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  • „THE END OF OAK STREET“ Filmkritik: Die Dinos können nichts dafür.

    „THE END OF OAK STREET“ Filmkritik: Die Dinos können nichts dafür.

    Während die Sonnenfinsternis gestern ohne nennenswerte Vorkommnisse über die Bühne gegangen ist, hat die Familie Platt mit dem kosmischen Ereignis in The End of Oak Street leider weniger Glück. Regisseur und Drehbuchautor David Robert Mitchells Vorbilder sind unverkennbar. Leider gehen seiner Hommage an das 1980er-Jahre Kino schnell die Ideen aus. Und Achtung: Das hier ist kein locker lustiger Sommerblockbuster für die ganze Familie.

    ★★★ ½

    Mit Anne Hathaway, Ewan McGregor, Christian Convery, Maisy Stella Regie David Robert Mitchell Ab 12 (nein, nicht wirklich) Länge 99 Minuten

    The End of Oak Street (David Robert Mitchell, USA 2025)

    Kurzkritik

    Es gibt in diesem Jahr drei Kategorien von Filmen: Jene mit Anne Hathaway, jene mit Anne Hathaway und Zendaya und jene mit Zendaya. The End of Oak Street gehört zur ersten Kategorie. Es ist kein Ewan McGregor Film. Sorry Ewan. Warum? Dafür müsstet ihr euch den Film schon anschauen.

    Anne Hathaway darf als Buchautorin ihre Familie vor bestialischen Dinosauriern beschützen, nachdem ihr gesamtes Grätzl über Nacht in die Prähistorische Zeit verpflanzt wurde und sich die Dinos nicht nur über die Mülltonnen hermachen. Angesichts der neuen Lage, treten innenfamiliäre Differenzen in den Hintergrund. Was zählt, ist der Zusammenhalt untereinander. Eine Ellen Ripley wird aber nicht aus ihr werden. Die Rolle liegt Anne Hathaway leider eher weniger.

    Burschen auf Fahrrädern in feschen kurzen Shorts (Warum sind heute diese Sackhosen modern?), Reibereien unter den Cliquen und mit dem Nachbarn in der Vorstadt, Nachrichten aus dem Radio, keine Handys. Retro is chic. Da werden Erinnerungen an Filme von Steven Spielberg wach und genauso an Stranger Things. Untermalt von einem vertrauten Soundtrack von Michael Giacchino baut sich eine unheilvolle Spannung auf. Nach und nach ereignen sich unerklärliche Vorkommnisse bis schließlich nach gleißend hellen Lichtblitzen hinter dem Haus der prähistorische Urwald zu wachsen beginnt.

    Persönlich finde ich es positiv, dass nicht die armen Haie als Bestien herhalten müssen, sondern die Dinosaurier. Wer eine Affinität für die Riesenechsen hat, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten. Sie sind ganz anständig animiert. Wobei es eher Riesenvögel heißen sollte. Denn die Dinos sind entsprechend der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse oftmals behaart oder haben Federn (Ist das im Jurassic World Franchise auch so?). Sie haben also weitaus weniger mit Reptilien gemeinsam, als jene Viecher im Jurassic Park.

    Regisseur David Robert Mitchell, der mit It Follows 2014 das Horrorgenre in neue Bahnen gelenkt hatte und folglich eine Durststrecke erlitten hat, gehen leider bald die Ideen aus. Obwohl der Film nur eine Laufzeit von knapp 99 Minuten hat, also gut 30 Minuten weniger als vergleichbare Filme. The End of Oak Street wird ihn also auch nicht herausreißen. Aber wer weiß, vielleicht passt der Zeitpunkt und die durchwachsenen Kritiken locken genügend Publikum ins Kino.

    Alsbald die Dinos los sind, passiert nicht mehr viel, was die Rahmenhandlung weiterbringt. Die ist überhaupt neben den plot holes die größte Schwäche diese Spektakels, dass apropos Horrorgenre, ganz schon brutal ist. Wie das zu einer Freigabe ab 12 Jahren geführt hat, ist rätselhaft. An Humor fehlt es Oak Street nämlich nahezu komplett.

    Alles in allem eine Enttäuschung. Auch wenn wir es mit einem leichten Sommerblockbuster zu tun haben, fehlt es schlicht an Substanz. Die Stimmung nach der ersten Vorstellung heute war auch etwas gedämpft. Gut, dass sich die Dinos nicht mehr wehren können. Sonst gäbe es Homo Sapiens Ragù.

    THE END OF OAK STREET (USA 2026),
    Ab 12 (siehe oben) Länge 99 Minuten
    Regie und Drehbuch David Robert Mitchell Kamera Mike Gioulakis Schnitt John Axelrad
    Musik Michael Giacchino Mit Mit Anne Hathaway, Ewan McGregor, Christian Convery, Maisy Stella


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  • „THE INVITE“ Filmkritik: Kammerspiel mit Pointenfeuerwerk

    „THE INVITE“ Filmkritik: Kammerspiel mit Pointenfeuerwerk

    ★★★★ ½

    Mit Olivia Wilde, Penélope Cruz, Edward Norton, Seth Rogen Regie Olivia Wilde
    Ab 12 Länge 108 Minuten

    Olivia Wilde (Don’t Worry Darling, Booksmart) inszeniert The Invite und spielt neben Penélope Cruz, Edward Norton und Seth Rogen in einem Kammerspiel, bei dem sogar das Publikum peinlich berührt ist. Das ist einmal aufs Neue Seth Rogen zu verdanken, der in seiner unvergleichlichen Art den Eindruck erweckt, als wäre er nur ein Störenfried, der sich zufällig am Set aufhält. Ein unterhaltsamer und berührender Kinoabend ist garantiert.

