Schlagwort: Kino aus Österreich

  • „FAVORITEN“ Filmkritik: Ruth Beckermanns Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems

    „FAVORITEN“ Filmkritik: Ruth Beckermanns Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems

    ★★★★ ½
    Mit Ilkay Idiskut Regie Ruth Beckermann
    Ab 7 Länge 118 Min.

    Eine Klasse mit 21 Kindern. Alle sprechen fließend Deutsch. Bei jeder Aktivität sind gleich 10 Eltern vor Ort. Bei Problemen bekommen die Kinder extra Betreuung von einer Sozialpädagogin. Fällt eine Lehrkraft aus, findet man Ersatz. So ist das bei uns in der Wiener Leopoldstadt. Und dann gibt es Schulen wie in Ruth Beckermanns sehenswerter Langzeitbeobachtung FAVORITEN. 

    Kurzkritik

    Gut eine Reihe mehr steht hier an Tischen in der Klasse. Es ist die größte Volksschule in Wien im Flächenbezirk Favoriten. Vorne steht Ilkay Idiskut. Einfühlsam, engagiert und ambitioniert steuert sie die Klasse durch die vier Jahre der Volksschule. Die ersten vier Jahre der Schulpflicht in Österreich (die eigentlich eine Unterrichtspicht ist). Für alle Kinder gleich und doch nicht.

    Das marode Schulsystem hier aufzuarbeiten würde den Rahmen sprengen. Ruth Beckermann gelingt es in ihrer Dokumentation zahlreiche Themen anzusprechen. Ohne Kommentar, ohne sie zu werten. Sie sind ohnehin offensichtlich. 

    Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Kindern mit Migrationshintergrund in Österreich widerfährt. Wobei man sagen muss, dass die Sprachkompetenz eine wesentliche Rolle spielt. Hier geboren, ist Deutsch eine große Herausforderung, weil es weder zu Hause, noch im sozialen Umfeld gesprochen wird.

    FAVORITEN zeigt das auf. Nichts davon ist neu. Zeitgemäße pädagogische Konzepte liegen seit Jahrzehnten vor. Man muss sich unweigerlich die Frage stellen, ob das so gewollt ist. Gäbe es diese Probleme nicht, fehle dann nicht auch eine Projektionsfläche, an der sich die Politik tagtäglich so gerne abarbeitet?

    Ilkay Idiskut und ihre Schülerinnen in FAVORITEN von Ruth Beckermann

    Neben den schulischen Angelegenheiten hängt es auch an Idiskut kulturelle und soziale Aufklärung zu betreiben. Zum Beispiel hinsichtlich des Bildes, das die Jungen von Frauen haben oder sie muss sich zusätzlich um ein neu hinzugekommenes Kind kümmern, das dem Unterricht überhaupt nicht folgen kann. Eine Mammutaufgabe.

    Beckermann stellt die Kinder in den Vordergrund. Sie sind die Stars, die von Wien über Berlin bis Hong Kong von der Leinwand herunterlächeln. Teilweise sind es Kinder von Akademikern, die ratlos sind ob unseres Schulsystems, das die Kinder mit 10 Jahren beinhart selektiert und ihren Werdegang zwar nicht einzementiert aber sie doch in recht schwere Schuhe steckt. Davor werden die Kleinen noch mit Noten zur Verzweiflung gebracht. Ein konservativer Bildungstraum. Auf Seiten der Politik ein klares nicht genügend. Von den Kindern werden Leistungen erwartet aber im Gegenzug erfüllt der Staat seine eigenen Aufgaben nicht. Das System leidet an der Bürokratie und an Personalmangel.

    In einem Interview sagte Ruth Beckermann, dass sie und ihr Team am Ende eines Drehtages oft wütend die Schule verlassen haben. Viel Hoffnung steckt in FAVORITEN leider nicht. Nach vier Jahren werden die Kinder in eine ungewisse Zukunft entlassen. Die primären Aufgaben, die eine Volksschule erfüllen soll, können kaum bewältigt werden.

    FAVORITEN, Österreich 2024
    Dokumentation Ab 7 Länge 118 Min.
    Regie Ruth Beckermann Drehbuch Ruth Beckermann, Elisabeth Menasse Kamera Johannes Hammel Schnitt Dieter Pichler
    Mit Ilkay Idiskut, Alper, Amina, Arian, Beid, Dani, Danilo, David, Davut, Eda, Egemen, Elif, Enes, Fatima, Furkan, Hafsa, Ibrahim, Liemar, Majeda, Manessa, Melissa, Mohammed, Natalia, Nerjiss, Rebeca, Selen, Selin, Teodora und Valentin.


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  • RICKERL – Musik is höchstens a Hobby ★★★★

    RICKERL – Musik is höchstens a Hobby ★★★★

    Mit Voodoo Jürgens, Ben Winkler, Agnes Hausmann Regie Adrian Goiginger
    Ab 12 Länge 104 Min.

