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  • „DIE ODYSEE“ Filmkritik: Ein Stück männliches Überwältigungskino

    „DIE ODYSEE“ Filmkritik: Ein Stück männliches Überwältigungskino

    ★★★★

    Mit Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya, Elliot Page, Robert Pattinson, Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Samantha Morton, Bennie Safdie Regie Christopher Nolan Ab 12 Länge 172 Min

    Jeder hat schon von ihr gehört. Immerhin hat die Odyssee von Homer in den sprichwörtlichen Sprachgebrauch Eingang gefunden. Im Detail kennen werden das mehr als 2500 Jahre alte Epos die Wenigsten. Nun hat sich mit Christopher Nolan einer der großen Handwerker des gegenwärtigen Kinos dem Leidensweg von Odysseus und seinen Männern angenommen. Es ist ein Spektakel geworden, dass wie ein ohrenbetäubender Orkan über die Leinwand zieht. Warum diese Geschichte bis heute eine größere Bedeutung hat, als man vermuten mag und ob sich ein Kinobesuch lohnt, könnt ihr hier nachlesen.

    Matt Damon als Odysseus in „Die Odyssee“ von Christopher Nolan.

    Eine (Anti-)Heldenreise

    Geplant war eine kurze Rückschau aber es gibt dann doch einiges zu sagen. Keine Angst, 24 Gesänge, so wie in Homers Vorlage, werden es nicht.

    Stürme, eine ohrenbetäubende Gischt, knarrende und zerberstende Holzplanken, klirrendes Metall und um ihr Überleben schreiende Krieger: Die Odyssee ist zuerst einmal eines, nämlich sehr laut. Es hat den Anschein, als lotet Nolan die Grenzen des Unterhaltungskinos aus. Diese Wucht über fast 170 Minuten aushalten zu können, erfordert einiges an Durchhaltevermögen (obwohl der Film erstaunlich kurzweilig ist). Hinzu kommt ein großes Maß an Brutalität, nicht nur in den Kampfszenen, sondern gerade auch in den Begegnungen mit mythologischen Wesen. Das kennt man weder aus Nolans Filmen, noch generell von Blockbustern.

    Matt Damon führt mit Anne Hathaway und Tom Holland ein hochkarätiges Ensemble an. Die Liste der Top-Stars ist scheinbar endlos. Ob die Rollen ideal besetzt sind, darüber gibt es geteilte Meinungen. Erwähnen muss man die gelungene Besetzung der weiblichen Gottheiten durch Samantha Morton, Zendaya und Charlize Theron. Allerdings gibt man ihnen nicht viel zu tun. Lediglich die von Morton dargestellte Zauberin Kirke hat einen starken Auftritt, der jedoch nach wenigen Minuten zu Nichte gemacht wird (was freilich auch der Straffung des Stoffes geschuldet ist). Robert Pattinson als bedeutendster Freier von Odysseus‘ Ehefrau Penelope sticht ebenso hervor wie John Leguizamo (wer hat ihn erkannt?) als Odysseus‘ blinder und loyaler Schweinehirte.

    Schauspielführung scheint nicht die größte Stärke von Christopher Nolan zu sein. Das teilt er mit anderen kompromisslosen Visionären wie George Lucas.

    In dieser Version ist Odysseus ein von Zweifeln geplagter Antiheld. Eine derartig umfangreiche Vorlage eröffnet durch (notwendige) Auslassungen einen Spielraum für Interpretationen. Der Preis für den Sieg in Troja war hoch und wirkt bis heute nach. Odysseus hat selbst nach seiner 10-jährigen Irrfahrt die Kriegstraumata nicht überwunden.

    Wie? Wirkt bis heute nach? Das Gesetz des Zeus spielt in der griechischen Mythologie eine große Rolle. Gastgeber waren dazu verpflichtet, Schutzsuchende, Fremde und Gäste im allgemeinen bedingungslos in Empfang zu nehmen. Nicht nur, weil sich hinter jedem oder jeder Unbekannten eine Gottheit verbergen kann. Nun erobert Odysseus Troja durch seine List mit dem Trojanischer Pferd (Die Szene mit und im Trojanischen Pferd gehört zu den zahlreichen starken Sequenzen des Films). Hinter dem Fremden und Unbekannten verbirgt sich der Feind. Die Folgen sind besonders blutig. Das Gesetz ist gebrochen. Unter ihnen leidet Odysseus und zieht nicht zuletzt den Zorn der Götter auf sich. Wie ein moderner Superheld überlebt er, verliert jedoch seine gesamte Mannschaft.

    Wenn man so möchte, ist das Misstrauen gegen das Fremde geblieben. Und noch etwas: Die Odyssee als Heldenreise findet sich mit all ihren Stationen und Archetypen bis heute in nahezu jedem Drehbuch wieder (sehr empfehlenswert und hier nachzulesen: „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ von Christopher Vogler. Aha-Erlebnisse garantiert).

    Die Odyssee ist exzellentes Filmhandwerk. Christopher Nolan verzichtete weitgehend auf digitale Effekte. Das unterscheidet den Film von vielen anderen aktuellen Produktionen und macht das Kinoerlebnis authentischer und intensiver. Auch wenn die Bildgewalt auf den Galeeren (brillante Kamera: Hoyte van Hoytema) durch das übertriebene Sounddesign etwas gestört wird. Da verkommt die Geräuschkulisse schnell zu breiigem Lärm. Dafür bleibt die Filmmusik von Ludwig Göransson im Gedächtnis.

    Dieser Tage beschäftigen sich wohl mehr Kinobesucher*innen mit technischen Details des Filmemachens als sonst üblich. Das ist Nolan zu verdanken, der den ersten komplett mit IMAX Kameras gedrehten Spielfilm produziert hat. Technische Umbauten haben es möglich gemacht, das sehr laute Kameraungetüm auch für Dialogszenen einsetzen zu können. Purist*innen leiden, da dieses Format in seiner ganzen Dimension in Europa in sage und schreibe nur 5 Kinos abgespielt werden kann (Das war der technische Einschub. Wer mehr wissen möchte, kann es hier nachlesen).

    Das Trojanische Pferd ragt aus dem Sand wie die Freiheitsstatue in Planet der Affen. Noland inszeniert die Odyssee als Zeitenwende. Es ist ein Kinoereignis, auf das man sich einlassen muss. Hinsetzen und überwältigen lassen. Am Besten im größten und bestausgestattetesten Kinosaal. Sich davor einzulesen schadet nicht. Es ist nicht leicht den Überblick zu behalten.