    THE INVITE von Olivia Wild (USA 2026)

    Kurzkritik

    Die Viererkonstellation ist zu allererst einmal ein ungewöhnlicher Casting-Coup. Cruz und Norton als Paar liegen nicht gerade auf der Hand. Das macht The Invite neben dem körnigen an Film erinnernden Look und dem geschmackvoll eingerichteten Apartment zu einem sehenswerten Filmvergnügen.

    Zusammengehalten wird das alles aber von Seth Rogen, der die Handlung von Beginn an trägt und durch perfektes Timing der Pointen und sein unvergleichliches Lachen dieser Komödie zu Höhenflügen verhilft.

    Er nervt. Und wie. Wenn er im Hintergrund steht und man schon sieht, wie ihm die nächste Peinlichkeit auf den Lippen liegt, möchte man im Boden versinken. Seine Frau Angela, verkörpert von Olivia Wilde, kann diese Momente mehrmals abwenden aber im nächsten Augenblick ist es draußen und die Geschichte nimmt wieder an Fahrt auf.

    Der Titel The Invite ist doppeldeutig. Angela und Joe sprechen eine Einladung an ihre Nachbarn aus, oder besser gesagt nur Angela. Joe weiß davon nichts, wie sich herausstellt und das liefert die erste Steilvorlage für Rogen. Im Lauf des Besuchs sprechen die Gäste Pina (Penélope Cruz) und Hawke (Edward Norton) dann ihrerseits eine ungewöhnliche Einladung aus. Leider verrät hier bereits der Trailer viel zu viel über die Handlung.

    Noch bevor es auf der Leinwand hell wird, hört man Seth Rogens Lachen aus dem Off. Unweigerlich fragt man sich, was er eigentlich hauptberuflich macht. Tja, er ist einer der besten Comedians unserer Zeit. rNach dem Ping Pong der Pointen legt The Invite gegen Ende eine Vollbremsung ein und schließt mit einem berührenden Finale. Beste Unterhaltung also mit einem Starensemble in Höchstform.

    THE INVITE (USA 2026)
    Ab 12 Länge 108 Minuten
    Regie Olivia Wilde Drehbuch Will McCormack, Rashida Jones Kamera Adam Newport-Berra Schnitt Yorgos Mavropsaridis Musik Devonté Hynes Mit Olivia Wilde, Penélope Cruz, Edward Norton, Seth Rogen


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  • „OBSESSION – DU SOLLST MICH LIEBEN“ Filmkritik: Ein Indie-Horrorfilm mischt Hollywood auf

    „OBSESSION – DU SOLLST MICH LIEBEN“ Filmkritik: Ein Indie-Horrorfilm mischt Hollywood auf

    ★★★★ ½

    Mit Michael Johnston, Inde Navarrette Regie Curry Baker
    Ab 16 Länge 109 Minuten

    Ein Wunsch mit fatalen Folgen und alles nur für die Liebe. Regisseur Curry Baker ist mit Obsession – Du sollst mich lieben ein feiner Horrorfilm gelungen. Warum ihr ins Kino gehen solltet, auch wenn ihr mit Horror nicht viel am Hut habt, das erfahrt ihr hier.

    OBSESSION von Curry Baker (USA 2025)

    Kurzkritik

    Am Anfang steht ein Wunsch, der nur allzu menschlich ist. Bear (Michael Johnston) ist verliebt, doch von seiner Arbeitskollegin Nikki ( Inde Navarrette) kommen kaum Signale, die den Schluss zuließen, dass diese Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Kurzerhand wünscht sich Bear mit Hilfe eines „One Wish Willow“ aus einem Esoterikladen, dass Nikki nichts mehr liebt auf der Welt als ihn.

    Es ist ein folgenschwerer Wunsch, denn das Ding funktioniert tatsächlich. Näher betrachtet kann der harmlos anmutende Wunsch wörtlich genommen nämlich nur zu einer gefährlichen Obsession führen. So hat sich das Bear nicht vorgestellt. Was tun? Schließlich hat jeder nur einen Wunsch frei. So richtig glauben schenken mag ihm natürlich auch niemand. Hätte er doch lieber das Kleingedruckte gelesen.

    Was kein leichtes Unterfangen gewesen wäre, denn der Überraschungshit von Curry Baker ist durchwegs von einer schummrigen Stimmung durchzogen. Im Kinosaal wird sich möglicherweise des Öfteren der Wunsch breit gemacht haben, dass Bear doch bitte endlich einmal zu Hause einen Lichtschalter betätigen könnte. Die Bilder von Kameramann Taylor Clemons tragen maßgeblich zur beklemmenden Stimmung bei.

    Die Lage eskaliert, dass es nur so eine Freude ist. Curry Baker ist mit Obsession – Du sollst mich lieben ein atmosphärisch dichter Horrorfilm gelungen, witzig und clever obendrein. Der Regisseur setzt bei seinen Darstellern auf Newcomer und hat damit einen großen Erfolg gelandet.

