthony Ramos) führt durch die Handlung. Er erzählt von Manhattans nördlichstem Stadtteil, den Washington Heights. Hier machen Hispanics und Latinos etwa 70% der Gesamtbevölkerung aus. Die Geschichte dreht sich um eine Straßenkreuzung, an der Usnavi einen kleinen Lebensmittelladen besitzt. Sein Cousin Sonny (Gregory Diaz IV) hilft ihm bei der Arbeit. Direkt in der Nachbarschaft leitet Kevin Rosario (Jimmy Smits) ein Taxiunternehmen und Daniela (Daphne Rubin-Vega) einen Beautysalon. Sie steht kurz davor, wegen der zu hohen Mieten in die Bronx zu übersiedeln. Kevins Tochter Nina (Leslie Grace) hat das Heimweh gerade aus Stanford Universität zurückgebracht.

    Als Usnavi die Möglichkeit erhält, die Überreste des Hauses seines Vaters zu erwerben, spielt er mit dem Gedanken in die Dominikanische Republik zu ziehen. Da ist aber auch noch Vanessa (Melissa Barrera), in die er verknallt ist. Sie träumt davon Modedesignerin zu werden. Auch sein Jugendfreund Benny (Corey Hawkins) macht ihm die Entscheidung nicht leicht. Zu stark ist die Bindung an seine Freunde. Sonny, den er zu gerne mit nehmen würde, ist zudem ein sogenannter Dreamer. Er lebt ohne offiziellen Aufenthaltstitel in den USA und kann das Land nicht einfach so verlassen.

    Als bekannt wird, dass jemand aus Washington Heights im Lotto gewonnen hat und der Schein aus Usnavis Laden stammt, beginnen alle von einer hoffnungsvollen Zukunft zu träumen.

    Selfempowerment anstelle von Resignation.

    Kommentar

    Irgendwann kommt der Moment für Jugendliche in den USA, da würden sie gerne den Führerschein machen oder auf einer Universität studieren. Einigen bleibt aber beides verwehrt. Obwohl sie oft schon seit frühester Kindheit im Land sind, haben sie keinen Aufenthaltstitel, da ihre Eltern illegal eingereist sind. Man nennt sie Dreamer. Barack Obama hat sie per Dekret zumindest vorübergehend vor der Abschiebung schützen wollen, Donald Trump widerrief es (was der Oberste Gerichtshof später seinerseits wieder beanstandete). Eine Kundgebung für diese Regelung ist Teil von In The Heights und eine der wenigen Veränderungen, die Lin-Manuel Miranda an seinem Broadway Erfolgsmusical aus 2005 für die Leinwandadaption vorgenommen hat.

    Hispanics und Latinos bilden in den USA einen Bevölkerungsanteil von rund 19%. Sie sind die größte Minderheit. Gleichzeitig wurde 2019 nur ein Anteil von 4,9% an Sprechrollen in Filmen mit dieser Bevölkerungsgruppe besetzt. Ein krasses Ungleichgewicht. Das ändern Miranda und Regisseur Jon M. Chu (Crazy Rich Asians) nun zumindest einmalig. Gleich ein ganze Reihe von großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern, die einem größeren Publikum bisher unbekannt waren, treiben die Handlung mit Elan und Charme voran. Anthony Ramos, Melissa Barrera und Leslie Grace: man wird von ihnen noch hören. Olga Merediz hat als Abuela hat einen großen herzzerreißenden Auftritt.

    In the Heights reißt uns schon in die zehnminütigen Eröffnungssequenz mit, hebt uns in den Himmel und trifft mitten ins Herz. Man spürt die drückende sommerliche Hitze und eine unglaubliche Energie, die von der Leinwand strömt. Sex-Appeal trifft auf Self-Empowerment. Das musikalische Talent von Autor, Komponist und Sänger Lin-Manuel Miranda ist ein Glücksfall. Die Inszenierung ist zwar etwas konventionell ausgefallen und erinnert sehr an die klassischen Hollywood Musicals. Aber was solls, wir bekommen genau das Richtige, um unsere Lebensgeister wieder zu wecken. Bereits beim ersten Mal im Kino möchte man fast mitsingen. Also, auf ein zweites Mal!

