Schlagwort: 2020

  • THE WOLF OF SNOW HOLLOW ★★★½

    THE WOLF OF SNOW HOLLOW ★★★½

    Auf DVD erhältlich

    Zwei Jahre nach seinem gefeierten Durchbruch Thunder Road ist Regisseur und Drehbuchautor Jim Cummings zurück mit einem Film, der sich nicht recht zwischen Komödie und Horrorfilm entscheiden kann. Nichtsdestotrotz: The Wolf of Snow Hollow ist ein stimmiger Werwolf-Film inmitten der wunderschönen winterlichen Landschaft Utahs geworden und der letzte Auftritt des großartigen Robert Forster.

    Darum geht es

    Der Wintersportort Snow Hollow wird von einer Mordserie in Atem gehalten. Rund um eine Vollmondnacht werden bestialisch verstümmelte Frauenleichen gefunden. Der gesundheitlich angeschlagene Sheriff Hadley (Robert Forster) rückt mit seiner Mannschaft aus, um den Täter auszuforschen. Bald wird ihm die rohe Gewalt, mit der der Mörder vorgeht zu viel und sein Sohn Officer Marshall (Jim Cummings) übernimmt gemeinsam mit seiner Kollegin Officer Robson (Riki Lindhome). Hinweise deuten auf eine tierähnliche Kreatur hin. Marshall will das nicht so recht glauben, bis er selbst Zeuge eines Angriffs wird.

    Robert Foster in seiner letzten Filmrolle als alternder Sheriff.

    Kommentar

    Der Werwolf ist ein 2000 Jahre alter Mythos, der immer wieder die Fantasie der Menschen beflügelt hat. Die Liste der Werwolf-Filme ist lang. Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht ein neuer Film veröffentlicht wird. The Wolf of Snow Hollow reiht sich auf jeden Fall unter die besseren Vertreter des Genres ein.

    Schon von den ersten Einstellungen im Vorspann an (Kamera: Natalie Kingston) trägt die Winterlandschaft einen großen Teil zur Atmosphäre der Filmes bei. Die Tage sind kurz, der Himmel wolkenverhangen und der Schnee blutgetränkt. Die Kälte ist richtiggehend spürbar. In der Mitte ist Jim Cummings‘ charismatischer Charakter, in dem er seine Rolle als Polizist mit persönlichen Problemen aus Thunder Road weiterführt. Die Ausarbeitung seiner Charaktere ist die große Stärke von Cummings. In Rückblenden erfährt man von seiner Alkoholsucht und in der Gegenwart macht ihm seine Ex-Frau und die Tochter zu schaffen. Dies alles sehen wir nur aus der männlichen Perspektive und Gedanken darüber, in wie weit seine Situation selbstverschuldet ist, kommen erst gar nicht auf. Das macht The Wolf of Snow Hollow zu einem sehr männerdominierten Film und macht bis hierher auch nichts (Wobei seine Partnerin Lindhome ihre Momente hat). Der Twist am Ende verändert diese Sichtweise drastisch: Der Werwolf als Symbol männlicher Gewalt gegen Frauen.

    The Wolf of Snow Hollow ist stilistisch ausgeprägter als der Vorgängerfilm Thunder Road. Es ist nur so, dass die Pointen für eine Komödie rar sind und gegen Ende wird es zu knapp. Man hätte gerne mehr über Officer Marshall erfahren. Es bleibt aber Zeit für eine letzte Ehrerbietung für Robert Forster, der bereits ein Jahr vor der Veröffentlichung des Films starb.

    Fans werden von Cummings neuem Film vermutlich mehr erwartet haben aber es ist ein solider Horrorfilm geworden, der mit Charakteren, denen wir gerne zusehen und einem spannenden Ende aufwarten kann.


    The Wolf of Snow Hollow
    Horror-Komödie, USA 2020


    Regie Jim Cummings
    Drehbuch Jim Cummings
    Kamera Natalie Kingston
    Musik Ben Lovett
    Mit Jim Cummings, Robert Foster, Riki Lindhome, Chloe East
    Länge 83 Min.


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  • THE FATHER ★★★★½

    THE FATHER ★★★★½

    Jetzt im Kino

    Einmal mehr entpuppte sich das Sundance Film Festival im vergangenen so anderen Filmjahr 2020 mit The Father als ein Ort der hochqualitativen Kinounterhaltung. Das Regiedebüt des Autors Florian Zeller zeigt die beiden herausragenden Darsteller Anthony Hopkins und Olivia Coleman in einem herzzerreißenden Kammerspiel. Der Film führt uns in ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen zu scheinen gibt. Zumindest nicht für den von Hopkins gespielten schwer demenzkranken Protagonisten. Großes Kino.. Das Drama war 2021 gleich 6-fach mit einem Oscar nominiert. Zeller wurde gemeinsam mit Christopher Hampton für das Drehbuch ausgezeichnet. Anthony Hopkins wurde daheim spät Nachts mit seinem nach 1992 zweiten Oscar als Hauptdarsteller überrascht.

    Darum geht es

    Anthony (Anthony Hopkins) lebt bei seiner Tochter Anne (Olivia Coleman) in einer Londoner Wohnung. Sie plant die Stadt zu verlassen. Er ist gezeichnet von einer Demenzkrankheit und so sucht die Tochter für ihren Vater eine Betreuung. Gerade erst hat eine Pflegerin die Flucht ergriffen. Der Umgang mit Anthony ist für alle eine Herausforderung. Nicht zuletzt ist es auch für ihn selbst eine enorme Belastung, da er die Kontrolle über sein eigenes Leben längst verloren hat.

