Schlagwort: Oscar Radar

  • KÖRPER UND SEELE

    KÖRPER UND SEELE

    Der recht sperrige Titel täuscht vielleicht darüber hinweg, dass es sich hier um eine große Liebesgeschichte handelt. Regisseurin Enyedi zeigt, wie sich zwei fragile Menschen näher kommen, die bisher zu keiner Beziehung fähig waren.

    Der Fragilität steht die strahlend weiße Kulisse eines Schlachthofes gegenüber in der Körper und Seele – der Film spielt. Hier werden Tiere mit einer klinischen Nüchternheit getötet und zerlegt. Mit derselben Präzision durchleuchtet Enyedi das Wesen ihrer beiden Hauptdarsteller. Mária (Alexandra Borbély), die Neue in der Qualitätskontrolle und Endre (Géza Morcsányi), der Finanzchef.

    Der Film wagt einen tiefen Blick dahin, was man gemeinhin als Seele bezeichnet. Mária ist Autistin und zu keinem sozialen Leben fähig. Jede auch nur unabsichtliche Berührung ist ihr unangenehm. Endre hat Beziehungen, die sich auf Körperlichkeit beschränken. Durch seinen gelämten Arm sieht er sich außer Stande, mit einer Frau einen tiefergehenden Kontakt aufzubauen. Liebe ist für beide nicht denkbar. Zusehr steht der eigene Körper und die Scheu vor anderen Menschen im Weg.

    Zu einer ersten Begegnung kommt es in der grellen Kantine. Dort, wo in der täglichen Routine die Belegschaft aufeinander trifft und es keinen Winkel gibt, um sich vor den Blicken der anderen zu schützen. Es ist ein langer Weg der sich abwechselnden Annäherung und Zurückweisung bis Endre durch die laufende Untersuchungen einer Arbeitspsychologin erfährt, dass er mit Mária ein und denselben Traum teilt. Enyedi zeigt die Traumsequenzen von Beginn an. Zwei Hirsche im winterlichen Wald, die sich auf ähnlich vorsichtige Weise näher kommen. Ein entscheidender Impuls für Endre, auf Mária zuzugehen.

    Man spürt förmlich die Spannung in der Luft, wenn sich die beiden gegenüber sitzen. Die kühlen Bilder von Kameramann Máté Herbai erinnern in ihrer Komposition an zeitgenössische Fotografie, gehen auf Distanz und fangen das Umfeld von Mária und Endre aus einer beobachtenden Perspektive ein.

    KÖRPER UND SEELE ist eine tiefgründige Analyse Zweier, die große Überwindungen auf sich nehmen müssen, um einander näher zu kommen. Mit einer gehörigen Verspätung ist der Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale 2017 bei uns angelaufen. Zu sehen im CineCenter Wien und VOTIVKINO / DE FRANCE.

    Idikó Enyedi, HU 2017 116 Min.

  • BABY DRIVER

    BABY DRIVER

    Mit unsinnigen Übersetzungen von Filmtiteln ins Deutsche könnte man Bände füllen. In diesem Fall wurde dem Verleih die Arbeit bereits abgenommen. BABY DRIVER, da gibt es keine Steigerung mehr. Zum Filmstart in Großbritannien wurde darüber diskutiert, ob der Titel dem Erfolg des Filmes im Wege stehen würde. Dazu gleich vorweg: nicht abschrecken lassen, Unterhaltung ist garantiert.

    One more job

    Baby (Ansel Elgort, bekannt aus „The fault in our stars“) steht bei Doc (Kevin Spacey) hoch in der Schuld und fungiert seit Kindheitstagen bei von ihm organisierten Raubüberfällen als Fluchtfahrer. Babys Interesse gilt jedoch in erster Linie der Musik. Für jeden Überfall stellt er sich einen eigenen Soundtrack zusammen und wartet mit Stöpseln in den Ohren im Auto und stiehlt sich so auch aus der Verantwortung.

    Edgar Wright inszeniert den Film aus der Sicht von Baby und seiner Musik. Jeder Schnitt, jede Bewegung und jeder Schuß erfolgt im Takt der Musik. Klingt anstrengend, funktioniert aber erstaunlich gut.

    Achtung Baby!

