Schlagwort: 2021

  • tick, tick … BOOM! ★★★★

    tick, tick … BOOM! ★★★★

    im Abo

    Es ist ein Drama für sich, dass Musicals zur Zeit nicht zum populärsten Genre gehören, obwohl gerade großartige Arbeiten zu sehen sind. Neben Spielbergs West Side Story hat im vergangenen Jahr vor allem einer aufhorchen lassen: Lin-Manuel Miranda (Hamilton, Vaiana). In the Heights ist ein fulminantes Musical, zu dem er die Musik komponiert hat. Bei Tick, tick … BOOM! führt Miranda nun erstmals Regie. Es ist die Verfilmung eines autobiografischen Musicals des Komponisten Jonathan Larson, das Miranda gekonnt zu einem herzzerreißenden Biopic verknüpft hat.

    Darum geht es

    1992 präsentiert Jonathan Larson (Andrew Garfield) sein Musical tick, tick … BOOM! im New York Theatre Workshop (das Off-Broadway Theater ist bekannt dafür, dass hier dem Publikum neue Stücke vorgeführt werden). Darin erzählt er von seiner eigenen Schaffenskrise kurz vor seinem 30. Geburtstag zwei Jahre zuvor. Damals war Superbia, ein in der Zukunft spielendes Rockmusical, Larsons Lebensprojekt aber es gelang ihm lange nicht es zu finalisieren.

    Sein Freund Michael (Robin de Jesùs) bietet ihm einen Job bei einer Werbeagentur an, die Larson für seine Talente entsprechend entlohnen würde. Dazu kann sich der Vollblutkünstler nur schwer durchringen. Die Beziehung zu Susan (Alexandra Shipp) leidet unter seiner Obsession, das Musical fertigzustellen. Obwohl sie selbst Sängerin ist, hat sie wenig Verständnis dafür, dass er nichts anderes im Kopf hat als zu komponieren.

    Erst in der Nacht vor der Präsentation von Superbia kommt Larson die Idee für den letzten fehlenden Song. Der Workshop, in dem das Musical vorgestellt wird und bei dem unter anderen Stephen Sondheim (Bradley Whitford) anwesend ist, wird ein Erfolg. Allerdings möchte das ambitionierte Stück niemand produzieren und auf die Bühne bringen. Sondheim gratuliert ihm aber persönlich zum gelungenen Werk. Larsons Agentin Rosa Stevens (Judith Light) rät ihm, ein Stück zu schreiben, das mehr mit ihm selbst zu tun hat.

    Als nächstes arbeitet Larson an tick, tick, BOOM!, das die Rahmenhandlung des Filmes bildet. Am Ende des Filmes erzählt Susan von seinem letzten Musical Rent, das ein bahnbrechender Erfolg werden sollte. Jonathan Larson hat es aber nicht mehr erlebt. Er stirbt 1996 am Morgen der Premiere an einem Riss in der Aorta.

    Ein Leben für die Kunst (Andrew Garfield als Jonathan Larson)

    Kommentar

    Gerade wenn man mit der Geschichte von Jonathan Larson nicht vertraut ist, trifft einem das Ende mit voller Wucht. Lin-Manuel Miranda hat es für seinen Film extra hinzugefügt, eben genau deshalb, damit auch jene, die Larson nicht kannten, von seinen späteren Erfolgen und dem tragischen Ende erfahren. Das hat dem Regisseur Kritik eingebracht. Zu sehr lastet das dramatische Ende über dem gesamten Film.

    Dabei geht es in tick, tick … BOOM! um etwa ganz anderes. Was in den letzten Minuten in den Hintergrund gedrängt wird, ist das eigentliche kreative Schaffen Larsons. Der Film erzählt von der kompromisslosen Leidenschaft für die Kunst und den damit verbundenen Entbehrungen, was es bedeutet, für eine Sache alles aufzugeben. Das ist neben der überraschenden schauspielerischen Leistung von Andrew Garfield, der eine ganz neue Seite von sich zeigt und musikalisches Talent beweist, die große Stärke des Filmes.

    Miranda, der einst selbst die Hauptrolle im titelgebenden Musical spielte und das nach eigenen Angaben eine große Inspiration für ihn war, interviewte ihm Zuge der Vorbereitungen zahlreiche WeggefährtInnen Larson. In Archiven durchstöberte er Unterlagen des Komponisten und fügte Details an passenden Stellen ein. Zahlreiche Mitwirkende sind tatsächlich Broadway-Künstler. Sowohl das Moondance-Diner, in dem Larson arbeitete, als auch sein Appartment wurden penibelst genau rekonstruiert. Man spürt die Liebe, die in tick, tick … BOOM! steckt. Der Film ist eine Huldigung an den kreativen Schaffensprozess an sich und setzt Jonathan Larson ein würdiges Denkmal.

    tick, tick … BOOM!
    Musical, USA 2021

    Regie Lin-Manuel Miranda
    Drehbuch Steven Levenson
    Kamera Alice Brooks
    Schnitt Myron Kerstein, Andrew Weisblum
    Musik Jonathan Larson
    Mit Andrew Garfield, Vanessa Hudgens, Alexandra Shipp
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • DON’T LOOK UP ★★★

    DON’T LOOK UP ★★★

    Im Abo

    Eine Satire, die von der Wirklichkeit überholt wird. Gibt es das? Was von Regisseur Adam McKay (Vice – Der zweite Mann) als Persiflage auf Klimawandel- und Wissenschaftsleugner gedacht war, steht durch die COVID-19-Pandemie in einem völlig anderen Licht. Don’t Look Up tut das leider alles andere als gut. Was man vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte, dass nämlich eine unmittelbare Gefahr um Leib und Leben trotz eindringlicher Warnungen der Wissenschaft schlicht ignoriert wird, ist Teil unseres täglichen Lebens geworden. Der Film hat dem leider, trotz aller Ambitionen, nicht mehr all zu viel hinzuzufügen.

    Darum geht es

    Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence), eine Doktorandin in Astronomie an der Michigan State University, entdeckt einen ungewöhnlichen Kometen. Ihr Professor, Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio), berechnet, dass er die Erde und die Weltbevölkerung in sechs Monaten und vierzehn Tagen zerstören wird.

    Kurz nach der Entdeckung sitzen die Beiden in einer Militärmaschine Richtung Washington. Doch im Weißen Haus findet die Präsidentin (Meryl Streep) zum Erstaunen beider nicht sofort Zeit, um die Wissenschaftler zu empfangen. Sie sorgt sich um die anstehenden Midterm Wahlen und möchte mit der Information vorerst nicht an die Öffentlichkeit gehen. Mindy und Dibiasky beschließen, sich selbst in einer Talkshow an die Öffentlichkeit zu wenden.

    Die beiden Wissenschaftler werden prompt zum Gespött im Internet. Kaum jemand nimmt sie ernst. Erst als die Präsidentin eine Ablenkung von einem Skandal benötigt, der sich negativ auf die Wahlen auswirken würde, wendet sie sich in einer Rede an die Nation. Der Unternehmer Peter Isherwell (Mark Rylance) wiederum möchte die wertvollen Rohstoffe im inneren des Kometen nutzen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen unterschiedliche Interessen beginnt.

    Jason Orlean (Jonah Hill) und seine Mom Präsidentin Orlean bringt der nahende Weltuntergang nicht aus der Ruhe.

