Schlagwort: 2019

  • LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    Während sich die einen in scheppernden Blechbüchsen ins All schießen ließen, versuchten andere in der horizontalen technische Rekorde aufzustellen und blieben zumindest bis sie in einer Kurve abhebten auf dem Boden. Der Motorrennsport war noch ein unmittelbares Ereignis. Bis in die 1960er Jahre konnten die Zuschauer den Fahrtwind der vorbeirauschenden Autos spüren und standen direkt an der Stecke. Pioniergeist lag in der Luft. Zu dieser Zeit startete Ford den Versuch, die jahrelange Erfolgswelle von Ferrari in Le Mans zu stoppen. Die Scuderia Ferrari hatte das Rennen seit 1960 in jedem Jahr gewonnen. Le Mans 66 erzählt nun eine wahre Geschichte, deren Ausgang wohl nur Motorsportfans kennen dürften.

    Am Anfang stand das Angebot von Ford, den wirtschaftlich schwächelnden Automobilhersteller Ferrari zu übernehmen. Hintergedanke war der, dass Ford in den Motorsport einsteigen wollte und Ferrari der größte Konkurrent war. Die Bedingungen von Ford entzürnten Enzo Ferrari und er lehnte ab. Fiat kam zum Zug. Auch wenn Regisseur James Mangold hier den Zeitablauf etwas durcheinander bringt, bedeutet das in Le Mans 66 den Beginn für einen Wettlauf um den Sieg beim legendären Langstreckenrennen im Jahr 1966. Ford engagiert dafür den ehemaligen Rennfahrer und nunmehrigen Konstrukteur Carroll Shelby (Matt Damon). Shelby wählt Ken Miles (Christian Bale) als Werksfahrer.

    Der Grundkonflikt spielt sich nicht zwischen Ford und Ferrari ab, sondern innerhalb von Ford selbst. Vizepräsident Leo Bebe (Josh Lucas) ist die Zusammenarbeit mit Shelby und vor allem dem Fahrer Miles ein Dorn im Auge. Miles gilt als unberechenbar und dem Image der Marke nicht zuträglich. Henry Ford II (Tracy Letts) hat nicht immer die Kontrolle über seine Firma oder wie Enzo Ferrari (Remo Girone) richtig bemerkt: Er ist nicht Henry Ford, sondern Henry Ford II und damit weit entfernt vom Pioniergeists seines Großvaters oder dem von Ferrari selbst. Le Mans 66 handelt vom Kampf Shelbys, seine Strategie gegenüber den Auftraggebern durchzusetzen.

    Ken Miles ist der einzige mit einer Hintergrundgeschichte. Es ist auch der spannendste Charakter und Christian Bale das Zentrum des Films. Seine Darstellungskraft und Wandlungsfähigkeit ist neuerlich beeindruckend. Darüber hinaus hätte man doch gerne mehr über die Beteiligten erfahren. Carroll Shelby ist nicht mehr als der Mittelsmann zwischen den Managern von Ford und seinem Fahrer Miles. Die Italiener im Film verkommen leider überwiegend zu Karikaturen und müssen für die Lacher sorgen. Alleine der legendäre Enzo Ferrari sticht etwas hervor. Die Leidenschaft Ferraris für den Motorsport steht dem purem ökonomischem Kalkül bei Ford gegenübergestellt.

    Der Film versucht ansatzweise zu vermitteln, was es benötigt um ein schnelles Auto zu bauen. Oder besser: ein Auto, das schneller ist als alle anderen. Die Rennszenen sind spektakulär und man sollte sie sich auf der großen Leinwand nicht entgehen lassen. Optisch gibt der Film einiges her. Eine Einstellung ist schöner als die andere (Kamera: Phedon Papamichael). Durch die Mischung aus Rennsport und Drama kann Le Mans 66 (wie schon Rush, 2013) ein großes Publikum begeistern. Gerade wegen des tragischen Schicksals von Miles, der 1966 seine erfolgreichste Saison fuhr. Selbst wenn man sich vor und nach den 2 1/2 Stunden nicht für Autos interessieren mag, macht der Film durchaus Spaß. Mit seinen 4 Oscar Nominierungen (auch Bester Film, allerdings keine Nominierung für Bale) gehört er aber eher in die Kategorie lucky-to-be-there.

    JAMES MANGOLD | LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE (OT: Ford v Ferrari) | USA 2019 | 153 MIN | [usr 4]


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  • PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN ★★★★½

    PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN ★★★★½

    Mit historischen Kostümfilmen kann man mich jagen. Michael Kohlhaas (dir. Arnaud des Vallières, 2013) oder Barry Lyndon (dir. Stanley Kubrick, 1975) gehören zu den Ausnahmen. Der aktuelle Film der Regisseurin Celine Sciamma gehört auch dazu. Das Melodram mit dem sperrigen Titel Porträt einer jungen Frau in Flammen verhandelt nichts weniger, als die Rolle von Frauen in der Gesellschaft, im ausgehenden 18. Jahrhundert, in dem der Film angesiedelt ist, genauso, wie in der heutigen Zeit. Sciamma schrieb auch das Drehbuch und wurde dafür in diesem Jahr in Cannes ausgezeichnet. Der Film galt neben dem späteren Gewinner Parasite als Favorit im Rennen um die Goldene Palme.