    Ob Frauen eine deart gewalttätige und männliche Machtdemonstration toll finden, mit dieser Frage hat sich Catherine Shoard in Chastity, nodding and enormous pores: will women also love Nolan’s Odyssey? für den Guardian auseinandergesetzt. Nur soviel: eher nicht.

    Homers Odyssee mag die Mutter aller Geschichten sein und Nolans Film der Höhepunkt der diesjährigen Kinosaison. Die Mutter aller Filme ist es nicht geworden. Die ist bekanntlich Hot Shots. Auf einen Oscar-Regen können sich alle Beteiligten aber trotzdem einstellen.

    DIE ODYSEE (UK 2026, OT: THE ODYSSEY),
    Ab 12 Länge 172 Min.
    Regie Christopher Nolan Drehbuch Christopher Nolan Kamera Hoyte van Hoytema Schnitt Jennifer Dame
    Musik Ludwig Göransson Mit Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya, Elliot Page, Robert Pattinson, Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Bennie Safdie, Samantha Morton


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  • „ONE BATTLE AFTER ANOTHER“ Filmkritik: „Viva la revolutión!“ – Die USA auf dem Scheideweg.

    „ONE BATTLE AFTER ANOTHER“ Filmkritik: „Viva la revolutión!“ – Die USA auf dem Scheideweg.

    ★★★★
    Mit Leonardo DiCaprio, Teyana Taylor, Benicio del Toro, Chase Infiniti, Sean Penn Regie Paul Thomas Anderson
    Ab Länge 162 Min.

    Es ist eine nur immer ersten Moment schräg anmutende Geschichte, die Paul Thomas Anderson nach einem Roman von Thomas Pynchon in das Drehbuch zu ONE BATTLE AFTER ANOTHER gepackt hat. Etwa 16 Jahre zurück befreit eine Widerstandsgruppe in den USA Migranten aus einem Internierungslager nahe der mexikanischen Grenze aus der Polizeigewalt von US-Marshals unter dem Kommando von Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn). Der Colonel trifft dabei auf die Aktivistin Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor) und fühlt sich von ihr sexuell angezogen. Eigentlich lebt Perfidia mit dem Sprengstoffexperten Bob Ferguson (Leonards DiCaprio) zusammen, doch sie macht sich die Hörigkeit des Colonels zu nutze, um mit ihrer Gruppe weiterhin Aktionen durchführen zu können.

    In der Gegenwart lebt der versoffene und verwahrloste und nun ehemalige Revoluzzer Bob Ferguson mit seiner Tochter Willa zurückgezogen im Wald. Perfidia ist in der Zwischenzeit untergetaucht und Bob lebt unter der ständigen Angst, doch noch von Colonel Lockjaw ausgeforscht zu werden. Als Lockjaw dem „Christmas Adventurers Club“, eine Gruppe weißer rassistischer Katholiken, beitreten möchte, muss er davor sicher stellen, nicht der Vater eines Mischlingskindes zu sein und macht sich auf die Suche nach Willa. Bobs Alptraum wird war und er muss seine alten Kontakte aus dem Widerstand wieder aufnehmen, um seine Tochter zu retten, was ihm einiges an Schwierigkeiten bereitet, da er sich zu lange seiner Leidenschaft nach Alkohol und Drogen hingegeben hat und sich an die Codewörter zur Kontaktaufnahme nicht mehr erinnern kann …

    Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn) als Paradeexemplar der Alt-Right Bewegung in den USA.

    Kurzkritik

    Eines war bereits vor dem Kinostart klar: Paul Thomas Anderson konnte sich der Vorschusslorbeeren nicht entziehen. Sowohl Kritiker*innen als auch Regiekollegen waren sich einig, dass sein neuester Film nicht nur an seine großen Erfolge anschließt, sondern gar ein moderner Klassiker werden würde. Ein Film der tief in die Seele eines ideologisch geteilten Landes blicken lässt. Ein Land, in dem Polizeigewalt vorherrscht und klerikale Extremisten ihre rassistischen Pläne umzusetzen versuchen. In diesem Jahr wurde ONE BATTLE AFTER ANOTHER noch dazu von der Realität eingeholt. Die USA bewegen sich in großen Schritten Richtung Autokratie, die im Hintergrund von fundamentalen faschistischen und religiösen Ideen geprägt ist.

    Die politische Aktualität ist es jedoch nicht alleine. Leonardo DiCaprio spielt wieder einmal die beste Rolle seines Lebens (vielleicht kann man endlich einmal akzeptieren, dass DiCaprio einfach ein guter Schauspieler ist). Sean Penn ist als stocksteifer, stolzer, weißer Colonel mit dem Haarschnitt eines Paradiesvogels eine Witzfigur aber brandgefährlich zugleich (die Chancen auf einen dritter Oscar stehen nicht all zu schlecht) und Chase Infiniti kann sich in ihrer ersten Filmrolle gegenüber der starken Leinwandpräsenz ihrer Kollegen überzeugend behaupten. Interessant sind zudem die Identitätsfragen, die Fragen ihr Charakter im Kontext des Films aufwirft. Was macht eine typische US-Amerikanerin heute aus?

    ONE BATTLE AFTER ANOTHER macht eine Genrezuschreibung schwierig. Sie reicht von Action-Komödie und Thriller bis Screwball-Comedy. Es dauert etwas, bis die Geschichte in die Gänge kommt. Ab dem Zeitsprung wird es aber sehr unterhaltsam. Das macht die lange Laufzeit vergessen. Die Geschichte gipfelt in einer spektakulär inszenierten und viel gelobten Verfolgungsjagd auf einem hügeligen Highway, bei der die Autos immer wieder aus dem Blickfeld verschwinden und durch die Langsamkeit der Sequenz Spannung erzeugt wird.

    Paul Thomas Anderson ist eine absurde Komödie mit einem starken Ensemble gelungen. Es ist nur fraglich, ob sein bisher teuerster Film sein Publikum in einem Ausmaß finden wird, dass er auch ein kommerzieller Erfolg werden wird. Zumindest in den USA wird sich die Spaltung des Landes auch am Boxoffice bemerkbar machen. Man merkt es bereits an den Kommentare, wenn es heißt, wie Hollywood gerade jetzt eine linksradikale Gruppierung auf die Leinwand bringen kann. Freilich von Leuten, die den Film nie gesehen haben. Aber Nichtwissen und Urteilen ist längst auch abseits der Sozialen Medien salonfähig geworden. Was die Einnahmen betrifft, wird es wohl PTAs erfolgreichster Film bisher werden.

