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  • DIE UNGLAUBLICHEN 2 | Incredibles 2 ★★★½

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 | Incredibles 2 ★★★½

    Der erste Teil von DIE UNGLAUBLICHEN liegt bereits 14 Jahre zurück. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat Disney das Publikum mit 20 Marvel Superheldenfilmen beglückt. Umso erstaunlicher, dass sich der Konzern mit der Fortsetzung des Animations-Kassenschlagers soviel Zeit gelassen hat. Dass Superhelden trotz des übersättigten Marktes so zu unterhalten vermögen wie Mr. Incredible und seine Familie, ist durchaus bemerkenswert, auch wenn es eben nur eine Fortsetzung ist, die nicht wirklich Neues zu bieten hat.

    Zuvor aber kommt der obligatorische Kurzfilm. BAO erzählt von einem lebendig gewordenem Dim Sum, dass zur Allegorie auf das Erwachsenwerden wird. Das hat mit Sicherheit kein Kind im Saal verstanden. Den Schluss auch so manch Erwachsener nicht, wovon spontane Erklärungsversuche zeugen. Unglaublich ist jedoch, dass hier mittels einer Teigtasche Emotionen erzeugt werden. Hut ab.

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 schließt nahtlos an das Ende von Teil 1 an, in dem der Schurke Tunnelgräber in Metroville sein Unwesen treibt. Jede Rettungsaktion artet in Verwüstungen aus, für die keine Versicherung aufkommen möchte. Daher sind Superhelden illegal. Die Avengers kennen das. Die Parrs, wie sie mit bürgerlichem Namen heißen, leben in einem Motel, die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Daher kommt das Angebot von Winston Deavor, dem Besitzer von DevTech gerade recht, der das Image der Superhelden wieder zurechtrücken möchte. Gemeinsam mit dessen Schwester Evelyn starten sie einen PR Feldzug. Es dauert nicht lange und der nächste Bösewicht betritt die Bühne. Screenslaver nutzt die Abhängigkeit der Menschen von Bildschirmen aus und betreibt für seine Zwecke Massenhypnose.

    Allerdings möchte Deavor, dass Mr. Incredible (Craig T. Nelson/Markus Maria Profitlich) seiner Frau Helen (Holly Hunter/Katrin Fröhlich) alias Elastigirl den Vortritt lässt. Eine Frau könne die öffentliche Meinung eher zu deren Gunsten beeinflussen. Mr. Incredible bleibt widerwillig zu Hause bei den Kindern. DIE UNGLAUBLICHEN 2 spielt mit Geschlechterrollen. Im Kontext der 1960er, in denen die Handlung angesiedelt ist, eine Novität und heute nicht weniger aktuell.

    Natürlich ist Mr. Parr maßlos überfordert. Die Tochter Violet pubertiert und der Sohn Robert ist sowieso ein unberechenbarer Chaot. Der wahre Star des Films ist aber Jack-Jack, das Baby der Familie. Es ist keine große Überraschung, dass es auch bald seine Superkräfte entdeckt – wie schon am Ende von Teil 1 angedeutet – und ganz und gar nicht unter Kontrolle halten kann. Laserblick, beliebige Vervielfachung, Teleportation, Blitze abfeuern, sich in Schwermetall verwandeln und dem nicht genug, im niedlichen Baby schlummert der Höllenhund.

    Beste Voraussetzungen für ein Gag-Feuerwerk, das alt und jung gleichermaßen unterhält. Für die Kleinsten ist auch Spannung garantiert, die interessanterweise gerade an jenen Stellen am größten ist, wo die Handlung am ehesten emotional nachzuvollziehen ist. Sich von einem Hochhaus zu stürzen, kein Problem! Wenn Elastigirl einen dunklen Raum betritt, verkriechen sich die Kinder aber im Kinosessel.

    Musik und Setdesign erinnern an Agentenfilme der 1960er und verpassen dem Film einen Retro-Future-Look. Das neue Haus der Parrs ist wahrlich ein Traum. Bond-Designer Ken Adam lässt grüßen. Lucius Best (Samuel L. Jackson/Ian Olde) alias Frozone schafft beeindruckende animierte Eisberge. Sowohl die Arbeitsabläufe hinter der Kamera als auch das visuelle Ergebnis nähern sich immer mehr Realfilmen.

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 ist ein charmanter und unterhaltsamer Aufguß des bekannten Themas. Kein Geniestreich aber man bekommt die gewohnte Pixar Qualität. Die dritte Fortsetzung wird wohl nicht ganz so lange auf sich warten lassen.

    Brad Bird | USA 2018 | 118 Min | [usr 3,5]

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  • BLACKkKLANSMAN ★★★★

    BLACKkKLANSMAN ★★★★

    In Spike Lees Politsatire bleibt einem schon einmal das Lachen im Halse stecken. Basierend auf den Memoiren „Black Klansman“ von Ron Stallworth erzählt er die unglaubliche aber wahre Gesichte einer absurden Undercoveraktion, einer Infiltration des Ku Klux Klan durch einen schwarzen und einen jüdischen Polizisten. Lee macht kein Geheimnis daraus, was er von Präsident Trump hält. Ganz ungeniert zieht er Parallelen zwischen der aktuellen US-Regierung und dem Ku Klux Klan.

