Schlagwort: 2019

  • BORDER ★★★★

    BORDER ★★★★

    Als Border beim letzten /slash Filmfestival in Wien gezeigt wurde, hätte man während des Nachspannes die buchstäbliche Nadel im Heuhaufen fallen hören können. Alle waren irgendwie perplex. Die Welt, in die uns Regisseur Ali Abbasi für knappe zwei Stunden entführt, verlangt dem Publikum einiges ab. Manche mag es überfordern. Für Freunde des Fantastischen Films ist Border jedenfalls ein Pflichttermin.

    Tina (Eva Melander) ist eine Zollbeamtin an der schwedisch-dänischen Grenze. Ihr Gesicht, mit den tiefliegenden Augen und den Schwellungen, hat animalische Züge und erinnert irgendwie an eine massive allergischen Reaktion. Für ihren Job bringt sie jedoch eine vorteilhafte Gabe mit. Sie kann die Angst von Menschen riechen. So steht sie nun schnaufend beim Zoll und gibt ihren Kollegen ein Zeichen, wenn sie etwas Auffälliges riecht. Das funktioniert solange gut, bis ihr eines Tages der ihrer Physiognomie ähnelnde Vore (Eero Milonoff) gegenübersteht. Tina ist irritiert und gleichzeitig übt Vore eine unbekannte Faszination auf sie aus. Eine schicksalhafte Begegnung durch die sich die naturverbundene und zurückgezogen in einem abgelegenen Haus im Wald lebende Außenseiterin mit ihrem eigenen Wesen auseinandersetzen muss. Mehr über den Inhalt zu verraten, würde dem Film nichts Gutes tun.

    Ein Bad im Waldsee. Was für eine Freude.

    Es sind viele Themenkomplexe von Rassismus über Identitätensuche bis skandinavischer Mythologie, die Abbasi hier anschneidet. Für ihn erlaubt es der fantastische Film, die Gesellschaft von einer anderen Perspektive aus zu betrachten. Dabei bleibt er schonungslos. Border ist in seiner Radikalität kein bequemer Film. Er überzeugt durch Düsternis, Umvorhersehbarkeit, Konsequenz und sein Ensemble.

    Melander und Milonoff mussten bereits vor Drehbeginn viele Stunden für das Auftragen der Silikonmasken aufwenden (Die Mühen wurde mit einer Oscar Nominierung für das Makeup belohnt.) Trotz der zentimeterdicken Maske ist der schauspielerische Ausdruck erstaunlich intensiv.

    Nun, Border ist ein großartiger Film und für all jene interessant, die sich im Kino nach etwas völlig anderem sehnen. Ein modernes Märchen, verstörend und faszinierend zugleich. In gewissem Sinne ist Border selbst ein Außenseiter, in einer Zeit in der es meist darum geht, immer wieder ähnliche Inhalte wiederzukäuen. Damit einher geht die Notwendigkeit, möglichst schnell aus den Köpfen der Menschen zu verschwinden. Die Aufmerksamkeitsspanne soll vielleicht gerade noch solange anhalten um über den Kinobesuch hinaus eine im Kontext der weiteren Vermarktung relevante Investition zu tätigen. Border wiederum lässt sein Publikum so schnell nicht wieder los.

    ALI ABBASI | SWE/DNK 2018 | OT: GRÄNS | 110 Min. | [usr 4]

  • BESTENLISTE 2018

    BESTENLISTE 2018

    „The voting lines are now closed!“ So oder so ähnlich heißt es doch beim European Song Contest. Bei der alljährlichen Liste der Besten Filme des vorangegangenen Jahres ist das etwas schwieriger. Noch immer kommen Filme aus dem Jahr 2018 zu uns ins Kino und auch darüber hinaus reicht die Zeit nicht aus, um alle interessanten Produktionen zu sichten.

    Auffällig ist, dass der überwiegende Teil in der Bestenliste US-amerikanische Produktionen sind. Das sagt einiges über das Seeverhalten aus. Aber nicht nur. Abseits von Festivalbeiträgen und prämierten Filmen wird es zusehends eng. Blockbuster laufen längst nicht nur mehr im Sommer an, sondern jedes Monat. Sie blockieren das gesamte Programm. Viele Filme schaffen es nicht mehr außerhalb des Produktionslandes Verleihe zu finden.

    Leider ist sich Joy von Sudabeth Mortezai nicht ausgegangen. So ist das, wenn man die Viennale Vorstellung sausen läßt. Daher nicht auf der Liste. Aber vermutlich eine sichere Bank.

