Schlagwort: Oscar Radar

  • LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    Während sich die einen in scheppernden Blechbüchsen ins All schießen ließen, versuchten andere in der horizontalen technische Rekorde aufzustellen und blieben zumindest bis sie in einer Kurve abhebten auf dem Boden. Der Motorrennsport war noch ein unmittelbares Ereignis. Bis in die 1960er Jahre konnten die Zuschauer den Fahrtwind der vorbeirauschenden Autos spüren und standen direkt an der Stecke. Pioniergeist lag in der Luft. Zu dieser Zeit startete Ford den Versuch, die jahrelange Erfolgswelle von Ferrari in Le Mans zu stoppen. Die Scuderia Ferrari hatte das Rennen seit 1960 in jedem Jahr gewonnen. Le Mans 66 erzählt nun eine wahre Geschichte, deren Ausgang wohl nur Motorsportfans kennen dürften.

    Am Anfang stand das Angebot von Ford, den wirtschaftlich schwächelnden Automobilhersteller Ferrari zu übernehmen. Hintergedanke war der, dass Ford in den Motorsport einsteigen wollte und Ferrari der größte Konkurrent war. Die Bedingungen von Ford entzürnten Enzo Ferrari und er lehnte ab. Fiat kam zum Zug. Auch wenn Regisseur James Mangold hier den Zeitablauf etwas durcheinander bringt, bedeutet das in Le Mans 66 den Beginn für einen Wettlauf um den Sieg beim legendären Langstreckenrennen im Jahr 1966. Ford engagiert dafür den ehemaligen Rennfahrer und nunmehrigen Konstrukteur Carroll Shelby (Matt Damon). Shelby wählt Ken Miles (Christian Bale) als Werksfahrer.

    Der Grundkonflikt spielt sich nicht zwischen Ford und Ferrari ab, sondern innerhalb von Ford selbst. Vizepräsident Leo Bebe (Josh Lucas) ist die Zusammenarbeit mit Shelby und vor allem dem Fahrer Miles ein Dorn im Auge. Miles gilt als unberechenbar und dem Image der Marke nicht zuträglich. Henry Ford II (Tracy Letts) hat nicht immer die Kontrolle über seine Firma oder wie Enzo Ferrari (Remo Girone) richtig bemerkt: Er ist nicht Henry Ford, sondern Henry Ford II und damit weit entfernt vom Pioniergeists seines Großvaters oder dem von Ferrari selbst. Le Mans 66 handelt vom Kampf Shelbys, seine Strategie gegenüber den Auftraggebern durchzusetzen.

    Ken Miles ist der einzige mit einer Hintergrundgeschichte. Es ist auch der spannendste Charakter und Christian Bale das Zentrum des Films. Seine Darstellungskraft und Wandlungsfähigkeit ist neuerlich beeindruckend. Darüber hinaus hätte man doch gerne mehr über die Beteiligten erfahren. Carroll Shelby ist nicht mehr als der Mittelsmann zwischen den Managern von Ford und seinem Fahrer Miles. Die Italiener im Film verkommen leider überwiegend zu Karikaturen und müssen für die Lacher sorgen. Alleine der legendäre Enzo Ferrari sticht etwas hervor. Die Leidenschaft Ferraris für den Motorsport steht dem purem ökonomischem Kalkül bei Ford gegenübergestellt.

    Der Film versucht ansatzweise zu vermitteln, was es benötigt um ein schnelles Auto zu bauen. Oder besser: ein Auto, das schneller ist als alle anderen. Die Rennszenen sind spektakulär und man sollte sie sich auf der großen Leinwand nicht entgehen lassen. Optisch gibt der Film einiges her. Eine Einstellung ist schöner als die andere (Kamera: Phedon Papamichael). Durch die Mischung aus Rennsport und Drama kann Le Mans 66 (wie schon Rush, 2013) ein großes Publikum begeistern. Gerade wegen des tragischen Schicksals von Miles, der 1966 seine erfolgreichste Saison fuhr. Selbst wenn man sich vor und nach den 2 1/2 Stunden nicht für Autos interessieren mag, macht der Film durchaus Spaß. Mit seinen 4 Oscar Nominierungen (auch Bester Film, allerdings keine Nominierung für Bale) gehört er aber eher in die Kategorie lucky-to-be-there.

    JAMES MANGOLD | LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE (OT: Ford v Ferrari) | USA 2019 | 153 MIN | [usr 4]


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    ▶︎ JOJO RABBIT

    ▶︎ 1917

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  • JOJO RABBIT ★★★★½

    JOJO RABBIT ★★★★½

    Das war so nicht zu erwarten. Taika Waititis JoJo Rabbit ist eine Nazi-Persiflage, die nicht nur außerordentlich komisch ist, sondern noch dazu auf inhaltlicher Ebene überzeugt. Ob man über die Nazigräuel lachen darf, wurde schon oft diskutiert. Wer es nicht kann, sollte von dem Film die Finger lassen. Die es können, werden vor Lachen fast vom Kinosessel fallen und gleichzeitig zutiefst berührt sein, von der Geschichte über einen kleinen Nazi-Jungen.