    Anthony zeigt sich gegenüber seiner neuen Betreuerin von seiner besten Seite.

    Kommentar

    The Father basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück des französischen Autors Florian Zeller. Seit dessen Uraufführung im Jahr 2012 feiert das Stück weltweit Erfolge und wurde 2015 bereits von Philippe Le Guay einmal unter dem Titel Floride mit Jean Rocheford (es war sein letzter Auftritt vor seinem Tod 2017) und Sandrine Kiberlain in den Hauptrollen verfilmt.

    Es mag viele Zugänge geben, wie man sich einer Krankheit wie der Demenz im Film annähert. Zuletzt bekam Julianne Moore im Jahr 2015 für ihre Darstellung einer Demenzkranken in Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (2014) den Oscar für die Beste Hauptrolle. Zeller (Drehbuch mit Christopher Hampton) wählt einen völlig anderen Zugang. The Father hat seinen geistigen Verwandten wohl eher in Michael Hanekes ebenfalls Oscar-prämierten Film Liebe (2012) über das Altern mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva.

    Zeller zieht alle Register, die das Medium Film in den Bereichen Schnitt und Setdesign zu bieten hat, um uns schon nach wenigen Minuten in die Irre zu führen. Für einen Moment glaubt man sich in einem klaustrophobischen Horrorfilm verlaufen zu haben. Die Wandfarbe, die Bilder und die Kücheneinrichtung schaffen Verunsicherung. Die Londoner Wohnung, in der der Film fast ausschließlich spielt, scheint ein Eigenleben zu haben. Und erst die Menschen darin! Hier ist große Aufmerksamkeit gefragt.

    Anthony ist unser Bezugspunkt und wir sehen die Dinge mit seinen Augen. Wir befinden uns in seiner Wohnung und wenn seltsames passiert, zweifeln wir nicht an dem, was wir sehen. Das ist Zellers großer Clou. Ohne dass wir es bemerkt haben, befinden wir uns in Anthonys Kopf. Zeit und Raum folgen hier anderen Gesetzen. Unzählige Male sucht Anthony seine Armbanduhr. Solange er sie trägt, gibt ihm die Zeit einen, wenn nicht den einzigen Orientierungspunkt. Gemeinsam mit ihm werden wir immer hilfloser. Gerade als wir glauben uns auszukennen, schlägt der Film einen neuen Haken.

    Die ganze Kraft schöpft der Film aus Anthony Hopkins‘ und Olivia Colemans grandiosen schauspielerischen Leistungen. Auf eine unterschiedliche Art und Weise sind beide von Verzweiflung gezeichnet. Anne, weil sie mit ihrem Vater nicht mehr fertig wird und Anthony, da ihm seine Krankheit gar nicht bewusst ist und er sich vieles einfach nicht mehr erklären kann. Der Schluss ist so niederschmetternd, wie das Leben nur sein kann. In gewisser Weise beschreibt es den Kreislauf eines Menschenlebens. Hilflos werden wir in die Welt geboren und hilflos sind wir, wenn uns Alter und Krankheit einholen.

    The Father

    Drama, UK 2020
    Regie
     Florian Zeller
    Drehbuch Christopher Hampton, Florian Zeller (Nach dem eigenen Bühnenstück)
    Kamera Ben Smithard
    Schnitt Yorgos Lamprinos
    Musik Ludovico Einaudi
    Mit Anthony Hopkins, Olivia Coleman,
    Länge 98 Min.


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  • PROMISING YOUNG WOMAN ★★★★½

    PROMISING YOUNG WOMAN ★★★★½

    Einer der ungewöhnlichsten und spannendsten Filme des vergangenen Jahres ist das Debüt der Regisseurin Emerald Fennell. Promising Young Woman nimmt sich der #MeToo Bewegung an und geht dabei in die Offensive. Es ist ein radikaler und bunter Thriller und geht somit einen völlig anderen Weg als wir ihn zuletzt in The Assistant gesehen haben. In der Hauptrolle ist die großartige Carey Mulligan zu sehen. Fennells Drehbuch wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

    Darum geht es

    Cassie (Carey Mulligan) ist eine Eigenbrötlerin. Sie ist Ende 20, arbeitet in einem Coffeeshop und wohnt noch bei ihren Eltern. Abends frönt sie einem höchst seltsamen Hobby: Sie stellt sich betrunken und läßt sich in Bars von Männern abschleppen. Die nutzen die Situation zuverlässig aus und werden übergriffig. Bis Cassie den Spieß umdreht und die Männer geschockt zurückbleiben. Nach und nach erfahren wir, dass ihr Verhalten mit einer früheren Studienkollegin und besten Freundin Nina zusammenhängt, der Furchtbares zugestoßen ist. Cassie begrub ihren Traum vom Medizinstudium und gab alles auf um sich fortan auf einen Rachefeldzug zu begeben. Als sie ihren alten Studienkollegen Ryan (Bo Burnham) wieder trifft und sich die Beiden näher kommen, scheint sich das Blatt für Cassie zum Guten zu wenden. Doch dann wird sie selbst von der Vergangenheit eingeholt und schmiedet einen fatalen Plan.

    Cassie (Carey Mulligan) ist fest entschlossen, alles zu geben um ihre Freundin zu rächen.

    Kommentar

    Es ist Carey Mulligans große Stunde. Cassie ist einer der spannendsten Charaktere der jüngsten Filmgeschichte. Es ist eine Freude, Mulligan dabei zuzusehen, wie sich uns und den Männern im Film immer mehr offenbart und nach und nach in ihr Innerstes Blicken lässt. Am Anfang ist hier nichts wie es scheint und im Laufe der Handlung wird das Publikum mehrmals an der Nase herumgeführt.