    In the Heights
    Musical, USA 2021

    Regie Jon M. Chu
    Drehbuch Quiara Alegría Hudes
    Kamera Alice Brooks
    Schnitt Myron Kerstein
    Musik Lin-Manuel Miranda
    Mit Anthony Ramos, Melissa Barrera, Stefanie Beatriz, Jimmy Smits, Leslie Grace, Dascha Polanco, Olga Merediz


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  • BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN ★★★½

    BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN ★★★½

    Während in so gut wie allen Filmproduktionen der vergangenen Monate die Covid-19 Pandemie mehr oder weniger ignoriert wurde, kommt von Regisseur Radu Jude nun der erste Film, dem unverkennbar anzusehen ist, wann er entstanden ist. In Bad Luck Banging or Loony Porn wird einer Lehrerin ein selbst gedrehter Amateurporno zum Verhängnis. Nicht nur beim Akt selbst werden hier Masken getragen. Jude nimmt das als Ausgangspunkt, um über die rumänische Gesellschaft zu reflektieren. Für das Publikum bedeutet das, sich erstmal das besagte Video in voller Länge anzusehen. Eine in ihrer Botschaft und Umsetzung radikale Arbeit. Die Jury in der diesjährigen Berlinale war überzeugt und verlieht dem Film den Goldenen Bären.

    Darum geht es

    Emi (Katja Pascariu) dreht mit ihrem Ehemann einen Amateurprono. Auf Umwegen gelangt das Video ins Internet und auf die Handys der Kinder der Lehrerin. Bad Luck Banging or Loony Porn teilt sich folglich in drei Kapitel auf. Zuerst läuft Emi durch Bukarest und versucht telefonisch die Wogen zu glätten und trifft sich mit ihrer Schuldirektorin (Claudia Ieremia). Im zweiten Teil werden in alphabetischer Reihenfolge Begriffe mit Archivmaterial erklärt und in Zusammenhang mit Rumänien gebracht. Darunter: Krieg, Kinder, Tyrannei, Patriotismus, Sex, Penis, Rassismus und Social Distancing. Abschließend kommt es an einem Elternabend zu einer Konfrontation von Emi und den aufgebrachten Eltern, die ihrerseits recht fragwürdige Ansichten vertreten.

    Die Empörung ist groß.

    Kommentar

    Ohne dem Publikum einen konkreten Erzählstrang zu bieten und mit dafür umso mehr Andeutungen und Provokationen kratzt Radu Jude an der Oberfläche der orthodoxen Gesellschaft Rumäniens. Aber nicht mit einem feinen Schweizer Messer, sondern mit einer scharfen Machete. Wie muss es sich im vollen Saal bei der Premiere während der Berlinale angefühlt haben, als zu Beginn die expliziten pornografischen Szenen zu sehen waren.
    Zum liefert die Sequenz eine Vorgabe, doch dann folgt der erste Teil, in der lange Kameraschwenks aufeinander montiert sind und mitten drin zufällig die Protagonisten durchs Bild läuft. Dass Passanten dabei in die Kamera lachen, stört den Regisseur nicht. Jude ist ein guter Beobachter. Auf den Straßen von Bukarest finden sich Bilder, die in Bezug zur Lage stehen, in der Emi gerade steckt. Konfrontationen von Autofahrern und Fussgänger scheinen hier auf der Tagesordnung zu stehen. Die Aggressionsschwelle ist niedrig.
    Der Mittelteil ist von der Handlung abgekoppelt und beschäftigt sich auf humorvolle aber ebenso provokative Art mit der Geschichte und Gegenwart Rumäniens. Die 26 in alphabetischer Reihenfolge vorgestellten Begriffe geben einen Vorgeschmack darauf, mit wem es Emi im dritten Teil zu tun bekommen wird. Die Eltern sind exemplarische Vertreter der rumänischen Gesellschaft vom General über einen Priester bis hin zu ehemaligen Ceaușescu-Anhängern. Die Empörung ist groß und wird noch durch die nervenaufreibende Pandemiesituation bestärkt. Antisemitismus, Heuchelei und Misogynie sind vorherrschend. Jude lässt kein gutes Haar an seinen Landsleuten.
    Bad Luck Banging or Loony Porn riskiert durch seinen radikalen Weg die Konzentration seines Publikums zu verlieren. Am Ende fügen sich die Teile jedoch sinnvoll zusammen. Das Finale ist an Absurdität nicht zu überbieten. Ein auf allen Ebenen aussergewöhnlicher Film.