    Ron Stallworth (John David Washington) heuert in den 1970er bei der Polizei von Colorado Springs an und wird deren erster schwarzer Detektive. Zuerst ins Archiv verbannt, wo er laufend rassistischen Anfeindungen seiner Kollegen ausgesetzt ist, wird er auf seinen Wunsch hin bald zu den verdeckten Ermittlern versetzt. Dort soll er sich sogleich in die schwarze Studentenbewegung einschleusen und an einer Kundgebung des ehemaligen Black Panther Aktivisten Kwame Ture (Corey Hawkins) teilnehmen. Dort weckt die Präsidentin der Bewegung Patrice Dumas (Laura Harrier) sein Interesse. Die scheinbare Gewaltbereitschaft der StudentInnen lässt bei der Polizei die Alarmglocken schrillen. Stallworth versucht zu kalmieren. Dass es sich hierbei um linke AktivistInnen handelt, verbessert die Lage nicht.

    „What would you do if someone called you a nigger?“

    „That would happen?“

    Stallworth beim Bewerbungsgespräch.

    Stallworth ruft eines Tages auf eine Annonce hin prompt beim Ku Klux Klan an und gibt sich am Telefon zum Erstaunen seiner Kollegen als handfester Rassist aus. Das Interesse des KIans ist schnell geweckt. Aus offensichtlichen Gründen kann Stallworth jedoch nicht selbst an den Treffen teilnehmen und schickt seinen jüdischen Kollegen Flip Zimmerman (Adam Driver) vor. Schon ist eine schräge Undercoveroperation im Gange. An deren Ende hält Stallworth voll Stolz einen Mitgliedsausweis des Klans in seinen Händen.

    Stallworth gelingt es sogar mit dem Großmeister David Duke (Toper Grace) persönlich Kontakt aufzunehmen. Als Antisemit, Holocaustleugner und Nazi genießt Duke in den Staaten bis heute einen zweifelhaften Ruf. An einer Stelle lässt Lee ihn den Trinkspruch „America First“ ausgeben. Der Ausspruch wurde tatsächlich bereits 1920 vom KKK verwendet. Erfunden wurde er dort aber nicht. Vielmehr wurde er zu unterschiedlichen Zeiten von allen Lagern gebraucht.

    Höhepunkt von BlacKkKlansman ist eine Parallelmontage einer Messe des Klans und einer Gedenkveranstaltung der Studentenbewegung. Während der KKK grölend einer Vorstellung des rassistischen Porpagandafilms Birth of a Nation (D. W. Griffith, 1915) beiwohnt, erzählt Zeitzeuge Jerome Turner, gespielt vom großartigen Harry Belafonte, detailiert vom grausamen Lynchmord an Jesse Washington im Jahr 1916. Gerade jenen Mann diese Worte sprechen zu lassen, einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung, ist eine große und eindringliche Geste von Lee.

    Auf der Ebene des Kriminalfilms entwickelt sich im Laufe der Handlung ein Wettlauf gegen die Zeit. Die zwei Polizisten drohen aufzufliegen. Vor allem der misstrauische Felix (Jasper Pääkkönen) stellt eine latente Gefahr da. Das ermöglicht Lee die Spannung über zwei Stunden zu halten und so eine Fülle an Botschaften einzuarbeiten, wie auch einen Pre-Credits Kurzfilm, Anspielungen auf Blaxploitation, Filmausschnitte und Plakate.

    Die Parallelen zu heutigen Rechtsextremen überall auf der Welt sind offensichtlich. Absurd anmutendes Gedankengut tumber Männer gepaart mit einem konservativen Weltbild. Die Religionszugehörigkeit wird hochgehalten, ist aber nicht mehr als ein Versatzstück um sich von allen anderen abgrenzen zu können. Der Vorwurf mangelnder Differenzierung trifft im Kontext von KKK und Lee kaum zu. Es geht nicht darum, Verständnis zu erzeugen. Der KKK ist eine gewaltbereite kriminelle Organisation. Frauen gehören hier hinter den Herd. Einzig dann, wenn es darum geht, eine Bombe zu platzieren, ist Felix‘ Ehefrau Conny (Ashlie Atkinson) gefordert, die Abends im Bett mit ihrem Mann in rassistischen Gewaltfantasien schwelgt. Innerhalb der Bürgerrechtsbewegung wiederum kämpfen Frauen auf allen Ebenen an erster Front.

    Lee liebt seine Darsteller. Die Kamera umgart Washington, der in seiner Rolle überzeugt. Noch ambivalenter ist Drivers Charakter, der trotz weißer Hautfarbe nicht in das Bild der weißen Herrenmenschen passt und sich auf spiritueller Ebene selbst verleugnen muss um in der „Organisation“, wie sie sich selbst nennt, aufgenommen zu werden.

    Das erst im Schnitt von Spike Lee angefügte Ende entlässt das Publikum eben nicht mit der Auffassung, es handle sich hierbei um einen historischen Film, sondern holt es ins hier und jetzt zurück. Der Schock sitzt tief. Jene, an die Lee seine Botschaft adressiert, wird er wohl kaum ins Kino locken. Diskursive Auseinandersetzungen finden aber ohnehin ausserhalb des Kinosaales statt.

    Spike Lee erhielt bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes den Preis der Jury. Premiere in den USA war am ersten Jahrestag der rassistisch motivierten Unruhen in Charlottesville.