    Johannes „JoJo“ Betzler (Roman Griffin Davis) ist ein Hasenfuß, gerade einmal zehn Jahre alt und verliebt in Hakenkreuze. Ein überzeugter Nazi. Die Aufnahme in die Hitlerjugend, ein großer Traum. Seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) verfolgt eine andere Agenda, die aber anfangs im Dunkeln bleibt. Jojo hat zwei beste Freunde. Einer davon ist Adolf Hitler (Taika Waititi), den er sich stets an seine Seite imaginiert. Sam Rockwell als Nazi Hauptmann Klenzendorf, Rebel Wilson als Fräulein Rahm und Tomasin McKenzie (bekannt aus Leave no Trace) als jüdisches Mädchen Elsa komplettieren das wunderbare Ensemble. Jojo tut alles, um ein perfekter Nazi zu sein, seine Tollpatschigkeit versperrt ihm aber den Weg zu einer Nazi-Karriere. Da macht er zu Hause eine unerwartete Entdeckung.

    Jojo Rabbit hat als Satire, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, gewichtige Vorbilder von Charlie Chaplins Der große Diktator (1940), Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein (1942) und Mel Brooks Frühling für Hitler (1968) bis zu Roberto Benignis Das Leben ist schön (1998) und Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009). Vor allem, wenn es der Darstellung der Nazis an notwendigem Ernst fehlte, hagelte es Kritik. So nun auch im Falle von Jojo Rabbit. Geschmacklosigkeiten wurden Mel Books schon 1968 vorgeworfen. Sein Drehbuch für Frühling für Hitler gewann schließlich den Oscar und der Film gilt heute als Klassiker.

    Waititi (Thor: Tag der Entscheidung , 2017) wirft mit Stereotypen jener Zeit nur so um sich, dass es eine Freude ist. Wobei halt! Jener Zeit? Unterscheiden sich die herabwürdigenden Darstellungen von Menschen jüdischen Glaubens und andere Widerlichkeiten überhaupt von jenen, wie sie heute mit leidenschaftlicher Wehemenz von so mancher Landesorganisation des Rechten Lagers verbreitet werden? Erschreckend wenig.

    Was alleinstehend einfach nur ungustiös ist, verwandelt sich aber im Kontext des Filmes in eine wunderbare Persiflage. So mag eine derartige Satire für manche auf wackeligen Beinen stehen. Sie ist jedoch ein gangbarer Weg um dem Bösen zu begegnen, ohne beim Publikum falsche Schuldgefühle hervorzurufen. Was wiederum ein Kritikpunkt an Steven Spielbergs Schindler’s Liste gewesen ist und damals nicht einmal ganz unbeabsichtigt war. Hält Jojo Rabbit nun einer kritischen Auseinandersetzung stand?

    Durch den enormen Erfolg des Filmes, so findet Waititi, tritt das Risiko, das die Produktion eingegangen ist, in den Hintergrund. Anstatt der Fox-Fanfare zu Beginn hört man „Gib mir deine Hand“ von den Beatles und dazu sehen wir viele Menschen, die ihre rechte Hand Richtung Himmel strecken. So etwas kann leicht in die Hose gehen. Das Nazi-Regime durch die Augen eines Kindes zu betrachten ist Waititi gelungen. Der Film hat Charme, Witz und beweist für eine Satire ungewöhnlichen Tiefgang. Vor allem durch den Charakter der Mutter. Scarlett Johansson ist so etwas wie das liebevolle Herz des Filmes. Nur um ihren Sohn zu beschützen, läßt sie ihn in dem Glauben, Mitglied einer überzeugten Nazi-Familie zu sein. Bis sich das Blatt wendet.

    Am Schluss setzt David Bowies Song „Helden“ dem ganzen die Krone auf: „Wir können sie schlagen für alle Zeiten.“ Der Film sagt dem Hass den Kampf an. Humor hat sich immer schon als effektive Waffe erwiesen. Der Psychiater Viktor Frankl, der drei Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte, schrieb: „Der Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung.“ Jojo Rabbit mag vielleicht überambitioniert wirken in dem Versuch Tragik und Komik zu vereinen. Am Ende sitzt man aber im Kinosessel, vollgepackt mit Emotionen, die man erst einmal für sich selbst einordnen muss. Wie oft passiert das schon?

    TAIKA WAITITI | JOJO RABBIT | USA 2019 | 108 MIN. | [usr 4.5]


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  • 1917 ★★★½

    1917 ★★★½

    Schon lange nicht hat ein Film solch geteilte Meinungen hervorgerufen, wie das Kriegsdrama 1917 von Regisseur Sam Mendes. Von einem Meisterwerk ist die Rede oder aber auch von einer großen Irrung, dass nämlich die Technik alleine in der Lage sei, die ganze Magie des Kinos heraufzubeschwören und Wahrhaftigkeit und das unmittelbare Erleben von Emotionen zu erzeugen vermag. Die Grundidee des Films besteht darin, dass die Kamera zwei Soldaten in Echtzeit zwei Stunden durch Nordfrankreich dabei verfolgt, wie sie eine lebensrettende Botschaft an die Front überbringen. Dabei soll die Illusion entstehen, der Film sei ohne Schnitt gedreht worden.

    Lance Corporal Tom Blake (Dean-Charles Chapman) bekommt von General Erinmore (Colin Firth) den Auftrag, sich auf den Weg an die Front zu machen und Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) eine Nachricht zu übermitteln. Der für den nächsten Morgen geplante Angriff soll verhindert werden, da die Briten in einen Hinterhalt der Deutschen gelangen würden. Dies könnte bis zu 1600 Mann das Leben kosten. Blake macht sich gemeinsam mit Lance Corporal William Schofield (George MacKay) auf den Weg.

