Schlagwort: 2020

  • BIS DANN, MEIN SOHN ★★★★

    BIS DANN, MEIN SOHN ★★★★

    Kaum wo sind Politik und Gesellschaft so eng verbunden wie in der Volksrepublik China. Politische Entscheidungen haben unmittelbar drastische Konsequenzen auf den Alltag der Bevölkerung. Kaum etwas wird dem Zufall überlassen. Die eigene Lebensplanung wurde bis vor kurzem rigoros eingeschränkt. Bis dann, mein Sohn (engl. Festivaltitel So long, my son) von Wang Xiaoshuai erzählt vor diesem Hintergrund zwei Familiengeschichten, die auf schicksalshafte Weise mit einander verbunden sind und sich über drei Dekaden erstrecken.

    Die Erzählung setzt zwei Jahre nach Maos Tod im Jahr 1978 ein und endet 2011, als das Land bereits zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen war. Die beiden Protagonisten Liu Yoajun (Wang Jingchun) und seine Frau Wang Liyun (Yong Mei) gehören der bitterarmen Arbeiterschaft an und bringen Anfang der 1980er Jahre ihren Sohn Xing auf die Welt. Er wird genau am selben Tag geboren wie Haohao, der Sohn des befreundeten Ehepaars Shen Yingming (Xu Cheng) und Li Haiyan (Ai Liya). Regisseur Wang begleitet die zwei Familien durch die verschiedenen Phasen der chinesischen Entwicklung. Lange Zeit geprägt durch Armut und die Ein-Kind-Politik schaffen es vor allem Yingming und Haiyan, den mit dem Umstieg von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft einhergehenden wirtschaftlichen Aufschwung für sich zu nutzen. Mitte der 90er Jahre kommt kleine Xing bei einem tragischen Unfall in einem Stausee ums Leben. Was genau passiert war, erfährt man erst spät im Film. Es wird aber deutlich, dass die befreundete Familie damit zu tun hat.

    Durch den Unfall trennen sich die Wege der beiden Familien. Gleichzeitig bleiben sie dadurch auch über eine größere Distanz emotional verbunden: Lebenslange Trauer auf der einen Seite und Schuldgefühle auf der anderen. Wang macht es dem Publikum nicht leicht, indem er die Geschichte nicht chronologisch erzählt. Man muss schon sehr genau aufpassen, um vor allem nicht zu Beginn kurzzeitig den Überblick zu verlieren. Nicht nur wegen der vielen Namen, sondern auch deshalb, weil die zeitliche Zuordnung im ersten Moment nur durch den Alterungsprozess der Protagonisten erfolgt und der ist nicht so deutlich wie beispielsweise in The Irishman. Darüber hinaus sind es viele Detail, angefangen bei der Kleidung, in denen sich der Wandel über die Jahrzehnte zeigt.

    Die Entwicklungen des Landes anhand von Einzelschicksalen darzustellen, ist in Bis dann, mein Sohn zweifellos gelungen. Erst innerhalb dieses Mikrokosmos wird deutlich, was es bedeutet, derart rasanten Veränderungen ausgesetzt zu sein. Die stoische Ruhe der Charaktere bestimmt das Tempo des Filmes. Die Kamera von Kim Hyun-seok geht oftmals auf Distanz, gerade wenn es dramatisch wird. Für ihre überzeugende Darstellung wurden Wang Jingchun und Yong Mei im vergangenen Jahr bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Regisseur Wang ist ein beeindruckendes Familienepos geglückt.

    Wang Xiaoshuai | OT: Di jiu tian chang (So Long, My Son) | CHN 2019 | 185 Min. | [usr 4]


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  • THE FAREWELL ★★★★½

    THE FAREWELL ★★★★½

    Awkwafina! Die Musikerin und Schauspielerin wurde für ihre Darstellung der sinoamerikanerin Billi Wang in The Farewell gerade mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Die Autorin Billi lebt mit ihren Eltern in New York aber der Großteil der Familie ist in ihrer alten Heimat China. Eines Tages erreicht sie die Nachricht, dass die geliebte Großmutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Nun gibt es in China den Glauben, dass es nicht der Krebs ist, der den Menschen tötet, sondern die Angst vor ihm. Daraus folgt, dass man den Betroffenen die Krankheit verschweigt. Also was tun? Regisseurin Lulu Wang verarbeitet in ihrem grandiosen Spielfilmdebüt ihre eigene Familiengeschichte.