    Bunt ist die Auswahl trotzdem geworden. Hier sind Filme, die man in diesem Jahr gesehen haben sollte. Mit Border ist ein Film dabei, der noch in diesem Monat bei uns zu sehen sein wird.

    Blackkklansman

    Black Panther

    Cold War

    The Death of Stalin

    The Rider

    Eighth Grade

    Green Book

    Leave no Trace

    Mission: Impossible – Fallout

    Murer – Anatomie eines Mörders

    Roma

    Spider Man – A New Universe

    Styx

    Transit

    A Star is Born

    Vice

    Erwähnungen:

    Annihilation | Die Auslösung (Netflix)

    A Beautiful Day

    Blue my Mind

    Border

    Burning

    Free Solo

    Hereditary

    Mary Magdalene

    Shoplifters

    Wind River

    Yuli








  • FREE SOLO ★★★★

    FREE SOLO ★★★★

    Es soll Weltengegenden geben, in denen man sich in freier Natur von A nach B bewegt, allein zum Zweck der Selbstbespaßung. Kein Weg ist zu weit, kein Berg zu hoch und kein Umweg zu groß. Und dann gibt es Menschen wie Alex Honnold. Umwege kennt er nicht. Dort wo andere umdrehen, geht er erst los. Als Freeclimber gibt es für ihn keine Grenzen. Ohne Seil und Sicherung klettert er furchtlos Felsformationen hinauf. Free Solo erzählt die Geschichte seiner Besteigung des 975 Meter hohen und fast senkrecht ansteigenden El Capitan im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien.

    Penibel genau wird der Ablauf geplant. Jede Bewegung und jeder Griff in tagelanger Arbeit festgelegt. Denn jeder Fehltritt würde für Honnold den Tod bedeuten. Gemeinsam mit dem Team um Kameramann Jimmy Chin und Regisseurin Elizabeth Chai Vasarhelyi werden die Kamerapositionen bestimmt. Nichts soll Honnold ablenken oder unter Druck setzen. Nicht nur für Kletterinteressierte ist es faszinierend zu sehen, wie Honnold in dieser scheinbar unbezwingbaren Wand doch Stellen finden kann, an denen er sich festhält. Wobei er sich zeitweise nur mit seinem Daumen fixieren kann.

    Alex Honnold im Yosemite National Park. (National Geographic/Jimmy Chin)

    Die Kameraarbeit ist sensationell. Man ist hautnah dran. Die Senkrechte ermöglicht spektakuläre Effekte. Grafische Darstellungen veranschaulichen den Weg und geben eine Orientierungshilfe.

    Free Solo ist auch aus einer anderen Perspektive interessant. Alex Honnold lebt in einem Van und besitzt nicht viel mehr, als er gerade am Körper trägt. Er gibt sich ganz dem Sport hin. Für soziale Kontakte ist da kaum Platz. Selbst als er erstmalig eine Beziehung eingeht ist klar, die Kletterei kommt zuerst. Ohne Rücksicht. Dieses Entbehrungsreiche Leben und die Fixierung auf den Sport machen aus ihm einen Aussenseiter, regen aber auch zum Nachdenken an über all den unnötigen (materiellen) Ballast, den man selbst im Leben so ansammelt.

    Dass Free Solo mitunter wie eine Dauerwerbesendung für Outdoor-Bekleidung daherkommt, ist den Gesetzen der Sportwelt geschuldet, in der Werbeverträge die wichtigste Einkommensquelle sind. In Spielfilmen fällt uns die unterschwellige Werbung oft gar nicht mehr auf. Sportler tragen eben keine Luxusuhren und fahren nicht die neuesten Autos.

    Die meisten werden den El Capitan nur als Namensgeber eines Betriebssystems kennen. Auf Kletterer übt der Felsen aber schon seit Jahrzehnten eine große Faszination aus. Manche Routen gelten als die schwierigsten der Welt. Alex Honnold schaffte für diese Dokumentation die Route Freerider am 3. Juni 2017 in einer Zeit von unter vier Stunden. Eine andere Route, The Nose, bewältigte er gemeinsam mit Tommy Caldwell ein Jahr später in unter zwei Stunden. Seilschaften benötigen für die Routen auf den Gipfel üblicherweise drei bis vier Tage.

