Schlagwort: Oscar Radar

  • JOKER ★★★★

    JOKER ★★★★

    Was wäre James Bond ohne Dr. No und Blofeld? Bruce Wayne könnte ohne Riddler oder Joker sein Kostüm getrost in der feuchten Höhle hängen lassen. Film und Comichelden definieren sich nicht zuletzt durch ihre Gegenspieler. Wie verhält es sich aber mit den Bösewichten selbst? Braucht der Joker Batman? Regisseur und Drehbuchautor Todd Philips wird darauf keine Antwort geben. Der Sensationserfolg des Jahres handelt nicht von der Figur des Joker, sondern vielmehr davon, wie aus einem vom Leben gebeutelten und psychisch kranken Mann der Joker wurde.

    Die Filmfestspiele von Venedig im August 2019. Joker feiert seine Weltpremiere auf dem renommierten Festival. Der Beifall ist groß. Ein paar Tage später erhält Todd Philips den Goldenen Löwen, die höchste Auszeichnung, die das Festival zu vergeben hat. Für eine Comicverfilmung. Man ist es von Venedig gewöhnt. Entweder es gewinnen Filme, die ein breites Publikum ansprechen und denen weltweit Anerkennung entgegengebracht wird oder es sind Filme, für die sich außerhalb der Festivalwelt niemand interessieren mag. Joker hat eine Woche nach Filmstart mehr als eine halbe Milliarde USD eingespielt und ist schon jetzt der erfolgreichste je am Lido ausgezeichnete Film.

    Während ihn die Kritiker nach dem Filmstart teilweise regelrecht in der Luft zerreißen, steht das Publikum Schlange. Zugegeben, der Trailer ist formidabel. Joaquin Phoenix als Arthur Fleck, abgemagert und irre, spielt um sein Leben. Setdesign, Kostüme und Kamera geben ein harmonisches Ganzes ab. Gut, über das Drehbuch ließe sich hie und da diskutieren. Aber Joker wartet gleich mit mehreren Szenen auf, die im allgemeinen Gedächtnis bleiben dürften. Joaquin Phoenix ist es gelungen, wie schon seinen Vorgängern Jack Nicholson und Heath Ledger, den Ruf des Joker als popkulturelle Ikone zu verfestigen, dessen Konterfei abermals T-Shirts, Poster, Kaffeehäferl und in Form von Graffitis Hauswände zieren wird.

    Dabei sieht man hier noch gar nicht den eigentlichen Joker, sondern einen Mann, der sich als Clown sein Geld verdient, bei seiner Mutter wohnt, ein bisschen Irre ist, von einer Karriere als Stand-up Comedian träumt und eines ganz sicher nicht ist, nämlich lustig. Als die Stadt die Sozialleistungen kürzt, spitzt sich die Lage zu. Nicht nur für Fleck, sondern für alle Menschen im Moloch Gotham City.

    Die Stadt spielte stehts eine große Rolle im Batman-Universum. Allerdings sah man sie immer aus der Sicht von Bruce Wayne. Seine Eltern wurden von einem Kleinkriminellen nach einem Theaterbesuch ermordet und auch sonst trieb sich in den Straßen von Gotham City ausschließlich das organisierte Verbrechen in Form von Gangs herum. In Joker sehen wir nun eine Stadt, die gerade dabei ist außer Kontrolle zu geraten, weil die Infrastruktur zusammenbricht und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Gesehen aus der Sicht eines Mannes, der zu den Verlierern gehört. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm. Schwierige Kindheit. Jobverlust. Todd Philips wählt eine völlig neue Perspektive um uns die Geschichte über einen der berühmtesten Bösewichte zu erzählen. Jetzt sind eben die Waynes die Antagonisten – und trotzdem: Joker ist eine Comicverfilmung und kein Sozialdrama.


    Die Verwandlung des Arthur Fleck kommt in kleinen Dosen. Es ist eine Freude, Phoenix dabei zuzusehen. Es gibt dann am Ende jenen Moment, in dem die Transformation vollzogen ist und Arthur Fleck verschwunden ist. Die knapp zwei Stunden davor garantieren, dass an der Glaubwürdigkeit des radikalen Wandels, den der Charakter durchläuft, kein Zweifel bleibt.

    Robert De Niro als Showmaster Murray Franklin bleibt trotz seiner kurzen Auftritte im Gedächtnis. Er bedient sich Außenseitern, wie Fleck einer ist, für seine Show. Lachen auf Kosten von anderen. Die Aversion, die beide Schauspieler für einander gehegt haben sollen, wird spürbar und erzeugt eine interessante Spannung.

    Vielleicht nimmt Joker in einer überzeichneten Art und Weise voraus, was uns in fünf bis zehn Jahren tatsächlich blüht, wenn die Wirtschaftskrise wirklich angekommen ist und vielleicht wird der Film dann retrospektiv von manchen anders gesehen. Todd Philips scheint mit seiner völlig neuen Interpretation eines Comicstoffes jedenfalls den Nerv der Zeit getroffen zu haben.

    TODD PHILIPS | USA 2019 | 122 Min. | [usr 4]


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  • A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO ★★★★

    A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO ★★★★

    Vor 24 Jahren kam mit Toy Story der erste vollständig animierte Spielfilm in die Kinos. Der Film markierte nicht nur den Beginn einer Jahrzehnte andauernden Freundschaft zwischen dem „lonely cowboy“ Woody (im Original gesprochen von Tom Hanks) und dem Astronauten Buzz Lightyear (Tim Allen), sondern von da an war die Disney Tochter Pixar Animation Studios das Maß aller Dinge, wenn es um Computeranimation ging. Böse Zungen behaupteten gar, Woody und seine Spielzeug-Freunde übertrafen  ihre realen KollegInnen an Emotionalität und Ausdruckskraft.