    Es ist ziemlich genau in der Mitte des Filmes, als die Grundstimmung kurz umschlägt und Cassie Momente des Glücks beschert. Man ist aber misstrauisch und glaubt zu wissen, dass das Unvermeidliche passieren muss. Doch Emerald Fennell ist uns immer einen Schritt voraus und das macht Promising Young Woman so spannend und unterhaltsam. Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass die Protagonistin schwer traumatisiert ist. Cassies Psyche spiegelt sich in der Tonalität des Filmes wieder. Mal unterhaltsam und im nächsten Moment tot ernst.

    Der Film trifft den Nerv der Zeit. In der ersten Einstellung sieht man Männer in einem Nachtclub tanzen, die Kamera bleibt auf Hüfthöhe. Dort und da als männerfeindlich kritisiert, ist das aber nur eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise. Vielmehr hält Fennell der männlichen Gesellschaft den Spiegel vor. Das kann unangenehm sein. Die Kontroverse gipfelte in einer Kritik von Variety. In dem der Kritiker fand, dass Mulligan für die Rolle nicht verführerisch genug sei, zog er nicht zuletzt den Unmut von Mulligan selbst auf sich. Margot Robbie, sie ist Co-Produzentin, wäre die bessere Wahl gewesen, meinte der Journalist. Das Branchenblatt versah die Kritik im Nachhinein mit einem entschuldigenden Vermerk. Die an sich positive aber sonst unrühmliche Kritik von Dennis Harvey ist hier nachzulesen.

    Promising Young Woman ist Pop. Schrill, bunt und mit einem wunderbaren Soundtrack (Am Ende mit einer tollen Coverversion von Britney Spears‘ Toxic). Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt, ein unterhaltsames Filmvergnügen mit ernstem Hintergrund.


    Promising Young Woman [usr 4,5]

    Drama, USA 2020
    Regie
     Emerald Fennell
    Kamera Benjamin Kracun
    Schnitt Frédérick Thoraval
    Musik Anthony B. Willis
    Mit Carey Mulligan, Bo Burnham,
    Länge 113 Min.


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  • FIRST COW ★★★★½

    FIRST COW ★★★★½

    Im Kino

    und bei

    Im Abo ab. 9.Juli

    First Cat und First Dog kennen wir aus dem Weißen Haus. Die Ehre dieses Titels wird in Kelly Reichardts neuem Film einer Kuh zu Teil. First Cow reiht sich in das ungewöhnlich minimalistische Werk der Regisseurin ein und fordert die Geduld und die Bereitschaft des Publikums, sich auf ihre Geschichte einzulassen. Durch ein historisches Detail entfaltet sich hier die volle imaginäre Kraft des Kinos. Man muss genau hinhören und hinschauen und wird am Ende mit einer wunderbaren Erzählung belohnt werden.

    Darum geht es

    Der Koch Otis Figowitz (John Magaro), genannt Cookie, gelangt in den 1880er Jahren mit einer Gruppe Pelzjäger in das Oregon Territory. Dort trifft er auf den chinesischen Immigranten King-Lu (Orion Lee). Als der Grundbesitzer Chief Factor (Toby Jones) die erste Milchkuh in die Region bringt, starten die beiden damit, Schmalzgebäck auf dem Markt zu verkaufen. Mit großem Erfolg. Allerdings müssen sie sich eine wichtige Zutat des Nächtens auf illegalem Weg beschaffen. Der Schwindel droht bald aufzufliegen und setzt die beiden Freunde immer mehr unter Druck.

    King-Lu und Cookie in den Wäldern von Oregon.

    Kommentar

    Ende des 19. Jahrhunderts zogen viele Siedler in den USA Richtung Westen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Das Oregon Territory war ein dünnbesiegeltes Gebiet in dem noch die Wildnis vorherrschte. Es war kein eigenständiger Bundesstaat und wurde von der Bundesregierung verwaltet. Zudem war es zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien aufgeteilt. Während man in Großstädten wie New York bereits die Vorzüge der Industriellen Revolution genießen konnte, lebte man im Westen buchstäblich im Schlamm.

    Kelly Reichardt wirft einen Blick auf diese Pioniere, die in Holzhütten unter bescheidensten Verhältnissen hausten und auf der Suche nach dem großen Glück waren. First Cow basiert lose auf der Erzählung The Half Life von Jonathan Raymond, mit dem Reichardt gemeinsam ihre Drehbücher verfasst. Neben dem American Dream der Pioniere geht es hier um kapitalistische Strukturen. Im Zentrum steht eine Männerfreundschaft. Es gibt einen in der Gegenwart spielenden Prolog, der dies bereits andeutet.

    Das erste Aufeinandertreffen der Protagonisten steht unter keinem guten Stern und in einem klassischen Western, mit dem wir es hier nicht zu tun haben, dessen Elemente Reichardt aber aufgreift, würde die Geschichte schon hier einen anderen Verlauf nehmen. Es folgt aber ein Zeitsprung nach dem Cookie und King-Lu bereits Freunde sind. Ihre Lebensumstände erlauben es ihnen nicht, sich zurückzulehnen. Mit allen Mitteln muss versucht werden, sich durchs Leben zu schlagen. Wer eine gute Idee hat, den belohnen die Kräfte des Marktes.