    Free Solo wurde in diesem Jahr mit dem Oscar für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

    Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi | USA 2018 | 100 Min. | [usr 4]

  • EIN GAUNER & GENTLEMAN ★★★★

    EIN GAUNER & GENTLEMAN ★★★★

    Nachdem Robert Redford letzten Sommer bekannt gab, Ein Gauner & Gentleman würde sein letzter Film werden, war die Resonanz so groß, dass er seine Verkündigung wieder relativierte. Er wollte nicht, dass der Trubel um seine Aussage vom eigentlichen Film ablenkt. Ganz der Gentleman also, den man kennt. Hat sich die 82-jährige Schauspiellegende doch noch nicht ganz verabschiedet? Soviel ist sicher: es wäre zumindest ein standesgemäßer Abgang geworden.

    Robert Redford hat sich nicht nur mit zahlreichen Filmklassikern vor und hinter der Kamera einen Namen gemacht. Durch das von ihm Mitte der 1980er gegründete Sundance Filmfestival, gilt Redford als großer Förderer des Independent Filmes. Nebenbei engagiert sich der zurückgezogen lebende Schauspieler für den Umweltschutz. Nach einem Ausflug zum Streaming Dienst Netflix mit Unsere Seelen bei Nacht kehrt die Hollywoodlegende nun noch einmal auf die große Leinwand zurück.

    Robert Redford hat mit rund 50 Rollen Kinogeschichte geschrieben.

    Banküberfälle sind für Forrest Tucker (Robert Redord) so etwas wie sein Lebenselixier. Jahrzehntelang raubte er Banken aus, wurde mehr als ein Duzend Mal inhaftiert und jedesmal gelang ihm die Flucht. Das alles ohne jemals einen Schuss abzufeuern und meistens mit einem Lächeln auf den Lippen. Unglaublich? Die Geschichte beruht tatsächlich auf einer wahren Begebenheit. Regisseur David Lowery (A Ghost Story) verfasste das Drehbuch auf Grundlage eines Zeitungsartikels von David Grand über Tucker im New Yorker.

    Ein Gauner & Gentleman setzt Anfang der 1980er ein. Tucker ist seit zwei Jahren auf der Flucht. Der Polizist John Hunt (Casey Affleck) ist ihm dicht auf den Fersen. Er ist fasziniert von der Arbeitsweise des Meisterdiebs. Als der Fall an das FBI geht, recherchiert er weiter und kommt hinter Tuckers geheime Identität. Er kann seine Tochter ausfindig machen (Elisabeth Moss) und kommt gefährlich nahe an Tucker heran. Der wiederum wird von zwei Komplizien unterstützt (Danny Glover und Tom Waits). Die großartige Besetzung wird durch Sissy Spacek als Jewel vervollständigt, deren Bekanntschaft Tucker zufällig während einer Flucht macht. Ob sie ihn dazu bewegen kann, die Gaunereien sein zu lassen?

    Mit Witz, Nostalgie und eine große Portion Charme erzählt Regisseur Lowery eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die ihre ganze Kraft aus der wunderbaren Besetzung schöpft. Ein Gauner & Gentleman ist eine Hommage an des Kino des New Hollywood, in dem Robert Redford selbst groß geworden ist. Eine Liebeserklärung an das Kino, die sich kein Filmfan entgehen lassen sollte.

    DAVID LOWERY | USA 2018 | OT: THE OLD MAN AND THE GUN | 94 Min. | [usr 4]

  • THE SISTERS BROTHERS ★★★★

    THE SISTERS BROTHERS ★★★★

    Das hier ist kein Western. Wild geht es im neuen Film von Regisseur Jacques Audiard (Ein Prophet) trotzdem zu. The Sisters Brothers sind Eli (John C. Reilly) und Charles (Joaquin Phoenix), zwei Auftragsmörder unterwegs durch das Oregon des Jahres 1852. Sie werden Zeugen des Niederganges einer archaischen Kultur, wo das Recht des Stärkeren gilt, Patronen gerade erst erfunden wurden und sich Gemeinschaften zu einer Gesellschaft formieren.

    Der Commodore (Rutger Hauer) hat das Brüderpaar auf den Goldsucher Hermann Warm (Riz Ahmed) angesetzt. Warum genau spielt zuerst keine große Rolle. John Morries (Jake Gyllenhaal) hat er ebenfalls mit der Verfolgung beauftragt. Erst nach und nach offenbart sich den Verfolgern, worin das Interesse des Commodore besteht. Davor steht ihnen aber eine lange Reise bevor, bis an die Küste des Pazifiks und weiter nach San Francisco.