    BABY DRIVER ist ein solider Gangsterfilm mit Musicaleinschlag und Lovestory obendrauf. Kurz vor seinem letzten Job lernt Baby Deborah (Lily James) kennen. Doch bald heisst es wie so oft: „Behind the wheel or in a wheelchair?“ Mit dem Aussteigen ist es immer so eine Sache. Baby muss sich seiner Verantwortung stellen und die Liebe erstmal warten.

    Alles ist der Musik untergeordnet. Die Sprache tritt in den Hintergrund. Entsprechend wortkarg gibt sich Baby. Selbst mit seinem taubstummen Ziehvater kommuniziert er neben Gebärden über die Musik. Damit hebt sich Wrights Film von der Masse an Gangsterfilmen ab und versteht sich auch ein wenig als Hommage an die Filme der 1960er Jahre.

    Auch wenn zu damaligen Zeiten ganz andere Kaliber vor der Kamera standen. Die Kumpanen bei den Raubzügen wechseln ständig. Jamie Foxx ist mit dabei. Das ist der mit dem clownensken Outfit und es gibt ein Wiedersehen mit Jon „Draper“ Hamm.

    BABY DRIVER, ohne große Vorankūndigungen aus dem Nichts aufgetaucht, bietet mit seinen Verfolgungsjagden und dem fetzigen Soundtrack gute Unterhaltung und ist der Überraschungserfolg dieses Sommers.

    Edgar Wright USA 2017 113 Min

  • DUNKIRK

    DUNKIRK

    Dröhnende Spitfire Jagdflugzeuge, Bombenexplosionen und eine ohrenbetäubende Filmmusik. Kurz bevor es nach kompakten 107 Minuten vorbei ist, ein Augenblick der Stille. Die Kamera ruht groß auf einem der Hauptdarsteller. Stille im Saal aber ein anhaltender Radau im Kopf. DUNKIRK hinterläßt ein Ohrensausen. Ein Film als Ereignis.

    Kriegsfilme kommen mit gewisser Regelmäßigkeit in die Kinos und sind im besten Fall eine sichere Bank für Auszeichnungen. In den letzten Jahren versuchte man sich ständig mit bluttriefendem Hyperrealismus zu überbieten, um die unbegreiflichen Greuel greifbar zu machen und um einen Grusel- und Eckelfaktor zu erweitern. Bei all der Brutalität standen Helden im Zentrum, die allen Gefahren trotzten und in extremsten Situationen über sich hinauswuchsen. Selbst für Humor war da noch Platz.

    Rastlos, chaotisch, unübersichtlich.

    Christopher Nolan hat nun einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Aus drei Perspektiven erzählt er einen Moment der großangelegten Evakuierungsaktion von Dunkirk im Jahr 1940, bei der von den Alliierten binnen weniger Tage mehr als 300.000 von der Wehrmacht eingekesselte Soldaten gerettet wurden. Nicht chronologisch und ohne Anfang und Ende. Wenig Dialoge und Kampfhandlungen, dafür Filmmusik oder vielmehr eine die Kinosessel zum vibrieren bringende Klangwolke von Hans Zimmer und Sounddesigner Richard King. Sie gibt auch den Takt vor. In hohem Tempo wird erzählt. Im Hintergrund das Ticken einer Stoppuhr. Dem Publikum wird keine Verschnaufpause gegönnt. 
    Hoyte von Hoytemas Kamera nimmt das Publikum in den drei Kapiteln mit auf die hohe See, an Land und ins Cockpit. Keine Tricks, die Flugszenen sind echt. Die IMAX Kamera wurde eigens umgebaut, damit sie in die kleinen Jagdflugzeuge aus dem Museum passt. Nicht nur Actionszenen sondern zwei Drittel des Filmes drehte Nolan auf dem Großformat. Die drei Kapitel unterscheiden sich aber nicht nur im Projektionsformat, sondern auch in der Erzählweise: konventionell erzählte Rettungsaktion und orientierungsloser Überlebenskampf.

    The Enemy

    Wie schon Terrence Malick in „The Thin Red Line“ setzt Nolan eine größere Zahl an Schaupielern ein (darunter Mark Rylance, Fionn Whitehead, Harry Styles, Cillian Murphy, Tom Hardy und Kenneth Branagh), ohne einen hervorzuheben. Auch wenn sie durchwegs überzeugend agieren, durch die stakkatoartige Aneinanderreihung von Sequenzen geraten sie unter die Räder. Die Technik, vor und hinter der Kamera, ist der wahre Star des Films. DUNKIRK ist keine Charakterstudie. Die Hintergrundgeschichten interessieren hier bewusst nicht. Nur der Moment zählt und der pure Überlebenswille. Die Gegenseite wird nur „The Enemy“ genannt. Zu sehen ist sie nicht. Damit geht Nolan einer schablonenhaften Darstellung und einer plumpen Dämonisierung der Wehrmacht elegant aus dem Weg.