    Marianne (Noémie Merlant) erinnert sich zurück. Als Malerin in Paris steht sie im Schatten ihres Vaters. Ihre Arbeit wird geduldet. Anerkennung oder Respekt wird ihr keiner zu Teil. Damit war sie nicht alleine. Heute reicht ein Blick in ein beliebiges kunsthistorisches Museum. Bilder, gemalt von Frauen, sind dort nur schwer auszumachen. Nun sitzt Marianne Model für ihre Schülerinnen. Dabei fällt ihr Blick auf eines ihrer eigenen Gemälde, dass eine Schülerin aus dem Depot geholt hat. Es zeigt eine Frau in der Nacht, deren Kleid Feuer gefangen hat. In den folgenden zwei Stunden erfahren wir, warum sie der Blick auf dieses Gemälde so emotional aufwühlt. Was es bedeutet, als Frau nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprechen zu wollen und wieviel Wahrheit in Liebe stecken kann.

    Die Frau auf dem Bild ist Héloïse (Adèle Haenel). Im Jahr 1770 wird Marianne auf eine abgelegene Insel in der Bretagne beordert, um ein Porträt herzustellen. Die Herzogin (Valeria Golino) möchte ihre Tochter Héloïse verheiraten und das Porträt soll die Abmachung besiegeln. Héloïse rebelliert jedoch gegen die Heirat und weigert sich Model zu sitzen. Gerade war ein Maler an ihr gescheitert. Marianne soll sie nun die Tage mit ihr verbringen, ihr Gesicht studieren und das Porträt heimlich anfertigen. Die beiden Freunden sich an. Für Marianne wird es immer schwerer, den Auftrag heimlich hinter dem Rücken von Héloïse auszuführen. Das Komplott fliegt auf und die Enttäuschung ist groß. Doch schon von Beginn an zeigt sich in den gegenseitigen Blicken, dass es ein Verlangen nach mehr gibt als bloßer Konversation.

    Sciammas Drama spiegelt sich überwiegend in den Blicken der zwei Frauen wieder. Blickt Marianne in die Augen von Héloïse, ist es, als sehe sie das Publikum an. Es sind verlegene, dann durchdringende Blicke, die eine zaghafte Erwiderung finden. Das Verlangen auszubrechen ist groß. Ständig begleitet vom knisternden Kaminfeuer und dem rascheln des Stoffes ihrer ausladenden Kleider, die wie eine unüberwindbare Barriere wirken. Musik gibt es in Porträt keine. Als die Herzogin für ein paar Tage die Insel verläßt, bleiben die Beiden mit der Magd Sophie (Luna Bajrami) zurück. Auch über ihr schwebt eine große Last.

    Die drei Frauen schließen einen unausgesprochen Pakt. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen. Wenn es auch nur für ein paar Tage ist. Regisseurin Sciamma bringt dem Publikum dabei ins Bewusstsein, wie stark alles, was wir zu sehen bekommen, durch den Blick von Männern geprägt ist. Das zeigt sich auch in der Ästhetik des Films. In malerischen Bildern und in einem auf das Notwendigste reduzierte Interieur spielen die Darstellerinnen (es spielen, bis auf einen Knecht, nur Frauen) vor der Kamera und die Kamera umgarnt sie nicht, wie das sonst so oft üblich ist. Dabei wahrt sie im richtigen Moment Distanz und kommt ihnen näher – manchmal näher als nur irgendwie möglich – wenn es angebracht ist. Dann hört man jeden Atemzug und glaubt die Herzen klopfen zu spüren.

    Der Film könnte in jeder Zeit spielen. Die zeitliche Verortung scheint in erster Linie ästhetischen Kriterien zu folgen. Es gibt neben den gesellschaftlichen Normen und den Kleidern kaum Anhaltspunkte, die auf eine bestimmte Epoche hinweisen. So gelingt es Sciamma, eine gewisse Allgemeingültigkeit zu erreichen. Vielleicht ist Porträt bei all der Formalität und durchkomponierten Ästhetik etwas zu konventionell geraten und man hätte sich doch einen leidenschaftlichen Ausbruch gewünscht. Unter der Oberfläche brodelt es aber gewaltig. Mehr subtile Leidenschaft hat man im Kino selten gesehen.

    Porträt einer jungen Frau in Flammen (OT: Porträt de la jeune fille en feu) | Drehbuch & Regie Céline Sciamma | FR 2019 | 120 Min. | [usr 4.5]


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  • DIE ZWEI PÄPSTE ★★★★½

    DIE ZWEI PÄPSTE ★★★★½

    Im Vatikan gibt es immer genügend Fanta auf Vorrat. Es ist das Lieblingsgetränk des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Mit seinem Rücktritt hat der Papst im Jahr 2013 die ganze Welt überrascht. Der letzte Papst davor trat vor rund 500 Jahren zurück. Meist passierte das auf Druck von außen und nicht alters- oder gesundheitsbedingt. Benedikt XVI ist der zweite Papst, der freiwillig zurückgetreten ist, in der immerhin 2000 Jahre andauernden Geschichte des Pontifikats. So begibt es sich nun, dass im Vatikan zwei Päpste miteinander Fanta trinken können. Wieviel Leidenschaft bei seinem Nachfolger Franziskus dahinter steckt, ist nicht überliefert. So der so bietet diese außergewöhnliche Situation die Grundlage für Fernando Meirelles neuen Film Die zwei Päpste.