    Obwohl niemand wirklich darauf wartete, kam bereits 1999 mit Toy Story 2 die Fortsetzung und wurde neuerlich gleichsam ein finanzieller wie künstlerischer Erfolg. 2010 wiederholte Pixar das Kunststück ein drittes Mal. Diesmal sogar als Bester Film für den Oscar nominiert und in der Kategorie Bester Animationsfilm schließlich erfolgreich. Das Ende galt dann als krönender Abschluss einer erfolgreichen Trilogie. Doch 2014 gab Disney bekannt, an einer weiteren Fortsetzung zu arbeiten. Skepsis war angebracht. In den letzten zehn Jahren brachte Pixar elf Filme heraus, sieben davon waren Fortsetzungen vorangegangener Erfolge. Obwohl durchwegs ebenso erfolgreich nicht immer von gleicher Qualität.

    Soviel kann schon man sagen: A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando, kurz Toy Story 4, fügt sich nahtlos in die Saga ein. Die Fortsetzung, auf die neuerlich keiner gewartet hatte, macht durchaus Sinn. Die Charakterentwicklung, vor allem von Woody, wird vorangetrieben. Woody trifft auf seine alte Flamme Porzellinichen (Orig. „Bo Peep“, Annie Potts). Sie hat nun buchstäblich die Hosen an. Von der zerbrechlichen Porzellanfigur hat sie sich zu einem selbstbewussten besitzerlosen Spielzeug gewandelt. Es werden neue Themenkomplexe aufgebrochen: Wann ist ein Spielzeug Müll? und Kann man als Spielzeug frei sein oder kann man nur mit einem Besitzer glücklich werden?

    Die nunmehrige Geschichte spielt zwischen einem Jahrmarkt und einem Antiquitätenladen. Was wir hier sehen, bleibt den Menschen allerdings meist verborgen. Die Perspektive der Spielzeuge zeigt uns was sich über oder unter den Ständen und Regalen abspielt. Hier tut sich eine eigene Welt auf, die mitunter bedrohlich wirken mag. Wie in den Vorgängern ging es den Machern nie alleine um Unterhaltung. Stets plagten die Charaktere existenzialistische Fragen. Der neu hinzugekommenen kanadischen Stunt-Motorradfahrer Duke Caboom (Keanu Reeves) ist traumatisiert wegen seines Unvermögens, als Spielzeug der eigenen Werbung stand zu halten. Duke alleine könnte einen Film füllen.

    Die bösen Wächter des Antiquitätenladens sind Bauchrednerpuppen in schwarzen Anzügen. Die seitlich hängenden Köpfe und schlackernden Gliedmassen sind ein weiteres Zeichen der Detailverliebtheit. Grusel garantiert. Durch die Altersfreigabe von FSK 0 sollte man sich nicht irritieren lassen. Toy Story 4 ist bestenfalls für Kinder ab 6 Jahren geeignet. Abgesehen davon, das man von einem Kinobesuch davor sowieso grundsätzlich absehen sollte, weil das viel zu anstrengend für die Kleinsten ist. Wirklich zu empfehlen ist der Film erst ab 8 Jahren.

    Wenn man sich die vier Filme heute ansieht, lässt sich der technische Fortschritt der Digitaltechnik ablesen. Damals wie heute setzt Pixar Maßstäbe im Genre. Und trotzdem: Etwas an „freshness“, um in der Sprache der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes zu bleiben, haben Woody und Co eingebüßt. Auch diese Serie lässt sich nicht ewig weiterführen. Das nunmehrige Finale ist – eine neuerliche – Möglichkeit, um die Spielzeuggeschichten zu einem würdigen Ende zu bringen.


    A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO/ OT: TOY STORY 4 | JOSH COOLEY | USA 2019 | 100 Min | [usr 4]


    Link: Spiegel Online: Pixar – Ein Studio im Wandel


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    Foto: Disney/Pixar

  • DER KÖNIG DER LÖWEN ★★½

    DER KÖNIG DER LÖWEN ★★½

    „Yes, we can“, das haben sich die Macher rund um Regisseur Jon Favreau wohl gedacht, als sie den Auftrag für das Remake des Disney Kinoklassikers aus dem Jahr 1994 bekommen haben. Der Zeichentrickfilm Der König der Löwen hat bis heute eine knappe Milliarde US-Dollar eingespielt. Ein derartiger Erfolg ist nur wenigen Filmen aus dem letzten Jahrhundert vorbehalten (genauer nur Titanic und Jurassic Park). Kein Wunder, dass sich der Konzern dazu entschloss, eine Neuauflage in die in Kinos zu bringen. Allerdings kein Live-Action Remake – aus Gründen – sondern einen hyperrealistischen Animationsfilm auf dem letzten Stand der Technik.

    Favreau hat schon mit seinem Dschungelbuch (2016) gezeigt, wohin die Reise geht. Nun also ein Film, der komplett dem Rechner entsprungen ist. Das Ergebnis ist beeindruckend. Es ist schwer, einem Kind zu erklären, dass hier nichts echt ist. Eigentlich ist es unmöglich. Neben der technischen Finesse kämpft der Film aber mit so manchen Probleme. Er ist schlicht irgendwo zwischen Tierdokumentation und Spielfilm stecken geblieben.

    Der König der Löwen ist ein Hybird von Film. Des Realismus wegen hat man auf menschliche Mimik verzichtet. Nicht jedoch auf Dialog und Gesang. Dabei hätte es etwas Innovatives gehabt, hätte man darauf zur Gänze verzichtet oder zumindest auf einen Erzähler gesetzt. Gut möglich, dass wir uns in Zukunft an solche Filme gewöhnen. Für den Moment wirkt alles etwas befremdlich.

    Im Grunde hat man sich zu einen Bild für Bild Remake entschieden. Die markanten Einstellungen sind größtenteils identisch zum Original. Allerdings dauert die neue Version eine halbe Stunde länger, bei gleichbleibender Storyline. Die Ergänzungen sind dem Film aber zu Gute zu halten. Die Geschichte ist jetzt stimmiger. Eine hinzugefügte Sequenz unterstreicht den Circle Of Life. Neben übertriebenem Flatulenzhumor gibt es eine amüsante Anspielung auf Die Schöne und das Biest. Gleichzeitig unterliegt aber ein Zeichentrickfilm anderen narrativen Gesetzen als ein „Realfilm“. Szenen wie die Stampede der Gnus und das Ende von Simbas Vater Mufasa wirken weniger glaubwürdig, weil die Landschaft jetzt komplexer ist. Muss er sterben, wenn es offenbar genügend Felsvorsprünge gibt? Das geht auf Kosten von Dramatik und Logik.