    Die beiden Soldaten bewegen sich durch das verwüstete Niemandsland hinter der Front. Es ist eine dystopische Landschaft, die die zerstörende Kraft des Krieges veranschaulicht: verlassene Schlachtfelder und Schützengräben, verwaiste Gehöfte und überall Leichen. Das Szenenbild, dieser produktionsbedingt sehr großen 360° Sets, ist eine der herausragenden Leistungen von 1917. Gedreht wurde ausschließlich bei bedecktem Himmel, um Kontinuität beim Licht zu erhalten. Dadurch erhält der Film einen kühleren Look, der Kälte suggeriert, obwohl eigentlich Sommer ist.

    Mendes und sein Kameramann Roger Deakins wenden eine Technik an, wie sie schon bei Alejandro Ganzález Iñárritu in seinem Best Picture Gewinner Birdman zum Einsatz kam. Die Kamera begleitet die Protagonisten scheinbar ununterbrochen. Zu Beginn sind noch Momente, die einen Schnitt ermöglichen auszumachen, aber irgendwann sieht man sie nicht mehr. Schier endlose Kranfahrten (oder ist es doch ein E-Motorrad?) ziehen sich durch den gesamten Film. Die Kamera schwebt, dreht sich im Kreis, steigt in die Höhe und stürzt hinab. Es ist ein regelrechtes Ballett, das Deakins hier veranstaltet und immer wieder findet er trotz der ständigen Bewegung diese schönen Bilder, wenn die Kamera einmal irgendwo verharrt. Das ist Kameratechnik in einer Perfektion, wie man sie nur selten zu sehen bekommt.

    Die Handlung selbst erstreckt sie allerdings über gut 10 Stunden. Die Realzeit stand für Mendes, der hier Aufzeichnungen aus dem Familienarchiv verarbeitet, also nicht im Vordergrund. Sein Ziel war vielmehr, durch die scheinbar ununterbrochene Szenerie ein Gefühl der unmittelbaren Nähe zu den Hauptdarstellern zu vermitteln. Mitten drin, statt nur dabei sozusagen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das etwas verwirrend. Beim Ansehen ist das aber kein großes Problem und da gibt es zwei Zugänge.

    Entweder man lehnt sich zurück und sieht sich den Film an, ohne sich groß Gedanken zu machen. Die tollen Aufnahmen werden aber nicht das intensive Kinoerlebnis ermöglichen, wie zum Beispiel zuletzt bei Christopher Nolans Dunkirk. Ein Spannungsbogen mag sich nämlich nicht entfalten. Einem kinoaffinen Publikum wird eine solche Betrachtungsweise aber ohnehin nur schwer möglich sein. Es stellt sich nämlich über die zwei Stunden immer wieder die selbe Frage: Wie haben die das nur gemacht? Es ist die Form, der sich hier alles unterordnen muss.

    Formale Experimente dieser Art gehen bis auf Alfred Hitchcock zurück, der 1948 in seinem Film Cocktail für eine Leiche (OT: Rope) auf (sichtbare) Schnitte verzichtete. Es ist aber erst das Wissen um einen richtigen One-Shot, das der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene beschert. Bei Sebastian Schippers Victoria (2015) ist das der Fall. Nichts führt allerdings daran vorbei, was sich an einem Morgen im Dezember 2002 in der Eremitage in Sankt Petersburg ereignete. Aleksandr Sokurovs Russian Ark vollzog den One-Shot in einer nie dagewesenen Eleganz und Perfektion, eingefangen von Kameramann Tilman Büttner.

    Nun also ein Kriegsfilm. 1917 ist ein technisches Meisterwerk. Technik kann manchmal auch langweilen. Der Academy war das trotzdem 10 Oscar-Nominierungen wert. Neben fast allen technischen Kategorien auch die zwei wichtigsten Preise: Regie und Film. 1917 gilt als Favorit. Dass der Film in der Kategorie Schnitt nicht berücksichtigt wurde, ist aber nur konsequent.

    SAM MENDES | 1917 | UK/USA 2019 | 110 MIN. | [usr 3.5]


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  • KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE ★★★★

    KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE ★★★★

    Das neue Jahr startet mit einem der unterhaltsamsten Filme der letzten Zeit. Von Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson kommt ein klassischer Whodunit in die Kinos, der ständig falsche Fährten legt und uns von einer überraschenden Wendung zur nächsten stolpern läßt. Der Krimi Knives Out macht kein Geheimnis daraus, wo die großen Vorbilder liegen und punktet mit einem exzellenten Ensemble, einem feinen Setdesign und einer sanften Modernisierung des Themas.

    Harlan Thrombey (Christopher Plummer) ist ein erfolgreicher Krimiautor und er ist tot. Mit einer durchschnittenen Kehle liegt er am Morgen nach seiner großen Party zum 85. Geburtstag in seinem Zimmer unter dem Dach seiner feudalen gotischen Villa. Seine gesamte Familie profitierte von seinem Erfolg und Reichtum und alle sind sie tatverdächtig. Da wären seine Tochter Linda (Jamie Lee Curtis), ihr herrlich unsympathischer Ehemann Richard (Don Johnson) und deren Sohn Ransom (Chris Evans). Sohn Walt (Michael Shannon) ist für die Vermarktung zuständig und der Enkel Jacob (Jaeden Martell) ist ein kleiner Nazi. Wanetta Thrombey (K. Callan) ist Harlans Mutter, von der niemand weiss, wie alt sie ist. Zugegen sind weiters eine Schwiegertochter (Toni Collette), die Haushälterin (Eid Patterson) und Harlans Pflegerin Marta Cabrera (Ana de Armas). Zwei Cops (LaKeith Stanfield und Noah Segan) sollen klären, ob es sich um Selbstmord handelt. Ihnen zu Seite steht der Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig). Die Frage danach, wer ihn angeheuert hat, wird das Publikum über weite Strecken des Films beschäftigen.