    Spike Lee | USA 2018 | 135 Min | [usr 4]

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  • ISLE OF DOGS ★★★★

    ISLE OF DOGS ★★★★

    Einmal mehr erinnert eine parabelhafte Erzählung daran, wie leicht eine moderne fortschrittliche Gesellschaft in den Totalitarismus abrutschen kann. Feindbilder werden geschaffen um vom eigenen Unvermögen abzulenken, sich nicht den wahren Herausforderungen des Zusammenlebens stellen zu können. In Wes Andersons zweitem Stop-Motion-Trickfilm geht es den Hunden einer Megastadt im Japan der nahen Zukunft an den Kragen. Ein politischer Trickfilm für Groß und Klein.

    Die Hundegrippe breitet sich unter den treuesten Freunden des Menschen aus. Der korrupte Bürgermeister Kobayashi von Megasaki City verbannt die Hunde kurzerhand auf Trash Island, eine riesige Mülldeponie in der Bucht vor der Stadt. Spot, der Hund seines Ziehsohnes Atari wird als erster deportiert. Ein paar Monate später, die Insel ist in der Zwischenzeit von verwahrlosten Hunden bevölkert, macht sich Atari auf die Suche nach seinem geliebten Gefährten. Dabei trifft er auf ein Rudel Mischlingshunde (gesprochen von Andersons All-Star Cast), die ihn auf seiner Reise begleiten.

    Trotz Kommunikationsproblemen. Während das Bellen der Hunde zum besseren Verständnis (so steht es im Vorspann) ins Englische übersetzt wurde, spricht Atari Japanisch. Atari weiß noch nicht, dass seine Reise weitreichende Konsequenzen mit sich bringen wird. Als die Öffentlichkeit in der Stadt von Ataris Vorhaben erfährt, formiert sich Widerstand gegen das Regime.

    Die Insel selbst gleicht einem Internierungslager: hinter Zäunen türmen sich graue Müllberge auf, überall verwahrloste und halbverhungerte Hunde. Diese an sich düstere Welt wird durch den zum Markenzeichen von Anderson gewordenen visuellen Stil und seinem schrulligen Humor konterkariert. Wie gewohnt sind die an Tableau vivants erinnernden Bilder bis ins kleinste Detail durchkomponiert. Es sind die Detailverliebtheit und die große Empathie, die Anderson für seine Charaktere aufbringt, die seine Arbeiten zu einem Genuss werden lassen. 144.000 Standbilder waren notwendig, um den Film mit einer Laufzeit von rund 100 Minuten fertigzustellen. Die längste Einstellung dauert 80 Sekunden und dafür wurden 15 Wochen Arbeit aufgewendet. Stop-Motion ist immer mit Superlativen verbunden.

    Die Entscheidung, die Geschichte in Japan spielen zu lassen, hat Anderson einiges an Kritik eingebracht. Seine Sichtweise sei von Stereotypen geprägt und gerade die historische Perspektive des Verhältnisses von USA und Japan eine sensible Angelegenheit. Mag sein, dass in seiner Darstellung des japanischen Archipels wenig Platz für eine differenzierte Betrachtungsweise ist. Das Anderson-Universum war aber immer ein märchenhaftes, wie zuletzt die Republik Zubrowka, irgendwo südlich des  Sudetenwaldes in The Grand Budapest Hotel (2014).

    Ein schwermütiger Trommelrhytmus durchdringt den gesamten Film und bleibt auch danach im Gedächtnis. Alexandre Desplats Soundtrack ist eindringlich, bedrohlich und witzig zugleich. Egal was dieses Jahr noch bringen wird, bei den Oscars 2019 werden die Trommler wieder zu hören sein.

    Während durch Spektakelfilme anderswo Ressourcen verschwendet werden, konzentriert Wes Anderson kreative Kräfte um seinen unverwechselbaren Stil zu schaffen. Isle of Dogs hat zu Recht als erster Animationsfilm die diesjährige Berlinale eröffnet. Eine Ode an Freundschaft und Toleranz.

     

    Wes Anderson | USA/D 2018 | 101 Min | [usr 4]

    © Fotos 20th Century Fox

  • LADY BIRD ★★★★

    LADY BIRD ★★★★

    Christine McPherson (Saoirse Ronan) möchte dorthin, wo das kulturelle Leben ist und Schriftsteller im Wald leben. Also weit weg von ihrer Heimatstadt Sacramento, die sie so sehr hasst. Am liebsten gleich an die Ostküste. Im letzten Jahr auf der katholischen Highschool steht sie mit ihren 17 Jahren kurz vor einem neuen Lebensabschnitt.

    „Its my given name. It’s given to me by me.“

    Es ist das Jahr 2002 und die USA befinden sich in der 9/11 Schockstarre. Die Kirchen sind voll. Es wird viel gebetet. Das Leben findet zwischen Wohnzimmer, Schule und Supermarkt statt. Christine nennt sich selbst Lady Bird, sieht sich als Fremdkörper in ihrer Umgebung und hält sich für etwas besonders. Ihre Begabungen wurden nur eben noch nicht entdeckt. Traum und Wirklichkeit klaffen auseinander und schaffen Reibungspunkte mit den Vorstellungen und Lebensrealitäten der Mutter Marion (Laurie Metcalf). Die Familie befindet sich in einer kritischen finanziellen Situation. Das führt zu Spannungen. Die Mutter-Tochter Beziehung steht im Zentrum von „Lady Bird“, Greta Gerwigs sensationellem Solo-Regie-Debut, zu dem sie auch das Drehbuch verfasst hat.

