Schlagwort: Oscar Radar

  • BLACK PANTHER

    BLACK PANTHER

    Am Anfang ist der afrikanische Kontinent so schwarz, wie wir es von diesen Nachtansichten der Erde aus dem Weltall gewohnt sind. Auf denen ist klar zu erkennen, wo auf der Welt Geld und technologischer Fortschritt zu Hause sind. Zwei starke Marvel Stunden später erklärt T’Challa, König von Wakanda, vor der UN-Versammlung in Wien, warum sein Land in Zentralafrika in Wahrheit das Zentrum der modernen Welt ist. „Black Panther“ macht sich daran, unser Weltbild auf den Kopf zu stellen.

     

    Chadwick Boseman alias T’Challa alias Black Panther auf dem Cover der Time. Der Feuilleton überschlägt sich mit euphorischen Kommentaren. Von einem popkulturellen Ereignis ist die Rede. Ryan Coogler schrieb und inszenierte den ersten Blockbuster der Filmgeschichte, der nicht nur zum Großteil in Afrika spielt, sondern dessen Produktion vor und hinter der Kamera in den Händen von AfroamerikanerInnen lag. Dabei ist hier das Binnen-I mehr angebracht als bei jedem anderen Film dieser Größenordnung aber dazu später mehr.

    Eine Comicverfilmung vom Disney Konzern als soziokulturelles Ereignis? Eines ist sicher, das Publikum wird dieser Tage Zeuge einer in der Popkultur nie dagewesenen Demonstration afroamerikanischer Selbstermächtigung.

     

    Uneinigkeit im Königshaus

    Der Erklärung von König T’Challa geht ein innerfamiliärer Streit voraus. Wakanda ist von einem Schutzschild umgeben. Von Außen sieht es wie ein Dritte Welt Land aus aber dahinter verbirgt sich eine hochtechnologisierte Gesellschaft. Dank dem Rohstoff Vibranium ist es der reichste Staat der Welt, ein schwarzes und friedliches Utopia. Eine Linie der königlichen Familie möchte das Vibranium verteilen, um die schwarze Weltbevölkerung ganz im Sinne von Malcom X zu stärken. Dem besonnenen agierenden und eben inthronisierten T’Challa stellt sich sein von Wut und Hass getriebener Cousin N’Jabaka/Erik „Killmonger Stevens (Michael B. Jordan) entgegen. Gerade hat der eine Axt aus dem Wunderstoff Ulysses Klaue (Andy Serkis) überlassen. Das Königreich Wakanda möchte einen Weiterverkauf an den CIA Agenten Everett K. Ross (Martin Freemann) unbedingt verhindern. Das Kräftemessen kann beginnen.

    T’Challa ist zwar die Hauptfigur aber getragen wird die Handlung ebenso von seinen weiblichen Partnerinnen: Schwester Shuri (Letitia Wright) stattet ihn mit den neuesten Waffen aus und ihr Labor erinnert an das von Q aus James Bond,  Lupita Nyong’o ist die Agentin Nakia, Angela Bassett die Königinmutter Ramonda und Danai Gurira steht T’Challa als Kämpferin zur Seite. Black Panther ist nicht nur ein Akt afroamerikanischer Emanzipation, sondern ein starkes Statement bezüglich Frauenrollen im Mainstreamkino. Darüber hinaus steht mit Rachel Morrison eine Frau hinter der Kamera, die soeben als erste Frau in der Geschichte für einen Oscar in der Kategorie Beste Kamera nominiert wurde.

    Hintergrund

    Erdacht wurde Black Panther von Stan Lee und Jack Kirby und hatte sein Debut 1966 in Marvel’s Fantastic Four No. 52. (Lee hat in der Casino Sequenz einen Cameoauftritt am Roulettetisch.) Im selben Jahr wurde die Black Panther Party gegründet und hatte es sich zur Aufgabe gemacht im Interesse der afroamerikanischen Gerechtigkeit bewaffneten Widerstand zu leisten. Im Gegensatz zu Martin Luther Kings Überzeugung mit Worten anstelle von Gewalt zu handeln. Ein Konflikt, der sich in der Geschichte von „Black Panther“ widerspiegelt.

    Das Setdesign von Wakanda ist geprägt vom Afrofuturismus: Organische Architektur und Wolkenkratzer mit Elementen aus Strohhütten. Die fantastischen Kostüme zitieren traditionelle afrikanische Kleidungen. Sie sind wahrlich eine Pracht. Auch zur Weltpremiere erschienen die Darsteller in traditioneller Kleidung, die auf ihre ursprüngliche Herkunft verweisen sollte.

    „Black Panther“ fügt sich zeitlich nach „Captain America: Civil War“ und dem Attentat an T’Chaka, dem Vater von T’Challa, in Wien in das Marvel Cinematic Universum ein. Trotzdem steht der Film für sich und hält sich sonst mit Querverweisen zurück. Es wird ein ernsterer Ton eingeschlagen und auf den mittlerweile nervenden Marvel Humor hat man zum Glück fast vollständig verzichtet. Auch mit ein Grund, warum selbst die Nebencharaktere weniger schablonenhaft und nie lächerlich wirken. Missglückt sind lediglich die Spezialeffekte, die zeitweilig amateurhaft anmuten.

