Schlagwort: 2019

  • DER GOLDENE HANDSCHUH ★★★½

    DER GOLDENE HANDSCHUH ★★★½

    Jene, die vor ein paar Jahren den Roman von Heinz Strunk gelesen haben, der diesem Film zu Grunde liegt, erinnern sich jetzt mit Grauen zurück. Eigentlich möchte niemand die expliziten Gewaltdarstellungen von Der goldene Handschuh auf der großen Leinwand sehen. Nun hat Fatih Akin das Porträt des Serienmörders Fritz Honka, der in den 1970er Jahren St. Pauli unsicher gemacht hat, verfilmt und sagt selbst: für jeden ist der Film nicht geeignet. Auch wenn an dieser Stelle keine uneingeschränkte Empfehlung kommen kann, ganz links liegen lassen kann man diese gleichsam beeindruckende wie bedrückende Milieustudie nicht.

    Die Fakten: Fritz Honka ermordete von 1970 bis 1974 vier Frauen, die dem Milieu seiner Nachbarschaft rund um die Kneipe „Zum Goldene Handschuh“ in der Nähe der Reeperbahn entstammten. Meist im hoch alkoholisierten Zustand missbrauchte und zerstückelte Honka seine Opfer und versteckte die Körperteile in seiner Wohnung. Alle Opfer waren Obdachlose, die sich zeitweise als Prostituierte ihr Leben verdingten. Da sie niemand vermisste, konnte Honka seine sexuellen Obsessionen über Jahre ausleben.

    Der Film konzentriert sich genau auf diese vier Jahre. Über die Vergangenheit von Honka erfährt man nichts. Auch nicht, dass Honkas Entstellungen im Gesicht auf Arbeitsunfälle zurückzuführen sind. Akin geht es nicht um Erklärungen, sondern darum zu zeigen, das Sexualverbrechen einfach nur grauslich sind und keinerlei Befriedigung für den Täter mit sich bringen. Darum rekonstruiert er nicht nur die Verbrechen penibel genau, sondern genauso Honkas Wohnung mit Pin-ups und Kinderpuppen und das Leben im Goldenen Handschuh, dem Wohnzimmer gescheiterter Existenzen.

    Der Goldene Handschuh
    Margarethe Tiesel und Jonas Dassler beim 5 o’Clock Korn

    Gleich zu Beginn wird das Publikum auf die Probe gestellt, als Honka sein erstes Opfer minutenlang zerstückelt. Man sieht nichts aber das von der Säge verursachte Geräusch ist sogar dem Täter zuwider. Er legt eine Platte auf. Wer nun glaubt, Der Goldene Handschuh hantelt sich von einer brutalen Tat zur nächsten, der irrt. Splatterfilm ist es keiner. Angewidert und schockiert ist man vielmehr von der Gesamtsituation, in der sich Honka und die anderen Charaktere befinden. Es ist eine Tristesse in Brauntönen, in der es keine Träume mehr gibt. Nur immer die nächste Flasche Korn.

    Im Goldenen Handschuh treffen Trinker, Obdachlose, Nazis und Touristen aufeinander. Die Fenster sind verdunkelt, die Rauchschwaden sind dicht und aus der Jukebox kommen Schnulzen, die manche zu Tränen rühren. Hier trifft Honka auf die meisten seiner Opfer. Es sind verwahrloste Frauen, die ihm im alkoholisierten Zustand in seine Wohnung folgen und sich sexuell erniedrigen lassen. Honkas Frauenhass ist vermutlich auch im eigenen Unvermögen begründet aufgrund seines Aussehens und seiner Alkoholsucht zu keinen sozialen Kontakten fähig zu sein. Alleine diese Erklärung greift aber zu kurz. Selbst Fatih Akin tappt in die Falle, den Alkohol als wesentliche Ursache für die Verbrechen zu sehen.

    Honkas Wohnung ist mit Duftbäumen verhängt. Nutzen tun sie nichts. Der Gestank muss unerträglich gewesen sein. Mit Der Goldene Handschuh befinden wir uns knietief im Grind. Jonas Dassler liefert eine überzeugende Darstellung Honkas. Seine Co-Stars, allen voran Margarethe Tiesel, beeindrucken mit einem körperlichen Grenzgang. Als Zuseher wird man regelrecht in die Szenerie hineingesaugt. Es ist so richtig deprimierend. Die Atmosphäre, die Akin nicht zuletzt mittels des grandiosen Soundtracks zu erzeugen vermag sucht ihresgleichen. Gerade das macht den Film so sehenswert. Man sollte sich für danach aber nichts vornehmen.