    Marta, die Einwandererin, ist die gute Seele, von allen „geliebt“ und zwar so sehr, das niemand so richtig weiß, aus welchem Land sie eigentlich stammt. Jedenfalls war sie die engste Vertraute des Verblichenen und rückt bald ins Zentrum der Erzählung. Ana de Armas ist erstmals in einer derart tragenden Rolle zu sehen und meistert ihre Aufgabe umgeben von zahlreichen Schauspielschwergewichten bravourös. Chris Evans tritt erst relativ spät ins Geschehen ein und wird so unweigerlich als der heimliche Star präsentiert. Angesichts seiner Kolleginnen ist das zum Schmunzeln. Seine Rolle als Captain America hat ihm nunmal den Status eines Superstars verpasst. Die große Überraschung ist Jamie Lee Curtis. Ihre Darstellung der smarten Geschäftsfrau sticht am meisten hervor. Daniel Craig beweist nach Logan Lucky mit seinem Charakter neuerlich Humor und gibt trotzdem einen stilvollen Detektiv ab. Und keine Sorge: Schauspielgigant Christopher Plummer hat in zahlreichen Rückblenden genügend Auftritte.

    Über den Verlauf der Geschichte behält man am besten Stillschweigen. Ausstattung und Kostümdesign sind mit Liebe zum Detail ausgeführt und tragen zur stimmigen Transferierung des Themas in die Gegenwart bei. Es ist nur so, dass Anfangs noch alle Familienmitglieder als verdächtig gelten müssen, die Handlung jedoch zu schnell die ein oder andere Figur links liegen läßt. Selbst wenn man ahnt, in welche Richtung die Reise geht, so ist uns Regisseur Johnson jedoch immer einen Schritt voraus. Neben dem Whodunit Thema läßt der Regisseur auch immer wieder gesellschaftskritische Elemente einfließen, die nicht zuletzt in der Rolle der Krankenpflegerin Marta zusammenlaufen.

    Warum uns Knives Out so überrascht? Weil gerade im Unterhaltungskino derzeit das Mittelmaß regiert. Aktuelle Agathe Christie Neuverfilmungen sind Durchschnittsware und darüber hinaus sind klassische Wodunit-Krimis selten geworden. Dabei können sie doch so unterhaltsam sein. Das beweist Rian Johnson gerade mit seinem kniffligen Drehbuch. Es ist nichts Neues aber offenbar haben wir das Genre vermisst. Die Kombination von Ratekrimi, schwarzem Humor und exzellenten Darstellerinnen ist eine unwiderstehliche. Und welch Ironie, so es das Publikum möchte: „Benoit Blanc will return“.

    RIAN JOHNSON | OT: KNIVES OUT | USA 2019 | 130 Min. | [usr 4]


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  • DIE ZWEI PÄPSTE ★★★★½

    DIE ZWEI PÄPSTE ★★★★½

    Im Vatikan gibt es immer genügend Fanta auf Vorrat. Es ist das Lieblingsgetränk des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Mit seinem Rücktritt hat der Papst im Jahr 2013 die ganze Welt überrascht. Der letzte Papst davor trat vor rund 500 Jahren zurück. Meist passierte das auf Druck von außen und nicht alters- oder gesundheitsbedingt. Benedikt XVI ist der zweite Papst, der freiwillig zurückgetreten ist, in der immerhin 2000 Jahre andauernden Geschichte des Pontifikats. So begibt es sich nun, dass im Vatikan zwei Päpste miteinander Fanta trinken können. Wieviel Leidenschaft bei seinem Nachfolger Franziskus dahinter steckt, ist nicht überliefert. So der so bietet diese außergewöhnliche Situation die Grundlage für Fernando Meirelles neuen Film Die zwei Päpste.

    Die Handlung fokussiert sich auf das Jahr 2012, als Kardinal Jorge Bergoglio von Argentinien nach Rom reist, um dem Papst seinen Rücktritt anzubieten. Gesundheitlich angeschlagen, ist dies nicht unüblich, um einer möglichen Wahl zum Papst zuvorzukommen. Beim der letzten Konklave im Jahr 2005 erhielt Bergoglio laut Insiderinformationen (das Wahlergebnis ist geheim) 40 der 115 Stimmen. An sich galt seine Wahl als eher unwahrscheinlich, auch wegen des hohen Alters (Zur Zeit seiner Wahl war Bergoglio 76 Jahre alt und somit nur 10 Jahre jünger als Benedikt XVI). Außerdem wusste auch Bergoglio noch nichts von Papst Benedikts großen Plänen.

    Benedikt hält seinen Besucher hin und möchte das Ansuchen partout nicht unterschreiben. Aus dem kurzen Besuch wird eine längere Begegnung, bei der sich die Beiden über Tage austauschen und ihre Positionen in Glaubensfragen diskutieren. In Die zwei Päpste vermischen sich dabei Realität und Fiktion. Allerdings wird der Film nur selten unglaubwürdig und stützt sich auf bekannte Positionen, Aussagen und Insiderwissen. Grundlage ist der Roman Die zwei Päpste: Franziskus und Benedikt und die Entscheidung, die alles veränderte von Antony McCarten, der auch das Drehbuch zum Film verfasst hat.

    Der Film thematisiert, wenn auch teilweise nur kurz, die großen Probleme der katholischen Kirche der letzen Jahre, wie den Kindesmissbrauch oder den Skandal um die Vatikanbank. Der Jesuit Bergoglio ist ein großer Zweifler seiner selbst und in Rückblenden sieht man woher diese kommen. Nicht restlos geklärte Verstrickungen mit der Junta während der Militärdiktatur in Argentinien lasten auf seinen Schultern.