    Ein Vorwand wird gesucht, um die ganze Familie zusammenzubringen, um sich insgeheim von Nai Nai (Shuzhen Zhao) verabschieden zu können. Vor dem Hintergrund dieser, aus unserer Sicht, skurril anmutenden Geschichte, handelt The Farewell davon, wie es ist, weit weg von seiner Familie und den eigenen kulturellen Traditionen zu leben. Wie die Zeit vergeht und man mit den Eltern nur mittels Telefon in Kontakt treten kann und dann auf einmal das Ende in Sicht ist. Die Familie von Billi begibt sich auf die Reise nach China. Da ihre Eltern denken, dass sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle halten kann, lassen sie sie zurück. So beschließt Billi kurzerhand auf eigene Faust nach China zu kommen.

    Für Billi ist es eine fremde Welt. Schon als kleines Kind emigrierte sie mir ihren Eltern in die USA. Sie spricht ein wenig die Sprache. Lesen kann sie die Schrift nicht. Es ist gewissermaßen ein Schock für sie, zu sehen, dass sie in den Staaten eine Migrantin ist und in China ebenso eine Fremde. Diese Heimatlosigkeit, die ihre Eltern noch mehr bedrückt, weiß Regisseurin Wang gekonnt zu vermitteln. Für Billi stellt sich die Frage nach ihrer eigene Identität.

    So sitzt die Familie erstmals seit 20 Jahren gemeinsam an einem Tisch. Da alle Anwesenden ihre Trauer verbergen müssen, zieht sich eine humorvoller Unterton durch die gesamte Erzählung. Es ist aber mehr die Situationskomik als witzige Dialoge, die uns zum Schmunzeln bringt.

    Die Kamerafrau Anna Franquesa Solano drückt dem Film mit einem eigenen visuellen Bildstil ihren Stempel auf. Sie orientiert den Bildaufbau an einer chinesischen Bildsprache, rückt die Menschen aus dem Zentrum und lässt Freiräume. Die barocke Filmmusik kommt von Alex Weston. Sie hebt sich von den Bildern deutlich ab und verleiht dem Film einen melancholischen Grundton.

    The Farewell ist ein warmherziges Drama über das Abschiednehmen, das uns trotz der ungewöhnlichen Situation mit der Familie mitfühlen lässt. Und wann gab es schon je eine Trauerrede auf einer Hochzeitsfeier zu hören? Zu Awkwafina lässt sich nur sagen: A star is born.

    THE FAREWELL | LULU WANG | USA 2019 | 101 MIN | [usr 4,5]


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  • THE REPORT ★★★½

    THE REPORT ★★★½

    „Papier macht nur Ärger.“ Als der Senatsmitarbeiter Daniel Jones (Adam Driver) seinen neuen Arbeitsplatz in einer geheimen CIA Aussenstelle betritt, fällt ihm sofort auf, dass es hier weder Drucker noch Papier gibt. Es ist ein neonbeleuchteter fensterloser Raum mit schwerer Eisentür, in dem sich nur Schreibtische mit Lampen und Computern befinden. Nichts soll diesen Raum verlassen, so ein CIA Mitarbeiter. Im Auftrag der Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening) soll Jones hier den, von der Bush Administration im Rahmen des Krieges gegen den Terror bewilligten und durchgeführten, „enhanced interrogation techniques“ auf den Grund gehen. Gemeint sind die in den geheimen CIA Foltergefängnissen vollzogenen Verhöre von Terrorverdächtigen. The Report ist eine wahre Geschichte über einen Beamten, der am Ende einen 7.000-seitigen Bericht erstellte und damit eine Diskussion über die humanitären Werte der US-amerikanischen Gesellschaft in Gang brachte und die Frage aufwarf, wodurch sie sich von ihrem eigentlichen Feind unterscheidet.