    FATIH AKIN | D 2019 | 110 Min | [usr 3.5]

    Foto © Warner Bros.


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  • STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    Manchmal haben die Oscars einen spannenden Nebeneffekt. Dann nämlich, wenn sie für einen kleinen Moment die Aufmerksamkeit des Publikums auf jene Filme lenken, die sonst, wie in diesem Fall, in den unendlichen Weiten des Internets verloren gingen. Period. End of Sentence von Rayka Zehtabchi, wie der nicht wörtlich übersetzbare Titel im Original lautet, wurde soeben als bester Dokumentar-Kurzfilm ausgezeichnet. Ein Film mit einer starken Botschaft.

    Der Titel spielt auf die im Englischen doppelte Bedeutung von Period an. Neben der Monatsblutung ist damit auch der Punkt am Ende des Satzes gemeint. Die Periode soll nicht das Ende gesellschaftlicher Partizipation junger Mädchen bedeuten. In manchen Ländern der Welt ist der Beginn der Monatsblutung jedoch genau damit gleichzusetzen. Am Beispiel Indiens wird ein großes Tabuthema aufgezeigt. Durch die Periode werden Mädchen regelrecht stigmatisiert. Es mangelt an Aufklärung. Sie gilt als schmutzig und die Mädchen somit als unrein.

    Der Gebrauch von Binden ist verschwindend gering. Die Folgen mag man sich gar nicht ausmahlen. Hier setzt die Dokumentation an. Eine Gruppe von Frauen aus einem Dorf beginnt mit der eigenen Bindenproduktion. Vertrieben werden die kostengünstigen und offenbar qualitativ hochwertigen Binden an der Haustüre. Vor den Augen von Männern in einem Laden einzukaufen ist undenkbar.

    Bette Midler empfiehlt.

    Stigma Monatsblutung porträtiert diese Initiative, die für die Frauen in mehrerer Hinsicht eine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt. Die Eigenproduktion der Binden ist auch ein Akt der Selbstermächtigung und lässt die Frauen am beruflichen Leben teilhaben. So weit so gut und wichtig.

    Der Filmemacherin geht es in erster Linie darum Inhalte zu transportieren und eine Botschaft unter die Leute zu bringen. Eine durchdachte Gestaltung bleibt da außen vor. Wer sich hier aber an der optischen Umsetzung stößt, sollte sich einmal eine Dokumentation aus Österreich anschauen. Allerdings schaffen es die auch nicht bis auf die Shortlist der Oscars. Über die Protagonistinnen erfährt man nicht viel. Die Dokumentation wirkt wie gerade einmal so nebenbei gedreht und erinnert von der Aussage her an Produktwerbungen, ohne Werbefilmästhetik.

    Die Euphorie darüber, dass ein Film mit diesem Thema eine derartige Anerkennung erfahren hat, ist groß. Stigma Monatsblutung rückt ein großes Tabuthema in den Fokus. Das wurde bei den Oscars honoriert. Um mehr in die notwendige Tiefe gehen zu können, ist das Ganze jedoch zu kurz geraten. Wie schwer es ist, trotz Oscar abseits des Mainstreams auf sich aufmerksam zu machen, zeigt das geringe Interesse der Medien. Auf der Webseite Rotten Tomatoes reichen die Kommentare nicht einmal für eine Bewertung.

    RAYKA ZEHTABCHI | USA 2019 | OT: Period. End of Sentence |26 Min. | [usr 3]

    Foto © Netflix

    ▶︎ Mehr Filme auf dem Oscar-Radar

  • OSCARS 2019 – Die Filme

    OSCARS 2019 – Die Filme

    Während die Oscar-Verleihung in den vergangenen Jahren im Vorfeld von Hashtags überschattet wurde, reichten in diesem Jahr Kürzel wie #OscarsSoWhite und #metoo nicht mehr aus, um sämtliche kleinen und großen Aufregungen auf einen Nenner zu bringen. Wenige Stunden vor der Gala lässt sich soviel sagen: Die Academy versucht sich neu zu positionieren. Sie gibt sich offener für internationale Produktionen. Ganz so weiß sind sie auch nicht mehr, wenn auch Schwarze immer noch unterrepräsentiert sind. Erfolg an der Kinokassa wird seit heuer zumindest mit Nominierungen belohnt. Die Arbeiten von Frauen, die in diesem Jahr besonders stark aufgefallen waren, wurden wiederum überwiegend ignoriert. Hier ist eine Auswahl an nominierten Filmen, über die im vergangenen Jahr bei THE REEL THERAPIST zu lesen war.