    All das ordnet sich aber der Frage unter, welchen Mehrwert Der König der Löwen heute hat – neben dem technischen Aspekt. Es wird schwer sein, einen zu finden. Auf der emotionalen Ebene kann der Film nicht mehr leisten als sein Vorbild. Das spricht für die Zeichner der Urfassung. Was bleibt? Einen guten Stoff kann man nicht umbringen. Die Geschichte ist simpel, leicht verständlich und im Hinterkopf schwelgt die Erinnerung an das Original.

    DER KÖNIG DER LÖWEN/ OV: THE LION KING | Jon Favreau | USA 2019 | 118 Min. |[usr 2,5]

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    FOTO: THE WALT DISNEY COMPANY

  • ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD ★★★★

    ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD ★★★★

    Hollywood, die Stadt der Träume. Quentin Tarantino verwirklicht sich hier mit Once Upon A Time In … Hollywood seine ganz persönliche Vision um die Schauspielerin und Stilikone Sharon Tate (1943-1969). Wie nimmt man sich aber einer Geschichte an, ohne einem weiteren, jedoch verhassten Protagonisten eine Bühne zu bieten (dem später gleichzeitig eine zweifelhafte Heldenverehrung zu Teil wurde) ? Tarantino hat einen Weg gefunden. Es ist hilfreich, wenn man ein wenig darüber Bescheid weiss, was in der Nacht vom 9. August 1969 Hollywood nachhaltig erschütterte.

    Auf der Spahn Movie Ranch (der alte, fast blinde Spahn wird von Bruce Dern verkörpert) versammelte der Sektenführer Charles Manson (1934-2017) Ende der 1960er mehr als 100 junge Frauen und Männer in einer Hippie-Kommune um sich, in dem er sie mittels Drogen und sexueller Abhängigkeit gefügig machte. Manson war von dem Wahn befallen, dass es zu einem großen Kampf zwischen schwarzen und weissen Menschen kommen würde. Die Sekte wird dem rassistischen, rechtsradikalen Spektrum zugeordnet. Es zeigte sich, dass die Mitglieder der „Family“ dazu bereit waren, alles für ihren „Ersatz-Jesus“ zu tun. Am 9. August gab Manson den Befehl, in das Haus von Roman Polański und seiner hochschwangeren Frau Sharon Tate einzudringen und alle Anwesenden zu töten. Die Verbrechen gingen gemeinsam mit den Tags darauf verübten Morden als Tate-LaBianca-Morde in die Geschichte ein und machten Manson zu einem der berühmtesten Verbrecher der Welt. Sharon Tate wurde mit ihrem Kind in den Armen begraben. Soweit, so schrecklich.

    Tarantinos Erzählung beginnt sechs Monate davor, an zwei Tagen im Februar 1969 (und wird später an zwei Tagen im August fortgesetzt). Der Westerndarsteller Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) befindet sich in einer Schaffenskrise und lässt sich von seinem Stuntdouble und Buddie Cliff Booth (Brad Pitt) durch die Straßen Hollywoods kutschieren. Dabei orientiert sich Tarantino lose an der Beziehung von Burt Reynolds zu seinem Stuntdouble Hal Needham. Erstmals gemeinsam vor der Kamera geben die zwei ein geniales Duo ab. Selbstironisch spielt DiCaprio damit, dass ihm die große Anerkennung als ernstzunehmender Schauspieler – trotz Oscar – nie wirklich zu Teil wurde, bzw. er durch sein intensives Spiel immer wieder Ziel von Persiflagen wurde. Pitt bringt mit seinem strahlenden Lächeln und nackten Oberkörper immer noch ganze Kinosäle in Verzücken. Once Upon A Time In … Hollywood ist auch ein Film über einen Generationenwechsel. Sunnyboy Pitt steuert bald auf seinen 60er zu. Es ist ein Verdienst der Traumfabrik, dass uns ein natürlicher Alterungsprozess zu verwundern vermag. Booth, der sich, als er die Antenne auf Daltons Dach repariert, nicht nur an einen Hahnenkampf zurückerinnert, den er einst mit Bruce Lee (Mike Moh) geführt hat, beobachtet auch den einzigen kurzen Auftritt von Charles Manson (Damon Herrimann), als der sich bei den Nachbarn über den Vormieter Terry Melcher erkundigt.

    In jenem Februar hat Dalton nämlich neue Nachbarn am Cielo Drive bekommen. Roman Polański (Rafał Zawierucha) und Sharon Tate (Margot Robbie) sind vor der Yellow Press in Europa nach Hollywood geflohen. Polański genießt bereits den Ruf als junger Wilder und verkörpert, auch wenn er nicht Teil des New Hollywood ist, eine neue Generation von Filmemachern. Dalton steckt als TV-Darsteller im alten Hollywood fest und träumt sogleich von einer Zusammenarbeit. Allerdings ziehen sich seine neuen Nachbarn hinter einem großen Eisentor zurück.

    Tarantino zeigt das Hollywood jener Jahre in einer detailverliebten Ausstattung und konserviert die Zeit in knalligen Farben. Nicht nur wenn Tate im Kinosaal ihre schönen Beine über die Sitze streckt, frönt Tarantino seinem Fußfetisch. Autos kommen bei ihm gleich an zweiter Stelle. Keine Einstellung ohne Verweis auf die Filmgeschichte: von Zefirelli bis Italo-Western, TV-Serien, Radioausschnitte, Filmplakate und einem obligatorisch rockigen Soundtrack mit viel Witz, wenn auch nicht so unverwechselbar wie sonst. Unterhaltsam ist sein Neunter allemal.

    Quentin Tarantino kehrt an seinen Sehnsuchtsort zurück und setzt einen Kontrapunkt zum Summer of Love, der zwei Jahre zuvor prolongiert wurde. Denn auch wenn Tarantino lange in ungewohnter Melancholie schwelgt, am Ende wird es nicht ohne häßliche Bilder gehen.

