Am Ende hat sich doch ONE BATTLE AFTER ANOTHER gegen SINNERS durchgesetzt. Es war ein launiger Abend mit ein paar Neuerungen und einer der längsten der jüngsten Zeit. In mancherlei Hinsicht betreibt Hollywood Realitätsverweigerung, wenn auch es ein politischer Abend wie schon lang nicht mehr war. Im Gartenbaukino darf man aus lizenzrechtlichen nicht mehr Oscars sagen.
Neu war, dass die AMPAS-Mitglieder fortan alle nominierten Filme in jeder Kategorie ansehen müssen, um sich an der finalen Abstimmung über die Oscar-Gewinner zu beteiligen. Ob das einen Einfluss auf das Ergebnis hat, werden wir wohl nie erfahren. Auf jeden Fall war über die Jahre immer Thema, ob die Mitglieder die Filme überhaupt gesehen hatten oder sich eher durch Favoritenrollen und Kampagnen beeinflussen ließen.
Sinners von Ryan Coogler
Darüber hinaus wurde eine neue Preiskategorie für das Beste Casting („Achievement in Casting“) eingeführt. Es wurde Cassandra Kulukundis für SINNERS ausgezeichnet.
Quelle: Wikipedia
KI wird offiziell anerkannt, nachdem es im vergangenen Jahr noch für Aufsehen gesorgt hat, dass KI Modelle EMILIA PÉREZ und THE BRUTALIST zu Einsatz gekommen sind. Ein Plädoyer für mehr Sensibilität und Wertschätzung für die Kunst kam von Chris Appelhans, der für KPOP DEMON HUNTERS ausgezeichnet wurde.
Michael B. Jordan war spät in die Favoritenrolle gerutscht und konnte sich für seine Doppelrolle in SINNERS verdient über den Preis freuen. Es tut der Qualität der einzelnen Filme wie immer keinen Abbruch aber damit hat er den Vampir-Horrorfilm von Ryan Coogler im Ranking vor einem Totalabsturz bewahrt. Von der Rekordzahl an 16 Nominierungen konnten nur vier als Sieg verbucht werden. Darunter erstmals in der beinahe 100 jährigen Geschichte der Academy Awards der Preis für eine Kamerafrau an Autumn Durald Arkapaw.
Der große Verlierer war MARTY SUPREME, der leer ausging, obwohl Timothée Chalamet mit seiner bereits dritten Nominierung lange als aussichtsreicher Kandidat gegolten hatte.
Sean Penn gehört nun zu den wenigen Schauspielern, die drei Oscars ihr eigen nennen dürfen. Es dürfte ihm reichlich egal sein. Jesse Buckley fuhr einen Start-Ziel-Sieg ein und wurde als Beste Hauptdarstellerin für HAMNET ausgezeichnet.
Die Politshow
Ein paar Seitenhiebe auf die aktuelle politische Situation in den USA kamen von Moderator Conan O’Brien, ebenso von Jimmy Kimmel. Darüber hinaus brachte Javier Bardem seinen Unmut gegen den Iran Krieg zum Ausdruck, ebenso wie einen „Free Palastine“ Appell. David Borenstein, als Koregisseur ausgezeichnet für den Dokumentarfilm MR. NOBODY AGAINST PUTIN, mahnte zur Vorsicht, wenn Staaten in kleinen kaum merkbaren Schritten in den Totalitarismus abgleiten. Die USA sind mitgemeint.
Frankenstein von Guillermo del Toro erzielte einen Achtungserfolg.
Im Memoriam
In diesem Jahr gelang endlich ein lange überfälliges würdevolles Gedenken an in diesem Jahr verstorbene Branchenkolleg*innen. Das war in den vergangenen Jahren immer wieder desaströs missglückt. Mehr Zeit und persönliche Erinnerungen vor allem an Robert Redford, Diane Keaton, Rob Reiner und Michele Singer durch Wegbegleiterinnen wie Barbara Streisand. Auf Brigitte Bardot hatte man allerdings vergessen.
Sentimental Value von Joachim Trier
Der Triumph
Bevor es zum großen Finale kam, wurde Joachim Trier für SENTIMENTAL VALUE ausgezeichnet und das wie immer in einer Kategorie mit starker Konkurrenz.
Der große Gewinner des Abends war Paul Thomas Anderson, der für ONE BATTLE AFTER ANOTHER drei Statuetten mit nach Hause nehmen durfte.
Es war ein spannender und kurzweiliger Abend, auch wenn alles wie ein großes Durcheinander wirkte und jegliche Struktur vermissen lies. Was bei einer solchen Produktion doch immer wieder aufs Neue erstaunlich ist.
Angesichts dessen, dass vieles in Hollywood im Umbruch ist, da es nicht nur zu gröberen Machtverschiebungen kommen wird, sondern Los Angeles als Ort für Filmproduktionen immer mehr billigere Konkurrenz in Übersee bekommt, wird man dem Synonym Traumfabrik mehr als gerecht. Trotz eines Gewinners mir klarer politischer Botschaft.
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Die 96. Verleihung der Academy Awards, die alle nach der überreichten Statuette Oscars nennen, begann diesmal 5 Minuten zu spät – oder doch 55 Minuten zu früh? Jedenfalls nach unserer Zeitrechnung um Mitternacht. Ein Detail, das hierzulande nur alle jene betrifft, die alle Jahre wieder in einem Kino oder vor dem Fernseher ausharren, um das Ereignis live mitzuerleben. Es war gleich zu Beginn Thema in der Moderation von Jimmy Kimmel und wird am Ende, soviel darf jetzt verraten werden, nach dreieinhalb Stunden völlig irrelevant gewesen sein. Abgesehen davon, dass um 3:30 keine U-Bahn nach Hause fährt.
Erfreulicherweise hat das schon starke Filmjahr 2022 (hier nachzulesen) im Folgejahr eine würdige Fortsetzung gefunden. Neuerlich waren die 10 in der Kategorie Bester Film nominierten Filme allesamt sehenswert. Und nicht nur die. Oppenheimer von Christopher Nolan wurde seiner Favoritenrolle gerecht. Es gab aber durchwegs mehr Überraschungssieger, als es im ersten Moment den Anschein hat.
7 Oscars für Oppenheimer und somit gleichviele wieEverything Everywhere All At Once (Prime Video), der Überraschungssieger aus 2023. Für die Statistik: Christopher Nolans Epos ist nun einer von fünf Filmen, denen das in den letzten 25 Jahren geglückt ist. Setzt man die Zahlenspiele fort, so hat Poor Things mit vier Preisen in diesem Jahr die Rolle von Im Westen nichts Neues (Netflix) übernommen. Apropos Streamingdienste: Die schauten in diesem Jahr ziemlich durch die Finger. Wes Anderson erhielt fast unbemerkt seinen ersten Oscar für den Kurzfilm The Wonderful Story of Henry Sugar (Netflix), den ersten einer vierteiligen Serie von Kurzgeschichten des Autors Roald Dahl. Es sollte die einzige Auszeichnung für Netflix bleiben. Dabei hatten Netflix und Apple zusammen 32 Nominierungen. Bei Apple ging man mit Killers of the Flower Moon komplett leer aus. Netflix hatte sich mit May December mit Julianne Moore und Natalie Portman (ab 6. Juni im Kino) wohl auch mehr Erfolg erwartet, wurde aber bereits im Vorfeld mit nur einer Nominierung bedacht.