    Es ist die Zeit des großen Goldrausches, Abenteurer kommen von weit her um ihr Glück zu versuchen. Erste Siedlungen befinden sich im Aufbau. Die Gesellschaft wird einem Wandel unterzogen und Eli liebäugelt bereits mit den neuen Möglichkeiten, die sich auftun. Der Kauf der ersten Zahnbürste versetzt ihn in verzücken. Nur Charles hinterfragt ihr Tun nicht. Dem Töten ein Ende zu setzen ist für ihn keine Option. Seinen Bruder hält er für einen Träumer. Sie befinden sich in einem ewigen Kreislauf der Rechtlosigkeit. Nach jedem Mord müssen sie mehr um ihr eigenes Leben fürchten.

    Die visionären Vorstellungen des Goldsuchers Warm, auch wenn sie utopisch sind, missfallen jenen, die mit allen Mitteln der Gewalt herrschen und ihre Vormachtstellung in Gefahr sehen. Im Grunde sind die Sisters Brothers die letzten, die einen gesellschaftlichen Umbruch noch zu verhinden versuchen.

    „Have you noticed how long it’s been since anyone tried to kill us?“

    Eli zu seinem Bruder Charles gegen Ende von The Sisters Brothers

    Der klassische Western setzt mit den 1860er Jahren ein. Rinderzucht, Raubüberfälle und der Kampf Gut gegen Böse mit Banditen auf der einen und dem Gesetz auf der anderen Seite sind die Themenkomplexe des Genres. Eli und Charles werden in The Sisters Brothers Zeugen der beginnenden Aufbruchstimmung und dem Morgengrauen der Demokratie. Als sie hoch zu Pferd an der Westküste ankommen und sich der Pazifische Ozean vor ihnen ausbreitet, wird deutlich, dass ihr Zeitalter abgelaufen ist. Als sie wenig später in San Francisco ein Hotel beziehen (fließendes Wasser!) und in einem Restaurant abendessen, ist das längst nicht mehr ihre Welt, in der hinter jedem Baum eine neue Gefahr lauert.

    JACQUES AUDIARD | F/RO/B/E 2018 | 122 Min. | [usr 4]

  • WIR ★★★½

    WIR ★★★½

    Eine amerikanische Mittelklasse-Familie wird während ihres Sommerurlaubes in Santa Cruz eines Nachts von einer Familie in roten Overalls und mit goldenen Scheren in den Händen heimgesucht, die sich als ihre Doppelgänger herausstellen. Regisseur Jordan Peele verleitet das Publikum in seinem neuen Film Wir zum Nachdenken. Auf eine zufriedenstellende Lösung in allen Fragen darf man unter den duzenden Hinweisen und popkulturellen Reverenzen, die der Film parat hält, aber nicht hoffen. Spaß macht er trotzdem

    Bereits zu Beginn versteht es Peele in einem Rückblick, in dem die Hauptdarstellerin Adelaide (Madison Curry) als Kind durch den Vergnügungspark in Santa Cruz schlendert, ein gewisses Unbehagen zu erzeugen. Das rattern der Achterbahn und die Geräusche aus den Spielautomaten wirken bedrohlich. Das Tiefschwarz der finsteren Nacht umhüllt die einzelnen Stände. Es ist das Jahr 1986 und die Ereignisse in jener Nacht werden Adelaide nicht loslassen.

    Auch in der Gegenwart nicht. Adelaide (Lupita Nyong’o) kommt mit ihrer Familie, mit Ehemann Gabe (Winston Duke) und den Kindern Zora (Shahadi Wright-Joseph) und Jason (Evan Alex), zum Sommerurlaub in ihrem Ferienhaus an jenen Ort zurück, an dem ein Vorfall im Spiegekabinett ein posttraumatisches Stresssyndrom ausgelöst hat. In dem sich ab dem Eintreffen unglaubliche Zufälle häufen, wird das Gefühl bei Adelaide und dem Publikum bestärkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Dann steht in der Nacht diese Familie in Overalls in der Einfahrt und macht keine Anstalten weg zu gehen.

    Wie schon in seinem Überraschungserfolg Get Out, sind bei Peele neuerlich die Menschen die Monster. Mit seinen Landsleuten geht er erneut hart ins Gericht. Und damals wie heute gilt: je weniger man über die Handlung bescheid weiß, umso besser. Wobei es beim erstmaligen Anschauen kaum möglich ist sämtliche Hinweise, die Peel streut, zu erkennen und richtig zu deuten. Es beginnt bereits mit dem Trailer, in dem findige Fans Indizien für die Lösung des großen Mysteriums in Wir zu erkennen glauben (wie so oft gilt: Finger weg vom Trailer!).