    Kommentar

    Adam McKay hat sich einen Namen damit gemacht, komplexe Sachverhalte (The Big Short, 2015) auf witzige und kreativ Weise aufzuarbeiten und für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Einblendungen von Texten und Erzählstimmen aus dem Off kombiniert mit einem rasanten Schnitt sind mitunter anstrengend und fordern die Konzentration. Der Genremix aus Drama und Komödie und ein Fülle an kreativen Einfällen geben den Themenfelder aber eine gewisse Leichtigkeit. Mit Don’t Look up schaltet McKay nun ein paar Gänge zurück.

    Der Film macht vieles richtig. Er ist über weite Strecken komisch. Allen voran stehen zwei verschrobene Wissenschaftler (DiCaprio und Lawrence), denen es mit ihrer Art und Weise nicht gelingen kann, die Öffentlichkeit von ihrem Anliegen zu überzeugen. Sie sind überhaupt nicht in der Lage, den heutigen Kommunikationsformen zu entsprechen oder gar Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Dabei könnte man meinen, dass die Botschaft „Wir werden alle Sterben“ klar und unmissverständlich ist. Es hört nur niemand zu. Die Beiden stehen einer All-Star Besetzung vor, die sich sehen lassen kann. Cate Blanchett beweist einmal mehr ihre unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Meryl Streep ist gewohnt souverän. Der rasante, fast schon wilde Filmschnitt von Hank Korwin ist ein Vergnügen für sich. Die Musik von Nicholas Britell (Beale Street, Moonlight) ist wunderbar wie immer. Das großartige Ende dürfte für McKay nur schwer durchzusetzen gewesen sein, obwohl er selbst produziert hat.

    Natürlich hat sich Adam McKay die Story vor der Pandemie ausgedacht (nach einer Idee von David Sirota, unter anderem Redenschreiber für Bernie Sanders). Im Fokus stand dabei die Leugnung des Klimawandels und die große Skepsis vor wissenschaftlichen Erkenntnissen. 2020 musste der Drehstart verschoben werden. Die Dreharbeiten fanden dann während der Pandemie statt, zu einer Zeit, als sich die Welt grundlegend veränderte und das zentrale Thema des Filmes auf einmal unseren Alltag bestimmte. Don’t Look up beschreibt nun eine Wirklichkeit (sei es die offensichtliche Anlehnung des Charakters der Präsidentin an Donald Trump oder den Umgang mit Information und die Macht des Internets bei der Bestimmung der Diskurshoheit) und hat ihr nichts hinzuzufügen.

    Es ist das Dilemma von satirischen oder kabarettistischen Beiträgen, dass sie in der Regel nicht das Publikum erreichen, das damit zum Nachdenken angeregt werden könnte, sondern jenes, das im selben Mindsest verankert ist. Das war auch ein Kritikpunkt von Vice – Der Zweite Mann. In diesem Fall könnte das sogar anders sein. Sowohl die Besetzung als auch Netflix als Verbreitungsmedium werden das ermöglichen. Natürlich liegt hier das Schicksal der Welt und die Definition davon, was Wahrheit ist in den Händen der USA. Da nützt es nichts, stakkatoartig Bilder aus aller Welt zusammenzumontieren, um die globale Problematik ins Bewusstsein zu rücken. Geschenkt.

    Aber wo genau liegt nun der Mehrwert dieser Science-Fiction-Satire? Eine Satire, die einzig ein Abbild der Wirklichkeit ist und genau von dieser bereits in unglaublicher Weise überholt wurde, hat dieser Realität nichts mehr hinzuzufügen. In der kleinen Twitter-Gemeinschaft hört man: ja, das ist doch unser tägliches Leben! Ja schon, aber ist nicht die stilistische Überhöhung eine Aufgabe von Satire? Sie ist hier allein durch die akute vernichtende Gefahr gegeben. Darüber hinaus bleibt McKay, so absurd es klingen mag, zu nah an der Realität. Was für ein Sittenbild unserer Gesellschaft! Er nimmt jene überhaupt nicht in die Verantwortung, die möglicherweise massgeblich Mitschuld sind an unserer verworrenen und fast ausweglosen Situation. Jene nämlich, die den Diskurs mit harten Fakten bestimmen wollten und die Hoheit über ihn aus der Hand gegeben haben. Sei es aus geistiger Präpotenz oder schlichtem Unvermögen. Ist es nicht auch eine Aufgabe von Satire Kritik zu üben und eine neue Bewusstseinsebene zu schaffen? Genau das passiert in Don’t Look Up nicht.

    Unterhalten wird man trotzdem, auch wenn der Film das Problem von zur Zeit vielen anderen teilt. Er ist zu lang geraten. Das macht sich vor allem in der zur Wiederholung neigenden zweiten Hälfte bemerkbar. Trotz des ungewöhnlichen Endes. An die Genialität seiner früheren Arbeiten kommt Adam McKay diesmal leider nicht heran.

    Don’t look up
    Sci-Fi-Satire, USA 2021

    Regie Adam McKay
    Drehbuch Adam McKay
    Kamera Linus Sandgren
    Schnitt Hank Korwin
    Musik Nicholas Britell
    Mit Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Cate Blanchett, Jonah Hill, Mark Rylance
    Länge 138 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THE LAST DUEL ★★★ ½

    THE LAST DUEL ★★★ ½

    Im Abo

    Ridley Scott, gerade 84 Jahre alt geworden, empörte sich unlängst darüber, dass junge Menschen nicht in Massen die Kinos stürmten, um in seinem neuen Film einhundertdreiundfünfzig Minuten lang dabei zuzusehen, wie Männer in lustigen Kostümen durch die schöne Landschaft Frankreichs reiten. Um Missverständnisse auszuräumen: The Last Duel ist einer der wichtigsten Filme des Jahres. Ob es allerdings zielführend ist, ein und die selbe historische Geschichte aus drei Perspektiven in epischem Ausmaß und nur in leichten Nuancen variierend zu erzählen, wenn man mit seiner Botschaft ein breiteres Publikum erreichen möchte, sei dahingestellt. Laut der Definition von Scott zählt übrigens auch der Autor dieser Zeilen (gerade noch) zur „Handy-Generation“, deren Aufmerksamkeitsspanne nicht über eine Ampelphase hinausgeht. Es stimmt schon: junge Erwachsene sind das treueste Kinopublikum und ob das Kino wieder zur alten Form zurückfinden wird, ist mehr als ungewiss. Selbst der Film, um den es hier geht, war bereits wenige Wochen nach dem Kinostart bei Disney+ verfügbar.

    Darum geht es

    Die beiden Freunde Jean de Carrouges und Jacques Le Gris kehren gerade von einer Schlacht zurück. Während Jacques in höheren Kreisen verkehrt und mit Pierre, dem Cousin von König Charles VI, befreundet ist, wird Jean eher belächelt. Nicht zuletzt, weil er finanzielle Probleme hat. Um seine Lage zu verbessern, ehelicht er Marguerite de Thibouville. Ein Stück Land, dass Jean durch die Heirat versprochen wurde, vergibt Pierre jedoch an Jacques. Es kommt zum Zerwürfnis zwischen den beiden Männern.

    Der 100-jährige Krieg flammt immer wieder auf und Jean, zwischenzeitlich zum Ritter geschlagen, zieht von Schlacht zu Schlacht. Seine Frau läßt er bei seiner Mutter zurück. Als selbst diese einmal vereist, bekommt Marguerite unerwarteten Besuch von Jacques. Der überwältigt Marguerite und vergewaltigt sie. Um die Ehre seiner Frau und vor allem seine eigene wiederherzustellen geht Jean vor Gericht. Allerdings ist der König das Gesetz und einzig Gott entscheidet über die Wahrheit. Keine gute Ausgangssituation für den Außenseiter und seine Frau.