    Die Gefühlswelt wird durch die erste große Liebe durcheinandergebracht. Noch dazu kommt Danny (Lucas Hedges) aus besseren Verhältnissen. Als Lady Bird Thanksgiving mit ihm verbringt, ist ihre Mutter verletzt. Für sie ist es nicht nur Verrat sondern auch die Ohnmacht, ihrer Tochter kein besseres Leben zu ermöglichen. Ihre Tochter möchte aber einfach nur raus aus ihrer Welt.

    Digitale Unschuld

    In den Nullerjahren waren Smartphones und WLAN nur eine Idee am Horizont. Zu Hause gab es wenn überhaupt einen Computer. In einer Szene surft Lady Bird im Internet und der Rest der Familie schaut ihr dabei über die Schulter. Weil das Gerät im Zimmer des Bruders steht, gibt es eine Computer „shut off time“. Eine für heute unvorstellbare Situation. Dabei sind gerade einmal 15 Jahre vergangen. Auch das ist „Lady Bird“: Das Portrait einer bestimmten Zeit und der letzten Generation, die ohne Social Media und Co. aufgewachsen ist.

    Gerwig bringt diese Zeit und die Konflikte von Jugendlichen ungeschminkt und authentisch auf die Leinwand. Sie ist humorvoll, ohne sich über die Charaktere lustig zu machen. Darin liegt der große Erfolg ihrer Arbeit. Lady Bird ist nicht immer sympathisch aber in ihrer Natürlichkeit eben glaubwürdig.

    Der Vater (Tracy Letts), arbeitslos, ist die tragische Figur, die für die selbe Stelle vorspricht wie sein eigener Sohn. Die gute Seele, nur zu sagen hat er in der Familie nichts mehr. Die ganze Verantwortung liegt bei seiner arbeitenden Frau.

    Ob Liebeskummer oder Abschlussball, „Lady Bird“ erzählt von einer Lebensphase, in der die Tragik im Moment liegt und die Zukunft reinste Träumereien sind. Das bedeutet aber nicht, dass das Leben eine unendliche Warteliste ist und sie nicht doch wahr werden.

    Bei den Oscars erhielt der Film Nominierungen in allen 5 Hauptkategorien.

     

    Greta Gerwig | USA 2017 | 93 Min | [usr 4]

    © Foto: Universal Pictures

  • LOVELESS / NELYUBOV ★★★★

    LOVELESS / NELYUBOV ★★★★

    Aljoscha (Matwei Nowikow) versteckt sich hinter der Wohnzimmertür und stößt einen stummen Schrei aus. Tränen rinnen ihm über das Gesicht. Der Bub musste gerade einen Streit zwischen seinen kurz vor der Scheidung stehenden Eltern mitanhören. Als wäre das nicht schon schlimm genug, muss er erfahren, dass sie ihn beide nicht wollen. Vielmehr erfährt man über Aljoscha nicht. Bald darauf ist er verschwunden.

    Un-Liebe

    Zhenya (Mrjana Spiwak) hat bereits einen neuen Freund. Ihr Mann Boris (Alexei Rosin) hat ebenso eine neue, hochschwangere Freundin. „Loveless“ beginnt da, wo eigentlich alles zu Ende ist. Das kann auch ein Neuanfang sein. Zumindest aus Sicht des Publikums scheint das nicht möglich zu sein, so sehr wie die beiden von Kälte und Hass zerfressen sind. Aljoscha war kein Wunschkind und ein Kompromis wie die ganze Beziehung. Beide Eltern haben mit ihrem gemeinsamen Leben abgeschlossen. Nichts zeugt von einer vergangenen Zweisamkeit. Der Originaltitel „Njeljubow“ bedeutet eigentlich Un-Liebe.

    Dann ist der Sohn auf einmal Weg und keiner bemerkt es. Erst die Lehrerin, nachdem Aljoscha den zweiten Tag hintereinander nicht in der Schule erscheint. Nicht einmal dann sind Zhenya und Boris dazu in der Lage, für einen Moment zusammen zu finden. Es ist eine Atmosphäre der Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit, die Regisseur Andrei Swjaginzew in kühlen blaustichigen Bildern erzeugt. Die Polizei interessiert sich nicht weiter für den Fall. So engangieren die Eltern einen professionellen Suchtrupp aus freiwilligen Helfern. Der Film schildert die folgende Suchaktion am Rande Moskaus mit pathologischer Genauigkeit.

    Entfremdung von Staat und Gesellschaft

    Die Mutter gibt sich ganz der materiellen Welt hin. Mit dem Handy in der Hand ist ihre reale Umgebung schlicht nicht existent. Zhenyas Empathielosigkeit erklärt sich, als sie mit den Helfern ihrer Mutter einen Besuch abstatten. Auch sie ist ein ungewolltes Kind und ihre tief gläubige Mutter hat nichts als Grausamkeiten für sie übrig. Liebe hat sie von ihr nie erfahren. Boris‘ Chef ist ein Ultrakonservativer, der von seinen Mitarbeitern das russische Ideal einer aufrechten Ehe mit Kindern verlangt. Die Scheidung muss er verheimlichen und für eine neues Kind mit seiner Freundin bleibt nicht viel Zeit.