    Vom Blockbuster Mainstream ist die Satire weit entfernt. Stephen Spielberg fühlt sich an DR.. STRANGELOVE OR: HOW I LEARNED TO STOP WORRYING AND LOVE THE BOMB erinnert. Dieser Vergleicht trifft auch ziemlich gut zu. Ähnlich wie Alex Garland‘s CIVIL WAR zeigt ONE BATTLE AFTER ANOTHER ein Land, das zwischen die Fronten geraten ist. Wenn auch auf humorvolle Weise aber trotzdem mit dem Bewusstsein, das die kruden Ideen extrem rechter Ideologen längst Realität geworden sind. Bei CIVIL WAR war es noch eine Zukunftsvision und das ist erst wenige Monate her.

    –

    TITEL: ONE BATTLE AFTER ANOTHER, USA 2025
    Action,, Komödie, Thriller Ab Länge 162 Min.
    Regie Paul Thomas Anderson Drehbuch Paul Thomas Anderson Kamera Michael Bauman Schnitt Andy Jurgensen
    Musik Jonny Greenwood Mit Leonardo DiCaprio, Teyana Taylor, Benicio del Toro, Chase Infiniti, Sean Penn


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  • „EMILIA PÉREZ“ Filmkritik: Jacques Audiard gelingt mit seinem Gender-Gangster-Musical ein wahres Kunststück.

    „EMILIA PÉREZ“ Filmkritik: Jacques Audiard gelingt mit seinem Gender-Gangster-Musical ein wahres Kunststück.

    ★★★★★

    Mit Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña, Selena Gomez, Édgar Ramírez Regie Jacques Audiard
    Ab 14 Länge 130 Min.

    Der französische Regisseur Jacques Audiard ging gemeinsam mit seinen drei großartigen Hauptdarstellerinnen Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña und Selena Gomez ein großes Risiko ein: In EMILIA PÉREZ verhandeln sie die Themen Transgender und Geschlechtsumwandlung genauso, wie die Kartellkriminalität und dem damit verbundenen Verschwinden zehntausender Menschen in Mexiko und verpacken es in ein Thriller-Musical. Das war so nicht zu erwarten. Nun treten sie einen Siegeszug um die Welt an und könnten sogar Filmgeschichte schreiben.

    Kurzkritik

    Im mexikanischen Kartellboss Manitas del Monte schlummern seit seiner Kindheit Gefühle, die der brutale Gangster tief in seinem Innersten verborgen hält. Nicht auszudenken, käme heraus, dass er lieber eine Frau wäre. Mit Hilfe der smarten Anwältin Rita Moro gelingt es ihm als Emilia ein neues Leben zu beginnen. Beide Male gespielt von Karla Safia Garscón, die in ihrer unglaublichen Wandlungsfähigkeit immer wieder den Kartellboss durchscheinen lässt und ihn im nächste Moment wieder vergessen macht.

    Zoë Saldaña ist als Anwältin Rita Teil des Kartellsystems und von Gewissensbissen geplagt. Manitas Entscheidung verändert nicht nur ihr Leben, sondern auch das dessen Frau Jessi, gespielt von Selena Gomez, der Dritten im Bunde. Sie und die Kinder sind nicht in die Pläne Manitas eingeweiht.

    Changing the body, changes society

    changing society, changes the soul

    changing the soul, changes society

    changing society, changes it all.

    Rita Moro in EMILIA PÉREZ.

    Es sind eine Vielzahl an Themen, die hier verhandelt werden: die Frage nach der eigenen Identität, die Gewalt und Korruption in Mexiko und die damit verbundene enorm hohe Zahl an Vermissten im Land. Damit das alles in 130 Minuten passt, ist das Erzähltempo hoch. Ermöglicht wird das aber erst durch die zahlreichen Musiknummern, von denen nicht wenige ins Ohr gehen und die die Handlung vorantreiben. Manchmal schrammt Audiard haarscharf am Kitsch vorbei aber alles in allem ist das nichts, was man dem Film vorwerfen könnte (Man könnte anmerken, dass der Film in einer Soundstage in Frankreich gedreht wurde und ohne mexikanische Darstellerinnen auskommt und es wäre natürlich interessant, wie der Film in Mexiko aufgenommen wurde.).

    Die grandiose Choreografie (nur ein Höhepunkt ist eine Szene, in der Schnellfeuerwaffen im Rhythmus zusammengebaut werden) stammt von Damien Jalet, der sich mit Musikvideos von Madonna einen Namen gemacht hat und auch für die Choreografie von Luca Guardagninos SUSPIRIA verantwortlich zeichnet.

    EMILIA PÉREZ wurde in Cannes ausgezeichnet, räumte beim Europäischen Filmpreis ab und ist für 10 Golden Globes nominiert. Es könnte der nicht englischsprachige Film mit den meisten Oscar Nominierungen aller Zeiten werden. Was wäre, wenn wenige Wochen, nachdem Donald Trump seine zweite Amtszeit angetreten hat, mit Karla Safia Garscón erstmalig eine Transgender Frau als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet werden würde? Ist Hollywood soweit? Was hätte das für Folgen? Nicht nur deshalb ist EMILIA PÉREZ der Film der Stunde.


    EMILIA PÉREZ, Frankreich 2024
    Musical, Thriller Ab 14 Länge 130 Min.
    Regie und Drehbuch Jacques Audiard Kamera Paul Guilhaume Schnitt Juliette Welfling
    Musik Camille, Clément Ducol Mit Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña, Selena Gomez, Édgar Ramírez


    EMILIA PÉREZ ist ab 12 Jahren freigegeben. Da bei THE REEL THERAPIST ein besonderes Augenmerk darauf gelegt wird, welche Filme für ein jüngeres Publikum geeignet sind, werden offizielle Freigaben immer wieder noch oben oder unten korrigiert. Dieser Film ist selbst für Kinder, die schon einiges gesehen haben und ihre Erfahrungen im Kino sammeln konnten, aufgrund der Komplexität der angesprochenen Themen und der Brutalität nicht ab 12 Jahren geeignet. Daher die Empfehlung ab 14 Jahren.