    Mag sein, dass First Cow manche gelangweilt oder frustriert zurücklässt. In der Ruhe und Einfachheit der Inszenierung liegt aber ihre große Kraft und Schönheit. Eine Geschichte über frühes Unternehmertum, Betrug, Freundschaft und große Träume. Es ist eine Parabel über den Kapitalismus, in dem man den anderen immer einen Schritt voraus sein muss um Erfolg zu haben und dabei nicht ganz ohne Gaunerei auskommt. Cookie und King-Lu träumen davon, ein Hotel in San Francisco zu eröffnen. Wo wären wir heute, wenn es nicht immer Menschen gegeben hätte, mit solch großen Zielen vor Augen?

    First Cow

    Drama, USA 2019
    Regie
    Kelly Reichardt
    Drehbuch Jonathan Raymond, Kelly Reichardt
    Kamera Christopher Blauvelt
    Schnitt Kelly Reichardt
    Musik William Tyler
    Mit John Magaro, Orion Lee
    Länge 121 Min.
    Streamingplattform Mubi


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  • PALM SPRINGS ★★★★½

    PALM SPRINGS ★★★★½

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    zum Leihen/Kaufen

    Filme, die im Jänner eines jeden Jahres beim Sundance Film Festival Premiere feiern, teilen meist ein Schicksal. Viele Filme mausern sich im Laufe des Jahres vom Geheimtipp zum Publikumsliebling. Allerdings bleibt ihnen nicht selten eine zeitnahe Veröffentlichung verwehrt. Gerade im vergangen Jahr ist das eine völlig unverständliche Vermarktungsstrategie. Die romantische Komödie Palm Springs von Max Barbakow (Ein weiteres Debüt in diesem Jahr) trifft dies mit voller Härte. Als Folge haben diese Filme bis zur offiziellen Veröffentlichung schon viele illegal im Netz gesehen. Was immer da im Hintergrund verhandelt wird, letzten Endes schadet es den Filmen. Dabei trägt Palm Springs gerade jetzt zu einer dringend nötigen Erheiterung bei.

    Sarah: „I want tomorrow to be tomorrow.“

    Nyles: „Unfortunately that’s never gonna be happen.„

    Sarah kann sich mit ihrem neuen Leben nicht so richtig anfreunden.

    Darum geht es

    Nyles (Andy Samberg) wacht am Hochzeitstag von Tala (Camilla Mendes) und Abe (Tyler Hoechlin) an der Seite seiner Freundin Misty (Meredith Hagner) auf. Als Talas Schwester Sarah (Cristin Milioti) auf der Hochzeit eine Rede halten soll, springt Nyles (auffällig unpassend mit einem Hawaiihemd und kurzen Hosen bekleidet) für sie ein, da sie sich bereits betrunken hatte. Das bringt die beiden einander an diesem Abend näher. Nyles weiß, dass Misty ihn betrügt. Sarah und Nyles fahren hinaus in die Natur um sich von Gefühlen überwältig einander hinzugeben, als Nyles plötzlich von einem Pfeil getroffen und von einem Mann namens Roy (J. K. Simmons) verfolgt wird. Sarah scheint ihn nicht zu kümmern und sie ist äußerst verstört hinsichtlich der seltsamen Situation. Nyles flüchtet in eine glühende Höhle und Sarah folgt ihm nach.

    Im nächsten Moment wacht Nyles neuerlich am Tag der Hochzeit neben seiner Freundin Misty auf. Als er sich später im Pool treiben lässt, stürmt Sarah plötzlich wütend auf ihn zu. Die beiden sind in einer Zeitschleife gefangen, in der sich der Tag der Hochzeit immer und immer wieder wiederholt.

    Auch in der romantischsten Beziehung kann es zu kleineren Krisen kommen.

    Kommentar

    Endlich! Palm Springs ist ein Film der gut unterhält und so richtig Spaß macht. Mit dieser Rom-Com erfüllen Max Barbakow und Drehbuchautor Andy Siara den Zeitschleifenfilm mit neuem Leben. Selbst der Vergleich mit großen Vorbildern wie Und täglich grüßt das Murmeltier (Harold Rami, 1993) muss nicht gescheut werden.

    Zu Beginn weiß man nicht so recht, wie man das Gesehene einordnen soll. Nach etwa einer viertel Stunde offenbart sich uns die Prämisse der Handlung – die alleine hier gespoilert werden muss und mehr auch schon nicht – und Palm Springs nimmt ordentlich an Fahrt auf. Die Handlung schlägt Haken wie ein Feldhase. Jeder Tag bringt eine neue Wendung und selbst rückblickend muss man lachen, da gerade der Beginn plötzlich unter einem völlig neuen Licht betrachtet werden kann.

    Irgendwie schafft es der Film, dass wir mir Sarah und Nyles mitfiebern, als wäre das, was die Beiden gerade durchmachen, das Natürlichste auf der Welt. Es ist einer jener Filme, bei denen man wahrhaftig spürt, dass die Darsteller einen riesen Spaß bei der Arbeit hatten, der sich auf das Publikum überträgt. Cristin Milioti und Andy Samberg geben ein wunderbares Paar ab, bei dem die Chemie einfach stimmt.