    Bereits vor über einem Jahr lief Black Panther bei uns in den Kinos an. Zur Erinnerung: in den USA hat der Blockbuster für großes Aufsehen gesorgt. Von vielen als Außenseiter gehandelt und belächelt, ist die Nominierung in der Kategorie Bester Film als erster Superheldenfilm absolut gerechtfertigt. Trotzdem könnte er leer ausgehen. Oder kommt es doch zu einer großen Überraschung?

    In BLACKkKLANSMAN rollt Spike Lee eine unglaubliche Geschichte auf und gibt wieder ein starkes politisches Statement ab. Zumindest für sein Drehbuch darf sich Lee Hoffnungen auf einen Preis machen.

    Vice – Der zweite Mann und Bohemian Rhapsody ringen um den besten Schnitt. Bei den Darstellerinnen sind Rami Malek und Amy Adams im Rennen vorne mit dabei. Mit einigen Preisen darf auch The Favourite – Intrigen und Irrsinn rechnen. Ein Film, der vor allem für sein starkes Ensemble aufgefallen ist, wird wohl eher in den Nebenkategorien punkten.

    Es war im vergangenen Herbst, als ein Film als erster großer Oscar Kandidat gehandelt wurde. Bradley Cooper hat alles richtig gemacht. A Star is Born wird aber aller Voraussicht nach der große Verlierer des Abends werden. Cooper ist erst gar nicht nominiert und Lady Gagas Sieg wackelt.

    Die Favoriten. Alfonso Cuarón ist mit Roma der große Wurf gelungen. Er könnte der große Gewinner werden und Geschichte schreiben. Cuarón könnte mehr Oscars mit nach Hause nehmen als er tragen kann. Ihm dicht auf den Fersen ist Green Book – Eine besondere Freundschaft. Trotz gleich mehrere Kontroversen darf man nicht vergessen, dass es sich um einen unterhaltsamen Feelgood-Film mit zwei großartigen Hauptdarstellern handelt.

    Wie immer stark ist die Kategorie Animationsfilm aufgestellt: Chaos im Netz , Die Unglaublichen 2 , Isle of Dogs und Spider-Man : A New Universe. Letzterer ist zumindest Sieger der Herzen.

    Roma übernimmt auch bei den fremdsprachigen Filmen die Favoritenrolle. Daneben ist Cold War – Breitengrad der Liebe ebenso großes Kino wie Shoplifters.

    Vielleicht wird die 91. Oscarverleihung etwas anders als die vorherigen. Moderator gibt es keinen. Oder doch? Auf Musiknummern möchte man trotz Zeitproblemen nicht verzichten. Sogar Queen und Adam Lambert werden einen Auftritt haben. Ein Einspielergebnis von über 800.000 USD für Bohemian Rhapsody macht dies möglich. Bis sich die Oscars an die sich verändernden Zeiten angepasst haben, wird es aber noch ein paar Jahre dauern.

    Weitere Kritiken:

    First Man – Aufbruch zum Mond

    The Ballad of Buster Scruggs


  • VICE – DER ZWEITE MANN ★★★★½

    VICE – DER ZWEITE MANN ★★★★½

    Politik ist nicht nur ein schmutziges Geschäft sondern auch noch ein äußerst unmoralisches. Zumindest wenn es um echte Macht geht. Einer der Macht in einem Amt konzentriert hat, wie kaum ein anderer in der westlichen Welt, ist der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney. Regisseur Adam McKay (The Big Short, 2015) schildert in bissigen Politsatire Vice – Der Zweite Mann dessen Werdegang. Der Film wurde für gleich 8 Oscars nominiert.