Vor 20-30 Jahren hätte Martin Scorsese vermutlich alle 10 Preise erhalten. Doch heute gibt es mit Christopher Nolan jemanden, der Gegenwartskino macht. Scorsese wirkt da etwas aus der Zeit gefallen. Paradoxerweise gilt das nicht für den Inhalt. Hier ist Scorsese mehr als aktuell. Nolan wiederum verweigert sich einem aktuellen Diskurs zur Atombombe. Eine Thematik, die sich gerade wieder mit großen Schritten auf uns zubewegt. Weswegen ich Oppenheimer auch für überschätzt halte.
POOR THINGS von Giorgos Lanthimos
In der Kategorie für die Beste Regie alle Jahre wieder die Diskussion der unterrepräsentierten Frauen. Diesmal immerhin mit einer Nominierung für Justine Triet (Anatomie eines Falles). Greta Gerwig ging mit Barbie leer aus aber gegen wen tauschen, in dem hochqualitativen Feld? Es sind nach wie vor nur 5 Nominierungen möglich. Einen Oscar gab es für Barbie. Es war der zweite innerhalb von zwei Jahren für Billie Eilish. Interessanterweise wurde, wie es zu erwarten war, What was i made for? als Bester Song ausgezeichnet und nicht I’m just Ken. Die Performance von Ryan Gosling war der angekündigte Höhepunkt des Abends. Viele mehr gab es nicht.
Ein weiterer war da noch der traditionell als erster vergebene Preis an die großartige Da’Vine Joy Randolph für The Holdovers. Mit Ansage aber sie ist einfach eine Wucht. Zu den zwei größten Überraschungen zählte, dass die Academy Der Junge und der Reiher von Hayao Miyazaki den Vorzug gegenüber Spider-Man: Across the Spider-Verse gab. Dann war da noch ein zweiter Oscar für The Zone of Interest für den Besten Ton. Jeder, der den Film gesehen hat, weiß, was die Tonspur in Jonathan Glazers Film für eine bemerkenswerte Rolle spielt.
Das Filmjahr
Christian Petzolds ROTER HIMMER (D 2023)
Wie eingangs erwähnt, war 2023 neuerlich ein gutes Filmjahr und wie immer dauert es bis weit ins Jahr hinein, bis man sich davon ein Bild machen kann. Da wären die Festivals im Winter und im Frühjahr, deren Filme so gut wie immer erst im Herbst bei uns anlaufen. Dazu komprimiert sich das Jahr ohnehin im letzten Viertel, wenn es in die heiße Phase um diverse Filmpreise geht.
Wieder hatte die Viennale ein starkes Programm anzubieten und wieder gingen für mich zahlreiche Filme entweder mangels Übersicht unter oder es war aufgrund der Programmierung nicht möglich alle einzuplanen. Das ist wie immer schade. Wenigstens sind es Filme, die in den folgenden Monaten dank Verleih regulär ins Kinoprogramm aufgenommen wurden.
Tiefgründige Filme von Celine Song, die mit Past Lives einen richtigen Publikumsliebling über das Thema Migration geschaffen hat (siehe auch Return to Seoul von Davy Chou aus dem Jahr 2022), Wim Wenders, Christian Petzold und Jonathan Glazer prägten das vergangene Jahr. Ebenso wie der Marketingcoup Barbenheimer, der den Kinos gut gefüllte Säle bescherte. Mit The Holdovers von Alexander Payne kam verspätete aber doch ein zukünftiger Weihnachtsklassiker in die Kinos.
DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG (Tarik Saleh, SWE/F/FIN/DEN 2023)
Yannick von Quentin Dupieux war der unterhaltsame Höhepunkt des Jahres und Abschlussfilm der Viennale 2023 (Zu sehen bei Mubi). Mit Dungeons and Dragons: Ehre unter Dieben könnte ein sympathisches Franchise gestartet sein. Fortsetzung wahrscheinlich.
Die Bestenliste 2023. Wie immer gilt bei THE REEL THERAPIST alles ab einer 4 ★ Bewertung als Empfehlung. Anschließend sind sämtliche Filme aus dem Produktionsjahr 2023 aufgelistet, die ich in dieser Saison gesehen habe. Es sind 53 Filme. Oft stellt sich mir bei Bestenlisten die Frage, aus welchem Grund der ein oder andere Film nicht vertreten ist. So lässt sich die Auswahl besser einordnen.
Komplette Liste der gesehenen Filme mit Premiere im Jahr 2023
AIR | ALL OF US STRANGERS | AMERICAN FICTION | ANATOMIE EINES FALLS | BARBIE | BLACKBERRY | THE BOY AND THE HERON | THE CREATOR LA CHIMERA | DREAM SCENARIO | DUNGEONS AND DRAGONS: EHRE UNTER DIEBEN | EUROPA | FALLENDE BLÄTTER | FALCON LAKE | GELIEBTE KÖCHIN | EIN GLÜCKSFALL | A HAUNTING IN VENICE | THE HOLDOVERS | HOW TO HAVE SEX | L’IMMENSITA | INDIANA JONES UND DAS RAD DER ZEIT | KAIBUTSU | DIE KAIRO-VERSCHWÖRUNG | KILLERS OF THE FLOWER MOON | KURU OTLAR ÜSTÜNE | DAS LEHRERZIMMER | THE LOST KING | MARS EXPRESS | MAY DECEMBER | NAPOLEON | MIRACULOUS – LADYBUG AND CAT NOIR | MISSION: IMPOSSIBLE – DEAD RECKONING PART 1 | NIMONA | THE OLD OAK | |OPPENHEIMER | PASSAGES | PAST LIVES | PERFECT DAYS | POOR THINGS | PRISCILLA | RICKERL: MUSIK IS HÖCHSTENS A HOBBY | ROBOT DREAMS | ROTER HIMMEL | RUSTIN | SHE CAME TO ME | SIMPLE COMME SYLVAIN | IL SOL DELL’AVVENIRE | SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDER-VERSE | STELLA. EIN LEBEN | TENAGE MUTANT NINJA TURTLES: MUTANT MAYHEM | DIE THEORIE VON ALLEM | WALD | WONKA | YANNICK | THE ZONE OF INTEREST
Ein Traum in Pastell und weiß. Am Hollywood Boulevard ist die Welt bei der 95. Verleihung der Oscars noch in Ordnung und das ist gut so. Ablenkung haben wir uns alle verdient. Für die einen – uns – dauert sie dreieinhalb Stunden und für andere ein ganzes Leben. Am 12. März sind die Oscars auch heuer wieder absurd spät vergeben worden und schließen somit das Filmjahr und die Awardseason erst Mitte März 2022 ab. Rückblickend war nicht nur an diesem Abenddie Qualität der Filme erfreulich hoch.