    Um für den Score zu recherchieren, hat Ludwig Göransson einen Monat im Senegal verbracht. Geschickt hat er Elemente lokaler Musik in die Filmmusik eingearbeitet. Kendrick Lamar hat das Album zum Film kuratiert und gibt sich kämpferisch mit Musik von The Weeknd, SZA, Khalid, ihm selbst und anderen. Warum das alles wichtig ist?

    Superheld als Rolemodel

    Für das afroamerikanische Publikum ist es ein längst überfälliger Moment. Die kulturelle Dominanz der weißen Bevölkerung entspricht so gar nicht der ethnographischen Zusammensetzung des Einwanderungslandes USA. Darum ist „Black Panther“ von solcher Bedeutung für die Community. Bürgergruppen kaufen ganze Vorstellungen auf, um Kindern den Kinobesuch zu ermöglichen, die es sich sonst nicht leisten könnten, ihre Helden zu sehen. Schon vor dem Filmstart wurden durch den Vorverkauf Box-Office Rekorde aufgestellt. Steht der Film aber für eine große Veränderung, wie vielerorts geschrieben wird, in einem Jahr, in dem der amerikanische Präsident den gesamten afrikanischen Kontinent als Ansammlung von Shitholes herabgewürdigt hat? Wenn dem so wäre, würde das die Bürgerrechtsbewegungen ad absurdum führen. Gesellschaftliche Veränderungen kommen nicht von oben, sondern müssen hart erkämpft werden. Im Moment entwickelt sich die Welt in die entgegengesetzte Richtung.

    Es ist aber ein schöner Gedanke, dass in vielleicht 20 Jahren der ein oder andere aus dem jüngeren Publikum behaupten würde, „Black Panther“ hätte auf sein Leben einen prägenden Einfluss gehabt. Dass der Film eine Wirkung entfaltet, die über zwei Stunden hinausgeht, ist ihm durchaus zuzutrauen. Positiv besetzte Vorbilder sind ohne hin rar.

    Ryan Coogler | USA 2018 | 135 Min. | [usr 4]

    Fotos © Marvel Studios 2018

  • SHAPE OF WATER

    SHAPE OF WATER

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    In den 1960er Jahren stöckeln sogar die Frauen vom Reinigungstrupp in High Heels durch die grauen Gänge des Aerospace Research Center. Eines Morgens schiebt Elisa ihren Putzwagen mit einem breiten Lächeln und knallroten Schuhen voran. „Habt ihr?“ fragt ihre Kollegin Zelda neugierig. Ein breites, verlegenes Grinsen ist die Antwort. Eines der vielen Details in Guillermo del Toros neuesten Werk und wer den Regisseur kennt, der weiß, dass er sich so seine Gedanken macht. Dementsprechend reich an Andeutungen und Verweisen sind seine Fantasiewelten. Sex macht glücklich ist eine der Botschaften in dieser Geschichte, die ein Märchen ist, weil Elisas Zuneigung keinem Menschen gilt.

    Elisa, gespielt von Sally Hawkins, ist stumm. Sie lebt in einer Wohnung, die einem der Filme entsprungen sein könnte, die eine Etage tiefer in einem Filmpalast auf der großen Leinwand gezeigt werden. Alles schwelgt hier in Nostalgie. Mit ihrem schwulen Nachbarn Giles (Richard Jenkins) verbringt sie gemeinsame Fernsehabende. Es ist das goldene Zeitalter der TV-Shows aber auch die Hochblüte von Rassismus und Frauen verachtender patriarchaler Gewalt inmitten des Kalten Krieges. Die energische Zelda (Octavia Spencer) nimmt die verträumte und stetig unpünktliche Elisa unter ihre Fittiche. Sie ist als Afroamerikanerin eine weitere Außenseiterin in der düsteren und streng geheimen Forschungsstation und verleiht dem Film einen gewissen Drive.

    Eines Tages wird ein Wassertank aus dem Amazonasgebiet angeliefert, in dem sich der Schlüssel zum Sieg über Russland befinden soll. Ein menschenähnliches Amphibienwesen, mit Hilfe des Motion Capture Verfahrens verkörpert von Doug Jones, soll für Forschungszwecke herhalten, was einem Todesurteil gleich kommt. Schnell wird es als Monster mit besonderen Fähigkeiten abgestempelt – der große Wert der Entdeckung wird nicht erkannt.

    Elisa ist fasziniert von diesem Wesen, dem genauso mit Ablehnung begegnet wird, wie ihr selbst und nähert sich ihm an. Als sie beobachtet, wie Laborleiter Richard Strickland (Michael Shannon) den Amphibienmann misshandelt, schmiedet Elisa gemeinsam mit ihren Freunden einen Plan.

    Strickland entpuppt sich als das wahre Monster in dieser Geschichte. Er geht nicht nur gegen den Amphibienmann mit äußerster Brutalität vor, sondern ist geradezu ein Paradebeispiel für Machtmissbrauch. In einer zentralen, wie komischen Szene auf der Toilette, erklärt er gegenüber den verdutzten Putzfrauen, dass Händewaschen nur etwas für Weicheier ist.