    Die Handlung fokussiert sich auf das Jahr 2012, als Kardinal Jorge Bergoglio von Argentinien nach Rom reist, um dem Papst seinen Rücktritt anzubieten. Gesundheitlich angeschlagen, ist dies nicht unüblich, um einer möglichen Wahl zum Papst zuvorzukommen. Beim der letzten Konklave im Jahr 2005 erhielt Bergoglio laut Insiderinformationen (das Wahlergebnis ist geheim) 40 der 115 Stimmen. An sich galt seine Wahl als eher unwahrscheinlich, auch wegen des hohen Alters (Zur Zeit seiner Wahl war Bergoglio 76 Jahre alt und somit nur 10 Jahre jünger als Benedikt XVI). Außerdem wusste auch Bergoglio noch nichts von Papst Benedikts großen Plänen.

    Benedikt hält seinen Besucher hin und möchte das Ansuchen partout nicht unterschreiben. Aus dem kurzen Besuch wird eine längere Begegnung, bei der sich die Beiden über Tage austauschen und ihre Positionen in Glaubensfragen diskutieren. In Die zwei Päpste vermischen sich dabei Realität und Fiktion. Allerdings wird der Film nur selten unglaubwürdig und stützt sich auf bekannte Positionen, Aussagen und Insiderwissen. Grundlage ist der Roman Die zwei Päpste: Franziskus und Benedikt und die Entscheidung, die alles veränderte von Antony McCarten, der auch das Drehbuch zum Film verfasst hat.

    Der Film thematisiert, wenn auch teilweise nur kurz, die großen Probleme der katholischen Kirche der letzen Jahre, wie den Kindesmissbrauch oder den Skandal um die Vatikanbank. Der Jesuit Bergoglio ist ein großer Zweifler seiner selbst und in Rückblenden sieht man woher diese kommen. Nicht restlos geklärte Verstrickungen mit der Junta während der Militärdiktatur in Argentinien lasten auf seinen Schultern.

    Getragen wird der Film aber von seinen formidablen Hauptdarstellern. Anthony Hopkins als Benedikt und Jonathan Pryce als Bergoglio geben ein traumhaftes Duo ab. Beide gehen ganz in ihren Rollen auf. Pryce hat nie die Anerkennung erfahren, die ihm zusteht und ist hier in der Rolle seines Lebens zu sehen. Hopkins knüpft an seine großen Erfolge an, die bereits lange zurück liegen. Es ist eine Freude, den beiden bei ihrem pointierten Schlagabtausch zuzuhören.

    In der Originalversion sprechen die beiden Englisch miteinander. Auch sonst legte Regisseur Meirelles Wert darauf, das Sprachengemisch, in dem wir leben, möglichst realistisch darzustellen. So gibt es Passagen auf Deutsch, Latein, Spanisch und Latein. Selbst in der deutschen Fassung ist der Film daher nicht vollständig synchronisiert. Das und eingeschobenes Archivmaterial verleihen dem Film eine große Authentizität.

    Die zwei Päpste ist unterhaltsam und auf eine gewisse Weise spannend zugleich. Auch wenn die Ereignisse und Positionen rund um dem Rücktritt selbst weniger Interessierten bekannt sein dürften, gibt der Film einen Einblick in ein Amt, das keiner inne haben möchte und versucht den Menschen hinter den dicken Mauern des Vatikans näher zu kommen. Netflix ist in diesem Jahr zum wiederholten Mal ein Glücksgriff gelungen, wobei man schon davon sprechen muss, dass System dahinter steckt, hochqualitative Unterhaltung zu produzieren.

    Die zwei Päpste (OT: The two Popes) | Fernando Meirelles | UK/USA/IT/ARG | 126 Min. | [usr 4.5]


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  • STAR WARS: DER AUFSTIEG SKYWALKERS ★★★

    STAR WARS: DER AUFSTIEG SKYWALKERS ★★★

    Knapp 400 Star Wars Fans sind im Saal zusammen gekommen. Da und dort sieht man Lichtschwerter und Verkleidungen. Es ist der erste Spieltag von Der Aufstieg Skywalkers. Ehrensache, zu den ersten zu gehören. Als die Titelmusik von Star Wars ertönt, Gejohle und Applaus. Die Erwartungen scheinen groß zu sein. Die Stimmung während des Nachspanns erinnert dann an die nach Marriage Story. Regisseur J. J. Abrams hat doch einen Film für die Fans gemacht. Alle noch lebenden – und nicht nur die – Helden sind mit dabei. Verweise und Rückblicke sollen das Fanherz hoher schlagen lassen, das Ende ist versöhnlich. Warum die Ernüchterung?

    Vorweg: auch der 9. Teil der Saga wird das Publikum spalten und das soll hier auch nicht Thema sein. Auch nicht ob es ein würdiger Abschluss ist (wer‘s glaubt), oder nicht. Das muss jeder für sich entscheiden. Zu unterschiedlich sind die Bilder und die damit verbundenen Emotionen, die sich teilweise über Jahrzehnte in den Köpfen festgesetzt haben. Da können Erwartungshaltungen schon einmal selbst für interstellare Verhältnisse unendlich hoch sein. Also unerfüllbar.