    Getragen wird der Film aber von seinen formidablen Hauptdarstellern. Anthony Hopkins als Benedikt und Jonathan Pryce als Bergoglio geben ein traumhaftes Duo ab. Beide gehen ganz in ihren Rollen auf. Pryce hat nie die Anerkennung erfahren, die ihm zusteht und ist hier in der Rolle seines Lebens zu sehen. Hopkins knüpft an seine großen Erfolge an, die bereits lange zurück liegen. Es ist eine Freude, den beiden bei ihrem pointierten Schlagabtausch zuzuhören.

    In der Originalversion sprechen die beiden Englisch miteinander. Auch sonst legte Regisseur Meirelles Wert darauf, das Sprachengemisch, in dem wir leben, möglichst realistisch darzustellen. So gibt es Passagen auf Deutsch, Latein, Spanisch und Latein. Selbst in der deutschen Fassung ist der Film daher nicht vollständig synchronisiert. Das und eingeschobenes Archivmaterial verleihen dem Film eine große Authentizität.

    Die zwei Päpste ist unterhaltsam und auf eine gewisse Weise spannend zugleich. Auch wenn die Ereignisse und Positionen rund um dem Rücktritt selbst weniger Interessierten bekannt sein dürften, gibt der Film einen Einblick in ein Amt, das keiner inne haben möchte und versucht den Menschen hinter den dicken Mauern des Vatikans näher zu kommen. Netflix ist in diesem Jahr zum wiederholten Mal ein Glücksgriff gelungen, wobei man schon davon sprechen muss, dass System dahinter steckt, hochqualitative Unterhaltung zu produzieren.

    Die zwei Päpste (OT: The two Popes) | Fernando Meirelles | UK/USA/IT/ARG | 126 Min. | [usr 4.5]


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  • ICH HABE MEINEN KÖRPER VERLOREN ★★★★

    ICH HABE MEINEN KÖRPER VERLOREN ★★★★

    Ein amputierte Hand auf der Suche nach einem Körper. Obwohl der Aufwand zum Netflixen ungemein kleiner ist als ein Kinobesuch, schnappt man sich bei so einem Intro wohl trotzdem nicht gleich die Fernbedienung. Aber aufgepasst! Es könnte sich hierbei um den kommenden Oscar-Preisträger handeln. Wiedereinmal versteckts sich ein Filmjuwel auf einer Streaming Platform. Der wunderbare Animationsfilm I Lost My Body von Jérémy Clapin zeigt, welche visuelle Kraft eine gute Geschichte entwicklen kann – egal wie absurd sie im ersten Moment erscheinen mag.

    Naoufel, ein schusseliger Pariser Pizzabote, verliebt sich über eine Gegensprechanlage in die Stimme von Gabrielle. Er versucht schließlich ihr über Umwege näher zu kommen. Erinnerungen an einen Unfall in seiner Kindheit sind dabei allgegenwärtig. Und dann wäre da noch diese Hand, die sich auf eine abenteuerliche Reise begibt. Die Geschichte überschreitet die Grenzen von Romanze und fantastischem Film und irgendwie ergibt das am Ende alles einen Sinn.

    Ausgezeichnet mit dem Critics‘ Week Grand Prize in Cannes 2019.

    JÉRÉMY CLAPIN | OT: J’AI PERDU MON CORPS, engl.: I LOST MY BODY | F 2019 | 81 Min. | [usr 4]


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  • DIE EISKÖNIGIN 2 ★★★½

    DIE EISKÖNIGIN 2 ★★★½

    Wer nicht erlebt hat, wie seine Tochter im Winter während der Autofahrt ihre Hände aus dem Fenster streckt, damit sie fast abfrieren, hat keine Ahnung davon, was Die Eiskönigin für Mädchen in den letzten Jahren bedeutet hat. Als Jennifer Lee 2014 als erste Regisseurin eines Disney Animationsfilmes gemeinsam mit ihrem Partner Chris Buck für Die Eiskönigin mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, war das für die Geschichte der Animationssparte der Walt Disney Company eine Zäsur. Jahrzehntelang bestimmten Mickey Mouse, Donald Duck & Co die Geschicke des Konzerns. Allerdings rückten die legendären Trickfiguren immer mehr in den Hintergrund. Kinder von heute kennen weder Pluto noch Tick Trick und Track. Die Disney Prinzessinnen wurden längst als Rolemodels vermarktet, als die Schwestern Elsa und Anna zu ihnen stießen und alles in den Schatten stellten. Sie lösten einen nie dagewesenen Fankult aus. Buben hatten mit Cars schon seit ein paar Jahren ihre Helden in Form von Autos. Nun waren die Mädchen dran. Schultaschen und Stifte, Kleider und Unterhosen, Bettdecken und Geschirr: Das Konterfei, vor allem von Elsa, war von nun an aus keinen Kinderzimmer mehr wegzudenken. Die Eiskönigin ist bis heute der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten (wenn man von The Lion King absieht). Ein Überraschungserfolg für den Disney Konzern.

    Die Kombination aus starken Charakteren, einer perfekt animierten und traumhaft schönen Winterlandschaft und einem einprägsamem Soundtrack zum Mitsingen, boten den Rahmen für den ersten Teil, erzählt frei und kindergerecht nach Hans Christian Andersen. Nicht Anna, die wahre Heldin des Films, wurde zum Liebling der Kinder, sondern ihre Schwester Elsa, die nicht sonderlich sympathische Eiskönigin mit magischen Kräften. Genau um diese magischen Kräfte geht es nun in der Fortsetzung.