    Vodoo Jürgens und sein Filmsohn Ben Winkler haben bei der Premiere während der Viennale 2023 das Publikum im Sturm erobert. Regisseur Adrian Goiginger ist ein ganz besonderes Porträt über einen sich durchs Leben kämpfenden Wiener Musiker gelungen. Dabei packt er Wien sozusagen an den Wurzeln der Sprache. Bekannte Straßenmotive sucht man vergebens. Die Locationscouts haben eine hervorragende Arbeit geleistet, um Wien so zu zeigen, wie es wahrscheinlich nur WienerInnen kennen. Mit RICKERL taucht man so richtig ein in das Leben des Protagonisten und der Hauptstadt. Und soviel geraucht wurde schon lange nicht mehr!

    RICKERL mit Voodoo Jürgens und Ben Winkler (Adrian Goiginger, A 2023)

    Kurzkritik

    Regisseur Adrian Goiginger knüpft an seinen großen Erfolg DIE BESTE ALLER WELTEN an. Der Spezialist für authentische Geschichten in ganz spezifischen sozialen Milieus verknüpft eine Musikerbiografie, die eng mit dem Austropop verhaftet ist, mit einer Vater-Sohn-Beziehung. Im echten Leben hätte man wohl so seine Schwierigkeiten mit Rickerl, wie im Film eben auch die Mutter von Dominik (großartig: Ben Winkler), gespielt von Agnes Hausmann. Unzuverlässig, etwas tollpatschig und alles dem Musikerleben unterordnend, macht er es seiner Umgebung nicht gerade leicht. Seinem Charme und seiner Liebenswürdigkeit kann aber weder im Film, noch vor der Leinwand kaum jemand widerstehen. Seiner Musik sowieso nicht.

    Allen voran überzeugt Singer-Songwriter David Öllerer alias Voodoo Jürgens in seiner ersten Rolle. Er trägt dazu bei, dass die Balance zwischen Drama und Komödie gelingt. Wiener Milieustudien driften im allzu leicht ins lächerliche-alberne ab oder provozieren Voyeurismus. Seinen Protagonisten begegnet er auf Augenhöhe. Für Goiginger ist Voodoo Jürgens „der Musiker der jüngeren Generation, der am stärksten diesen Spirit, das Melancholische, das Zynische, aber auch Hoffnungsvolle transportiert.“

    In RICKERL erleben wir eine Sprache die, man muss es sagen, vom Aussterben bedroht ist. Sogesehen ist der Film fast ein Zeitdokument. Alles hier wirkt authentisch. Es ist ein Glücksfall für das österreichische Kino, dass Adrian Goiginger und Voodoo Jürgens zusammengefunden haben.

    RICKERL, Österreich 2023
    Drama/Komödie Ab 12 Länge 104 Min.
    Regie/Drehbuch Adrian Goiginger Kamera Paul Sprinz Schnitt Martin Pfeil
    Musik Voodoo Jürgens Mit Vodoo Jürgens, Ben Winkler, Agnes Hausmann


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  • WALD ★★★ ½

    WALD ★★★ ½

    Um ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, kommt die Journalistin Marian (Brigitte Hobmeier) nach Jahrzehnten zurück in das verlassene Haus der Eltern im Waldviertel. Kein Strom, das Wasser tropft von der Decke, die Luft riecht modrig. Der Ort ist regelrecht abgeschnitten von der Außenwelt, kein Bus fährt hier her. Auto hat Marian keines. Sie sucht Zuflucht in der Natur. Menschenansammlungen sind ihr unangenehm. Schon ein Supermarktbesuch löst eine Panikattacke aus. Es ist eine Reise zurück in ihre Kindheit. Die Bewohner reagieren abweisend. Sie trifft auf ihre Jugendfreunde Gerti (Gerti Drassl) und Franz (Johannes Krisch) und dabei kommen alte Konflikte an die Oberfläche, auch weil sie einfach gegangen ist. Wer bleibt schon gern beim gewalttätigen Vater und der dementen Mutter buchstäblich am Ende der Welt zurück, so wie Gerti. Elisabeth Scharang hat sich von Doris Knechts Roman WALD inspirieren lassen und ihn mit ihren eigenen Erlebnissen während des Terroranschlags in Wien im November 2020 verknüpft.