    Die Antagonisten werden von denselben Schauspielern verkörpert wie die Hauptdarsteller. Das bestärkt den Wir-Gedanken und das Gefühl, es handle sich um die finstere Seite der Charaktere. Das Verhalten der Doppelgänger ist entscheidend anders, als das der jeweiligen Originale und lässt sich rückwirkend schlüssig erklären. Allerdings hat der Filmtitel eine weitere Bedeutung. Das Us im Originaltitel meint alle US-Amerikaner. Einmal sagt Adeliges Doppelgängerin: „We are Americans.“

    Vieles klärt sich im Laufe des Filmes auf und anderes wiederum bleibt unklar. Dass der Film derart überladen mit Reverenzen ist, hat durchaus einen Unterhaltungswert (Angefangen bei einem Der Weiße Hai-T-Shirt und dem Handschuh auf dem Filmplakaten). Dies sind alles Hinweise auf einer Metaebene, in der Handlungsebene bleibt Peele, der auch das Drehbuch verfasst hat, dem Publikum allerdings Erklärungen schuldig und lässt es vor allem wegen des Finales ratlos im Kinosaal zurück.

    Es geht neuerlich blutig zu und für Spannung ist gesorgt. Punkten kann Wir aber mehr mit den komischen Elementen. Dafür sorgt in erster Linie Ehemann Gabe und das befreundete Paar Kitty (Elisabeth Moss) und Josh (Tim Heidecker). Moss hat sichtlich Freude an ihrer grotesken Rolle. Allen voran steht aber Lupita Nyong’o mit einer beeindruckenden Tour de Force als heimgesuchte Mutter. Parallelen zu Michael Handkes Funny Games kommen nicht von ungefähr. Der Film diente Peele unter vielen anderen als Vorbild.

    Wir eignet sich bestens, um nach dem Kinobesuch Seherfahrungen und Sichtweisen zu diskutieren. Jordan Peele etabliert sich als Meister der gruseligen Gesellschaftssatire und prangert die unreflektierte Angst vor allem Fremden an. Dabei müssen wir uns in erster Linie vor uns selbst fürchten.

    JORDAN PEELE | OT: US | 117 Min. | [usr 3,5 ]

    ▶︎ Review : Get Out (Jordan Peele, 2017)

  • MID90S ★★★½

    MID90S ★★★½

    In seiner ersten Regiearbeit reist Jonah Hill (21 Jump Street) zurück in seine eigene Kindheit, in einen Sommer der 1990er Jahre. Mid90s erzählt vom 13-jährigen Stevie (Sunny Suljic), der versucht, Anschluss in einer Skatergang zu finden. Zu Hause wird er von seiner Mutter Dabney (Katherine Waterson) umklammert und seinem älteren Bruder Ian (Lucas Hedges) tyrannisiert. Erst imponieren ihm die in einem Skatershop abhängenden und um ein paar Jahre älteren Burschen. Bald wird er herausfinden, dass seine neuen Helden hinter der coolen Fassade ebenso mit ihren Problemen zu kämpfen haben.

    Vorerst dürfen wir aber einmal in Nostalgie schwelgen: Ein warmer Sommer in L.A. mit Mixtapes, Discman, Super Nintendo, Street Fighter, Turtles und Nirvana. Stevie hält es zu Hause nicht mehr aus und da kommen seine neuen Freunde gerade recht. Dabei muss er sich deren Anerkennung erst verdienen. Auf dem Board ist er ein blutiger Anfänger und auch sonst ist er gerade erst dabei, erste Lebenserfahrungen zu sammeln. Hill fängt die Atmosphäre des gelangweilten Abhängens und den inneren Aufregungen und Unsicherheiten eines Teenagers gekonnt ein. Es ist der Moment im Erwachsenwerden Stevies, in dem er sich an den Älteren orientiert, die für ihn erwachsen wirken aber selbst kaum drei Jahre älter sind.

    MID90S JONAH HILL Sunny Suljic
    Der 11-jährige Sonny Suljic in einer Drehpause

    Ray (Na’kel Smith), Fourth Grade (Ryder McLaughlin) und Fuckshit (Olan Prenatt) nehmen ihn in die Clique auf. Stevie bekommt den Spitznamen Sunburn. Ruben (Gio Galicia), der bisher jüngste, sieht bald seine Stellung durch den Neuling gefährdet und es kommt zu ersten Spannungen. Bevor es gegen Ende des Filmes zum großen Showdown kommt, mischen sich zu Ollie und Hip-Hop Nikotin und Alkohol. Die Mutter zeigt sich wenig begeistert und der Bruder ist schlicht eifersüchtig.