    Ein Augenzeugenbericht

    Die Spannungen zwischen den Alliierten werden ebenso thematisiert, wie die Enttäuschung der Soldaten darüber, dass ihrer Führung keine schnellere und organisiertere Rettung gelingt. 

    Durch das Zusammenspiel von Kamera, Ton und Schnitt (Lee Smith) und den Verzicht auf eine lineare Handlungsebene erlangt Nolan ein Höchstmaß an Realismus. Weniger Kriegsfilm als Augenzeugenbericht ist DUNKIRK und vermittelt keinen Überblick der Geschehnisse, sondern Momente und Perspektiven, die sich nach und nach zu einem Bild zusammensetzen. 

    Wenn in diesem Jahr kein Film über Hollywood selbst oder ein Musical über Ivanka und Jared ins Kino kommt, hören wir von DUNKIRK nochmals, wenn im Winter die Award Saison beginnt. Zumindest in technischer Hinsicht überzeugt der Film auf allen Fronten.

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    Christopher Nolan UK/USA/F/NL 2017 120 Min.

  • HELL OR HIGHWATER

    HELL OR HIGHWATER

    Eines der Filmhighlights des letzten Jahres läuft nun endlich auch bei uns an.

    Die Brüder Tanner (Ben Foster) und Toby Howard (Chris Pine) haben einen Plan. Um der schon Generationen übertragenden Armut zu entkommen und wenigstens Tobys Kinder etwas hinterlassen zu können, wollen sie ihr verbliebenes Stück Land von den darauf lastenden Schulden befreien.

    Der Plan sieht einen Raubzug durch Texas vor. Eine Zeit lang geht es gut, gerade jene Banken auszurauben, bei denen das Grundstück mit der Hypothek belastet ist. Zu Unrecht, wie die Howards finden. Auf Dauer kann das natürlich nicht gut gehen und sie beginnen Fehler zu machen. So nehmen die Dinge ihren Lauf.

    Foster und Pine geben ein grandioses Duo ab. Der Film hat aber noch ein weiteres Ass im Ärmel. Jeff Bridges spielt einen, kurz vor der Pensionierung stehenden, Texas Ranger und nimmt bald als letzte Amtshandlung die Verfolgung auf. Voll altersmüder Coolness und Sarkasmus glänzt Bridges in einer Performance, die seines gleichen sucht, liefert im Dialog mit seinem Deputy (Alberto Parker) Pointen, bei denen man sich fragt: Darf man da jetzt lachen?

    HELL OR HIGH WATER thematisiert die archaischen Strukturen in der Welt der letzten Cowboys im konservativ republikanisch geprägten West Texas und die Wirtschaftskrise als Misere der Provinz. In der weiten Welt sollen Werte und die innere Sicherheit verteidigt werden, auf die Menschen zu Hause hat man vergessen. Die Immobilienblase ist geplatzt, die Banken wollen an ihr Geld. Mangels Arbeit, Infrastruktur und Zukunftsperspektiven greifen die Protagonisten zur Waffe und versuchen, sich so Gerechtigkeit zu verschaffen.

    Der Western ist im 21. Jahrhundert angekommen. HELL OR HIGHWATER ist nicht nur spannendes Kino sondern auch sehr komisch. Eine klare Empfehlung.

    David Mackenzie USA 2016 102 Min.

     

  • GET OUT

    GET OUT

    Als 1982 E.T. the Extra-Terrestrial in die Kinos kam, wurde um das Aussehen des kleinen Außerirdischen ein großes Geheimnis gemacht. Nur auf der Leinwand konnte man sehen, wie er aussah. So eine PR-Aktion wäre heute leider undenkbar.

    Nun läuft ein Film in den Kinos und je weniger man über ihn weiß, umso größer ist der Unterhaltungsfaktor. Drehbuchautor und Regisseur Peele erzählt die Geschichte von Chris Washington (Daniel Kaluuya) und davon, dass man es als Afroamerikaner in der amerikanischen Gesellschaft nicht immer leicht hat und selbst die besten auch noch so liberalen Familien nicht vor Rassismus gefeit sind. Ein Wochenende bei der Familie der Freundin kann da schon mal stressig werden.