    Bad Luck Banging or Loony Porn (OT: Babardeală cu bucluc sau porno balamuc)
    Satire, RO/LUX/CRO/CZ 2021

    Regie Radu Jude
    Drehbuch Radu Jude
    Kamera Marius Panduru
    Schnitt Cătălin Cristuju
    Musik Jura Ferina, Pavo Miholjevic
    Mit Katja Pascariu, Claudia Ieremia


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  • SPACE DOGS ★★★★

    SPACE DOGS ★★★★

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    Ein weiterer Film, der eine wahre Odyssee hinter sich hat. Die österreichisch-deutsche Koproduktion Space Dogs wurde bereits 2019 bei den Filmfestspielen in Locarno präsentiert. Erfreulicherweise hat die aussergewöhnliche Dokumentation von Elsa Kremser und Levin Peter nun doch noch den Weg in die Kinos gefunden. Das Regieduo schlägt einen ganz neuen Weg im Dokumentarbereich ein. Mystik, Wissenschaft und moderne Geschichtsschreibung vermischen sich zu einem spannenden Ganzen, dass uns lehrt, sich erstmal zurückzulehnen und zu beobachten.

    Darum geht es

    1957 wurde mit dem Forschungssatellit Sputnik 2 erstmals ein Lebewesen ins Weltall befördert. Die streunende Hündin Laika wurde dazu ausgewählt und in den sicheren Tod geschickt. Bereits wenige Stunden nach dem Start verstarb das Tier. Einer Legende nach kehrte sie als Geist zur Erde zurück und streift seither durch die Straßen von Moskau. Space Dogs folgt nun zwei Straßenhunden durch die Nächte der russischen Metropole. Der Film begibt sich dabei konsequent auf Augenhöhe mit den Tieren und eröffnet dem Publikum so eine ganz neue Perspektive auf die Welt und der Beziehung von Mensch, Tier … und Kosmos. Der Alltag ist durch einen ständigen Überlebenskampf geprägt. Die Brutalität auf der Straße findet sich auch in den wissenschaftlichen Laboren wieder. Bisher unveröffentlichtes Filmmaterial aus der Sputnik Ära zeigt die Vorbereitungen auf dem Weltraumflug. Die Grenzen von Wissenschaft und Propaganda verschwimmen.

    Kommentar

    Es ist eine Seltenheit geworden, im Kino mit etwas Neuem überrascht zu werden. Wie sich Kremser und Peter an das Thema Raumfahrt und im Speziellen an das erste Lebewesen im All annähern, ist wohl bisher einzigartig. Mit der Kamera (Yunus Roy Imer) begeben sie sich auf Augenhöhe mit den Straßenhunden in Moskau. Sie beobachten ohne zu inszenieren. Die sonst fast allen Tierdokumentationen eigene Vermenschlichung der Protagonisten gibt es hier nicht. Glaubt man sonst immer genau zu wissen, was die Tiere gerade so machen, unterstützt von einem Audiokommentar, weiß man es hier nicht. Man kann es nur vermuten. Das meiste bleibt rätselhaft. Man kann hierarchische Verhaltensweisen oder den Überlebenskampf im Großstadtdschungel erahnen. Mehr aber auch nicht.

    Nach einem fulminanten kosmischen Intro, werden die Sequenzen mit den Straßenhunden immer wieder durch Archivmaterial unterbrochen, das Kremser und Peter auf mühsame Weise aus einem Depot beschaffen konnten. Erstmals sieht man, wie damals mit den Tieren gearbeitet wurde und auf welche Weise die wissenschaftliche Arbeit für Propagandazwecke adaptiert wurde. Dabei wurde die Hündin Laika genauso mit bedacht ausgewählt, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin, die sich um die Hündin kümmern musste. Es sind Teil brutale Bilder, wie man sie von Tierversuchen kennt. Nach einer Eigendefinition soll Space Dogs ein Anti-Tierfilm sein. Das Publikum ist eingeladen, den Film für sich selbst zu entdecken. Etwas, das im Kino schon längst verloren geglaubt war. Im österreichischen Kanon der Dokumentarfilme hat dieser jedenfalls bereits einen wichtigen Platz eingenommen.