    Del Toro taucht Elisas Welt in sattes Grün. Aus visueller Sicht ist „The Shape of Water“ ein Meisterwerk. Die düstere Farbdramaturgie und Setdesign lassen keine Wünsche offen und erinnern an Jean-Pierre Jeunets „Delicatessen“. Dabei wollte del Toro erst gar nicht viel zitieren, außer den Verweis auf den Kiemenmenschen aus „Der Schrecken vom Amazonas“ (Jack Arnold, 1954). Allerdings vermag die Liebesgeschichte nicht so zu berühren, wie man sich das vorstellen würde. Es stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit inmitten des pointierten Schnittes zwischen Stech- und Eieruhr und der träumerischen Musikuntermahlung von Alexandre Desplat. Zuviel hat del Toro in sein Werk versucht hineinzustopfen. Eine Hommage an das Kino von Technicolor, Horror- und Tanzfilme, zu einer Zeit als sich russische Agenten im Nebel mit Informanten trafen.

    Aber trotzdem: Seit der Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig letzten Herbst ist del Toro mit seiner Produktion auf einem unaufhaltsamen Siegeszug. Aus Italien fuhr er mit einem Goldenen Löwen nach Hause und in den folgenden Monaten erhielt er fast sämtliche bedeutende Regiepreise, wie den Golden Globe, den Critics’ Choice Movie Award oder die Auszeichnung der Directors Guild. Zu Oscar Verleihung tritt er mit stolzen 13 Nominierungen an. „The Shape of Water“ scheint den Geschmack des europäischen Festivals ebenso zu treffen, wie den der Verbände in den USA. Der Regie Oscar gilt als ausgemachte Sache.

    „The Shape of Water“ läuft im Gartenbaukino im Original mit Untertiteln. Darüber hinaus gibt es vom 9. bis 22. März eine Werkschau aller Filme von Guillermo del Toro und als Bonus „Creature from the Black Lagoon“ in 3D.

    Guillermo del Toro | USA 2017 | 123 Min. | [usr 3.5]

  • THE DISASTER ARTIST

    THE DISASTER ARTIST

    Los Angeles zieht Jahr für Jahr eine große Zahl von Menschen an, die in der Filmbranche ihr Glück versuchen wollen. Nur den wenigsten ist es vergönnt, Fuß zu fassen und eine Karriere zu starten. Talent alleine reicht nicht aus. Ein eiserner Wille und Durchhaltevermögen sind notwendig, um sich hier durchsetzen zu können. Der Film erzählt die wahre Geschichte von einem, der diesen Weg zielstrebig verfolgt hat.

    Im Jahr 1998 sind die Schauspieler Tommy Wiseau (James Franco) und Greg Sestero (Dave Franco) unter den Neuankömmlingen. Zu diesem Zeitpunkt ist für das Publikum bereits klar, dass die beiden weitgehend talentbefreit sind. Wiseaus osteuropäischer Akzent ist gelinde gesagt unverständlich. Kurzerhand entschließt er sich, ein Drehbuch zu verfassen. Sein Kumpel Sestero soll die Hauptrolle spielen. Durch seinen unerschütterlichen Optimismus und der nötigen finanziellen Grundlage, gelingt es Wiseau trotz seiner Inkompetenz tatsächlich, eine Filmproduktion auf die Beine zu stellen.

    Franco widmet den Hauptteil seines Filmes den Dreharbeiten zu „The Room“. Penibel genau rekonstruiert er Szene für Szene und imitiert das Auftreten Wiseaus bis hin zu seinem eigenwilligen Lachen. Absurde Dialoge, vorgetragen in aller Ernsthaftigkeit von Amateurdarstellern und eigenwillige Sexszenen in Pappkulissen lösen beim Publikum Fassungslosigkeit aus. Immerhin soll die Crew aus gut 400 Personen bestanden haben.

    Als „The Room“ 2003 in die Kinos kam, sahen ihn kaum 200 Zuseher, bei Produktionskosten von 6 Millionen Dollar. Wiseau wollte den Film parallel Analog und Digital drehen. Dies, ein unnötiges Indoor-Set und die hohe Anzahl an Drehtagen ließen die Kosten explodieren. In Folge entwickelte sich um den Film eine Art Kult, nach dem er das Prädikat erhalten hatte, einer der schlechtesten Filme aller Zeiten zu sein. In Sonderaufführungen ist er regelmäßig ausverkauft. Das Interesse wurde auch dadurch gesteigert, weil über Tommy Wiseau keine biographischen Details bekannt sind. Es ist unklar, wie alt er ist, woher er ursprünglich stammt und woher das Geld für die Produktion kam.

    Als Grundlage für „The Disaster Artist“ diente das Buch „The Disaster Artist: My Life Inside The Room“ des Schauspielers Greg Sestero und Tom Bissell. Der Wahrheitsgehalt der Vorlage liegt für Wiseau etwa bei 40%. Der Film jedoch entspreche für ihn erstaunlicherweise zu 99,9% den Tatsachen. Für das Drehbuch von Scott Neustadter und Michael H. Weber erhielt der Film im Jänner 2018 seine einzige Oscar Nominierung. James Franco gewann einen Golden Globe, Vorwürfe der sexuellen Belästigung scheinen jedoch eine Oscar Nominierung verhindert zu haben.

    „The Disaster Artist“ ist unterhaltsames Kino, ohne dass man „The Room“ gesehen haben muss. James Franco nutzt seine narzisstische Veranlagung um dem Original Wiseau sehr nahe zu kommen. Auch wenn sich Franco für eine Imitation entschieden hat, gibt der Film mit einem Allstar-Cast in den Nebenrollen einen witzigen Einblick in ein anderes Hollywood, das an Skurriliät kaum zu überbieten ist.