    Eine Gesellschaftssatire mit – naja, einfach mal ins Kino gehen, GET OUT ist eine absolute Empfehlung. Wer superneugierig ist oder den Film schon gesehen hat, darf natürlich weiterlesen.

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    Die Attribute, die GET OUT zugeschrieben werden, sind vielfältig. Allein die Biographien von Regisseur und Hauptdarsteller zeigen deren unterschiedliche Betätigungsfelder und so lässt sich auch ihr Film nicht so einfach zuordnen. Peele spielt mit dem unterschwelligen Rassismus mit dem Afroamerikaner in den USA tagtäglich konfrontiert sind. Auch Chris musste in der Vergangenheit negative Erfahrungen machen und hat sich daher ein kalmierend defensives Verhalten antrainiert, wenn er wieder einmal mit einer herablassenden Bemerkung konfrontiert wird. Peele hält dem Teil der Gesellschaft den Spiegel vor, die Barack Obama und Tiger Woods eh total super finden und trotzdem beispielsweise mit haarsträubenden genetischen Theorien daherkommen.

    GET OUT ist eine Komödie. Gerade weil diese Stereotype so abgedroschen sind, entstehen komische Situationen. Das kann aber schnell kippen, wenn sich herausstellt, dass diese Ansichten einer tiefsten Überzeugung entstammen und es nicht bei verbalen Ergüssen bleibt. GET OUT ist auch eine Thriller und die unangenehme Spannung, die Peele kontinuierlich aufbaut um an sein Zeil zu gelangen, ist beeindruckend.

    Aber das ist noch nicht alles. Gegen Ende fühlt man sich an Hannibal (2001) erinnert, auch wenn es nicht ganz so unappetitlich wird. Manches hat beim Abendessen bei Tisch einfach nichts verloren. GET OUT streut Horrorelemente ein, die sitzen. Chris muss schon einiges mitmachen an diesem Wochenende. Miss Armimage (großartig: Catherine Keener), die Mutter seiner Freundin, macht ihm das Leben schwer, was im schlimmsten Fall in massiven Kopfschmerzen enden kann.

    Jordan Peele USA 2017 104 Min.

  • KONG: SKULL ISLAND

    KONG: SKULL ISLAND

    King Kong der Riesenaffe ist seit seinem ersten Erscheinen auf der Leinwand im Jahr 1933 sowas wie eine Hollywoodlegende und ist bis heute Fixpunkt einer jeden Tour durch die Universal Studios. Zwischen zerstörerischem Monster und Affen mit menschlichen Zügen angesiedelt, ist er ein Synonym für den Drang der Menschheit, sich die Natur Untertan zu machen und deren Gier nach Sensationen.

    Eine Gier der ganz anderen Art, gepaart mit Ideenlosigkeit, bringt den King nun als Teil des MonsterVerse von Warner Bros. und Legendary Entertainment abermals ins Kino. Dieses Franchise hat ganz offensichtlich das Marvel Cinematic Universe zum Vorbild und stützt sich auf die Lizenzen für Kong und Godzilla. Weitere Filme und Monster folgen, Post Credit Szenen und exzellentes SchauspielerInnen Ensemble inklusive. Davon schaffen nur John C. Reilly und Samuel L. Jackson stimmige Charaktere. Brie Larson, John Goodman und Tom Hiddleston bleiben farblos. In manchen Szenen gewinnt man aber den Eindruck, als würde Hiddleston doch einen passablen neuen Bond abgeben.

    SKULL ISLAND ist aber nicht mehr als ein B-Movie, das sich selbst leider zu ernst nimmt, umgesetzt von einem relativ unerfahrenen Regisseur. Was nichts anderes bedeutet, als dass bei der Endfertigung des Filmes viele Hände im Spiel waren, vor allem im Schneideraum. Gut möglich, dass Kong dann irgendwann mit seinen Fäusten auf die Tastatur gehauen hat. Man kann es ihm nicht verdenken, aber so sieht es dann zum Schluss aus: Hau drauf Schnitte ohne Timing.