Etwas ausgedünnt aber mit einigen bemerkenswerten Produktionen bleibt das Filmjahr 2021 gut in Erinnerung. Der damalige Oscar-Gewinner Coda (Apple TV+) war allerdings nicht einmal unter meinen Top-20 Filmen vertreten (hier nachzulesen). Das ist in diesem Jahr anders. die 10 in der Kategorie Bester Film nominierten Filme waren durchwegs sehenswert.
2022 hat Tom Cruise dem Kino das Leben gerettet. Monatelang hatte er jeglicher Versuchung den Film an einen Streamingplattform zu verkaufen widerstanden. Top Gun: Maverick kamim Juni in die Kinos, nutzte sein Momentum und wurde zum Überraschungshit. Dass er dabei weltweit soviel eingespielt hat, wie Avatar: The Way of Water von James Cameron alleine in den USA, geschenkt. Dann war da noch ein Film, der im März in nur wenigen Kinos gestartet war. Wer konnte ahnen, dass dies den Beginn der unglaublichen Erfolgsgeschichte von Everything Everywhere All at Once von Daniel Kwan und Daniel Scheinert begründete.
Titelbild: The Banshees Of Inisherin (R: Martin McDonagh, IRL/USA/UK 2022)
Die Oscars
Stolze 7 Oscars also für Everything Everywhere All at Once. Das ist ziemlich beachtlich. Warum? In den vergangenen 25 Jahren (Post-Titanic-Ära) hatten nur Slumdog Millionäre (2009) mit 8 Oscars und Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2004) mit 11 Oscars mehr Auszeichnungen abräumen können. Gravity im Jahr 2014 ebenfalls 7. In den übrigen Jahren waren die Statuetten immer sehr verteilt vergeben worden. Blickt man in den jeweiligen Jahren auf die eher schwache Konkurrenz von HdR oder Slumdog Millionäre, dann verwundert es nicht. Umso erstaunlicher, dass sich in diesem Jahr ein Film derart durchsetzen konnte. Zumal es mittlerweile zehn Filme in der Kategorie Bester Film gibt. Es waren auch schon nur fünf. Originalität und Umsetzung der Story von EEAAO ist jedenfalls beachtenswert, gerade in Zeiten der endlosen Wiederverwertungen.
Everything Everywhere All At Once (R: Daniel Kwan, Daniel Scheiner, USA 2022)Quelle: Wikipedia
Es war diesmal ein spannender Abend. In nahezu allen Schauspielkategorien waren die Prognosen knapp. Im Westen nichts Neues schnitt deutlich besser ab als erwartet. Eine große Auszeichung für die Filmlandschaft in Deutschland. Egal was man von dem Film hält, man sieht, was mit ausreichend Budget auch in Europa möglich ist. Abgezeichnet hatte sich bereits, dass The Banshees of Inisherin leer aus gehen würde (dieses Schicksal teilten am Ende auch noch Elvis, Tár und Die Fabelmans). Obwohl der Film im Herbst noch als Favorit gelten konnte. Die Kehrseite, wenn es einen großen Gewinner gibt.
In der Regiesparte wurden Frauen neuerlich ignoriert. Die neuen und umstrittenen Vielfälltigkeits-Kriterien werden das ab 2024 auch nicht ändern. Sie betreffen nur die Kategorie Bester Film. Dafür wurden in diesem Jahr wieder alle Preise live in der Show vergeben. Unter anderem die Oscars für Schnitt und Ton wurden im vergangenen Jahr bereits im Vorfeld überreicht. Die Show war damals trotzdem nicht kürzer, sogar länger als in den Jahren davor (das forderte nicht nur die ZuseherInnen zu Hause, sondern vor allem das Publikum im Saal, das angehalten ist, die Plätze nicht zu verlassen). In diesem Jahr war dafür für Einlagen abseits der Verleihungen keine Zeit. Das ist kein Nachteil, weil die Academy hier in den vergangenen Jahren kein glückliches Händchen hatte. Dem Eklat aus dem letzten Jahr wollte man heuer mit Humor begegnen. Will Smiths Ausraster zu ignorieren war keine Option.
Zu den Höhepunkten zählte ein sichtlich gerührter John Travolta, der mit den Worten „Hopelessly Devoted To You“ Olivia Newton John gedachte und Lenny Kravitz, der in Folge zu „In Memoriam“ am Klavier spielte.
Im vergangen Jahr rang man damit, wie mit dem Ukraine-Krieg umzugehen sei. In diesem Jahr hat man es gleich sein lassen. Es blieb an Yulia Nawalnaya hängen, sich dazu zu äußern, als sie und das Team von Nawalny den Oscar für den Besten Dokumentarfilm entgegennahmen.
So verlief der Abend relativ trocken. Die Präsentation der Songs war fast schon traditionell ein Tiefpunkt. All das wurde jedoch durch die hohe Qualität der Filme wettgemacht. Im Grunde war das Publikum am Ende zufrieden, da Everything Everywhere All at Once ohnehin der Gewinner der Herzen gewesen ist (Das Gartenbaukino in Wien war in diesem Jahr wieder voll).
She Said, Aftersun, Armageddon Time, waren Filme, um nur ein paar zu nennen, die an diesem Abend schmerzlich vermisst wurden.
Das Filmjahr
Everything Everywhere All at Once ist nur ein Beispiel dafür, wie Filme im Laufe des Jahres wahrgenommen werden. Da folgt ein Re-release dem nächsten. Noch deutlicher wird das bei Streamingproduktionen, die erst nach und nach einem breiteren Publikum bekannt werden. Erfreulicherweise waren so gut wie alle Filme aus der diesjährigen THE REEL THERAPIST-Bestenliste zumindest kurzzeitig im Kino zu sehen. Hinzu kommt, das der Anteil an Produktionen von Streamingplattformen deutlich geringer war, trotz des großen Erfolges von Netflix bei den Oscars. Interessant daran ist, das Netflix gegenüber der Konkurrenz hier deutlich die Nase vorne hat. Gleichzeitig gerät die Plattform immer mehr in die Kritik, weil sie Masse an Eigenproduktionen nicht einmal als durchschnittlich bewertet werden kann und immer mehr NutzerInnen verärgert.
She Said (R: Maria Schrader, USA 2022)
Die Industrie tut den Filmen nach wie vor nichts Gutes, wenn zwischen Premieren und regionalen Kinostarts Wochen und Monate vergehen (Von den bisher 24 in diesem Jahr gesehenen aktuellen Filmen hatte kein einziger seine Premiere 2023!). Allein Blockbuster erscheinen nahezu zeitgleich. Nur hier ist man sich des finanziellen Risikos bewußt, der mit einem verzögerten Start einher geht. Bei Filmen wie Marcel The Shell With Shoes On oder The Banshees Of Inisherin spielt das leider kaum eine Rolle. Marcel war nur für einzelne Vorstellungen im Programm. Immerhin. The Quiet Girl oder After Yang sucht man vergebens auf dem Spielplan. Sie sind selbst VOD nur über Umwege verfügbar.