    Brigitte Hobmeier und Gerti Drassl sitzen auf einer Holzbank vor einem alten Bauernhaus. Der Verputz ist abgebröckelt. Hobmeier raucht und schaut in die Landschaft. Drassl blickt zu ihr. Es ist herbstlich kalt.
    Brigitte Hobmeier und Gerti Drassl in WALD von Elisabeth Scharang (A 2023)

    Kurzkritik

    Vor ein paar Jahren hat die World Press Photo Foundation eine Fotostrecke ausgezeichnet, die zwei Kinder aus dem Waldviertel porträtierte. Die Bildbeschreibung mutete regelrecht exotisch an. Für die wenigsten wird vorstellbar sein, dass es so eine abgelegene Region im Herzen Europas überhaupt geben kann. Da kann es schon vorkommen, dass es keinen Handyempfang gibt. Die Infrastruktur ist grundsätzlich nicht die beste. In dieser dünn besiedelten Region im Norden Ostösterreichs dauern die Winter länger und natürlich färbt eine Landschaft immer auf die dort lebenden Menschen ab. Das bekommt auch Marian zu spüren. Was schnell als stereotype Darstellung von aggressiven Bauern abgetan wird, ist also nicht grundsätzlich an den Haaren herbeigezogen.

    Die Frage ist vielmehr, ob dem in aller Tiefe in kompakten 95 Minuten ausreichend Raum gegeben werden kann. Der Konflikt von Marian im Zentrum, die aus einer nicht selbst verschuldeten Situation in diese Lage geraten ist, wird noch einmal mit ihrer Vergangenheit verwoben. In diesem Moment kommen unweigerlich weitere Charaktere ins Spiel. Neben Franz und Gerti auch noch ihr Mann Gheorghe (Bogdan Dumitrache). Weitere Bewohner des Dorfes fallen vor allem durch ihre ablehnende Haltung dem Eindringling gegenüber auf. Diese Konflikte werden bestenfalls angerissen. Das größte Drama von WALD ist dann auf einmal nicht mehr der innere Konflikt Marians, sondern passiert in der Familie von Gerti. Das öffnet nicht nur einen neuen Handlungsstrang, sondern führt vor allem weg von der Protagonistin. Dafür fehlt die Zeit.

    Die raue Wald- und Winterlandschaft wurde von Jörg Widmer (siehe auch Ein verborgenes Leben) in Szene gesetzt. Im Vorfeld erinnerte mich WALD an Debra Graniks LEAVE NO TRACE (Link). Auch hier diente die Natur als Rückzugsort und spielte dabei selbst eine große Rolle. Bei Granik ist das unmittelbare Naturerlebnis allerdings viel intensiver. Nicht zuletzt auch wegen der atmosphärischen Tonspur. Die bemerkenswerte Musik in WALD stammt von der polnischen Musikerin Hania Rani.

    Marian kämpft sich einen Winter durch ihr Trauma, in einer Lebenssituation, in der vor allem Willensstärke zählt. Von großartigen SchauspielerInnen unterstützt, wird vor allem Brigitte Hobmeier in Erinnerung bleiben. Sie geht im kalten Wasser baden, schreit ihre Wut und Verzweiflung in den Wald hinein und ringt darum, dass ihr Leben nicht aus dem Gleichgewicht gerät.

    Wald
    Drama, A 2023

    Regie Elisabeth Scharang
    Drehbuch Elisabeth Scharang
    Kamera Jörg Widmer
    Schnitt Alarich Lenz
    Musik Hania Rani
    Mit Brigitte Hobmeier, Gerti Drassl, Johannes Krisch
    Länge 95 Minuten
    Im Kino


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  • SONNE ★★★★

    SONNE ★★★★

    Im Kino

    Wenn draußen die Sonnenstrahlen flacher werden und es ohnehin wieder viel zu schnell gegangen ist mit dem Herbst, dann steht einem Kinobesuch nicht mehr viel im Weg. Da trifft es sich gut, dass es auch jene Zeit ist, wo das Programm immer dichter wird, bevor es in etwa drei Wochen mit der Viennale losgeht. Eine der österreichischen Produktionen, die gerade angelaufen sind, ist Sonne von Kurdwin Ayub. Darin porträtiert die Regisseurin drei junge Frauen in Wien, die durch ein YouTube-Video in ihrer Community über Nacht berühmt werden.

    Darum geht es

    Drei Wiener Teenagerinnen twerken im Hijab und singen zu Losing my Religion von R.E.M. Ein YouTube-Video davon macht sie vor allem unter kurdischen Muslimen über Nacht berühmt. Yesmin, die als einzige der Freundinnen selbst Kurdin ist, beginnt sich immer weiter von ihrer Kultur zu distanzieren. Nati und Bella scheinen hingegen fasziniert von der ihnen fremden Welt. Als die Mädchen zwei junge kurdische Patrioten kennenlernen, droht die Situation zu eskalieren. Ein Film über Jugendliche zwischen Social Media und Selbstfindung, eine Geschichte von Rebellinnen. (Ulrich Seidl Filmproduktion)

    Melina Benli: in SONNE von Kurdwin Ayub
    Melina Benli: in SONNE von Kurdwin Ayub

    Kommentar

    Meine 11-Jährige Tochter hat einen Youtube-Kanal. Das Drehen von Videos und sich im Internet zu präsentieren ist für viele Kinder und Jugendliche zu einer fixen Freizeitbeschäftigung geworden. Auch wenn zwischen ihr und den drei Protagonistinnen fast ein halbes Leben liegt, ist es auch genau ihre Welt die Kurdwin Ayub hier porträtiert. Das Thema der eigenen kulturellen Identität wird für sie zwar in der zweiten Generation kaum mehr ein Thema sein, in ihrem Umfeld ist es aber natürlich sehr präsent. Soviel vorweg: Sonne funktioniert auch bei einen jüngeren Publikum sehr gut.