    Sehr zur Freude der ganzen Branche, ist es nun endlich gelungen, an das erfolgreiche Kinojahr 2019 anzuschließen und dabei nicht nur das alte Publikum zurückzuholen, sondern gerade die Generation des Regisseurs von den Vorzügen eines Kinobesuchs zu überzeugen. Baker aber auch Regisseur Keane Parsons (Backrooms) scheinen eine Lücke zu füllen und twentysomethings etwas zu bieten, dass zum kollektiven Erlebnis wird.

    Der schwarzhumorige Horrorfilm Obsessions . Du sollst mich lieben bietet auch die Grundlage zu Diskussionen darüber, wie man sich im Zustand der absoluten Verliebtheit verhält, wieviel von der alten Nikki noch in ihr steckt und ob sie Bear auch so geliebt hätte.

    Auch wenn das Publikum dort und da die Augen hinter den Händen verstecken wird – das gehört doch dazu! – lohnt sich ein Kinobesuch. Obsessions – Du sollst mich lieben bleibt spannend bis zuletzt.

    Wer auch immer für Übersetzungen von Filmtitel zuständig ist, man sollte diejenigen davon abhalten ihre „kreative“ Ader ausleben zu können und den Titeln etwas anzudichten. Es wirkt nicht nur billig, sondern ist völlig unnötig.

    OBSESSION (USA 2025)
    Ab 16 Länge 109 Minuten
    Regie Curry Baker Drehbuch Curry Baker Kamera Taylor Clemons Schnitt Curry Baker
    Musik Rock Burwell Mit Michael Johnston, Inde Navarrette


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  • „DIE ODYSEE“ Filmkritik: Ein Stück männliches Überwältigungskino

    „DIE ODYSEE“ Filmkritik: Ein Stück männliches Überwältigungskino

    ★★★★

    Mit Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya, Elliot Page, Robert Pattinson, Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Samantha Morton, Bennie Safdie Regie Christopher Nolan Ab 12 Länge 172 Min

    Jeder hat schon von ihr gehört. Immerhin hat die Odyssee von Homer in den sprichwörtlichen Sprachgebrauch Eingang gefunden. Im Detail kennen werden das mehr als 2500 Jahre alte Epos die Wenigsten. Nun hat sich mit Christopher Nolan einer der großen Handwerker des gegenwärtigen Kinos dem Leidensweg von Odysseus und seinen Männern angenommen. Es ist ein Spektakel geworden, dass wie ein ohrenbetäubender Orkan über die Leinwand zieht. Warum diese Geschichte bis heute eine größere Bedeutung hat, als man vermuten mag und ob sich ein Kinobesuch lohnt, könnt ihr hier nachlesen.

    Matt Damon als Odysseus in „Die Odyssee“ von Christopher Nolan.

    Eine (Anti-)Heldenreise

    Geplant war eine kurze Rückschau aber es gibt dann doch einiges zu sagen. Keine Angst, 24 Gesänge, so wie in Homers Vorlage, werden es nicht.

    Stürme, eine ohrenbetäubende Gischt, knarrende und zerberstende Holzplanken, klirrendes Metall und um ihr Überleben schreiende Krieger: Die Odyssee ist zuerst einmal eines, nämlich sehr laut. Es hat den Anschein, als lotet Nolan die Grenzen des Unterhaltungskinos aus. Diese Wucht über fast 170 Minuten aushalten zu können, erfordert einiges an Durchhaltevermögen (obwohl der Film erstaunlich kurzweilig ist). Hinzu kommt ein großes Maß an Brutalität, nicht nur in den Kampfszenen, sondern gerade auch in den Begegnungen mit mythologischen Wesen. Das kennt man weder aus Nolans Filmen, noch generell von Blockbustern.

    Matt Damon führt mit Anne Hathaway und Tom Holland ein hochkarätiges Ensemble an. Die Liste der Top-Stars ist scheinbar endlos. Ob die Rollen ideal besetzt sind, darüber gibt es geteilte Meinungen. Erwähnen muss man die gelungene Besetzung der weiblichen Gottheiten durch Samantha Morton, Zendaya und Charlize Theron. Allerdings gibt man ihnen nicht viel zu tun. Lediglich die von Morton dargestellte Zauberin Kirke hat einen starken Auftritt, der jedoch nach wenigen Minuten zu Nichte gemacht wird (was freilich auch der Straffung des Stoffes geschuldet ist). Robert Pattinson als bedeutendster Freier von Odysseus‘ Ehefrau Penelope sticht ebenso hervor wie John Leguizamo (wer hat ihn erkannt?) als Odysseus‘ blinder und loyaler Schweinehirte.

    Schauspielführung scheint nicht die größte Stärke von Christopher Nolan zu sein. Das teilt er mit anderen kompromisslosen Visionären wie George Lucas.

    In dieser Version ist Odysseus ein von Zweifeln geplagter Antiheld. Eine derartig umfangreiche Vorlage eröffnet durch (notwendige) Auslassungen einen Spielraum für Interpretationen. Der Preis für den Sieg in Troja war hoch und wirkt bis heute nach. Odysseus hat selbst nach seiner 10-jährigen Irrfahrt die Kriegstraumata nicht überwunden.