The Quiet Girl (R: Colm Bairéad, IRL 2022)
Rückblickend hatte die Viennale 2022 eine sehr starke Filmauswahl. So gut wie alle relevanten Filme, die damals bereits auf dem Markt waren, konnte man im Herbst in Wien sehen. Da hadere ich aber etwas mit der Unübersichtlichkeit des Programmes.
Die Bestenliste 2022 ist wieder etwas länger als im vergangenen Jahr. Wie immer gilt bei THE REEL THERAPIST alles ab einer 4 ★ Bewertung als Empfehlung. Anschließend sind diesmal sämtliche Filme aus dem Produktionsjahr 2022 aufgelistet, die ich in dieser Saison gesehen habe. Es sind 82 Filme. Oft stellt sich mir bei Bestenlisten die Frage, aus welchem Grund der ein oder andere Film nicht vertreten ist. So läßt sich die Auswahl besser einordnen.
Komplette Liste der gesehenen Filme mit Premiere im Jahr 2022
8 rue de l’humanite | Aftersun | After Yang | All the Beauty and the Bloodshed | Ambulance | Apollo 10 1/2 | Argentinien, 1985 | Armageddon Time | Athena | Avatar: The Way Of Water | Babylon | The Banshees Of Inisherin | Bardo | The Batman | Der Beste Film Aller Zeiten | Being The Ricardos | Blond | Bones and All | Avec Amour Et Acharnement (Both Sides Of The Blade) | Broker | Bros | Crimes Of The Future | Decision to Leave | Don’t Worry Darling | Emergency | Eismayer | Die Elefantenflüsterer | Everything Everywhere All At Once | Elvis | Emily the Criminal | Enola Holmes 2 | The Fire Within: A Requiem For Katia And Maurice Krafft | Glass Onion: A Knives Out Mystery | Guillermo del Toro’s Pinocchio | A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani | The House | Hustle | Im Westen Nichts Neues | Incredible but true | Die Fabelmans | Jackass Forever | Last Film Show | Lightyear | Marcel The Shell With Shoes On | Märzengrund | Massive Talent | Meine Nacht mit Leo Grande | The Menu | Mutzenbacher | Nawalny | The Novelist‘s Film | The Northman | Nope | Pacifiction | Pearl | Pleasure | Puss in Boots: The Last Wish | The Quiet Girl | Rimini | RRR | Rubikon | Sachertorte | Saint | The Sea Beast | She Said | Sonne | Strange World | Tár | Theatre Of Thought | This much i know to be true | Three Thousand Years of Longing | Top Gun: Maverick | Tori et Lokita | Triangle Of Sadness | Turning Red | Vera | Wendell & Wild | Werner Herzog: Radical Dreamer | The Whale | White Noise | Wo in Paris Die Sonne Aufgeht | Women Talking | X
Am 27. März 2022 fand in Hollywood mit der Verleihung der Oscars eine schwache Filmsaison zu einem unrühmlichen Ende. Die Academy of Motion Picture Art and Sciences machte in diesem Jahr ihrem Namen keine Ehre. Neuerliche Versuche, verloren gegangenes Publikum wieder vor die Fernsehgeräte zu locken, endeten in einem Desaster, das wohl auf seine Art und Weise in die Geschichte eingehen wird. Aber der Reihe nach.
2020 war ein großes Filmjahr. Einen Überblick gibt es hier zum Nachlesen. Retrospektiv war es ein richtiggehend glänzendes Filmjahr, alleine schon, wenn man sich die Kandidaten in der Kategorie Bester Film vor Augen führt. Aber auch Abseits der Oscars braucht sich das Jahr nicht zu verstecken. Nun bekamen wir aber die Auswirkungen der Pandemie voll zu spüren. Sean Bakers (The Florida Project) wunderbares Red Rocket wiederum (der Regisseur reiste eigens an, um seinen neuen Film bei der Viennale vorzustellen), ist dem Umstand geschuldet, dass Baker ein geplantes größeres Projekt unter den derzeitigen Produktionsbedingungen nicht verwirklichen konnte und sich mit einem kleinen Team seiner Wurzeln besinnte. Ein Glücksfall.
(Titelbild: Flee von Jonas Poher Rasmussen, DK/F/N/S 2021)
Die Oscars
Und eine Ausnahme. Gleich 10 Filme waren in diesem Jahr in der Kategorie bester Film nominiert. Wovon meiner Meinung nach bestenfalls drei auch hier ihre Berechtigung hatten. Neben Steven Spielbergs Meisterwerk West Side Story gehören dazu die schwer zugänglichen The Power of the Dog von Jane Campion und Drive my Car von Ryūsuke Hamaguchi. Es gibt immer glückliche Mitläufer, die es irgendwie unter die Nominierten schaffen. In diesem Jahr waren sie in der Überzahl.
Kurz bevor die Verleihung am Sonntag Abend im Dolby Theatre über die Bühne ging, könnte man über Twitter bereits von 8 Gewinnern lesen. Die Preise (unter anderen Schnitt und Ton) wurden kurz vor der Gala vergeben, um Zeit einzusparen, was im Vorfeld neuerlich für große Empörung sorgte, nur um sie nachträglich bruchstückhaft und ungeschickt erst wieder in die Show einzufügen. Die geplante Sendezeit übertraf man aber letzten Endes um knappe 45 Minuten. Der Abend was sogar länger als im vergangenen Jahr. Abgesehen davon, dass es wieder live Darbietungen aller in der Kategorie Bester Song nominierten Liedern gab, fand sich sogar Zeit für einen zusätzlichen Song aus Encanto, der nicht einmal nominiert gewesen ist. Oder Zeit für eine Hommage auf 60 Jahre James Bond, ohne auch nur einen mit dem Franchise verbundenen Gast einzuladen.
Weiters nicht nominiert waren Joel Coens optisches Meisterwerk The Tragedy of Macbeth, Maggie Gyllenhaals Frau im Dunkeln oder Pig von Michael Sarnoski, Spencer von Pablo Larraín oder Lin Manuel Mirandas In the Heights, der mit seinem Migrations-Musicaldrama die West Side Story quasi ins 21. Jahrhundert geholt hat. In diesem Jahr ist die Liste auffällig lang. Die der Nominierten so beliebig wie noch nie.
Es gab buchstäblich zwei Elefanten im Raum. Zum einen war man sich im Vorfeld unklar darüber, wie man mit den Krieg in der Ukraine umgehen sollte. Selbst eine Live Schaltung zu Wolodymyr Selenskyj war angedacht. Man entschied sich dazu zwei holprig formulierte Texttafeln einzublenden und für eine Schweigeminute in einer Werbepause. Einzig der 82 jährige Francis Ford Coppola fand im Rahmen der Der Pate Hommage flankiert von Al Pacino und Robert de Niro Worte zur Ukraine. Sonst herrschte Funkstille. Die Oscars waren aber auch noch nie eine politische Veranstaltung.