    Es ist natürlich unverkennbar, wer der Mentor der Regisseurin ist. Sowohl die Arbeitsweise mit Laiendarstellern, als auch die Montage erinnern an Ulrich Seidl, der den Film auch produziert hat. Die viel gepriesene und in der Zwischenzeit etwas in Verruf geratene Authentizität, als Folge der Spontanität und einem Cast mit Menschen aus dem Milieu, ist auch in Sonne spürbar. Yesmins Eltern sind in Wirklichkeit jene der Regisseurin, die einst aus dem Irak fliehen mussten. Bei Erwachsenen ist gegen diese Methode auch nichts einzuwenden.

    In der Gestaltung geht Ayub noch einen Schritt weiter und baut sowohl Youtube-Videos, als auch Chats in ihre Film ein. Im Bild aufpoppende Nachrichten kennt man nun schon zu genüge aus Romcoms und ähnlichem. Hier wird es nun aber als Teil der Welt verstanden, in der sich die Jugendlichen bewegen und dient nicht bloß als gestalterisches Element. Kommunikation passiert eben nicht mehr in erster Linie persönlich, sondern über Chats. Dem muss man auch im Kino irgendwie gerecht werden.

    Sonne ist ein gelungenes Porträt von Jugendlichen, die kurz vor dem Erwachsensein stehen und sich neben der Emanzipation von den Eltern auch noch mit ihrer kulturellen und religiösen Identität herumschlagen müssen. Dabei kann schnell das Fremde, so wie für Yesmins Freundinnen Bella und Nati, auf einmal das Interessante sein.

    SONNE
    Drama, A 2022

    Regie Kurdwin Ayub
    Drehbuch Kurdwin Ayub
    Kamera Enzo Brandner
    Schnitt Roland Stöttinger
    Mit Melina Benli, Law Wallner, Maya Wopienka
    im Kino


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  • MÄRZENGRUND ★★★½

    MÄRZENGRUND ★★★½

    Im Kino

    Auf dem gleichnamigen Theaterstück von Felix Mitterer basiert der zweite Spielfilm des Salzburger Regisseurs Adrian Goiginger. Märzengrund muss sich zwangsläufig mit dem sensationellen Debüt des Regisseurs Die Beste aller Welten aus dem Jahr 2017 messen. Auch wenn das keine einfache Ausgangslage ist, so zieht uns der Film zu allererst mit seinem hervorragenden Ensemble in seinen Bann. Allen voran spielt hier Johannes Krisch buchstäblich um sein Überleben.

    Darum geht es

    Im Tirol Ende der 1960er Jahre steht der Sohn eines wohlhabenden Bauern im Zillertal kurz davor, den Hof zu übernehmen. Er versucht seine Aufgaben zu erfüllen, doch als belesener Schüler erwartet er sich mehr vom Leben, als eine Zukunft als Bergbauer. Als er sich in eine geschiedenen Frau verliebt und erkennen muss, dass ihre Beziehung ein Ding der Unmöglichkeit ist, verfällt er in eine Depression.

    Der Arzt empfiehlt ihn in eine Heilanstalt nach Innsbruck zu schicken, wo man mit der Elektroschocktherapie gerade gute Erfahrungen macht. Für den Vater kommt das nicht in Frage. Er schickt seinen Sohn im Winter auf die einsame Alm Märzengrund, um alles für den Almauftrieb im Frühjahr vorzubereiten. Als es dann aber im Frühjahr zurück in Tal gehen soll, trifft der Bub eine folgenschwere Entscheidung, die die Zukunft des Betriebes bedroht und schon lange unter der Oberfläche schwellende Konflikte an den Tag befördert.

    Vater (Harald Windisch) und Sohn (Jakob Mader) sitzen vor dem Gipfelkreuz in der Sonne und schauen in die Ferne. Der Vater hat eine Bierflasche in der Hand. 
Im Hintergrund das Gipfelkreuz und dahinter von Wolken umgebene Berggipfel .
    Vater (Harald Windisch) und Sohn (Jakob Mader) haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft. (Märzengrund, Adrian Goiginger 2022)

    Kommentar

    Der Bauernsohn Elias – als junger gespielt von Jakob Mader und später von Johannes Krisch – versucht sich in einer Zeit von seinem Elternhaus zu emanzipieren, als in den Städten schon längst ein sozialer Umbruch im Gange war. Doch im Zillertal ist sein Weg noch vorherbestimmt. Den Hof der Familie weiterzuführen (die Schwester ist nicht im entferntesten eine Option), das erwartet man von ihm. Gefragt wird da nicht.

