Es gibt Filme, auf die kann man nicht vorbereitet sein. Sie treffen einen mit voller Wucht. Das passiert vor allem dann, wenn uns die Menschen und ihre Schicksale nahe gehen, wenn wir plötzlich mit Dingen konfrontiert werden, die so nicht erwartbar waren, wenn sie den Rahmen einer gewöhnlichen Erzählung sprengen. All the Beauty and the Bloodshed ist weitaus mehr als das Porträt von Nan Goldin, der vielleicht bedeutendsten Fotografin unserer Zeit. Es ist eine Geschichte über Verzweiflung und Hoffnung zugleich, über den Kampf von AktivistInnen gegen einen übermächtigen Pharmakonzern und dessen Eigentümer. Es ist in der Arbeit von Regisseurin Laura Poitras nach Citizenfour (2014) und Risk (2016) über Snowden und Asange vielleicht so etwas wie die logische Fortsetzung. Ein weiterer Kampf David gegen Goliath. Dafür wurde sie in Venedig 2022 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Einer der Höhepunkte der vergangenen Kinosaison endlich auch im Kino
Darum geht es
All the Beauty and the Bloodshed ist ein Porträt der berühmten Fotografin Nan Goldin und legt einen Fokus auf ihre aktivistischen Aktivitäten gegen die Familie Sackler ab 2019, deren Pharmakonzern für die Opioid Epidemie verantwortlich ist, der hunderttausende Menschen zu Opfer fielen. Die von Goldin gegründete Interessensvertretung P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now) prangerte dabei das Kunstsponsering der Sacklers an und setzte Kulturinstitutionen unter Druck, deren Kooperationen zu beenden.
All the Beauty and the Bloodshed (Laura Poitras, USA 2022)
Kommentar
Nan Goldin, geboren 1953 in Washington D.C., ist unter schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen. Sie ist 11, als sich ihre ältere Schwester das Leben nimmt. Eine Zäsur in ihrem Leben. Schon sehr früh verläßt sie die Familie, nimmt Drogen. Aber bereits als Teenager nimmt sie zum ersten Mal einen Fotoapparat in die Hand und bringt in ihrer Arbeit Randgruppen in den Fokus, die dem Großteil der Gesellschaft verborgen bleiben. LGBT Subkulturen finden sich in ihren Bildern wieder, lange bevor sie im Mainstream angekommen waren, ebenso wie die HIV/AIDS Pandemie. In The Ballad of Sexual Dependency aus dem Jahr 1985 porträtiert Goldin die Schwulen und Lesben Szene in der Bowery Street in Lower Manhattan, ebenso wie die Folgen von Heroinsucht aber auch auch ihr persönliches Leben. Eine etwa 45-minütige Slideshow unterlegt mit Opern, Rock, Pop und Blues Musik. Die Arbeit gilt als wegweisendes Kunstwerk der 1980er Jahre.
2017 gab Goldin bekannt, dass sie sich gerade von einer Opioid Abhängigkeit erholt hatte. Nach einer Operation hatte sie OxyContin als Schmerzmittel erhalten. Vertrieben wurde es von Purdue Pharma, die aber nicht auf das Abhängigkeitspotential hinwiesen. Wäre Goldin nicht eine Person des öffentlichen Lebens, wäre sie wohl gerade mit ihrer Biografie eines von hunderttausenden anonymen Opfer geblieben. Als Frau, die ihre Arbeit Zeit ihres Lebens als politisch und aktivistisch verstanden hat, startete sie eine Initiative gegen den Pharmakonzern der Familie Sackler. Von diesem Kampf handelt All the Beauty and the Bloodshed in weiten Teilen.
Die Familie Sackler hatte sich dem Kunstsponsoring verschrieben. Ganze Gallerien trugen ihren Namen, darunter der Louvre, Solomon R. Guggenheim Museum, Tate Gallery und Victoria and Albert Museum. Nan Goldin nutzte ihre Stimme als anerkannte Künstlerin, um gegen die Museen Druck zu machen und auf diesem Weg Gerechtigkeit walten zu lassen. Es ist ein Paradebeispiel für gelungenen Aktionismus, gerade zu einer Zeit, wo diese Protestform in der Kritik steht.
All the Beauty and the Bloodshed ist in enger Zusammenarbeit von Laura Poitras und Nan Goldin entstanden. Es ist das Porträit einer im ersten Moment verletzlich wirkenden aber in Wahrheit unglaublich furchtlosen und mutigen Künstlerin. Die Dokumentation wurde vielfach ausgezeichnet und war 2023 für einen Oscar nominiert (der Preis ging in diesem Jahr an Nawalny von Daniel Roher). Das Medikament wird unter einem neuen Namen auch heute noch vertrieben und zur Betäubung und bei sehr starken Schmerzen eingesetzt.
All the beauty and the bloodshed Dokumentation, USA 2022 Regie Laura Poitras Kamera Nan Goldin, Clare Carter, Robert Kolodny, Alexander W. Lewis, Laura Poitras, Sean Vegezzi, Thom Pavia Schnitt Amy Foote, Joe Bini, Brian A. Kates Musik Soundwalk Collective, Dawn Satter Madell Mit Nan Goldin Länge 117 Min Im Kino
Ein Traum in Pastell und weiß. Am Hollywood Boulevard ist die Welt bei der 95. Verleihung der Oscars noch in Ordnung und das ist gut so. Ablenkung haben wir uns alle verdient. Für die einen – uns – dauert sie dreieinhalb Stunden und für andere ein ganzes Leben. Am 12. März sind die Oscars auch heuer wieder absurd spät vergeben worden und schließen somit das Filmjahr und die Awardseason erst Mitte März 2022 ab. Rückblickend war nicht nur an diesem Abenddie Qualität der Filme erfreulich hoch.
Etwas ausgedünnt aber mit einigen bemerkenswerten Produktionen bleibt das Filmjahr 2021 gut in Erinnerung. Der damalige Oscar-Gewinner Coda (Apple TV+) war allerdings nicht einmal unter meinen Top-20 Filmen vertreten (hier nachzulesen). Das ist in diesem Jahr anders. die 10 in der Kategorie Bester Film nominierten Filme waren durchwegs sehenswert.
2022 hat Tom Cruise dem Kino das Leben gerettet. Monatelang hatte er jeglicher Versuchung den Film an einen Streamingplattform zu verkaufen widerstanden. Top Gun: Maverick kamim Juni in die Kinos, nutzte sein Momentum und wurde zum Überraschungshit. Dass er dabei weltweit soviel eingespielt hat, wie Avatar: The Way of Water von James Cameron alleine in den USA, geschenkt. Dann war da noch ein Film, der im März in nur wenigen Kinos gestartet war. Wer konnte ahnen, dass dies den Beginn der unglaublichen Erfolgsgeschichte von Everything Everywhere All at Once von Daniel Kwan und Daniel Scheinert begründete.
Titelbild: The Banshees Of Inisherin (R: Martin McDonagh, IRL/USA/UK 2022)
Die Oscars
Stolze 7 Oscars also für Everything Everywhere All at Once. Das ist ziemlich beachtlich. Warum? In den vergangenen 25 Jahren (Post-Titanic-Ära) hatten nur Slumdog Millionäre (2009) mit 8 Oscars und Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2004) mit 11 Oscars mehr Auszeichnungen abräumen können. Gravity im Jahr 2014 ebenfalls 7. In den übrigen Jahren waren die Statuetten immer sehr verteilt vergeben worden. Blickt man in den jeweiligen Jahren auf die eher schwache Konkurrenz von HdR oder Slumdog Millionäre, dann verwundert es nicht. Umso erstaunlicher, dass sich in diesem Jahr ein Film derart durchsetzen konnte. Zumal es mittlerweile zehn Filme in der Kategorie Bester Film gibt. Es waren auch schon nur fünf. Originalität und Umsetzung der Story von EEAAO ist jedenfalls beachtenswert, gerade in Zeiten der endlosen Wiederverwertungen.