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  • „THE SUBSTANCE“ Filmkritik: feministischer Body-Horror mit Demi Moore in der Rolle ihres Lebens.

    „THE SUBSTANCE“ Filmkritik: feministischer Body-Horror mit Demi Moore in der Rolle ihres Lebens.

    ★★★★
    Mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid Regie Coralie Fargeat
    Ab 16 Länge 141

    Von ihrem Luxusappartement aus blickt der TV-Star Elisabeth Sparke (Demi Moore) auf eine riesige Reklametafel mit ihrem Konterfei als Fitnesstrainerin. Als das Plakat unsanft entfernt wird, ist klar, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Mit 50 Jahren ist sie dem Senderchef Harvey (Denis Quaid) zu alt. Eine Nachfolgerin wird gesucht. Da bekommt Elisabeth ein mysteriöses Angebot: sie kann mittels einer Substanz die beste (jüngere) Version ihrer selbst erschaffen. In THE SUBSTANCE thematisiert Regisseurin Coralie Fargeat mit wenig Dialogen und dabei umso drastischeren Bildern, die so manche wohl an die Grenzen des Erträglichen führen könnten, den Jugendwahn unserer Gesellschaft.

    Margareth Qualley in THE SUBSTANCE von Coralie Fargeat

    Kurzkritik

    Demi Moore geriet in den letzten Jahren mehr wegen ihres Aussehens in die Schlagzeilen, als aufgrund von schauspielerischen Erfolgen. Immerhin spielt die 61-Jährige nun die Rolle eines 50-jährigen TV Stars. Abgesehen davon kann sie ihre Rolle in THE SUBSTANCE als künstlerischen Erfolg verbuchen (es gibt Oscar-Gemauschel aber Vorsicht, es ist erst Oktober). Es ist ein Manager, gespielt von Dennis Quaid (im realen Leben 70 Jahre alt und seine Rolle ist kaum jünger anzusetzen), der der Meinung ist, sie sei zu alt für ihren Job.

    Dennis Quaid gibt einen lüsternen, alten weißen Mann ohne jegliche Tischmanieren und ist dabei, so wie alle männlichen Rollen in dieser Geschichte ein wahr gewordener Blondinenwitz. Sie haben in THE SUBSTANCE zwar eindeutig mehr Text aber es ist eigentlich nur Mist, den sie von sich geben und das gefilmt mit Weitwinkelobjektiv á la Lanthimos, sodass deren Nasen fast in den Popcorntüten im Kinosaal stecken.

    Das Experiment mit dem besseren Ich geht schief, soviel sie verraten. Der Deal ist an Bedingungen geknüpft. Das ermöglicht es dem Film, sich im Horrorfach auszutoben. Es kommt zu einem Interessenkonflikt zwischen Elisabeth und ihren zweiten Ich Sue, gespielt von Margaret Qualley. Es beginnt ein Horrortrip, bei der Umsetzung dessen Finales das Special Effect Department eine Menge Spass gehabt haben dürfte.

    Qualleys Rolle ist allerdings auch nicht zu unterschätzen, muss sie doch sehr hohe Erwartungen an ihr Äußeres erfüllen und damit mit allein ist es der Glaubwürdigkeit Willen natürlich nicht getan.

    Es ist aber gerade die letzte halbe Stunde, in der die Situation eskaliert, die THE SUBSTANCE eine unnötige Überlänge beschert. Was bleibt ist Demi Moore in einer ihre Karriere überragende Rolle in einem Fantasyfilm, der zu keinem Zeitpunkt in einer realen Welt spielt und sich vielleicht gerade deswegen in paar Auslassungen erlaubt, an denen sich womöglich ein Teil des Publikums stören könnte. Alles in allem ist diese Horrorsatire aber spannend mit einer tollen Besetzung und anschaulichen Sets umgesetzt und daher auf jeden Fall sehenswert!

    Coralie Fargeat gewann bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch.

    THE SUBSTANCE, UK/USA/F 2024
    Horror Ab 16 Länge 142 Min.
    Regie und Drehbuch Coralie Fargeat Kamera Benjamin Kračun Schnitt Jérôme Eltabet
    Musik Raffertie Mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid


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  • THE ZONE OF INTEREST ★★★★★

    THE ZONE OF INTEREST ★★★★★

    Mit Christian Friedel, Sandra Hüller Regie Jonathan Glazer
    Ab 14 Länge 106 Minuten

    OSCAR GEWINNER

    Das Interessengebiet des KZ Auschwitz bezeichnete die Sperrzone rund um das Vernichtungslager in Polen. Direkt an dessen Außenmauern befand sich das Einfamilienhaus des Lagerkommandanten Rudolf Höß und seiner Frau Hedwig. Von Mai 1940 bis Juli 1944 lebten sie dort mit ihren vier Kindern in einer Parallelwelt, völlig unbehelligt davon, welch buchstäblicher Alptraum sich auf der anderen Seite der Mauer zutrug. Regisseur Jonathan Glazer (UNDER THE SKIN, 2013. Verfügbar bei Amazon Prime) hat einen sehr speziellen Weg gefunden, das Grauen spürbar zu machen, in dem er es nicht zeigt. Mit Sandra Hüller und Christian Friedel hat er zwei formidable Schauspieler gefunden und wurde dafür in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. THE ZONE OF INTEREST war bei den Oscars 2024 5-fach nominiert und wurde als Bester Internationaler Film und für den Besten Ton ausgezeichnet.

    Sandra Hüller als Hedwig Höß spaziert mit Kind im Arm durch ihren Blumengarten.
    Sandra Hüller in THE ZONE OF INTEREST (Jonathan Glazer, 2023)

    Kurzkritik

    Hanna Arendt prägte 1963, während sie den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem beobachtete, die nicht unumstrittene Beschreibung von der „Banalität des Bösen“. Der britische Regisseur Jonathan Glazer hat sich in seinem fünften Spielfilm nun aus einer bürokratisch technokratischen Perspektive an die Todesmaschinerie der Nationalsozialisten angenähert. Banal ist hier der Alltag, dem das Ehepaar nachgeht. Ganz im Gegensatz zu der Katastrophe, die sich gleichzeitig wenige Meter weiter ereignet.