    Jonah Hill hat mit seinen jungen Darstellern einen wahren Glücksgriff getan. Allesamt sind sie keine Schauspieler, dafür begnadete Skater. Das verleiht dem Film eine gewisse Authentizität. Weniger radikal als Larry Clarks Kids (1995) und auch publikumsfreundlicher ist Mid90s geraten. Hill hat auch das Drehbuch verfasst. Dies kann durchaus den Beginn einer neuen vielversprechenden Regiekarriere bedeuten.

    JONAH HILL | USA 2018 | 85 Min. | [usr 3.5]

    ▶︎ W Magazine: The Mid90s Skate Kids Always Ride Together, Onscreen and Off

  • YULI ★★★★

    YULI ★★★★

    Carlos Acosta wurde 1973 in ärmlichen Verhältnissen in Havanna geboren. Getrieben durch den Ehrgeiz seines Vaters, der seine Tanzbegabung erkannt hatte und für ihn darin die einzige Chance sah, dem ewigen Kreislauf der Armut zu entkommen, wird Acosta einer der gefeiertsten Balletttänzer und Choreografen unserer Zeit.

    Dabei war es für den kleinen Carlos (Debüt: Edilson Manuel Olbera Nunez) alles andere als ein Traum, Tänzer zu werden. Auch nicht, als die Chance besteht, in ein Internat aufgenommen zu werden und somit seinem gewalttätigen Vater zu entkommen. Regisseurin Ichar Bollaín (El Olivo – Der Olivenbaum, 2016) zeigt diese Verzweiflung, die dem Jungen inne wohnt, der auf Grund seiner sozialen Stellung ein Außenseiter ist. Bald erkennt Carlos aber, welche Bewunderung Tänzer auf der Bühne durch seine Mitschüler erfahren. Es ist der Beginn einer rasanten Karriere, die ihn, keine zwanzig Jahre alt, bis zum Royal Ballet in London führen wird. Als erster schwarzer Tänzer überhaupt.

    Der junge Carlos Acosta fühlt sich einsam und verloren.

    Von seinem Vater Pedro (Santiago Alfonso) wird Carlos Yuli genannt. Er ist liebevoll und jähzornig zugleich. Es ist ein ambivalentes Verhältnis zwischen Vater und Sohn. In prägenden Momenten, wie die der väterlichen Gewalt oder bedrückenden Erlebnissen im Internat in der Provinz fernab seiner Familie, bedient sich Bollaín eines dramaturgischen Kniffes. In fantastischen Choreografien von María Rovira tanzt Acosta selbst mit seiner Kompanie Szenen seines bewegten Lebens. Diese immer wieder eingestreuten Sequenzen voll Energie und Wut kommen ganz ohne Text aus und machen Yuli zu einem außergewöhnlichen Biopic.

    Yuli
    Der junge Carlos mit seinem Vater

    Durch eine Verletzung ist der junge Acosta (Keyvin Martinez) gezwungen zu pausieren und das Fernweh zieht in zurück in die Heimat zu seiner Familie. Die weitere Karriere steht auf dem Spiel. Die Versuchung, versäumtes nachzuholen ist groß. Schafft es Carlos, sich von seinem Vater loszulösen, und sein eigenes Leben zu leben?

    Yuli basiert auf Alberto Acostas Autobiografie No Way Home (2013). Die spektakulären Bilder stammen von Kameramann Alex Catalin und die Musik von Alberto Iglesias.

    Juli
    Der Film zeigt Carlos Acosta in wunderbaren Choreografien

    Es ist die Geschichte von einem Tänzer, der nicht tanzen wollte. Der Tanz selbst spielt in der Erzählung eine ungewöhnlich große Rolle. Daher ist der Film nicht zuletzt für Tanzfans besonders sehenswert. Darüber hinaus gibt Yuli einen Einblick in eine Welt, die sonst immer über das Politische beschrieben wird. Hier aber erfährt man anhand eine Familiengeschichte viel über das Leben und die Perspektiven der Menschen auf Kuba. Aus der Sicht von Carlos Acosta, dem ersten schwarzen Romeo.

    Icíar Bollaín | ES/UK/DE 2018 | 115 min |[usr 4]

    Foto © Polyfilm Filmverleih

  • CAPTAIN MARVEL ★★★½

    CAPTAIN MARVEL ★★★½

    Filme von Marvel sind wie Überraschungseier. Man weiß ungefähr was man bekommt, ist dann aber trotzdem meist enttäuscht und so richtig cool ist halt nur jedes siebte Ei. Mit Captain Marvel betritt die mächtigste aller Superheldinnen die Bühne. Zum ersten Mal also eine Superheldin in der Hauptrolle aber es ist auch erst der 21. Film des Marvel Cinematic Universe.