Everything Everywhere All At Once (R: Daniel Kwan, Daniel Scheiner, USA 2022)Quelle: Wikipedia
Es war diesmal ein spannender Abend. In nahezu allen Schauspielkategorien waren die Prognosen knapp. Im Westen nichts Neues schnitt deutlich besser ab als erwartet. Eine große Auszeichung für die Filmlandschaft in Deutschland. Egal was man von dem Film hält, man sieht, was mit ausreichend Budget auch in Europa möglich ist. Abgezeichnet hatte sich bereits, dass The Banshees of Inisherin leer aus gehen würde (dieses Schicksal teilten am Ende auch noch Elvis, Tár und Die Fabelmans). Obwohl der Film im Herbst noch als Favorit gelten konnte. Die Kehrseite, wenn es einen großen Gewinner gibt.
In der Regiesparte wurden Frauen neuerlich ignoriert. Die neuen und umstrittenen Vielfälltigkeits-Kriterien werden das ab 2024 auch nicht ändern. Sie betreffen nur die Kategorie Bester Film. Dafür wurden in diesem Jahr wieder alle Preise live in der Show vergeben. Unter anderem die Oscars für Schnitt und Ton wurden im vergangenen Jahr bereits im Vorfeld überreicht. Die Show war damals trotzdem nicht kürzer, sogar länger als in den Jahren davor (das forderte nicht nur die ZuseherInnen zu Hause, sondern vor allem das Publikum im Saal, das angehalten ist, die Plätze nicht zu verlassen). In diesem Jahr war dafür für Einlagen abseits der Verleihungen keine Zeit. Das ist kein Nachteil, weil die Academy hier in den vergangenen Jahren kein glückliches Händchen hatte. Dem Eklat aus dem letzten Jahr wollte man heuer mit Humor begegnen. Will Smiths Ausraster zu ignorieren war keine Option.
Zu den Höhepunkten zählte ein sichtlich gerührter John Travolta, der mit den Worten „Hopelessly Devoted To You“ Olivia Newton John gedachte und Lenny Kravitz, der in Folge zu „In Memoriam“ am Klavier spielte.
Im vergangen Jahr rang man damit, wie mit dem Ukraine-Krieg umzugehen sei. In diesem Jahr hat man es gleich sein lassen. Es blieb an Yulia Nawalnaya hängen, sich dazu zu äußern, als sie und das Team von Nawalny den Oscar für den Besten Dokumentarfilm entgegennahmen.
So verlief der Abend relativ trocken. Die Präsentation der Songs war fast schon traditionell ein Tiefpunkt. All das wurde jedoch durch die hohe Qualität der Filme wettgemacht. Im Grunde war das Publikum am Ende zufrieden, da Everything Everywhere All at Once ohnehin der Gewinner der Herzen gewesen ist (Das Gartenbaukino in Wien war in diesem Jahr wieder voll).
She Said, Aftersun, Armageddon Time, waren Filme, um nur ein paar zu nennen, die an diesem Abend schmerzlich vermisst wurden.
Das Filmjahr
Everything Everywhere All at Once ist nur ein Beispiel dafür, wie Filme im Laufe des Jahres wahrgenommen werden. Da folgt ein Re-release dem nächsten. Noch deutlicher wird das bei Streamingproduktionen, die erst nach und nach einem breiteren Publikum bekannt werden. Erfreulicherweise waren so gut wie alle Filme aus der diesjährigen THE REEL THERAPIST-Bestenliste zumindest kurzzeitig im Kino zu sehen. Hinzu kommt, das der Anteil an Produktionen von Streamingplattformen deutlich geringer war, trotz des großen Erfolges von Netflix bei den Oscars. Interessant daran ist, das Netflix gegenüber der Konkurrenz hier deutlich die Nase vorne hat. Gleichzeitig gerät die Plattform immer mehr in die Kritik, weil sie Masse an Eigenproduktionen nicht einmal als durchschnittlich bewertet werden kann und immer mehr NutzerInnen verärgert.
She Said (R: Maria Schrader, USA 2022)
Die Industrie tut den Filmen nach wie vor nichts Gutes, wenn zwischen Premieren und regionalen Kinostarts Wochen und Monate vergehen (Von den bisher 24 in diesem Jahr gesehenen aktuellen Filmen hatte kein einziger seine Premiere 2023!). Allein Blockbuster erscheinen nahezu zeitgleich. Nur hier ist man sich des finanziellen Risikos bewußt, der mit einem verzögerten Start einher geht. Bei Filmen wie Marcel The Shell With Shoes On oder The Banshees Of Inisherin spielt das leider kaum eine Rolle. Marcel war nur für einzelne Vorstellungen im Programm. Immerhin. The Quiet Girl oder After Yang sucht man vergebens auf dem Spielplan. Sie sind selbst VOD nur über Umwege verfügbar.
The Quiet Girl (R: Colm Bairéad, IRL 2022)
Rückblickend hatte die Viennale 2022 eine sehr starke Filmauswahl. So gut wie alle relevanten Filme, die damals bereits auf dem Markt waren, konnte man im Herbst in Wien sehen. Da hadere ich aber etwas mit der Unübersichtlichkeit des Programmes.
Die Bestenliste 2022 ist wieder etwas länger als im vergangenen Jahr. Wie immer gilt bei THE REEL THERAPIST alles ab einer 4 ★ Bewertung als Empfehlung. Anschließend sind diesmal sämtliche Filme aus dem Produktionsjahr 2022 aufgelistet, die ich in dieser Saison gesehen habe. Es sind 82 Filme. Oft stellt sich mir bei Bestenlisten die Frage, aus welchem Grund der ein oder andere Film nicht vertreten ist. So läßt sich die Auswahl besser einordnen.