    Regisseur Jonathan Glazer ließ das Haus, in dem das Ehepaar Höß mit seinen fünf Kindern lebte, originalgetreu von Szenenbildner Chris Oddy in Auschwitz nachbauen (das Originalhaus befindet sich in Privatbesitz). Dafür wurde bereits Monate vor den Dreharbeiten damit begonnen, den Garten, um den sich Hedwig Höß so führsorglich kümmerte, anzulegen. In der Bildästhetik lies sich Glazer von zeitgenössischen Filmaufnahmen inspirieren: Die Kamera bewegt sich kaum und die matten Farbtöne erinnern an Agfacolor. Im Haus wurden zehn automatisierte Kameras verbaut, damit sich die Schauspieler ungestört und scheinbar unbeobachtet bewegen konnten. Für einige Szenen kamen Nachtsichtkameras zum Einsatz.

    Der Rudi nennt mich „Die Königin von Auschwitz“.

    Hedwig Höss in THE ZONE OF INTEREST

    In Uniform oder komplett weiß gekleidet sehen wir Höß in seiner Villa, im Garten und mit seinem Sohn ausreiten. Nur vom Lager selbst sehen wir nur, was über die Mauern hinausragt. Dazu ziehen Tag und Nacht dunkle Rauschwaden über den Himmel. Es sind Gespräche und zahlreiche Details, die eine Atmosphäre des Unbehagens schaffen. Einmal freut sich Hedwig Höß über einen in einer gestohlenen Zahnpastatube versteckten Diamanten.

    Vor allem aber ist es die Arbeit von Sound Designer Johnnie Burns (siehe Video unten), die die einzige permanente Verbindung zum Lager darstellt (gemeinsam mit Tarn Willers ist er für einen Oscar nominiert). Über Monate sammelte er verschiedenste Geräusche, um am Ende den ungewöhnlichen Soundtrack für THE ZONE OF INTEREST zu schaffen: ein ständiges Brummen, Schüsse und Geschrei. All das wird von der Familie Höß ignoriert. Dabei stützt sich diese Darstellung auf historische Aufzeichnungen, die den völlig von Empathie befreiten Charakter von Rudolf Höß beschreiben, der sich bis zuletzt keiner Schuld bewusst war.

    Es ist eine vollkommen anderen Herangehensweise als etwa jene von Steven Spielberg in SCHINDLERS LISTE. Dort plastische Darstellungen von Gewalt, ein Stil, der ihm trotz des Erfolges immer noch nachgetragen werden und bei Glazer die vollkommene Abstinenz von eindringlichen Bildern. Man könnte anmerken, dass es auch bei Glazer ein spezieller Effekt ist, der eine Emotion hervorruft (ist es bei Claude Lanzmanns SHOAH aus dem Jahr 1985 nicht anders?). Allerdings wurde schon alles gezeigt und es reichen die Bilder unserer Phantasie aus, um das Geschehene einordnen zu können. Da im Film generell den Darstellungsweisen längst keine Grenzen mehr gesetzt sind und sie gleichzeitig der Realität nie gerecht werden können (und das auch nicht zielführend wäre), ist es die logische filmtechnische Fortführung. Das gipfelt in jenem Moment, als wir uns doch einmal im Lager befinden. Die Kamera blickt jedoch von unten auf den vermutlich auf seinem Pferd sitzenden Höß hinauf. Was wir da über die Tonspur hören, wollen wir gar nicht sehen. Spielberg war der Meinung, man müsse dem Publikum das Grauen vor Augen führen. Jonathan Glazer stellt die Darstellung des Naziterrors 31 Jahre später nun eindringlich und effektiv auf eine völlig neue Stufe.

    THE ZONE OF INTEREST, USA/UK/POL 2023
    Drama Ab 14 Länge 106 Minuten
    Regie und Drehbuch Jonathan Glazer Kamera Łukasz Żal Schnitt Paul Watts
    Musik Mica Levi Mit Christian Friedel, Sandra Hüller


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  • RUSTIN ★★★★

    RUSTIN ★★★★

    Im Abo

    Mit Colman Domingo, Chris Rock, Aml Ameen, Glynn Turman, Gus Halper Regie George C. Wolfe
    Ab 12 Länge 99 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Die Bilder des Marsches auf Washington, bei dessen Kundgebung Martin Luther King im Jahr 1963 seine legendäre I have a dream-Rede hielt, sind wohl jedem bekannt. Nur wie kam es dazu? Der Mastermind hinter der Großveranstaltung mit am Ende über 250.000 TeilnehmerInnen war der charismatische homosexuelle Bürgerrechtler Bayard Rustin. Gegen viel Widerstand machte er mit großer Hartnäckigkeit und Organisationstalent das scheinbar Unmögliche möglich, in dem er die unterschiedlichsten Vereine und Gewerkschaften an einen Tisch zu brachte. In der Hauptrolle ist Colman Domingo zu sehen. Es ist eine der bemerkenswertesten schauspielerischen Leistungen des Jahres.

    Colman Domingo als Bayard Rustin auf dem Weg zu seinem Platz in einem Linienbus der 1960er Jahre.
    Colman Domingo in RUSTIN (George C. Wolfe, USA 2023)

    Kurzkritik

    Die Karten standen schlecht. „I’m not your man.“, sagte Martin Luther King, als er 1960 einen Massenprotest anführen sollte. Noch dazu wurde von Roy Wilkins, Anführer des N.A.A.C.P. * (Chris Rock) und Adam Clayton Powell Jr., Vertreter des Bundesstaates New York im US-Repräsentantenhaus (leider wenig zu sehen: Jeffrey Wright) versucht, einen Keil zwischen King und Bayard zu treiben.

    Und überhaupt: es ist bis heute ein weltweites Phänomen, dass die Linken zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind: „Wir streiten uns über den Inhalt von Liedertexten“, erkennt Bayard Rustin richtigerweise. Von einem breiten Konsens ist man weit entfernt. Trotzdem versucht Rustin im Jahr 1963 seine Vision eines Marsches für Freiheit und Arbeit umzusetzen.

    Don’t kill an impulse, before it’s born.

    Bayard Rustin zu seinen MitstreiterInnen im Organisationskomitee.

    Das war aber nur möglich, wenn die unterschiedlichsten Institutionen zusammenarbeiteten. Noch dazu war die Skepsis groß, dass die Kundgebung erfolgreich sein würde und friedlich über die Bühne gegen konnte. Zu oft eskalierten Proteste in der Vergangenheit in Gewalt. Rustin war aber von seiner Idee überzeugt und setzte alles daran, die Anführer vieler wichtigen Organisationen buchstäblich an einen Tisch zu setzen (Es waren tatsächlich nur Männer, was der Aktion scharfe Kritik von Seiten der Frauenbewegungen einbrachte.).