    In der Tonart schlägt Die Eiskönigin 2 neue Wege ein. Es ist etwa so, als wäre die Geschichte mit dem kleinen Publikum mitgewachsen. Der Film ist düsterer geworden, wie es schon der Trailer angekündigt hatte. Elsa versucht dem Ursprung ihrer magischen Kräfte nachzugehen. Dafür begibt sie sich mit Anna, Kristoff, Olaf und dem Rentier Sven auf eine Reise durch eine bildschöne Herbstlandschaft. Dabei vergißt das Produktionsteam nie, was den Erfolg des ersten Teils ausmachte. Rückblenden und Verweise auf den Vorgänger ziehen sich durch die Geschichte, die nun drei Jahre später angesiedelt ist. Das Element Wasser dient als Brücke in die Vergangenheit, denn Wasser, so die Prämisse, vergißt nicht. Die Idee, Elsas Schicksal über ihre Eltern und den Großvater aufzurollen, ist durchaus geglückt. Allerdings ist der Weg dorthin lang und ist zumindest für ein älteres Publikum weit weniger spannend als Teil 1. Wobei das größte Defizit von Die Eiskönigin 2 das gänzliche Fehlen von Ohrwürmern ist. Einzig Elsas zentraler Song mach vielleicht noch als solcher durchgehen aber ist beim Schreiben dieser Zeilen auch schon wieder vergessen.

    Dem Regieduo wurde offenbar freie Hand bei der Entwicklung der Fortsetzung gewährt. Das ist dem Film auch anzumerken, weil er eben kein Aufguss des ersten Teils ist und man nicht den Eindruck bekommt, hier wolle man einfach nur noch einmal abzucashen (Wobei das so nebenbei sehr wohl geglückt ist. Das Einspielergebnis der ersten Tage an der Kinokassa war fulminant). Einzig die Magie fehlt und mitzureißen vermag der Film auch nicht. Und wer erklärt unseren Töchtern wieder einmal, dass man im Winter nicht im dünnen Kleidchen herumlaufen kann?

    DIE EISKÖNIGIN 2 (OT: FROZEN 2) | CHRIS BUCK/JENNIFER LEE | USA 2019 | 103 Min. | [usr 3.5 ]


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  • MARRIAGE STORY ★★★★½

    MARRIAGE STORY ★★★★½

    In Noah Baumbachs Marriage Story ist die Scheidung eine Zeit des emotionalen Ausnahmezustands. Ein Verlust ohne Tod. Es dauert, bis beide Seiten realisieren, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war und die Erinnerungen von der Realität verdrängt werden. Baumbach führt uns nicht nur vor Augen, wozu Menschen fähig sind, wenn die Liebe zwischen ihnen verschwunden ist, sondern konfrontiert uns selbst mit Fragen, die wir eigentlich nicht gestellt bekommen möchten. Wie weit würden wir gehen, um unsere eigenen Interessen im Zuge einer Scheidung durchzusetzen? So weit, bis wir uns selbst nicht mehr Wiedererkennen?

    Dabei beginnt alles sehr unterhaltsam. Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) lesen Beschreibungen über den jeweils anderen vor. Es sind liebevolle Beobachtungen über Stärken und kleine Macken. Man wähnt sich in einer romantischen Komödie. Das täuscht natürlich. Marriage Story beginnt mit dem Ende. Dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Die aus dem Off vorgetragenen Charakterisierungen waren die Idee des Paartherapeuten. Diese Einführung ermöglicht es uns aber, die beiden Protagonisten kennenzulernen und gleich in die Geschichte einzutauchen. Umso erschütternder ist das was kommt, sind uns die beiden in wenigen Minuten doch so sympathisch geworden.

    Nicole und Charlie leben in New York. Sie ist Schauspielerin und er Theaterregisseur. Als Nicole ein Angebot zum Vorsprechen in Los Angeles bekommt, nimmt sie ihren Sohn Henry mit. Eines Tages übergibt sie Charlie dort die Scheidungspapiere. Der Zuseher weiß nicht gleich, was das bedeutet. Doch bald stellt sich heraus, dass es entscheidend ist, in welchem Bundesstaat die Dokumente übergeben werden. Nicole möchte nach Los Angeles ziehen – für immer. Ohne Charlie aber mit ihrem Sohn. Hinter dieser Strategie steckt Nora (Laura Dern), eine mit allen Wassern gewaschene Scheidungsanwältin. Ihr gegenüber: der schmierige Scheidungsprofi Jay (Ray Liotta). Obwohl vereinbart war, keine Anwälte ins Spiel zu bringen, ziehen Nicole und Charlie voll bewaffnet vor Gericht. In Marriage Story kann man beobachten, wie sich eine Scheidung Menschen verändert und sie Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht tun möchten aber tun müssen, um ihre Interessen durchzusetzen. Eine Spirale der Eskalation. Eine von außen durch die Scheidungsindustrie verordnete Eskalation.

    Die Darsteller übertreffen sich gegenseitig, die Musik von Randy Newman bleibt in Erinnerung. Mal ist das ganze komisch und dann wieder niederschmetternd und am Ende, wenn Charlie genau den Text vom Beginn des Films nochmals vorliest, rührt uns das Schicksal der beiden zu Tränen. Es wäre leicht, in dieser Geschichte die Positionen klar zu verteilen und uns Stellung beziehen zu lassen. Doch genau das tut Baumbach nicht. Man ist hin und her gerissen, wenn es darum geht, Sympathien für die beiden Hauptdarsteller zu verteilen oder sich gar auf eine Seite zu schlagen. Das möchte einfach nicht gelingen und hinterläßt das Publikum mit einer tristen Ratlosigkeit. So tief geht der Film in der Charakterzeichnung. Marriage Story ist eine Drama der Entfremdung und hat das Zeug ein echter Klassiker zu werden.