    Ein Vorwurf, der Disney immer gemacht wird, ist der, dass der Konzern allem ein familienfreundliches Etikett verpasst. Star Wars passt da sehr gut in dieses Bild: Abenteuer, nicht zu viel Gewalt und alles immer mit einem Augenzwinkern. Nur ist der aktuelle Teil alles andere als für kleine Kinder geeignet. Freigeben ist er ab 12 Jahren und dass sollte wirklich die unterste Grenze sein. Der Aufstieg Skywalkers wirkt wie dem Kopf eines hyperaktiven Kindes entsprungen. Einem maximal 6 Jahre alten Kind. Eine zweieinhalbstündige Aneinanderreihung von Actionsequenzen und dazwischen kaum Zeit um zu verschnaufen. Das kann schnell überfordernd sein, nicht nur für Kinder. Und wenn nicht das, dann langweilt die Überfrachtung, weil es keinen Spannungsbogen mehr gibt, der sich aufbauen könnte.

    Der Film steuert natürlich auf den zentralen Konflikt zwischen Rey (Daisy Ridley) und Kylo Ren (Adam Driver) zu. Das ist abolut gelungen. Daisy Ridley als Hauptdarstellerin ist sicherlich der größte Trumpf der Trilogie. Adam Driver hat bei seinem ersten Auftreten noch für Lacher gesorgt und füllt seine Rolle nun mit der nötigen charakterliche Ambivalenz und Ernsthaftigkeit aus. Damit zeigt er in diesem Jahr seine schauspielerische Wandlungsfähigkeit wie kein anderer. Dass der Rest der Truppe Rund um die Weltraumcowboys Poe (Oscar Isaak) und Finn (John Boyega) in all dem Brimborium nicht untergehen, ist den Darstellern hoch anzurechnen.

    Sonst nichts Neues, nur eine fortlaufende Wiederholung bekannter Motive. Kreativität glänzt durch Abwesenheit. Es ist erstaunlich, was sich der weltgrößte Medienkonzern leisten kann. Jedenfalls offenbar niemanden, der ein einfaches Drehbuch schreiben kann. An den Kinokassen wird es keinen Unterschied machen. Mit der Marke Star Wars besitzt Disney ein Asset, das noch lange nicht finanziell ausgereizt ist und gemelkt werden möchte.

    Eines der Motive von Der Aufstieg Skywalkers ist das Spiel mit dem Tod, bzw. der Wiederauferstehung von gefallen geglaubten Charakteren. Es gibt diese eine Stelle, in der eine zentrale Figur mutmasslich geopfert wird und dann kommt alles anders. Das ist schade, weil ein emotionaler Moment verspielt wird. Wie bereits hinlänglich bekannt, ist Carrie Fisher wieder mit dabei. Nicht verwendete Szene der 2016 verstorbenen Schauspielerin wurden mit solchen mit einem Bodydouble ergänzt. Technisch perfekt. So weit so gut. Nur ist das Material leider dürftig. Stehsätze und starre Blicke bestimmen ihre Auftritte. Die Dialoge mit Rey sind keine. Inhatllich leisten sie keinen Beitrag zur Story. Wie soll es auch anders sein aber dafür kommt sie eigentlich recht oft vor.

    Niemand im Saal beklagt sich über das ständige Rascheln von Popcorn und Chips im Saal. Das gehört dazu. Meist wird es ohnehin von der Musik von John Williams übertönt, die großartig ist aber jeglichen atmosphärischen Ton absorbiert. Es gibt schlicht neben den klassischen SpecialFX Sounds keine Geräusche. Kein tosendes Wasser. Nichts.

    Vielleicht war die Stille im Saal am Ende dem Umstand geschuldet, hier, nach 42 Jahren, Zeuge eines endgültigen Abschieds geworden zu sein (Was an sich unwahrscheinlich ist). Also eher Wehmut als Enttäuschung. Erfreulicherweise regt jedenfalls auch der 9. Teil das Publikum zu Diskussionen an und das ist allemal erfreulich.

    Alle hatten fast 17€ für ihre Tickets gezahlt. Dafür wird ein IMAX 3D Spektakel versprochen. Allein wurde die Leinwand in den 142 Minuten kaum voll bespielt. Wie sooft gilt: sucht euch einen schönen Saal mit einer Projektion in 2D. Am besten im Dolby Cinema. Alles andere ist reine Geldvernichtung.

    OT: Star Wars: The Rise of the Skywalker | J. J. Abrams | USA 2019 | 142 Min | [usr 3]


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  • HUSTLERS ★★★½

    HUSTLERS ★★★½

    New York, 2006. Dorothy (Constance Wu) arbeitet unter dem Namen Destiny als Stripperin in einem Nachtclub. Sie muss sich um ihre Großmutter kümmern und kämpft ums finanzielle Überleben. Ramonas (Jennifer Lopez) Performance beeindruckt Dorothy und es gelingt ihr, sie zu einer Zusammenarbeit zu überreden. Zu zweit geben die beiden ein erfolgreiches Team ab. Bis ein Jahr später die Finanzkrise alles verändert. Ihre Kundschaft bestand aus erfolgreichen Bankern und die hatten von heute auf morgen andere Probleme. Da schmiedet Ramona einen Plan.

    Das Business ist im Wandel. Von nun an dominieren Migrantinnen das Geschäft und die sind bereit sexuelle Dienste anzubieten. Für Dorothy kommt das nicht in Frage. Einmal überschreitet sie diese Grenze doch und wird von ihrem Kunden übers Ohr gehauen. Der jahrelange respektlose Umgang der Männer mit den Tänzerinnen im Club schürt in Ramona Rachegelüste. Mit einer Gruppe von Kolleginnen zocken sie fortan Männer ab, die sie in den Nachtclubs antreffen. Sie setzen sie unter Drogen und belasten ihre Kreditkarten bis zum Limit. Eine Weile geht das auch gut.