    Die Parallelmontage zu Beginn ist fulminant und die 20-minütige Plansequenz auf der Spahn Movie Ranch mutet wie das Vorspiel zu einem Horrorfilm an. Leider kann Tarantino diese Intensität nicht die knapp 160 Minuten halten und das Ende kommt abrupt. Vor allem, wenn man den historischen Rahmen nicht kennt. Tarantino hat den Hippiehasser und TV-Star Dalton, den man öfters in 16mm schwarzweiß Sequenzen seiner vergangenen Filme sieht, doch noch eine große Rolle im 35mm Cinemascope zu Teil werden lassen. Und das wird erst in der letzten Einstellung klar.

    ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD | QUENTIN TARANTINO | USA 2019 | 159 Min. | [usr 4 ]


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    FOTO: ANDREW COOPER/SONY PICTURES

  • BURNING ★★★★½

    BURNING ★★★★½

    Sein Ruf eilt Burning voraus. Obwohl in Cannes 2018 nur mit dem FIPRESCI-Preis abgespeist, zieht der erst sechste Film des koreanischen Regisseurs Lee Chang-Dong bereits seit dem letzten Jahr eine Spur der Begeisterung quer über den Erdball. Lee setzt sich mit dieser Mystery-Romanze über sämtliche narrativen Konventionen hinweg und beschert uns eine der schönsten Filmszenen der letzten Jahre.

    Lee sieht im heutigen Kino das Gesamterlebnis über allem stehen, bei dem das Publikum möglichst nah am Geschehen dabei sein soll. Authentizität wird großgeschrieben. Dabei scheint es ihm wichtig hier auf Distanz zu gehen. Seine unkonventionelle Geschichte ist für das Publikum eine Herausforderung, weil sie kaum Identifikationsmöglichkeiten mit den drei handelnden Figuren bietet.

    Im Mittelpunkt steht der aus einer Bauernfamilie stammende angehende Schriftsteller Jong-su (Zoo Ah-in), der sich seinen Lebensunterhalt als Tagelöhner verdingt, als er eines Tages auf Hae-mi (Jean Jong-Sei) trifft, die sich als Jugendfreundin ausgibt. So richtig erinnern kann sich Jong-zu an sie aber nicht. Nach einer kurzen Romanze begibt sich Hae-mi auf eine längere Reise. Zurück kommt sie mit Ben (Steven Yeun) an ihrer Seite. Eine starke Konkurrenz für Jong-su, ist Ben doch klar erkennbar aus besserem Hause und gibt sich als galanter Sonnyboy, für den die Arbeit nur ein Spiel ist. Die anfängliche Romanze bekommt zusehends mysteriöse Zwischentöne und so wie Jong-su immer mehr zu Zweifeln beginnt, ob alles mit rechten Dingen zugeht, wird man selbst zusehends skeptischer. Nur legt Burning dem Publikum keine Fährte und mit Erklärungen gibt sich Lee erst gar nicht ab.

    Da ist zum einen die Katze von Hae-mi, auf die Jong-zu während ihrer Abwesenheit aufpassen soll. Allein zu Gesicht bekommt man sie nie. Trotzdem schaut Jong-zu immer wieder in der Wohnung vorbei um sie zu füttern. Es ist als ob in Schrödingers Katzenexperiment die Existenz der Katze selbst in Frage gestellt werden würde. Hae-mis Erzählungen aus der vermeintlich gemeinsamen Vergangenheit verwirren Jong-zu im Laufe der Zeit immer mehr.

    Es ist eine magische Szene von einer unglaublichen Leichtigkeit. Die drei Protagonisten sitzen vor dem Landhaus von Jong-zu und schauen Richtung Sonnenuntergang über der Grenze nach Nordkorea, wo aus der Ferne Propagandadurchsagen aus den Lautsprecher dröhnen. Die zentrale Szene befindet sich tatsächlich exakt in der Mitte des Filmes, an deren Ende Ben Jong-zu ein Geständnis macht und Hae-mi sich im warmen Sonnenlicht die Kleidung absteift und im Gegenlicht zur Musik von Miles Davis zu tanzen beginnt. Und tags darauf verschwindet.

    Hae-mi wollte verschwinden wie die Sonne, als hätte sie nie existiert. In der zweiten Hälfte des Filmes begibt sich Jong-zu nun auf eine Spurensuche, auch in seine eigene Vergangenheit. Er soll Hae-mi einmal das Leben gerettet haben. Kann sich er sich wirklich an nichts erinnern? Was ist wahr, was Fiktion? Schon bei ihrem ersten Treffen spielt ihm Hae-mi eine Pantomime vor. Sie schält eine Mandarine als hielt sie tatsächlich eine in den Händen.

    „Es geht nicht darum sich vorzustellen, dass da eine Mandarine ist, sondern darum zu vergessen, dass da keine ist. Das Wichtigste ist, dass du sie wirklich willst.“

    Lee Chang-dong hält das Publikum lange hin. Zu lange. Vor allem in der zweiten Hälfte nach dem Verschwinden von Hae-mi. Nicht nur, dass sie als Charakter fehlt, sondern auch hinsichtlich der Laufzeit von zweieinhalb Stunden. Eine Straffung hätte hier der Handlung gut getan. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, wie lange der Spannungsbogen hält, obwohl immer mehr Fragen aufgeworfen werden, anstatt Licht in die merkwürdigen Umstände zu bringen. Burning ist ein slow burner, der zum mehrmaligen Ansehen anregt. Eine Gesichte über das Mysterium von Fiktion und Realität an sich, erzählt in betörend schönen Bildern. Einmal spricht Hae-mi davon, dass in China zwischen dem kleinen und dem großen Hunger unterschieden wird. Den kleinen Hunger kann man mit Nahrung stillen. Dem großen Hunger kann man mit einem Film wie diesem begegnen.