    Das lastet auf Elias, genauso wie eine Liebe, die aus sozialen Gründen unerfüllt bleiben muss. Also bricht er aus. Die Familie und das Tal beengt ihn. Er flüchtet sich vor gesellschaftlichen Zwängen in die Natur. Adrian Goiginger vermeidet aber eine Romantisierung der Wildnis. Durch die Prachtvollen Bergwelten könnte man leicht dazu verleitet werden. Panoramen werden nur sehr dosiert eingesetzt. Dieser Weite setzt Goiginger mittels dichter Aufnahmen seines Protagonisten dessen seelische Enge gegenüber. In der zweiten Hälfte leiden wir mit Johannes Krisch an seinen unheimlichen körperlichen Schmerzen. Die Schauspielriege (ebenso Harald Windisch und Gerti Drassl als Eltern, Verena Altenberger als Jugendliebe) ist die große Stärke von Märzengrund. Es sind auch Elias‘ Eltern, die mit einer schwierigen Situation umgehen müssen. Da ist keine Gewalt im Spiel, wie das sooft der Fall ist. Es ist vielmehr das Unvermögen mit einer undenkbaren Lage und Veränderungen umzugehen. Diese Konflikte machen Vater und Mutter zu sehr spannenden Figuren.

    In den stärksten Momenten erinnert Märzengrund an Filme von Terence Malick. Das will was heißen. Das langsame Erzähltempo bei einer Handlung, die schnell erzählt ist, fordert das Publikum, gerade bis es zu dem Zeitsprung in die Gegenwart kommt. Die Zeitsprünge gleich zu Beginn haben mich etwas irritiert und wenn man erst zu überlegen beginnt, warum diese oder jene Regieentscheidung getroffen wurde, leidet der Film darunter.

    Elisas macht eine Wandlung durch und wir durchleben sie mit ihm. Die Natur formt ihn, macht ihn zu einem anderen Menschen. Zum Schluss muss er doch zurück hinunter ins Tal. Da verliert sich der Film in einer bildlichen Metapher. Was bleibt ist Krischs unglaubliche schauspielerische Leistung.

    MÄRZENGRUND
    Drama, AUT/D 2022

    Regie Adrian Goiginger
    Drehbuch Adrian Goiginger, Felix Mitterer
    Kamera Klemens Hufnagel, Paul Sprinz
    Schnitt Birgit Foerster
    Musik Manuel Schönegger, Dominik Wallner
    Mit Johannes Krisch, Jakob Mader, Gerti Drassl, Harald Windisch, Verena Altenberger


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  • SPACE DOGS ★★★★

    SPACE DOGS ★★★★

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    Ein weiterer Film, der eine wahre Odyssee hinter sich hat. Die österreichisch-deutsche Koproduktion Space Dogs wurde bereits 2019 bei den Filmfestspielen in Locarno präsentiert. Erfreulicherweise hat die aussergewöhnliche Dokumentation von Elsa Kremser und Levin Peter nun doch noch den Weg in die Kinos gefunden. Das Regieduo schlägt einen ganz neuen Weg im Dokumentarbereich ein. Mystik, Wissenschaft und moderne Geschichtsschreibung vermischen sich zu einem spannenden Ganzen, dass uns lehrt, sich erstmal zurückzulehnen und zu beobachten.

    Darum geht es

    1957 wurde mit dem Forschungssatellit Sputnik 2 erstmals ein Lebewesen ins Weltall befördert. Die streunende Hündin Laika wurde dazu ausgewählt und in den sicheren Tod geschickt. Bereits wenige Stunden nach dem Start verstarb das Tier. Einer Legende nach kehrte sie als Geist zur Erde zurück und streift seither durch die Straßen von Moskau. Space Dogs folgt nun zwei Straßenhunden durch die Nächte der russischen Metropole. Der Film begibt sich dabei konsequent auf Augenhöhe mit den Tieren und eröffnet dem Publikum so eine ganz neue Perspektive auf die Welt und der Beziehung von Mensch, Tier … und Kosmos. Der Alltag ist durch einen ständigen Überlebenskampf geprägt. Die Brutalität auf der Straße findet sich auch in den wissenschaftlichen Laboren wieder. Bisher unveröffentlichtes Filmmaterial aus der Sputnik Ära zeigt die Vorbereitungen auf dem Weltraumflug. Die Grenzen von Wissenschaft und Propaganda verschwimmen.