    Der Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit war als sozialpartnerschaftlicher Schulterschluss eine organisatorische Meisterleistung. Obwohl der Rassismus, erst recht so kurz nach Aufhebung der Rassentrennung, noch nicht überwunden war, wie Regisseur George C. Wolfe (Ma Rainey’s Black Bottom) zu Beginn zeigt, wurde der Protest auch von weiß dominierten Organisationen mitgetragen. Weder davor noch danach war jemals wieder ein so breiter Konsens möglich.

    Zum Film selbst: Bayard Rustin (1912-1987) war eine schillernde Persönlichkeit und Colman Domingo scheint ihr gerecht zu werden. Er zieht uns vom ersten Moment an in seinen Bann. Seine Energie trägt den gesamten Film, der ohne ihm wohl weit weniger Breitenwirkung hätte. Es ist Domingo, weswegen man sich den sonst etwas konservativ geratenen Film unbedingt ansehen sollte.

    Produziert wurde RUSTIN von Higher Ground, der Produktionsfirma von Barack und Michelle Obama.

    *Nationale Vereinigung für die Förderung farbiger Menschen

    RUSTIN, USA 2023
    Drama Ab 12 Länge 99 Min.
    Regie George C. Wolfe Drehbuch Julian Breece, Dustin Lance Black Kamera Tobias A. Schliessler Schnitt
    Musik Branford Marsalis Mit Andrew Mondshein Mit Colman Domingo, Chris Rock, Aml Ameen, Glynn Turman, Gus Halper Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THE HOLDOVERS ★★★★★

    THE HOLDOVERS ★★★★★

    Mit Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston Regie Alexander Payne
    Ab 12 Länge 133 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Nach SIDEWAYS aus dem Jahr 2004 kommt es neuerlich zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Regisseur Alexander Payne und Paul Giamatti. In der Tragikomödie THE HOLDOVERS muss sich Giamatti als Professor für Alte Geschichte mit einem Teenager herumschlagen, nachdem die Beiden dazu verdonnert wurden, die Weihnachtsferien auf dem Campus zu verbringen. Es gibt Filme, die verschwinden bald wieder von der Bildfläche, ganz unabhängig von deren Qualität. THE HOLDOVERS hat das Zeug dazu, zu bleiben und taugt zudem hervorragend als Weihnachtsfilm. Sowohl Giamatti, als auch seine Co-Stars Dominic Sessa und Da’Vine Joy Randolph konnten in dieser Saison schon zahlreiche Auszeichnungen mit nach Hause nehmen.

    Szenenbild aus THE HOLDOVERS. Paul Giamatti spricht zu Dominic Sessa und Da’Vine Joy Randolph. Es ist Abend und Winter.
    Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph und Paul Giamatti in THE HOLDOVERS (Alexander Payne, USA 2023)

    Kurzkritik

    Alexander Payne (DOWNSIZING) befördert uns per Zeitmaschine in die Weihnachtsferien des Jahres 1970. Bereits der Trailer zu THE HOLDOVERS erinnert uns an Kinovorschauen aus dem letzten Jahrhundert: Die alten Studiologos, eine vertraute Erzählstimme und der körnige Look stimmen nostalgisch. Der Film selbst versprüht dann auch den Geist der 1970er. Owen Gleibermann (Variety) stellt diesen Ansatz in Frage: Is ‘The Holdovers’ Really ‘a ’70s Movie’? Or Is It the New ‘Green Book’?. Ganz so hart ins Gericht würde ich dann nicht gehen aber es ist ein interessanter Gedanke. Täuscht THE HOLDOVERS nur vor, ein in Film der 70er Jahre zu sein?

    Es ist ein filmtheoretisches Gedankenspiel. Dem Unterhaltungswert und der großartigen schauspielerischen Ensembleleistung tut es jedenfalls keinen Abbruch (das sieht im übrigen auch Gleibermann so). Giamatti ist der grantelnde Paul Hanham, Professor für Alte Geschichte an einer Privatuniversität in Neuengland. Seine innere Leidenschaft für sein Fach kann er nur schwer vermitteln. Für ihn sind seine Studenten ohnehin nur verwöhnte Schnösel. Er straft sie mit schlechten Noten. Das verärgert dann auch den ein oder anderen Sponsor, dessen Sprössling in Hunhams Klasse sitzt.

    Zur Strafe quasi muss sich Hunham um all jene Studenten kümmern, die über Weihnachten nicht nach Hause fahren können. Ein Babysitter für Oberstufenschüler sozusagen. Das hat der ohnehin griesgrämige Pessimist noch gebraucht. Am Ende bleibt nur Angus Tully, gespielt in Dominic Sessa zurück. Dazu gesellt sich die Küchenchefin Mary, die gerade ihren Sohn im Vietnamkrieg verloren hat. Da’Vine Joy Randolph (ONLY MURDERS IN THE BUILDING, THE LOST CITY) ist die Seele des Filmes. Es ist unbeschreiblich, wie sie mit ihrer schauspielerischen Kraft die Leinwand einnimmt.

    Im Hintergrund spielt der historische Kontext der Zeit durchaus eine Rolle, wenn auch nur andeutungsweise (vergleiche hierzu ARMAGEDDON TIME aus 2022). Nicht nur durch den Vietnamkrieg, an dem die USA Ende der 1960er bereits 5 Jahre beteiligt sind. Die Rassentrennung hat so mancher Student noch nicht überwunden. Hunham möchte, dass seine Studenten gerüstet sind für ihr zukünftiges Leben. Im Lernen von der Vergangenheit liegt für ihn der Schlüssel. Einmal sagt er „the world is on fire“. Jede Zeit hat ihre Konflikte. Man kann nur erahnen, dass Menschen aus der damaligen Zeit wohl mit den heutigen Herausforderungen heillos überfordert wären.

    Es ist eine Melange aus DER CLUB DER TOTEN DICHTER und THE BREAKFAST CLUB, die uns Alexander Payne hier serviert. Das Trio begibt sich bald auf Exkursion und wir befinden uns in einem Roadmovie. Natürlich kommt sich die Schicksalsgemeinschaft näher. THE HOLDOVERS ist komisch, tragisch, warmherzig und rührend zugleich. Der Soundtrack spannt sich von Shocking Blue, Cat Stevens und The Temptations bis zur Familie Trapp. Ein Lieblingsfilm.