Komplette Liste der gesehenen Filme mit Premiere im Jahr 2022
8 rue de l’humanite | Aftersun | After Yang | All the Beauty and the Bloodshed | Ambulance | Apollo 10 1/2 | Argentinien, 1985 | Armageddon Time | Athena | Avatar: The Way Of Water | Babylon | The Banshees Of Inisherin | Bardo | The Batman | Der Beste Film Aller Zeiten | Being The Ricardos | Blond | Bones and All | Avec Amour Et Acharnement (Both Sides Of The Blade) | Broker | Bros | Crimes Of The Future | Decision to Leave | Don’t Worry Darling | Emergency | Eismayer | Die Elefantenflüsterer | Everything Everywhere All At Once | Elvis | Emily the Criminal | Enola Holmes 2 | The Fire Within: A Requiem For Katia And Maurice Krafft | Glass Onion: A Knives Out Mystery | Guillermo del Toro’s Pinocchio | A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani | The House | Hustle | Im Westen Nichts Neues | Incredible but true | Die Fabelmans | Jackass Forever | Last Film Show | Lightyear | Marcel The Shell With Shoes On | Märzengrund | Massive Talent | Meine Nacht mit Leo Grande | The Menu | Mutzenbacher | Nawalny | The Novelist‘s Film | The Northman | Nope | Pacifiction | Pearl | Pleasure | Puss in Boots: The Last Wish | The Quiet Girl | Rimini | RRR | Rubikon | Sachertorte | Saint | The Sea Beast | She Said | Sonne | Strange World | Tár | Theatre Of Thought | This much i know to be true | Three Thousand Years of Longing | Top Gun: Maverick | Tori et Lokita | Triangle Of Sadness | Turning Red | Vera | Wendell & Wild | Werner Herzog: Radical Dreamer | The Whale | White Noise | Wo in Paris Die Sonne Aufgeht | Women Talking | X
Ganze 16 Jahre nach seiner letzten Regiearbeit bringt uns Schauspieler und Regisseur Todd Field (Little Children, 2006) sein neuestes Werk, zu dem er neuerlich das Drehbuch verfasst hat: die fiktive Künstlerbiographie Tár wird gefeiert und steht gleichzeitig in der Kritik, wegen ihrer weiblichen Perspektive auf das Dirigat im Kontext von Machtmissbrauch. Es dürfte am Ende aber eine großer Erfolg werden für Field und seine Hauptdarstellerin Cate Blanchett, die bereits als sichere Bank bei den diesjährigen Oscars gilt. In stolzen 158 Minuten – zur Abwechslung einmal keine zu viel – breitet sich vor uns ein audiovisuelles Kunstwerk aus. Was einen himmelschreiend prätentiösen Anfang nimmt, formiert sich zu einer Abwärtsspirale dem Abgrund entgegen. Genial hinein bis in das kleinste Soundschnipsel.
Darum geht es
Lydia Tár (Cate Blanchett) hat was drauf. Sie leitet ein Orchester in Berlin und der Film nimmt sich zuerst ausladend Zeit, um vor uns ihre beeindruckende Biografie auszubreiten. Tár befindet sich gerade mitten in den Proben zu Gustav Mahlers 5. Symphonie. Nebenbei geht sie einer Lehrtätigkeit nach, präsentiert ihre eigene Biografie und hat Personalentscheidungen zu treffen. Sie lebt mit der 1. Geigerin des Orchesters zusammen. Mit Sharon (Nina Hoss) hat sie eine gemeinsame Tochter.
Ihren StudentInnen – wie auch ihrem gesamten Umfeld – tritt Tár herablassend gegenüber. Als sich eine andere Dirigentin das Leben nimmt, gerät Tár in den Verdacht, daran nicht ganz unschuldig zu sein. In diesem Spannungsfeld befindet sich neben ihrer Frau Sharon auch ihre persönliche Assistentin Francesca Lentini (Noémie Merlant). Als eine neue Stelle im Orchester zu besetzen ist, fällt die Wahl in einem blinden Vorspiel auf die junge Musikerin Olga Metinka (Sophie Kauer). Unruhe kommt ins Orchester und in das persönliche Umfeld von Tár. Nicht nur wegen ihres exzentrischen Auftretens, sondern auch weil sich die Anschuldigungen gegen sie verdichten. Sie soll ihre Machtposition gegenüber anderen MusikerInnen wiederholt ausgenutzt haben. Tár steht zusehends mit dem Rücken zur Wand, beteuert aber ihre Unschuld.
Nina Hoss und Cate Blanchett in Tár (Todd Field, USA 2022).
Kommentar
Österreich hat ihr vielleicht eine Sonderstellung. Selbst wenn man noch keinen unserer Konzertsäle von Innen gesehen hat, sind Namen wir Karajan oder Harnoncourt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Den Goldenen Saal im Musikverein würden wohl auch viele erkennen können. Nicht zuletzt Dank der TV- Übertragungen des ORF. Unter anderem horrende Kartenpreise (wobei sich hier die U-Musik der E-Musik gerade mit großen Schritten annähert) schränken den Kreis jener, die sich – regelmäßig – der klassischen Livemusik hingeben doch stark ein.
So entwickelt sich rund um ein großes Orchester zwangsläufig ein Mikrokosmos. Hier hat alles seinen Platz. Die hierarchisch strenge Ordnung erinnert an jene des Militärs. Es ist eine alles andere als demokratische Umgebung. Ihr steht eine Leitung vor, die sich gern Maestro nennen lässt, so wie auch Lydia Tár in Tár. Todd Fields Requiem nimmt auch hier seinen Anfang. Tár lässt sich in einem Künstlergespräch abfeiern. Die Biografie ist beeindruckend. Sie ist gebildet, philosophiert vor sich sich hin. Das Publikum lauscht gebannt. Wenn man derart angehimmelt wird und mitunter gut 100 MusikerInnen unter sich hat, ist der Machtrausch auch nicht mehr weit.
Time is the essential piece of interpretation.
Lydia Tár in Tár.
Bei Lydia Társ Probenarbeit, die sich durch den gesamten Film zieht, kann man das gut erkennen. Ebenso bei ihrer Lehrtätigkeit oder in den privaten vier Wänden. Der Umgangston ist, sagen wir mal so, bestimmend. Im Wohnzimmer, sowie im Schulhof. Reale Vorbilder, bei denen Machtmissbrauch oder sexueller Missbrauch im Spiel waren, sind bekannt. Regisseur Field stellt in seine fiktiven Biografie nun eine Frau ans Dirigentenpult. Das hat ihm Kritik eingebracht, nicht zuletzt von Marin Alsop, der Chefdirigentin des ORF Radio-Symphonieorchesters (hier).
Nun ist dem der fulminante Erfolg Cate Blanchetts gegenüberzustellen. Getragen von einer nahezu unerträglichen Präpotenz verkörpert sie Tár mit einer derartigen Intensität, dass an ihr in diesem Jahr kein Weg vorbeiführt. Um sie herum hat Todd Field Räume gebaut, die sich nahtlos in die Gefühlswelt von Tár und die Musik von Mahler, Guðnadóttir und Elgar einfügen. Kalt und meist grau und düster sind sie und man wird kaum einen wohligen Ort finden können. Die Musik wird ergänzt durch Geräusche, die Tár zusehends als Störung empfindet und sie mehr und mehr paranoid werden lassen. Von der ersten bis zur letzten Szene ist es ein kontinuierlicher Abstieg, der uns in das Innerste der Protagonistin blicken lässt. Es wurde an andere Stelle schon mehrfach erwähnt, dass hier Erinnerungen an Michael Haneke wach werden. Das kann man nicht anders als ein Kompliment auffassen.
Was da in der letzten Szene genau abgeht, hat sich mir nicht sofort bis ins Detail erschlossen. Geschenkt, kann man nachlesen. Es gibt hier auch einen Interpretationsspielraum. Befinden wir uns hier bereit im Kopf von Tár und haben die Realität längst verlassen? Vielleicht ist es auch nicht wichtig. Die Aussage ist klar. Sie ist vernichtend für Lydia Tár.
Tár Drama, USA 2022 Regie Todd Field Drehbuch Todd Field Kamera Florian Hoffmeister Schnitt Monika Willi Musik Hildur Guðnadóttir Mit Cate Blanchett, Nina Hoss Länge 158 Min.
Das Spielfilmdebüt von Charlotte Wells zählt zu den großen Überraschungen des Jahres. Im Zentrum steht die Beziehung der 11-Jährigen Sophie zu ihrem Vater, an den sie sich Jahre später als junge Frau zurückerinnert. Von der Fachzeitschrift Sight and Soundwurde Aftersun zum Film des Jahres 2022 gewählt. Für The Reel Therapist ist auf jeden Fall ebenso ein Platz an der Spitze sicher.