    Die Geschichte wird von Dorothy rückblickend einer Journalistin erzählt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Lorene Scafaria nahm als Grundlage für ihren Film den Artikel The Hustlers at Scores: The Ex-Strippers Who Stole From (Mostly) Rich Men and Gave to, Well, Themselves vom Jessica Pressier aus dem Magazin New York. Der Film beruht somit auf einer wahren Begebenheit.

    Hustlers ist eine Krimikomödie, die in erster Linie wegen Jennifer Lopez für Schlagzeilen sorgt. Alleine diese Woche könnte sie für die Darstellung der Stripperin Ramona eine Handvoll Preise einheimsen. Ein großer Erfolg, mehr als 20 Jahre nach Out of Sight. Natürlich ist die Story spektakulär und unterhaltsam zugleich. Auch wenn sie sich vermutlich ganz anders abgespielt hat, bleibt das Grundmotiv und das stellt dem Publikum eine interessante Frage: ist man auf der Seite der Frauengang oder nicht. Darf man den Männern, die Frauen ausbeuten, eine Falle stellen? Kann es als legitimer Weg der Selbstermächtigung gesehen werden, in einer Welt, in der es keine Chancengleichheit gibt? Rechtlich ist die Sache klar und am Ende zeigt Hustlers, dass die Justiz sich leicht tut, kleine Fische zu belangen. Mit den Großen hat sie bekanntlich manchmal so ihre Schwierigkeiten.

    Hustlers | Lorene Scafaria | USA 2019 | 110 Min | [usr 3,5]


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  • SYNONYMES ★★★★

    SYNONYMES ★★★★

    Yoav (Tom Mercier) ist von Israel nach Paris gekommen um alles hinter sich zu lassen. Seine Herkunft, seine Familie, seine Sprache. Gleich zu Beginn wird er ausgeraubt und steht buchstäblich nackt da. Er friert. Niemand möchte helfen. Zwei Nachbarn, das junge Paar Caroline und Emile, entdecken ihn in der Badewanne. Dort liegt er wie Marat auf Davids berühmtem Revolutionsgemälde. Sie freunden sich an. Neben der sich anbahnenden Ménage-à-Trois ist Synonymes eine Tragikomödie über Flucht, Herkunft und Identiät.

    Während der Neuling für die zwei Pariser eine exotische Abwechslung im langweiligen Upperclass Alltag darstellt, beginnt für Yoav ein rastloser Irrlauf durch das heutige Paris. Sein vorrangiges Ziel dabei ist, alles israelische abzustreifen. Wir erfahren nie genau, was die wahren Gründe dafür sind. Von nun an ist jedenfalls alles Französische erstrebenswert. In den Straßen fällt er mit seinem beigefarbenen Mantel sofort auf. Er verleiht ihm etwas heldenhaftes aber kennzeichnet ihn gleichzeitig als Außenseiter. So einfach ist das mit der Assimilation, selbst wenn sie gewollt ist, dann doch nicht und eine neue Identität liegt auch nicht auf der Straße.

    Das Thema ist ernst und Synonymes ist keine Komödie. Trotzdem findet Regisseur Nadav Lapid eine Erzählweise, die der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Das liegt zum einen am Charakter der Hauptfigur und zum anderen am Einfluss des klassischen französischen Films. Die Unbekümmertheit seiner zwei Freunde und deren Dreiecksbeziehung stehen im Kontrast zu einem Fluchtschicksal, das hier nicht in aller Tragik breit getreten wird. Auch nicht sentimental aber doch deutlich wird der Film gegen Schluss, als Yoav eine Klasse für Staatsbürgerkunde besucht. Eine Notwendigkeit, möchte man die französische Staatsbürgerschaft erhalten. Gerade im Vortragen der Marseillaise offenbart sich die ganze Brutalität von Nationalismen. Im Gegenzug stimmt Yoav die israelische Hymne an. Inhaltlich eine komplett andere Tonart.

    Synonymes ist sehenswert. Manchmal gibt sich der Film nostalgisch, wenn er auf die Zeit des Nouvelle Vague Kinos verweist. Viel passiert nicht, was die Handlung vorantreiben könnte und darum ist er etwas zu lang geraten. Zu allererst lebt der Film aber vom stark körperlichen Schauspiel seines Hauptdarstellers Tom Mercier. Eine große Neuentdeckung für das europäische Kino. Auf der Berlinale 2019 zeichnete die Wettbewerbsjury unter der Leitung von Juliette Binoche den Film mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären, aus.

    SYNONYMES | Nadav Rapid | FR/IL/DE 2019 [Französisch/Hebraisch OmdU] | 123 Min. | [usr 4]


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  • ICH HABE MEINEN KÖRPER VERLOREN ★★★★

    ICH HABE MEINEN KÖRPER VERLOREN ★★★★

    Ein amputierte Hand auf der Suche nach einem Körper. Obwohl der Aufwand zum Netflixen ungemein kleiner ist als ein Kinobesuch, schnappt man sich bei so einem Intro wohl trotzdem nicht gleich die Fernbedienung. Aber aufgepasst! Es könnte sich hierbei um den kommenden Oscar-Preisträger handeln. Wiedereinmal versteckts sich ein Filmjuwel auf einer Streaming Platform. Der wunderbare Animationsfilm I Lost My Body von Jérémy Clapin zeigt, welche visuelle Kraft eine gute Geschichte entwicklen kann – egal wie absurd sie im ersten Moment erscheinen mag.