Macbeth (R. Joel Coen, 2021, AppleTV+)
Dann war da noch der Moment, von dem noch lange alle sprechen sollten. Als Chris Rock einen Witz über Jada Pinkett Smiths krankheitsbedingt kahlen Kopf machte, schmunzelte Will Smith zuerst und als er bemerkte, dass seine Frau das gar nicht lustig fand, ging er kurzerhand auf die Bühne und schlug Rock ins Gesicht. Nicht nur Chris Rock verfiel in eine sekundenlange Schockstarre, auch dem Publikum, vor Ort und zu Hause, schien es ähnlich gegangen zu sein. War das ein weiterer misslungener Scherz, derer es an diesem Abend zahlreiche gab?
Nachdem Will Smith aber anschließend von seinem Platz aus noch nachschob, Rock solle den Namen seiner Frau nie wieder in seinen verdammten Mund nehmen, inklusive gleich zwei Mal dem im US-Fernsehen verpönten F-Wort, war klar, das dies nicht Teil der Show war (Das US-Fernsehpublikum erfuhr übriges erst später von den Details, da der Ton bei der Übertragung stumm geschalten wurde). Im Nachhinein erfuhr man, dass Denzel Washington und TylerPerry (oder wars Bradley Cooper?) in der folgenden Werbeunterbrechung Smith für ein Gespräch zur Seite holten. Sonst tat man so, als wäre nichts geschehen. Als Will Smith dann den Oscar für sein Rolle in King Richard als Vater der Williams Schwestern erhielt, sprach er davon, wie Richard Williams immer seine schützende Hand über die Familie gehalten hatte und dieses Gefühl, das tun zu müssen, hatte er selbst eben auch gehabt. Er entschuldigte sich bei der Academy. Ein absurder Moment.
Es stand folglich alles im Schatten dieses Eklats. Die In Memoriam Sequenz fiel zwar großzügiger aus (im vergangenen Jahr konnte man aufgrund des Tempos, in dem die Verstorbenen aufschienen, nicht einmal die Namen richtig lesen), allerdings mit eigenwilliger Musik. Selbst dass Bill Murray bewegende Worte zu Ivan Reitman fand, konnte den Moment nicht retten. Dass Jamie Lee Curtis zum Gedenken an Betty White mit einem Welpen auf er Bühne stand, wunderte zu diesem Zeitpunkt vermutlich kaum noch jemanden.
Bereits früher am Abend hielt Troy Kotsur eine bewegende Rede, als er seinen Oscar für seine Rolle als Bester Nebendarsteller in Coda entgegen nahm. Es war auch der Moment, in dem klar war, welcher Film am Ende als Sieger hervorgehen würde. In Gebärdensprache machte er deutlich, wie wichtig der Film für alle Taubstummen und deren Familie sei. Coda entpuppte sich erst kurz vor der Verleihung als Favorit. Der Film konnte alle seine drei Nominierungen in goldenen Statuen verwandeln. Ganz im Gegensatz zum 12-fach nominierten The Power of the Dog, für den einzig Jane Campion als Beste Regisseurin (nach Chloé Zhao die zweite Frau in Folge) ausgezeichnet wurde. Allgemein waren die Statuetten in diesem Jahr weniger gleichmäßig verteilt als im vergangen Jahr. Dune erhielt ganze 6 Oscars, allerdings in den technischen Kategorien. So sticht auch in diesem Jahr kein großer Gewinner hervor.
Instagram, 28. März 2022
Die Kategorie Bester Animationsfilm wird offenbar immer noch als inoffizieller Bester (Disney) Kinderfilm geführt. Andernfalls hätte in diesem Jahr, in der wie immer stark aufgestellten Kategorie, der Dokumentarfilm Flee von Jonas Poher Rasmussen gewinnen müssen.
Hinter den Kulissen lag der Abend in den Händen von jenen, denen sowohl die Filme als auch die Preise völlig egal sind. Die Übertragung war eine Lehre für alle TV-Programmmacher, die sich einem möglichst breiten Publikum anbiedern möchten. In einem Jahr, in dem die Oscars so divers wie noch nie waren eine Enttäuschung für alle, die das Kino und Filme lieben. Mit Coda als Gewinner, der in anderen Zeiten wohl sein Publikum gefunden hätte, nun aber auf der kleinen Streamingplattform AppleTV+ sein Dasein fristet und wo man sich vehement weigert, den Film auf der großen Leinwand zu zeigen. Ein fatales Zeichen. So gesehen war die Gala eine Tiefpunkt gerade zu einer Zeit, die für das Kino ohnehin so schwierig ist. Dem nicht genug, rief die Academy via Twitter zur Wahl des Fan Favorite Movie auf. Es gewann überraschend Army of the Dead von Zack Snyder (Netflix). Dafür gab zwar keinen Statuette aber immerhin erwähnt wurde es in der Übertragung.
Erstaunlicherweise entstand in den Tagen danach keineswegs ein Konsens darüber, dass Smiths Kontrollverlust zu verurteilen sei. Am Montag nach der Verleihung entschuldigte sich Smith via Instagram. Der Text entstammt wohl eher einer Anwaltskanzlei. Es ist, wenn auch gemessen an der momentanen allgemeinen Situation völlig unbedeutend, ein für die Oscars sicherlich beispielloses Vorkommnis. Von diesem Abend wird sich die Academy so schnell nicht mehr erholen. Es wäre jedenfalls dringend notwendig, wieder ausschließlich Filme mit Kinostart zu nominieren.
Filmbesprechungen auf THE REEL THERAPIST zu den mit Oscars nominierten Filmen gibt es hier (Don’t Look up), hier (Dune), hier (Nightmare Alley), hier (Keine Zeit zu Sterben), hier (Licorice Pizza) und hier (Cruella). Links zu weiteren Filmen sind unten in der Bestenliste angeführt.
Das Filmjahr
Trotzdem, es gab sie, die feinen Höhepunkte des vergangenen Filmjahres. Wenn auch von der Academy größtenteils nahezu vollkommen ignoriert, sind heute viele via Streaming verfügbar. Hervorgestochen sind zahlreiche sehenswerte Musikdokus. Nachzulesen hier. Ansonsten wurden zahlreiche Blockbuster neuerlich um ein Jahr verschoben. Was die Filmverleihe leider wieder nicht davon abgebracht hat, kleinere Film über Monate verzögert in die Kinos zu bringen. Nicht selten ein bis eineinhalb Jahre nach den Premieren. Immerhin gibt es Kinostarts noch. In der folgenden Auflistung wurden manche Filme mit einer sehr kurzen Spielzeit bedacht oder sie wurden direkt über Streamingplattformen vermarktet.