    Wie? Wirkt bis heute nach? Das Gesetz des Zeus spielt in der griechischen Mythologie eine große Rolle. Gastgeber waren dazu verpflichtet, Schutzsuchende, Fremde und Gäste im allgemeinen bedingungslos in Empfang zu nehmen. Nicht nur, weil sich hinter jedem oder jeder Unbekannten eine Gottheit verbergen kann. Nun erobert Odysseus Troja durch seine List mit dem Trojanischer Pferd (Die Szene mit und im Trojanischen Pferd gehört zu den zahlreichen starken Sequenzen des Films). Hinter dem Fremden und Unbekannten verbirgt sich der Feind. Die Folgen sind besonders blutig. Das Gesetz ist gebrochen. Unter ihnen leidet Odysseus und zieht nicht zuletzt den Zorn der Götter auf sich. Wie ein moderner Superheld überlebt er, verliert jedoch seine gesamte Mannschaft.

    Wenn man so möchte, ist das Misstrauen gegen das Fremde geblieben. Und noch etwas: Die Odyssee als Heldenreise findet sich mit all ihren Stationen und Archetypen bis heute in nahezu jedem Drehbuch wieder (sehr empfehlenswert und hier nachzulesen: „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ von Christopher Vogler. Aha-Erlebnisse garantiert).

    Die Odyssee ist exzellentes Filmhandwerk. Christopher Nolan verzichtete weitgehend auf digitale Effekte. Das unterscheidet den Film von vielen anderen aktuellen Produktionen und macht das Kinoerlebnis authentischer und intensiver. Auch wenn die Bildgewalt auf den Galeeren (brillante Kamera: Hoyte van Hoytema) durch das übertriebene Sounddesign etwas gestört wird. Da verkommt die Geräuschkulisse schnell zu breiigem Lärm. Dafür bleibt die Filmmusik von Ludwig Göransson im Gedächtnis.

    Dieser Tage beschäftigen sich wohl mehr Kinobesucher*innen mit technischen Details des Filmemachens als sonst üblich. Das ist Nolan zu verdanken, der den ersten komplett mit IMAX Kameras gedrehten Spielfilm produziert hat. Technische Umbauten haben es möglich gemacht, das sehr laute Kameraungetüm auch für Dialogszenen einsetzen zu können. Purist*innen leiden, da dieses Format in seiner ganzen Dimension in Europa in sage und schreibe nur 5 Kinos abgespielt werden kann (Das war der technische Einschub. Wer mehr wissen möchte, kann es hier nachlesen).

    Das Trojanische Pferd ragt aus dem Sand wie die Freiheitsstatue in Planet der Affen. Noland inszeniert die Odyssee als Zeitenwende. Es ist ein Kinoereignis, auf das man sich einlassen muss. Hinsetzen und überwältigen lassen. Am Besten im größten und bestausgestattetesten Kinosaal. Sich davor einzulesen schadet nicht. Es ist nicht leicht den Überblick zu behalten.

    Ob Frauen eine deart gewalttätige und männliche Machtdemonstration toll finden, mit dieser Frage hat sich Catherine Shoard in Chastity, nodding and enormous pores: will women also love Nolan’s Odyssey? für den Guardian auseinandergesetzt. Nur soviel: eher nicht.

    Homers Odyssee mag die Mutter aller Geschichten sein und Nolans Film der Höhepunkt der diesjährigen Kinosaison. Die Mutter aller Filme ist es nicht geworden. Die ist bekanntlich Hot Shots. Auf einen Oscar-Regen können sich alle Beteiligten aber trotzdem einstellen.

    DIE ODYSEE (UK 2026, OT: THE ODYSSEY),
    Ab 12 Länge 172 Min.
    Regie Christopher Nolan Drehbuch Christopher Nolan Kamera Hoyte van Hoytema Schnitt Jennifer Dame
    Musik Ludwig Göransson Mit Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya, Elliot Page, Robert Pattinson, Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Bennie Safdie, Samantha Morton


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  • „BACKROOMS“ Filmkritik: Jeder Generation ihr Blair Witch Projekt!

    „BACKROOMS“ Filmkritik: Jeder Generation ihr Blair Witch Projekt!

    ★★★★

    Mit Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Lukita Maxwell Regie Kane Parsons
    Ab 16 Jahren Länge 110 Minuten

    Kann ein 21-jähriger Youtuber einem Regiealtmeister die Stirn bieten? Es ist ein aufgelegter Vergleich, wenn das Regiedebüt von Kane Parsons zeitgleich mit DISCLOSURE DAY von Steven Spielberg in die Kinos kommt. An den Kinokassen hat der Newcomer die Nase vorne. Aber was bietet uns BACKROOMS?

    Backrooms (Kane Parsons (USA 2026)

    Kurzkritik

    Die Vorgeschichte: Die Geburtsstunde der Backrooms geht vermutlich auf einen Tag im Jahr 2019 zurück, an dem sie in einem Internetforum zum ersten Mal Erwähnung fanden. Sie entwickelten sich zu einer Urban Legend, die sich im Jahr 2022 der damals 17-jährige Youtuber Kane Parsons (als Kane Pixels) zu eigen machte. Diese Hinterzimmer sind endlose und meist leere Labyrinthe, in die man durch eine Art Fehler in unserer Wirklichkeit (in der digitalen Welt „Glitch“ genannt) hinübertreten kann.