    Naoufel, ein schusseliger Pariser Pizzabote, verliebt sich über eine Gegensprechanlage in die Stimme von Gabrielle. Er versucht schließlich ihr über Umwege näher zu kommen. Erinnerungen an einen Unfall in seiner Kindheit sind dabei allgegenwärtig. Und dann wäre da noch diese Hand, die sich auf eine abenteuerliche Reise begibt. Die Geschichte überschreitet die Grenzen von Romanze und fantastischem Film und irgendwie ergibt das am Ende alles einen Sinn.

    Ausgezeichnet mit dem Critics‘ Week Grand Prize in Cannes 2019.

    JÉRÉMY CLAPIN | OT: J’AI PERDU MON CORPS, engl.: I LOST MY BODY | F 2019 | 81 Min. | [usr 4]


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  • DIE EISKÖNIGIN 2 ★★★½

    DIE EISKÖNIGIN 2 ★★★½

    Wer nicht erlebt hat, wie seine Tochter im Winter während der Autofahrt ihre Hände aus dem Fenster streckt, damit sie fast abfrieren, hat keine Ahnung davon, was Die Eiskönigin für Mädchen in den letzten Jahren bedeutet hat. Als Jennifer Lee 2014 als erste Regisseurin eines Disney Animationsfilmes gemeinsam mit ihrem Partner Chris Buck für Die Eiskönigin mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, war das für die Geschichte der Animationssparte der Walt Disney Company eine Zäsur. Jahrzehntelang bestimmten Mickey Mouse, Donald Duck & Co die Geschicke des Konzerns. Allerdings rückten die legendären Trickfiguren immer mehr in den Hintergrund. Kinder von heute kennen weder Pluto noch Tick Trick und Track. Die Disney Prinzessinnen wurden längst als Rolemodels vermarktet, als die Schwestern Elsa und Anna zu ihnen stießen und alles in den Schatten stellten. Sie lösten einen nie dagewesenen Fankult aus. Buben hatten mit Cars schon seit ein paar Jahren ihre Helden in Form von Autos. Nun waren die Mädchen dran. Schultaschen und Stifte, Kleider und Unterhosen, Bettdecken und Geschirr: Das Konterfei, vor allem von Elsa, war von nun an aus keinen Kinderzimmer mehr wegzudenken. Die Eiskönigin ist bis heute der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten (wenn man von The Lion King absieht). Ein Überraschungserfolg für den Disney Konzern.

    Die Kombination aus starken Charakteren, einer perfekt animierten und traumhaft schönen Winterlandschaft und einem einprägsamem Soundtrack zum Mitsingen, boten den Rahmen für den ersten Teil, erzählt frei und kindergerecht nach Hans Christian Andersen. Nicht Anna, die wahre Heldin des Films, wurde zum Liebling der Kinder, sondern ihre Schwester Elsa, die nicht sonderlich sympathische Eiskönigin mit magischen Kräften. Genau um diese magischen Kräfte geht es nun in der Fortsetzung.

    In der Tonart schlägt Die Eiskönigin 2 neue Wege ein. Es ist etwa so, als wäre die Geschichte mit dem kleinen Publikum mitgewachsen. Der Film ist düsterer geworden, wie es schon der Trailer angekündigt hatte. Elsa versucht dem Ursprung ihrer magischen Kräfte nachzugehen. Dafür begibt sie sich mit Anna, Kristoff, Olaf und dem Rentier Sven auf eine Reise durch eine bildschöne Herbstlandschaft. Dabei vergißt das Produktionsteam nie, was den Erfolg des ersten Teils ausmachte. Rückblenden und Verweise auf den Vorgänger ziehen sich durch die Geschichte, die nun drei Jahre später angesiedelt ist. Das Element Wasser dient als Brücke in die Vergangenheit, denn Wasser, so die Prämisse, vergißt nicht. Die Idee, Elsas Schicksal über ihre Eltern und den Großvater aufzurollen, ist durchaus geglückt. Allerdings ist der Weg dorthin lang und ist zumindest für ein älteres Publikum weit weniger spannend als Teil 1. Wobei das größte Defizit von Die Eiskönigin 2 das gänzliche Fehlen von Ohrwürmern ist. Einzig Elsas zentraler Song mach vielleicht noch als solcher durchgehen aber ist beim Schreiben dieser Zeilen auch schon wieder vergessen.

    Dem Regieduo wurde offenbar freie Hand bei der Entwicklung der Fortsetzung gewährt. Das ist dem Film auch anzumerken, weil er eben kein Aufguss des ersten Teils ist und man nicht den Eindruck bekommt, hier wolle man einfach nur noch einmal abzucashen (Wobei das so nebenbei sehr wohl geglückt ist. Das Einspielergebnis der ersten Tage an der Kinokassa war fulminant). Einzig die Magie fehlt und mitzureißen vermag der Film auch nicht. Und wer erklärt unseren Töchtern wieder einmal, dass man im Winter nicht im dünnen Kleidchen herumlaufen kann?