    „Loveless“ ist nicht nur eine verstörende Charakterstudie. Das Russland, das hier gezeigt wird, ist vom von der Orthodoxie aufoktroyierten Konservatismus durchzogen und interessiert sich abseits der Normvorstellungen für seine Bürger wenig. Die ständigen Fernsehnachrichten zeugen viel mehr vom Interesse der territorialen Expansion und verbreiten patriotische Parolen. Es sind zermürbende zwei Stunden und der Film entlässt die Zuseher entsprechend niedergeschlagen. Swjaginzew ist neuerlich ein Meisterwerk geglückt.

    Andrei Swjaginzew | RUS/F/BEL/D 2017 | 127 Min. | [usr 4]

    Foto: © Polyfilm

  • I, TONYA

    I, TONYA

    1994 wurde die Eiskunstläuferin Tonya Harding mit einem Schlag so berühmt wie Bill Clinton. Wobei selbst ausgeführt hat sie ihn nicht, den Schlag auf das Knie ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan. Dafür sorgten ein paar zwielichtige Typen, die ihr Mann Jeff Gillooly beauftragt hatte. Oder wussten doch beide nichts davon? Bei der Recherche stieß Drehbuchautor Steven Rogers auf widersprüchliche Aussagen über die Ereignisse im Vorfeld der Olympischen Spiele, die damals um die Welt gingen.

    Das ist mit ein Grund warum „I, Tonya“ zwar auf wahren Begebenheiten beruht, sich selbst wegen der haarsträubenden Geschehnisse jedoch nicht all zu ernst nimmt und eine Mockumentary geworden ist. Die Geschichte beginnt in früher Kindheit, als Harding (Margot Robbie) von ihrer exzentrischen und kettenrauchenden Mutter LaVona Golden (Alison Janney) aufs Eis geschoben wird. Die echte Golden bestreitet Gewalttätigkeiten gegenüber ihrer Tochter. Ebenso wie ihr Mann Jeff (Sebastian Stan), von dem sie ebenso behauptet, geschlagen geworden zu sein. Immerhin hat er später einmal auf sie geschossen. Zumindest das scheint verbrieft zu sein. Die Protagonisten wenden sich in Interviews direkt in die Kamera und bald wird klar, dass hier irgendetwas nicht stimmen kann. Tonya und Jeff erzählen ziemlich unterschiedliche Versionen der Geschichte, die an skurrilen Typen nicht arm ist.

    So unbeholfen und dümmlich wie sich Jeff und die Schläger geben, zweifelt man stark am Wahrheitsgehalt der Erzählung. Es sind aber gerade die absurdesten Details, die den Tatsachen entsprechen. So lief einer der Täter tatsächlich auf der Flucht gegen eine Glastüre. Beste Grundlagen also für eine groteske schwarze Komödie.

    Gebracht hatte das alles nichts. Kerrigan gewann Silber und Harding belegte nur den siebten Platz. Der Aufstieg und Fall der Tonya Harding erregte eine enorme mediale Aufmerksamkeit. Harding war die erste Frau, die einen dreifachen Axel stand, das ist ein Sprung mit einer 1260° Drehung. Eine vielversprechende Zukunft schien ihr bevor zu stehen. Bis 2017 bestritt Harding, von den Plänen ihres Mannes etwas gewusst zu haben. Von allen Eiskunstlaufmeisterschaften wurde sie aber schon unmittelbar nach dem Attentat gesperrt. Immerhin hatte sie mehr als die von Andy Warhols propagierten 15 Minuten Ruhm.

    „I, Tonya“ ist auch ein Portrait der abwertend „white trash“ genannten Unterschicht. Sie wird allen voran grandios verkörpert von der Oscar-prämierten Alison Janney. Der Film ist durchwegs unterhaltsam und die ironische Herangehensweise verhindert, dass die Protagonisten bloß gestellt werden. Die Gewalttätigkeiten gegen die Hauptfigur, so sie derart stattgefunden haben, werden andererseits verharmlost, was gerade in Zeiten von #metoo doch überrascht.

    Craig Gillespie | USA 2017 | 120. Min | [usr 3.0]

    Foto: © ThimFilm

     

  • THE FLORIDA PROJECT

    THE FLORIDA PROJECT

    Wenn die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) mit ihren Freunden nahe dem Abwasserkanal spielt und ein paar Meter weiter Helikopter im Minutentakt zu Rundflügen abheben, prallen zwei Welten auf einander. Der Lärm der Rotoren ist nicht zu überhören, doch Regisseur Sean Baker inszeniert das Schauspiel geradezu beiläufig. Das Publikum ist sich der Umstände bewusst, die Kinder nehmen es aber nicht weiter wahr. Der einzige Weg, den sie zurücklegen, ist der zum nächsten Eis Kiosk. Dass sie um Geld betteln müssen, um sich eine Kugel leisten zu können, ist ein Spiel für sie. Moonee und ihre Freunde gehen nicht zur Schule. Sie wissen nicht, dass sie arm sind.

    Mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) lebt Moonee im Magic Castle Inn & Suites in Orlando, Florida. Wie viele andere können sie es sich nicht leisten, in einer eigenen Wohnung zu leben und dass obwohl ein Zimmer gut 1.000 $ im Monat kostet. Es ist aber einfacher für sie, das nötige Geld Woche für Woche zusammen zu sammeln. Außerdem drückt der Manager Bobby (Willem Dafoe) schon mal eine Auge zu, wenn es sich nicht rechtzeitig ausgeht.