Kurioserweise war West Side Story erst vor wenigen Wochen in aller Munde, als der Film bei Disney+ veröffentlicht wurde. Zum Kinostart um Weihnachten hat sich noch kaum jemand für die Neuauflage des Klassikers interessiert. Als Coda im vergangenen August bei AppleTV+ veröffentlicht wurde, hat von dem zukünftigen Oscargewinner auch kaum jemand Notiz genommen. Es ändern sich gerade die Vermarktungsstrategien in vielerlei Hinsicht. Die Entscheidung, welche Filme ins Kino kommen oder nicht, ist nicht mehr nachvollziehbar (Siehe Pixar: Das Animationsstudio von Disney hat seine letzten Filme nur mehr auf der eigenen Streamingplattform veröffentlicht). Darüber hinaus werden einzelne Filme nicht einmal mehr beworben, selbst unter Abonnenten nicht. Das hat zur Folge, dass sehenswerte Filme auf den immer noch nicht kuratierten Streamingplattformen in der Fülle des Angebots untergehen. Es ist ein Ziel, dass ich mit der Seite THE REEL THERAPIST verfolge, zumindest einen kleinen Überblick zu geben und auf den ein oder anderen Film aufmerksam zu machen.
In den jeweiligen Filmbesprechungen befinden sich die Links zu den Filmen, sollten sie gerade online verfügbar sein. In den meisten Fällen sind sie in den Streamingabos inkludiert. Es ist eine vorläufige Übersicht. Der ein oder andere Film kann sich in den kommenden Wochen noch dazugesellen.
Das Zentrum der Filmwelt feiert sich traditionell am Ende der Saison am Hollywood Boulevard selbst. Vor dem Dolby Theatre im Hollywood & Highland Einkaufszentrum (zumindest hier ist die Academy mit der Zeit gegangen) wird dann der rote Teppich ausgerollt. Millionen sitzen vor den Fernsehgeräten und die Fotos der Stars füllen am nächsten Morgen die Zeitungen in aller Welt, wenn wieder einmal die Oscars vergeben werden. Dabei sind die Roben ebenso wichtig, wie die Filme, die präsentiert werden.
(c) AMPAS
In diesem Jahr ist natürlich alles anders. Stephen Soderbergh versprach, als Teil des diesjährigen Produzententrios, eine Show wie ein Film, in dem zufällig Preise verliehen werden, mit einer Besetzung, die sich sehen lassen kann. Der Opener, in dem Regina King in die Union Station schritt, währenddessen die Namen aller TeilnehmerInnen in großen Buchstaben eingeblendet wurden, geht vielleicht noch als Einstieg durch. Und dann? Das wars. Bereits davor wurde die einzige Live Perfomance gezeigt. Voraufgezeichnet auf dem Dach des Academy Museums of Motion Pictures, präsentierte H.E.R. ihren Song Fight for You, für den sie später den Oscar erhalten sollte. Die Zuspielung In Memoriam, sicher ein emotionaler Höhepunkt einer jeden Verleihung, in der die Verstorbenen des vergangenen Jahres noch einmal gewürdigt werden, wurde so schnell abgespielt, dass man die Namen zum Teil nicht lesen konnte (vermutlich war die Liste auch noch nie so lange). Das Ganze gipfelte darin, dass Anthony Hopkins als Bester Darsteller ausgezeichnet wurde. So überraschend, dass er selbst zu Hause in Wales bereits zu Bett gegangen war, die Regie rasch wegblendete und die Gala gar abrupt endete. Wenn das mit der Pandemie doch auch so einfach wäre! Eine dramaturgische Meisterleistung.
Quelle: Wikipedia
Fair war die Verteilung der Statuetten. Gleich sechs Filme erhielten zwei Oscars. Alleine Nomadland einen mehr. The Trial of the Chicago 7 ging sogar leer aus. Mank konnte seiner aufgrund von zehn Nominierungen angedichteten Favoritenrolle erwartungsgemäß nicht gerecht werden. Viele Überraschungen haben gezeigt, dass es verfrüht ist, die Oscars schon im Vorfeld als langweilig, weil vorhersehbar, abzustempeln. Keine der beiden Favoritinnen in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin machte das Rennen, sondern eine ebenso überraschte, wie ein wenig genervte Frances McDormand. Selbst Entscheidungen in kleineren Kategorien, wie Bester Dokumentarfilm sorgten für Kopfschütteln (Oscar für Mein Lehrer, der Krake). Der Oscar für Another Round von Thomas Vinterberg, in einer der normalerweise stärksten Kategorien, viel da gar nicht mehr weiter auf.
Erstmals waren zwei Frauen für den Regieoscar nominiert. Chloé Zhao gewann. Wie wäre diese Kategorie wohl aufgestellt gewesen, wären die Filme der männlichen Regiestars nicht zurückgehalten worden? Man kann es sich denken. Aber wie war nun das Filmjahr an sich aufgestellt? Es gab auffällig viele Debüts, von denen es nicht wenige in die Liste der Besten Filme geschafft haben. Das Sundance Filmfestival entpuppte sich als das bedeutendste Festival des Jahres: The Father, Minari, Never Rarely Sometimes Always, Palm Springs, Mein 40-jähriges Ich, Kajillionaire und Promising Young Woman feierten in Park City Premiere.
Mehrere Filme basierten auf Theaterstücken. Regisseur Florian Zeller bekam für sein vom eigenen Stück adaptierten Drehbuch den Oscar für The Father.
Nur ein Bruchteil der folgenden Filme lief 2020 im Kino. Die meisten davon waren nur bei der Viennale zu sehen. Der weitaus größere Anteil fällt auf die Streamingdienste. Sie waren auch bei den Oscars so stark wie noch nie vertreten. Eine Regeländerung machte dies möglich, da in diesem Jahr kein Kinostart nötig war, um Berücksichtigung zu finden. Zugelassen waren alle Filme bis inklusive 28. Februar 2021. Von den erfolgreichsten Filmen war Judas and the Black Messiah der einzige, der davon profitieren konnte (Sundance Filmfestival 2021).
In den jeweiligen Filmbesprechungen befinden sich die Links zu den Filmen, sollten sie gerade verfügbar sein.
Das Jahr war wie kein anderes zuvor und die diesjährige Oscars Gala in der Nacht von Sonntag auf Montag wird sich uns so präsentieren, wie wir es noch nie gesehen haben. Das Produzentinnentrio Stephen Soderbergh, Stacey Sher und Jesse Collins lässt keinen Stein auf dem anderen: Das Dolby Theatre ist nicht mehr der Hauptaustragungsort, sondern die Los Angeles Union Station und deren Umgebung. Es wird Live-Schaltungen nach London und Paris geben. Soderbergh verspricht einen Film, in dem zufällig die Oscars vergeben werden.Netflix, vor wenigen Jahren noch Schreckgespenst, ist mit gleich 35 Nominierungen vertreten.
The Father
Nomadland
In der Kategorie Bester Film sind diesmal nur acht Filme vertreten. Wobei es eines der seltenen Jahre ist, in denen die Entscheidung so gut wie fix zu sein scheint. Das Gleiche gilt für die Beste Regie. Hier sind erstmalig zwei Frauen nominiert. Eine davon wird wohl mit mehr als nur einem Oscar nach Hause gehen. Die Academy gibt sich in diesem Jahr so divers wie noch nie. Das betrifft vor allem sämtliche Schauspielkategorien. Spannend bleibt vor allem die Kategorie Beste Hauptdarstellerin.