    Space Dogs
    Dokumentation, AUT/D 2019

    Regie Elsa Kremser, Levin Peter
    Drehbuch Elsa Kremser, Levin Peter
    Kamera Yunus Roy Imer
    Schnitt Jan Soldat, Stephan Bechinger
    Musik John Gürtler, Jan Miserre


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • ENOLA HOLMES ★★★½

    ENOLA HOLMES ★★★½

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    In zahlreichen Film- und Fernsehadaptionen musste die Romanfigur Sherlock Holmes schon einiges über sich ergehen lassen. Vorläufiger Höhepunkt war aber die BBC-Serie Sherlock mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman. Seit 2006 ist die Welt des Meisterdetektives um eine Facette reicher. Die Autorin Nancy Springer borgte sich bekannte Charaktere aus der Baker Street und schuf die Figur Enola Holmes. Als kleine Schwester von Sherlock und Mycroft zeugt sie genauso von scharfem Verstand und durfte fortan knifflige Fälle lösen. In der filmischen Umsetzung brilliert nun Millie Bobby Brown (Stranger Things) neben Helena Bonham Carter und Henry Cavill. Es sieht so aus, als wäre dies der Beginn eines neuen Netflix-Franchise.

    Darum geht es

    Genau am 16. Geburtstag von Enola (Millie Bobby Brown) verschwindet deren Mutter (Helena Bonham Carter) plötzlich spurlos. Das Mädchen verständigt ihre beiden Brüder Sherlock (Henry Cavill) und Mycroft (Sam Claflin). Während Sherlock durchaus beeindruckt vom Auffassungsvermögen seiner kleinen Schwester ist, möchte Mycroft sie in ein Internat stecken, damit sie richtige Umgangsformen lernt. Die ungewöhnliche häusliche Erziehung der Mutter ist Mycroft ein Dorn im Auge.

    Enola entschließt sich zu fliehen und sich auf die Suche nach ihrer Mutter zu begeben. Diese hat nämlich Spuren hinterlassen. Auf der Flucht trifft sie auf den ebenfalls abgehauenen Viscount Tewkesbury (Louis Partridge). Als sie erfährt, dass dessen Leben in Gefahr ist, beschließt sie, die Suche nach der Mutter aufzuschieben und dem jungen Adeligen zu helfen.

    Bald muss Enola erkennen, dass sie etwas Großem auf der Spur ist und ihre Mutter einige Geheimnisse vor ihr hatte.

    Die Leidenschaft für Rätsel liegt in der Familie

    Kommentar

    Millie Bobby Brown ist hinreißend. Indem sie sich in ihrer Rolle mit verschmitzten Blick direkt an das Publikum wendet, können wir gar nicht anders, als mit ihr auf die Reise zu gehen. Enola Holmes erzählt vom erwachsen werden eines Mädchens, dass auf der Suche nach sich selbst ist und dabei von einem Abenteuer ins nächste stolpert. Aber nicht nur. Im Hintergrund werden die gesellschaftspolitischen Themen des ausgehenden 19. Jahrhunderts behandelt. Enola möchte nicht bloß brave Dekoration in der Gesellschaft sein, wie es der Plan ihres Bruders Mycroft ist.

    In Mary Poppins wird der Kampf um die Rechte der Frauen nur am Rande gesteift. Die Mutter von Jane und Michael ist im Kampf für das Frauenwahlrecht engagiert. In Enola Holmes spielt dieses Thema eine zentrale Rolle. Hier ist es ebenfalls die Mutter (großartig: Helena Bonham-Carter), die hier aber zu drastischen Mitteln greifen wird. Es ist eine spannende Kombination, die uns einen neuen Charakter präsentiert und ihn abseits von Jack the Ripper in ein historisches Setting einbettet.