    Palm Springs unterscheidet sich insofern von anderen Zeitschleifenfilmen, als dass die Protagonisten kein Ziel verfolgen, um sich etwa einen Vorteil aus der Situation zu verschaffen. Einerseits ist es tödliche Langeweile, die sich breit macht und dann wiederum wird mit allen Mittel versucht, der Unendlichkeit zu entkommen. Natürlich entwickelte sich eine der romantischsten Geschichten der letzten Zeit erst durch die zahlreichen Wiederholungen. Sarah fühlt sich von Nyles‘ Nihilismus angezogen. Er hat bereits alles probiert, um aus der Zeitschleife zu entkommen und sich mit seiner Situation abgefunden. So lange steckt er schon in diesem Tag fest, dass er nicht mehr weiß, welchen Beruf er einst hatte und jedes auch noch so kleine Detail dieses Tages bereits in und Auswendig kennt. Dass die Beiden, mittlerweile Anfang 30, gewissermaßen schon viel früher in ihrem Leben steckengeblieben sind und spätpubertäre Verhaltensweisen an den Tag legen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

    Im Englischen ist Bill Murrays Groundhog Day zum Synonym für sich im Leben immer wieder wiederholende Banalitäten geworden. Ob der Film mit einer reinen Onlineauswertung einen ähnlichen Kultstatus erreichen kann, wird die Zeit weisen. Palm Springs ist vermutlich der komischste Film des vergangenen Jahres und hat das Zeug zum Lieblingsfilm.

    PALM SPRINGS | MAX BARBAKOW | USA 2020 | 90 MIN. | [usr 4,5]


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  • GRETEL & HÄNSEL ★★★½

    GRETEL & HÄNSEL ★★★½

    Jetzt verfügbar bei

    Sky go | Prime Video

    Märchen gehören wohl zu den bekanntesten und einflussreichsten Erzählungen überhaupt. Die Märchensammlung der Brüder Grimm aus dem 19. Jahrhundert bietet die Ausgangslage für zahlreiche Interpretationen und ist nicht zuletzt Grundlage für den Erfolg von Disney. Dort bedient man sich der klaren Strukturen und macht sich die immer wiederkehrenden Motive zu nutze. An ein älteres Publikum richtete sich 2013 Hänsel und Gretel: Hexenjäger. Darin werden aus dem Geschwisterpaar Kopfgeldjäger. Nun gibt es mit Gretel & Hänsel eine bildgewaltige Variante, die Horrorelemente in den Vordergrund rückt. Der Titel verrät es bereits: der Fokus ist hier anders gelegt.

    Darum geht es

    Nach dem Tod des Vaters begibt sich Gretel (Sophia Lillis) mit ihrem kleinen Bruder Hänsel (Sammy Leakey) auf Arbeitssuche. Der Hunger ist groß und als sie im Wald zu einem Haus kommen, aus dem es nach Essen duftet, kann sich Hänsel nicht mehr zurückhalten und stürzt sich auf den reich gedeckten Tisch. Dabei wird er von der Hausherrin Hulda (Alice Krige) erwischt. Diese zeigt sich jedoch gastfreundlich. Sie bietet den beiden Essen und ein Bett an. Tag für Tag ist der Tisch reich gedeckt. Die Fülle an Speisen macht Gretel zunehmend misstrauisch. Bald plagen das Mädchen nächtliche Visionen. Die Alte Frau möchte Gretel in die Künste der Hexerei einführen. Doch als ihr kleiner Bruder verschwindet, macht sie im Keller des Hauses eine erschreckende Entdeckung.

    Kommentar

    Bei aktuellen Verfilmungen von Geschichten für Kinder, treten seit ein paar Jahren die weiblichen Figuren als Heldinnen in den Vordergrund. Pionierin ist hier die lose auf einem Märchen von Hans Christian Anderson basierende Eiskönigin (Die Eiskönigin – Völlig unverfroren, 2013). Auf Plakaten und Filmtiteln waren die berühmten Vorgängerinnen schon seit eh und je vertreten. Neu war, dass sie, wie zuletzt Raja und der letzte Drache, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen durften und nicht auf ihren Prinzen warten mussten.

    Nur konsequent, dass sich nun Drehbuchautor Rob Hayes dem bekanntesten und düstersten Märchen der Brüder Grimm annimmt, um aus dem Kind Gretel eine 16-jährige Jungendliche zu machen. Ihr Bruder bleibt ein kleiner Bub und ist mehr Beiwerk und schon gar keine Hilfe für die große Schwester. Dieser feministische Ansatz ist eine der neuen Ideen von Gretel & Hansel. Es beginnt damit, dass die Hexe selbst eine Hintergrundgeschichte bekommt. Das wird für den Schluss wichtig sein. Hulda ist dadurch nicht weniger gruselig, dafür sorgt Alice Krige. Gretel wird erst gar nicht in die Opferrolle gedrängt. Hulda sieht in ihr vielmehr eine Gleichgesinnte. Es macht die Situation für das Geschwisterpaar dadurch aber auch nicht weniger gefährlich. Kinderliebe ist der Alten mehr als fremd.

    Neben dem beeindruckenden visuellen Stil (das Hexenhaus mit den spitzen Dach kann sich sehen lassen, verbirgt es doch in seinem Inneren mehr, als es von Außen den Anschein macht) bleibt vor allem der Synthie-Soundtrack des französischen Musikers Rob im Gedächtnis. Wer einen Eindruck von der Atmosphäre des Filmes bekommen möchte, sollte hier einmal reinhören.

    Leider verläßt sich Gretel & Hansel zu sehr auf seine Grundprämisse. Für einen erwachsenen Horrorfilm ist er über weite Strecken zu harmlos um tatsächlich einer Altersfreigabe von 16 Jahren gerecht zu werden. Gerade die unerwarteten Perspektivenwechsel bedürften einer tiefgehenderen Ausarbeitung. Vielleicht ist der Film dafür zu kurz geraten. Im Gegenzug wirken die 88 Minuten gar recht lange.

    Oz Perkins‘ Version des Märchenklassikers ist eine kluge und bildgewaltige Neuinterpretation, die aber nicht so recht zünden möchte.