    Der Film ist in in drei Kapiteln unterteilt. The Last Duel erzählt die Geschichte aus den Perspektiven von Jean de Carrouges, Jacques Le Gris und Marguerite de Carrouges.

    Adam Driver as Jacques LeGris and Matt Damon as Jean de Carrouges in 20th Century Studios‘ THE LAST DUEL. Photo by Patrick Redmond. © 2021 20th Century Studios. All Rights Reserved.

    Kommentar

    Wenn Männer in Rüstungen durch die Landschaft und Ruinen reiten hat das immer auch etwas Lächerliches. Dort wo sonst Touristen alte Mauern besichtigen, stolzieren nun Ritter mit ernster Miene begleitet von pseudomittelalterlicher Musik. Mir kommt vor, dieser Effekt stellt sich immer dann ein, wenn versucht wird, möglichst authentisch zu sein. Mittelalterlicher Jahrmarkt mit 100 Millionen Budget sozusagen. Auch Ridley Scott verzichtet darauf, wenigstens auf der musikalischen Eben modernere Akzente zu setzen.

    Im Grunde spielt es auch keine Rolle, in welcher Zeit diese Geschichte spielt. Wenn sich Marguerite (großartig: Jodie Comer) im finalen Akt vor dem König rechtfertigen muss und ihre Glaubwürdigkeit als Opfer in Frage gestellt wird, erinnert das frappant an die Gegenwart. Die Scheinwerfer sind stets auf die Opfer gerichtet, die mit ihrer Entscheidung an die Öffentlichkeit zu gehen in Kauf nehmen, an den medialen Pranger gestellt zu werden. Die Täter bleiben dabei mehr im Hintergrund, stilisieren sich selbst zu Opfern oder ziehen die Situation ins Lächerliche.

    Für Marguerite (und ihren Ehemann) steht allerdings mehr auf dem Spiel. Beider Schicksal liegt in den Händen von Charles VI (er ist als der wahnsinnige König in die Geschichte eingegangen) oder in jener Gottes. Eine Frau, die einen mutmaßlichen Ehrenmann beschuldigt, passt nicht in das Gesellschaftsbild jener Zeit.

    Das dem Film zugrundeliegende Duell fand am 29. Dezember 1386 statt. Sowohl von der Verhandlung als auch vom Duell sind umfangreiche Aufzeichnungen überliefert. Scott orientiert sich nach dem Buch The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medial France von Eric Jager, in dem Le Gris als Schuldiger hervorgeht. Die Schuldfrage konnte aber nie abschließend vor einem Gericht geklärt werden, was letzten Endes der Grund für das Duell gewesen ist. Die Entscheidung über Recht und Unrecht wurde Gott überlassen. Ridley Scott hat das Finale in gewohnter Wucht und mit maximaler Brutalität inszeniert.

    Leider bleibt der Film trotz starker DarstellerInnen und einem in Erinnerung bleibenden finalen Akt hinter seinem Potential zurück, was nicht zuletzt der Dreiteilung der Geschichte und der damit einhergehenden Länge geschuldet ist.

    Das Duell zwischen de Carrouges und Le Gris war das letzte Duell, dass in Frankreich von Parlament und König genehmigt wurde.

    THE LAST DUEL
    Drama, UK/USA 2021

    Regie Ridley Scott
    Drehbuch Nicole Holofcener, Matt Damon, Ben Affleck
    Kamera Dariusz Wolsky
    Schnitt Claire Simpson
    Musik Harry Gregson-Willliams
    Mit Jodie Comer, Matt Damon, Adam Driver, Ben Affleck
    Länge 153 Min.
    Streamingplattform
    Disney+


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • WEST SIDE STORY (2021) ★★★★ ½

    WEST SIDE STORY (2021) ★★★★ ½

    Verfügbar bei

    Im Abo

    Einer der größten Regisseure unsere Zeit erfüllt sich einen lange gehegten Traum. Steven Spielberg inszeniert nach 60 Jahren einen der ganz großen Hollywoodklassiker neu. Wie so viele andere hat ihn die Geschichte von Kind auf geprägt und nicht mehr losgelassen. Die erste Verfilmung von West Side Story von Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961 erhielt 10 Oscars. Große Fußstapfen also. Bei Spielberg muss man sich aber keine großen Sorgen machen, dass er sie ausfüllt. Drehbuchautor Tony Kushner hat das Musical fit für das 21. Jahrhundert gemacht.

    Darum geht es

    In den 1950er Jahren entwickelte der Choreograf Jerome Robbins in Anlehnung an Shakespeares Romeo und Julia eine Geschichte zweier rivalisierender Banden in New York City. Die Jets sind weiße Amerikaner und die Sharks eine Gruppe von Einwanderern aus Puerto Rico. Die Musik stammt von Leonard Bernstein und die Liedtexte von Stephen Sondheim. Dabei verschmelzen territoriale Auseinandersetzungen mit ethnischen Konflikten. Tony von den Sharks verliebt sich in Maria, dessen Bruder Bernardo der Anführer der Sharks ist. Es ist eine Liebe, die von niemandem geduldet wird und wenige Tage später zu einen folgenschweren Kampf der zwei Banden führt. Schauplatz ist die Upper West Side in New York City, wo zu dieser Zeit ein ganzer Stadtteil abgerissen wird, an dessen Stelle das Lincoln Center errichtet werden soll. Dies führt zusätzlich zu sozialen Spannungen.

    Tonight. Maria und Tony auf der Feuerleiter.

    Kommentar

    Es scheint das Jahr der Musicals zu werden. Cyrano, In the Heights, Tick, Tick…Boom, Annette und West Side Story. Wie der Western taucht auch das Musical alle paar Jahre aus der Versenkung auf. Mitunter durchaus erfolgreich. Vor allem bei Preisverleihungen räumen Musicals ordentlich ab, da sie naturgemäß zusätzlich in den Kategorien Musik und Ton stark sind. Bei Steven Spielberg hört man sogar das Surren der Neonreklamen. Zuerst aber ist da das schon aus der ersten Verfilmung bekannte Schnippen zu hören. Der Flug über den Stadtteil in der Eingangssequenz, in dem die Geschichte spielt, gibt auch schon einen anderen Ton vor. Häuser werden abgerissen. Ein neuer Stadtteil soll hier entstehen. Konflikte sind vorprogrammiert.

    Hier leben sozial Benachteilige. Weiße Jugendliche, deren Eltern es nicht geschafft haben, sich woanders ein besseres Leben aufzubauen und Einwanderer, die sich die Realität in den USA auch anders vorgestellt haben. So unterschiedlich ist ihre Situation nicht, wie Lieutenant Schrank einmal richtig bemerkt (Grundsätzlich ist aber ein kritischer Blick auf die Polizei ein weiteres Merkmal des Stücks). Bereits Leonard Bernstein ging es um ethnische Konflikte aber im Vordergrund standen mehr territoriale Streitereien zwischen zwei Jugendbanden. Spielberg und Drehbuchautor Tony Kushner legen den Fokus nun mehr auf den Migrationskonflikt. Das macht West Side Story nicht nur zeitgemäßer sondern auch ruppiger. Sogar Transgender bekommt fast beiläufig seinen Platz. Anybody, gespielt von der nichtbinären Iris Menas, hat Schwierigkeiten, bei den Jets aufgenommen wozu werden, die sich mit allem schwer tun, was ihnen fremd ist und was sie nicht kennen.