    Aber der Reihe nach. 2007 berichtet die New York Times davon, dass die CIA Verhörprotokolle von mutmaßlichen Al-Quaida Mitgliedern vernichtet haben soll. Die kalifornische Senatorin Feinstein beauftragt ihren Mitarbeiter Jones eine Untersuchung durchzuführen und dabei Millionen Seiten an Verhörprotokollen zu studieren. Um ihr Anliegen durchzusetzen, soll sein Team je zur Hälfte aus Demokraten und Republikanern bestehen. In jahrelanger zermürbender Arbeit, die immer wieder von Außen zu boykottieren versucht wird, arbeiten sie sich durch die Dokumente. Nach und nach verliert Jones seine Mitarbeiter und steht am Ende alleine da. 2014 wird eine 500-seitige Zusammenfassung des Berichts veröffentlicht. Der gesamte Bericht ist bis heute unter Verschluss.

    Im Kern befasst sich der Bericht damit, ob diese Methoden, die unter anderem durch das Waterboarding und die Fotos aus Abu Ghuraib zu unrühmlicher Bekanntheit gelangten, tatsächlich zu neuen Erkenntnissen zur Verhinderung von weiteren Terrorattacken führten. Die CIA beruft sich auf pseudowissenschaftliche Untersuchungen von zwei Air Force Psychologen, die dies bestätigen sollen. Denn nur dann sind derartige Methoden verfassungskonform. Dabei ist schon seit den 1970er Jahren bekannt, dass Geständnisse unter solch unmenschlichen Bedingungen anzuzweifeln sind.

    In einer Szene läuft Kathrin Bigelows Zero Dark Thirty im Fernsehen. The Report ist auch als mahnende Weiterführung des Themas zu verstehen. Bigelow erlaubte sich in ihrem Film gewisse Freiheiten und hielt sich nicht ganz an die Realität. Vor allem wenn es darum ging, ob es nun relevante Erkenntnisse durch Folter gab oder eben nicht. Ein entscheidendes – wenn auch nur juristisch relevantes – Detail. Bigelow wurde für die explizite Darstellung der Folterszenen kritisiert. Was 2012 schon fragwürdig war, ist es 2019 erst recht. The Report spart seinerseits ebenso nicht mit ausführlichen Folterszenen (vor allem denen des ersten Folteropfers Abu Zubaydah (Zuhdi Boueri)) und da stellt sich die Frage, ob dies notwenig ist. Es gibt sehr wohl andere und effizientere Gestaltungsmöglichkeiten, um die Brutalität von Folter anzuprangern, als sie in vollem Grauen zu zeigen. Hier ist Kritik am Drehbuch von Regisseur Scott Z. Burns angebracht.

    Darüber hinaus ist The Report ein solider und spannender Politthriller, der das Beamtentum hochhält. Menschen wie Daniel Jones und Dianne Feinstein stehen exemplarisch dafür, was eine Demokratie ausmacht. Selbst wenn ganz oben oder an Schlüsselstellen eines Staates grobe Fehler passieren, gibt es eine Kontrollinstanz. Auch wenn Missstände nur rückwirkend und sehr schleppend aufgedeckt werde, so entfachen sie doch eine Diskussion darüber, was geht und wo die Grenzen sind.

    Adam Driver spielt sich gerade im Charakterfach ganz nach oben. Es ist auch hier gerade seine ungelenke Art und sein alles andere als filmstarmäßiges Auftreten, das seiner Rolle die notwendige Ernsthaftigkeit und Authentizität verleiht. Ein einfacher Beamter. Im ersten Moment blass aber dann trotzdem bestimmt und energisch.