    Gretel & Hänsel

    Horrorfilm, USA 2020
    Regie
    Oz Perkins
    Drehbuch Rob Hayes
    Kamera Galo Olivares
    Schnitt Josh Ethier, Julia Wong
    Musik Robin Coudert
    Mit Sophia Lillis, Sammy Leakey, Alice Krige
    Länge 88 Min.
    Streamingplattform Sky Go, Prime Video


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  • NOMADLAND ★★★★½

    NOMADLAND ★★★★½

    Jetzt nur im Kino

    Es kommt immer wieder vor, dass am Ende einer mit der Oscar-Verleihung endenden Filmsaison (Sie wurde in diesem Jahr auf den 25. April verschoben), ein Film hervorsticht, auf den sich so gut wie alle einigen können. In diesem Jahr sieht es ganz so aus, als wäre es Nomadland von Chloé Zhao. Mit der großartigen Frances McDormand in der Hauptrolle, trifft der Film fast prophetisch Mitten ins Herz einer Krise, in der immer mehr Menschen unter die Räder kommen und sich unter widrigen Bedingungen über Wasser halten müssen.

    Darum geht es

    Fern (Frances McDormand) hat alles verloren. Ihren Mann, ihre Arbeit, ihren Wohnort. Nach der Schliessung einer Fabrik, wird die Postleitzahl ihrer Heimatstadt Empire einfach ausgelöscht. Die Frau lebt nun in einem Van und verdingt sich als Tagelöhnerin. Das Jahr wird durch den Kreislauf diverser Jobs bestimmt. Vor Weihnachten macht sie Station bei Amazon. Sie ist nicht allein: es gibt eine ganze Gruppe von Menschen, die wie Nomaden leben, abgeschieden und ohne festen Wohnsitz. Im Laufe des Jahres kommt man da und dort zusammen, auch um der tristen Einsamkeit zu entgehen.

    Nomadland (2020)

    Kommentar

    Man muss sich vorstellen, dass Nomadland natürlich vor der derzeit vorherrschenden Pandemie entstanden ist. Inspiriert von dem 2017 erschienenen Buch Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century von Jessica Bruder und dem Antikapitalsten Bob Wells (im Film spielt er sich selbst) fanden die Dreharbeiten bereits im Jahr 2018 statt. Der Film wurde am 11. September 2020 bei den Filmfestspielen von Venedig und dem Toronto Filmfestival mit gleichzeitigen Filmvorführungen erstmals dem Publikum präsentiert. In Venedig wurde der Film mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

    Frances McDormand ist in der Rolle ihres Lebens zu sehen. Fern ist trotz aller Schicksalsschläge ein lebensfroher und großherziger Mensch. Die Leichtigkeit in McDormands Schauspiel ist beeindruckend. Neben David Strathairn als David spielen LaiendarstellerInnen, deren Rollen an ihr eigenes Leben angelehnt sind und sie lassen die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation verschwimmen. Das war bereits in Zhaos beeindruckenden letzten Film The Rider (USA 2017) so, in dem sich ein Rodeoreiter selbst spielte.

    Jeder der schon einmal in den USA war kennt sie, die im Dienstleistungssektor arbeitende Generation 60 plus. Eigentlich schon zu alt um noch zu arbeiten aber gleichzeitig zu arm um ihren Ruhestand genießen zu können. In den letzten Jahren hat sich eine eigene Gruppe von Menschen gebildet, die in Vans und Wohnwägen wie Nomaden durchs Land ziehen und deren Wege sich immer wieder kreuzen. Nicht zuletzt die Finanzkrise 2008 hat sie in diese Lage gebracht.

    Sie erleben ein Freiheitsgefühl und vielleicht ist es nur die Illusion von Unabhängigkeit aber diese Menschen sind nicht verarmt oder gar verwahrlost und haben sich sehr wohl für diese Lebensart entschieden. Gerade die Besitzlosigkeit empfinden sie als befreiend. Chloé Zhao gelingt die Gratwanderung Menschen zu zeigen, die ihre Freiheit lieben, ohne ihre prekäre Situation zu romantisieren. Denn gerade die medizinische Altersversorgung ist katastrophal.

    Im Grunde leben diese Nomaden ein für den Planeten verträglicheres Leben als wir alle, eng in Einklang mit der kalten, rauen und weiten Landschaft Nordamerikas. Zhao wirft einen längst notwenigen Blick auf die Auswüchse eines kapitalistischen Systems, in dem die Reichen immer reicher werden und andere sich keine Wohnung mehr leisten können. Die Regisseurin macht das ohne diese Menschen als Opfer zu brandmarken. Ihre Filme sind von einer triefen Humanität geprägt.

    Dieser Text wurde im Rahmen der Viennale 2020 verfasst.


    Bei der Oscar-Verleihung 2021 wurde Nomadland vier Mal ausgezeichnet:

    BESTER FILM für Molly Asher, Dan Janney, Frances McDormand, Peter Spears und Chloé Zhao

    BESTE REGIE für Chloé Zhao

    BESTE HAUPTDARSTELLERIN für Frances McDormand


    Nomadland

    Drama, USA 2020
    Regie, Drehbuch und Schnitt
    Chloé Zhao
    Kamera Joshua James Richards
    Musik Ludovico Einaudi
    Länge 108 Min
    Streamingplattform Derzeit in Österreich nicht verfügbar


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • QUO VADIS, AIDA? ★★★★

    QUO VADIS, AIDA? ★★★★

    Bis 28. April verfügbar auf der Seite des

    goEast> Filmfestival

    Es gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem 2. Weltkrieg. 2020 jährte sich das Massaker von Srebrenica zum 25. Mal. Die Regisseurin Jasmila Žbanić zeigt die Tage rund um das Massaker aus der Perspektive der Lehrerin und Dolmetscherin Aida. Die internationale Koproduktion mit der Beteiligung von coop99 und dem Film und Fernsehabkommen des ORF wurde auch vom Filmfonds Wien unterstützt. Quo Vadis, Aida? lief im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig und ist bei den Oscars 2021 als Bester Fremdsprachiger Film nominiert. Polyfilm bringt den Film voraussichtlich kommenden Sommer in die österreichischen Kinos.