    Kommentar

    Es ist eine Seltenheit geworden, im Kino mit etwas Neuem überrascht zu werden. Wie sich Kremser und Peter an das Thema Raumfahrt und im Speziellen an das erste Lebewesen im All annähern, ist wohl bisher einzigartig. Mit der Kamera (Yunus Roy Imer) begeben sie sich auf Augenhöhe mit den Straßenhunden in Moskau. Sie beobachten ohne zu inszenieren. Die sonst fast allen Tierdokumentationen eigene Vermenschlichung der Protagonisten gibt es hier nicht. Glaubt man sonst immer genau zu wissen, was die Tiere gerade so machen, unterstützt von einem Audiokommentar, weiß man es hier nicht. Man kann es nur vermuten. Das meiste bleibt rätselhaft. Man kann hierarchische Verhaltensweisen oder den Überlebenskampf im Großstadtdschungel erahnen. Mehr aber auch nicht.

    Nach einem fulminanten kosmischen Intro, werden die Sequenzen mit den Straßenhunden immer wieder durch Archivmaterial unterbrochen, das Kremser und Peter auf mühsame Weise aus einem Depot beschaffen konnten. Erstmals sieht man, wie damals mit den Tieren gearbeitet wurde und auf welche Weise die wissenschaftliche Arbeit für Propagandazwecke adaptiert wurde. Dabei wurde die Hündin Laika genauso mit bedacht ausgewählt, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin, die sich um die Hündin kümmern musste. Es sind Teil brutale Bilder, wie man sie von Tierversuchen kennt. Nach einer Eigendefinition soll Space Dogs ein Anti-Tierfilm sein. Das Publikum ist eingeladen, den Film für sich selbst zu entdecken. Etwas, das im Kino schon längst verloren geglaubt war. Im österreichischen Kanon der Dokumentarfilme hat dieser jedenfalls bereits einen wichtigen Platz eingenommen.

    Space Dogs
    Dokumentation, AUT/D 2019

    Regie Elsa Kremser, Levin Peter
    Drehbuch Elsa Kremser, Levin Peter
    Kamera Yunus Roy Imer
    Schnitt Jan Soldat, Stephan Bechinger
    Musik John Gürtler, Jan Miserre


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  • WAS WIR WOLLTEN ★★★★

    WAS WIR WOLLTEN ★★★★

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    Es gibt Themen, über die geschwiegen wird obwohl sehr viele der Menschen davon betroffen sind. Das gilt auch für jenen Fall, sollte es bei der Erfüllung eines Kinderwunsches nicht auf Anhieb klappen. Diverse Komplikationen sind dabei eine ebenso große psychische Belastung, wie die Zuhilfenahme medizinischer Mittel oder wenn der Kinderwunsch am Ende einfach nicht in Erfüllung geht. Regisseurin Ulrike Kofler nimmt sich in ihrem neuen Film Was wir wollten mit Lavinia Wilson und Elyas M’Barak in den Hauptrollen genau diesem Thema an. Der Film ist Österreichs Kandidat für den Auslandsoscar 2021.

    Darum geht es

    Das kleine Herz schlägt nicht mehr. Alice (Lavinia Wilson) und Niklas (Elyas M’Barek) sind beim Frauenarzt. Soeben erfahren sie von der Frauenärztin (Maria Hoffstätter), dass ein weiterer Versuch ein Kind auf dem Invitro Weg zu bekommen schon in einem frühen Stadium gescheitert ist. Das Verständnis der Ärztin ist ein trockenes medizinisches. Für Alice bricht in diesem Moment jedoch neuerlich eine Welt zusammen. Sie steht kurz vor ihrem 40. Geburtstag.

    Kurz darauf überrascht Niklas Alice zu ihrem Geburtstag mit einem Luxusurlaub auf Sardinien. Er findet, das ist genau was sie jetzt brauchen. Dort angekommen, beziehen sie einen Bungalow in einem Resort. Als nebenan eine Tiroler Familie mit Kindern einzieht, werden die Beiden neuerlich mit ihrer Situation konfrontiert. Christl (Anna Unterberger) und Romed (Lukas Spisser) sind, genauso wie deren kleine Tochter, sehr kontaktfreudig. So kommen bei Niklas und Alice in den kommenden Tagen einige Emotionen hoch, bis ihnen ein tragischer Zwischenfall neue Perspektiven eröffnet.