    Die immerwährende Frage, ob man aus der Geschichte etwas gelernt hat, darf auch in diesem Fall bezweifelt werden. Neben den beiden Air Force Psychologen war auch die CIA Mitarbeiterin Gina Haspel bei den Folterungen anwesend. Haspel ist seit 2018 als erste Frau Direktorin des zentralen Nachrichtendienstes CIA.

    Verfügbar bei Amazon Prime.

    THE REPORT | SCOTT Z. BURNS | USA 2019 | 120 Min. | [usr 3,5]


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  • KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE ★★★★

    KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE ★★★★

    Das neue Jahr startet mit einem der unterhaltsamsten Filme der letzten Zeit. Von Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson kommt ein klassischer Whodunit in die Kinos, der ständig falsche Fährten legt und uns von einer überraschenden Wendung zur nächsten stolpern läßt. Der Krimi Knives Out macht kein Geheimnis daraus, wo die großen Vorbilder liegen und punktet mit einem exzellenten Ensemble, einem feinen Setdesign und einer sanften Modernisierung des Themas.

    Harlan Thrombey (Christopher Plummer) ist ein erfolgreicher Krimiautor und er ist tot. Mit einer durchschnittenen Kehle liegt er am Morgen nach seiner großen Party zum 85. Geburtstag in seinem Zimmer unter dem Dach seiner feudalen gotischen Villa. Seine gesamte Familie profitierte von seinem Erfolg und Reichtum und alle sind sie tatverdächtig. Da wären seine Tochter Linda (Jamie Lee Curtis), ihr herrlich unsympathischer Ehemann Richard (Don Johnson) und deren Sohn Ransom (Chris Evans). Sohn Walt (Michael Shannon) ist für die Vermarktung zuständig und der Enkel Jacob (Jaeden Martell) ist ein kleiner Nazi. Wanetta Thrombey (K. Callan) ist Harlans Mutter, von der niemand weiss, wie alt sie ist. Zugegen sind weiters eine Schwiegertochter (Toni Collette), die Haushälterin (Eid Patterson) und Harlans Pflegerin Marta Cabrera (Ana de Armas). Zwei Cops (LaKeith Stanfield und Noah Segan) sollen klären, ob es sich um Selbstmord handelt. Ihnen zu Seite steht der Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig). Die Frage danach, wer ihn angeheuert hat, wird das Publikum über weite Strecken des Films beschäftigen.

    Marta, die Einwandererin, ist die gute Seele, von allen „geliebt“ und zwar so sehr, das niemand so richtig weiß, aus welchem Land sie eigentlich stammt. Jedenfalls war sie die engste Vertraute des Verblichenen und rückt bald ins Zentrum der Erzählung. Ana de Armas ist erstmals in einer derart tragenden Rolle zu sehen und meistert ihre Aufgabe umgeben von zahlreichen Schauspielschwergewichten bravourös. Chris Evans tritt erst relativ spät ins Geschehen ein und wird so unweigerlich als der heimliche Star präsentiert. Angesichts seiner Kolleginnen ist das zum Schmunzeln. Seine Rolle als Captain America hat ihm nunmal den Status eines Superstars verpasst. Die große Überraschung ist Jamie Lee Curtis. Ihre Darstellung der smarten Geschäftsfrau sticht am meisten hervor. Daniel Craig beweist nach Logan Lucky mit seinem Charakter neuerlich Humor und gibt trotzdem einen stilvollen Detektiv ab. Und keine Sorge: Schauspielgigant Christopher Plummer hat in zahlreichen Rückblenden genügend Auftritte.

    Über den Verlauf der Geschichte behält man am besten Stillschweigen. Ausstattung und Kostümdesign sind mit Liebe zum Detail ausgeführt und tragen zur stimmigen Transferierung des Themas in die Gegenwart bei. Es ist nur so, dass Anfangs noch alle Familienmitglieder als verdächtig gelten müssen, die Handlung jedoch zu schnell die ein oder andere Figur links liegen läßt. Selbst wenn man ahnt, in welche Richtung die Reise geht, so ist uns Regisseur Johnson jedoch immer einen Schritt voraus. Neben dem Whodunit Thema läßt der Regisseur auch immer wieder gesellschaftskritische Elemente einfließen, die nicht zuletzt in der Rolle der Krankenpflegerin Marta zusammenlaufen.