    James Franco USA 2017 104 Min. [usr 3]

  • PHANTOM THREAD – Der seidene Faden

    PHANTOM THREAD – Der seidene Faden

    Wenn ein Mann eine eigenwillige Bindung zu seiner bereits verstorbenen Mutter hat, sollte man gewarnt sein. Der im London der 1950er Jahre von der High Society verehrte Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) nähte schon immer gerne Dinge von persönlichem Wert in seine Kleidung ein. Eine Haarlocke seiner Mutter trägt er stetig am Herzen.

    Leinen, Spitze, Samt und Seide sind sein Metier. Schön sind die Kleider nicht. Sperrig und steif wirken sie. Für die Frauen aber bedeuten sie viel. Die Textilien geben ihnen Selbstwertgefühl und Sicherheit. Penibel vermisst Woodcock seine Kundinnen und stülpt ihnen die Roben wie eine zweite Haut über, beseitigt so jeden Makel.

    Die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) hat der Couturier gerade auf einem Landausflug kennengelernt. Beim Frühstück, dem in seinem Leben eine besondere Bedeutung zukommt. Später wird man erfahren, dass er bei Tisch, versunken in sein Skizzenbuch, keine Ablenkungen ertragen kann. Schon das geringste Geräusch verursacht Stirnfalten. Wenn Woodcock am Frühstückstisch gestört wird, erholt er sich den ganzen Tag nicht mehr, weiß Cyril (Lesley Manville), seine Schwester und Assistentin.

    Alma nimmt eben gerade an diesem Frühstückstisch Platz, neben Woodcock und der allgegenwärtigen Cyril. Gerade hat dort noch ihre Vorgängerin gesessen, aber nun ist sie seine neue Muse. Woodcocks Stimme ist dünn und sanft aber in ihrer Fragilität umso bestimmend. Er duldet keine Widerrede. Für ihn gibt es nichts als die Arbeit. Für Liebe bleibt da nicht viel übrig.

    Woodcocks Betulichkeit fügt sich zu manch komischen Momenten. Doch genauso wie er die Kontrolle über jede Falte seiner Stoffe haben muss, gilt dies auch für die Mensche in seiner Umgebung. Mit Alma hat er sich aber eine starke Persönlichkeit ins Haus geholt. Sie gibt die Widerspenstige und stellt sich ihm entgegen. Sie will um seine Liebe kämpfen und wird dabei zu drastischen Mitteln greifen.

    Daniel Day-Lewis geht neuerlich in seiner Rolle auf, scheint nicht zu spielen sondern ist. Vielleicht hat er sich durch diesen Kraftakt dermaßen verausgabt, dass er sich am Ende der Dreharbeiten zu der Aussage hinreißen hat lassen, dies sei seine letzte Rolle gewesen. Wir werden sehen. Mit Lesley Manville und dem luxemburger Shootingsstar Vicky Krieps hat Day-Lewis jedenfalls ein starkes Gegenüber. „Phantom Thread“ ist auch eine großartige Ensembleleistung.

    Als Vorbild für seine Hauptfigur diente Paul Thomas Anderson der spanische Modedesigner Cristóbal Balenciaga. Der Drehort, ein Haus im viktorianischen Stil, die Dreieckskonstellation und die Rolle einer toten Frau im Hintergrund erinnern nicht zufällig an „Rebecca“. „Phantom Thread“ ist eine Variation dieses Themas.

    Die Musik stammt von Jonny Greenwood, neben Thom Yorke Mastermind bei Radiohead. Ein lückenloser orchestraler Klangteppich überspannt den Film von Anfang bis Ende. Dabei funktioniert die Musik als eigene dramaturgische Ebene. Sie unterstützt nicht das Gesehene auf emotionale Weise, sondern konterkariert es, verändert die Sichtweise und bringt die Geschichte voran.

    In den Credits fehlt übrigens der Kameramann. Der Favorit Robert Elswit („There Will be blood“) hatte keine Zeit und Anderson verzichtete auf Ersatz. Für sich beanspruchen wollte er den Titel aber dann auch nicht und bezeichnet das Ergebnis als Teamarbeit.

    Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die romantisch, düster und trotzdem unterhaltsam ist.

    Paul Thomas Anderson USA 2017 131 Min.  [usr 4]

  • DARKEST HOUR – Die dunkelste Stunde

    DARKEST HOUR – Die dunkelste Stunde

    Unweit der 10 Downing Street befinden sich am St. James‘s Park die Churchill War Rooms. Sie sind ein Teil des Imperial War Museums und wurden von Margaret Thatcher der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Während des Zweiten Weltkriegs diente der Bunker dem Kriegskabinett unter Winston Churchill als Kommandozentrale.

    Eben diese Räume sind nun die Kulisse von „Darkest Hour“. Es ist das Jahr 1940, Adolf Hitlers Expansionsbestrebungen setzen auch Großbritannien immer mehr unter Druck und die Tage von Premier Neville Chamberlain sind angezählt. Die Nachfolgesuche läuft auf den einen Kandidaten hinaus, auf den man sich mit der Opposition verständigen kann. Das sogenannte „War Cabinett“ ist eine Allparteienregierung.