    Derzeit im Kino. Ab 6.12.2019 bei Netflix.

    MARRIAGE STORY | NOAH BAUMBACH | USA 2019 | 136 Min. | [usr 4.5]


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  • THE IRISHMAN ★★★★½

    THE IRISHMAN ★★★★½

    Manche Filme stehen im Schatten von Diskussionen, die eigentlich mit ihnen selbst nichts zu tun haben. Und sie wiederholen sich. So ist es auch bei The Irishman der Fall. Der Film kommt nun nach 12 Jahren der Entwicklung für kurze Zeit in die Kinos. Kein klassisches Hollywoodstudio wollte den Film produzieren. Daher kaufte die Streaming Plattform Netflix die Rechte und ließ Martin Scorsese freie Hand. Es wurde nicht nur sein längster Film, sondern auch sein teuerster und einer seiner bedeutendsten, in seiner 50 Jahre umfassenden Karriere. Lange Entstehungsprozesse verheißen meist nichts Gutes. Mit The Irishman verhält es sich anders.

    Der Ire heisst Frank Sheeran (Robert De Niro). Geboren 1920, arbeitete er Anfangs als LKW-Fahrer und geriet dadurch mit der Bufalino Crime Family, einer Mafiaorganisation, in Kontakt. Das Familienoberhaupt Russell Bufalino (Joe Pesci) wurde zu seinem Mentor. Der loyale Sheeran erledigte für die Familie immer wieder Aufträge und kam schon in jungen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt. Bufalino machte Sheeran mit dem umstrittenen Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) bekannt und die beiden wurden Freunde. Mafia und Gewerkschaft waren zu dieser Zeit eng verstrickt. Konkurrierenden Mitbewerbern wurde das Leben schwer gemacht. Wirtschaftliche Interessen und Macht standen im Vordergrund. Eines Tages erteilt Bufalino Sheeran einen heiklen Auftrag.

    Im Jahr 1992 verfilmte Danny DeVito in Hoffa das Leben von Jimmy Hoffa mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Der Film wurde sehr zwiespältig aufgenommen, unter anderem deswegen, weil er sich nicht entscheiden konnte, ob Hoffa nun ein Gewerkschafter oder doch mehr Gangster war. Sein plötzliches Verschwinden 1975 war damals noch ein völliges Mysterium. Die Umstände sind bis heute nicht vollkommen geklärt. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 gestand Sheeran jedoch dem Strafverfolger Charles Brandt, dass er Hoffa ermordet hatte. Die Aufzeichnungen seines Geständnisses sind unter dem Titel I Heard You Paint Houses: Frank „The Irishman“ Sheeran and Closing the Case on Jimmy Hoffa erschienen und dienten Martin Scorsese als Grundlage für seinen Film. Nach so langer Zeit ist eine restlose Aufklärung nicht mehr wahrscheinlich. Auch wenn das Geständnis von Sheeran höchst umstritten ist, so sprechen Indizien sehr wohl dafür, dass der Irishman für den Mord verantwortlich war. Für den Film macht das aber so oder so keinen Unterschied.

    The Irishman ist ein Stück Filmgeschichte. Scorsese reflektiert und dekonstruiert seine eigenen Gangsterfilme, indem er das Heldentum der Mobster in Frage stellt. Die eigenen Kinder verachten sie. Ihre Väter haben im Hintergrund die Geschicke der USA mitbestimmt aber am Ende wird sich herausstellen, dass sich heute niemand mehr an sie erinnert.

    Darüber hinaus setzt er Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci ein filmisches Denkmal. In der einen oder anderen Konstellation standen sie bereits gemeinsam vor der Kamera (Pacino nun erstmals unter der Regie von Scorsese). Hier wirken ihre Auftritte wie ein Rückblick über deren gesamtes schauspielerisches Schaffen. Nicht zuletzt wegen der beindruckenden Computereffekte, mit denen Scorsese mit 76 Jahren noch einmal filmisches Neuland betrat und die Schauspieler digital verjüngen lies. Da ihr gesamtes Leben in den unterschiedlichsten Zeitabschnitten in den vergangenen Jahrzehnten durch ihre Rollen gewissermaßen auf Film konserviert wurde und so für das Publikum nie eine zeitliche Distanz entstehen konnte, wirkt die digitale Verjüngung um mehr als drei Jahrzehnte nicht befremdlich. Dafür sind uns ihre Gesichter zu vertraut. Das ist das revolutionäre an Scorsese epischen Gangsterfilm. In jedem Film steht eine bestimmte Zeit für die SchauspielerInnen für immer still. In The Irishman ist dieser zeitliche Aspekt zum ersten Mal aufgehoben. Wir sehen die künstlerische Arbeit von Schauspielern von mehreren Jahrzehnten in 3 1/2 Stunden. Die digitale Manipulation von SchauspielerInnen im Film wird uns noch lange beschäftigen und vor allem, wenn sie nach deren Tod passiert, immer wieder zu großen Diskussionen führen. Dabei wird sich die Frage nach den Motiven ebenso stellen, wie die nach ethischen Grundsätzen.