    Sean Baker nimmt sich neuerlich einer Bevölkerungsgruppe an, der sonst nicht viel Beachtung geschenkt wird, weder auf der Leinwand, noch in der Realität. Es sind Familien, die versuchen ein möglichst alltägliches Leben zu führen. Nur viel zu tun haben sie nicht. Ohne festen Wohnsitz ist es noch schwieriger eine Arbeit zu finden. Ein Job im Fastfood Restaurant, Parfums auf den Parkplätzen der naheliegenden Golfresorts zu verkaufen oder sich zu prostituieren gehören zu den wenigen Einnahmemöglichkeiten. Eine triste Situation. „The Florida Project“ wird aber aus der Perspektive der Kinder erzählt und für sie ist die Welt in Ordnung und die Nachbarschaft ein Abenteuerspielplatz. Eine Weile geht das auch gut.

    Bobby, der Manager des Motels, hetzt von einem Ende zum anderen, um die Gäste zufrieden zu stellen. Er ist die gute Seele der Anlage und ein Schutzengel für die vielen Kinder. Er weiß genau um die Lebensumstände der Menschen hier und schützt sie vor den Augen des Motelbesitzers. Willem Dafoe spielt ihn mit viel Herz. Eine seiner größten Rollen.

    Der ständige Kampf ums Überleben steht im krassen Gegensatz zu den Pastellfarben, in die der Film getaucht ist und der geradezu märchenhaften Fürsorglichkeit der Eltern. Von oben scheint die Sonne erbarmungslos vom immer blauen Himmel. Nichts entgeht ihr. Nicht die Drogensucht, nicht die Prostitution und nicht die Behörde, die an die Tür klopft. Der Staat vernachlässigt die Menschen, fordert aber gleichzeitig ihre Pflichten ein.

    Das vier Freizeitparks umfassende Walt Disney World Resort ist nur wenige Kilometer entfernt. Der Filmtitel bezieht sich auf dessen Arbeitstitel aus den 1960er Jahren. Das Magic Kingdom ist Sehnsuchtsort der Kinder. In ihrer naiven Sichtweise ist es das Paradies auf Erden und das Schloss von Cinderella Rettung in der Not.

    „The Florida Project“ ist ein Hybirdfilm. Laien und reale Gäste des Motels spielen neben Schauspielern. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Das funktioniert erstaunlich gut. Die Unterscheidung fällt da nicht immer leicht. Die Kinder sind allesamt großartig. Bakers Film rettet Menschen vor dem Vergessenwerden, die in der Öffentlichkeit keine Stimme haben, von denen viele nicht einmal wissen, dass sie existieren. Ein beeindruckendes Portrait von Menschen am Rande der Gesellschaft.

    Sean Baker | USA 2017 | 111 Min. | [usr 4]

    © Foto: Thimfilm

  • MOLLY’S GAME

    MOLLY’S GAME

    „I‚m the anti-wife.“, sagt der ehemalige US-Skistar Molly Bloom (Jessica Chastain) einmal. Schon auf der Piste ist der Körper ihr Kapital aber auch nachdem sie ihre Karriere wegen eines Unfalls beenden musste, weiß sie ihn geschickt einzusetzen. Neben Ehrgeiz, den sie von ihrem Vater und Trainer (Kevin Costner) geerbt hat, ist es ihr Scharfsinn, den sie unter ihrem Äußeren versteckt, das wie ein Schutzmantel funktioniert. Die Männer glauben, sie für ihre Interessen ausnutzen zu können aber in Wahrheit ist es umgekehrt. Bloom hat alles unter Kontrolle. Sie nutzt die Schwächen der anderen, ohne dass sie es bemerken. Eine clevere Art der Machtausübung. Doch letztlich geht es Bloom nur ums Überleben.

    Ein Zweig ändert das Leben von Molly Bloom. Um die Sicht bei der Freestyle-Abfahrt zu verbessern, werden Zweige auf der Piste verstreut. Ein vereistes Stück Holz öffnet ihre Bindung. Der Sturz ist schwer, die Karriere beendet. Das alles erklärt Regisseur und Drehbuchautor Aaron Sorkin, auch mittels etwas überfordernden grafischen Einblendungen, mit einer Rasanz, dass man sich im Kinosessel förmlich festhalten möchte. Per Zufall steigt Bloom in das Pokergeschäft ein. Erst als Buchhalterin und schon bald organisiert sie eigene Pokerrunden in den besten Hotels. „Molly’s Game“ hält das hohe Tempo. Bloom selbst erzählt ihre Geschichte mittels Voiceover. Eine Herausforderung an das Publikum, dem keine Verschnaufpause gegönnt wird. Es ist eine unglaubliche Geschichte und sie ist wahr. Bloom hat ein Buch darüber geschrieben: „Molly’s Game: The True Story of the 26-Year-Old Woman Behind the Most Exclusive, High-Stakes Underground Poker Game in the World“. Der Titel ist keine Übertreibung.

    Molly Bloom und die Russen.

    Die Pokerspieler legen immer höhere Summen auf den Tisch. Blooms Einsatz bleibt aber ihr charmantes Auftreten. Sie passt ihr Aussehen ihrer Klientel an. Den ganzen Film über sieht man sie stets elegant aber mit tiefem Ausschnitt. Selbst Kritikerinnen mokieren, Sorkin sei zu sehr in Chastains Dekolleté verliebt. Doch genau darum geht es. Blooms Auftreten ist strategisches Kalkül. Was im Film ganz offensichtlich ist, ruft beim Publikum jedoch ein zweites Mal die selbe Reaktion hervor. Man reduziert sie auf ihr Aussehen. Sorkin und seine Kamerafrau Charlotte Christensen halten nicht nur dem männlichen Publikum den Spiegel vor.