    Eine objektive Rückschau darf man sich hier nicht erwarten. Vice – Der Zweite Mann ist eine Abrechnung mit Dick Cheney und dem politischen Establishment seiner Zeit. Daraus machen weder McKay noch sein Hauptdarsteller Christian Bale ein Geheimnis. Sämtliche Jugendsünden vom Rausschmiss aus der Yale-Universität bis zu einer Festnahme wegen Trunkenheit am Steuer stehen gleich zu Beginn dieses 50 Jahre umspannenden Biopics.

    In den ersten Jahren ist der Schauspieler Bale noch gut zu erkennen. Parallel zum realen Vorbild vollzieht der dann aber über die Jahrzehnte eine physische Transformation, wenn auch mit Hilfe einer dicken Silikonmaske, die mit grimmiger Mimik und schlürfendem Gang zu den großen Momenten der Schauspielkunst in diesem Jahr zählen dürfen.

    Vice – Der Zweite Mann wurde sehr kontroversiell aufgenommen, dabei hält sich Adam McKay an Fakten (kleinere Ungenauigkeiten können mit dem Blick auf das Ganze vernachlässigt werden) aber auch an Wahrscheinlichkeiten. Wenn über den Inhalt von Schlüsselszenen,  keine Gewissheit herrschen kann, wird das im Off-Kommentar auch explizit erwähnt. Kurt, Familienvater und Soldat im Irak-Krieg, gespielt von Jesse Plemons, ist der Erzähler. Er gibt der nicht zuletzt aufgrund der Fülle an Informationen und dem hohen Erzähltempo für das Publikum anspruchsvolle  Handlungsebene einen Rahmen. Über den Konnex von Kurt und Cheney lässt McKay das Publikum lange im Ungewissen. Es ist einer der unzähligen kreativen Einfälle, mit denen der Film vollgepackt ist. 

    Cheneys politische  Karriere reicht bis in die 1970er Jahre zurück: erst Stabschef im Weißen Haus unter Gerald Ford (1975-77), dann Kongressabgeordneter (1979-89) und  Verteidigungsminister unter George Bush Senior (1989 -1993). Es folgt der Rückzug in die Privatwirtschaft. An die Firma Halliburton wird sich vielleicht der eine oder andere noch erinnern. Hier bricht der Film ab. Es hätte ein Ende sein können. War es aber nicht. Es ist die Zeit, in der sich die Tochter der Cheneys, Mary, als lesbisch outet. Papa Dick akzeptiert dies, seine Frau Lynne (ebenfalls großartig immer an seiner Seite: Amy Adams) weniger. Für einen erzkonservativen Politiker ist das aber ein Problem. Es ist eine der Stellen im Film, wo sichtbar wird, dass die eigenen Werte von Politikern keine Rolle spielen, wenn es darum geht, die eigene Klientel zu bedienen. 

    Vice - Der zweite Mann
    George W. Bush (Sam Rockwell) und Dick Cheney (Christian Bale): ein folgenschwerer Deal.

    Das Karriereende war es bekanntlich nicht. Von 2001 bis 2009 war Cheney die Nummer Zwei unter US-Präsident George W. Bush. Sam Rockwell zeigt uns den Präsidentensohn so, dass uns selbst retrospektiv noch einmal Angst und Bange wird. Eine Gesetzeslücke und ein Deal mit Bush macht es Dick Cheney aber möglich, zum wahrlich mächtigsten Mann im Staat aufzusteigen. Dafür reichte die Motivation dann doch noch. Fortan war er an Entscheidungen über die Invasion im Irak und Verhöre mit Foltermethoden beteiligt und der Existenz von geheimen CIA- Gefängnissen vertraut. Unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit wurde ein Überwachungsapparat mit weitreichenden Befugnissen aufgebaut. Entscheidungen, die hunderttausenden Menschen das Leben kosteten. Das ist alles mehr als unschön. Die schräge Inszenierung macht die deftigen, teilweise stakkatoartig auf das Publikum losgelassenen Bilder erträglicher.  