    BURNING | LEE CHANG-DONG | KR 2018 | 148 Min | [usr 4,5]


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  • ROCKETMAN ★★★½

    ROCKETMAN ★★★½

    Laxenburgerstraße, Wien 1990. In einem kleinen Backsteinhäuschen am Rande des Bahnhofsgeländes befand sich die Schallplatten Brigitte. Dort erwarben wir unsere erste Compact Disc: „The very best of Elton John“. Natürlich ein Doppelalbum. Eines von etwa 300 Millionen Exemplaren, die Elton John im Laufe seiner Karriere verkaufen konnte. Die Kratzer heute zeugen von den zig Umdrehungen. Und: sie dreht sich noch heute. Einmal Elton John Fan, immer Elton John Fan. Gleich die zweite Nummer auf der ersten Scheibe ist Rocketman. Titelgebend für die vom Künstler autorisierte Verfilmung seiner Biografie. Kurz nach dem Megaerfolg von Bohemian Rhapsody drängt sich zwangsläufig ein Vergleich auf. Regisseur Dexter Fletcher übernahm damals bereits die Finalisierung, nachdem Brian Singer gefeuert wurde. Nun geht er mit Rocketman formal einen ganz anderen Weg.

    Rocketman ist ein Musical, das in der frühen Kindheit von Reginald Kenneth Dwight ansetzt. Musikalisch konzentriert man sich auf die frühen Jahre. I Want Love vom Album Songs From The West Coast aus dem Jahr 2001 ist der einzige neuere Song. Dieser steht gleichzeitig aber im Zentrum. Das Biopic versucht nicht nur Elton Johns musikalischen Einflüssen auf den Grund zu gehen, sondern wagt einen Blick hinter die schillernde Fassade des Superstars, der sich Zeit seines Lebens hinter ausgefallenen Brillen und manchmal grotesken Kostümen versteckt hat. Die einzelnen Nummern werden von den Darstellern selbst gesungen und inhaltlich in die Geschichte eingebettet, dort wo es gerade passt und in einen neuen Kontext gesetzt. Also weniger Nummernrevue als Bohemian Rhapsody. Der Song aus dem Jahr 2001 wird vom jungen Reginald und seiner Familie interpretiert (Bryce Dallas Howard als kühle Mutter und Gemma Jones als Großmutter und einzige Unterstützung), nachdem ihm sein Vater (Steven Mackintosh) einmal mehr abgewiesen hatte. An dieser Stelle kann man gut verstehen, dass Elton John während der Premiere in Cannes zu Tränen gerührt war. Dramaturgisch ein kluger Schachzug.

    Neben dem 21 Nummern umfassenden Soundtrack hat Rocketman noch einen zweiten Trumpf. Taron Egerton in der Hauptrolle singt nicht nur alle Hits selber, sondern spielt Elton John, ohne ihn zu imitieren, also auf eine ganz andere Art als noch Rami Malek es mit Freddie Mercury gemacht hat. Leid und Selbstzweifel sind ihm ins Gesicht geschrieben, genauso wie die Leidenschaft für die Musik. Darüber hinaus bleibt das restliche Ensemble aber hinter dem von Bohemian Rhapsody zurück.

    Im gutbürgerlichen Haus sind die Rollenbilder festgefahren und scheint für Querdenker kein Platz zu sein. „I wish, i was someone else“ sagt Dwight einmal. Die Namensänderung ist unumgänglich. Das musikalische Talent wird bald sichtbar und gefördert. Richtig entfalten kann sich Elton John erst als er auf Bernie Taupin (Jamie Bell) trifft, der wie ein Bruder für ihn wird und dessen Texte er fortan vertont. Ein künstlerischer Prozess, der im Film allerdings mit übertriebener Leichtigkeit dargestellt wird.

    Fletcher macht vieles richtig. Von Beginn an legt er ein hohes Tempo vor. Die Szenen sind schön anzusehen und strotzen vor kreativen Einfällen, die dem Film eine wunderbare Dynamik verleihen. Dabei wird ganz im Stile Elton Johns nicht mit fantasievollen Übertreibungen gespart. Leider gehen diese gegen Ende hin verloren. Das Ende kommt mit I’m Still Standing in den 1980er Jahren dazu sehr abrupt und hinterläßt das Publikum wehmütig, verabschiedet sich Elton John doch gerade auf einer großen Tournee von seinen Fans.

    You got to kill the person you were born to be, in order to become the person you want to be.

    Reginald Kenneth Dwight bekommt einen Ratschlag.

    Rocketman ist wie eine Familienaufstellung des nun bereits seit 50 Jahren tourenden Ausnahmekünstlers. Dass nun der erste große Oscar Anwärter in die Kinos kommt, ist kein großes Geheimnis. Es ist die erste Major-Studio Produktion mit einem homosexuellen Protagonisten – Sexszene inklusive. Die nächste Station scheint mit dem Broadway auch schon fix. Wieder gilt: die Musik muss man schon mögen, um an Rocketman gefallen zu finden. Elton John gehört neben den Beatles und Elvis zu den sieben erfolgreichsten Musikern überhaupt. Wenige Monate später befand sich damals übrigens eine zweite CD in unserem Wohnzimmer: Innuendo von Queen. Queen haben gut 100 Millionen Tonträger weniger verkauft. Es wird sich für Rocketman also ein Publikum finden.

    ROCKETMAN | DEXTER FLETCHER | UK/USA 2019 | 121 Min. | [usr 3.5]


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  • BEALE STREET ★★★★

    BEALE STREET ★★★★

    Die Beale Street liegt im Zentrum von Memphis in Tennessee. Die ersten Blues Songs sind hier entstanden und über die Jahrzehnte traten hier Jazzgrößen wie Louis Armstrong und Muddy Waters auf. Eine ausgelassene Stimmung, Kriminalität und Spannungen zwischen der schwarzen und irischen Bevölkerung bestimmten den Alltag. Barry Jenkins hat nach Moonlight (2016) nun ein Werk des US-Autors James Baldwin (1924-1987) verfilmt. Der dem Film zugrunde liegende Roman If Beale Street Could Talk aus dem Jahr 1974 ist dieser berühmten Straße gewidmet und erzählt von einer jungen Liebe und der Willkür der weißen Justiz im New York City der 1970er Jahre. Die Beale Street konnte für Baldwin überall sein. Er bezeichnete die Straße als das Erbe aller in Amerika geborenen Schwarzen.