    Vor genau 11 Jahren kam mit Iron Man der erste Film der Reihe in die Kinos. Es folgten mehr oder weniger muskelbepackte Nachfolger. Fehlte es an Körpermasse, mussten sie um so mehr witzig sein. Der von Brie Larson gespielte Charakter Carol Danvers/Captain Marvel liegt irgendwo dazwischen. Klar, der belesene Filmfan weiß natürlich, dass Larson wochenlang ein hartes Training über sich ergehen lassen musste. Ohne geht es in diesem Genre überhaupt nicht mehr. Eine Frage der Glaubwürdigkeit.

    Der Film hält sich nicht mit einleitenden Erklärungen auf und wirft das Publikum gleich mitten ins Geschehen. Wir befinden uns irgendwo im Weltraum im Krieg zwischen zwei Alien-Spezies. Alle Charaktere sind neu und so muss man sich zuerst einmal orientieren – das Publikum, genauso wie die Protagonistin. Sie besitzt bereits Superkräfte. Woher sie die hat und woher sie überhaupt stammt liegt auch für sie im Dunkeln. Erst nach und nach wird sich im Verlauf des Filmes ihre Vergangenheit als US-Air-Force-Pilotin wie ein Puzzle zusammensetzen. Nun kämpft sie unter ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) an der Seite der menschenähnlichen Kree gegen die Formenwandler der Skrull, angeführt von Talos (Ben Mendelsohn).

    So richtig in Fahrt kommt die Story aber erst als Danvers wie ein Komet in einer Blockbuster Videothek auf der Erde der 1990er Jahre einschlägt. Für die höher entwickelten Wesen da draußen nicht mehr als ein „Shithole“. Das gibt Raum für allerhand komische historische Verweise und nicht zuletzt kommt es hier zu einer Begegnung mit dem erschreckend jungen(!) Geheimagenten Nick Fury (Samuel L. Jackson lange vor seiner Zeit als Chef von S.H.I.E.L.D.). Dem Duo zuzusehen macht wirklich Spass. Obwohl sich deren Gegner Ben Mendelsohn unter einer Alienmaske versteckt, liefert er eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab. Sie begeben sich auf die Suche nach Dr. Wendy Lawson (großartig aber etwas unterfordert: Annette Bening – und Disney spoilert was ihre Rolle betrifft, dass die Funken fliegen), die das Geheimnis von Danvers Superkräften kennt. Die Riege der SchauspielerInnen kann als Herzstück des Filmes bezeichnet werden. Für allerhand Plottwists ist gesorgt.

    Manchmal weiß man nicht so recht, ob Captain Marvel durchs All fliegt oder nur vom Drehbuch durchs All geschossen wird. Für eine Superheldin fehlt ihr im Moment noch die Härte und Ausstrahlung. Gal Gadot als Wonderwoman war da überzeugender. Aber schließlich macht sie in der Geschichte einen Selbstfindungsprozess durch, an dessen Ende der Beginn des großen Avengers Finale im kommenden April steht, in dem sie die Welt vor Thanos retten soll.

    Der große Bonus ist der Retro-Schick, auf dessen Welle in letzter Zeit immer mehr Produktionen mitschwimmen. Aviator Sonnenbrillen und Alta Vista Suchmaschine geben schon was her. Danvers knallt einem Schwarzenegger-Pappaufsteller den Schädel weg, nur um ein paar Szenen später ein Motorrad zu klauen. Ganz wie der T-1000 in Terminator 2 (Ach, was waren das für coole Blockbusterzeiten!) Allein der Soundtrack von TLC bis Nirvana kommt mit dem Holzhammer.

    Captain Marvel ist nicht das siebte Ei. Zu konfus ist teilweise die Story und zu unglaubwürdig dort, wo etwas Erdung gefragt wäre. Die Charaktere und eine Katze machen aber Lust auf mehr. Vor gerade einem Jahr hat das Studio aber mit Black Panther gezeigt, was alles möglich sein kann. Ein weiterer großer Schritt um zu zeigen, dass ein Blockbuster-Franchise auch von weiblichen Charakteren getragen werden kann. Der große Wurf ist es aber nicht geworden.