    DIE EISKÖNIGIN 2 (OT: FROZEN 2) | CHRIS BUCK/JENNIFER LEE | USA 2019 | 103 Min. | [usr 3.5 ]


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  • MARRIAGE STORY ★★★★½

    MARRIAGE STORY ★★★★½

    In Noah Baumbachs Marriage Story ist die Scheidung eine Zeit des emotionalen Ausnahmezustands. Ein Verlust ohne Tod. Es dauert, bis beide Seiten realisieren, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war und die Erinnerungen von der Realität verdrängt werden. Baumbach führt uns nicht nur vor Augen, wozu Menschen fähig sind, wenn die Liebe zwischen ihnen verschwunden ist, sondern konfrontiert uns selbst mit Fragen, die wir eigentlich nicht gestellt bekommen möchten. Wie weit würden wir gehen, um unsere eigenen Interessen im Zuge einer Scheidung durchzusetzen? So weit, bis wir uns selbst nicht mehr Wiedererkennen?

    Dabei beginnt alles sehr unterhaltsam. Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) lesen Beschreibungen über den jeweils anderen vor. Es sind liebevolle Beobachtungen über Stärken und kleine Macken. Man wähnt sich in einer romantischen Komödie. Das täuscht natürlich. Marriage Story beginnt mit dem Ende. Dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Die aus dem Off vorgetragenen Charakterisierungen waren die Idee des Paartherapeuten. Diese Einführung ermöglicht es uns aber, die beiden Protagonisten kennenzulernen und gleich in die Geschichte einzutauchen. Umso erschütternder ist das was kommt, sind uns die beiden in wenigen Minuten doch so sympathisch geworden.

    Nicole und Charlie leben in New York. Sie ist Schauspielerin und er Theaterregisseur. Als Nicole ein Angebot zum Vorsprechen in Los Angeles bekommt, nimmt sie ihren Sohn Henry mit. Eines Tages übergibt sie Charlie dort die Scheidungspapiere. Der Zuseher weiß nicht gleich, was das bedeutet. Doch bald stellt sich heraus, dass es entscheidend ist, in welchem Bundesstaat die Dokumente übergeben werden. Nicole möchte nach Los Angeles ziehen – für immer. Ohne Charlie aber mit ihrem Sohn. Hinter dieser Strategie steckt Nora (Laura Dern), eine mit allen Wassern gewaschene Scheidungsanwältin. Ihr gegenüber: der schmierige Scheidungsprofi Jay (Ray Liotta). Obwohl vereinbart war, keine Anwälte ins Spiel zu bringen, ziehen Nicole und Charlie voll bewaffnet vor Gericht. In Marriage Story kann man beobachten, wie sich eine Scheidung Menschen verändert und sie Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht tun möchten aber tun müssen, um ihre Interessen durchzusetzen. Eine Spirale der Eskalation. Eine von außen durch die Scheidungsindustrie verordnete Eskalation.

    Die Darsteller übertreffen sich gegenseitig, die Musik von Randy Newman bleibt in Erinnerung. Mal ist das ganze komisch und dann wieder niederschmetternd und am Ende, wenn Charlie genau den Text vom Beginn des Films nochmals vorliest, rührt uns das Schicksal der beiden zu Tränen. Es wäre leicht, in dieser Geschichte die Positionen klar zu verteilen und uns Stellung beziehen zu lassen. Doch genau das tut Baumbach nicht. Man ist hin und her gerissen, wenn es darum geht, Sympathien für die beiden Hauptdarsteller zu verteilen oder sich gar auf eine Seite zu schlagen. Das möchte einfach nicht gelingen und hinterläßt das Publikum mit einer tristen Ratlosigkeit. So tief geht der Film in der Charakterzeichnung. Marriage Story ist eine Drama der Entfremdung und hat das Zeug ein echter Klassiker zu werden.

    Derzeit im Kino. Ab 6.12.2019 bei Netflix.

    MARRIAGE STORY | NOAH BAUMBACH | USA 2019 | 136 Min. | [usr 4.5]


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  • THE IRISHMAN ★★★★½

    THE IRISHMAN ★★★★½

    Manche Filme stehen im Schatten von Diskussionen, die eigentlich mit ihnen selbst nichts zu tun haben. Und sie wiederholen sich. So ist es auch bei The Irishman der Fall. Der Film kommt nun nach 12 Jahren der Entwicklung für kurze Zeit in die Kinos. Kein klassisches Hollywoodstudio wollte den Film produzieren. Daher kaufte die Streaming Plattform Netflix die Rechte und ließ Martin Scorsese freie Hand. Es wurde nicht nur sein längster Film, sondern auch sein teuerster und einer seiner bedeutendsten, in seiner 50 Jahre umfassenden Karriere. Lange Entstehungsprozesse verheißen meist nichts Gutes. Mit The Irishman verhält es sich anders.

    Der Ire heisst Frank Sheeran (Robert De Niro). Geboren 1920, arbeitete er Anfangs als LKW-Fahrer und geriet dadurch mit der Bufalino Crime Family, einer Mafiaorganisation, in Kontakt. Das Familienoberhaupt Russell Bufalino (Joe Pesci) wurde zu seinem Mentor. Der loyale Sheeran erledigte für die Familie immer wieder Aufträge und kam schon in jungen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt. Bufalino machte Sheeran mit dem umstrittenen Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) bekannt und die beiden wurden Freunde. Mafia und Gewerkschaft waren zu dieser Zeit eng verstrickt. Konkurrierenden Mitbewerbern wurde das Leben schwer gemacht. Wirtschaftliche Interessen und Macht standen im Vordergrund. Eines Tages erteilt Bufalino Sheeran einen heiklen Auftrag.