    Auftitt Winston Churchill (Gary Oldman), zu dieser Zeit Lord der Admiralität. Sein Ruf als autoritär zorniger Eigenbrötler eilt ihm voraus. Keine Verhandlungen mit Nazi Deutschland zu führen war seine tiefste Überzeugung. Das erste Aufeinandertreffen mit König Georg V ist mehr Pflicht als auf gegenseitiger Wertschätzung beruhend.

    Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit scheitert die Strategie der Alliierten gegenüber dem Deutschen Reich. Churchills ablehnende Position der Appeasment Politik gegenüber steht nur mehr auf wackeligen Beinen. In den hinteren Reihen wird bereits fleissig an seinem Sessel gesägt. Rückendeckung holt sich der Premierminister in Gesprächen mit der Bevölkerung in einer bereits legendären U-Bahn Szene. Viele stoßen sich an diesem dramaturgischen Kniff. Eine Situation die es so natürlich nie gegeben hat.

    Nun begrenzt sich der Handlungsverlauf von „Darkest Hour“ auf wenige Wochen im Mai und Juni 1940. Den Rahmen bilden drei seiner bedeutsamsten Reden. Eine zeitliche Verdichtung, die bereits bei mehreren Biopics angewandt wurde, um eine Persönlichkeit anhand bestimmter Ereignisse zu porträtieren. In dieser Zeit hat sich Churchill nie in diesem Bunker befunden. Warum hätte er auch sollen. Die Nazis waren noch auf der anderen Seite des Kanals, wo gerade die Operarion Dynamo im Gange war. Genauso wenig war der Transatlantic Telephone Room bereits eingerichtet, in dem Churchill im Film mit US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt telefoniert.

    Historische Ungenauigkeiten stehen dem Schauspiel von Gary Oldman gegenüber. Seine unverwechselbare Mimik und die markante Stimme können sich nicht hinter der Maske verstecken. Oldman eignet sich die Rolle an und stellt seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Der Vergleich mit John Lithgows ebenfalls exzellenter Darstellung Churchills in „The Crown“ lohnt sich.

    In jeder Filmminute merkt man, dass die Geschichte hier von Männern geschrieben wird. Frauen sind nicht mehr als Beiwerk, die voll Bewunderung auf Churchill aufschauen. Es ist einer jener Filme, die von einer schauspielerischen Leistung leben aber als Ganzes nicht überzeugen können. Ob das Geld für ein Kinoticket hier gut angelegt ist, sei dahingestellt. Der Eintritt in die Churchill War Rooms zahlt sich aus und ein Besuch sollte bei keinem London Trip fehlen.

    Joe Wright  GB 2017 125 Min.   [usr 2.5]

     

  • THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

    THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

    Willkommenspolitik und Umweltschutz, Political Correctness und Genderwahn. Medien wie Politik wird vorgeworfen, den Kontakt zu den Menschen verloren zu haben, indem sie ihnen die Themen vorgeben, die gerade relevant erscheinen und Meinungen in eine bestimmte Richtung beeinflussen wollen. Zwischen den Städten und dem Land haben sich Gräben aufgetan. Ob diese wiederum konstruiert sind oder nicht spielt erstmal keine Rolle. Seien es geschlossene Postämter oder andere fehlende Infrastruktur und Ängste vor Entwicklungen, die man nicht unter Kontrolle hat, ein gewisser Teil der Bevölkerung fühlt sich ausgegrenzt und vernachlässigt.

    Missouri, der Swing State im Mittleren Westen ist für die USA in etwa sowas wie das Waldviertel für Österreich. Weiter weg von „denen da oben“ geht nicht. Ein Mikrokosmos, dem sich Martin McDonagh in seinem erst dritten Spielfilm annimmt, genauer gesagt der fiktiven Kleinstadt Ebbing. Hier gehört Rassismus zum Alltag wie am Sonntag der Gang in die Kirche.

    Mildred Hayes (Frances McDormand), die Frau mit den tiefen Augenfalten, dem verbissenen Blick und dem blauen Overall, ist eine, die von ihrer Umgebung als Unruhestifterin gesehen wird. Eines Tages mietet sie drei Werbetafeln (engl.: Billboards) auf der Einfahrtsstraße nach Ebbing. Darauf ist „Raped While Dying“, „Still No Arrests?“ und zuletzt „How come, Chief Willoughby?“ zu lesen. Vor sieben Monaten hat Mildred ihre Tochter verloren. Sie wurde vergewaltigt, ermordet und verbrannt. Vom Täter fehlt jede Spur, was sie Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson) nun ganz plakativ vorwirft. Man kann den Schmerz der Mutter nachvollziehen.

    Der Sheriff, in den USA von der lokalen Bevölkerung gewählt, erfreut sich hoher Beliebtheit. Mildreds Provokation stoßt auf wenig Verständnis. Wer in Willoughby den kratzbürstigen und empathielosen Beamten vermutet, wird bald eines besseren belehrt. Überhaupt spielt der Film mit Erwartungshaltungen und stellt das Publikum durch die Ambivalenz seiner Charaktere auf die Probe. Der Willoughby unterstellte Officer Jason Dixon (Sam Rockwell) ist ein widerlicher Rassist. Hayes ist für ihn ein Feindbild von vielen. Gerade dieser Dixon übernimmt in der zweiten Hälfte des Filmes die nicht einmal so unsympathische tragende Rolle. Kann das sein? Darf das sein? Das Drehbuch zeichnet sich durch unerwartete Brüche aus, die das Publikum auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitnehmen.