    Die Rätsel um Kriminalfälle kommen aber vorerst noch zu kurz. Die Fortsetzung ist schon auf Schiene und es bleibt zu hoffen, dass Enola zukünftig mehr zu tun bekommt. Potential ist auf jeden Fall vorhanden.


    Enola Holmes

    Krimi, 2020
    Regie Harry Bradbeer
    Drehbuch Jack Thome
    Kamera Giles Nuttgens
    Schnitt Adam Bosman
    Musik Daniel Pemberton
    Mit Millie Bobby Brown, Helena Bonham Carter, Herny Cavill, Sam Claflin, Louis Partridge
    Länge 123 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • LUCA ★★★½

    LUCA ★★★½

    Für all jene, die längst das Fernweh gepackt hat und sich nach Sonne, Strand, Pasta und Melonen sehnen, haben die Pixar Studios genau das Richtige. Luca spielt an der italienischen Riviera der 1950er Jahre und weckt nostalgische Urlaubs- und Sommergefühle. Ein farbenfroher Filmspass rund um eine ungewöhnliche Freundschaft für die ganze Familie. Wenn man von den paar Tagen absieht, an denen Onward: Keine halben Sachen im März 2020 in den Kinos lief, ist Luca nach Soul bereits der dritte Pixar-Film in Folge, der uns über die Streamingplattform Disney+ im Abo direkt nach Hause geliefert wird.

    Darum geht es

    Luca ist ein Seeungeheuer und lebt vor der Küste des italienischen Fischerdorfes Portorosso. Gelangweilt geht er seiner Arbeit nach – dem Hüten von Ziegenfischen. Seine Eltern erlauben dem neugierigen Teenager nicht an die Wasseroberfläche zu schwimmen. Luca jedoch hat eine Schwäche für all jenes, was von der Welt draußen zu ihm auf den Meeresgrund herabsinkt.

    Als Luca eines Tages auf das Seeungeheuer Alberto trifft, ändert sich sein Leben schlagartig. Alberto lebt an Land. Seeungeheuer haben nämlich eine besondere Fähigkeit: wenn sie komplett trocken sind, können sie sich in Menschen verwandeln. Werden sie wieder naß, verwandeln sie sich zurück. Luca folgt seinem neuen Freund in dessen Versteck. Die Faszination ist groß. Ein Poster einer Vespa animiert die beiden dazu, aus allerhand Schrott ein eigenes Moped zu basteln.

    In der Zwischenzeit steht im naheliegenden Fischerdorf der Portorosso Cup bevor. Ein Triathlon aus Radfahren, Schwimmen und Spaghettiessen. Nachdem sie das Mädchen Giulia in einer Auseinandersetzung vor dem überheblichen Fiesling Ercole rettet, beschließen die drei, in diesem Jahr gemeinsam den Lokalmatador Ercole zu schlagen, um sich mit dem Preisgeld eine Vespa zu kaufen.

    Als sich Luca und Giulia näher kommen, wird Alberto eifersüchtig. Schließlich treten Luca und Alberto ihrer Freundschaft willen gegen Giulia an. In einem turbulenten Wettbewerb laufen die Jungen Gefahr, dass ihre Deckung auffliegt. In der Zwischenzeit machen sich die Eltern von Luca auf die Suche nach ihrem Sohn. Es beginnt ein Rennen gegen die Zeit und die drei Freunde erkennen, dass sie nur gemeinsam gewinnen können.

    Der erste Film von Pixar, er eine Dreiecksbeziehung andeutet?

    Kommentar

    Zu Beginn fühlt man sich unweigerlich an Arielle – Die kleine Meerjungfrau erinnert. Sie teilt mit Luca das Faible für Gegenstände aus einer anderen Welt. Sehnsüchtig blicken die beiden an die Oberfläche und wollen nur eins: raus aus dem Wasser. Beiden gelingt dies, wenn auch unter unterschiedlichen Voraussetzungen. Sehr zum Missfallen der Eltern. Es sind nicht die einzigen Verweise, die Enrico Casarosa in seinen ersten Langfilm eingebaut hat. Daraus macht er erst gar kein großes Geheimnis. Casarosa will seinen Film als Hommage an das italienische Kino von Federico Fellini verstanden wissen. Marcello Mastroianni hat hier genauso seinen Platz, wie das italienische Temperament und Feinripp Unterleibchen. Unverkennbar ist auch ein weiteres Vorbild von Casarosa. Die farbenfrohe Landschaft und die markanten Wolkenstimmungen erinnern an die Studio Ghibli Filme von Hayao Miyazaki.