Darum geht es
Die 11-Jährige Sophie verbringt mit ihrem 30-Jährigen Vater Calum einen Sommerurlaub in einem türkischen Resort. Normalerweise lebt sie bei ihrer Mutter. Die Eltern sind getrennt. Die Beiden haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Als Mädchen beginnt sie sich erstmals für Jungen zu interessieren und versucht Kontakt zu anderen Jugendlichen in der Hotelanlage aufzunehmen. Trotzdem merkt Sophie, dass ihr Vater zeitweise auf Distanz geht oder abwesend ist. So richtig begreifen kann sie das aber alles erst, als sie sich als erwachsene junge Frau das Urlaubsvideo von damals ansieht.
Aftersun (Charlotte Wells, 2022)
Kommentar
Charlotte Wells‘ Spielfilmdebut mit den zwei herausragenden Darstellerin Paul Mescal und der Newcomerin Francesca Corio spielt auf mehreren Ebenen mit Erinnerungen und wie sich diese im Laufe der Zeit verändern und den unterschiedlichen Perspektiven auf die Vergangenheit und das Medium Film selbst.
Da wäre zum einen die knapp 10-jährige Sophie, die einen Urlaub mit ihrem Vater verbringt. Kein Kind steckt eine Trennung leicht weg. Sie genießt die gemeinsame Zeit am Meer. Die Chemie zwischen den beiden stimmt und umso enger ist ihre Beziehung. Sophie ist Beobachterin. Nicht alles was sie sieht und erlebt, kann sie auch richtig deuten. Ein Urlaubsvideo dient ihr in Aftersun dazu, Jahrzehnte später die Erinnerungen aufzufrischen. Während vor allem Fotos unsere Erinnerungen selektiv beeinflussen, dient das Video Sophie dazu, Gesten und Kommentare ihres Vaters im Nachhinein anders zu deuten. Manches versteht sie jetzt besser über ihren Vater, der offenbar nicht mehr in ihrem Leben ist (Wells lässt einiges an Interpretationsspielraum offen, es gibt aber da und dort mehr oder weniger klare Indizien).
Dann gibt es noch uns selbst, das Publikum. Unsere Perspektive ist noch am ehesten mit jener der 30-jährigen Sophie vergleichbar. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Sophie erzählt und trotzdem nehmen wir die Rolle von Beobachtern von Außen ein. Das macht Aftersun zu einem spannenden Puzzle aus Emotionen und Erinnerungen.
Durch alltägliche Banalitäten (gibt es so etwas überhaupt?) und die Homevideo Sequenzen, die freilich auch einen sichtbaren Einfluss auf die Optik des Films haben, erreicht Wells einen hohen Grad an Authentizität. Es ist ein entspannter und unaufgeregter Urlaub. Genauso wie die darstellerischen Leistungen es sind. Mescal und Corio, unter der cleveren Regie von Wells, machen Aftersun zu einem erinnerungswürdigen Film und einem der Besten des Jahres.
Aftersun Drama, UK/USA 2022
Regie Charlotte Wells Drehbuch Charlotte Wells Kamera Gregory Oke Schnitt Blair McClendon Musik Oliver Coates Mit Paul Mescal, Francesca Corio Länge 101 Min. Streaming Mubi
Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh (Brügge sehen und sterben, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) bringt neuerlich Colin Farrell und Brendan Gleeson gemeinsam auf die Leinwand. In dieser melancholischen und gleichzeitig witzigen Tragikomödie geht es um eine innige Männerfreundschaft im Irland der 1920er Jahre, die schon in die Brüche gegangen ist, bevor die Geschichte überhaupt beginnt. The Banshees of Inisherin ist einer der schönsten Filme des Jahres und heißer Kandidat bei den Oscars 2023.
Darum geht es
Eine Irische Insel 1923. Pádraic (Colin Farrell) ist auf dem Weg, seinen besten Freund Colm (Brendan Gleeson) zum alltäglichen Pubbesuch abzuholen. Doch Colm öffnet ihm nicht. Pádraic ist irritiert. Seine Schwester Siobhán (Kerry Condon) meint lapidar: “Perhaps he just doesn’t like you no more” und niemand ahnt wie recht sie damit hat. Der Violinspieler Colm hat beschlossen, Abstand zu nehmen von Pádraic und seinen einfältigen Gesprächen. Er möchte sich auf das Komponieren konzentrieren. Die Zeit sei zu kostbar.
Sein ehemaliger Freund nimmt das aber nicht so einfach hin. Doch Colm meint es ernst, sehr ernst und droht zu drastischen Mitteln zu greifen. In der Zwischenzeit macht sich Dominic (Barry Keoghan) Hoffnungen, bei Siobhán zu landen. Er versucht vor seinem brutalen Vater loszukommen. Doch Siobhán hat die langweilige Insel und alle ihre Bewohner längst satt und möchte nur weg. Pádraic versteht das alles nicht und merkt in seiner unbekümmerten Art nicht, wie er auf eine große Katastrophe zusteuert.
Etwa im 5-Jahres Rhythmus bringt Martin McDonagh Filme heraus, die auf die ein oder andre Art auf Festivals und bei Preisverleihungen für Aufsehen sorgen. Nun ist es ihm mit seinem Originaldrehbuch neuerlich gelungen, dass man an The Banshees of Inisherin in diesem Jahr wohl kaum vorbei kommt. Vor der pittoresken Kulisse der fiktiven irischen Insel Inisherin entfaltet sich ein Drama um zwei Männer, das voll Melancholie und Witz ist. Getragen wir es von einem virtuosen Ensemble, angeführt von Gleeson und Farrell, der eine der besten Leistungen seiner Karriere bietet und dafür in Venedig ausgezeichnet wurde. Obwohl die beiden Männer im Zentrum der Geschichte stehen, läßt das Drehbuch noch genügend Zeit für Kerry Condon (Siobhán) und ihre Träume für eine bessere Zukunft. Barry Keoghan als Dominik stiehlt den anderen in einer Nebenrolle fast die Show.
„I just don’t like you no more.“
Colm Doherty zu seinem ehemals besten Freund. „The Bahnsees of Inisherin“ (Martin McDonagh, 2022)
Eine weitere Hauptdarstellerin ist von der ersten Szene an die irische Landschaft, wie flämische Gemälde von Kameramann Ben Davies in Szene gesetzt, genauso wie die Interieurs. Unwiderstehlich schön und in all ihrer Kargheit voller Mystik, so wie der Filmtitel. Mit den Charakteren befindet sie sich in einem direkten Dialog. Erst durch die Umgebung können sich die Schrulligkeiten der – mit ihrem Dialekt schwer verständlichen – Inselbewohner richtig entfalten. Oder sie macht, wie für Siobhán, das Leben hier unerträglich.
Colm ist nicht von Hass getrieben, sobald Pádraic in Not ist, ist er zur Stelle. Es ist vielmehr die Angst vor dem Vergessen werden, die dem melancholischen Charakter innewohnt. Was bleibt ist für ihn die Musik und keine belanglosen Gespräche über Esel. Er spürt, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Die Insel ist für sein kreatives Schaffen gerade der richtige Ort. Die Menschen hier sind aber nicht die richtigen Wegbegleiter für ihn.