    Die Bilder, die in den schönsten Farben erstrahlen und die Sonne im Gegenlicht blinzeln lassen, sind betörend schön. Jede Mülltonne ist hier platziert und Wäsche die über eine Leine gezogen wird, übernimmt schon einmal den Filmschnitt. Es ist eine technische Glanzleistung, das New York der 1050er Jahre derart realitätsnah wiederauferstehen zu lassen. West Side Story wirkt manchmal wie ein tatsächlich vor gut einem halben Jahrhundert gedrehter Film, allerdings immer mit der heutigen technischen Finesse (Da die Dreharbeiten bei hohen Temperaturen stattfanden, mussten gar nachträglich Schweißtropfen in den Gesichtern entfernt werden). Ein nicht unwesentlicher Teil der Dialoge ist auf spanisch – allerdings ohne Untertitel. Es spielt keine Rolle, wenn wir nicht jedes Wort versehen, Spielberg hat den Film fest im Griff. Emotionen und Gesten zeigen uns alles, was wir wissen müssen.

    Rita Moreno bekam 1962 einen Oscar für ihre Rolle der Anita. Nun schrieb Tony Kushner für die Neuverfilmung eigens eine Rolle für sie. Sie spielt Valentina, die Witwe von Doc, dem ehemaligen Besitzer des Drogeriemarktes Doc’s aus der ersten Verfilmung. Nun ist sie die gute Seele der Geschichte. Eine sehr nette Idee. Etwas in der Kritik steht das Casting des Protagonistenpaares. Rachel Zegler als Maria ist die Entdeckung des Jahres. Spielberg entschied sich bereits am ersten Tag des Castings für sie, damals war sie 17. Ihr Partner Ansel Elgort (Baby Driver) ist um 7 Jahre älter. Dass Frauen unverhältnismäßig jung gecastet werden und ältere Filmpartner bekommen, ist ein grundsätzliches Problem in der Branche.

    West Side Story ist ein sowohl technisch, als auch erzählerisch ein Meisterwerk. Die Tanzszenen sind, wie schon in der alten Fassung, fulminant. Die sanfte Modernisierung hat der Geschichte gut getan und macht sie zeitgemäßer. Was wäre wohl gewesen, wenn man die Geschichte gleich in die Gegenwart transferiert hätte? Es wäre jedenfalls schade auf die schöne New Yorker Kulisse der 1950er Jahre verzichten zu müssen.

    West Side Story
    Musical, USA 2021

    Regie Steven Spielberg
    Drehbuch Tony Kushner
    Kamera Janusz Kamińsky
    Schnitt Sarah Broshar, Michael Kahn
    Musik Leonard Bernstein, David Newman
    Länge 157 Min.
    Mit Ansel Elgort, Rachel Zegler, Ariana DeBose, David Alvarez, Mike Faist, Rita Moreno


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • LAST NIGHT IN SOHO ★★★½

    LAST NIGHT IN SOHO ★★★½

    Ein Besuch in Soho darf bei keiner Londonreise fehlen. Das Viertel im Zentrum der Stadt erfreut sich ungebrochener Beliebtheit und ist Grundlage für zahlreiche Projektionen. Denn heute haben die schmalen Gassen einiges von ihrem Flair eingebüßt. Seine Hochblüte hatte des Viertel im Swinging London der 1960er Jahre. Welcher Musik- und Modeliebhaber von heute wäre damals nicht gerne durch die Gassen gezogen. Sofort entstehen Bilder im Kopf, wie es zu dieser Zeit wohl zugegangen ist. Genau mit solchen Vorstellungen und Erinnerungen spielt Edgar Wright in seinem neuen Film Last Night in Soho und räumt in drastischen Bildern mit jeglicher romantischen Verklärung auf. Es war eine schöne Welt aber eine heile war es nicht. Begleitet wird sein Horror-Thriller von einem mörderisch guten Soundtrack.

    Darum geht es

    Ellies (Thomasin McKenzie) Leidenschaft gehört den Swinging Sixties, wie man anhand ihrer Zimmerdekoration deutlich sehen kann. In der Gegenwart kommt sie für ihr Modestudium gerade nach London und bezieht ein Dachzimmer bei der Vermieterin Mrs. Collins (Diana Rigg). Bereits daheim erschien Ellie in Visionen ihre verstorbene Mutter. Nun aber reist sie jede Nacht in ihren Träumen zurück in das London der 1960er Jahre. Dort trifft sie auf die Nachwuchssängerin Sandy (Anya Taylor-Smith). Ellie bewundert ihr selbstsicheres Auftreten. Sandy steht kurz vor ihrem ersten Bühnenauftritt, den ihr Jack (Matt Smith) organisiert, ihr vermeintlicher Freund und Manager. Ellie beobachtet, dass keine guten Absichten hinter seinem Engagement stecken. Das Geschäft in den Nachtclubs ist hart und von Ausbeutung geprägt. Bald muss Ellie erfahren, dass sich damals eine große Tragödie ereignet hat. Im Laufe der Zeit nehmen ihre Visionen immer furchterregendere Züge an und Ellie erkennt plötzlich Plätze aus ihren Träumen im realen London wieder. Die Spuren des Dramas ziehen sich bis in die Gegenwart, sogar bis in ihr eigenes Zimmer.

    Spieglein, Spieglein an der Wand …. (Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Smith)

    Kommentar

    Bereits die Ankunft in London steht für Ellie (von Eloise, wie der gleichnamige Song von Barry Ryan) unter keinem guten Stern. Sie fühlt sich durch die Blicke und Kommentare des Taxifahrers bedrängt und verlässt das Taxi fluchtartig. Edgar Wright kommt hier gleich zur Sache. Das Anprangern von Sexismus, vor allem in Zusammenhang mit der romantischen Verklärung einer ganzen Epoche, zieht sich durch den gesamten Film. Eine Revue in einem Nachtclub zur Musik von Puppet on a String von Sandie Shaw, vor lauter in schwarz gekleideten Männern, ist einer der unangenehmsten Momente, in denen deutlich wird, dass es hier kein Platz für Unterhaltung ist. Drogen, Prostitution und Ausbeutung werden hinter der Bühne sichtbar. Auf der Bühne: aggressiver Showtanz, bei dem keine Sekunde das Gefühl von Ästhetik aufkommt.

    Ellie muss scherzhaft erkennen, dass sich am Ort ihrer Sehnsüchte Abgründe auftun. Die Poster von Twiggy & Co in ihrem Zimmer haben ihr nicht die ganze Wahrheit erzählt. Die anfängliche Bewunderung für Sandy weicht bald der Erkenntnis, dass Ellie sich aufmachen muss, sie zu retten. Ihre Reisen in die Vergangenheit werden immer wieder durch das Läuten des Weckers am Morgen unterbrochen. Wright hält sich hier nicht mit Erklärungen darüber auf, was da eigentlich gerade passiert und warum. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen beiden Frauen. Ellie passt ihr Äußeres an Sandy an.