    Elyas M’Barek und Lavinia Wilson

    Kommentar

    Noch vor kurzem war von Wie wir wollten ein exklusiver Kinostart in Österreich angekündigt. In Deutschland und im Rest der Welt ist der Film schon seit November bei Netflix zu sehen. Da ein Starttermin nun frühesten in einem Monat möglich gewesen wäre, wollte man den Film nicht länger zurückhalten. Eine Vertriebspolitik, die zur Zeit zu Recht mit Argusaugen beobachtet wird, wirft auch ein Schlaglicht auf einen Umstand, den man nicht unterschätzen darf: Was wir wollten ist in dutzenden Ländern von Brasilien bis Österreich unter den Top 10 der Netflix-Charts. Auch wenn man die Zählmethode kritisieren kann (es wird bereits ab Minute 2 gewertet), so kann man auf jeden Fall davon ausgehen, dass den Film weitaus mehr Menschen gesehen haben als bei einer alleinigen Kinoauswertung im deutschsprachigen Raum. Der Film überzeugt mit seiner psychologisch nuancierten Geschichte ebenso, wie mit einer Bildsprache, die die große Leinwand sucht.

    Ulrike Köhlers erstem Langfilm Was wir wollten liegt eine Kurzgeschichte („Der Lauf der Dinge“) von Peter Stamm zu Grunde. Der Film spielt fasst ausschliesslich in einem Luxusresort auf Sardinien. Es ist eine Schrebergartensiedlung mit Meerblick. Die Nachbarn schauen bis ins Schlafzimmer. Es ist gerade diese räumliche Reduktion, die den Figuren größtmöglichen Raum lässt, um sich zu entfalten. Die Situation, in der sich das Paar dort wiederfindet, schwemmt schlummernde Konflikte an die Oberfläche.

    Es sind kleine Gesten, die auf das Verlangen nach körperliche Leidenschaft hindeuten oder beiläufige Bemerkungen, die die Anspannung und letzten Endes die Verdrängung gemeinsamer Probleme verdeutlichen und humoristische Elemente, die die Tonart des Filmes vorgeben. Was wir wollten ist ein feingliedriges Psychogramm, das trotz der ernsten Thematik nicht all zu schwerfällig ist. Dafür sorgt in erster Linie die Nachbarsfamilie. Sie übernimmt für die Protagonisten eine therapeutische Funktion, während sie für das Publikum durch die unmittelbare Nähe und ihr extrovertiertes Auftreten eine gewisse Leichtigkeit in die Geschichte mitbringt.

    Lavinia Wilsons Charakter ist die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. In sich gekehrt und letzten Endes mit ihrem Problem alleine. Denn ihr Partner verschließt sich vor ihr. Ohne große emotionale Ausbrüche gibt Wilson einen Einblick in die Gefühlswelt von Alice. Elyas M’Bareks neuerlicher Ausflug ins ernste Fach ist diesmal mehr als geglückt. Die Langsamkeit und zurückhaltende Inszenierung kommt ihm zu Gute.

    Ein großes Thema reißt Was wir wollten fast beiläufig an. Es zieht sich jedoch von der ersten Szene an durch den gesamten Film. Es ist die Fremdbestimmung von Frauen gerade auch in frauenspezifischen Angelegenheiten wie der Schwangerschaft. Aber nicht nur: die Männer hier glauben auch im Alltag besser zu wissen, was für ihre Frauen gut ist oder wie sie sie sich zu verhalten haben. Wobei den Männern selbst, gerade in der Öffentlichkeit, alles erlaubt ist.

    Lange passiert nichts oder viel mehr liegt es in der Luft, dass etwas passieren wird. Ulrike Kofler weiß aber um den Rhythmus eines Filmes und setzt das in Was wir wollten großartig um. Die Protagonisten bekommen die notwendige Zeit, um sich entfalten zu können. Am Ende sind es keine trostlosen eineinhalb Stunden, die man vor dem Bildschirm verbringt, weil Alice und Niklas mit ihrer Situation umzugehen lernen.

    Verleih

    Filmladen Filmverleih (ein Kinostart ist immer noch geplant)

    WAS WIR WOLLTEN | ULRIKE KOFLER | Ö 2020 | 100 MIN. | [usr 4 ]


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  • STYX ★★★★

    STYX ★★★★

    Meldungen über Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa Schiffbruch erleiden, erreichen uns nahezu jede Woche. Erreichen sie uns nicht, dann nur weil etwas anderes gerade wichtiger erscheint und kein Platz ist für die immer wiederkehrenden gleichen Nachrichten.  Manche mögen es nicht mehr hören können und andere sind jedes Mal aufs Neue erschüttert. Eines ist bei uns allen gleich: Es ist alles bald wieder vergessen. Doch eigentlich geht es uns alle an. Was wäre, wenn sich plötzlich vor unseren eigenen Augen eine Flüchtlingstragödie abspielen würde und wir zum Handeln gezwungen wären? Mit diesem Gedankenexperiment beschäftigt sich der niederösterreichische Regisseur Wolfgang Fischer und zeigt in seinem neuen Film, wo wir als Gesellschaft heute stehen. 