Judas and the Black Messiah
Mank
Sound of Metal
Sound Editing und Sound Mixing wurden zur Kategorie Sound verschmolzen, obwohl beides etwas komplett anderes ist, was aber kaum jemand je verstanden hat. Das Pandemiejahr hinterlässt am ehesten noch seine Spuren in der Kategorie Visual Effects. Hier sind für gewöhnlich die Blockbuster vertreten. Bekanntlich gab es 2020 mit Christopher Nolans Tenet nur einen.
The Trial of the Chicago 7
Promising Young Woman
Minari
Die Darbietungen der fünf nominierten Songs werden uns auch heuer garantiert nicht erspart bleiben. Sie wurden nämlich bereits auf dem Dach des noch immer nicht eröffneten Academy Museum of Motion Pictures voraufgezeichnet.
David Finchers Mank führt mit 10 Nominierungen das Feld an und wird am Ende wohl zu den großen Verlierern gehören. Was vermutlich nicht viele stören wird. Immerhin wurde der Film von der Academy berücksichtigt. Filme wie First Cow haben unverständlicherweise erst gar keine Anerkennung erfahren.
Da uns in diesem Jahr nichts anderes übrig bleibt, als die Verleihung daheim vom Sofa aus mitzuverfolgen, sind Tipps zum Wachbleiben heiß begehrt. Ganz klar bevorteilt sind jene, die sich die Bügelwäsche der letzten Wochen oder Monate (es ist nicht zu erwarten, dass die Oscars heuer viel kürzer ausfallen wird) aufgespart haben.
Der Höhepunkt des alljährlichen Preisregens der Filmindustrie in den USA steht Sonntag Nacht wieder bevor, wenn in Los Angeles die Oscars vergeben werden. Die restlichen Preise (von den Globes bis zu jenen der einzelnen Gilden), die jede Saison auf dem Plan stehen, gelten als Barometer für den Oscar. Darüber hinaus interessieren sie die Allgemeinheit eher weniger und rufen dementsprechend auch kaum Emotionen hervor. Bei den Oscars ist das ganz anders. Da gehts ans Eingemachte. Wer verdient den Preis, wer wurde übergangen und wer wird ihn letztlich erhalten? Das ist kein Spaß. Das ist eine ernste Angelegenheit.
Parasite von Bong Joon-ho
Roma von Alfonso Cuarón
Wie es schon im letzten Jahr mit Roma von Alfonso Cuarón der Fall war, hat es auch heuer eine internationale Produktion unter die Nominierten geschafft. Parasite von Bong Joon-ho ist nicht weniger bemerkenswert und hat daher einen berechtigten Platz unter den besten Filmen des Jahres. Trotzdem ist es in erster Linie eine Imagepflege der Academy, die sich weltoffen geben möchte. Als gäbe es im vergangenen Jahr nur einen nennenswerten internationalen Film. Grundsätzlich gibt es dafür auch den sogenannten Auslandsoscar. Wenn eine internationale Produktion nun in einer Hauptkategorie ausgezeichnet wird, kann das viel bedeuten und wenn nicht – ja dann bedeutet es nichts. Die Oscars sind ein US-amerikanischer Filmpreis und das sollen sie auch bleiben. Es gibt genügend andere Verleihungen rund um den Globus. Dem weltweiten Filmschaffen kann ein einzelner Preis ohnehin nie gerecht werden.
Little Women
Le Mans 66 – Gegen jede Chance
Jojo Rabbit
Es war ein starkes Filmjahr. Das Erfreuliche ist, dass es diesmal 9 Filme sind, die um den Oscar für den Besten Film konkurrieren und sie alle ihre Qualitäten haben. Interessanterweise, haben mehr als die Hälfte dieser Filme keine Nominierungen in den Kategorien für Hauptrollen. Le Mans 66 ist als Einziger nicht für das Drehbuch nominiert und fällt auch sonst unter den 9 Filmen am ehesten aus dem Rahmen. Dafür gilt der Film als Favorit für den Besten Schnitt (Andrew Buckland und Michael McCusker). Die legendäre Thelma Schoonmaker (The Irishman), die Scorseses Mammutprojekt auf dreieinhalb Stunden eingekürzt hat, ist hier ebenso vertreten.
The Irishman
1917
Joker
Auch in diesem Jahr muss sich die Academy den Vorwurf gefallen lassen, Frauen in der Regie Kategorie zu übergehen. Diesmal ist das für Greta Gerwig (Little Women) besonders bitter. Die 5 Nominierten haben ihre Berechtigung und es stellt sich die Frage, warum es 9 Beste Filme gibt aber eben nur 5 Nominierungen für Beste Regie. Gerwig darf sich aber mit ihrem grandiosen Drehbuch durchaus Chancen ausrechnen.
Zu den schon fast traditionell stärksten Kategorien gehören auch in diesem Jahr Bester internationaler Film und Bester Animationsfilm. Eine Premiere gibt es für einen Dokumentarfilm. Land des Honigs (Honeyland) ist sowohl in der Kategorie Bester Dokumentarfilm als auch in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert. Trotzdem gilt im Moment die Dokumentation American Factory als Favorit.
Marriage Story
One upon A Time … In Hollywood
American Factory
In diesem Jahr gibt es tatsächlich nur eine schwarze Schauspielerin, die nominiert ist: Cynthia Erivo für Harriet. Und wieder trifft es eine Frau: Dass Lupita Nyon’go für ihre sensationelle Doppelrolle in Wir nicht berücksichtigt wurde, ist schon fast eine Provokation. Da ist sie: die Emotion. Wenn schon der Abend selbst eher langweilig ist – es gibt in vielen Kategorien eindeutige Favoriten – so sorgen die Oscars zumindest im Vorfeld für Gesprächsstoff. Ob 1917 der Favoritenrolle gerecht wurde, wissen wir aber ohnehin erst Montag in der Früh.
Hier sind die Beiträge von sämtlichen in der Kategorie Bester Film für den OSCAR nominierten Filme:
Während die Oscar-Verleihung in den vergangenen Jahren im Vorfeld von Hashtags überschattet wurde, reichten in diesem Jahr Kürzel wie #OscarsSoWhite und #metoo nicht mehr aus, um sämtliche kleinen und großen Aufregungen auf einen Nenner zu bringen. Wenige Stunden vor der Gala lässt sich soviel sagen: Die Academy versucht sich neu zu positionieren. Sie gibt sich offener für internationale Produktionen. Ganz so weiß sind sie auch nicht mehr, wenn auch Schwarze immer noch unterrepräsentiert sind. Erfolg an der Kinokassa wird seit heuer zumindest mit Nominierungen belohnt. Die Arbeiten von Frauen, die in diesem Jahr besonders stark aufgefallen waren, wurden wiederum überwiegend ignoriert. Hier ist eine Auswahl an nominierten Filmen, über die im vergangenen Jahr bei THE REEL THERAPIST zu lesen war.
Bereits vor über einem Jahr lief Black Panther bei uns in den Kinos an. Zur Erinnerung: in den USA hat der Blockbuster für großes Aufsehen gesorgt. Von vielen als Außenseiter gehandelt und belächelt, ist die Nominierung in der Kategorie Bester Film als erster Superheldenfilm absolut gerechtfertigt. Trotzdem könnte er leer ausgehen. Oder kommt es doch zu einer großen Überraschung?