    Für eine Youtube Serie erlernte Parsons den Umgang mit einer 3D-Software und entwarf fortan unendliche gelbe und mit Leuchtstoffröhren erhellte Bürolabyrinthe. Im Zuge der Produktion erzeugte er einen körnigen an VHS Recorder erinnernden Look und schuf so eine Serie von found footage Filmen, rund um ein fiktives Forschungsinstitut, angesiedelt im Jahr 1990. Neben den surreal wirkenden Räumen erzeugt die Ich-Perspektive der Kamera zusätzlich eine unheimliche Atmosphäre, da sie das Blickfeld des Publikums stark reduziert, so als befände man sich selbst vor Ort.

    Millionen Klicks später bringt nun das Studio A24 die Backrooms in Spielfilmlänge in die Kinos. Das Drehbuch stammt von Roberto Patino und Will Soodik und rückt Clark (Chiwetel Ejiofor) in den Mittelpunkt. Der arbeitet in einem heruntergekommenen Möbelgeschäft, macht verrückte Werbespots und wohnt auch dort, nachdem ihm seine Frau hinausgeworfen hat. Im Keller entdeckt er ein Portal zu den Backrooms.

    Auf jeden, der die Räume betritt, scheinen sie eine unbeschreibliche Faszination auszuüben. Obwohl hinter jeder Ecke Gefahr lauern und man sich zudem leicht verirren könnte, dringen die Besucher immer weiter vor. Naturgemäß glaubt ihm seine Therapeutin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve) seine Geschichte nicht. Erst als Clark spurlos verschwindet, macht sie sich auf die Suche.

    Das um und auf der Backrooms sind deren visuelle Gestaltung. Selbst das riesige nur spärlich ausgestattete Möbelgeschäft passt sich dem Stil an und schafft eine beklemmende Atmosphäre, der man in deutlich unter 2 Stunden Spiellänge kaum entkommen kann.  Für den Spielfilm wurde ein mehrere tausend Quadratmeter großes Set konstruiert und mit CGI ergänzt. Das Setdesign von Backrooms ist bemerkenswert. Immer wieder tun sich neue Räume auf, die meist leer sind und wenn nicht, dann mit verstörenden Details überraschen.

    Trotz des Fokus auf die atmosphärische Spannung ist Backrooms ein kurzweiliges Gruselvergnügen. Die Handlung selbst tritt in den Hintergrund und wird nur jene zufrieden stellen, die nicht jede Erklärung auf dem Silbertablett präsentiert bekommen möchten.

    Jede Generation verdient ihr BLAIR WITCH PROJECT (USA 1999). Parsons Backrooms werden wohl noch viele Jahre vor den heimischen TV-Geräten für unheimliche Filmabende sorgen. Steven Spielberg war 24 Jahre alt, als 1971 mit DUEL sein erster Spielfilm ins Fernsehen kam. Ebenso ein minimalistisch inszenierter Film. Ob Kane Parsons Spielberg handwerklich das Wasser wird reichen können, wird die Zeit weisen. Der große Geschichtenerzähler Steven Spielberg hat gerade trotz eines durchschnittlichen Stoffes wieder bewiesen, dass er es mit bald 80 Jahren immer noch drauf hat. 

    BACKROOMS (USA 2026),
    Ab 16 Jahren Länge 110 Minuten
    Regie Kane Parsons Drehbuch Roberto Patino und Will Soodik Kamera Jermey Cox Schnitt Greg Ng
    Musik Edo van Breemen, Kane Parsons Mit Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Lukita Maxwell


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  • „DISCLOSURE DAY“ Filmkritik: Die Mutter aller Alienfilme

    „DISCLOSURE DAY“ Filmkritik: Die Mutter aller Alienfilme

    Kam es 1947 in Roswell, New Mexico zu einem Absturz eines UFO? Diese Frage beschäftigt seitdem die Populärkultur und wurde in zahlreichen Büchern und Filmen thematisiert. Nicht nur Regisseur Steven Spielberg ist seit jeher davon überzeugt, dass das Universum nicht nur für uns alleine da ist. Selbst in der US-Politik sorgt das Thema immer wieder für Debatten. Rechtzeitig als das Pentagon neuerlich bisher geheime und unerklärliche Aufnahmen von nicht näher definierten Flugobjekten veröffentlicht, kommt mit DISCLOSURE DAY ein Film in die Kinos, der eine eindeutige Antwort darauf hat.

    ★★★★

    Mit Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo Regie Steven Spielberg Ab 12 Jahren Länge 145 Min.

    Josh O’Connor in DISCLOSURE DAY von Steven Spielberg

    Kurzkritik

    Schwarze Limousinen mit Agenten in ebenso schwarzen Anzügen rasen im Auftrag der Regierungsorganisation WARDEX durch die Landschaft. Deren Chef Noah Scanlon (Colin Firth) ist mittels Alientechnologie auf der Jagd nach einer Splittergruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Menschheit mit einer Wahrheit zu konfrontieren, die den Lauf der Dinge verändern könnte.

    Die Welt steht kurz vor dem dritten Weltkrieg, als die Wettermoderatorin Margaret (Emily Blunt) eine seltsame Begegnung mit einem Vogel hat. Seitdem ist sie in der Lage mehrere Sprachen zu sprechen und während ihres TV-Auftrittes passiert etwas, das nicht nur WARDEX auf den Plan ruft, sondern Margaret folglich mit Daniel (Josh O’Connor) zusammenführen wird. Er besitzt geheime Dokumente und etwas scheint ihn mit Margaret zu verbinden. Beschützend im Hintergrund wirkt Hugo Wakefield (Colman Domingo), der Anführer einer Gruppe, die sich einst von WARDEX gelöst hatte.