    Darum geht es

    Der 22-jährige Bildhauer Alonzo Hunt (Stephan James), genannt Fonny, und die 19-jährige Verkäuferin Tish (KiKi Lane) sind ein Liebespaar. Eines Tages wird Fonny fälschlicherweise beschuldigt, eine Puertoricanerin vergewaltigt zu haben. Er muss ins Gefängnis. Kurz darauf erzählt ihm Tish, dass sie schwanger ist. Ungeachtet der Situation, ist sie davon überzeugt, dass Fonny aus dem Gefängnis entlassen wird, bevor das Kind geboren wird. Während Tishs Familie (Regina King wurde für ihre Rolle der Mutter von Tish mit dem Oscar für die Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet) und Fonnys Vater mit allen Mitteln versuchen, ihn frei zu bekommen, vergehen die Monate. Die Mühlen der weißen Justizwillkür beginnen zu mahlen und der Prozess wird immer mehr verschleppt.

    If Beale Street Could Talk
    Regina King erhielt für ihre Rolle den Oscar für die Beste Nebendarstellerin.

    Kommentar

    In Rückblenden und betörend schönen Bildern (Kamera: James Layton) erzählt Barry Jenkins diese Geschichte einer berührenden Liebe aus der Sicht von Tish und von den Ungeheuerlichkeiten, mit denen das Leben von Schwarzen zu dieser Zeit verbunden war – und durch institutionellen Rassismus heute noch immer ist. Eine tolle Ausstattung in warmen Farbtönen (Manchmal auch etwas zu viel, wenn etwa das Kleid zu den Vorhängen passt) und die wunderbare Musik von Nicholas Britell vervollständigen diesen zwar stillen aber in seinem Innersten laut aufschreienden Film.

    Beale Street hat es nicht leicht, wird er doch zwangsläufig mit seinem grandiosen Vorgänger Moonlight verglichen. Jenkins‘ erst dritter Spielfilm braucht den Vergleich aber nicht zu scheuen und steht für sich. Dass er bei den Oscars übergangen wurde, obwohl es noch freie Plätze in der Kategorie Bester Film gegeben hat, ist unverständlich. Mit Barry Jenkins hat Hollywood einen großen Regisseur gewonnen, von dem wir uns noch mehr Filme erhoffen dürfen, die, egal wann und wo sie spielen, eine große Aktualität aufweisen.

    Dank des Dokumentarfilmes I Am Not A Negro (2016) von Raoul Peck und nun Beale Street wird der zu unrecht in Vergessenheit geratene Autor James Baldwin bei uns gerade wiederentdeckt. Seine vergriffenen Romane erscheinen nun nach und nach in neuer Übersetzung auf Deutsch.

    Beale Street ist wie eine melancholische Vinyl-Schallplatte. Viele Szenen wirken wie einem Cover entsprungen. Ein Film der trotz aller Tragik nie die Hoffnung verliert und an die Kraft der Liebe glaubt – und die der Poesie.

    Beale Street / OT: If Beale Street Could Talk

    Drama, USA 2018 
    Regie Barry Jenkins
    Drehbuch Barry Jenkins nach dem gleichnamigen Roman von James Baldwin
    Kamera James Laxton
    Schnitt Joi McMillon, Nat Sanders
    Musik Nicholas Britell
    Mit Kiki Layne, Stephan James, Regina King
    Länge 117 Minuten
    derzeit bei Netflix


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  • STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    Manchmal haben die Oscars einen spannenden Nebeneffekt. Dann nämlich, wenn sie für einen kleinen Moment die Aufmerksamkeit des Publikums auf jene Filme lenken, die sonst, wie in diesem Fall, in den unendlichen Weiten des Internets verloren gingen. Period. End of Sentence von Rayka Zehtabchi, wie der nicht wörtlich übersetzbare Titel im Original lautet, wurde soeben als bester Dokumentar-Kurzfilm ausgezeichnet. Ein Film mit einer starken Botschaft.

    Der Titel spielt auf die im Englischen doppelte Bedeutung von Period an. Neben der Monatsblutung ist damit auch der Punkt am Ende des Satzes gemeint. Die Periode soll nicht das Ende gesellschaftlicher Partizipation junger Mädchen bedeuten. In manchen Ländern der Welt ist der Beginn der Monatsblutung jedoch genau damit gleichzusetzen. Am Beispiel Indiens wird ein großes Tabuthema aufgezeigt. Durch die Periode werden Mädchen regelrecht stigmatisiert. Es mangelt an Aufklärung. Sie gilt als schmutzig und die Mädchen somit als unrein.

    Der Gebrauch von Binden ist verschwindend gering. Die Folgen mag man sich gar nicht ausmahlen. Hier setzt die Dokumentation an. Eine Gruppe von Frauen aus einem Dorf beginnt mit der eigenen Bindenproduktion. Vertrieben werden die kostengünstigen und offenbar qualitativ hochwertigen Binden an der Haustüre. Vor den Augen von Männern in einem Laden einzukaufen ist undenkbar.

    Bette Midler empfiehlt.

    Stigma Monatsblutung porträtiert diese Initiative, die für die Frauen in mehrerer Hinsicht eine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt. Die Eigenproduktion der Binden ist auch ein Akt der Selbstermächtigung und lässt die Frauen am beruflichen Leben teilhaben. So weit so gut und wichtig.

    Der Filmemacherin geht es in erster Linie darum Inhalte zu transportieren und eine Botschaft unter die Leute zu bringen. Eine durchdachte Gestaltung bleibt da außen vor. Wer sich hier aber an der optischen Umsetzung stößt, sollte sich einmal eine Dokumentation aus Österreich anschauen. Allerdings schaffen es die auch nicht bis auf die Shortlist der Oscars. Über die Protagonistinnen erfährt man nicht viel. Die Dokumentation wirkt wie gerade einmal so nebenbei gedreht und erinnert von der Aussage her an Produktwerbungen, ohne Werbefilmästhetik.