Selten haben Tragik und Komik so harmonisch zueinander gefunden. The Banshees of Inisherin ist urkomisch, makaber, herzzerreißend und von einer tiefgreifenden Menschlichkeit. Ein großer Erfolg auf allen Linien. Für mich der Film des Jahres 2022.
Diese Filmkritik wurde im Rahmen der Viennale (20. Oktober – 1. November 2022) verfasst.
THE BANSHEES OF INISHERIN Drama, IRE/UK/USA 2022
Regie Martin McDonagh Drehbuch Martin McDonagh Kamera Ben Davies Schnitt Mikkel E. G. Nielson Musik Carter Burwell Mit Colin Ferrell, Brendan Gleeson, Kerry Condon, Barry Keoghan Im Kino
Drei Jahre nach dem Überraschungserfolg Knives Out – Mord ist Familiensache bringt uns Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson mit Glas Onion: A Knives Out Mystery den nächsten Fall für Meisterdetektiv Benoit Blanc. Diesmal direkt ins Wohnzimmer, da der Film bei uns ausschließlich über Netflix vertrieben wird. Letzten Endes eine Entscheidung des Regisseurs, was schade ist, denn die mehr als gelungene Fortsetzung – die im eigentlichen Sinn gar keine ist – hätte sich die große Leinwand verdient.
Darum geht es
Der Milliardär Mike Bron (Edward Norton) lädt alljährliche eine Runde an Freunden aus Jugendtagen zu einem gemeinsamen Wochenende ein. In diesem Jahr beordert er sie auf eine abgelegene Insel. Auf dem eigenwilligen Anwesen kündigt er an, dass er seinen eigenen Mord als Spiel inszenieren wird und seine Gäste das Wochenende über Zeit haben, den Mörder zu ermitteln.
Da wären Cassandra „Andi“ Brand (Janelle Monáe), die ihr Geschäftspartner Bron vor kurzem um die Anteile an der gemeinsamen Firma gebracht hatte, Duke Cody (Dave Bautista), ein Twitch Celebrity, Birdie Jay (Kate Hudson), Model und Modedesignerin, Claire Debella (Kathryn Hahn), eine Politikerin und der Wissenschaftler Lionel Toussaint (Leslie Odom Jr.).
Aber was macht Meisterdetektiv Benoit Blanc auf der Insel? Wer hat ihn eingeladen? Nach und nach stellen sich immer mehr Fragen. Gleichzeitig wird das Verhältnis der Gäste untereinander und zu deren Gastgeber immer klarer. Es ist alles andere als harmonisch. Auch dieses Wochenende nicht, an dem rein gar nichts nach Plan verlaufen wird.
Ein neuer Fall für Benoit Blanc. Neue Charaktere und eine neue Geschichte machen Glass Onion zu einem eigenständigen Film. Rian Johnson verlässt das klassische Setting des Vorgängers und verpflanzt die Handlung auf das Anwesen eines exzentrischen Milliardärs, dessen Gebaren durchaus Parallelen zu Elon Musk aufzeigt (hier wurde der Film regelrecht von der Realität eingeholt). Von Anfang an mutet hier alles wie ein Spiel an aber dabei bleibt es natürlich nicht.
Neuerlich bestechen das Setdesign und die ausgefallenen Kostüme. Blanc wird noch zur Stilikone werden. Aber auch seine Mitstreiter sind alle nicht weniger ausgefallen gekleidet. Auch die Villa hat einige Schauwerte zu bieten. Das was den Film darüber hinaus im Detail aber eigentlich ausmacht, wird es hier nicht zu lesen geben. Johnson hat sein Drehbuch neuerlich perfekt getimt und es funktioniert wie ein Uhrwerk. Dort und da gibt es Hinweise, die sich erst im Nachhinein also hilfreich erweisen, wenn sie überhaupt aufgefallen sind. Ungewöhnlich ist der dramaturgische Aufbau. Zuerst steuert alles auf einen vermeintlichen Höhepunkt zu, der wie eine Seifenblase zerplatzt. Dann kommt ein halbstündiger Einschub in Form einer Rückblende, die noch einmal alles auf den Kopf stellt.
It’s a dangerous thing to mistake speaking without thought for speaking the truth.
Benoit Blanc in „Glas Onion: A Knives Out Mystery“
Wie schon im Vorgänger appelliert Johnson an unser soziales Gewissen und prangert hier aufgeblasene Internetphänomene an, hinter denen rein gar nichts steckt außer Selbstdarstellung und großes Business. Nach Idealen wird man unter den Gästen lange suchen müssen. Einzig die Angst vor dem Statusverlust verursacht so etwas wie Emotionen. Ein großes Geschäft steckt auch hinter der Produktion selbst. Die Kosten sind regelrecht explodiert. Ebenso die Gagen für Johnson und Craig. Netflix war die Geschichte die teuerste Streamingproduktion überhaupt wert. Andere drehen um dieses Budget eine ganze Phantasy-Serie. Vor diesem Hintergrund ist Glass Onion nicht frei von Ironie.
Glass Onion bietet beste Unterhaltung und ist trotz der Länge kurzweilig. Es ist gerade so, dass man immer wieder auf neue Wendungen hofft. Vor allem der witzige Daniel Craig (mit großartigem Dialekt, hat sichtlich großen Spass an der Rolle) und die geheimnisvolle Janelle Monáe tragen den Film. Ganz so stark ist das Ensemble diesmal sonst leider nicht. Der Titel ist einem Song der Beatles entlehnt (im Liedtext beklagt sich John Lennon darüber, dass die Texte der Beatles viel zu ernst genommen werden und sich weit weniger dahinter versteckt, als allgemein angenommen wird) und er verrät es schon: die Abgründe werden hier Schicht für Schicht enthüllt. Allerdings ist das Ergebnis im Kern diesmal weit weniger zufriedenstellend und hier sind wir wieder bei Lennon. Die finale Auflösung will dann nicht so ganz zünden. Es liegt wohl auch an der Zusammensetzung der Gruppe, dass man nicht der Lösung entgegenfiebert, so wie in Knives Out. Es ist irgendwann auch schon egal, wer hier nun der Bösewicht ist. Dadurch verliert alles etwas an Intensität.
Trotzdem: es ist ein kluger großer Spaß. Rian Johnson spielt mit unseren Erwartungshaltungen und nebenbei liefert das Drehbuch gleich eine ganze Menge erinnerungswürdiger Zitate. Teil 3 ist schon auf Schiene. Benoit Blanc kehrt zurück. Das ist sicher. Wir sind gerne mit an Board.
Glass Onion: A Knives Out Mystery Drama, USA 2022
Regie Rian Johnson Drehbuch Rain Johnson Kamera Steve Yedlin Schnitt Bob Ducsay Musik Nathan Johnson Mit Daniel Craig, Janelle Monáe, Edward Norton, Dave Bautista, Kate Hudson, Leslie Odom Jr., Kathryn Hahn Streamingplattform Netflix
Zwei Jahre nach dem vielversprechenden ersten Teil Enola Holmes kommt nun endlich die Fortsetzung. In Enola Holmes 2 hält man sich nicht mehr an die Romanvorlage, sondern adaptiert eine historische Begebenheit von 1888. Soviel sei schon verraten: die Serie entwickelt sich weiter und löst ihre Versprechen ein. Nebenbei macht sie Millie Bobby Brown zu bestbezahltesten Schauspielerin unter 20 Jahren. Formal folgt man der BBC Serie mit Benedict Cumberbatch.