    Für Pixar ist das alles Neuland. Luca hat zwar nicht die tiefgründige Finesse wie beispielsweise der Vorgänger Soul aus dem vergangenen Jahr. Die Geschichte ist weitaus einfacher gehalten und läuft letzten Endes auf den Bewerb hinaus, auch wenn vehement versucht wurde, in der zwischenmenschlichen Beziehung von Luca und Alberto mehr zu sehen, als eine Freundschaft zwischen zwei Jungen, was der Regisseur ebenso bestimmt verneinte. Schließlich spielt dies auch überhaupt keine Rolle, denn Luca bietet gute Unterhaltung auf gewohnt technisch hohem Niveau. Wenn man davon absieht, dass wir diesmal nichts wirklich Neues zu sehen bekommen. Herzerwärmend ist Luca allemal.


    Luca
    Animationsfilm, USA 2021

    Regie Enrico Casarosa
    Drehbuch Jesse Andrews, Mike Jones
    Schnitt Catherine Apple, Jason Hudak
    Musik Dan Romer
    Stimmen in der eOV Jakob Tremblay, Jack Dylan Grazer
    Streamingplattform
    Disney+


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  • CRUELLA ★★★

    CRUELLA ★★★

    Jetzt verfügbar bei

    gegen extra Gebühr

    Ab 18. Juni im Kino

    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Mit Cruella de Vil bekommt nach Maleficent (2014/2019) eine weitere Antagonistin aus dem Hause Disney ihren großen Auftritt. Die Geschichte ist ein Prequel zum Zeichentrickfilm 101 Dalmatiner (1961), bzw. der Realverfilmung mit Glen Close aus dem Jahr 1996. Cruella hat einiges an Schauwerten und mit Emma Stone und Emma Tompson zwei hervorragende Hauptdarstellerinnen zu bieten. Darüber hinaus hat die 200 Millionen Dollar teure Neuverfilmung allerdings mit ein paar grundlegenden Problemen zu kämpfen, die auch nicht ein exorbitant teures Songpotpourri zu kaschieren vermag.

    Darum geht es

    Die kleine Estella (Tipper Seifert-Cleveland) ist ein ungewöhnliches Kind. Am auffälligsten ist ihr schwarzweiße Haarpracht. Zu rebellisch für das Schulsystem, plant ihre Mutter (Emily Beecham) sie aus der Schule zu nehmen und nach London zu ziehen. Auf dem Weg bittet sie ihre wohlhabende Arbeitgeberin um finanzielle Unterstützung, wird aber von deren Dalmatinern eine Klippe hinuntergestoßen. Von nun an auf sich gestellt, freundet sich Estella mit den zwei Ganoven Japser (Joel Fry) und Horace (Paul Walter Hauser) an und schlägt sich mit allerhand Gaunereien durchs Leben. Ihr großer Plan ist Modedesignerin zu werden. Um nicht aufzufallen, färbt sie sich die Haare rot.

    Als die Baroness von Hellman (Emma Thompson) auf sie aufmerksam wird, ändert sich ihr Leben schlagartig. Sie ist, wenn auch mit überheblicher Zurückhaltung, von ihren Modeentwürfen angetan. Als sie hinter das Geheimnis der Baroness kommt, wird die Wut in ihr immer stärker und sie beschließt, den Namen anzunehmen, den ihr schon ihre Mutter manchmal nachgerufen hatte: Cruella. Fortan verfolgt sie nur mehr das Ziel, die Baroness zu vernichten und ihre Rolle am Modehimmel einzunehmen.