    Die Euphorie darüber, dass ein Film mit diesem Thema eine derartige Anerkennung erfahren hat, ist groß. Stigma Monatsblutung rückt ein großes Tabuthema in den Fokus. Das wurde bei den Oscars honoriert. Um mehr in die notwendige Tiefe gehen zu können, ist das Ganze jedoch zu kurz geraten. Wie schwer es ist, trotz Oscar abseits des Mainstreams auf sich aufmerksam zu machen, zeigt das geringe Interesse der Medien. Auf der Webseite Rotten Tomatoes reichen die Kommentare nicht einmal für eine Bewertung.

    RAYKA ZEHTABCHI | USA 2019 | OT: Period. End of Sentence |26 Min. | [usr 3]

    Foto © Netflix

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  • VICE – DER ZWEITE MANN ★★★★½

    VICE – DER ZWEITE MANN ★★★★½

    Politik ist nicht nur ein schmutziges Geschäft sondern auch noch ein äußerst unmoralisches. Zumindest wenn es um echte Macht geht. Einer der Macht in einem Amt konzentriert hat, wie kaum ein anderer in der westlichen Welt, ist der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney. Regisseur Adam McKay (The Big Short, 2015) schildert in bissigen Politsatire Vice – Der Zweite Mann dessen Werdegang. Der Film wurde für gleich 8 Oscars nominiert.

    Eine objektive Rückschau darf man sich hier nicht erwarten. Vice – Der Zweite Mann ist eine Abrechnung mit Dick Cheney und dem politischen Establishment seiner Zeit. Daraus machen weder McKay noch sein Hauptdarsteller Christian Bale ein Geheimnis. Sämtliche Jugendsünden vom Rausschmiss aus der Yale-Universität bis zu einer Festnahme wegen Trunkenheit am Steuer stehen gleich zu Beginn dieses 50 Jahre umspannenden Biopics.

    In den ersten Jahren ist der Schauspieler Bale noch gut zu erkennen. Parallel zum realen Vorbild vollzieht der dann aber über die Jahrzehnte eine physische Transformation, wenn auch mit Hilfe einer dicken Silikonmaske, die mit grimmiger Mimik und schlürfendem Gang zu den großen Momenten der Schauspielkunst in diesem Jahr zählen dürfen.

    Vice – Der Zweite Mann wurde sehr kontroversiell aufgenommen, dabei hält sich Adam McKay an Fakten (kleinere Ungenauigkeiten können mit dem Blick auf das Ganze vernachlässigt werden) aber auch an Wahrscheinlichkeiten. Wenn über den Inhalt von Schlüsselszenen,  keine Gewissheit herrschen kann, wird das im Off-Kommentar auch explizit erwähnt. Kurt, Familienvater und Soldat im Irak-Krieg, gespielt von Jesse Plemons, ist der Erzähler. Er gibt der nicht zuletzt aufgrund der Fülle an Informationen und dem hohen Erzähltempo für das Publikum anspruchsvolle  Handlungsebene einen Rahmen. Über den Konnex von Kurt und Cheney lässt McKay das Publikum lange im Ungewissen. Es ist einer der unzähligen kreativen Einfälle, mit denen der Film vollgepackt ist. 

    Cheneys politische  Karriere reicht bis in die 1970er Jahre zurück: erst Stabschef im Weißen Haus unter Gerald Ford (1975-77), dann Kongressabgeordneter (1979-89) und  Verteidigungsminister unter George Bush Senior (1989 -1993). Es folgt der Rückzug in die Privatwirtschaft. An die Firma Halliburton wird sich vielleicht der eine oder andere noch erinnern. Hier bricht der Film ab. Es hätte ein Ende sein können. War es aber nicht. Es ist die Zeit, in der sich die Tochter der Cheneys, Mary, als lesbisch outet. Papa Dick akzeptiert dies, seine Frau Lynne (ebenfalls großartig immer an seiner Seite: Amy Adams) weniger. Für einen erzkonservativen Politiker ist das aber ein Problem. Es ist eine der Stellen im Film, wo sichtbar wird, dass die eigenen Werte von Politikern keine Rolle spielen, wenn es darum geht, die eigene Klientel zu bedienen. 

    Vice - Der zweite Mann
    George W. Bush (Sam Rockwell) und Dick Cheney (Christian Bale): ein folgenschwerer Deal.

    Das Karriereende war es bekanntlich nicht. Von 2001 bis 2009 war Cheney die Nummer Zwei unter US-Präsident George W. Bush. Sam Rockwell zeigt uns den Präsidentensohn so, dass uns selbst retrospektiv noch einmal Angst und Bange wird. Eine Gesetzeslücke und ein Deal mit Bush macht es Dick Cheney aber möglich, zum wahrlich mächtigsten Mann im Staat aufzusteigen. Dafür reichte die Motivation dann doch noch. Fortan war er an Entscheidungen über die Invasion im Irak und Verhöre mit Foltermethoden beteiligt und der Existenz von geheimen CIA- Gefängnissen vertraut. Unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit wurde ein Überwachungsapparat mit weitreichenden Befugnissen aufgebaut. Entscheidungen, die hunderttausenden Menschen das Leben kosteten. Das ist alles mehr als unschön. Die schräge Inszenierung macht die deftigen, teilweise stakkatoartig auf das Publikum losgelassenen Bilder erträglicher.  

    Colin Powells (Tyler Perry) zu trauriger Berühmtheit gelangte Rede vor der UNO, die zum Einmarsch im Irak führte, war das Ergebnis der Befragung sogenannter Fokusgruppen, nach denen das politische Handeln ausgerichtet wurde. Das genaue Benennen von Feindbildern ist dabei zentral. Ein scheinbar nicht umzubringender Charakter während dieser Zeit war der skrupellose Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Steve Carell). Ein enger Weggefährte Cheney und als einziger eingeweiht in seine Machenschaften. 2008 gab der US-Senatsausschuss ihm die Schuld an Foltergefängnissen und dergleichen. Dick Cheney war nie Thema einer Untersuchung. Die Folge einer Strategie, die er sich über die Jahre mit seinen Anwälten zurechtgelegt hatte.