Darum geht es
Enola Holmes (Millie Bobby Brown) eröffnet ihre eigene Detektei. Leider mit geringem Erfolg. Gerade als sie aufgeben möchte, steht ein kleines Mädchen im Büro, das ihre verschwundene Schwester sucht. Enola nimmt sich ihr an. Die Gesuchte arbeitete vor ihrem Verschwinden in einer Streichholzfabrik, in der gerade Typhus wütet und vielen Arbeiterinnen bereits das Leben kostete.. Es dauert nicht lange und Enola erregt das Interesse von so manch finsterer Gestalt. Wie kann es anders sein, sie ist natürlich etwas Großem auf der Spur. Ganz ohne die Hilfe ihres großen Bruders Sherlock (Henry Cavill) wird es allerdings nicht gehen, denn vor allem die Polizei hat es auf Enola abgesehen.
Es sind einige Themen, die in Enola Holmes 2 angerissen werden. Wie schon Teil 1 geprägt von einem erfrischenden Feminismus, damals vor allem durch Enolas Mutter Eudoria (Helena Bonham Carter) vorangetrieben, setzt die Serie diesen Weg fort. Hinzukommen die Komplexe Arbeiterinnenrechte, gewerkschaftliche Organisation, Streik (Historischer Verweis auf den Matchgirls‘ strike), parlamentarische Konsensfähigkeit und Korruption. Das alles verpackt in einen Krimi, der äußerst unterhaltsam ist. Das ist in erster Linie der charmant agierenden Millie Bobby Brown zu verdanken, die neuerlich die vierte Wand durchbricht und sich an das Publikum wendet.
Es ist der seltene Fall einer starken emphatischen weiblichen Identitätsfigur für junge Mädchen. Allein das schon ist es Wert, sich den Film anzuschauen. Enola kämpft auch weiterhin gegen die gesellschaftlichen Zwänge des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die vor allem zum Nachteil von Frauen waren. Enola Holmes 2 gibt sich noch dazu äußert divers, was die Auswahl der SchauspielerInnen angeht. Hier gibt es die ein oder andere Überraschung. Dem multikulturellen London wird das allemal gerecht. Woanders muss man danach lange suchen.
Nicht nur dass Cavill in der selben Wohnung wie Cumberbatch in der BBC Serie residiert, auch die rasante Art, in der Indizien kombiniert werden, weckt Erinnerungen an die Serie (4 Staffeln 2010-2017). Schon klar, dass es ganz ohne Sherlock Holmes nicht geht. Dabei besteht aber immer die Gefahr, dass die eigentliche Hauptfigur ins Hintertreffen gerät. Vor allem hinsichtlich des Teasers im Abspann. Unterschätzt nicht die Nebendarsteller! Fortsetzung folgt nämlich. Wir können es kaum erwarten.
ENOLA HOLMES 2 Krimi, 2022 Regie Harry Bradbeer Drehbuch Jack Thorne Kamera Giles Nuttgens Schnitt Adam Bosman Musik Daniel Pemberton Mit Millie Bobby Brown, Henry Cavill, Helena Bonham Carter, Louis Partridge, David Thewlis, Adeel Akhtar Streamingplattform Netflix
In Europa ist es still geworden um dein einstigen Starproduzenten Harvey Weinstein, nachdem er Anfang 2020 von einem Gericht in New York City zu mehr als 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Dass er nun im Dezember 2022 in Los Angeles neuerlich der mehrfachen Vergewaltigung und wegen sexueller Belästigung schuldig gesprochen wurde, hat hierzulande kaum noch jemand mitbekommen. She Said von Maria Schrader (Vor der Morgenröte) erzählt von den beiden Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey von der New York Times, die das perfide System aus Abhängigkeiten und Missbrauch in ihrer Reportage aufgedeckt hatten. Der Film reiht sich ein in den Kanon der großen Filme über investigativen Journalismus und führt vor, unter welch grausamen Bedingungen Frauen im Umfeld von Weinstein leben mussten.
Darum geht es
Es begann 2017, als die Journalistin Jodi Kontor (Zoe Kazan) von der New York Times den Hinweis erhielt, dass die Schauspielerin Rose McGowan angeblich ein Opfer von sexuellem Missbrauch durch den Indiefilmproduzenten Harvey Weinstein gewesen war. Auch die Schauspielerinnen Ashley Judd und Gwyneth Paltrow schildern ihre Erfahrung von sexuellem Missbrauch. Allerdings möchte niemand namentlich genannt werden, da die Frauen einen Schaden für ihre Karrieren fürchteten. Kantor zieht ihre Kollegin Megan Twohey (Carey Mulligan) zur Unterstützung hinzu. Gemeinsam stossen sie auf immer mehr Fälle, in denen die Frauen allerdings im Zuge von Vergleichen Geheimhaltungserklärungen unterzeichnet hatten.
Vom ehemaligen Vizepräsidenten der Weinstein Company Irwin Reiter (Zach Grenier) erfährt Kantor, dass das Verhalten von Weinstein firmenintern offenbar schon seit Jahren bekannt war. Nach und nach erklären sich Frauen bereit, offen über ihre Erfahrungen mit Weinstein mit den Reporterinnen zu sprechen. Es stellt sich heraus, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist.
Am anderen Ende der Leitung: Harvey Weinstein (She Said, Maria Schrader 2022)
Kommentar
Erst im November 2022 verfasste Irwin Reiter einen Gastkommentar für die LA Times (hier) über die stille Mittäterschaft der schweigenden Männer rund um Harvey Weinstein. Die Journalistinnen und seine eigene Tochter hatten den ehemaligen Vizepräsidenten von der Weinstein Company und Miramax (der Vorgängerfirma) dazu gebracht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Weiters erzählt er davon, dass sich die Herabwürdigung der Opfer vor dem Gericht während den Verhandlungen durch Weinsteins Anwälte fortsetzte und er selbst sich kein bisschen geändert hatte.
Die große Macht von Harvey Weinstein im Filmgeschäft machte es möglich, ein ganzes System an Missbrauch aufrecht zu erhalten. Er hatte es in der Hand Karrieren in Hollywood für immer zu beenden und zahlte wenn nötig große Summen an seine Opfer, um sie zum Schweigen zu bringen. Selbst Brad Pitt arbeitete weiter mit Weinstein, auch nachdem seine Verlobte Gwyneth Paltrow ein Opfer von Weinstein wurde.
Diese so unglaublichen Umstände wurden erst vor kurzem schon einmal filmisch behandelt. The Assistant (2019) von Kitty Green schilderte das Umfeld von Weinstein aus einer ganz anderen Perspektive. Damals konnte eine Sekretärin Weinsteins (der im Film namentlich nicht genannt wird) beobachten, wie er mit Frauen umgegangen ist und musste bald bemerken, dass es sich um einen systematischen Missbrauch handelte und Weinstein von Kollegen gedeckt wurde. Das deckt sich auch mit den Szenen rund um Irwin Reiter in She Said.
Das US-Regiedebüt von Maria Schrader reiht sich ein in die großen Filme über investigativen Journalismus. Check, Re-Check, Double-Check – die Prinzipen von Qualitätsjournalismus werden hier sichtbar hochgehalten. Den Vorwurf She Said sei nicht filmisch genug, kann ich nur schwer nachvollziehen. Der Film ist sehr nüchtern inszeniert. Mehr ist aber auch nicht notwendig. Die beiden Hauptdarstellerinnen sind grandios. Ashley Judd sorgt zudem für einen emotionalen Höhepunkt, den man im Kino nur selten finden wird. Es war sehr clever sie sich selbst spielen zu lassen. Auf einmal gibt es für einen Moment keine Grenzen mehr zwischen Fiktion und Realität. Eine intensive Erfahrung, bei einem schon an sich schwierigen Thema.