    Der Film spielt nach dem Ende des Vietnamkrieges und verbindet Kriegsfilmästethik und Retrolook. Die zahlreichen Versatzstücke aus Apocalypse Now, wie schon auf dem Filmplakat, nerven mit der Zeit. Die Überzeichnung mittels Splatterelementen hilft nur bedingt. Mittelmäßige Spezial Effekte und schwankende Proportionsverhältnisse rauben dem Edeltrash die bescheidensten Qualitäten.

    Trotzdem Kong die Größendimension eines Hochhauses erreicht hat, um im für 2020 angekündigten Film gegen Godzilla anzukommen, muss der King noch mehr wachsen. Mit „politisch verkommenen und menschenverachtenden Schrott“ findet der Spiegel deutliche Worte. Eine zeitlang mag KONG zu unterhalten, zum Schluß verläßt man das Kino aber wegen der lieblosen Umsetzung eher enttäuscht. In 3D, wie so oft aber völlig unnötig.

    Jordan Vogt-Roberts USA 2017

  • MOONLIGHT

    MOONLIGHT

    Einmal wird Chiron, die Hauptfigur in Jenkins‘ Filmdrama, nach einer Schlägerei im Klassenzimmer von der Polizei abgeführt. Ansich harmlos, hat man im vergangenen Jahr jedoch Dokumentationen wie 13TH gesehen, weiss man, was dies für Konsequenzen hat. Als Afroamerikaner kommt Chiron ins Gefängnis. Das erklärt auch den bitterbösen Blick Denzel Washintons während der Dankesrede von Casey Affleck bei der diesjährigen Oscar Verleihung. Auch wenn es bei Affleck wegen der Vorwürfe der sexuellen Belästigung zu keiner Verurteilung gekommen ist (man einigte sich außergerichtlich), als Schwarzer wäre er allein des Verdachts wegen ins Gefängnis gekommen.

    Doch diese gesellschaftspolitischen Gegebenheiten interessieren Jenkins nur am Rande. MOONLIGHT spielt anfangs im Drogenmilieu der Suburbs Miamis, liefert jedoch eine völlig neue Perspektive. Chiron ist homosexuell. Der Film zeigt aus der Sicht von Chiron, wie seine Umwelt damit umgeht und wie er selbst mit seinem Schicksal hadert. Gängige Klischees werden gesprängt, etwa wenn der eine Art Vaterrolle einnehmende Drogendealer (Mahershala Ali) dem kleinen Buben bedacht über seine Sexualität aufklärt. Später als Erwachsener hat sich Chiron nach Außen hin zu einem starken Kerl entwickelt. Hinter der Fasade sieht es jedoch anders aus. Der Soundtrack widerspiegelt diese innere Zerrissenheit Chirons, reicht von basslastigen Klassikelementen bis Rap. Da kann so manches Musical die Koffer packen. Zum Nachhören taugt der Soundtrack nur bedingt. Die Tracks werden nur angespielt und lieblos ausgeblendet.

    MOONLIGHT ist wie ein Triptychon aufgebaut und behandelt drei Lebensabschnitte. Titelgebend sind die jeweiligen Spitznamen Little, Chiron und Black. Daher wird Chiron auch von drei unterschiedlichen Darstellern verkörpert: der neunjährige Little von Alex R. Hibbert, der Teenager von Ashton Sanders und schließlich als Erwachsener mit harter Schale und weichem Kern von Trevante Rhodes. Diese dramaturgischen Brüche schmälern die aufkommende Empathie für den Charakter keineswegs. Die Kamera von James Laxton hat großen Anteil daran. Der subjektive Stil schafft eine besondere Nähe zu den Protagonisten.

    Mahershala Ali ist nach Hidden Figures abermals in einer einprägsamen, diesmal Oscar prämierten Nebenrolle zu sehen. Man darf auf seine erste Hauptrolle gespannt sein.

    MOONLIGHT gebührt Anerkennung. Die Academy hat dies erkannt. Im Oktober startete der Film in den USA in vier Kinos, im Februar lief er auf 1.014 Leinwänden. Mit einem Budget von 1.5 Mio. USD der günstigste Gewinner überhaupt und der erste Oscar für einen Film eines afroamerikanischen Regisseurs – bei der 89. Verleihung. Ein in vielerlei Hinsicht bedeutender Film.

    Barry Jenkins | USA 2016 | 115 Min.