    Darum geht es

    Es ist Juli 1995. Der Krieg am Balkan dauert nun schon über drei Jahre an. Die bosnisch-serbische Armee hat die Kontrolle über die Republik Bosnien und Herzegowina übernommen. Es sind die Tage und Stunden vor dem Massaker von Srebrenica, bei dem über 8000 Bosniaken ermordet wurden. Das Verbrechen wurde unter der Führung von Ratko Mladić von der Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs verübt. 

    Die Lehrerin Aida (Jasna Đuričić) ist als Übersetzerin in der UN-Schutzzone tätig. Der niederländische Offizier Thomas Karremans (Johan Heldenbergh) hat das Kommando über die leicht bewaffnete Schutztruppe der Vereinten Nationen. Die Lage ist sowohl für die Schutzbedürftigen als auch die Soldaten prekär, da die Versorgungslinien abgeschnitten wurden. Aida versucht ihre Familie, die vor einem UN-Stützpunkt auf Einlass wartet, in Sicherheit zu bringen. Als Übersetzerin ist sie anwesend bei den Verhandlungen zwischen der UN und Mladić (Boris Isakivić). Sie weiß längst, das der General die Staatengemeinschaft an der Nase herumführt.

    Als die feindliche Armee näher rückt, fordert Karremans Verstärkung an. Diese wird von der Generalversammlung nicht gewährt. Die Soldaten können nur tatenlos zusehen, wie tausende Menschen unter dem Kommando von Mladić in Bussen abtransportiert werden.

    Paramilitärische Einheiten fordern Einlass in die UN-Schutzzone (Quo Vadis, Aida?)

    Kommentar

    Aida ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Schon Tage vor dem 11. Juli 1995 scheint klar zu sein, welche Katastrophe sich in der Kleinstadt Srebrenica anbahnt. Tausende Menschen sind seit Tagen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen werden von der Armee der Republika Srpska und deren Handlanger abgefangen. Der Präsident der Republik Srpska Radovan Karadžić hatte den Befehl gegeben, die Region auszuhungern. Die Rolle der UN-Einheit unter dem Kommando von Thomas Karremans ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Klar ist, dass sie gegen einen Angriff der Armee nicht gerüstet waren. Von Mladićs Schergen angefertigte Videoaufnahmen belasten die UN jedoch schwer. Das Nichteinschreiten der Vereinten Nationen hat den Ruf der Institution nachhaltig beschädigt.

    Die Kamera ist bei General Mladić für Propagandazwecke immer mit dabei. Am Ende der Dokumentation Himmel über Srebrenica (YouTube-Link), stossen der UN-Offizier Karremans und Mladić mit einem Schnaps an und verabschieden gemeinsam den Abzug der UN-Truppen. Der General kümmere sich nun selbst um die bosnischen Männer, Frauen und Kinder. In Quo Vadis, Aida kommen genau diese Szenen zwar nicht vor, doch Regisseurin Žbanić schafft es mit ihrer fast dokumentarischen Herangehensweise, das Geschehen mit einer gewissen analytischen Distanz – sofern dies überhaupt möglich ist – aufzuarbeiten. Einzig das Schicksal von Aida und ihrer Familie ermöglichen einen emotionalen Zugang.

    Der technokratische Zugang ist auf beiden Seiten gleich. Mladić verfolgt klar ein Ziel und auch die Soldaten bewegen sich keinen Millimeter weg von den Vorgaben, auch als bereits klar zu sein scheint, welche Katastrophe sich hier anbahnt und Männer in unmittelbarer Nähe des Lagers erschossen werden. Die Gräueltaten hinterlassen ihre Spuren einzig auf der Tonspur. Zeigen tut sie Žbanić nicht. Das kommt dem Film zugute, da keine Bilder dem Schrecken gerecht werden können.

    Der Umstand, dass die Hauptdarstellerin Jasna Đuričić Serbin ist, hat eine zumindest kleine Diskussion hervorgerufen. Ist gerade eine Serbin dafür geeignet, sich in das Leid der Bosniaken hineinzuversetzen? Für Đuričić sind alle Frauen gleich. Melisa Erkurt meint dazu, dass sie es gerade damals aber nicht waren. (Quelle: Falter/Erkurt, 15/21) Würde umgekehrt ein Jude einen Nazischergen spielen? Die Debatte ließe sich weiterspinnen. Nun ist Đuričić ganz klar das Herz des Filmes geworden. Die große Mehrheit des Publikums wird die Hintergründe nicht kennen und letzlich sind sie für den Film belanglos. Schließlich gibt es keine Sippenhaftung.

    Quo Vadis, Aida? ist ein Kriegsdrama, dass sich weit weg von Kampfhandlungen abspielt und die humanitäre Katastrophe in den Fokus rückt, die oft im Verborgenen bleibt. Der Wahnsinn wird auf ein Schicksal, auf eine feministische Perspektive heruntergebrochen. Eine dramaturgische Überhöhung ist nicht notwendig. Ein Film, der unter die Haut geht.