    Doch eines fällt auf: Während sich hier viele Männer, die Jahrzehnte lang mit den Filmen von Scorsese in Verbindung gebracht wurden, noch einmal vor der Kamera versammelten – Joe Pesci konnte nur mit großen Mühen dazu überredet werden, aus dem Ruhestand zurückzukehren – fehlen die Frauen völlig. Patricia Arquette, Lorraine Bracco, Juliette Lewis oder Sharon Stone kommen nicht vor. Nur wenige Frauen 40plus konnten sich in Hollywood an der Spitze halten. Dabei ist die Qualität der Rollenangebote genauso von Bedeutung wie die Entscheidung, sich mehr der Familie zu widmen. Debra Winger, in den 1980ern mehrfach für den Oscar nominiert, zog sich zurück (Rosanna Arquette drehte im Jahr 2002 den Dokumentarfilm Searching for Debra Winger und setzt sich genau mit diesem Thema auseinander.) Die Karriere von Kathleen Turner, in den 1980ern eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Hollywoods, war in den 1990ern auch schon wieder zu Ende. Susan Sarandon, Oscar Preisträgerin, 5-fach nominiert. Helen Hunt, Oscar Preisträgerin. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Noch nie war die Absenz des weiblichen Hollywood so stark zu spüren wie in The Irishman. Einzig Anna Paquin, sie erhielt mit 11 Jahren einen Oscar für ihre Rolle in Das Piano, hat als Sheerans Tochter einen nennenswerten Auftritt.

    18 Monate nach dem Ende der Dreharbeiten feierte Scorseses Langzeitprojekt nun Ende September beim New York Film Festival Premiere. Von vielen Kinobetreibern werden Netflix Produktionen boykottiert. So auch von der Kette Cineplexx, dem österreichischen Marktführer. Das wirkt sich hierzulande somit dramatisch auf das Angebot aus. Auch wenn der Film bereits ab 27. November 2019 in den Wohnzimmern abrufbar ist, lohnt sich der Kinobesuch. Nicht nur wegen der großen Leinwand, sondern auch wegen der Länge, bei der zu Hause ein ungestörter Filmgenuss eher zweifelhaft erscheint.

    THE IRISHMAN | MARTIN SCORSESE | USA 2019 | 209 Min. | [usr 4.5]


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  • PARASITE ★★★★½

    PARASITE ★★★★½

    Im vergangenen Jahr besaßen 26 Menschen genauso viel, wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Das sind bekanntlich rund 3,8 Milliarden Menschen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird weltweit wieder größer, das berichtet die Hilfsorganisation Oxfam. In den zehn Jahren nach der Finanzkrise hat sich die Zahl der Milliardäre nahezu verdoppelt. Ihre Vermögen wachsen um 2,5 Milliarden US-Dollar. Täglich.

    Der südkoreanische Filmemacher Bong Joon-ho (Snowpiercer, The Host, Okja) lässt in seinem neuesten Film Parasite zwei Familien aufeinandertreffen, die genau aus entgegengesetzten sozialen Schichten kommen. Die Familie Kim lebt in einer Wohnung im Souterrain. Der Vater, seine Frau, Tochter und Sohn verdingen sich mit Gelegenheitsjobs wie Pizzakartons falten, was offensichtlich nicht zu ihren Stärken zählt. Das WLAN klaut man bei den Nachbarn. Die Parks wiederum leben in einem Designerhaus. Auch ein vier Personenhaushalt. Der Vater ist hier ein erfolgreicher Geschäftsmann. Die Leere der Räume des großen Hauses setzt sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen fort. Von einer Geselligkeit wie bei den Kims ist ihr nichts zu spüren. Die kühlen Beziehungen, vermischt mit dem Setdesign, rufen Erinnerungen an so manchen österreichischen Film hervor.

    Das ist die Ausgangslage für Bongs Drama, das sich bald keinem Genre mehr zuschreiben lassen wird. Die einzige Möglichkeit, dass zwei so unterschiedliche Familien aufeinandertreffen, ist ein Arbeitsverhältnis. Der bauernschlaue Sohn Ki-woo der Familie Kim tritt als Nachhilfelehrer der Tochter in das Leben der Parks. Als die auch eine Therapeutin für sie suchen, hat Ki-woo eine Idee. Mehr soll hier über den Inhalt nicht verraten werden. Das wünscht sich der Regisseur so und garantiert eine der spannendsten und aufregendsten Kinoerfahrungen der letzten Jahre.

    Parasite ist unheimlich komisch – wenn man in der Originalfassung nicht darauf vergisst, die Untertitel zu lesen. Der Film funktioniert nämlich ohne Sprache über weite Strecken auch sehr gut. Dabei weiß man nie, ist die nächste Szene zum Lachen oder doch eine der schockierenden Wendungen. Damit spielt Bong für mehr als zwei Stunden, bis zur allerletzten Szene.

    Die Goldene Palme hat Bong Joon-ho in diesem Jahr schon erhalten. Sozialkritische Stoffe sind gerade sehr gefragt (siehe auch Joker). Für den Auslandsoscar gilt Parasite als Fixstarter und darüber hinaus sind Nominierungen für Beste Regie, Bester Film und Bestes Drehbuch nicht unwahrscheinlich. Filme kurz nach dem Filmstart einzuordnen ist schwer. Allein schon wegen des Drehbuchs, das in Zukunft wohl noch viele FilmstudentInnen beschäftigen wird, kann man hier trotzdem von einem Ausnahmefilm sprechen. Eine schamlose, grausame und sarkastische Tragikomödie voller dramatischer Überraschungen – es ist der beste Film, der in diesem Jahr bis jetzt angelaufen ist und wir haben immerhin schon Oktober.

    BONG JOON-HO | KOR 2019 | 132 Min. | [usr 4.5]


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