    TITEL The Holdovers, USA 2023
    Tragikomödie Ab 12 Länge 133 Min.
    Regie Alexander Payne Drehbuch David Hemingston Kamera Eigil Bryld Schnitt Kevin Tent
    Musik Mark Orton Mit Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston


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  • DER JUNGE UND DER REIHER ★★★★½

    DER JUNGE UND DER REIHER ★★★★½

    Mit den Stimmen von Soma Santoki, Masaki Suda, Takuya Kimura, Aimyon Regie Hayao Miyazaki
    Ab 12 Länge 124 Min.

    OSCAR GEWINNER

    Nach siebenjähriger Vorbereitungszeit haben der großartige Hayao Miyazaki und das Animestudio Ghibli überraschend einen neuen Film veröffentlicht. Schön, dass es heute noch Geheimnisse gibt. Geheimnisse und fantastische Ereignisse gibt es in DER JUNGE UND DER REIHER reichlich. Der Faszination der Geschichte um den Jungen Mahito, der während des Pazifikkrieges seine Mutter verliert, aufs Land zieht und dort in eine fantastische Welt eintaucht, kann man sich kaum entziehen. Der Fantasie Miyazakis scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Das kann streckenweise durchaus auch überfordern aber am Ende ist man um eine schöne Filmerfahrung reicher. Der Film wurde überraschenderweise bei den Oscars 2024 in der Kategorie Bester Animationsfilm ausgezeichnet.

    Der Junge und der Reiher (Hayao Miyazaki, Japan 2023)

    Kurzkritik

    Der zwölfjährige Mahito ist traurig und wütend zugleich. Die Mutter verunglückt, plagen ihn Schuldgefühle. Dann soll es auf einmal eine Ersatzmutter geben. Der Umzug aufs Land. Eine neue Umgebung. Das ist alles zu viel. Er verletzt sich selbst. Eine Schlüsselstelle. Dann wird er auch noch von einem sprechenden Reiher verfolgt. Wenn DER JUNGE UND DER REIHER ein coming-of-age Film ist, dann gab es wohl noch nie eine derart fantastische Reise mit so vielen Umwegen bis zur Selbsterkenntnis am Schluss. Da muss Mahito eine wichtige Entscheidung treffen und die Wunde auf dem Kopf eine wichtige Rolle spielen.

    Wer Hayao Miyazakis Werk schätzt, wird auch bei seinem neuesten Film gut unterhalten. Surreale Welten, schelmische Gestalten und groteske Fabeltiere tummeln sich. Überall lauern Gefahren. Es geht um Verlust, Tot und Traumata. Etwas überladen wirken die mehr als zwei Stunden schon. Wer sich für Mythologie interessiert, wird aber wie immer bei Miyazaki seine Freude haben.

    Für Kinder ist DER JUNGE UND DER REIHER weniger geeignet, auch wenn sie der emotionalen Storyline wohl folgen können und sich am Ende ohnehin ihre eigene Geschichte im Kopf zusammenbauen können. An anderer Stelle wurde geschrieben, dass der Film die Geschichte eines Jungen und eines alten Mannes zugleich ist. Ein Abschiedswerk Miyazakis? Wer weiß, vielleicht arbeitet er längst an einem neuen Projekt.

    Der Junge und der Reiher | The Boy and the Heron | OT: Kimitachi wa Do Ikiru ka, Japan 2023)
    Anime Ab 12 Länge 124 Min.
    Regie Hayao Miyazaki Drehbuch Hayao Miyazaki, Genzaburô Yoshino Bildgestaltung: Atsushi Okui Art Direction: Yôji Takeshige, Noboru Yoshida Musik: Joe Hisaishi
    Mit den Stimmen von Soma Santoki, Masaki Suda, Takuya Kimura, Aimyon


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  • PERFECT DAYS ★★★★★

    PERFECT DAYS ★★★★★

    Mit Kōji Yakusho Regie Wim Wenders
    Ab 12 Länge 123 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Ins Kino gehen, um jemanden beim Kloputzen zuzusehen? Ein bis zum letzten Platz gefüllter Kinosaal, in dem jeder gespannt auf die Leinwand blickt und man zwei Stunden lang eine Stecknadel hätte fallen hören können? Wim Wenders macht es mit PERFECT DAYS möglich. Ihm ist ein kleines Filmjuwel geglückt, das uns beglückt. Hauptdarsteller Kōji Yakusho wurde 2023 bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet. Der Film ist Japans Beitrag für die Oscars 2024.

    Hauptdarsteller Kōji Yakusho liegt in Perfect Days von Regisseur Wim Wender auf seiner auf dem Boden liegenden Matratze und liest ein Buch. Es ist Nacht. Der Raum ist nur durch eine kleine Lampe erläutet.
    Kōji Yakusho in PERFECT DAYS (Wim Wender Japan, 2023)

    Kurzkritik

    Das menschliche Schicksal als Essenz des Geschichtenerzählens und Schicksal meint hier nicht das große Drama sondern die Banalitäten des Lebens. Ohne sie würde kein Actiongewitter funktionieren. Das Kino könnte nicht existieren. Wim Wenders widmet sich den Wiederholungen des Alltags, denen wir alle ausgesetzt sind. Dabei entfaltet sich das Porträt eines Mannes, der mit sich scheinbar im Reinen ist und jeden Tag mit einem Lächeln begrüßt. Dabei ist der wortkarge Hirayama, in der bemerkenswerten Darstellung von Kōji Yakusho, nicht Naiv oder einfach gestrickt. Das drückt sich nicht zuletzt in der Auswahl der Bücher aus, die er Abends in seiner spärlichen Freizeit ließt.

    PERFECT DAYS ist getragen vom Respekt gegenüber Mitmenschen, denen wir tagtäglich flüchtig begegnen. Wir fassen in Sekundenschnelle ein Urteil, das in erster Linie im äußerlichen Erscheinungsbild und eben im Beruf begründet ist. Hirayama putzt (architektonisch interessant, von Stararchitekten entworfene) öffentliche Toiletten in Tokio. Ein Mann also, den man in der Öffentlichkeit kaum Beachtung schenken würden. Wenders zeigt ihn uns nun beim Matratzenzusammenfalten, der Pflege seiner Zähne und seiner Bäumchen im Wohnzimmer und im öffentlichen Bad. Tagtäglich. Er ist ein Perfektionist.