    Der Film wirft allerhand Fragen auf. Kann es in so einem Fall etwas wie Gerechtigkeit geben? Hayes macht deutlich, zu welchen Taten ein tiefer Schmerz verleiten kann. Ein Urteil über einen Menschen ist schnell gefällt aber lassen sie sich, wie im Fall der Polizisten, so einfach charakterisieren? Das Recht auf Läuterung kann wohl niemanden vorenthalten werden, reicht es aber aus, einfach einmal die richtigen Entscheidungen zu treffen?

    THREE BILLBOARDS OUSIDE EBBING, MISSOURI ist ein sehr unterhaltsamer Film voll zynischem und derbem Humor. Die Pointen sitzen und im nächsten Moment bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Durch die heiteren Momente vor dem ernsten Hintergrund dieser brutalen Geschichte erlangt der Film eine emotionale Tiefe, die durch eine exzellente Ensembleleistung noch verstärkt wird. Bei den Golden Globes erhielt der Film Preise für den besten Film, das beste Drehbuch (ebenso in Venedig ausgezeichnet) und Darstellerpreise für Frances McDormand und Sam Rockwell. Nun auch noch neun Oscar Nominierungen, darunter die wichtigsten Kategorien. Einer dieser Filme des Jahres.

     

    Martin McDonagh USA 2017 116 Min.  [usr 4]

  • COCO

    COCO

     

    Nachdem in den letzten Jahren alte Stoffe aufgewärmt wurden, schließt Pixar heuer wieder an kreative Erfolge wie „Alles steht Kopf“ an. Nicht genug, dass sich ein US-Film auf liebevolle Weise seinem sonst ungeliebten südlichen Nachbarn nähert, beschehrte Pixar Mexiko gleich den erfolgreichsten Film aller Zeiten.

    „Coco“ ist eine bunte Liebeserklärung an Mexiko und thematisiert den Tag der Toten. Der 12-jährige Miguel möchte unbedingt Musiker werden. In seiner Familie ist Musik aber ein großes Tabu, hatte doch sein Ururgroßvater die Familie der Musik wegen im Stich gelassen. Auf dem Weg, sich seinen großen Traum zu verwirklichen, verschlägt es ihn in das Reich der Toten. Dort trifft er nicht nur auf seine Vorfahren, sondern muss natürlich allerhand turbolente Abenteuer bestehen.

    Das Team um Regisseur Lee Unkrich (Toy Story 3) war um Autentizität bemüht. Der Produktion ging eine lange Recherchephase in Mexiko voraus. Schenkt man den Machern glauben, schlug sich das vor allem in der Verarbeitung traditioneller Musik und einer Darstellung der typischen mexikanischen Lebensweise nieder. Im Grunde dreht sich alles um das generationenübergreifende Zusammenleben der Familie. Dabei sind in Mexiko die Toten immer mitgemeint.

    In der Produktion setzt Pixar abermals Maßstäbe. Jahr für Jahr fragt man sich, wann im Bereich der Animation der Zenit erreicht ist. Bei den Gesichtszügen von Miguels Großeltern wurde auf Realismus gesetzt. Miguels Bewegungsabläufe lassen mitunter vergessen, dass es sich um Pixel handelt. Dazu wurde versucht, die Bewegungsabläufe einer echten Kameraführung zu imitieren.

    Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Unterhaltung auf höchstem Niveau. Trotz der behutsamen Annäherung an das schwierige Thema Tod, erfordert der Film aber unbedingt eine elterliche Begleitung und eine anschließende Auseinandersetzung, da viele Fragen aufgeworfen werden. Bei kleineren Kindern ist darüber hinaus eine kurze Vorbereitung auf die Geschichte ratsam.

    Als Vorfilm läuft „Olaf taut auf“. Ursprünglich von ABC als TV-Weihnachts-Special geplant, kam es nicht nur aufgrund seiner Länge von über 20 Minuten zu eine Kontroverse, die dazu führte, dass der Kurzfilm in Mexiko und den USA aus dem Programm genommen. Dabei ist Olafs Suche nach einer weihnachtlichen Tradition für die Eiskönigin Elsa recht unterhaltsam. Die Pixar-Disney Marketingmaßnahme mit dem Holzhammer, als Vorbereitung für die Frozen Fortsetzung in zwei Jahren, ging allerdings gehörig schief. Rein inhaltlich wird die Botschaft von „Coco“ konterkariert, dass nämlich Traditionen über Generationen in der Familie weitergegeben werden und Kindern einen derartig langen Vorfilm vorzusetzen wurde zurecht als Zumutung empfunden. Speziell gekennzeichnete Vorstellungen ohne den Kurzfilm sollen geplant sein. Wobei es – auch erwachsene – Menschen geben soll, die gerade wegen Olaf, Anna, Elsa & Co ins Kino gehen.

    Ein Tipp: es gibt Vorstellungen in 2D. Vor allem für Kinder ist die gesamte Dauer von über 2 Stunden in 3D zu anstrengend. Zumal der Film dadurch keinen Mehrwert hat.

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    Lee Unkrich | USA 2017 | 105 Min.