    DISCLOSURE DAY steuert auf ein Ziel zu. Der Name verrät es. Die Frage nach außerirdischem Leben ist fester Bestandteil der Filmografie von Steven Spielberg. Wie es im Film so schon heißt: Es wäre eine Verschwendung, wenn Gott das alles nur für uns erschaffen hätte. Insgeheim hofft auch der Regisseur auf den „Tag der Wahrheit“ (so der deutsche Zusatztitel). Immer wieder war davon die Rede, dass sich Spielberg eine kindliches Gemüt bewahrt hat und mit großen staunenden Augen die Welt betrachtet. In seinem neuesten und wie es aussieht seit längerem erfolgreichsten Film kann man das wieder stark spüren.

    Die Story spielt zwar in einer fiktiven von Social Media geprägten Gegenwart, ist von der Thematik aber näher an den Filmen der 1980er und 1990er Jahre. Damals hätte mich der Film wohl auch mehr abgeholt.

    Am Ende, wenn die Welt tatsächlich für einen Moment still zu sehen scheint, stellt DISCLOSURE DAY die Frage in den Raum, was eine solche Erkenntnis wohl für Auswirkungen auf unser Miteinander haben könnte. Auf uns als Spezies, die zur Selbstvernichtung neigt.

    DISCLOSURE DAY – Der Tag der Wahrheit
    Ab 12 Länge 145 Min.
    Regie Steven Spielberg Drehbuch David Koepp Kamera Janusz Kamiński Schnitt Sarah Broshar Musik John Williams Mit Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo


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  • „ROSE“ Filmkritik: Ein bestechendes wie zeitloses Historiendrama über Geschlechtergerechtigkeit.

    „ROSE“ Filmkritik: Ein bestechendes wie zeitloses Historiendrama über Geschlechtergerechtigkeit.

    ★★★★ ½

    Mit Sandra Hüller, Caro Braun Regie Markus Schleinzer
    Ab 14 Länge 93 Minuten

    Eines Tages taucht Soldat verkleidet in einem Dorf auf und stellt Ansprüche auf ein Grundstück eines gefallenen Kriegskameraden. Er ist ein Kriegsheimkehrer und sieht sich als rechtmäßigen Erben und er ist eigentlich eine Frau namens Rose, die sich in der Rolle eines Mannes ein besserer Leben erhofft. Folglich kommt es zu einer arrangieren Ehe mit Susanna, die auch noch schwanger wird. Einer glücklichen Zukunft scheint nichts im Wege zu stehen.

    Sandra Hüller und Caro Braun in ROSE von Markus Schleinzer

    Kurzkritik

    Es ist die Zeit des Dreißigjährigen Krieges in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der die Geschichte von Markus Schleinzer und Alexander Brom angesiedelt ist. Mit den Vorbereitungen gingen intensive Recherchen einher, bei denen sie auf zahlreiche Berichte von als Männer verkleidete Frauen stießen. Die Geschichte von Rose ist kein konkretes Schicksal, soll aber stellvertretend für viele andere gelesen werden. Schleinzer und Brom waren um größtmögliche Authentizität bemüht. Eine Erzählstimme unterstreicht den Charakter eines Berichtes, ganz so, als hätte es Rose wirklich gegeben.

    Jene Inbrunst, die in die Vorbereitungen gesteckt wurde, ist nun auch im Film ROSE zu spüren. Markus Schleinzer macht keine halben Sachen. Jede Einstellung scheint wohl überlegt und ist dank der betörend wie düsteren Bilder von Kameramann Gerald Kerkletz ein Gedicht (wer weiß, vielleicht hören wir im kommenden Jahr bei den Oscars wieder von ihm!) – in schwarzweiß, weil alles andere lenke von der Geschichte ab.

    Dass man nicht abgelenkt wird, dafür sorgen Sandra Hüller als Rose und erstmals Caro Braun als Susanne. Hüller mimt die Hosenrolle mit einer Selbstverständlichkeit, die ihres Gleichen sucht. Braun gelingt es neben ihr bravourös zu bestehen.

    Markus Schreinzers Einflüsse kann man seiner Biografie entnehmen. Als Casting Director und Assistent von Michael Haneke, ist dessen Handschrift nicht zu übersehen. Das ist zweifelsohne als Kompliment zu verstehen. Bei der Wien Premiere saß Haneke im Publikum und so mancher sah sich an DAS WEIßE BAND erinnert.

    Roses Geschichte liegt 400 Jahre zurück. Frauen die in Hose geschlüpft sind, um sich in einer von Männer dominierten Welt einen Vorteil zu verschaffen gab es immer wieder und gibt es bis heute. Selbst wenn die Rechte für Frauen im Laufe der Zeit freilich gestärkt wurden, wohnt ROSE eine Aktualität inne, die zu denken gibt. ROSE reiht sich in den Kanon großer österreichischer Filme ein und sollte nicht im Kino verpasst werden!