    Edgar Wright hat in diesem Jahr bereits mit seiner Dokumentation The Sparks Brothers für Aufsehen gesorgt. Last Night in Soho, ein weiterer Nachzügler aus dem Jahr 2020, wurde weitaus weniger euphorisch besprochen. Vielleicht hat sich Wright mit seinem kritischen Zeitreisethriller mit Horrorelementen zu viel vorgenommen (In der Kritik steht unter anderem die Rolle von Ellies Freund John, gespielt von Michael Ajao oder der wunderbare aber unausgegorene Auftritt von Terence Stamp als mysteriöser Fremder). Die Form steht bei Wright aber ohnehin im Vordergrund. Überrascht hat er uns mit dem Genrewechsel jedoch auf jeden Fall. Sehr gelungen sind die Geister der Vergangenheit, die an Gemälde von Gottfried Helnwein erinnern. Ihre Gesichter sind unkenntlich und verwaschen. Bedrohliche anonyme Fratzen in grauen Anzügen, deren wahre Bedeutung sich uns erst am Ende erschießt.

    Erwähnt sei der großartige rund 20 Nummern umfassende Soundtrack mit unter anderem Land of 1000 Dreams, You’re my World, Downtown (in einer Version von Anya Taylor-Joy), dem titelgebenden Song von Dee Dee, Dozy, Beaky, Mick &Tich und natürlich Eloise. Diana Rigg ist postum in ihrer letzten Rolle zu sehen. Ellie Großmutter wird von Rita Tushingham gespielt. Vieles atmet hier den Geist der 1960er. Last Night in Soho ist reich an Zitaten. Der nostalgische Traum wendet sich aber bald zu einem Alptraum. Mehr soll über den Inhalt nicht verraten werden.


    Last Night in Soho
    Horror-Thriller, USA/UK 2021

    Regie Edgar Wright
    Drehbuch Krusty Wilson-Cairns, Edgar Wright
    Kamera Chung Chung-hoon
    Schnitt Paul Machliss
    Musik Steven Price
    Mit Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Smith, Matt Smith, Terence Stamp, Diana Rigg


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • GHOSTBUSTERS: LEGACY ★★★½

    GHOSTBUSTERS: LEGACY ★★★½

    Als der erste Teaser-Trailer von Ghostbusters: Legacy vor Monaten (Jahren?) im Netz die Runde machte, wurde es warm um die zwischenzeitlich etwas gealterten Fanherzen. Regisseur Jason Reitman spielte von Anbeginn mit nostalgischen Elementen und pries seine Fortsetzung als eine Huldigung an das Original. Dieser Ankündigung ist Reitman auf jeden Fall treu geblieben. Wer sich nach Marshmallowmännern und Ektoplamsa sehnt und gerne in Erinnerungen schwelgt, ist hier auf jeden Fall richtig.

    Darum geht es

    Callie (Carrie Coon), Egon Spenglers Tochter, zieht mit ihren Kindern Trevor (Finn Wolfhard) und Phoebe (Mckeena Grace) von Chicago aufs Land in das Haus, dass ihr der Vater hinterlassen hat. Die Aussicht auf ein Leben in der Provinz stößt auf wenig Begeisterung. Die experimentierfreudige Phoebe stellt aber bald fest, dass es im Haus des Großvaters spukt. Dann findet sie auch noch eine Geisterfalle und in der Scheune verstaubt ein komischer alter Krankenwagen. Phoebe zeigt die Falle ihrem neuen Lehrer Mr. Grooberson (Paul Rudd), der gerade eine Serie von ungewöhnlichen Erdbeben in der Gegend untersucht. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Der kürzlich verstorbene Egon (Harold Raimi) wurde offenbar von einem Geist getötet. Die Kinder machen sich daran, zu vollenden, was dem Großvater nicht gelungen ist.

    Wer hat die Geister losgelassen?

    Kommentar

    Der Kinostart von Ghostbusters: Legacy (im Original mit dem Titel Ghostbusters: Afterlife) bietet natürlich Gelegenheit um auf die 37-jährige Geschichte der Serie zurückzublicken. Mit Ghostbusters – Die Geisterjäger (1984) ist dem Regisseur Ivan Reitman in Zusammenarbeit mit Dan Aykroyd und Harold Ramis zweifellos ein Klassiker gelungen. Zu verdanken ist das nicht zuletzt dem wunderbaren Geisterjäger-Quartett bestehend aus Dan Aykroyd, Harold Ramis, Ernie Hudson und Bill Murray. ECTO-1, der umgebaute Krankenwagen, ist ebenso legendär wie die Feuerwache, das Logo und die Titelmelodie von Ray Parker jr. Die Spezialeffekte waren up-to-date.

    Weniger gern erinnert man sich an den fünf Jahre später veröffentlichten Aufguss Ghostbusters II. Bill Murray wollte fortan nichts mehr mit den Geisterjägern zu tun haben und so war dann eine Weiterführung der Geschichte für Jahrzehnte aus der Welt. Paul Feig startete 2016 einen neuerlichen Versuch und ging in Ghostbusters mit Melissa McCarthy einen anderen Weg. Der Film war nicht als Fortsetzung konzipiert und sollte für sich stehen. Letzten Endes spaltete der Film sowohl KritikerInnen als auch das Publikum. Im Zentrum der Debatte standen Vorwürfe von Sexismus und Frauenfeindlichkeit, da der im Grunde weniger geglückten Umsetzung eine Welle der Ablehnung entgegenschwappte, die von einigen auf die weibliche Besetzung zurückgeführt wurde.

    Nun versucht sich wenige Jahre später also Jason Reitman, Ivans Sohn, an dem Stoff und versprach im Vorfeld, den originalen Film ausreichend zu würdigen. Das passt in die immer noch vorherrschende 80er Retrowelle, wenngleich der Film selbst in der Gegenwart angesiedelt ist. Die Rechnung ging auf. Beim Publikum kamen die zahlreichen Verweise in der dritten Fortsetzung gut an. Ghostbusters: Legacy trieft vor Nostalgie. Reitman hat es sogar geschafft, die Truppe (fast) komplett auf die Leinwand zu bekommen (Harold Ramis verstarb 2014 und wurde mittels Archivmaterial in den Film eingefügt). Während des großen Finales bleibt wohl kein Auge trocken. Dass Reitman hier auf die richtigen Knöpfe drückt, ist neben dem Clou, Kinder zu den Protagonisten zu machen und dem gelungenen Humor, sicher auf der Habenseite zu verbuchen. Die dem zugrunde liegende Story ist allerdings wieder nur ein Aufguss des Originals aus den 1980er Jahren. Hier wollte man nach dem Misserfolg des Vorgängers wohl doch kein all zu großes Risiko eingehen. Rückblickend in Anbetracht der momentanen Situation vermutlich auch die richtige Entscheidung.

    Ghostbuster: Legacy unterhält gut und ist auch für eine jüngeres Publikum geeignet. Gerade für die Zielgruppe unter 12 Jahren ist es ohnehin eine Seltenheit, spektakuläre und aufregende Stoffe zu finden, die nicht all zu brutal geraten sind. So hat der Film auf jeden Fall sein Nische gefunden, auch wenn es neuerlich nicht der große Wurf geworden ist.