  • MUDBOUND

    MUDBOUND

    Zwei Männer schaufeln im strömenden Regen eine Grube in den Schlamm. Ein Grab für den Vater. Einer ersäuft beinahe in dem sich mit Wasser füllenden Loch. Die Bedeutung dieser Szene erschließt sich freilich erst gegen Ende des Filmes. Sechs Jahre zuvor, es ist das Jahr 1939, entschließt sich Henry McAllan (Jason Clark) mit seiner Familie von Memphis nach Mississippi zu übersiedeln. Wohnraum ist teuer in der Stadt, so kauft er sich ein Stück Land. Dort angekommen, muss Henry feststellen, dass er es beim Kauf mit einen Betrüger zu tun hatte. Anstelle in das Haus des Grundbesitzers zu ziehen, muss er mit Frau Laura (Carey Mulligan), Kindern und Vater (Jonathan Banks) mit einer Holzhütte vorlieb nehmen.

    Schon wieder ein Südstaatendrama! „Mudbound“ wählt aber eine neue Perspektive. Die McAllans, allen voran der rassistische Vater Pappy, sind arm. Sie leben und arbeiten im selben Dreck wie die Familie Jackson, die schwarzen Angestellten auf der Plantage und müssen mit den gleichen Unzulänglichkeiten des Lebens zurecht kommen. Sie sind hilflos dem Wetter ausgesetzt. Selbst als starker Regen beider Existenz bedroht, bleiben sie in ihren angestammten Rollen und die hierarchische Struktur aufrecht.

    1941. Die Nachricht vom Kriegseintritt der USA erreicht auch Mississippi. Henrys Bruder Jamie (Garrett Hedlund) und Florence Jackson (Mary J. Blige) Sohn Ronsel (Jason Mitchell) ziehen in den Krieg. Am Ende kehren sie als Kriegshelden zurück. Im Krieg sind alle gleich. In Mississippi ist die Zeit aber stehen geblieben. Rassentrennung und Rassenhass bestimmen das Leben in den Südstaaten. Jamie und Ronsel können sich beide nicht mehr in die für sie rückständige Gesellschaft einfügen. Traumatisiert von den Kriegserlebnissen und mit ihren Problemen alleingelassen, entsteht eine Freundschaft, die es eigentlich nicht geben darf.

    Aus dem Off erzählen gleich fünf Charaktere ihre Sicht der Dinge und ermöglichen, die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Das erinnert Phasenweise an Filme von Terence Malick, ebenso wie die Kameraschwenks über stille Landschaften und die Zeitsprünge in der Handlung. Regisseurin Dee Rees ist ein stimmiger Film in wunderbaren Bildern und satten Farben gelungen, der dem Genre durchaus Neues hinzufügen kann.

    Es ist müßig, wegen jedes neuen Filmes die Vertriebsstrategie von Streaming Diensten zu diskutieren. Netflix wird „Mudbound“ den nötigen Kinostart verschaffen, um den Anforderungen der Oscar Academy gerecht zu werden. „Mudbound“ ist ein großartiger Film und man munkelt, dass durchaus Chancen auf eine Berücksichtigung bestehen. Gut möglich, dass dies ein Oscar-Crasher wird.

    Dee Rees USA 2017 134 Min.

     

  • THE SQUARE

    THE SQUARE

    Ein Ausstellungsraum mit einer Anordnung von Sandhäufchen. Ab und zu streckt ein Besucher den Kopf in den Raum und wendet sich mit Verwunderung wieder ab. In der stillen und andächtigen Atmosphäre wacht eine Museumsaufsicht darüber, dass ja niemand mit dem Smartphone ein Foto macht. In der Nacht fährt eine Reinigungskraft mit der Putzmaschine langsam zwischen den Häufchen hindurch. Wenn man genau hinhört, bemerkt man das leise Geräusch der Steine, die langsam eingesaugt werden.

    Ruben Östlund beweist in seinem neuen Film ein Gespür für subtilen Humor und regt zum Nachdenken an. „The Square“ handelt von Christian (Claes Bang), dem Kurator eines großen Stockholmer Museums. Erfolgreich, smart und gutaussehend verkörpert er den linken Kulturmanager. Stellvertretend für all jene den Weltschmerz in sich aufsaugenden betroffenen Intellektuellen, für die die moderne Kunst ein sozialkritisches Statement abgeben muss. Wie schon in seinem letzten Film „Höhere Gewalt“ beginnt Östlund aber langsam mit einer Demontage, in diesem Fall der Kunstbranche und den Menschen dahinter.

    Der Kunstbetrieb verliert sich in Phrasen, die er selbst nur umständlich erklären kann. Die Publikation zur Ausstellung will erst einmal dechiffriert werden. Es ist eine Entfremdung von der Realität. Zur Kommunikation mit Menschen außerhalb der eigenen Denkmuster ist man nicht in der Lage, die Angst vor den Menschen am Rande der Gesellschaft allgegenwärtig. Politische Korrektheit und falsch verstandene Toleranz verhindert eine Konfliktbewältigung im Alltag. Konflikte mit der Außenwelt sind vielmehr Interventionen im Leben der sogenannten Elite, die hier ein erbärmliches Bild abgibt. Alles läuft in geordneten Bahnen ab, auch der Sex. Das Schwitzen dabei ist unangenehm und die eigene Selbstüberschätzung schürt die Angst vor dem Samenraub.