    Quo vadis, Aida?

    Drama, BIH, AT, NL, DE, u.a. 2020
    Regie/Drehbuch
    Jasmila Žbanić
    Kamera Christine A. Mayer
    Schnitt Jarosław Kamiński
    Mit Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Boris Isakivić, Johan Heldenbergh
    Länge 104 min
    Streamingplattform bis 28. April 2021 auf der Seite des goEast Filmfestival verfügbar


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  • DAVID BYRNE’S AMERICAN UTOPIA ★★★★★

    DAVID BYRNE’S AMERICAN UTOPIA ★★★★★

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    Im vergangenen Jahr hat neben Hamilton noch eine zweite Broadwayproduktion den Weg auf die Bildschirme gefunden und das ebenso mit einer Eindringlichkeit, die man so von einer Bühnenproduktion nicht erwarten konnte. American Utopia ist ein Solo-Album von David Byrne aus dem Jahr 2018. Für die Bühnenshow adaptierte Byrne das Album und erweiterte es mit Songs seiner Karriere. David Byrne’s American Utopia feierte im September 2020 beim Toronto International Film Festival Premiere.

    David Byrne im Herbst 2019 auf der Bühne des Hudson Theatre in New York.

    In einer atemberaubenden Choreographie von Annie-B Parson steht Byrne mit 11 MusikerInnen mit kabellosen und portablen Instrumenten in stahlgrauen Anzügen barfuß auf der Bühne. Die Show ist reich an politischen Statements, in denen Byrne über die Wahlen, Black Lives Matters, Polizeigewalt und über die Rolle des Individuums in der Gesellschaft an sich reflektiert. Während der Coverversion von Janelle Monáe’s Hell You Talmabout zeigt uns Spike Lee die Gesichter von Opfern von Polizeigewalt.

    Spike Lee gelingt es, dem Publikum vor den Bildschirmen die Show aus dem Hudson Theatre in New York unmittelbar näher zu bringen. American Utopia ist eine aussergewöhnliche Bühnenperformance und eine große Empfehlung für alle, die Musik und Theater lieben. Ein Geschenk in einem Jahr, in dem die Theatertüren so lange verschlossen geblieben sind.

    David Byrne im Gespräch mit Spike Lee

    American Utopia

    Konzertfilm, USA 2020
    Regie
    Spike Lee
    Drehbuch David Byrne
    Choreographie Annie-B Parson
    Kamera Ellen Kuras
    Schnitt Adam Gough
    Länge 105 Min.
    Streamingplattform diverse Anbieter VOD


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  • SHAUN DAS SCHAF – UFO-ALARM ★★★½

    SHAUN DAS SCHAF – UFO-ALARM ★★★½

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    Die populäre Serienfigur Shaun das Schaf von Aardman Animations erlebt in Shaun das Schaf – UFO-Alarm seinen zweiten Leinwandauftritt nach dem Debüt im Jahr 2015. Den ersten Auftritt hatte die Figur 1995 im Kurzfilm Wallace & Gromit – Unter Schafen. Ursprünglich eine Nebenfigur, ist Shaun, der vor Langeweile immer auf die verrücktesten Ideen kommt, heute wohl der beliebteste Stop-Motion Charakter überhaupt. Wie schon der erste Teil wurde der Film in der Kategorie Best Animated Feature für einen Oscar nominiert.

    Darum geht es

    Eines Tages verirrt sich ein extraterrestrisches Wesen auf der Erde und landet just in Mossy Bottom. Seltsames passiert und die Scheune gerät in helle Aufruhr. Einzig der abenteuerlustige Shaun muss den eigenartigen Vorkommnissen natürlich auf den Grund gehen. Gleichzeitig ist eine geheime Spezialeinheit dem Neuankömmling dicht auf den Fersen. Als sich UFO Sichtungen häufen und die Bevölkerung immer mehr in Verzückung gerät, beschließt der Farmer einen UFO-Freizeitpark unter dem Namen Farmageddon zu eröffnen. Shaun versucht in der Zwischenzeit dem kleinen Außerirdischen mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten dabei behilflich zu sein, sein UFO zu finden, damit der zurück zu seiner Familie gelangen kann.

    Da prallen zwei Welten aufeinander.

    Kommentar

    Spätestens seit Wallace & Gromit – Alles Käse (1989) ist Aardman Animations einem breiten Publikum bekannt. Seitdem versorgt uns das Team um Peter Lord und Nick Park mit erstklassiger Stop-Motion Unterhaltung. Mit dem Verzicht auf Dialoge, dafür technischer Perfektion, liebevollen Details und allerhand Anspielungen auf die Filmgeschichte eroberte das Studio die Herzen einer großen Fangemeinde.

    Das neueste Werk Shaun das Schaf – UFO-Alarm ist da keine Ausnahme. Perfektes Timing und Verweise auf Akte-X, Odyssee im Weltraum und natürlich E.T. – Der Außerirdische sorgen nicht nur bei den Kleinsten für Lacher. Auch ein junges Zielpublikum hat sich clevere Unterhaltung verdient und das hat man bei Aardman Animations schon lange erkannt.


    Shaun das Schaf – UFO-Alarm (OT: A Shaun the Sheep Movie: Farmageddon)

    Animationsfilm, USA 2019
    Regie
     Richard Phelan, Will Becher
    Drehbuch Mark Burton, Jon Brown
    Schnitt Sim Evan-Jones
    Musik Tom Howe
    Länge 87 Min.
    Streamingplattform VOD bei diversen Anbietern


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