    Ghostbusters: Legacy (OT: Ghostbusters: Afterlife)
    Science-Fiction-Komödie, 2021

    Regie Jason Reitman
    Drehbuch Gil Kenan, Jason Reitman
    Kamera Eric Steelberg
    Schnitt Dana E. Glaubermann, Natan Orloff
    Musik Rob Simonsen
    Mit Carrie Coon, Paul Rudd, Fin Wolfhard, Mckenna Grace, Logan Kim


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • TITANE ★★★★

    TITANE ★★★★

    Verfügbar bei

    zum Leihen

    Der zweite Film der französischen Autorenfilmerin Julia Ducournau (Raw) präsentiert sich so kompromisslos wie ein Auto, das ungebremst auf einen Baum zurast. Geschichten, wie jene die Titane erzählt, erfreuen sich nur selten einer breiteren Aufmerksamkeit. Bodyhorror in Kombination mit Genderfragen und Science-Fiction ist, keine Frage, speziell. Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt Julia Ducournau mit der Goldenen Palme eine der höchsten Auszeichnungen, die die Filmwelt zu vergeben hat. Die unkonventionellste Regieentscheidung seit gut einem Jahrzehnt. Ein außergewöhnlicher Film für außergewöhnliche Zeiten.

    Darum geht es

    Als kleines Mädchen erhält Alexia (Agathe Rousselle) nach einem schweren Autounfall ein Titanpräparat in den Kopf gesetzt. Fortan fühlt sie sich zu Autos körperlich hingezogen. Als Erwachsene verdient sie ihr Geld als Tänzerin auf Autoshows. Und sie ermordet Menschen auf brutalste Weise. Sie hat Sex mit einem Lowrider Showauto und wird davon schwanger. Auf der Flucht vor der Polizei nimmt sie die Identität eines vor langer Zeit verschollenen Buben an. Dessen Vater Vincent (Vincent Lindon), ein Feuerwehrhauptmann, nimmt sie bei sich auf, ohne groß Fragen zu stellen.

    Die Haarnadel von Alexia bekommt eine tragende Rolle.

    Kommentar

    Alexia ist auf der Suche. Befriedigung findet sie weder in Beziehungen zu Männern, noch zu Frauen. Sie arbeitet sich an ihrem eigenen Körper ab. Das ist schmerzhaft. Selbst beim Zuschauen. Die Phase der Schwangerschaft, in der die Frau die Kontrolle über ihren eigenen Körper zu verlieren scheint, wird bei Julia Ducournau noch einmal intensiviert. Gewalt nicht nur beim morden, sondern auch am eigenen Leib.

    Genauso auf der Suche ist Vincent. Als nach mehr als einem Jahrzehnt scheinbar eine Möglichkeit besteht, seinen Sohn zurückzubekommen, verschließt er die Augen vor jeglicher Unsicherheit. Zusammen geben die beiden eines der ungewöhnlichsten Paare der Filmgeschichte ab. Eine Vater-Sohn/Tochter Beziehung.

    Es ist ein genialer Einfall der Regisseurin, den zweiten Teil des Filmes in einem zutiefst männlichen Umfeld anzusiedeln. Vincent und seine Truppe von hormongetriebenen Feuerwehrmännern sind eine gute Tarnung für Alexia. Gleichzeitig provoziert Ducournau auch hier Geschlechterfragen.

    Man kann in Titane nach Lust und Laune in Metaebenen abtauchen oder sich von den Bildern von Rubens Impens und dem Soundtrack verführen lassen. Wie zum Beispiel in der Sequenz auf der Automesse gleich zu Beginn, in der sich Alexia zur Musik von Doing It To Death von The Kills auf einem Boliden räckelt und aus der das großartige Titelbild entstammt.

    In Cannes wird der Hauptpreis nicht selten nach sozialkritischen Gesichtspunkten vergeben. So ist die heurige Juryentscheidung unter dem Vorsitz von Spike Lee nur auf den ersten Blick ungewöhnlich. Titane fügt sich wunderbar in die Reihe ruhmreicher Vorgänger wie Shoplifters und Parasite ein. Mit dem Unterschied, dass es hier ein Vertreter eines sonst eher im Abseits stehendes Subgenres ganz nach oben geschafft hat. Ein Beispiel dafür, was im Kino alles möglich ist.

    Titane
    Drama, F/BE 2021

    Regie Julia Ducournau
    Drehbuch Julia Ducournau
    Kamera Ruben Impens
    Schnitt Jean-Christophe Bouzy
    Musik Jim Williams
    Mit Agathe Rousselle, Vincent Lindon
    Länge 108 Min


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THE POWER OF THE DOG ★★★★½

    THE POWER OF THE DOG ★★★★½

    Verfügbar bei

    Im Abo

    Nach Aufführungen bei der diesjährigen Viennale sind wir vorerst um einen, wenn auch zeitlich stark eingeschränkten, Kinostart umgefallen. Daher kommt The Power of the Dog, das neue Meisterwerk von Jane Campion nun alleine via Netflix weltweit seit 1. Dezember 2021 fast frei Haus. Darin brilliert Benedict Cumberbatch als Cowboy im Montana der 1920er Jahre, unterstützt von einem starken Ensemble. Diese Romanverfilmung ist aber mehr Psychogramm als klassischer Western, das Schicht für Schicht seine Figuren dekonstruiert. Lasset es Oscars regnen.

    Darum geht es

    Das Leben der Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George (Jesse Plemons) wird gehörig durcheinander gebracht, als George die Restaurantbesitzerin Rose (Kisten Dunst) kennen und lieben lernt. Phil ist wenig begeistert und spottet über ihren Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) und mobbt ihn regelrecht aus dem gemeinsamen Haushalt.

    Für Rose wird die ablehnende Haltung Phils und die allgemein giftige Atmosphäre immer mehr zur Belastung. Während George darüber hinwegzusehen versucht, scheint Peter längst einen folgenschweren Plan verfasst zu haben.

    Eine ungewöhnliche Annäherung (Benedict Cumberbatch, Kodi Smit-McPhee)

    Kommentar

    Gäbe es den Ausdruck subtil nicht, man müsste ihn für Jane Campions neuen Film erfinden. So sehr sich in der Nachbetrachtung von The Power of the Dog alles fein zusammenfügt, so schwer zu durchschauen sind die Vorgänge im ersten Moment. Es ist die letzte Einstellung, die allerletzten Sekunden, die bei vielen Klarheit schafft und andere gleichzeitig zum Grübeln bringt. Es ist schon eine Weile her, dass ein Film derart zu Diskussionen eingeladen hat. Wobei, zu diskutieren gibt es dann gar nicht so viel, so schlüssig ist die Erzählung, bis in die kleinsten Details. Es ist nur große Aufmerksamkeit gefragt und dass ist bei einem Film, der über zwei Stunden gemächlich vor sich hin fließt, nicht so einfach!

    Die große Überraschung ist zuallererst einmal Benedict Cumberbatch. Nicht, dass uns entgangen wäre, was für ein großer Schauspieler er ist. Es ist viel mehr die außergewöhnliche Rollenwahl. Phil, der wie die anderen ProtagonistInnen gesellschaftlich höher gestellt ist, verbringt seine Zeit lieber auf dem Rücken seines Pferdes, als beim Smalltalk in feiner Gesellschaft. Auf uns wirkt er wie ein Sonderling: unfreundlich, miesepetrig und distanziert. Wie sooft prallen in Western der jüngeren Vergangenheit (siehe auch Neues aus der Welt, ebenfalls Netlfix) Welten aufeinander, die sich in der Psychologie ihrer Helden manifestieren. Sie sind Sinnbild für sich verändernde Zeiten. Nicht die weite Landschaft und Konflikte im Großen stehen im Vordergrund, sondern das Innerste der Protagonisten wird nach und nach nach außen gekehrt. Phil braucht seinen Bruder George, mit dem er sich in ihrem großen Haus ein Zimmer teilt und diese Beziehung ist in großer Gefahr. Cumberbatch steuert womöglich mit großen Schritten auf einen neuerlichen Karrierehöhepunkt zu.