    Colin Powells (Tyler Perry) zu trauriger Berühmtheit gelangte Rede vor der UNO, die zum Einmarsch im Irak führte, war das Ergebnis der Befragung sogenannter Fokusgruppen, nach denen das politische Handeln ausgerichtet wurde. Das genaue Benennen von Feindbildern ist dabei zentral. Ein scheinbar nicht umzubringender Charakter während dieser Zeit war der skrupellose Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Steve Carell). Ein enger Weggefährte Cheney und als einziger eingeweiht in seine Machenschaften. 2008 gab der US-Senatsausschuss ihm die Schuld an Foltergefängnissen und dergleichen. Dick Cheney war nie Thema einer Untersuchung. Die Folge einer Strategie, die er sich über die Jahre mit seinen Anwälten zurechtgelegt hatte.

    Anhängern der Republikaner dürfte das weniger gut gefallen. Da die USA diesbezüglich ziemlich gespalten sind, schlägt sich das auch in der Rezeption von Vice – Der Zweite Mann nieder. Der Wahrheitsgehalt wird angezweifelt. Dabei gibt Adam McKay mit einem Augenzwinkern in der Mid-Credits-Szenen eine Antwort darauf. Ohne rechtliche Absicherung wäre so ein Film, auch wenn es eine Satire ist, nicht möglich. Produziert wurde der Film von Annapurna Pictures, die in der Vergangenheit schon mit Zero Dark Thirty und Detroit von Kathryn Bigelow unangenehme Kapitel der US-Geschichte aufgearbeitet haben. 

    Neuerlich gelingt es Adam McKay ein komplexes Thema durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil verständlich zu machen. Obwohl amüsant, ist trotzdem die Konzentration des Publikums gefordert. McKay steigt in Dialoge abrupt ein und aus. Ein Exkurs folgt dem nächsten. Bei den Oscars wird das möglicherweise mit einem Preis für den Schnitt honoriert werden. In den restlichen Kategorien (Film, Regie, Haupt- und NebendarstellerInnen) ist Vice – Der Zweite Mann ein paar Tage vor der Verleihung Außenseiter.  

    Warum kommt der Film gerade jetzt? Hier wird deutlich, welche Folgewirkungen Wahlergebnisse und politische Entscheidungen über Jahrzehnte haben können.

    ADAM MCKAY | USA 2018 | OT: Vice | 132 Min | [usr: 5]

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  • CHAOS IM NETZ ★★★★

    CHAOS IM NETZ ★★★★

    Sechs Jahre sind vergangen, seitdem die Videospielfigur Randale-Ralph genug davon hatte, tagtäglich den zerstörerischen Bösewicht spielen zu müssen.  Ralph verließ sein Computerspiel um sich gemeinsam mit der Rennfahrerin Vanellope van Schweetz zu einer abenteuerlichen Reise durch das Litwak’s Family Fun Center aufzumachen. Ralph reichts (2012) strotze regelrecht vor kreativen Ideen und Querverweisen zum Videospieleuniversum. Nun ging man bei Disney mit Chaos im Netz noch einen Schritt weiter.

    Die Rollen sind nun vertauscht. Ralph führt mittlerweile ein zufriedenes Leben. Er hat sich mit den Mitbewohnern seines Spiels arrangiert und sein Counterpart Felix führt die absurdeste Ehe des ganzen Universums. Nur Vanellope wird es in ihrem Rennspiel Zusehens langweiliger. Eines Tages schließt Spielhallenbetreiber Mr. Litwak ein Modem an den Stromkreis und somit die Spielhalle an das Internet an. Ein defektes Teil an Vanellopes in die Jahre gekommener Spielkonsole „Sugar Rush“ macht es bald notwendig, dass sie sich mit Ralph auf die Suche nach einem Ersatzteil ins Internet begibt. Es droht das Videospiel verschrottet zu werden, was für die Bewohner Obdachlosigkeit zur Folge hätte.

    Das Internet mag heute für Groß und Klein allgegenwärtig sein, so ganz verstehen werden das die meisten Kinder wohl eher nicht. Chaos im Netz entwirft eine liebevolle und detailreiche Visualisierung jenes Ortes, der für uns zum zentralen Treffpunkt geworden ist. Sämtliche Konzerne und deren Internetplattformen sind natürlich mit dabei: ein großer Bazar, Bäume voll blauer Vögel, die unentwegt Nachrichten zwitschern und mitten drin natürlich der Alleswisser. Popups schwirren herum, unter ihnen Mr. Spamley  und versuchen mit lukrativen Jobs („Werden sie reich mit dem Internet!“) und anderen Angeboten Kundschaft zu gewinnen. Es ist die Zukunftsvision einer Stadt, wie wir sie schon oft gesehen haben. Hier erinnert sie mehr an eine Dauerwerbesendung.