    Anhängern der Republikaner dürfte das weniger gut gefallen. Da die USA diesbezüglich ziemlich gespalten sind, schlägt sich das auch in der Rezeption von Vice – Der Zweite Mann nieder. Der Wahrheitsgehalt wird angezweifelt. Dabei gibt Adam McKay mit einem Augenzwinkern in der Mid-Credits-Szenen eine Antwort darauf. Ohne rechtliche Absicherung wäre so ein Film, auch wenn es eine Satire ist, nicht möglich. Produziert wurde der Film von Annapurna Pictures, die in der Vergangenheit schon mit Zero Dark Thirty und Detroit von Kathryn Bigelow unangenehme Kapitel der US-Geschichte aufgearbeitet haben. 

    Neuerlich gelingt es Adam McKay ein komplexes Thema durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil verständlich zu machen. Obwohl amüsant, ist trotzdem die Konzentration des Publikums gefordert. McKay steigt in Dialoge abrupt ein und aus. Ein Exkurs folgt dem nächsten. Bei den Oscars wird das möglicherweise mit einem Preis für den Schnitt honoriert werden. In den restlichen Kategorien (Film, Regie, Haupt- und NebendarstellerInnen) ist Vice – Der Zweite Mann ein paar Tage vor der Verleihung Außenseiter.  

    Warum kommt der Film gerade jetzt? Hier wird deutlich, welche Folgewirkungen Wahlergebnisse und politische Entscheidungen über Jahrzehnte haben können.

    ADAM MCKAY | USA 2018 | OT: Vice | 132 Min | [usr: 5]

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  • CHAOS IM NETZ ★★★★

    CHAOS IM NETZ ★★★★

    Sechs Jahre sind vergangen, seitdem die Videospielfigur Randale-Ralph genug davon hatte, tagtäglich den zerstörerischen Bösewicht spielen zu müssen.  Ralph verließ sein Computerspiel um sich gemeinsam mit der Rennfahrerin Vanellope van Schweetz zu einer abenteuerlichen Reise durch das Litwak’s Family Fun Center aufzumachen. Ralph reichts (2012) strotze regelrecht vor kreativen Ideen und Querverweisen zum Videospieleuniversum. Nun ging man bei Disney mit Chaos im Netz noch einen Schritt weiter.

    Die Rollen sind nun vertauscht. Ralph führt mittlerweile ein zufriedenes Leben. Er hat sich mit den Mitbewohnern seines Spiels arrangiert und sein Counterpart Felix führt die absurdeste Ehe des ganzen Universums. Nur Vanellope wird es in ihrem Rennspiel Zusehens langweiliger. Eines Tages schließt Spielhallenbetreiber Mr. Litwak ein Modem an den Stromkreis und somit die Spielhalle an das Internet an. Ein defektes Teil an Vanellopes in die Jahre gekommener Spielkonsole „Sugar Rush“ macht es bald notwendig, dass sie sich mit Ralph auf die Suche nach einem Ersatzteil ins Internet begibt. Es droht das Videospiel verschrottet zu werden, was für die Bewohner Obdachlosigkeit zur Folge hätte.

    Das Internet mag heute für Groß und Klein allgegenwärtig sein, so ganz verstehen werden das die meisten Kinder wohl eher nicht. Chaos im Netz entwirft eine liebevolle und detailreiche Visualisierung jenes Ortes, der für uns zum zentralen Treffpunkt geworden ist. Sämtliche Konzerne und deren Internetplattformen sind natürlich mit dabei: ein großer Bazar, Bäume voll blauer Vögel, die unentwegt Nachrichten zwitschern und mitten drin natürlich der Alleswisser. Popups schwirren herum, unter ihnen Mr. Spamley  und versuchen mit lukrativen Jobs („Werden sie reich mit dem Internet!“) und anderen Angeboten Kundschaft zu gewinnen. Es ist die Zukunftsvision einer Stadt, wie wir sie schon oft gesehen haben. Hier erinnert sie mehr an eine Dauerwerbesendung.

    Über all den großen Namen der Internetwelt schwebt allerdings der produzierende Konzern Disney und der kostet nur erstmals aus, was er in den letzten Jahren alles an Lizenzen angehäuft hat. Marvel- und Star Wars- Figuren haben ebenso einen Auftritt, wie sämtliche Disney-Prinzessinnen, die als ärgste Tussen gelangweilt in Dornrösschens Schloss abhängen. Sie erweisen sich als Retter in der Not. Die Avengers für Mädchen sozusagen. Das alles macht erstaunlich viel Spaß. Das Drehbuch für ein Prinzessinnen-Crossover liegt bestimmt schon in irgendeiner Schublade.

    Chaos im Netz wartet mit so mancher Weisheit auf (Lese niemals Kommentare!), zentrales Thema ist aber was man sich vom Leben erwarten darf und was das für eine Freundschaft bedeutet. Da wird der Film naturgemäß etwas moralisch. Eine gehörige Portion Humor bewahrt das Abenteuer aber davor, zu sehr in diese Richtung abzugleiten. Einmal fragen Arielle, Pocahontas, Cinderella & Co Vanellope nach dem obligatorischen Lied über ihre Träume. Woraufhin sie in eine Pfütze eine Ode an das „Slaughter Race“ singt.

    Das große Finale ist eine Hommage an King Kong und wer immer schon wissen wollte, wozu Pinterest eigentlich gut ist, hier erfährt man es.  Produktplatzierungen erreichen in Chaos im Netz einen nie dagewesenen Höhepunkt. Gleichzeitig ist es beeindruckend zu sehen, wie gut das Uhrwerk läuft. Disney zeigt neuerlich, dass man mit der eigenen Geschichte durchaus selbstironisch umgehen kann.

    Rich Moore, Phil Johnston | OT: Ralph Breaks the Internet: Wreck-It Ralph 2 | USA 2018 | 113 Min | [usr 4]

    Foto (c) The Walt Disney Corp.

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