    Ihm zu Seite steht Kodi Smit-McPhee (der Junge aus The Road, 2009) als Peter. Er ist der Eindringling. Nicht nur Rose bekommt die Abscheu von Phil zu spüren, sondern auch ihr Sohn. Mit Peter scheint Phil leichtes Spiel zu haben. Der Junge wirkt fragil und ist ebenso ein Außenseiter. Doch dann kommt alles anders und es ist nur einer der Hacken, die die Handlung schlägt. Die von Verzweiflung und Angst geplagte Kirsten Dunst und ein gutmütiger aber hilfloser Jesse Plemons komplettieren dass Ensemble und manchen aus The Power of the Dog eine schauspielerisch intensive Erfahrung.

    Jonny Greenwood legt hier neben Spencer in diesem Jahr ein zweites Mal einen wunderbaren Soundtrack vor, der so gar nicht den Hörgewohnheiten entspricht und sie in voller Schönheit gegen den Strich bürstet. In Jane Campions erstem Spielfilm seit über 10 Jahren kann der blaue Himmel noch so strahlen, insgeheim sind längst dunkle Wolken aufgezogen und wir warten angespannt drauf, dass der Blitz einschlägt. Er wird einschlagen, aber er wird uns von hinten überraschen. 1994 musste sich Campion bei den Oscars mit Das Piano (1993) gegen Schindlers Liste (1993) geschlagen geben. Zumindest eine neuerliche Nominierung als Beste Regisseurin scheint gesichert. Wenn sich noch die Möglichkeit bieten sollte, The Power of the Dog auf einer großen Leinwand zu sehen, sollten man sie wahrnehmen.

    The Power of the Dog
    Drama, USA 2021

    Regie Jane Campion
    Drehbuch Jane Campion
    Kamera Ari Wenger
    Schnitt Peter Sciberras
    Musik Jonny Greenwood
    Mit Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Kodi Smit-McPhee
    Länge 128 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THE FRENCH DISPATCH  ★★★½

    THE FRENCH DISPATCH ★★★½

    (… of the Liberty, Kansas Evening Sun)

    Der fahrende Gaukler Wes Anderson ist wieder einmal mit seinem Guckkasten auf Tournee. Sein 10. Spielfilm ist eine Liebeserklärung an den New Yorker und dessen Gründer Harold Ross. In den üppigen Filmsets ist wie immer alles adrett auf seinem Platz. Ein Hochamt der Symmetrie. Die Unordnung entsteht erst durch das rasante Erzähltempo.

    Darum geht es

    Wes Anderson hatte bereits angekündigt, dass sein neuestes Werk inhaltlich schwer zu fassen sei: Ein amerikanischer Journalist, der in einer französischen Kleinstadt in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Magazin herausgibt, das irgendwie an den New Yorker erinnert. Man muss sich das so vorstellen, als hielte man ein Magazin in Händen. Drei Kurzgeschichten, erzählt von den jeweiligen Reporter:innen werden eingerahmt von einem Prolog und einem Epilog. In The Concrete Masterpiece berichtet J.K.L. Berensen (Tilda Swinton) von einem inhaftierten Maler (Benicia del Toro), seiner Muse Simone (Léa Seydoux) und dem Kunsthändler Julien Cadazio (Adrien Brody). In Revisions to a Manifesto ist der junge Revolutionär Zeffirelli das Objekt der Begierde der Journalistin Lucinda Kremetz (Frances McDormand). Sie erzählt von Studentenprotesten in der Kleinstadt. In The Private Dining Room of the Police Commissioner löst der Küchenchef und Polizeibeamte Lt. Nescaffier (Stephen Park) einen Fall von Kidnapping. Der Sohn des Kommissars (Mathieu Amalric) ist verschwunden. Roebuck Wright (Jeffrey Wright) berichtet.

    Kommentar

    Es scheint sich eine allgemeine Wes Anderson-Müdigkeit einzustellen. Schon wieder diese überladenen Bilder. Mehr Filmstars als auf einem Plakat Platz haben und alles so furchtbar manieriert und retro. So lauten die Kommentare. Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, dass Anderson seinen eigenen Stil perfektioniert hat, wie kein zweiter. Dem Publikum öffnet sich eine Wunderkammer, in der es mehr zu entdecken gibt, als im ersten Moment fassbar ist. Die Detailverliebtheit steht dem schnellen Erzähltempo gegenüber. Fokussiert man sich auf ein Objekt oder frönt den immer wieder beeindruckenden Bildkompositionen, hat man womöglich bereits die nächste Pointe verpasst.

    Neu ist hier das Format des Episodenfilms. Drei Jahre nach Isle of Dogs – Ataris Reise präsentiert uns der Regisseur in seinem 10 Spielfilm eine Ode an die freie Presse. Jede der drei Geschichten folgt einem anderen Stil. Gemeinsam ist ihnen ein romantisch verklärter Blick auf ein Frankreich der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. So wie es sich der Betrachter von außen eben vorstellt. Oder doch ein paar Jahrzehnte früher oder später? So genau ist das bei Anderson nicht. Es ist jedenfalls eine Welt, die im Untergehen begriffen ist. Ein gedrucktes Magazin mit ausführlichen ausufernden Reportagen wird in nicht allzu ferner Zukunft der Vergangenheit angehören.

    The French Dispatch ist ein handwerklich einwandfreier Film. Hochgradig artifiziell. Ennui-sur-Blasé (Andersons Wortkreationen kennen kein Limit) ist der Name des Ortes, in dem The French Dispatch spielt. Wie im Minimundus ist hier alles auf engstem Raum hineingepackt. Dorf und Großstadt zugleich. Ein Konglomerat aus großen Namen, Stilmitteln und Verweisen. Es ist aber eine Überfrachtung die beim erstmaligen Anschauen überfordert. Wie bei einem Wimmelbild, nur dass man nicht entscheiden kann, wie lange man in einer Szene verweilen darf und auch zurückblättern ist nicht möglich. Nach dem Trailer fragt man sich, wie das alles wohl in einem einzigen Film zusammenkommen soll. Nach knappen 107 Minuten erkennt man, was für ein schwieriges Unterfangen das tatsächlich ist.


    THE FRENCH DISPATCH of the Liberty, Kansas Evening Sun ★★★½
    Komödie, 2021

    Regie Wes Anderson
    Drehbuch Wes Anderson
    Kamera Robert D. Yeoman
    Schnitt Andrew Weisblum
    Musik Alexandre Desplat
    Mit Bill Murray, Tilda Swinton, Frances McDormand, Timothée Chalamet, Jeffrey Wright, Owen Wilson, Adrien Brody, uvm.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • KEINE ZEIT ZU STERBEN ★★★½

    KEINE ZEIT ZU STERBEN ★★★½

    Das Warten hat ein Ende. Produktionsverzögerungen und die Pandemie ließen gut 2 Jahre verstreichen. Mit Keine Zeit zu Sterben geht nun die fünfzehn Jahre und fünf Filme andauernde Ära von Daniel Craig als James Bond-Darsteller zu Ende. Keiner der legendären Vorgänger hat den Charakter so für sich vereinnahmt und derart geprägt wie Craig. Sowohl in der Charakterentwicklung des Agenten als auch hinsichtlich des antiquierten Frauenbildes ist das Autorenduo Purvis & Wade völlig neue Wege gegangen. Das Publikum hat es dem Produktionsteam gedankt. Der enorme Erfolg (Mit Skyfall spielte erstmals ein Film der Reihe mehr als eine Milliarde Dollar ein) hat Daniel Craig zum mit Abstand bestbezahlten Schauspieler aller Zeiten gemacht. Es ist ein langer und für die Serie ungewöhnlich emotionaler Abschied geworden.