    RYAN FLECK, ANNA BODEN | USA 2018 | 124 Min | [usr 3,5 ]


    Noch mehr Marvel:

    ▶︎ Review Ant-man and the Wasp

    ▶︎ Review Black Panther

    Foto © Marvel Studios

  • BEALE STREET ★★★★

    BEALE STREET ★★★★

    Die Beale Street liegt im Zentrum von Memphis in Tennessee. Die ersten Blues Songs sind hier entstanden und über die Jahrzehnte traten hier Jazzgrößen wie Louis Armstrong und Muddy Waters auf. Eine ausgelassene Stimmung, Kriminalität und Spannungen zwischen der schwarzen und irischen Bevölkerung bestimmten den Alltag. Barry Jenkins hat nach Moonlight (2016) nun ein Werk des US-Autors James Baldwin (1924-1987) verfilmt. Der dem Film zugrunde liegende Roman If Beale Street Could Talk aus dem Jahr 1974 ist dieser berühmten Straße gewidmet und erzählt von einer jungen Liebe und der Willkür der weißen Justiz im New York City der 1970er Jahre. Die Beale Street konnte für Baldwin überall sein. Er bezeichnete die Straße als das Erbe aller in Amerika geborenen Schwarzen.

    Darum geht es

    Der 22-jährige Bildhauer Alonzo Hunt (Stephan James), genannt Fonny, und die 19-jährige Verkäuferin Tish (KiKi Lane) sind ein Liebespaar. Eines Tages wird Fonny fälschlicherweise beschuldigt, eine Puertoricanerin vergewaltigt zu haben. Er muss ins Gefängnis. Kurz darauf erzählt ihm Tish, dass sie schwanger ist. Ungeachtet der Situation, ist sie davon überzeugt, dass Fonny aus dem Gefängnis entlassen wird, bevor das Kind geboren wird. Während Tishs Familie (Regina King wurde für ihre Rolle der Mutter von Tish mit dem Oscar für die Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet) und Fonnys Vater mit allen Mitteln versuchen, ihn frei zu bekommen, vergehen die Monate. Die Mühlen der weißen Justizwillkür beginnen zu mahlen und der Prozess wird immer mehr verschleppt.

    If Beale Street Could Talk
    Regina King erhielt für ihre Rolle den Oscar für die Beste Nebendarstellerin.

    Kommentar

    In Rückblenden und betörend schönen Bildern (Kamera: James Layton) erzählt Barry Jenkins diese Geschichte einer berührenden Liebe aus der Sicht von Tish und von den Ungeheuerlichkeiten, mit denen das Leben von Schwarzen zu dieser Zeit verbunden war – und durch institutionellen Rassismus heute noch immer ist. Eine tolle Ausstattung in warmen Farbtönen (Manchmal auch etwas zu viel, wenn etwa das Kleid zu den Vorhängen passt) und die wunderbare Musik von Nicholas Britell vervollständigen diesen zwar stillen aber in seinem Innersten laut aufschreienden Film.

    Beale Street hat es nicht leicht, wird er doch zwangsläufig mit seinem grandiosen Vorgänger Moonlight verglichen. Jenkins‘ erst dritter Spielfilm braucht den Vergleich aber nicht zu scheuen und steht für sich. Dass er bei den Oscars übergangen wurde, obwohl es noch freie Plätze in der Kategorie Bester Film gegeben hat, ist unverständlich. Mit Barry Jenkins hat Hollywood einen großen Regisseur gewonnen, von dem wir uns noch mehr Filme erhoffen dürfen, die, egal wann und wo sie spielen, eine große Aktualität aufweisen.

    Dank des Dokumentarfilmes I Am Not A Negro (2016) von Raoul Peck und nun Beale Street wird der zu unrecht in Vergessenheit geratene Autor James Baldwin bei uns gerade wiederentdeckt. Seine vergriffenen Romane erscheinen nun nach und nach in neuer Übersetzung auf Deutsch.

    Beale Street ist wie eine melancholische Vinyl-Schallplatte. Viele Szenen wirken wie einem Cover entsprungen. Ein Film der trotz aller Tragik nie die Hoffnung verliert und an die Kraft der Liebe glaubt – und die der Poesie.

    Beale Street / OT: If Beale Street Could Talk

    Drama, USA 2018 
    Regie Barry Jenkins
    Drehbuch Barry Jenkins nach dem gleichnamigen Roman von James Baldwin
    Kamera James Laxton
    Schnitt Joi McMillon, Nat Sanders
    Musik Nicholas Britell
    Mit Kiki Layne, Stephan James, Regina King
    Länge 117 Minuten
    derzeit bei Netflix


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