    ROSE (D/A 2026)
    Ab 14 Länge 93 Minuten
    Regie Markus Schleinzer Drehbuch Markus Schleinzer, Alexander Brom Kamera Gerald Kerkletz Schnitt Hansjörg Weißbrich
    Musik Tara Nome Doyle Mit Sandra Hüller, Caro Braun


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  • „MARTY SUPREME“ Filmkritik: Atemlos mit Timothée Chalamet

    „MARTY SUPREME“ Filmkritik: Atemlos mit Timothée Chalamet

    ★★★★

    Mit Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, Kevin O`Leary Regie Josh Safdie
    Ab 14 Länge 150 Min.

    Dieser Tage pilgert das Publikum Richtung Programmkinos, in denen sich lange Schlangen vor den Kinokassen bilden. Alle wollen den Star der Stunde sehen: Timothée Chalamet darf getrost so bezeichnet werden. Seine Darstellung eines kleinkriminellen Tischtennisspielers in MARTY SUPREME hat ihm viel Lob eingebracht und bei den Oscars 2026 geht er als Favorit ins Rennen. Es ist mit nur 30 Jahren seine bereits dritte Nominierung als Hauptdarsteller.

    Timothée Chalamet in MARTY SUPREME von Josh Safdie

    Kurzkritik

    Da die Safdie Brüder Josh und Benny gerade solo unterwegs sind, haben sie uns in den vergangenen Monaten gleich mit zwei Filmen beglückt: The Smashing Maschine von Benny Safdie lief im vergangenen Jahr bei uns im Kino (Die letzte gemeinsame Arbeit Der Schwarze Diamant liegt schon sieben Jahre zurück und ist bei Netflix verfügbar).

    MARTY SUPREME ist zugänglicher als die vorangegangenen Filme der Safdie Brüder und spricht ein breiteres Publikum an. Trotzdem mit klarer Handschrift aber eben weniger fordernd (einzig die Laufzeit erfordert etwas Geduld). Wie schon mit Robert Pattinson abermals ein Jungstar als Hauptdarsteller und das in einer ungewöhnlichen Rolle. Timothée Chalamet, der sich jahrelang akribisch auf die (präzise gescripteten) Tischtennissequenzen vorbereitet hatte, spielt mit vollem Körpereinsatz einen witzigen Draufgänger mit Hang zur Selbstüberschätzung und mit einer Vision, die der Schuhverkäufer zielstrebig verfolgt. Wir haben es hier auch mit keinem klassischen Sportfilm oder Biopic zu tun. Teilweise spielt Tischtennis überhaupt nur eine Nebenrolle. Bei Safdie regiert das Chaos, das er aber immer unter Kontrolle hat.

    Es ist eine Gelegenheit für ein paar Neuentdeckungen. Der kanadische Unternehmer Kevin O`Leary gibt sein Schauspieldebüt als Ehemann einer von Gwyneth Paltrow gespielten Hollywood Diva. Für Paltrow es die Rückkehr auf die große Leinwand und die erste Rolle Abseits der Marvel Filme seit vielen Jahren. Auch Odessa A’zion sollte man sich merken. Abel Ferrara hat einen Auftritt. Alles in allem eine gelungene Ensembleleistung.

    MARTY SUPREME ist ein witziges wie energetisches Kino, wie man es von Josh Safdie gewohnt ist: eine rastlos bewegte Kamera, dichte Bildkompositionen und ein Protagonist, der selbstverschuldet von einem Unglück in nächste schlittert. Allerdings lässt Safdie diesmal einen Hoffnungsschimmer am Horizont erscheinen. Ist Marty Hauser doch nicht ganz verloren?

    MARTY SUPREME (USA 2025),
    Ab 14 Länge 150 Min.
    Regie Josh Safdie Drehbuch Ronald Bronstein, Josh Safdie Kamera Darius Khondji Schnitt Ronald Bronstein, Josh Safdie Musik Daniel Lopatin Mit Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion


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  • „SILENT FRIEND“ Filmkritik: Eine Ode an die Schönheit der Wissenschaft

    „SILENT FRIEND“ Filmkritik: Eine Ode an die Schönheit der Wissenschaft

    Drei Geschichten, die sich über ein Jahrhundert erstrecken und verbunden sind durch einen Ginkgobaum im botanischen Garten der Universität Marburg. Pflanzen, die uns beobachten und mit uns kommunizieren. Es ist gar nicht so einfach SILENT FRIEND, die neue Arbeit der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, mit Worten gerecht zu werden. Dieser vielfach ausgezeichnete Film ist jedenfalls eine Seherfahrung, die man so schnell nicht wieder vergisst.

    ★★★★★

    Mit Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Marlene Burow, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke Regie Ildikó Enyedi Ab 10 Länge 145 Min.

    Luna Wedler und Jonas Hegemann (Silent Friend, Ildikó Enyedi 2025)

    Kurzkritik

    Kurz nachdem der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) aus Hongkong im Jahr 2020 in Marburg eine Gastprofessur antritt, bricht die Pandemie aus. Gemeinsam mit einem misstrauischen Hausmeister lebt er folglich isoliert im Gästehaus des Unicampus. Anstelle der Erforschung der Gehirne von Babies beginnt er aus Langeweile ein Experiment mit einem alten Gingko-Baum im botanischen Garten der Universität. Im Jahr 1972 übernimmt der Student Hannes (Enzo Brumm) eine Geranie zur Pflege und macht durch ein Experiment eine ungewöhnliche Erfahrung. Im Jahr 1908 trotz Grete (Luna Wedler) einer misogynen Jury und wird die erste Biologiestudentin der Universität. Sie entdeckt die Leidenschaft für die Fotografie und in der Ablichtung von Pflanzen eröffnet sich ihr eine neue Welt.