    Darum geht es

    Wie alle Filme seit Ein Quantum Trost (2008) schließt auch Keine Zeit zu Sterben nahtlos an seinen Vorgänger an. James Bond (Daniel Craig) ist mit Madeleine Swann (Léa Seydoux), der Tochter von Quantum Anführer Mr. White (Er nahm sich in einer Hütte am Altausseer See das Leben), in Italien untergetaucht. Die Vergangenheit holt den Agenten aber bald wieder in die Realität zurück. Bond ließ Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz) am Ende von Spectre (2015) am Leben. Der delegiert seine Handlanger nun vom Hochsicherheitstrakt aus und die kommen Bond gefährlich nahe. Dann ist da auch noch Lyutsifer Safin (Rami Malek), der den Tod seiner Eltern rächen möchte und nebenbei die Weltherrschaft an sich reißen will.

    Felix Leiter (Jeffrey Wright) heuert seinen alten Freund Bond an, um mit ihm und dem CIA den gekidnappten MI6 Wissenschaftler Valdo Obruchev (David Dencig) ausfindig zu machen. Wieder einmal steht das Schicksal der gesamten Menschheit auf dem Spiel. Dass es dabei selbst für James Bond persönlich um viel geht, weiß er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

    Lashana Lynch ist 007 und Léa Seydoux bringt Bond gehörig aus dem Konzept.

    Kommentar

    Eigentlich hätte der leider sehr schwache Spectre den Abschied für Daniel Craig bedeuten sollen. Sehr eindringlich machte Craig damals klar, nicht mehr für die Rolle zur Verfügung zu stehen. Aber: Sag niemals nie. Sean Connery wusste, wovon die Rede ist. Was solls, die Rolle bleibt ohnehin mit einem jeden Schauspieler bis an sein Lebensende verbunden.

    Was das Autorenteam Purvis &Wade und Cary Joji Fukunaga unter Zuhilfenahme von Phoebe Waller-Bridge da nun auf die Leinwand gebracht haben, sucht seines Gleichen. Noch nie wurde eine etablierte und erfolgreiche Marke derart dekonstruiert. Viele aus dem jüngeren Publikum heute kennen die meisten der 24 Filme der vergangenen sage und schreibe 59 Jahre nicht mehr (plus 2: Sowohl Casino Royal von 1962 als auch Sag niemals nie, 1983, zählen offiziell nicht dazu). Für James Bond-Fans dürfte Keine Zeit zu Sterben allerdings ein gewisser Schock sein. Von vielem, was die Serie charakterisierte hat man sich in den letzten Filmen zusehends verabschiedet. Bereits bei ihrem ersten Auftritt als M in Goldeneye im Jahr 2005 nannte Judy Dench den Agenten „A sexist, misogynist dinosaur. A relic of the Cold War.“

    Mit Daniel Craig in Casino Royal elf Jahre später waren die legendären Bondgirls, die als bloßer optischer Aufputz dienten, Geschichte. Craig lief ständig mit schrammen im Gesicht herum, wurde gefeuert und offiziell für tot erklärt. Die letzten Jahre waren nicht leicht für den berühmtesten aller Geheimagenten. Herumschwirrende Kugeln konnten ihm immer noch nichts anhaben aber unter der Haut war er verletzlich geworden. Mit Vesper Lynd (Eva Green) erhielt Craigs Bond gleich zu Beginn eine Partnerin, die mehr als eine flüchtige Affäre war. Wie schon Diana Rigg als Teresa in Im Geheimdienst ihrer Majestät (mit George Lanzenby), die Bond ehelichte und Blofeld wenige Stunden später ermordete. Nun gibt es genau auf diesen Film in Keine Zeit zu Sterben zahlreiche Verweise, wie den Aston Martin und die unvergessliche Nummer We have all the time in the world von Louis Armstrong. Selbst mit der Filmmusik verließ man bekanntes Terrain. Hans Zimmer webt zwar geschickt zahlreiche klassische Bond Motive in seinen Score ein. Darüber hinaus weicht die Musik aber stark vom Gewohnten ab.

    „007 is only a number.“

    Keine Zeit zu Sterben (2021)

    Neben Im Geheimdienst ihrer Majestät gab es noch einen zweiten Film, der sich mit dem Charakter und der Vergangenheit von Bond auseinandersetzte: Skyfall, im 50. Jubiläumsjahr 2012. Der gleichnamige Familiensitz war Ort eines Traumas. Hier wurde Bond zum Waisen und hier starb auch M, gespielt von Judy Dench. Rückblickend wurde damals klar, dass M nur ein Buchstabe ist. Dench wurde durch Ralph Fiennes ersetzt. Jetzt ist es die Agentin Nomi (Lashana Lynch), die vorübergehend als 007 agiert.

    In Keine Zeit zu Sterben dominieren die dialoglastigen ruhigen Momente. Es gibt aber immer noch genug Raum für Stunts und Action (leider führte, wie so oft in den letzten Jahren, ein weiteres Mal mit Fukunaga jemand Regie, der mit dem Action Genre nicht sehr vertraut ist). Der Charakter wirkt jedoch losgelöst vom Agentendasein. Selbst Shaken, not stirred ist vergessen. Mehr sei hier nicht verraten.

    Die große Frage, die sich stellt: wie geht es von hier aus weiter? Unverkennbar hat man mit Mission: Impossible Anleihen an einem anderen maßgeblichen Franchise genommen. Mit Q (Ben Whishaw), M , Ms. Moneypenny (Naomi Harris) und Nomi greifen weitere Charaktere aktiv ins Geschehen ein. Ana de Armas assistiert Bond auf Blofeld Geburtstagsfeier als CIA Agentin und löste mit ihrem kurzen Auftritt nicht nur in den Sozialen Medien eine Welle der Euphorie aus. Bond ist hier kein Einzelgänger mehr.

    Die Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson werden sich die Frage stellen müssen, was die Alleinstellungsmerkmale von James Bond nun sind. Eines scheint klar: nach Keine Zeit zu sterben steht ein radikaler Neustart an. Gut möglich, dass dies mehr als das Ende für Daniel Craig bedeutet und uns ein neuer Bond für eine neue Generation erwartet. Für diesen Abschied hat die Marke James-Bond-007 jedenfalls einen hohen Preis bezahlt.


    Keine Zeit zu sterben (OT: No time to die)
    Agententhriller, GB 2021

    Regie Cary Joji Fukunaga
    Drehbuch Purvis & Wade, Cary Fukunaga, Phoebe Waller-Bridge
    Kamera Linus Sandgren
    Schnitt Eliott Graham, Tom Gross
    Musik Hans Zimmer
    Mit Daniel Craig, Léa Seydoux, Ralph Fiennes, Ben Whishaw, Naomi Harris, Jeffrey Wright, Christoph Waltz, Rami Malek, Ana de Armas
    Länge 163 Minuten


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau