Schlagwort: Oscar Radar

  • QUO VADIS, AIDA? ★★★★

    QUO VADIS, AIDA? ★★★★

    Bis 28. April verfügbar auf der Seite des

    goEast> Filmfestival

    Es gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem 2. Weltkrieg. 2020 jährte sich das Massaker von Srebrenica zum 25. Mal. Die Regisseurin Jasmila Žbanić zeigt die Tage rund um das Massaker aus der Perspektive der Lehrerin und Dolmetscherin Aida. Die internationale Koproduktion mit der Beteiligung von coop99 und dem Film und Fernsehabkommen des ORF wurde auch vom Filmfonds Wien unterstützt. Quo Vadis, Aida? lief im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig und ist bei den Oscars 2021 als Bester Fremdsprachiger Film nominiert. Polyfilm bringt den Film voraussichtlich kommenden Sommer in die österreichischen Kinos.

    Darum geht es

    Es ist Juli 1995. Der Krieg am Balkan dauert nun schon über drei Jahre an. Die bosnisch-serbische Armee hat die Kontrolle über die Republik Bosnien und Herzegowina übernommen. Es sind die Tage und Stunden vor dem Massaker von Srebrenica, bei dem über 8000 Bosniaken ermordet wurden. Das Verbrechen wurde unter der Führung von Ratko Mladić von der Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs verübt. 

    Die Lehrerin Aida (Jasna Đuričić) ist als Übersetzerin in der UN-Schutzzone tätig. Der niederländische Offizier Thomas Karremans (Johan Heldenbergh) hat das Kommando über die leicht bewaffnete Schutztruppe der Vereinten Nationen. Die Lage ist sowohl für die Schutzbedürftigen als auch die Soldaten prekär, da die Versorgungslinien abgeschnitten wurden. Aida versucht ihre Familie, die vor einem UN-Stützpunkt auf Einlass wartet, in Sicherheit zu bringen. Als Übersetzerin ist sie anwesend bei den Verhandlungen zwischen der UN und Mladić (Boris Isakivić). Sie weiß längst, das der General die Staatengemeinschaft an der Nase herumführt.

    Als die feindliche Armee näher rückt, fordert Karremans Verstärkung an. Diese wird von der Generalversammlung nicht gewährt. Die Soldaten können nur tatenlos zusehen, wie tausende Menschen unter dem Kommando von Mladić in Bussen abtransportiert werden.

    Paramilitärische Einheiten fordern Einlass in die UN-Schutzzone (Quo Vadis, Aida?)

    Kommentar

    Aida ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Schon Tage vor dem 11. Juli 1995 scheint klar zu sein, welche Katastrophe sich in der Kleinstadt Srebrenica anbahnt. Tausende Menschen sind seit Tagen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen werden von der Armee der Republika Srpska und deren Handlanger abgefangen. Der Präsident der Republik Srpska Radovan Karadžić hatte den Befehl gegeben, die Region auszuhungern. Die Rolle der UN-Einheit unter dem Kommando von Thomas Karremans ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Klar ist, dass sie gegen einen Angriff der Armee nicht gerüstet waren. Von Mladićs Schergen angefertigte Videoaufnahmen belasten die UN jedoch schwer. Das Nichteinschreiten der Vereinten Nationen hat den Ruf der Institution nachhaltig beschädigt.

    Die Kamera ist bei General Mladić für Propagandazwecke immer mit dabei. Am Ende der Dokumentation Himmel über Srebrenica (YouTube-Link), stossen der UN-Offizier Karremans und Mladić mit einem Schnaps an und verabschieden gemeinsam den Abzug der UN-Truppen. Der General kümmere sich nun selbst um die bosnischen Männer, Frauen und Kinder. In Quo Vadis, Aida kommen genau diese Szenen zwar nicht vor, doch Regisseurin Žbanić schafft es mit ihrer fast dokumentarischen Herangehensweise, das Geschehen mit einer gewissen analytischen Distanz – sofern dies überhaupt möglich ist – aufzuarbeiten. Einzig das Schicksal von Aida und ihrer Familie ermöglichen einen emotionalen Zugang.

    Der technokratische Zugang ist auf beiden Seiten gleich. Mladić verfolgt klar ein Ziel und auch die Soldaten bewegen sich keinen Millimeter weg von den Vorgaben, auch als bereits klar zu sein scheint, welche Katastrophe sich hier anbahnt und Männer in unmittelbarer Nähe des Lagers erschossen werden. Die Gräueltaten hinterlassen ihre Spuren einzig auf der Tonspur. Zeigen tut sie Žbanić nicht. Das kommt dem Film zugute, da keine Bilder dem Schrecken gerecht werden können.

    Der Umstand, dass die Hauptdarstellerin Jasna Đuričić Serbin ist, hat eine zumindest kleine Diskussion hervorgerufen. Ist gerade eine Serbin dafür geeignet, sich in das Leid der Bosniaken hineinzuversetzen? Für Đuričić sind alle Frauen gleich. Melisa Erkurt meint dazu, dass sie es gerade damals aber nicht waren. (Quelle: Falter/Erkurt, 15/21) Würde umgekehrt ein Jude einen Nazischergen spielen? Die Debatte ließe sich weiterspinnen. Nun ist Đuričić ganz klar das Herz des Filmes geworden. Die große Mehrheit des Publikums wird die Hintergründe nicht kennen und letzlich sind sie für den Film belanglos. Schließlich gibt es keine Sippenhaftung.

    Quo Vadis, Aida? ist ein Kriegsdrama, dass sich weit weg von Kampfhandlungen abspielt und die humanitäre Katastrophe in den Fokus rückt, die oft im Verborgenen bleibt. Der Wahnsinn wird auf ein Schicksal, auf eine feministische Perspektive heruntergebrochen. Eine dramaturgische Überhöhung ist nicht notwendig. Ein Film, der unter die Haut geht.

    Quo vadis, Aida?

    Drama, BIH, AT, NL, DE, u.a. 2020
    Regie/Drehbuch
    Jasmila Žbanić
    Kamera Christine A. Mayer
    Schnitt Jarosław Kamiński
    Mit Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Boris Isakivić, Johan Heldenbergh
    Länge 104 min
    Streamingplattform bis 28. April 2021 auf der Seite des goEast Filmfestival verfügbar


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  • SHAUN DAS SCHAF – UFO-ALARM ★★★½

    SHAUN DAS SCHAF – UFO-ALARM ★★★½

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    diversen Anbietern als VOD

    Die populäre Serienfigur Shaun das Schaf von Aardman Animations erlebt in Shaun das Schaf – UFO-Alarm seinen zweiten Leinwandauftritt nach dem Debüt im Jahr 2015. Den ersten Auftritt hatte die Figur 1995 im Kurzfilm Wallace & Gromit – Unter Schafen. Ursprünglich eine Nebenfigur, ist Shaun, der vor Langeweile immer auf die verrücktesten Ideen kommt, heute wohl der beliebteste Stop-Motion Charakter überhaupt. Wie schon der erste Teil wurde der Film in der Kategorie Best Animated Feature für einen Oscar nominiert.

    Darum geht es

    Eines Tages verirrt sich ein extraterrestrisches Wesen auf der Erde und landet just in Mossy Bottom. Seltsames passiert und die Scheune gerät in helle Aufruhr. Einzig der abenteuerlustige Shaun muss den eigenartigen Vorkommnissen natürlich auf den Grund gehen. Gleichzeitig ist eine geheime Spezialeinheit dem Neuankömmling dicht auf den Fersen. Als sich UFO Sichtungen häufen und die Bevölkerung immer mehr in Verzückung gerät, beschließt der Farmer einen UFO-Freizeitpark unter dem Namen Farmageddon zu eröffnen. Shaun versucht in der Zwischenzeit dem kleinen Außerirdischen mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten dabei behilflich zu sein, sein UFO zu finden, damit der zurück zu seiner Familie gelangen kann.

    Da prallen zwei Welten aufeinander.

    Kommentar

    Spätestens seit Wallace & Gromit – Alles Käse (1989) ist Aardman Animations einem breiten Publikum bekannt. Seitdem versorgt uns das Team um Peter Lord und Nick Park mit erstklassiger Stop-Motion Unterhaltung. Mit dem Verzicht auf Dialoge, dafür technischer Perfektion, liebevollen Details und allerhand Anspielungen auf die Filmgeschichte eroberte das Studio die Herzen einer großen Fangemeinde.

    Das neueste Werk Shaun das Schaf – UFO-Alarm ist da keine Ausnahme. Perfektes Timing und Verweise auf Akte-X, Odyssee im Weltraum und natürlich E.T. – Der Außerirdische sorgen nicht nur bei den Kleinsten für Lacher. Auch ein junges Zielpublikum hat sich clevere Unterhaltung verdient und das hat man bei Aardman Animations schon lange erkannt.


    Shaun das Schaf – UFO-Alarm (OT: A Shaun the Sheep Movie: Farmageddon)

    Animationsfilm, USA 2019
    Regie
     Richard Phelan, Will Becher
    Drehbuch Mark Burton, Jon Brown
    Schnitt Sim Evan-Jones
    Musik Tom Howe
    Länge 87 Min.
    Streamingplattform VOD bei diversen Anbietern


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  • DIE BUNTE SEITE DES MONDS ★★★

    DIE BUNTE SEITE DES MONDS ★★★

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    Die Globalisierung rückt thematisch vorzugsweise unter anderem dann in den Vordergrund, wenn das eigene kulturelle Habitat in Bedrängnis gerät. Im Westen sind verschiedene stilistische Einflüsse unter der nordamerikanischen Dominanz längst miteinander verschmolzen. Kooperationen mit asiatischen Produktionsfirmen brechen wiederum schnell mit unseren Sehgewohnheiten. Nun startet Netflix gemeinsam mit der chinesischen Produktionsfirma Pearl Studio einen Frontalangriff auf Disney. Das Musical Die bunte Seite des Monds nimmt ganz ungeniert Anleihen an den Grundformeln der Filme des US-Konzerns. Was passiert wäre, wenn Pink Floyd Anfang der 1970er die falschen Drogen genommen hätten, kann man in diesem für den Oscar Nominierten Animationsabenteuer bestaunen.

    Darum geht es

    Der Legende nach stieg einst die unsterbliche Chang-e als Göttin zum Mond auf, um dort auf ihren Geliebten zu warten. Es war das Lieblingsmärchen der verstorbenen Mutter des Mädchens Fei Fei. Als Fei Feis Vater eine neue Verlobte nach Hause bringt, beschließt sie, dem Märchen auf den Grund zu gehen und die Existenz Chang-es zu beweisen. Es gelingt ihr, eine Rakete zu konstruieren. Auf dem Flug zum Mond muss sie erkennen, dass sich ihr nervender Stiefbruder Chin mit an Board geschlichen hat. Dessen Gewicht hatte Fei Fei nicht mit einberechnet. Die Rakete droht abzustürzen. In letzter Sekunde werden sie aber von einem Lichtstrahl erfasst und auf den Mond transportiert. Von riesigen löwenartigen Mondgeistern werden sie nach Lunaria auf der Rückseite des Mondes gebracht. Dort treffen sie tatsächlich auf Chang-e und allerhand bunter Wesen.

    DIE BUNTE SEITE DES MONDS – (L-R) „Gobi“ (Stimme: Ken Jeong) und „Fei Fei“ (Stimme: Cathy Ang). Cr. NETFLIX © 2020

    Kommentar

    Animationstechnisch ist Die bunte Seite des Monds schlicht überwältigend. Schrill und knallbunt präsentiert sich uns die Rückseite des Monds. In Kombination mit K-Pop Einlagen mag das zuerst einmal gewöhnungsbedürftig sein. Die Storyline ist jedenfalls klar. Das bei Disney und in Märchen generell beliebte Motiv der toten Mutter und einer trauernden Protagonistin bringt hier einiges ins Rollen und ist die Grundmotivation Fei Feis. Auf ihrer Reise begleiten sie allerhand pointenschleudernde Sidekicks. Das hundeähnliche Wesen Gobi erinnert stark an den Schneemann Olaf aus Die Eiskönigin.

    Es geht ganz schön flott zu. Das kosmische Tischtennismatch zwischen Chin und Chang-e ist toll anzuschauen. Genauso sind es die Welten, die Fei Fei durchwandern muss. Die bunte Seite des Monds ist ein Abenteuer, das bei den Kleinen wohl eher Anklang finden wird, als bei Erwachsenen. Dafür hat der Film einfach zu wenig Neues zu bieten und bedient sich zu sehr an seinen Vorbildern. Eines ist aber klar: Netflix Animation hat den Fuß in der Türe. Da kann sich die Konkurrenz schon mal warm anziehen. Fehlen nur mehr die unverwechselbaren Stoffe und Melodien, die ins Ohr gehen. Das hier ist sicher einer der schwächeren Filme, die je für einen Oscar in der Kategorie Best Animation Feature nominiert wurden. Ein Film mehr für die Augen, als fürs Herz.

    Die bunte Seite des Monds / OT: Over the Moon

    Animationsfilm, USA/PRC 2020
    Regie
     Glen Keane
    Drehbuch Audrey Wells
    Schnitt Edie Ichioka
    Musik Steven Price, Christopher Curtis, Marjorie Duffield, Helen Park
    Mit Cathy Ang, Phillipa So, Ken Jeong
    Länge 100 Min.
    Streamingplattform Netflix


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  • NEUES AUS DER WELT ★★★

    NEUES AUS DER WELT ★★★

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    Nachdem sich Netflix die weltweiten Rechte für den Western Neues aus der Welt gesichert hat, kommen wir nun zu Hause in den Genuss einer Major-Studio-Produktion von Universal. Nur Disney ist bisher mit dem eigenen Streamingdienst diesen Weg gegangen. Warner Bros. beschränkt sich noch auf den US-Markt. Auch bei No time to Die wartet Universal noch zu. Das liegt vermutlich auch an den hohen Produktionskosten und Werbeverträgen, die beim neuen James Bond mit im Spiel sind. Immerhin handelt es sich beim neuen Starvehikel mit Tom Hanks um den Oscar-Beitrag des Studios. Soviel sei schon verraten: Neues aus der Welt ist ein Film, der die große Leinwand sucht.

    Darum geht es

    Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) reitet im Jahr 1870 durchs Texas, um den Menschen gegen eine Spende die Nachrichten, theatralisch untermalt, aus den Tageszeitungen vorzulesen. Auf seiner Reise trifft er auf das junge Mädchen Johanna Leonberger (Helena Zengel), das nach einem Überfall auf ihren Wagen als einzige überlebt hat. Sie trägt die Kleidung amerikanischer Ureinwohner und spricht die Sprache der Kiowa. Von zufällig passierenden Reitern der Union Army wird er Kidd beauftragt, das Mädchen dem nächstgelegenen Bureau of Indian Affairs zu übergeben.

    Dort erfahren die Beiden, dass der zuständige Beamte erst in drei Monaten zurückerwartet wird. Widerwillig erkennt Kidd an, nun für das Kind verantwortlich zu sein und entschließt sich, sie zu ihren Überlebenden Verwandten zu bringen. Johanna wurde bei der gewaltsamen Räumung einer Indianersiedlung von der Armee aufgegriffen. Die Kiowa hatten vor Jahren ihre Familie ermordet und sie verschleppt.

    So ziehen die beiden gemeinsam durchs Land. Sie treffen auf Menschenhändler und von Banden kontrollierten Dörfern. Wenige Jahre nach dem Bürgerkrieg lauern überall Gefahren. Texas war bestimmt nicht der sicherste Bundesstaat. Das traumatisierte Mädchen öffnet sich nur langsam ihrem Begleiter. Hinzu kommt die sprachliche Barriere. Doch mit der Zeit wird aus den beiden eine Schicksalsgemeinschaft.

    Helena Zengel und Tom Hanks

    Kommentar

    Wer dachte, der Western, dieses uramerikanische Filmgenre, fand mit Erbarmungslos von Clint Eastwood im Jahr 1992 sozusagen frei nach Francis Fukuyama sein Ende der Geschichte, wurde, wenn auch erst fast zwei Jahrzehnte später, eines Besseren belehrt. Allerdings fand das Genre nur mehr vereinzelt, vor allem Dank Quentin Tarantino, den Weg zurück auf die Leinwand.

    Bis zu Eastwoods Abrechnung mit dem Thema Gewalt und Westernklischees durchlebte das Genre verschiedene vom jeweiligen Zeitgeist bestimmte Phasen, die mit John Ford und seinem Star John Wayne in den 1950ern ihren Anfang nahmen. Paul Greengrass knüpft nun an den frühen Western an. Neues aus der Welt ist ziemlich klassisch geraten. Die Thematik erinnert gar unweigerlich an Der schwarze Falke (The Searchers, 1956) von John Ford: ein kleines Mädchen, geraubt von Indianern, die Familie ermordet. Beide Filme spielen sogar zur gleichen Zeit, kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Allerdings sinnt es Tom Hanks nicht nach Rache.

    Die Rolle des ehemaligen Captain ist Hanks auf den Leib geschrieben: Sympathisch, introvertiert und mit einem großen Herz, wie wir ihn eben kennen. Da öffnen sich keine neuen schauspielerischen Welten aber es ist eine Freude, dem 64-jährigen Schauspieler dabei zuzusehen, wie er mit großer Leichtigkeit spielt, gezeichnet vom Krieg, mit sich selbst hadert und mit seiner eigenen Vergangenheit kämpft. Es könnte seine bereits siebte Oscar-Nominierung als Hauptdarsteller werden.

    Ihm zur Seite steht die zwölfjährige Helena Zengel aus Deutschland. Nur ein Jahr nach ihrem großen Erfolg Systemsprenger hat das Mädchen also den Sprung nach Hollywood geschafft. Es ist ganz sicher ein zeitlicher Glücksfall. Die Rolle der deutsch sprechenden Johanna erinnert an die ebenfalls traumatisierte Benni in Nora Fingscheidts Film. Der Erfolg scheint nicht abzureisen. Nach und nach wird Zengel in den USA für sämtliche Preise in diesem Jahr nominiert. Neues aus der Welt ist ein Tom Hanks-Film aber Zengel ist ihm eine ebenbürtige Partnerin und das ist nichts weniger als sensationell.

    Greengrass‘ Film hat alle Zutaten die man von einem Western erwartet. Atemberaubend schöne Landschaftsaufnahmen, Banditen, schlafen unter freiem Himmel und natürlich einen einsamen Helden. Es ist ein ruhiger und altmodischer, um nicht zu sagen konservativer Western. Das Spannungsfeld zwischen Indianern (die im Film so gut wie gar nicht vorkommen) und den weißen Eroberern sollte im Jahr 2021 jedoch etwas differenzierter Aufgearbeitet werden. Die Option Johanna dorthin zu bringen, wo sie aufgewachsen ist, wird nicht einmal angedacht.

    Immerhin gibt es die Episode in Erath Country, wo eine Bande die Bevölkerung mit einem strengen Regime und Fake News unter Kontrolle hält. Kidd stachelt die Menschen mit seinen Nachrichten, die für ihn immer auch Geschichten sind, zur Revolte auf. Hier wagt sich der Film kurz in andere Gefilde.

    Handwerklich ist Peter Greengrass ein feiner Film gelungen. Die Musik von James Newton Howard ist sehr gelungen und nie zu aufdringlich. Es ist den beiden charismatischen Hauptdarstellern zu verdanken, dass wir der Geschichte bis zu ihrem rührenden Ende folgen möchten und die aus dem Film mehr herausholen, als es eine simple Beschreibung vermuten lässt. Es ist ernüchternd, diesen Film in der mehr als bescheidenden Bildqualität ansehen zu müssen, die Netflix zur Verfügung stellt. Das Auge gewöhnt sich leider allzu schnell an eine minderwertige Qualität. Spätestens in der Sandsturmszene packt einen aber dann das Grauen. Da kapituliert der Streamingdienst und Tom Hanks verirrt sich in Pixeln und Artefakten.


    Neues aus der Welt [Originaltitel: News of the World]

    Drama, USA 2020
    Regie
    Paul Greengrass
    Kamera Dariusz Wolski
    Schnitt William Goldenberg
    Musik James Newton Howard
    Mit Tom Hanks, Helena Zengel
    Länge 119 Min.


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  • THE WHITE TIGER ★★★½

    THE WHITE TIGER ★★★½

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    Der erste vielversprechende und allgemein verfügbare Film im Jahr 2021 ist ohne große Überraschung bei Netflix im Programm. Die Bestsellerverfilmung The White Tiger, nach dem gleichnamigen Roman von Aravind Adiga aus dem Jahr 2008, ist eine Satire, die sich zu einem gesellschaftskritischen Drama entfaltet und neben einem erinnerungswürdigen Hauptdarsteller mit einem wunderbaren Ensemble aufwartet. Das Schicksal eines Chauffeurs im gegenwärtigen Indien, der dem Teufelskreis des Kastensystems entkommen möchte, unterhält nicht nur, sondern regt zu Diskussionen über dieses menschenverachtende System an aber auch darüber, wie dem ein Blick von außen überhaupt gerecht werden kann. Ein Film über eine Gesellschaft im Hühnerkäfig, wie es der Hauptcharakter versinnbildlicht. Nebenbei sollte langsam thematisiert werden, dass sich im wesentlichen zwei Streamingdienste den gesamten Filmmarkt aufteilen.

    Darum geht es

    Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt. Balram (Adarsh Gourav) scheint ein gemachter Mann zu sein und erinnert sich zurück. Er stammt aus einem Dorf und seine Familie gehört der niedrigen Kaste an. Als eines Tages ein Großgrundbesitzer mit seinem Sohn in seinem Dorf auftaucht und Balram erfährt, dass sie einen Fahrer benötigen, fasst er einen Entschluss. Von seiner alles bestimmenden Großmutter (Kamlesh Gill) erbittet er Geld für die Führerscheinausbildung und folglich gelingt es ihm tatsächlich, in der wohlhabende Familie von Ashok (Rajkummar Rao) eine Stelle als 2. Chauffeur zu bekommen. Fortan steht er im Dienst von Ashok und seiner Frau Pinky. (Priyanka Chopra Jonas), die gerade aus den USA zurück in ihre Heimat gekommen sind. Seine Erziehung gebietet es, sich unterzuordnen und alle Erniedrigungen über sich ergehen zu lassen. Doch insgeheim möchte er sich nicht mit seinem Schicksal abfinden und schmiedet große Pläne.

    Balram (Adarsh Gourav) hat verstanden, das System für sich zu nutzen.

    Kommentar

    Man muss einen Schritt zurücktreten, die westliche Brille abnehmen, durch die hindurch wir die Welt sehen, deuten und zu verstehen versuchen, um The White Tiger zu beurteilen. Ganz klar: wunderschön gefilmt (Kamera: Paolo Carnera) und in kräftige Farben getaucht, gibt der Film ordentlich was her. Regisseur Ramon Bahrani hat sein ganzes Vertrauen in den unbekannten Adarsh Gourav gelegt und die Rechnung ging auf. Obwohl nicht auf den Mund gefallen und zahlreiche zitierwürdige Kommentare abgebend, ist es oft nur ein Ausdruck in seinem Gesicht, der Bände spricht. Als ZuseherIn weiß man immer ganz genau, was in ihm vorgeht. Egal ob sich Wut aufstaut oder er schon seinen nächsten Schritt plant. Seine Co-Darsteller haben ebenso stark ausgeprägte und überzeugende Rollen. Selbst kleinere Rollen, wie die des Balram ständig drangsalierenden Assistenten Ashoks, tragen ihres zu einem gelungenen Ensemble bei.

    Wie stark beeinflusst nun aber der Blick von außen einen Film, der mit einem jahrtausendealten Gesellschaftssystem derart hart ins Gericht geht? Zurecht möchte man meinen und The White Tiger liefert auch gleich mögliche Erklärungen, warum das Kastensystem auch heute noch so gut funktioniert. Es hat sich blendend an die kapitalistischen Strukturen angepasst. Für uns ist es schlicht unverständlich, wie eine Minderheit soviel Menschen über einen langen Zeitraum unter Kontrolle halten und letzten Endes brutal unterdrücken kann.

    Der Film beginnt mit dem Welthit Mundian To Bach Ke von Punjab MC aus dem Jahr 1998. Im Grunde gibt das schon die Tonalität der Geschichte vor. Indische Klänge werden mit Hip-Hop Rhythmen vermischt um sie massentauglich zu machen. Karan Madhok führt das in seiner Filmbesprechung Indian Tiger, foreign gaze für The Chakkar sehr eindrücklich aus. Gewissermaßen ist der ganze Film weichgespült und auf den westlichen Geschmack getrimmt. Madhok kritisiert weiters die englische comichafte Sprache mit indischem Akzent. Gerade so weit exotisch, dass keine Übersetzung notwenig ist und unerträglich lächerlich für indisch sprechende Menschen.

    The White Tiger gibt jetzt nicht vor authentisches Weltkino zu sein. Die Geschichte ist unterhaltsam und wird spannend erzählt. Sie wird den Großteil des Publikums zufriedenstellen. Trotzdem schadet es nicht, sich etwas mehr Gedanken darüber zu machen, wie gefiltert und zurechtgebogen uns die Welt präsentiert wird, genau so nämlich, wie wir sie gerne sehen möchten.

    THE WHITE TIGER | RAMIN BAHRANI | USA 2021 | 125 MIN. | [usr 3,5 ]


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  • SOMMER DER KRÜPPELBEWEGUNG ★★★★½

    SOMMER DER KRÜPPELBEWEGUNG ★★★★½

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    Unsere Wohnanlage wurde im Jahr 2012 fertiggestellt. Bereits in der Tür ins Stiegenhaus befindet sich eine kleine völlig unnötige Schwelle, die Gegensprechanlage ist zu hoch und der Haupteingang ist über Stiegen erreichbar. Für Barrierefreiheit muss man den Umweg über einen ganzen Häuserblock nehmen. In den USA ist so etwas seit dem Americans with Disabilities Act aus dem Jahr 1990 undenkbar. Die Dokumentation Sommer der Krüppelbewegung nimmt ihren Ausgang 1971 in einem Sommercamp für Menschen mit Behinderung. Im Fahrwasser der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King bildete sich über die Jahre eine Bewegung, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung engagierte. Bis dahin konnten diese Menschen meist nicht am öffentlichen Leben teilnehmen. Für den Film erhielt das Regieduo Nicole Newham und James Lebrecht den Publikumspreis beim Sundance Filmfestival 2020 und sie sind bei den Oscars in der Kategorie Bester Dokumentarfilm nominiert.

    Es sind erschütternde Bilder aus einer Pflegeanstalt für Menschen mit Behinderungen. Abgemagerte Kinder liegen fast übereinander, beiseite geräumt und vor der Öffentlichkeit verborgen. Ihnen wurde fälschlicherweise oft eine geringe Lebenserwartung prognostiziert. Die Welt draußen ermöglichte ihnen kein normales Leben. Überall stießen diese Menschen auf Hürden: Physische Hürden im öffentlichen Raum, die sie mehr in der Bewegungsfreiheit einschränkten als ihre Rollstühle und Hürden in den Köpfen der nicht behinderten Menschen.

    Im Camp Jened hatte man erkannt, dass nicht diese Menschen ein Problem hatten, sondern alle anderen mit ihnen. Hier wurden sie als vollwertige Menschen empfangen und konnten ein freies und glückliches Leben führen, was ihnen damals im Alltag verwehrt blieb. Hier nahm eine nationale Bürgerrechtsbewegung ihren Ausgang und breitete sich später über die ganze Welt aus.

    Szene aud dem Camp Jened.

    Der Kampf für mehr Rechte sollte sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken. Erstmals wurden Menschen mit Behinderung im Jahr 1973 in einem Teil des Rehabilitation Act Bürgerrechte eingeräumt. Abschnitt 504 gewährleistete, dass Kinder und Erwachsene dieselben Chancen im Bildungssektor, Arbeitsleben und anderen Teilen des gesellschaftlichen Lebens bekommen sollten. 1990 wurden dann mit dem Americans with Disabilities Act Diskriminierungen per Gesetz verboten.

    Sommer der Krüppelbewegung schildert den mühsamen und emotionalen Kampf gegen den Widerstand der Politik, die meist das Kostenargument vorschob, um eine entsprechende Gesetzgebung zu verhindern. Obwohl damals 40 Millionen Amerikanerinnen betroffen waren. Die Proteste gipfelten in der Besetzung des Gesundheitsministeriums.

    Die Dokumentation schärft den Blick für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Die Menschen wurden nicht als Frau oder Mann wahrgenommen, sondern auf ihren Rollstuhl reduziert. Im Rollstuhl zu sitzen, war gleichbedeutend wie schwarz zu sein, heißt es einmal. Sommer der Krüppelbewegung ist gleichermaßen unterhaltsam und eine bedeutende Geschichtsstunde. Der Film erzählt davon, wie ziviler Ungehorsam zu einem bahnbrechenden Gesetz für die Gleichberechtigung führte und über die Kraft der Gemeinschaft, die in sozialen Bewegungen liegt. Ein Pflichtfilm.

    Sommer der Krüppelbewegung (OT: Crip Camp: A Disability Revolution)

    Dokumentation, USA 2020
    Regie
    , Drehbuch Nicole Newnham, James Lebrecht
    Kamera Justin Schein
    Schnitt Alex Odesmith, Mary Lampson, Eileen Meyer
    Musik Bear McCreary


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  • SOUND OF METAL ★★★★ ½

    SOUND OF METAL ★★★★ ½

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    Was passiert, wenn man plötzlich sein Gehör verliert? In Sound of Metal trifft es einen Schlagzeuger, der von heute auf morgen nichts mehr hören kann und sein Schicksal nicht akzeptieren möchte. Das Filmdrama von Darius Marder und sein Hauptdarsteller Riz Ahmed sind die Geheimtipps bei den diesjährigen Oscars. Kaum eine Geschichte hat uns in diesem Jahr mehr berühren können und war im Stande uns mit einem dramaturgisch ausgeklügelten Sounddesign derart in den Bann zu ziehen. Gestartet und ausgezeichnet auf dem Toronto International Filmfestival, landete der Film bedingt durch die Pandemie bereits nach wenigen Wochen im Angebot von Amazon Prime Video.

    Darum geht es

    Ruben (Ria Ahmed) und seine Freundin Lou (Olivia Cooke) bilden gemeinsam das Metal-Duo Blackgammon und Touren mit einem Wohnmobil durch die USA. Ihre Zweisamkeit wird jäh auseinandergerissen, als Ruben während eines Konzerts einen Gehörsturz erleidet. Heilung verspricht nur ein Implantat, das jedoch enorm teuer ist. Er möchte weitermachen wie bisher, doch Lou sieht die Gefahr, dass Ruben rückfällig werden könnte, da er sich gerade nach einer Drogenabhängigkeit auf Entzug befindet. Sein Therapeut empfiehlt eine ländliche Gemeinschaft, die sich genau solchen Menschen wie Ruben angenommen hat. Joe (Paul Raci) leitet die Einrichtung. Hier lautet die Devise, dass Taubheit kein Handicap ist. Joe versucht Ruben mit der Stille vertraut zu machen. Der lernt zwar die Zeichensprache, kann sich mit der Situation jedoch nicht abfinden. Er verkauft seinen ganzen Besitz um sich die Operation leisten zu können. Sehr zum Missfallen von Joe. Ruben passt nun nicht mehr in die Gemeinschaft und muss gehen. Als die Implantate aktiviert werden, ist es ein großer Schock für ihn. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

    Ruben (Riz Ahmed) in der schönsten Szenen von Sound of Metal.

    Kommentar

    Wenn es in jüngster Zeit einem Film gelungen ist, uns tatsächlich in die Gefühlswelt seines Protagonisten eintauchen zulassen, dann ist das Sound auf Metal. Wir sind nicht mehr bloß Beobachter, wenn Ruben plötzlich sein Gehör verliert, sondern können seine Verzweiflung spüren. Das ist zum einen dem großartigen Riz Ahmed zu verdanken, der uns scheinbar durch seine großen Augen in sein innerstes schauen lässt. Er muss sich dazu gar nicht viel artikulieren, alleine seine Blicke sagen alles.

    Dann wäre noch das aussergewöhnliche Sounddesign von Nicolas Becker. Als Film über die Stille dreht uns Regisseur Darius Marder kurzerhand den Ton ab. Mehr als ein dumpfer Ton in der Ferne ist nicht mehr zu hören. Dazwischen kommt der Ton für uns zwar immer wieder zurück aber nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden und uns somit immer wieder damit konfrontiert. Als die Implantate aktiviert werden, ist das Ergebnis nicht nur für Ruben ein Schock, sondern genauso für uns. In der schönsten Szene sitzt Ruben am unteren Ende einer Rutsche beginnt auf das Blech zu trommeln. Ein ebenfalls gehörloser Bub am oberen Ende legt sein Ohr auf die Rutsche und lauscht dem dumpfen Klopfen. Es ist ein berührender und zugleich ungemein friedlicher Moment, den beiden zuzusehen, wie sie in eine für sie ferne Welt versinken.

    Paul Raci spielt Joe, den Leiter der Gehörlosen Gemeinschaft. Der nahezu unbekannte Schauspieler wuchs in einer Familie von Gehörlosen auf und beherrscht die Gebärdensprache. Es ist eine glückliche Fügung, dass er nun gerade wegen seiner Fähigkeit für die Rolle in Sound of Metal ausgewählt wurde. Joe ist bereit Ruben aufzunehmen aber gleichzeitig drauf bedacht, das die Grundwerte der Einrichtung nicht verletzt werden: Gehörlosigkeit ist kein Handicap und ist nichts, was behandelt werden muss. Er tritt Ruben mit aller Strenge gegenüber und das kostet ihm vermutlich Sympathiewerte beim Publikum. Sein starrer, ausdrucksloser Blick ist schwer einzuschätzen. Erst während des letzten Aufeinandertreffen der Beiden wird klar, wie wichtig ihm seine Bewohner sind und wie sehr er durch die Entscheidung von Ruben verletzt ist. Ein starker Moment, der in Gedächtnis bleibt. Raci darf sich durchaus Chancen bei den Oscars ausrechnen.

    Filme über Menschen mit Behinderung ziehen immer wieder Kritik auf sich. So kam in diesem Fall unter anderem von Bret Easton Ellis der Einwand, der Filme stelle Menschen mit Behinderung als Opfer dar. Viktimisierung kann man Sound of Metal aber wohl eher nicht vorwerfen. Paul Schrader kritisierte das Ende. Hier gehen die Meinungen auseinander. Eines ist aber klar: kalt lassen wird der Film niemanden und immerhin schafft er es, dass wir uns über das Gehörlossein Gedanken machen.

    SOUND OF METAL | DARIUS MARDER | USA 2019 | 120 MIN. | [usr 4,5]


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  • ONE NIGHT IN MIAMI ★★★★ ½

    ONE NIGHT IN MIAMI ★★★★ ½

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    Es gibt diese Ikone der Fotografie, in der Cassius Clay 1965 im Ring steht und den vor ihm auf dem Boden liegenden Sonny Liston anzubrüllen scheint. Clay ist eine jener Persönlichkeiten, für die es im Englischen die Zuschreibung larger than life gibt. Überlebensgroß also, ein Leben weit über die Grenzen der Sportwelt hinaus bekannt. One Night In Miami spielt nun im Jahr davor, am 25. Februar 1964, als es in Miami zum ersten Aufeinandertreffen der beiden Boxlegenden und zu einem überraschenden Sieg von Clay kam. Es ist eine fiktive Geschichte rund um diesen Kampf und sie bringt in jener Nacht Cassius Clay mit drei weiteren Männer in einem Motelzimmer zusammen, die jeder auf seine Art Geschichte geschrieben haben: Jim Brown, Sam Cooke und Malcom X. Das Spielfilmdebüt der Oscar-Preisträgerin Regina King (Beale Street) war 2020 die erste Regiearbeit einer afroamerikanischen Regisseurin, die bei den Filmfestspielen von Venedig gezeigt wurde.

    Darum geht es

    Nachdem Cassius Clay (Eli Goree) im Miami Convention Center Schwergewichtsweltmeister wurde, verbringt er den weiteren Abend mit dreien seiner engsten Freunde in einem Motelzimmer: mit dem NFL-Spieler Jim Brown (Aldis Hodge), dem Soulsänger Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) und Bürgerrechtler und Aktivisten Malcom X (Kingsley Ben-Adir). Es werden grundlegende Fragen der eigenen Verantwortung im Kampf um die Rechte der schwarzen Bevölkerung diskutiert, bei er sich die Männer durch ihre unterschiedlichen Ansichten immer wieder in die Haare kriegen. Die Atmosphäre bleibt trotz aufkommender Emotionen jedoch immer von freundschaftlichem Respekt geprägt.

    Malcom X (Kingsley Ben-Adir) hat eine böse Vorahnung.

    Kommentar

    Das Treffen fand tatsächlich statt, allerdings sind die Inhalte der Gespräche nicht verbrieft. Das auf einem Theaterstück von Kemp Powers basierende Drama One Night in Miami verdichtet einen Umbruch in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf wenige Stunden. Nachdem Cassius Clay über Nacht zum Weltstar wurde, bekannte er sich zur Nation of Islam und legt seinen Sklavennamen, wie er sagte, ab und nannte sich zuerst Cassius X und später Muhammad Ali. Es ist der Vorabend des Entstehens der Black Power Bewegung. Malcom X zweifelt bereits an der Ideologie der Nation of Islam, die eine Black Supremacy Strategie vertrat und damit genauso rassistisch war, wie jene, die man bekämpfte.

    Der Film reflektiert exemplarisch anhand der vier Männer die Stellung der Schwarzen in den USA und ihre Wirkung zueinander. Malcom X, der insgeheim das Zentrum der Erzählung bildet, versucht die anderen aufzurütteln und sieht sie in der Pflicht, ihren Einfluss für den Kampf der Rechte von Schwarzen einzusetzen. Sonst würden sie von den Weißen nur für ihre Talente respektiert aber nicht als Menschen schwarzer Hautfarbe. So sei Sam Cooke zwar erfolgreich, jedoch nur solange er auf der Bühne steht. Dass Cooke in seinen Texten dabei nur über die Liebe singt und nicht die Kraft seiner Stimme für die Bewegung erkennt, bringt Malcom X in Rage.

    Cassius Clay, der kurz davor steht, zu konvertieren, steht stark unter dem Einfluss von Malcom X. In plagen letzte Zweifel, ob er denn den Schritt Richtung Islam wagen sollte. Man merkt, es brennt in ihm mehr zu sein als bloß ein Boxer. Jim Brown ist ebenfalls dabei sich zu verändern. Bald wird er dem Sport den Rücken kehren und ins Schauspielfach wechseln.

    Malcom X hat bereits eine Vorahnung. Er ist jener der Truppe, der unter ständiger Bewachung steht. Auch wenn er sich nichts anmerken läßt, versetzt ihn jede kleine Auffälligkeit in seiner Umgebung in Alarmbereitschaft. Als er einen seiner Leibwächter in der Nacht dabei beobachtet, wie er einem weißen Mann auf dem Parkplatz etwa zusteckt, erinnert die Szene an den Verräter Judas. Ein Jahr später wird Malcom X ermordet. Traurigerweise ereilte drei der vier Männer ein tragisches Schicksal.

    In One Night in Miami werden historische Fakten klug in die Geschichte eingefügt. Es wird deutlich, was die vier Charaktere antreibt. Obwohl die Grundlage ein Bühnenstück ist und der Film das nicht ganz verleugnen kann, vergißt Regina King nicht auf die filmischen Momente, vor allem in den Passagen, in denen die Handlung das Motelzimmer verläßt. Eine der bedrückendsten Szene ist Jim Brown vorbehalten, als er auf seinen Gönner Carlton (Beau Bridges in einem Kurzauftritt) trifft. Die zwischenmenschlichen Spannungen unter den Protagonisten tun ihr übriges. Vor allem Kingsley Ben-Adirs Darstellung von Malcom X ist schwer beeindruckend. Dabei ist es für alle keine leichte Aufgabe, derart populäre Persönlichkeiten zu verkörpern. Er versucht die anderen für seine Sache einzuspannen und hadert selbst mit seiner Rolle. Diese Komplexität der Charaktere und nachdenklich stimmende Auseinandersetzungen machen den Film so sehenswert.

    REGINA KING | ONE NIGHT IN MIAMI | USA 2020 | 110 MIN. | [usr 4,5]


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  • MA RAINEY’S BLACK BOTTOM ★★★★

    MA RAINEY’S BLACK BOTTOM ★★★★

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    Im vergangenen Jahr gab es kaum Produktionen, die von einem vergleichbaren leidenschaftlichen und intensiven Schauspiel geprägt waren, wie Ma Rainey’s Black Bottom. Neben Viola Davis (Widows) als temperamentvolle Bluessängerin erhielt vor allem Chadwick Boseman (Black Panther) für seine Rolle als Jazztrompeter viel Aufmerksamkeit. Es sollte seine letzte Rolle sein. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits schwer krank (Boseman ging damit nie an die Öffentlichkeit), verstarb der Schauspieler im August 2020 an Krebs. Dem Film liegt einen Bühnenstück von August Wilson aus dem Jahr 1984 zu Grunde. Es ist nicht zu übersehen: Ma Rainey’s Black Bottom atmet Theaterluft.

    Darum geht es

    Ma Rainey (Viola Davis), eine einflussreiche Bluessängerin der 1920er Jahre, kommt nach Chicago um ihre nächste Platte aufzunehmen. Vorerst läßt sie aber ihre Band und ihren Produzenten Irvin (Jeremy Shamos) im Tonstudio warten. Neben dem Pianisten Toledo (Glynn Turman), dem Gitarristen Cutler (Colman Domingo) und Slow Drag (Michael Potts), dem Bassspieler, stößt der vor Selbstvertrauen strotzende Trompeter Levee Green (Chadwick Boseman) zur Band.

    Als Ma Rainey eintrifft, hat sie nicht nur ihre Freundin Dussie Mae (Taylour Paige) im Schlepptau, sondern auch ihren Neffen Sylvester (Dusan Brown). Die Anspannung steigt, als es Differenzen bei der Auswahl der Stücke gibt und Ma ihren stotternden Neffen die Einleitung zu Black Bottom sprechen lassen möchte. Levee stiftet zusätzlich Unruhe, weil er gerne seine eigenen Interpretationen aufnehmen würde.

    Als die Aufnahmen starten, wird sie von technischen Problemen begleitet. Levee ist zusätzlich aufgebracht, da der Studiomanager Mel Sturdyvant (Jonny Coyne) seine Eigenkompositionen als nicht geeignet für schwarze Sänger ansieht. Die hitzige Stimmung führt zu einer finales Auseinandersetzung zwischen Levee und Toledo.

    Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle

    Kommentar

    Man spürt in Ma Rainey’s Black Bottom förmlich die Hitze. Die warme Farbgebung, die schwitzende Ma und natürlich die sich durch die stetig aufbauenden Spannungen erhitzten Gemüter. Verstärkt wird das durch die Enge des Sets. Die Charaktere stoßen so unweigerlich immer wieder aufeinander.

    Die Ausleuchtung erinnert an eine Theaterkulisse. Durch die Kameraarbeit von Tobias A. Schliessler wird noch verstärkt sichtbar, dass der Verfilmung ein Theaterstoff zugrunde liegt. Schliessler beobachtet und reduziert Kamerabewegungen und vermeidet optische Spielereien. Für Liebhaber des Theaters sicher eine willkommene Abwechslung, wenn hier das Gefühl aufkommt, einer Bühnenaufführung beizuwohnen. Alles ist sehr dicht und intensiv.

    Viola Davis bestimmt jede ihrer Szene. Ma duldet keine Widerrede und stellt permanent die ganze Aufnahme aufs Spiel. Davis, unter einer dicken Schicht Make-up, beeindruckt durch ihre pure Präsenz. Sie kommt mit Chadwick Bosemans Levee quirligen und präpotenten Art nicht zurecht, genauso wenig wie der Rest der Mannschaft. Levee ist wie ein Pulverfass. Unberechenbar und man weiß nicht ob und wann er die Kontrolle verliert. Boseman beherrscht dabei genauso die leisen Momente. Es ist genau die Spannung dieser beiden Charaktere, die Ma Rainey’s Bottom Blues so sehenswert macht. Welche Wirkung könnten die beiden erst auf der großen Leinwand entfalten! Levees Counterpart ist jedoch der Pianist Toledo. Glynn Turman ist das dritte Schwergewicht im Bunde. Durch seiner strengen Religiosität gerät er in Konflikt mit Levees Lebensstil.

    Ma Rainey (1882 oder 1886 – 1939) galt als The Mother of Blues und war eine der ersten Bluessängerinnen, die ihre Musik auch aufnehmen durfte. Ihr Einfluss reicht weit über die Musikwelt hinaus. Es war nicht nur ihr einzigartiger Stil, der sie zu einer bedeutenden Frau der schwarzen Kultur werden ließ. Sie gab jenen eine Stimme, die keine hatten. Es ist bezeichnend, dass die einzigen weissfarbigen Charaktere im Film der Manager und der Studioboss sind. In der letzten Szene wird klar, wer das Sagen hat und letzten Endes über die MusikerInnen bestimmte.

    Ma Rainey’s Balck Bottom

    Drama, USA 2020
    Regie
    George C. Wolfe
    Kamera Tobias A. Schliessler
    Drehbuch Ruben Santiago-Hudson
    Musik Branford Masalis
    Schnitt Andrew Mondshein
    Mit Viola Davies, Chadwick Boseman, Glynn Turman, Colman Domingo
    Länge 93 Minuten
    Streamingplatform Netflix

    MA RAINEY’S BLACK BOTTOM | GEORGE C. WOLFE | USA 2020 | 94 MIN. | [usr 4]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • PIECES OF A WOMAN ★★★★

    PIECES OF A WOMAN ★★★★

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    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Einer der meisterwarteten Filme der jüngsten Vergangenheit hat nun seinen Weg in unsere Wohnzimmer gefunden: Pieces of a Woman war schon vor der Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig letzten Herbst im Gespräch und als Vanessa Kirby dort den Darstellerpreis erhielt, war klar, dass es sich um eine der herausragendsten schauspielerischen Leistungen in dieser Saison handelt. Von einer beeindruckenden wie intensiven 20-minütigen Plansequenz ist die Rede. Es waren aber auch durchwachsene Filmbesprechungen zu lesen und das bei einen Film, der wohl in mehreren Kategorien ins Oscar Rennen gehen wird. Offensichtlich eine spannende Arbeit, die der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó gemeinsam mit seiner Partnerin Kata Wéber, die das Drehbuch verfasste, abgeliefert hat.

    Darum geht es

    Martha (Vanessa Kirby) und Sean (Shia LaBeouf) bereiten sich gerade auf den bevorstehenden Nachwuchs vor. Ein Kinderzimmer wird eingerichtet, von ihrer Mutter Elisabeth (Ellen Burstyn) kommt der Minivan. Die Beiden haben sich für eine Hausgeburt entschieden. Als es soweit ist, verständigen sie die Hebamme. Doch die ist gerade bei einer anderen Geburt und schickt als Vertretung Eva (Molly Parker). Zum Kennenlernen bleibt nicht viel Zeit. Es geht alles sehr schnell.

    Eva misst die Herztöne und es scheint alles nach Plan zu verlaufen. Als sich bei Eva doch eine gewisse Besorgnis breit macht, spielt sie sie herunter. Unterschwellig und beinnahe unbemerkt ändert sich die Stimmung. Eva rät, den Notarzt zu rufen. Kurz darauf hält Martha ihr Baby in den Armen. Es werden Fotos geschossen. Das Paar ist überglücklich.

    Doch dann passiert das denkbar Schlimmste. Als der Arzt kommt, ist es bereits zu spät. Martha und Sean stehen unter Schock und mit ihnen die Familie, vor allem die Mutter Elisabeth. Wochen und Monate vergehen. Es gibt kein Wir mehr. Jeder trauert für sich. Nicht nur emotional, auch juristisch wird der Fall aufgearbeitet. Es war nicht der einzige Fehltritt der Hebamme.

    Vanessa Kirby in einer der schönsten Szenen in Pieces of a Woman.

    Kommentar

    Es beginnt mit einem Mann. Sean ist Bauarbeiter und arbeitet gerade an einem Brückenbau. Über die Zeitspanne der Handlung des Films werden die zwei Enden der Brücke immer mehr zusammenwachsen und gleichzeitig bricht eine andere Verbindung entzwei.

    Nach einer kurzen Einführung kommt es zur besagten 20-minütigen Geburtsszene. Die Kamera gleitet von Raum zu Raum durch die Wohnung, schwenkt nie weg (Kamera: Benjamin Loeb). Wir sind so nah dran wir nur möglich. Die Nervosität, die Anspannung und der Schmerz sind spürbar und mitten drin gibt es intime Glücksmomente. Für Vanessa Kirby ist es eine Tour de Force, die alle Anerkennung verdient. LaBeouf und Parker tragen ihren Beitrag zur Intensität der Szene bei. Den gesamten Film über fragt man sich, ob die Hebamme nun wusste was sie tat oder nicht. Parker spielt gekonnt mit dieser Unsicherheit. Nebenbei wird es für viele das erste Mal sein, eine Geburt auf derart realistische Weise mitzuerleben und eine überraschende Erkenntnis sein, dass Komplikationen bei der Geburt nicht gerade selten sind. Erst nach 30 Minuten erscheint der Titel des Films und ab dann ist alles anders.

    Es folgt die Trauerarbeit und es ist dieser Bruch, den viele dem Film ankreiden. Nichts kann das eben Gesehene noch übertreffen. Dem ultimativen Realismus folgen in einem Drehbuch niedergeschriebene Dialoge. Dabei bietet Pieces of a Woman einiges auf, um dies abzufedern. Kirby trägt den Film bis zum Schluss. Sie ist hier ganz klar der Star. Keine Überraschung für all jene, denen sie schon als junge Prinzessin Margret in The Crown oder als White Widow in Mission: Impossible – Fallout aufgefallen war. Ihre Karriere könnte nun ordentlich an Fahrt aufnehmen.

    Ellen Burstyn ist Marthas dominante Mutter Elisabeth. Sie mischt sich von Beginn an in das Leben der beiden Protagonisten ein und belastet die Beziehung. Sean ist für sie als Bauarbeiter nicht standesgemäß. Einer, der sich nicht einmal ein Familienauto oder den Grabstein für die Tochter leisten kann. Mit der Tochter wiederum kommt es zu intensiven Schlagabtauschen. Sie spielt mit einer Eindringlichkeit, die über den Film hinaus im Gedächtnis bleibt. Eine Nominierung für einen Oscar in einer Nebenrolle scheint wohl als gesichert.

    Während sich Martha zurückzieht, kocht in Sean die Wut. Er möchte Gerechtigkeit, wo es keine gibt und fühlt sich alleingelassen. Immer wieder verliert er die Kontrolle über seine Emotionen. In einer bedrückenden Szene zwingt er Martha zum Sex, nur um zu schnell wieder das Interesse zu verlieren. Nur in einem ist sich Sean mit seiner Schwiegermutter einig. Die Hebamme gehört zur Rechenschaft gezogen. Gegen Ende kommt es zu einer Gerichtsverhandlung. Öfters wurde angemerkt, dass sie den Film zu sehr von seiner ursprünglichen Intention entfernt.. Doch es geht in Pieces of a Woman nie um Gerechtigkeit. Es gibt keine spannenden Kreuzverhöre oder alles, was man sonst von einem Gerichtssaaldrama erwartet. Für Martha ist die Verhandlung ein Teil der Trauerarbeit.

    Mag sein, dass Pieces of a Woman den anfänglichen Realismus hätte mitnehmen müssen, um das große Meisterwerk werden zu können. Doch wir haben es hier sicherlich mit einem überdurchschnittlichen Film zu tun, den man nicht auf die Geburtssequenz reduzieren kann. Die Charaktere bleiben bis zum Ende interessant.. Es gibt zahlreiche hervorragende schauspielerische Leistungen und Szenen, die man nicht so schnell vergisst. Für Diskussionen ist also gesorgt.

    KORNÉL MUNDRUCZÓ | USA/CANADA 2020 | 128 MIN. | [usr 4]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST

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