     

    Idris Elba als Charley Jaffey.

     

    Doch dann wird Bloom einmal selbst zum Einsatz. Sie führt Buch und achtet darauf, dass sie sich nichts zu Schulden kommen lässt. Als die Einsätze immer höher werden und längst Hollywoodstars am Tisch sitzen wird die Russenmafia auf sie aufmerksam. Was wiederum das FBI auf den Plan ruft. Bloom wird zum Spielball der Justiz. Nach anfänglicher Skepsis nimmt sich Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) ihrem Fall an. Auch er lässt sich von Blooms Erscheinung täuschen, deren gesamtes Vermögen vom FBI beschlagnahmt wurde.

     

    Jessica Chastain hat lange gezögert, die Rolle anzunehmen. Das Frauenbild im Kino ist ihr ein großes Anliegen. Sorkins Zugang hat sie letztlich überzeugt. Bloom ist eine harte Geschäftsfrau, die sich den Respekt in der männerdominerten Pokerszene erst erkämpfen muss. Im Kontext der aktuellen Missbrauchsvorwürfe gewann der Film zusätzlich an Aktualität. „Molly’s Game“ ist ein hochspannender Thriller über Geschlechterverhältnisse geworden, erzählt aus der Sicht einer Frau.

    Eine einsame Oscar Nominierung hat Aaron Sorkin für das Drehbuch seines Regieerstlings bekommen.

    Aaron Sorkin | USA 2017 | 140 Min. | [usr 4]

    © Fotos: Constantin Film

  • CALL ME BY YOUR NAME ★★★½

    CALL ME BY YOUR NAME ★★★½

    „Lovin’ you is easy ’cause you’re beautiful“ – keine Angst, das ist nicht zu hören aber die zwei Burschen, die hier eines schwülen Sommers Anfang der Achtzigerjahre in der norditalienischen Provinz aufeinandertreffen, sind zum dahinschmelzen.

    Der 17-jährige Elio (Timothèe Chalamet) verbringt die Ferien mit den Eltern in deren Landhaus. Der Vater (Michael Stuhlbarg) ist Archäologe und die Mutter (Amira Casar) Übersetzerin. In der Vorzeigefamilie wird Englisch, Französisch und Italienisch gesprochen und Elio hat nicht viel mehr zu tun als Bücher zu lesen und sich auf Liebschaften mit italienischen Mädchen einzulassen. Als eines Tages ein amerikanischer Student bei ihnen einzieht, um den Vater bei der Arbeit zu unterstützen, wird Elios Welt auf den Kopf gestellt.

    Anfangs ist Elio von Oliver (Armie Hammer) genervt. Er muss ihm sein Zimmer überlassend und findet ihn einfach nur überheblich. Doch bald kommen sich die beiden näher und beginnen ein heimliches Liebesabenteuer. Es ist für Elio der Sommer der ersten großen Liebe.

    Das Drehbuch von Regisseur Luca Guadagnino und James Ivory lässt sich viel Zeit für diese zuerst zaghafte und dann umso leidenschaftlichere und herzzereißende Liebe. Die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit mit der Homosexualität heute im Kino gezeigt werden kann und inmitten von Kriegsfilmen und anderen Dramen ihren Platz gefunden hat, ist eine große gesellschaftliche Errungenschaft. „Call me by your Name“ ist eine Liebeserklärung an die Jugend und das Leben, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Lediglich Automodelle oder hin und wieder modische Eskapaden verweisen auf die frühen Achtziger.

    Atmosphäre, Lebensgefühl und zwischenmenschliche Beziehungen aus einer humanistischen Betrachtungsweise heraus sind die zentralen Themen. Die träge machende Hitze ist aber zeitweise auch im Kinosaal zu spüren. Bei einer Laufzeit von über zwei Stunden mäandert die Handlung vor sich hin.

    Das Herzstück dieser coming-of-age Geschichte, oder besser gleich zwei, hat man sich aber für den Schluss aufgehoben. Wenn der Vater Elio gesteht, von seiner Liebschaft gewusst zu haben und ihm einen Vortrag über das Leben hält, zeugt das von einer von Respekt geprägten Beziehung, die das Publikum tief berührt. In der letzten Einstellung, während der Abspann bereits läuft, blickt Elio nachdenklich minutenlang in die Kamera bis ihm die Tränen über das Gesicht fließen. Der gesamte Schmerz einer Liebe in einem Moment.

    Einzig etwas verwunderlich ist der Umstand, dass HIV kein Thema ist und dass gerade in einer so aufgeklärten und weltoffenen Familie. Die Zahl der Neuinfektionen stand gegen Mitte der Achtzigerjahre kurz vor ihrem Höhepunkt. Therapien wie heute lagen noch in weiter Ferne. Ob ein Film, der das vollständig ausklammert, vor zehn oder zwanzig Jahren möglich gewesen wäre?

    Bei den Oscars hat „Call me by your name“ als europäischster Film seit langem seinen Platz unter den Nominierten für den Besten Film gefunden. Timothèe Chalamet ist jetzt schon zumindest der Sieger der Herzen und für einen Drehbuch Oscar stehen die Chancen sogar ganz gut.