    Zwischendurch sehen wir famose Traum-Collagen mit Fotografien in schwarzweiss. Entworfen von Donata Wenders. Diese Sequenzen sind Kunstwerke für sich, die sich geschmeidig in die Erzählung einfügen und stark zu Rhythmus und Stimmung des Filmes beitragen.

    Die Regale im Wohnzimmer sind voll mit Musikkassetten. Im Auto hört Hirayama Van Morrison, Nina Simone und Lou Reed. Der Song „Perfect Day“ ist dann auch sowas wie das Mantra des Films. Er fotografiert noch auf Film, lebt in einer analogen Welt. Die Routinen von Hirayama werden jäh unterbrochen, als ein junges Mädchen vor der Tür steht. Sie spricht ihn mit Onkel an und in wenigen Augenblicken können wir einen Blick in Hirayamas Vergangenheit und Familienverhältnissen erhaschen.

    Dann wird klar: Wim Wenders spielt mit doppeltem Boden. Denn unter der Zufriedenheit und Genügsamkeit verbirgt sich scheinbar mehr. Müsste er gar keine Toiletten putzen? Was steckt wirklich dahinter? Wir erfahren es nicht. In der allerletzten Einstellung spüren wir jedoch auf einmal einen Schmerz, der sich tief in Hirayama verbirgt. Wir leiden mit ihm.

    Mit PERFECT DAYS ist Wim Wenders ein zutiefst berührendes Kleinod geglückt. Gedreht im Academy Format 1.33:1. Passend zu Hirayamas Minitransporter.

    Titel Perfect Days, Japan 2023
    Ab 12 Länge 123 Min.
    Regie Wim Wenders Drehbuch Wim Wenders, Takuma Takasaki Kamera Franz Lustig Schnitt Toni Froschhammer
    Musik Lou Reed, Van Morrisson, Nina Simone Mit Kōji Yakusho


    „Der Trost der Gewohnheit„: Peter Körte in der FAZ über PERFECT DAYS.


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  • WONKA ★★★★½

    WONKA ★★★★½

    Mit Timothée Chalamet, Calah Lane, Olivia Coleman Regie Paul King
    Ab 8 Länge 117 Min.

    Der erste Trailer von Paul Smiths WONKA hat doch glatt unterschlagen, dass es sich hier um ein Musical handelt. Völlig unbegründet, denn die Gesangsnummern gehen ins Ohr. Timothée Chalamet belebt den bisher nicht gerade durch seinen sympathischen Charakter aufgefallenen Schokoladenconnoisseur Wonka mit seiner charmanten Art zu neuem Leben. Mit Roald Dahls ursprünglichen Geschichte, hat das hier aber weniger zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Vorgeschichte und da hat man gleich einmal die Tonart geändert. Es ist wohl kein Zufall, dass Chalamets Wonka mit seiner naiven Warmherzigkeit an PADDINGTON erinnert. Mit den zwei Ausnahmefilmen über den berühmten Bären hat sich Regisseur Paul King in den vergangenen zehn Jahren einen Namen gemacht. Timothée Chalamet selbst zeigt einmal mehr, warum er für das zeitgenössische Kino so wichtig ist und es in Zukunft noch mehr sein wird.

    Hugh Grant im wohl skurrilsten Auftritt seiner Karriere. Mit Timothée Chalamet in WONKA (Paul King, USA/GB 2023)

    Kurzkritik

    Wonka ist jetzt kein Menschenfeind mehr und sogar ein Kinderfreund. Daran haben sich manche gestossen. Zu weichgespühlt hat Paul King den verträumten Schokoladenkönig. Die Liebe steckt hier aber im Detail und wer WONKA nicht mag, hat ohnehin kein Herz.

    Zugegeben, ich bin kein Freund virtueller Computerwelten, die rein gar nicht in der Realität verankert sind und mit waghalsigen Kamerafahrten aufwarten. In WONKA gewöhnt man sich aber recht schnell daran, weil nicht die großen Setpieces im Vordergrund stehen.

    Interessanterweise ist Paul Kings Inszenierung Tim Burtons Stil nicht unähnlich. Nur mit mehr Zuckerwatte und Popcorn. Jede Figur ist hier auf ihre Art überzeichnet. Alles übertrieben. Trotzdem bekommen die zwischenmenschlichen Beziehungen genügend Raum und ja, Timothée Chalamet.

    Um die Brücke zu Johnny Depp zu schlagen: als er in seinen späten 20ern war, gab es eine Reihe junger junger Schauspieler mit Starpotential, die das Publikum in die Kinos lockten: Brad Pitt oder Tom Cruise, Leonardo di Caprio begann gerade seine Karriere. Um nur die Bekanntesten zu nennen. Das ist längst nicht mehr so. Daher ist Chalamet von so unschätzbarem Wert für das Kino von heute. Er nutzt seine Popularität um zwischen Arthaus- und Blockbustersegment zu wechseln. In WONKA verzaubert er als Prince Charming das Publikum.

    Mit der deutschen Synchronfassung hat man sich viel Mühe gegeben (der Chor der Mönche ist zum Niederknien komisch) und mit Marco Eßler eine sehr passende Synchronstimme gefunden. Trotzdem lege ich wie immer die Originalfassung nahe. Vor allem wenn man in Filmen die Originalsprache gewohnt ist, kann die Übersetzung gewöhnungsbedürftig sein.

    Einzig ein wenig kürzer könnte WONKA hinsichtlich des jüngeren Publikums sein. Der Film läuft ohne Altersfreigabe, was ich wiedereinmal nicht nachvollziehen kann. Mindestens 8, wenn nicht 10 Jahre sollten die Jüngsten schon sein. Andernfalls überfordern zwei Stunden die Kleinsten zu sehr.

    WONKA ist ein warmherziges Märchen mit vielen liebeswerten Charakteren und die beste Gelegenheit für einen Kinobesuch mit der Familie. Eine Fortsetzung verspielt man meiner Meinung nach in den letzten Minuten. Aber wer weiß. Oompa Loompa doompetydo!

    WONKA USA/UK 2023
    Musical Ab 8 Länge 117 Min.
    Regie Paul King Drehbuch Paul King, Simon, Farnaby Kamera Chung Chung-hoon Schnitt Mark Everson
    Musik Joby Talbot Mit Timothée Chalamet, Calah Lane, Olivia Coleman


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