  • LA LA LAND

    LA LA LAND

    Es beginnt mit einer vielversprechenden Eröffnungssequenz, bei der mehr Autos demoliert werden als in Blues Brothers und im Grunde nimmt Damien Chazelle das große Finale eines klassischen Musicals vorweg. Ein Film wie eine Achterbahnfahrt. Allerdings geht es ständig bergab.

    Musical, Komödie, Drama und Romanze: Chazelle will alles aber am Schluss ist es nichts von alledem. Zuerst großes Musical, dann streckenweise durchaus witzig aber der Witz geht zur Hälfte hin verloren und übrig bleibt eine platte Liebesgeschichte zwischen einer angehenden Filmschauspielerin und einem aufstrebenden Jazzmusiker. Dass der Film kein völliges Desaster ist, verdankt er Stone und Gosling. Gosling aber das Prädikat als besten Darsteller im Jahr 2016 anzuerkennen, ist dann doch ein Armutszeugnis für das vergangene Filmjahr.

    Gut, der Song City of Stars ist ein Ohrwurm – obwohl Gosling nicht singen kann – und das Ende des Filmes entspricht erfrischender Weise eben nicht dem Hollywood-Klischee.

    Man wird jedoch den Eindruck nicht los, dass hier ein potentieller Oscar, bzw. Filmpreis Kandidat am Reisbrett entworfen wurde. Die aufkommenden Beziehungsprobleme, die dem Musical Tiefe verleihen sollen, wirken aufgesetzt. Stones Auditions Scene kann als Bewerbungsvideo für die Academie verstanden werden. Gut möglich, dass sie in diesem Jahr mit einer Statue nach Hause geht. Der Film wird mit Nominierungen übersät werden und die Chancen der Abräumer des Jahres zu werden, stehen nicht schlecht.

    Hollywood-Nostalgie pur in den Farben der französischen Filmmusicals der 1960er Jahre. In jedem Fall ist der Film eine gute Gelegenheit, um sich im Gartenbaukino bei einer Retrospektive den ein oder anderen, von Chazelle zitierten, Musical Klassiker auf der großen Leinwand anzuschauen.

    Damien Chazelle USA 2016 128 Min.

  • MANCHESTER BY THE SEA

    MANCHESTER BY THE SEA

    Wenn einem Kinobesuch monatelang Lobeshymnen vorangehen, läuft man Gefahr, ob der hohen Erwartungen enttäuscht zu werden. Dies ist so ein Film. Zumindest was Ersteres angeht.

    Kenneth Lonergan ist ein stilles und humorvolles Drama gelungen. Das ist seinem gut getimten Drehbuch und dem Hauptdarsteller Casey Affleck, in der Rolle des Lee Chandler, zu verdanken. Manchester ist ein Film über eine menschliche Katastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes, ohne das erjemals laut wird. Für eine ähnliche Herangehensweise an ein tragisches Ereignis ohne falsche Sentimentalität muss man weit zurückgehen. Man ist etwa an den kanadischen Film The Sweet Hereafter von 1997 erinnert.

    Das Schicksal von Lee erschließt sich spät in von Händel musikalisch untermalten Rückblenden. Die dazwischenliegenden Auseinandersetzungen mit seinem Neffen, für den er das Sorgerecht übernehmen soll, sind voll trockenem Humor. Es ist dieser Balanceakt, der die Figuren so real erscheinen lässt.
    Es ist ein Film über Verlust und die Ohnmacht (der Männer), Gefühle nicht ausdrücken zu können, außer vielleicht noch in Schlägereien in der Bar und sich jeglicher Hilfe von außen zu verschließen.

    Dramaturgie und Reduktion der Geschichte lassen in Manchester Merkmale eines Theaterstückes erkennen. Nicht verwunderlich, Lonergan ist vor allem Theaterregisseur.

    In Manchester wird besonders deutlich, warum Nebenrollen in Hollywood supporting actor/actress genannt werden. Selbst Michelle Williams macht das in ihren kurzen einprägsamen Auftritten klar.

    Mag sein, dass Lonergans eisig kalte Version eines Fischerdorfes zu aufgeräumt erscheint. Das schmälert jedoch nicht die Leistung von Casey Affleck. Ein Gesicht, gezeichnet vom Leid, das Lee widerfahren ist, die Hände in der Hosentasche, in der Kälte stehend. Ein Bild das bleibt. Eine tiefgründigere Charakterstudie hat man schon lange nicht mehr im Kino sehen können.

    Kenneth Lonergan USA 2016 136 Min