    Emma Thompson als Baroness von Hellman

    Kommentar

    Es sind wenige Sekunden, die für die meisten Diskussionen gesorgt haben. Sie unterbrechen den Abspann von Cruella kurz und geben einen Vorgeschmack auf die bereits geplante Fortsetzung. Die Szenen leiten mit den Dalmatiner-Welpen Pongo und Perdita über in die aus dem Zeichentrickfilm bekannte Geschichte aus dem Jahr 1961. Damals war Cruella de Vil auf der Jagd nach den Dalmatiner-Welpen von Pongo und Perdita. Allein wie durch die Entwicklung des Charakters der Protagonistin die Brücke geschlagen wird, bleibt im Dunkeln. Emma Stones Cruella hat nämlich herzlich wenig mit der ursprünglichen Figur zu tun.

    Estella wird uns zwar als kleines widerspenstiges Mädchen und später als Revoluzzerin präsentiert, aber so richtig böse ist sie nicht. Das liegt vor allem daran, das sie in der Baroness eine Gegenspielerin hat, die eigentlich Cruellas Rolle als Antagonistin übernimmt. Somit ist Cruella unsere Bezugsperson mit einer nachvollziehbaren Agenda. Auch wenn wir erfahren, wo der spätere Hass gegenüber Dalmatiner herrührt, ist hier noch nichts davon zu spüren. Dalmatiner kommen überhaupt nur am Rande vor. So wirkt die ganze Geschichte etwas willkürlich. Die Transformation der Protagonistin ist mehr Mittel zum Zweck.

    Emma Thompson ist sichtlich in ihrem Element und genießt ihre Rolle als überheblicher und böser Kontrollfreak. Es gibt zwei Plottwists, wovon einer keine große Überraschung ist und der zweite sich sehr stimmig in die Geschichte einfügt. In beiden Fällen spielt die Baroness eine wesentliche Rolle. Thompson biete sich als erste Schauspielerin in diesem Jahr für einen Nebenrollenoscar an.

    Leider atmet Cruella den Charme eines fast komplett dem Computer entsprungenen Filmes. Die Atmosphäre des Swinging London mag trotz einer schier unendlichen Abfolge an Sechzigerjahre Hits nicht wirklich überspringen. Zumal Songs wie Livin‘ Thing des Electric Light Orchestra fehlt am Platz wirken. Der Score von Nicolas Britell geht dabei völlig unter. Endlose Kamerafahrten sind mehr technische Spielereien, als dass sie etwas zur Geschichte oder dem Charakter beitragen. Die Sets und die Ausstattung sind aber formidabel und ein optischer Genuss. Ebenso die Kostüme. Cruella könnte ein besserer Film sein, wenn da nicht der schale Beigeschmack wäre, hier ginge es nur um die Vermarktung eines Disney-Charakters.

    Zum ersten Mal wendet sich Disney an ein etwas älteres Publikum (10-12 plus). Gerade zu Beginn ist Cruella düster. Im Großen und Ganzen ist die Notwendigkeit aber fraglich. Im Kern geht es wie in nahezu jedem Märchenstoff um den Verlust der Mutter. Ein Flammeninferno kennt man aus zahlreichen Trickfilmen. Offenbar wird hier ein Unterschied zwischen Animation und Realfilm gemacht. Gerade der dürfte bei einem jüngeren Publikum aber zu vernachlässigen sein.

    Ein Markenzeichen fehlt neben Limousine, Dalmatiner und extravaganter Frisur: die Zigarettenspitze. Emma Stone hätte zu gerne etwas Rauch verblasen. Alleine die Politik von Disney verbietet es. Seit 2015 gilt ein rigoroses Rauchverbot in allen dem Konzern zugehörigen Sparten. Gut möglich, dass durch die anstehende Fortsetzung diese Vorgeschichte einmal in einem anderen Licht erscheinen wird. Jetzt gewinnt man jedoch den Eindruck, hier wurde ein Disney-Charakter dazu missbraucht, ein Franchise fortzuführen, das im Jahr 2000 mit 102 Dalmatiner ein unrühmliches Ende genommen hatte.

    Cruella

    Krimikomödie, USA 2021
    Regie
    Craig Gillespie
    Drehbuch Dana Fox, Tony McNamara, Aline Brosh McKenna, Kelly Marcel, Jez Butterworth, Steve Zissis
    Schnitt Tatjana S. Riegel
    Musik Nicolas Britell
    Mit Emma Stone, Emma Thompson
    Länge 134 Min.
    Streamingplattform Disney+
    Im Kino ab 18. Juni 2021




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