    Werden wir von Pflanzen beobachtet? Wenn man Ildikó Enyedis Geschichte folgt, bekommt man fast den Eindruck, sie kommunizieren mit uns. Das ist nicht nur der Bildsprache geschuldet, die Blumen, Sträucher und Bäume mehrmals in den Vordergrund rückt. Alle drei Portagonist*innen entdecken auf die ein oder andere Art die Geheimnisse der Pflanzenwelt.

    Enyedi verbindet nach eigenen Angaben die Schönheit der Kunst mit der Schönheit der Wissenschaft und ermöglicht uns eine außergewöhnliche Seherfahrung, die wir so schnell nicht mehr vergessen werden. SILENT FRIEND ist ein bemerkenswerter Film, in der Art, wie es ihn wohl noch nicht gegeben hat. Einziger Wermutstropfen: Eigentlich hätte man jede der drei Geschichten gerne in voller Spielfilmlänge gesehen.

    Stilistisch ist jede der drei Geschichten auch technisch der jeweiligen Zeit angepasst. 1908 in schwarzweiß auf 35-mm gedreht, 1972 in prächtigen Farben auf 16-mm und 2020 digital, kühl und mit sattem Schwarzwert.

    Der Film schließt mit einem wahren Fundstück: Blixa Bargelds musikalischer Interpretation von Johann Wolfgang von Goethes „Ein Gleiches“ („Über allen Gipfeln ist ruh“). Im Nachspann listet Enyedi selbst die mitwirkende Pflanzenarten namentlich auf. Hat es sowas schon einmal gegeben? Man verlässt den Kinosaal ob der meditativen Wirkung der vorangegangenen zweieinhalb Stunden entspannt und zufrieden.

    SILENT FRIEND (D/F/HUN 2025)
    Ab 10 Länge 145 Min.
    Regie/Drehbuch Ildikó Enyedi Kamera Gergely Pálos Schnitt Károly Szalai
    Musik Gábor Keresztes, Kristóf Kelemen Mit Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Marlene Burow, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke


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  • „EIN EINFACHER UNFALL“ Filmkritik: Auf der Suche nach Gerechtigkeit.

    „EIN EINFACHER UNFALL“ Filmkritik: Auf der Suche nach Gerechtigkeit.

    ★★★★ ½

    Mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panah, Mohamad Ali Elyasmehr Regie Jafar Panahi
    Ab 14 Länge 104 Minuten

    Jafar Panahi ist ein Überlebenskünstler. Der iranische Regisseur trotzt dem zur Zeit vermutlich brutalsten Regime der Welt. Schreckt vor einer Verhaftung und anderen Konsequenzen nicht zurück, die ihm durch seine Arbeit drohen. Seine Filme geben einen pointiert kritischen Einblick in ein Land, von dem alle sprechen aber über dessen Menschen wir eigentlich kaum etwas genaueres Wissen. Auch in seinem aktuellen Film geht es um die tiefen Narben, die das Regime über Jahrzehnte in der Bevölkerung hinterlassen hat.

    2025 erhielt Panahi für EIN EINFACHER UNFALL die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes, nachdem er in den vergangenen Jahren mit seinen Filmen bereits in Berlin und Venedig mit den Hauptpreisen ausgezeichnet wurde.

    Kurzkritik

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Jafar Panahi gelingt, in seiner Heimat der Arbeit nachzugehen. Spielte TEHERAN TAXI (2015) noch ausschließlich in einem Taxi, in dem der Regisseur Fahrgäste und sich selbst mit kleinen Kamera filmte, so ist in EIN EINFACHER UNFALL kaum etwas von Restriktionen zu bemerken.

    Fast ausschließlich mit Laiendarstellern erzählt Panahi davon, wie ein ehemaliger politischer Gefangener seinen Peiniger aus dem Gefängnis glaubt entdeckt zu haben. Allerdings einzig aufgrund des Klanges von dessen Beinprothese, da ihm im Gefängnis die Augen verbunden waren. Als dann doch Zweifel in ihm aufkommen, sucht er Hilfe bei anderen damaligen Inhaftierten. Sobald wird man sich über das weitere Vorgehen aber nicht einig.

    Ungewissheit und moralische Bedenken plagen die illustre Gruppe. Sollen sie sich mit dem Regime auf eine Stufe stellen und mit deren gewaltsamen Methoden zurückschlagen? Kann es jemals Gerechtigkeit und Genugtuung geben? Oder dreht sich so die Spirale der Gewalt immer weiter?

    Jafar Panahi ist ein Dokumentarist des alltäglichen Wahnsinns. Sehr treffsicher prangert er offen wie noch nie Missstände in seinem Land an und zeigt die Zerrissenheit und Verzweiflung, die die Menschen im Iran plagt. EIN EINFACHER UNFALL handelt von Menschlichkeit innerhalb eines zutiefst unmenschlichen Regimes.

    Titel EIN EINFSCHER UNFALL (YEK TASADOF-E SADEH, eOT: It was just an accident, IRN/F/LUX 2025)
    Drama Ab 14 Länge 104 Minuten
    Regie Jafar Panahi Drehbuch Jafar Panahi Kamera Amin Jafari Schnitt Amir Etminan
    Mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panah, Mohamad Ali Elyasmehr

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