Als Twohey gegen Ende Harvey Weinstein gegenübersitzt und die Kamera auf ihr verweilt, ist ihr die Genugtuung ins Gesicht geschrieben. Kurz darauf verbreitete sich die #metoo Bewegung rasant über die ganze Welt und auf einmal erfuhr man, dass selbst im engsten Arbeitsumfeld Frauen betroffen sind und irgendwie war der ganze Wahnsinn Alltag.
Hat sich etwas geändert? Ein Verhaltenscodex ist heute zumindest auf dem Papier in vielen Firmen selbstverständlich. Die Umsetzung im Alltag ist es weniger, vor alle wenn es um sich um ungleiche Machtverhältnisse handelt. Sogar die Schule meiner Tochter sah sich in diesem Herbst veranlasst, das in einem Verhaltenskodex niederzuschreiben, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Ist es leider nicht. She Said, ein wichtiger Film in diesem Jahr.
SHE SAID Drama, USA 2022
Regie Maria Schrader Drehbuch Rebecca Lenkiewicz Kamera Natasha Braier Schnitt Hansjörg Weißbrich Musik Nicholas Britell Mit Carey Mulligan, Zoe Kazan, Patricia Clarkson, Samantha Morton, Ashley Judd Länge 129 Min.
Mit nur 9 Filmen in 40 Jahren hat sich James Cameron den Ruf erarbeitet, mit Produktionen, die technisch immer auf der Höhe der Zeit waren, das Publikum immer aufs Neue in Staunen zu versetzen. Er machte Arnold Schwarzenegger mit Terminator zum Weltstar. Bereits in den späten 1980ern setzte Cameron in The Abyss die Morphing-Technik ein.Als James Bond in einer Krise steckte, schuf er mit True Lies in den 1990ern den besseren Agentenfilm. In Titanic machte er sich digitale Effekte zu nutze, ohne dass sie tatsächlich sichtbar waren. Es wurde der erfolgreichste Film aller Zeiten. In Avatar schuf er vor 13 Jahren nie gesehene digitale Bildwelten. Cameron ist einer, der sich selbst immer auf Neue übertrumpft. Gelingt ihm dies mit Avatar: The Way Of Water nun neuerlich?
Darum geht es
Mehr als eine Dekade nach der Invasion der Erdbewohner auf Pandora, schließt die Handlung an Teil 1 an. Jake Sully (Sam Worthington) lebt mit Neytiri (Zoe Saldaña) mit dem Volk der Omaticaya. Zu ihrer Familie gehören die Söhne Neteyam (James Flatters) und Lo’ak (Britain Dalton), ihre Tochter Tuk (Trinity Jo-Li Bliss), die Adoptivtochter Kiri (Tochter von Grace Augustine, beide Sigourney Weaver) und der Menschenjunge Spider (Sohn von Antagonist Colonel Miles Quaritch, Stephen Lang).
Als die Menschen auf Pandora zurückkehren, haben sie Na’vi Avatare mit dabei, denen die Erinnerung von gefallenen Soldaten eingepflanzt wurden. Jake startet einen Sabotageangriff. Dabei bringt er seine ganze Familie in Gefahr und sie fliehen zum Volk der Metkayina, die ein Riff bewohnen und in enger Symbiose mit dem Meer und dessen Bewohner leben. Kulturelle Unterschiede führen immer wieder zu Spannungen.
Unter den Menschen befindet sich ein Avatar mit den Erinnerungen von Colonel Miles Quaritch. Er sehnt sich nach Rache an Jake und macht sich daran, ihn auf Pandora aufzuspüren. Bald sind die friedlichen Meeresbewohner in Gefahr.
In den vergangenen Jahrzehnten gab es für mich vor allem zwei prägende Filmerfahrungen im Blockbusterkino: Titanic 1997 und Avatar 2009. Die Maschinenräume des Ersteren rumorten noch lange in meinem Kopf. James Cameron verband Herzschmerz mit technischer Perfektion. Das Jahrhundertschiff sollte ihn noch viele Jahre beschäftigen. Zahlreiche Forschungsreisen folgten, dann auch Dokumentationen. Um seine nächste Vision zu verwirklichen musste er nämlich noch einige Jahre warten. Auf dem Höhepunkt der 3D Technik zeigte Cameron am Ende der Nullerjahre eine nie dagewesene Bilderwelt und erschuf Pandora, seine Vorstellung von einem perfekten Planeten, auf dem die Bewohner mit der Natur in Einklang leben, bis sie von den Menschen gestört werden, die den Planeten ausbeuten wollen.
The way of water has no beginning and no end.
Avatar: The Way Of Water (2022)
In den folgenden Jahren hat sich James Cameron ganz dem Projekt Avatar verschrieben und wie es aussieht hat er das auch noch viele Jahre vor. Die Ankündigung der Fortsetzung wurde zum Running Gag. Immer wieder kam es zu Verschiebungen und das seit mehr als 5 Jahren. Gerade als die Maschinen der Filmindustrie wieder volle Fahrt aufgenommen hatten, war es dann soweit. Das Herzstück der 192 Minuten langen Fortsetzung sind die Unterwasserwelten. Es ist gerade die Stunde in der Mitte, in der das Special-Effects-Department (und man muss es an dieser Stelle deutlich sagen: Für Avatar gehört jenen alle Anerkennung, die im Hintergrund an der Umsetzung gearbeitet haben) über sich hinauswächst.
Licht, Oberflächen und das Wasser sehen sensationell aus. Hyperreaslistisch ist das aber nur zum Teil. Pandora wirkt mitunter wie eine Welt aus Plastikspielzeug. Stephen Spielberg hatte schon in Jurassic Park die Schwierigkeit die Täuschung von der Schwere seiner Dinosaurier zu erzeugen. Dieses Problem gibt es zumindest zum Teil immer noch. Gar nicht unseren Sehgewohnheiten entspricht der allgemeine Look des Films. Cameron wagte sich neuerlich an das 48fps Verfahren (also die doppelte Bildfrequenz pro Sekunde). Bereits Peter Jackson tat dies mit seinem Hobbit und war mäßig erfolgreich. Die enorme Schärfe der Bilder ist gewöhnungsbedürftig. Jeglicher filmische Flair geht so verloren. Die Optik erinnert fast an früherer TV Filme, in denen immer alles gestochen scharf war (wenn auch natürlich bei weitem nicht in dieser Qualität). Gut möglich, dass sich unsere Augen daran gewöhnen. Das hat schon beim katastrophalen Fernsehsignal für unsere hochauflösenden Flachbildschirme mehr schlecht als recht funktioniert. Die Perfektion geht hier auf Kosten der Emotion.
Schon Teil 1 war ein Meilenstein der 3D-Technik, Cameron einer der wenigen, die wissen, wie man die Technik richtig einsetzt. Dem war aber schon damals nichts hinzuzufügen. Bei Avatar: Way Of The Water hat 3D keinen Mehrwert mehr. Die Brille von Dolby ist ein Ärgernis: unbequem und die Sicht einschränkend. Das Problem, dass die Brille die Projektion abdunkelt, hat man immer noch nicht im Griff. Anstrengend ist es über mehr als 3 Stunden außerdem. Jetzt fast ausschließlich 3D-Vorstellungen anzubieten und dem Publikum nicht einmal die Wahl zu lassen, ist unverschämt. Sowohl hinsichtlich des Kartenpreises, als vor allem auch gegenüber Menschen, die mit 3D gesundheitlich nicht zurecht kommen.