    Warum uns Knives Out so überrascht? Weil gerade im Unterhaltungskino derzeit das Mittelmaß regiert. Aktuelle Agathe Christie Neuverfilmungen sind Durchschnittsware und darüber hinaus sind klassische Wodunit-Krimis selten geworden. Dabei können sie doch so unterhaltsam sein. Das beweist Rian Johnson gerade mit seinem kniffligen Drehbuch. Es ist nichts Neues aber offenbar haben wir das Genre vermisst. Die Kombination von Ratekrimi, schwarzem Humor und exzellenten Darstellerinnen ist eine unwiderstehliche. Und welch Ironie, so es das Publikum möchte: „Benoit Blanc will return“.

    RIAN JOHNSON | OT: KNIVES OUT | USA 2019 | 130 Min. | [usr 4]


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  • ATLANTIQUE ★★★★

    ATLANTIQUE ★★★★

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    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    In Dakar, der Hauptstadt des Senegal, fordert eine Gruppe von Bauarbeitern ihren Lohn ein. Oft ist es das einzige Familieneinkommen und somit die Existenzgrundlage. Der Baustellenleiter kann ihnen jedoch kein Geld aushändigen. Die Männer treffen eine folgenschwere Entscheidung. Atlantique ist das Spielfilmdebüt der Regisseurin Mati Diop. Ein Name, den man sich merken sollte.

    Zu Beginn treffen sich Ada (Name Binet Sane) und Suleiman (Traore) in einem Rohbau am Meer. Das Liebespaar befinden sich in einer verzweifelten Lage. Die Familie von Ada hat sie einem Mann versprochen. So möchte es die Tradition. Einen Fremden zu heiraten ist für Ada ein Alptraum. Suleiman schaut immer wieder aufs Meer hinaus und scheint abwesend. Der Blick in den Horizont hat für jeden eine andere Bedeutung, wie sich bald herausstellen wird.

    Geschichten über Migration werden meist aus Sicht der Menschen auf der Flucht erzählt und spielen jedenfalls fast immer auf europäischem Boden. Hier findet Diop jedoch einen völlig neuen Zugang. Was ist mit den Frauen die zurückbleiben, wenn sich die Männer in ein kleines Boot setzen und in den Atlantik hinaus steuern?

    Suleiman und die anderen verschwinden in der folgenden Nacht. Kurz darauf wird Ada verheiratet und da beginnen auch die merkwürdigen Ereignisse. Das Ehebett geht in Flammen auf. Angeblich hat jemand Suleiman gesehen. Regisseurin Diop schlägt einen Weg ein, der das breite Publikum im ersten Moment durchaus verschrecken könnte. Seltsames passiert mit den Frauen. In die harte Realität mischen sich in Atlantique übernatürliche Elemente von lokaler Spiritualität. Am Ende macht dieser Kunstgriff durchaus Sinn.

    Das Debüt der französischen Regisseurin Mati Diop, gedreht in der Sprache Wolof, wurde in Cannes 2019 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Darüber hinaus steht der Film auf der Short List für den Auslandsoscar 2020. Netflix hat sich die weltweiten Rechte gesichert, bewirbt den Film aber leider nicht. So verkommt er irgendwo in den Weiten des Streamingdienstes. Völlig zu unrecht. Neben überzeugenden Darstellern, die teils zum ersten Mal vor der Kamera stehen, ist der Soundtrack von Fatima Al Qadiri erwähnenswert. Atlantique findet einen mythisch-poetischen Weg, um sich mit dem Thema transkontinentaler Migration auseinanderzusetzen und ist dabei höchst erfolgreich.