    Im Jahr 1992 verfilmte Danny DeVito in Hoffa das Leben von Jimmy Hoffa mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Der Film wurde sehr zwiespältig aufgenommen, unter anderem deswegen, weil er sich nicht entscheiden konnte, ob Hoffa nun ein Gewerkschafter oder doch mehr Gangster war. Sein plötzliches Verschwinden 1975 war damals noch ein völliges Mysterium. Die Umstände sind bis heute nicht vollkommen geklärt. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 gestand Sheeran jedoch dem Strafverfolger Charles Brandt, dass er Hoffa ermordet hatte. Die Aufzeichnungen seines Geständnisses sind unter dem Titel I Heard You Paint Houses: Frank „The Irishman“ Sheeran and Closing the Case on Jimmy Hoffa erschienen und dienten Martin Scorsese als Grundlage für seinen Film. Nach so langer Zeit ist eine restlose Aufklärung nicht mehr wahrscheinlich. Auch wenn das Geständnis von Sheeran höchst umstritten ist, so sprechen Indizien sehr wohl dafür, dass der Irishman für den Mord verantwortlich war. Für den Film macht das aber so oder so keinen Unterschied.

    The Irishman ist ein Stück Filmgeschichte. Scorsese reflektiert und dekonstruiert seine eigenen Gangsterfilme, indem er das Heldentum der Mobster in Frage stellt. Die eigenen Kinder verachten sie. Ihre Väter haben im Hintergrund die Geschicke der USA mitbestimmt aber am Ende wird sich herausstellen, dass sich heute niemand mehr an sie erinnert.

    Darüber hinaus setzt er Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci ein filmisches Denkmal. In der einen oder anderen Konstellation standen sie bereits gemeinsam vor der Kamera (Pacino nun erstmals unter der Regie von Scorsese). Hier wirken ihre Auftritte wie ein Rückblick über deren gesamtes schauspielerisches Schaffen. Nicht zuletzt wegen der beindruckenden Computereffekte, mit denen Scorsese mit 76 Jahren noch einmal filmisches Neuland betrat und die Schauspieler digital verjüngen lies. Da ihr gesamtes Leben in den unterschiedlichsten Zeitabschnitten in den vergangenen Jahrzehnten durch ihre Rollen gewissermaßen auf Film konserviert wurde und so für das Publikum nie eine zeitliche Distanz entstehen konnte, wirkt die digitale Verjüngung um mehr als drei Jahrzehnte nicht befremdlich. Dafür sind uns ihre Gesichter zu vertraut. Das ist das revolutionäre an Scorsese epischen Gangsterfilm. In jedem Film steht eine bestimmte Zeit für die SchauspielerInnen für immer still. In The Irishman ist dieser zeitliche Aspekt zum ersten Mal aufgehoben. Wir sehen die künstlerische Arbeit von Schauspielern von mehreren Jahrzehnten in 3 1/2 Stunden. Die digitale Manipulation von SchauspielerInnen im Film wird uns noch lange beschäftigen und vor allem, wenn sie nach deren Tod passiert, immer wieder zu großen Diskussionen führen. Dabei wird sich die Frage nach den Motiven ebenso stellen, wie die nach ethischen Grundsätzen.

    Doch eines fällt auf: Während sich hier viele Männer, die Jahrzehnte lang mit den Filmen von Scorsese in Verbindung gebracht wurden, noch einmal vor der Kamera versammelten – Joe Pesci konnte nur mit großen Mühen dazu überredet werden, aus dem Ruhestand zurückzukehren – fehlen die Frauen völlig. Patricia Arquette, Lorraine Bracco, Juliette Lewis oder Sharon Stone kommen nicht vor. Nur wenige Frauen 40plus konnten sich in Hollywood an der Spitze halten. Dabei ist die Qualität der Rollenangebote genauso von Bedeutung wie die Entscheidung, sich mehr der Familie zu widmen. Debra Winger, in den 1980ern mehrfach für den Oscar nominiert, zog sich zurück (Rosanna Arquette drehte im Jahr 2002 den Dokumentarfilm Searching for Debra Winger und setzt sich genau mit diesem Thema auseinander.) Die Karriere von Kathleen Turner, in den 1980ern eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Hollywoods, war in den 1990ern auch schon wieder zu Ende. Susan Sarandon, Oscar Preisträgerin, 5-fach nominiert. Helen Hunt, Oscar Preisträgerin. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Noch nie war die Absenz des weiblichen Hollywood so stark zu spüren wie in The Irishman. Einzig Anna Paquin, sie erhielt mit 11 Jahren einen Oscar für ihre Rolle in Das Piano, hat als Sheerans Tochter einen nennenswerten Auftritt.

    18 Monate nach dem Ende der Dreharbeiten feierte Scorseses Langzeitprojekt nun Ende September beim New York Film Festival Premiere. Von vielen Kinobetreibern werden Netflix Produktionen boykottiert. So auch von der Kette Cineplexx, dem österreichischen Marktführer. Das wirkt sich hierzulande somit dramatisch auf das Angebot aus. Auch wenn der Film bereits ab 27. November 2019 in den Wohnzimmern abrufbar ist, lohnt sich der Kinobesuch. Nicht nur wegen der großen Leinwand, sondern auch wegen der Länge, bei der zu Hause ein ungestörter Filmgenuss eher zweifelhaft erscheint.

    THE IRISHMAN | MARTIN SCORSESE | USA 2019 | 209 Min. | [usr 4.5]


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