Die meiste Kritik trifft wohl das Drehbuch (obwohl der Film gerade von führenden US-KritikerInnen euphorisch begrüßt wurde. Allgemein ist die Stimmung aber dann doch gedämpfter). Große Dialoge durfte man ohnehin nicht erwarten. Charakterentwicklungen Fehlanzeige. Es gibt allerhand Ungereimtheiten. Es war nie meine Art auf Fehlersuche zu gehen und die dann euphorisch zu vertweeten. Aber bei einem richtig guten Film sollte das nicht passieren.
Ist Avatar 2 nun sehenswert? Ein eingeschränktes Ja hierfür. Wir müssen schon tief in die Geldbörse greifen. Es wird kolportiert, dass der Film mindestens 2 Milliarden US-Dollar einspielen muss, damit er sich rechnet (was gleichzeitig bedeutet, dass er einer der erfolgreichsten Filme überhaupt werden muss). Vermutlich wird es auch ein Testlauf dafür sein, was die Kinofans bereits sind für eine Karte auszugeben. Gerade im Blockbustersegment wird nicht mit Spiellängen und allerhand anderen Features für Zulagen gegeizt.
James Cameron ist es neuerlich gelungen, dass wir in die Welt von Pandora buchstäblich eintauchen können. Das ist eine wunderbare Erfahrung, die man wenn auf jeden Fall im Kino erleben sollte. Der finale Akt ist eine Mischung aus Titanic und Aliens, wie überhaupt sehr viele Sequenzen an etwas erinnern, dass wir schon einmal irgendwo gesehen haben. Trotzdem ein solides actiongeladenes (vorläufiges) Ende. Davor zwei Stunden mit imposanten und rasanten Aufnahmen. Geheimnisse gibt es auf diesem Planeten aber nicht zu entdecken. Dafür hat die Fantasie (oder das Geld?) dann doch nicht ausgereicht. Der Wow-Effekt von 2009 wiederholt sich nur bedingt. Ein Spektakel allemal.
AVATAR: THE WAY OF WATER Actionfilm, USA 2022
Regie James Cameron Drehbuch James Cameron, Rick Jaffa, Amanda Silver Kamera Russel Carpenter Schnitt Stephen E. Rivkin, David Brenner, John Refoua, James Cameron Musik Simon Franglen Mit Sam Worthington, Sigourney Weaver, Zoe Saldaña, Stephen Lang, Kate Winslet Länge 192 Min. Im Kino (folglich Disney+)
Gerade wenn illiberale Strömungen überall auf der Welt im Vormarsch sind, müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass von Europa bis Südamerika faschistische Regime an der Macht waren. Sind demokratische Grundfesten einmal zerstört, ist es ein steiniger Weg zurück in die Freiheit. Von diesen Schwierigkeiten erzählt Argentinien, 1985 von Santiago Mitre. Die Junta ist zwar Geschichte aber überwunden ist sie noch lange nicht, wie der Staatsanwalt Julio Strassera erfahren muss, als er das größte Strafverfolgungsverfahren für Kriegsverbrechen seit den Nürnberger Prozessen vorbereitet.
Darum geht es
Nachdem das Militärgericht 1984 keinen Grund für eine Strafverfolgung gegen die Haupttäter der argentinischen Militärdiktatur feststellen wollte, beschließt ein ziviles Gericht Anklage gegen den ehemaligen General Jorge Videla und weitere führende Mittäter zu erheben. Dem Staatsanwalt Julio Strassera (Ricardo Darín) bleiben nur wenige Wochen, um ein Team zusammenzustellen und Beweise zusammenzutragen. Renommierte Juristen zu finden gestaltet sich als unmöglich. Zum einen ist die Gesellschaft gespalten und dann geht auch immer noch die Angst vor der Rache des Militärs um. Einzig der junge Anwalt Luis Moreno Ocampo (Juan Pedro Lanzani) erklärt sich bereit mit Strassera zusammenzuarbeiten. Obwohl er selbst familiäre Verbindungen zum Militärregime hat, ist er im Gegensatz zum Staatsanwalt davon überzeugt, dass ein fairer Prozess möglich ist. Gemeinsam stellen sie ein sehr junges Team aus unerfahrenen und somit auch politisch nicht vorbelasteten AnwältInnen zusammen. Innerhalb kürzester Zeit sammeln sie quer durch ganz Argentinien über 800 Zeugenaussagen. Dabei sind sie ständig Bedrohungen ausgesetzt. Es gibt Kräfte im Land, die einen Prozess mit allen Mitteln verhindern möchten.
Staatsanwalt Julio Strassera (Ricardo Darín) und sein Team. (Argentinien, 1985, Amazon Studios)
Kommentar
Selbst in Argentinien ist der Prozess von 1985 zumindest bei der jüngeren Bevölkerung in Vergessenheit geraten. Mit ein Grund für Regisseur Santiago Mitre sich dem Thema anzunehmen. Die juristische Aufarbeitung sollte das Land noch viele Jahre beschäftigen. Alle damals verurteilten wurden bald wieder in die Freiheit entlassen. Ein neuerlicher Prozess fand erst mehr als 20 Jahre später statt. Videla wurde erst 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 2013 im Gefängnis. Während der Diktatur verschwanden zehntausende Menschen. Kinder wurden systematisch entführt und verkauft.
Argentinien, 1985 gibt jenen Menschen eine Stimme, die unter der Junta litten. Vor Gericht kommen sie zu Wort und schildern die unfassbaren Gräuel, denen sie ausgesetzt waren. Die detaillierten Berichte sind kaum zu ertragen. Es ist der Moment, in dem Regisseur Mitre todernst wird.
Darüber hinaus kommt das Drama mit einer gewissen Leichtigkeit daher, die vor allem dem ambivalenten Charakter Julio Strassera zu verdanken ist. Am Anfang ist er alles andere als ein Held. Nur widerwillig nimmt er sich der Aufgabe an und ist nicht von der Sinhaftigkeit eines Prozesses überzeugt. Ricardo Darín verkörpert ihn mit einem gewissen Witz und einer mürrischen Schrulligkeit, die Argentinien, 1985 auch zu einem unterhaltsamen Film machen. Spannend und mit einer charismatischen Besetzung braucht das Gerichtsdrama den Vergleich mit Hollywood nicht zu scheuen.
Argentinien, 1985 erfindet das Genre nicht neu aber Mitre, trifft aber immer den richtigen Ton und leistet einen großen Beitrag zur Erinnerungskultur und seine Geschichtsstunde sollte in Argentinien aber auch über die Grenzen hinaus in der Welt ihr Publikum finden. Hat man sich erstmal von der Demokratie verabschiedet, ist der Weg zurück ein sehr mühsamer und die Aufarbeitung langwierig.
Regie Santiago Mitre Drehbuch Santiago Mitre, Mariano Llinás Kamera Javier Juliá Schnitt Andrés P. Estrada Musik Pedro Osuna Mit Ricardo Darín, Juan Pedro Lanzani, ua. Länge 140 Minuten Streamingplattform Amazon Prime