    Der Zustand der Gesellschaft wird in der zentralen Szene deutlich. Bei einem Galadinner des Museums tritt der muskulöse Performancekünstler Oleg auf (gespielt von US-Stuntman Terry Notary, der als bester Affendarsteller der Welt gilt). Seine animalisch aggressive Art wird der Gesellschaft bald unangenehm. Oleg wird handgreiflich und wütend. An den Tischen senkt man beschämt die Köpfe. Erst als er eine Frau zu Boden zerrt, stürzen sich immer mehr Männer auf ihn. Es ist eine schockierend brutale Szenerie, die Handlungsunfähigkeit der Gäste unangenehm anzusehen.

    Christian gerät beruflich wie privat zwischen die Fronten. Die Werbekampagne zur titelgebenden Installation The Square – einem in den Boden eingelassene leuchtenden Quadrat als moralische Schutzzone vor dem Museum – wird unter seiner Verantwortung zum Fiasko. Genauso sein Privatleben, in dem er einen Jungen fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt. Nach einer gemeinsamen Nacht stellt ihn die Journalistin Anne (Elisabeth Moss) zur Sprache. Christian ist sich aber dessen bewusst, dass ihn seine Machtposition attraktiv macht und blockt jeden Annäherungsversuch ab. Östlund hat viele Ideen in seine überlange Gesellschaftssatire gepackt – vielleicht zu viele.

    Trotzdem bietet „The Square“, der bei den Filmfestspiele von Cannes mit der Goldenen Palme prämiert wurde, ausreichend Diskussionsgrundlage und regt zum Nachdenken an. Er hält dem Bildungsbürgertum den Spiegel vor. Eine unterhaltsame Demontage, die in der Realität viel schmerzvoller sein wird, oder vielmehr bereits ist.

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    Ruben Östlund  SWE/D/F/DEN 2017 142 Min.

  • BLADE RUNNER 2049

    BLADE RUNNER 2049

    7 Versionen gibt es von Ridley Scotts Blade Runner. Von einer Preview Fassung über einen Director‘s Cut (der eigentlich keiner ist) bis hin zum Final Cut, jener Version, mit der Ridley Scott letztendlich zufrieden war. Die Frage, ob Rick Deckard nun ein Replikant ist (so heißen die menschenähnlichen Roboter) oder nicht, stellte sich in aller Deutlichkeit weder in der Vorlage von Philip K. Dick, noch in der ersten Kinofassung. Scott hatte Hinweise erst in spätere Versionen geschnitten, was in der Fangemeinde zu allerhand Spekulationen führte. 

    Auch retrospektiv vermag Blade Runner zu faszinieren. Die Magie der Bilder dieser dem Zeitgeist ensprechenden dystopischen Welt, die tolle Musik von Vangelis und der spannungerzeugenden Finsternis, in der überall Gefahren und schräge Gestalten lauern. Diese Finsternis war auch der begrenzten technischen Machbarkeit geschuldet. Heute ist scheinbar alles möglich, stilisische Verweise aus dem großen Pool der Filmgeschichte sind jederzeit möglich. Alles ist hell. Alles wird gezeigt, weil es gezeigt werden kann. Die Magie liegt heute anderswo. Meist muss man sie lange suchen.

    Blade Runner war innovativ. Neben einer bahnbrechenden Ästhetik, die das SciFi Kino bis heute beeinflußt, hat der Film also auch einen Mythos begründet und auf diesem baut nun die Fortsetzung von Denis Villeneuve auf.

    Es ist tatsächlich eine Fortschreibung der Geschichte. Das Drehbuch verfasste neuerlich Hampton Francher. Das gesamte Team um Villeneuve näherte sich mit Respekt dem Original, bricht aber sofort mit dem visuellen Stil und mit dem Motiv der Hauptfigur. Blade Runner K (Ryan Gosling) ist ein Replikant und befindet sich in einer hellen postapokalyptischen Wüste. Dem wohltuend langsamen Erzählrythmus ist man treu geblieben. Es gibt ein wenig mehr Action Szenen, sie bleiben aber wohl dosiert. Auf den Soundtrack von Vangelis muss man verzichten. Hans Zimmer gelingt es leider nicht, an den prägenden Sound anzuschließen.

    Über den Inhalt sei nicht mehr verraten als ohnehin bekannt ist. K trifft auf den untergetauchten Deckard, abermals gespielt von Harrison Ford. Die zentralen Fragen „Woher komme ich?“ und „Kann ich meinen Erinnerungen trauen?“ durchziehen auch die Fortsetzung. Hologramme sind Bestandteil des Alltags. Ana de Armas als Joi ist das ganz persönliche Hologramm von K und erfüllt es auf erstaunliche Weise mit Leben. Jared Leto ist Niander Wallace, der unheimliche Übervater aller Replikanten, der die Tyrell Corporation übernommen hat. 

    Was bleibt nach über 160 Minuten (damit ist die Fortsetzung gut eine Stunde länger als der Vorgänger)? Man möchte nicht, dass es zu Ende geht und das ist nicht zuletzt den traumhafen Bildern von Kameramann Roger Deakins zu verdanken. Blade Runner 2049 entwickelt diese Sogwirkung, die das Publikum mitreißt und zum Nachdenken anregt. Der Film macht übrigens mehr Freude, wenn man sich vorher nochmals die Geschichte in Erinnerung ruft. Es gibt zahlreiche Verweise an das Original. Villeneuve hat die heikle Mission gut gemeistert. Ihm ist ein würdiger Nachfolger gelungen.

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    Denis Villeneuve USA 2017 164 Min.