    Über all den großen Namen der Internetwelt schwebt allerdings der produzierende Konzern Disney und der kostet nur erstmals aus, was er in den letzten Jahren alles an Lizenzen angehäuft hat. Marvel- und Star Wars- Figuren haben ebenso einen Auftritt, wie sämtliche Disney-Prinzessinnen, die als ärgste Tussen gelangweilt in Dornrösschens Schloss abhängen. Sie erweisen sich als Retter in der Not. Die Avengers für Mädchen sozusagen. Das alles macht erstaunlich viel Spaß. Das Drehbuch für ein Prinzessinnen-Crossover liegt bestimmt schon in irgendeiner Schublade.

    Chaos im Netz wartet mit so mancher Weisheit auf (Lese niemals Kommentare!), zentrales Thema ist aber was man sich vom Leben erwarten darf und was das für eine Freundschaft bedeutet. Da wird der Film naturgemäß etwas moralisch. Eine gehörige Portion Humor bewahrt das Abenteuer aber davor, zu sehr in diese Richtung abzugleiten. Einmal fragen Arielle, Pocahontas, Cinderella & Co Vanellope nach dem obligatorischen Lied über ihre Träume. Woraufhin sie in eine Pfütze eine Ode an das „Slaughter Race“ singt.

    Das große Finale ist eine Hommage an King Kong und wer immer schon wissen wollte, wozu Pinterest eigentlich gut ist, hier erfährt man es.  Produktplatzierungen erreichen in Chaos im Netz einen nie dagewesenen Höhepunkt. Gleichzeitig ist es beeindruckend zu sehen, wie gut das Uhrwerk läuft. Disney zeigt neuerlich, dass man mit der eigenen Geschichte durchaus selbstironisch umgehen kann.

    Rich Moore, Phil Johnston | OT: Ralph Breaks the Internet: Wreck-It Ralph 2 | USA 2018 | 113 Min | [usr 4]

    Foto (c) The Walt Disney Corp.

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  • COLD WAR – Breitengrad der Liebe ★★★★½

    COLD WAR – Breitengrad der Liebe ★★★★½

    In der polnischen Provinz soll der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) im Auftrag des Ministeriums ein folkloristisches Ensemble zusammenstellen. Zu diesem Zeck werden Tänzerinnen und Sängerinnen gecastet. Es ist das Jahr 1949. Für den Staat ist es eine identitätsstiftende Maßnahme, mit der die Landsleute in einer entbehrungsreichen Zeit bei Laune gehalten werden sollen.

    Als die junge Zula (Joanna Kulig) bei ihm vorsingt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Zula wird bald zum Mittelpunkt des tourenden Ensembles. Ein paar Jahre später, während eines Gastspiels in Berlin, planen sie die Flucht in den Westen. Doch es kommt alles anders. Die Handlung von Cold War spannt sich folglich über fast 20 Jahre, in denen sich Zula und Wiktor immer wieder begegnen. Fragmentarisch mit mehreren Unterbrüchen schildert Pawlikowski eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, über der der Schatten des Kalten Krieges schwebt und die von einer dritten Hauptdarstellerin regelrecht durchdrungen wird: der Musik. 

    Trotz der kurzen Spieldauer lässt sich Cold War lange Zeit, um die Geschichte zu entfalten. Der erste Teil ist geprägt von folkloristischer Musik, die zuerst die Geduld strapaziert aber dann soviel aussagt über die damalige polnische Lebenswelt. Für Pawlikowski ist die Musik ein Spiegel dessen, wo die Hauptdarsteller in ihrer Beziehung stehen. Das Volkslied Dwa serduszka, cztery oczy wird den gesamten Film über in den unterschiedlichhsten Versionen wiederkehren. Denn auf einmal, von einem Moment auf den anderen, tritt der Jazz an die Stelle der Folklore. Musik als politischer Barometer und Leitfaden durch eine Liebesgeschichte.