In BLACKkKLANSMAN rollt Spike Lee eine unglaubliche Geschichte auf und gibt wieder ein starkes politisches Statement ab. Zumindest für sein Drehbuch darf sich Lee Hoffnungen auf einen Preis machen.
Vice – Der zweite Mann und Bohemian Rhapsody ringen um den besten Schnitt. Bei den Darstellerinnen sind Rami Malek und Amy Adams im Rennen vorne mit dabei. Mit einigen Preisen darf auch The Favourite – Intrigen und Irrsinn rechnen. Ein Film, der vor allem für sein starkes Ensemble aufgefallen ist, wird wohl eher in den Nebenkategorien punkten.
Es war im vergangenen Herbst, als ein Film als erster großer Oscar Kandidat gehandelt wurde. Bradley Cooper hat alles richtig gemacht. A Star is Born wird aber aller Voraussicht nach der große Verlierer des Abends werden. Cooper ist erst gar nicht nominiert und Lady Gagas Sieg wackelt.
Die Favoriten. Alfonso Cuarón ist mit Roma der große Wurf gelungen. Er könnte der große Gewinner werden und Geschichte schreiben. Cuarón könnte mehr Oscars mit nach Hause nehmen als er tragen kann. Ihm dicht auf den Fersen ist Green Book – Eine besondere Freundschaft. Trotz gleich mehrere Kontroversen darf man nicht vergessen, dass es sich um einen unterhaltsamen Feelgood-Film mit zwei großartigen Hauptdarstellern handelt.
Vielleicht wird die 91. Oscarverleihung etwas anders als die vorherigen. Moderator gibt es keinen. Oder doch? Auf Musiknummern möchte man trotz Zeitproblemen nicht verzichten. Sogar Queen und Adam Lambert werden einen Auftritt haben. Ein Einspielergebnis von über 800.000 USD für Bohemian Rhapsody macht dies möglich. Bis sich die Oscars an die sich verändernden Zeiten angepasst haben, wird es aber noch ein paar Jahre dauern.
Man kann über sie lästern, sich ärgern oder sie einfach ignorieren. Fakt ist, die Oscars sind die wichtigsten Preise der Filmwelt. Vielleicht müsste man heute das Wort „noch“ hinzufügen. Auch wenn ernsthaft keine Gefahr besteht, dass sie in der Bedeutungslosigkeit versinken könnten, befindet sich die Academy of Motion Pictures, Art and Science (AMPAS) gerade auf einem Scheideweg, hin und her gerissen zwischen moralischen Ansprüchen, politischen Auseinandersetzungen, veränderten Sehgewohnheiten, immer mächtiger werdenden Konzernen und einer Branche, die sich generell gerade im Umbruch befindet. Hinzu kommen in Ungnade gefallene Moderatoren, Schauspieler und Regisseure.
Die Academy ist ein großer Tanker mit tausenden Mitgliedern, der sich Jahrzehnte lang nicht mehr bewegt hat und jetzt versucht zu manövrieren und dabei ständig wo dagegen donnert: eine neue Kategorie „Bester Populärer Film“ sollte eingeführt werden. Daraus wurde jetzt doch nichts. Vermutlich auch, weil sich die Auswahlkriterien nur schwer bestimmen lassen. Aus welcher Richtung dieser vorerst gescheiterte Vorstoß kam ist nicht schwer zu erraten. Die Gala verlor zusehends an Publikum, wobei im Kino gleichzeitig von Jahr zu Jahr neue Rekorde aufgestellt werden. Allerdings wird das Boxoffice eher selten von Oscar Kandidaten angeführt. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Verleihung von vier Oscars in die Werbepausen zu verlegen und sie anschließend dem Publikum in verkürzter Form nachzureichen.
Das hat große Unruhe ausgelöst. In diesem Jahr viel die Wahl auf Beste Kamera, Bester Schnitt, Makeup and Hairstyling und Bester Kurzfilm. Nun ist schon seit Jahren keine Live Sendung wirklich mehr live, sondern zeitversetzt, damit kein „fu€k!“ mehr zu hören ist oder TV-Shows zu Russ Meyer-Gedenkveranstaltungen verkommen. Somit auch vorgeschnitten, bzw. zensuriert. Die Frage ist, wie viel von den Preisvergaben nach den Werbepausen zu sehen sein wird. Angeblich soll man es an den Bildschirmen zu Hause kaum merken. Wie so eine Stunde Sendezeit eingespart werden soll, ist eine andere Sache.
Es ist paradox, Preisvergaben gerade in die Werbepausen zu verlegen. Just die Pausen sind es, die die Oscars alljährlich zu einer Geduldprobe für Filmfans machen und endlos in die Länge ziehen. Die Kunst ist vor dem Kommerz in die Knie gegangen. Deutlicher kann man es nicht zeigen. Milliardenkonzerne betreiben an diesem Abend Profitmaximierung. Nun werden gerade jene Kategorien in die Werbepausen verlegt werden, in denen keine Disney/ABC Produktionen nominiert sind. Die Walt Disney Company ist Marktführer. ABC ist der Broadcaster und gehört dem Disney Konzern.
Eines hat sich hier gezeigt. Mit Solidarität ist es nicht weit her im Filmbiz. Der Empörung für Kamera und vielleicht noch Schnitt war groß. Wer aber hat für Makeup and Hairstyling die Stimme erhoben? Mit großen Wellen ist der Tanker derweilen nicht konfrontiert. Im 21. Jahrhundert schreibt man zwar keine Briefe mehr aber dafür unterzeichnet man um so gerne Petitionen. Das mag im ersten Moment ein edles Unterfangen sein. Es ist allerdings auch ein ziemlich zahnloses. Man darf gespannt sein, ob es bei einem Jammern bleiben wird. Darüber, worum es eigentlich geht, die Filme nämlich, redet im Moment kaum jemand.
Dabei betritt die Academy auch hier Neuland. Mit Roma ist ein fremdsprachiger Film 10-fach nominiert. Cold War hat nochmal drei bekommen. An beiden Filmen führt in diesem Jahr kein Weg vorbei. So gesehen eine gerechtfertigte Entscheidung. Roma ist noch dazu eine Netflix-Produktion. Paweł Pawlikowski und Alfonso Cuarón sind freilich keine unbekannten in Hollywood und wurden beide bereits mit einem Oscar prämiert. Die Academy gibt sich weltoffen. Allerdings gibt es in den USA heuer gleich drei Regisseurinnen, die mit ihrem Arbeiten aufgefallen sind: Debra Granik mit Leave no Trace, Chloé Zhao mit The Rider und Lynne Ramsay mit A Beautiful Day. Alle drei wurden von der Academy übergangen. Das ist der eigentliche Skandal dieses Jahres.
[UPDATE 16/2/2019: Die Academy nimmt nach einem Protest ihre Entscheidung zurück, vier Preise in der Werbepause zu vergeben.]