    An der Fortsetzung wird gerade gearbeitet und geht es nach Guadagnino, könnte Elio in die Fußstapfen von Francois Truffauts Alterego Antoine Doinel treten. Wie die literarische Vorlage von André Aciman soll die Fortsetzung etwa 15 Jahre nach der ersten Begegnung spielen.

    Luca Guadagnino | IT/FR/USA/BRA 2017 | 133 Min. | [usr 3.5]

    © Foto: Sony Pictures Filmverleih

  • THE POST / Die Verlegerin

    THE POST / Die Verlegerin

    Als 1971 ein Hippiemädchen mit einem Schuhkarton in der Hand zwischen den Schreibtischen der Redaktion von „The Washington Post“ herumirrt, schenkt ihr kaum jemand Beachtung. Heute, in Zeiten eines „USA PATRIOT Act“ eine undenkbare Situation. Es war auch ein Anschlag der ganz anderen Art, den diese Schachtel auf die Regierung der USA verübt hat.

    Im Karton war ein Teil der „Pentagon Papiere“, eine geheime Studie, die der damalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara fünf Jahre zuvor in Auftrag gegeben hatte. Darin werden auf über 7.000 Seiten die Beziehungen der USA gegenüber Vietnam ausgeführt. Brisant war nicht zuletzt das Detail, den Krieg nicht mehr gewinnen zu können. Durch den Whistleblower Daniel Ellsberg gelangten die Papiere an die Öffentlichkeit. Zuerst konnte die US-Regierung eine Veröffentlichung in „The New York Times“ per Gerichtsbeschluss verhindern. In Folge gelangten die Dokumente an die „Post“ und deren Herausgeberin Katharine Graham entschied sich in letzter Sekunde für den Druck.

    Die „Post“ stand kurz vor dem Börsegang und war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als eine Regionalzeitung. Katharine Graham (Meryl Streep) musste die Zeitung nach dem Tod ihres Mannes übernehmen und stand unter dem ständigen Druck des Vorstandes. Eine reine Männerrunde, die an ihren Fähigkeiten zweifelte. Sowohl Graham als auch ihr Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) pflegten enge Kontakte zur politischen Elite. McNamara (Bruce Greenwood) war ein persönlicher Freund Grahams. Sie riskierten mit der Veröffentlichung den finanziellen Bankrott und eine Gefängnisstrafe. Der Oberste Gerichtshof entschied im Nachhinein jedoch im Sinne des 1. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten:

    1. Amendment

    Freedom of Religion, Speech, and the Press

    Congress shall make no law respecting an establishment of religion or prohibiting the free exercisethereof, or abridging the freedom of speech or of the press, or the right of the people peaceably to assemble and to petition the government for a redress of grievances.

    Der türkische Journalist und ehemalige Herausgeber der „Cumhuriyet“ Can Dündar, sieht in den „Pentagon Papieren“ eindeutige Parallelen zu seinem Bericht über illegale Waffenlieferungen der Türkei nach Syrien. Allerdings kann man in der Türkei nicht mehr von einer unabhängigen Justiz sprechen. Dündar kam ins Gefängnis. Ob in den USA oder in Österreich, vielerorts wird versucht, die Presse zu diskreditieren. Whistleblower Daniel Ellsberg ist sich nicht mehr so sicher, ob der Supreme Court heute gleich entscheiden würde. Donald Trump setzt immer wieder gezielte Attacken gegen die Presse. „The Post“ ist der Film der Stunde. Steven Spielberg erhielt das Drehbuch gerade erst vor einem Jahr im Februar 2017 und unterbrach sofort die Arbeiten an seinem nächsten Film. Ein paar Tage später waren Streep und Hanks mit an Bord und Ende Mai begannen die Dreharbeiten. Für Spielberg war klar, dass dieser Film, an dessen Beginn eine Lüge der US-Regierung steht, so schnell wie möglich auf die Leinwand musste.

    Im Kino bekommt man nun von der Druckerschwärze fast schwarze Finger. „The Post“ ist atmosphärisch dicht, stimmig und schön anzusehen. Streep und Hanks geben ein geniales Duo ab. Spielberg erzählt gewohnt routiniert und spannend von der Bedeutung der Wahrheit und Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Schon im Kinosaal hat man das Gefühl einen Klassiker zu sehen. Es ist ein Film der sich nostalgisch gibt, jedoch eine ganz klare und hochaktuelle Botschaft vermitteln möchte. Eine starke Zivilgesellschaft kann der Willkür von Regierungen Einhalt gebieten. Grundvoraussetzungen dafür sind Pressefreiheit und ein unabhängiges Justizwesen.

    Bleibt zu hoffen, dass es noch viele Grahams und Bradlees gibt, die nichts über ihre Ideale stellen und sich nicht selbst zensurieren. Der Weg zu Wahrheit und Gerechtigkeit ist ein langer. Richard Nixon wurde 1972 wiedergewählt und trat erst 1974 im Zuge der Watergate-Affäre zurück.

    „The Post“ erhielt Oscar Nominierungen in den Kategorien Bester Film und Beste Hauptdarstellerin. Der größte Konkurrent dürfte sich nicht einmal unter den diesjährigen Nominierten finden, sondern ist vielmehr „Spotlight“, der sich ebenso mit der Pressefreiheit auseinandersetzt und 2015 ausgezeichnet wurde.

    Steven Spielberg | USA 2017 | 117 Min. | [usr 4]

    © Fotos: Universal Pictures