    Die Volkstanzgruppe Mazowsze (es gibt sie tatsächlich und sie ist bis heute aktiv) steht exemplarisch für eine politische Agenda. Pawlikowsi muss in seiner detailverliebten Inszenierung daher die politischen Rahmenbedingungen nicht weiter erklären. Sie werden durch die Musik und durch das Spannungsverhältnis zwischen Zula und Wiktor sichtbar.

    Fast hätte Pawlikowski Cold War in Farbe gedreht. Nun sind bei den diesjährigen Oscars gleich zwei fremdsprachige Filme in schwarzweiß in der Kategorie Beste Kamera nominiert: Alfonso Cuaron für Roma und  Łukasz Żal für Cold War. Während sich Cuaron für das schier unendlich weite Cinemascope entschied, filmte Żal im Academy Standard Filmformat, das in etwa dem alten 4:3 Fernsehbild entspricht. 

    In Cannes war Pawlikowsi schon erfolgreich und gewann den Regiepreis. Auch beim Europäischen Filmpreis war er der große Gewinner. Gleich zwei Nominierungen als Bester Ausländischer Film und als Überraschung auch für die Beste Regie bei den Oscars sind nun die Krönung für den bereits mit  Ida (2013) Oscar prämierten Regisseur.

    Paweł Pawlikowski | OT: Zimna wojna | POL/UK/F 2018 | 89 Min | [usr 4,5]

    Foto (c) Polyfilm Verleih

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  • THE FAVOURITE – Intrigen und Irrsinn ★★★

    THE FAVOURITE – Intrigen und Irrsinn ★★★

    1708. England befindet sich im Krieg mit Frankreich. Allein die Queen weiß davon nichts und es interessiert sie auch nicht. Queen Anne (Olivia Coleman)  ist gesundheitlich angeschlagen und  lässt sich im Rollstuhl durch die langen Gänge des Palastes schieben. Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz) ist The Favourite der Königin und hat die Zügel fest in der Hand. 

    Derweilen hält sich die Königin mit Entenrennen und anderen absurden Aktivitäten auf. Neben Sarah liebt sie auch ihre 17 Hasen. Je einer für eins der allesamt verstorbenen Kinder. Das läst Raum für allerhand Intrigen und Irrsinn. Sarahs Konkurrent im Parlament ist Robert Harley (Nicholas Hoult). Das Volk möchte den Krieg nicht mit Steuererhöhungen finanzieren. Als Sarahs verarmte Cousine Abigail Hill (Emma Stone) am Hof eintrifft, ist der Zickenkrieg eröffnet. Abigail sieht die Chance, ihr Ansehen wiederherzustellen und umgarnt die Königin, währendessen Sarah mit den Staatsgeschäften beschäftigt ist. Das Schickal eines ganzen Landes in den Händen dieser drei Frauen.

    Yorogos Lanthimos neuester Film ist kein Kostümschinken, sondern aktueller als man vermuten mag. Intrigen und das Buhlen um die Macht sind zeitlos und vor allem: es ist hier eine Freude dabei zuzusehen. Somit ist The Favourite eine weitaus leichtere Kost als Lanthimos‘ bisherigen Filme. Allerdings fällt das Kinoerlebnis weniger intensiv aus als gewohnt. Seine Handschift ist aber klar erkennbar und ist skurril wie eh und je.

    Die Machart des Filmes erinnert an Barry Lyndon von Stanley Kubrick. Beide Regisseure filmten ausschliesslich mit natürlichem Licht. Die Opulenz konkurriert mit dem ungeschönten Blick. Extrem weitwinkelige Einstellungen lassen die Figuren verloren wirken. Die Kamera nimmt die Charaktere von unten auf und schießt gegen die Decke. 

    Bemerkenswert ist, neben dem formidablen Ensemble rund um Olivia Coleman (selbst Nicholas Hoult bleibt trotz kleiner Rolle im Gedächtnis), der ungewöhnliche Soundtrack. Von Händel und Vivaldi spannt sich die musikalische Reise über Elton John bis zu Chilli Gonzalez.

    Gut gespielt und zu Beginn durchaus unterhaltsam ist The Favourite aber es mangelt an Spannung und irgendwann verliert man das Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte. So werden es mit dem letzten Drittel doch zwei lange Stunden und man möchte, dass es endlich zu einem Ende kommt. 

    YORGOS LANTHIMOS | USA 2018 | OT: The Favourite | 120 Min | [usr 3]

    Foto (c) Fox

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