    MATI DIOP | ATLANTIQUE (engl. Atlantics) | F/SEN/BEL 2019 | 104 Min. | [usr 4]



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  • ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL ★★★★

    ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL ★★★★

    Es ist Weihnachten im Jahr 1934. Arthur Kemper (Oliver Masucci) schenkt seiner Frau Dorothea (Carla Juri) einen aufgerollten, mit Klaviertasten bedruckten Stoff. Musik ist Dorotheas Leidenschaft. Das Familienklavier musste sie aber so wie alles Hab und Gut in Berlin zurücklassen. Arthur und Dorothea sind mit ihren Kindern Anna (Riva Krymalowski) und Max (Marius Hohmann) auf der Flucht vor den Nazis. Es ist eine der berührendsten Szenen in Caroline Links neuen Film Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl, die Geschichte einer jüdischen Familie, die fernab der Nazigräuel im Exil lebt und nichts hat ausser einander. Die Szene versinnbildlicht nicht nur die kleinen Freuden im Leben, sondern auch die Bedeutung der Familie in Krisenzeiten.

    Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der 10-jährigen Anna. Durch Kinderaugen erfahren wir, was es bedeutet, die vertraute Umgebung und alle Freunde hinter sich zu lassen – auch das geliebte rosa Kaninchen. Aufgeschrieben hat die Erzählung Judith Kerr, die im gleichnamigen Roman ihre eigene Lebensgeschichte verarbeitet. Sie verstarb erst im vergangenen Jahr in London, wo sie letztendlich eine neue Heimat fand. Ihr Vater Arthur war ein bedeutender Theaterkritiker, Gegner der Nationalsozialisten und Sozialist. Weitsicht und ein Hinweis auf die bevorstehende Verfolgung veranlassen ihn noch vor Hitlers Machtergreifung zur Flucht. Erst nach Prag, dann nach Zürich. Schon bald folgt ihm der Rest der Familie nach.

    Vom gewohnten wohlhabenden Leben muss man sich bald verabschieden. Es ist schwer für Arthur, eine neue Beschäftigung zu finden. Niemand möchte sich mit den Nazis anlegen. So beginnt eine Zeit der Entbehrungen, in der die Familie eng zusammenrückt. Roman und Film erzählen von den Jahren 1933-1935, in denen die Familie zuletzt weiter nach London fliehen muss. Jedes Mal bedeutet das für alle von vorne zu beginnen, die Sprache neu zu lernen und sich in der Fremde versuchen zurechtzufinden. Die aufgeweckte und freche Anna nimmt alles mit einer kindlichen Leichtigkeit hin. Die Sorgen der Eltern entgehen ihr nicht aber im Schutz der Familie fühlt sie sich gleichzeitig unverwundbar. Auch wenn die Spannungen, die sich durch die schwierige Situation aufbauen, stetig zunehmen.

    Die leider viel zu selten zu sehende Anne Bennent spielt die Vermieterin in Paris. Sie interessiert sich weniger für das Schicksal der Familie, als dass sie ihre wöchentliche Miete bezahlt. Antisemitismus mischt sich bei ihr genauso in ihre lakonischen Kommentare, wie bei der deutschen Nachbarin. Justus von Dohnáni ist der liebevolle Onkel Julius. Er entschließt sich in Deutschland zu bleiben. Denn eines ist klar: so einfach ist es nicht, alles hinter sich zu lassen. Vor allem wenn es noch Hoffnung gibt, dass alles doch nicht so schlimm werden würde.

    Als Hitler das rosa Kaninchen stahl wirft einen etwas anderen Blick auf eine finstere Zeit. Es ist die subjektive Sicht eines kleinen Mädchens, das sich nur nach und nach ein Bild davon machen kann, was um sie herum eigentlich passiert. Es sind die kleinen Momente und Gesten, die das Publikum zu tränen rühren und nicht das große Grauen. Auch Dank einer großartigen Ensembleleistung.

    Der Film erzählt ein Fluchtschicksal, dass sich so mancher zu Herzen nehmen sollte, der ein falsches Bild von Flucht und den damit einhergehenden Konsequenzen hat.

    Caroline Link | Als Hitler das rosa Kaninchen stahl | D 2019 | 119 Min. | [usr 4]

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