    Rike (Susanne Wolff) ist eine deutsche Notärztin und hat alles fest unter Kontrolle. Selbst als sie sich allein auf einer 11 Meter Jacht auf dem Atlantik Richtung Süden und der Insel Ascension begibt, sitzt jeder Handgriff. Bei ruhiger See genießt sie die scheinbar unendliche Freiheit und als sich ein Unwetter ankündigt, bewahrt die Ruhe. Doch nicht für jeden ist das Meer ein einziges Glücksgefühl. Für manche ist es ein tödliches Hindernis.

    Als sie auf ein mit Flüchtlingen völlig überladenes Fischerboot trifft, ist auf einmal nichts mehr so wie es gerade noch war. Von einem Moment auf den anderen geht es um existenzielle Fragen. Rike ist klar, dass gehandelt werden muss. Nur ist sie überhaupt in der Lage dazu? Als Notärztin geht ihre eigene Sicherheit vor. Sie nimmt Kontakt mit der Küstenwache auf und dann steht da plötzlich der junge Kingsley (Gedion Odour Wekesa) auf ihrem Boot.

    Fischer erzählt dieses tragische Ereignis nüchtern und unaufgeregt und genau das ermöglicht es dem Publikum, sich in diese Lage zu versetzen. Dabei geht es nicht um moralisierende Belehrungsversuche sondern um Fragen, die sich jeder Einzelne stellen muss und um die Verantwortung, die zu tragen ist.

    Styx vermittelt das Gefühl, allein auf einem Boot zu sein so authentisch, wie wir das vor einiger Zeit schon bei Robert Redford in All is lost gesehen haben. Wind und Wetter werden spürbar, das Meeres rauscht und die Seile knarzen. Jeder der noch nie auf einem Segelboot war, weiß danach zumindest, wie es sich dort anhört. Aber auch das Gefühl, den Gewalten der Natur ausgesetzt zu sein, wird nachvollziehbar.

    Der Filmtitel bezieht sich auf die griechische Mythologie. Styx ist der Fluss der Ober- und Unterwelt von einander trennt oder auch die Lebenden von den Toten. Das mag pathetisch klingen, wird aber im Film nicht extra thematisiert und darüber hinaus ist dieses Bild gar nicht abwegig. Die Flüchtlinge trennen tatsächlich ein paar hundert Meter Wasser vor ihrer Rettung. Die Insel Ascension im Südatlantik, das Ziel der Hauptfigur, ist das erste künstliche erschaffene und sich selbst erhaltene Ökosystem. Erdacht und umgesetzt von Charles Darwin. An Symbolik ist der Film also nicht arm. In der ersten Sequenz zeigt Fischer Berberaffen in Gibraltar. Neben dem Menschen die einzige in Europa freilebende Primatenart. Eingewandert aus Afrika und das schon vor Jahrhunderten.

    Styx ist so ein Film der Stunde.

    Wolfgang Fischer | D/AT 2018 | 94 Min. | [usr 4]

    © Foto: Filmladen Filmverleih

  • WALDHEIMS WALZER ★★★★

    WALDHEIMS WALZER ★★★★

    Als ich 1996 bei einer Kinopremiere auf Kurt Waldheim getroffen bin, wusste ich, dass er UN-Generalsekretär und Bundespräsident gewesen ist. Auch an eine Waldheim-Affäre konnte ich mich erinnern. Welche gesellschaftspolitischen Implikationen der Wahlkampf 1986 und die darauffolgende Präsidentschaft in Österreich ausgelöst hatte, war mir weniger klar. Ruth Beckermann hat nun im Zuge einer umfassenden Archivrecherche die damaligen Ereignisse zusammengefasst. Erstmals auch aus der Perspektive internationaler Medien. Ein Film für alle, die damals zu jung waren und verstehen möchten, was den Nährboden für die heutige politische Landschaft in Österreich bereitet hat und jene, die sich nicht mehr erinnern können. Ein Vergessen, das einen eigenen Namen hat: das Waldheim-Syndrom.

    Am Anfang sind Waldheims Hände. Sie sind gigantisch groß und erinnern an Tim Burtons Figur Jack Skellington aus The Nightmare before Christmas. Beckermann ist fasziniert von ihnen. Als wolle er ganz Österreich umarmen. Es sind die einzigen Aufnahmen von ihm, dem Kandidaten, wie sie ihn durchwegs nennt, die sie selbst bei einer Wahlkampfveranstaltung angefertigt hat. Die Regisseurin hat sich in den Fernseharchiven auf die Suche nach Zeitdokumenten gemacht und bewusst auf neues Material verzichtet. Die Positionen hätten sich ohnehin nicht geändert. Die Aufnahmen sprechen für sich. Auch 30 Jahre danach.

    Was sich hier vor dem Publikum offenlegt, ist nicht nur Waldheims Gedächtnis, sein Nichtwissen und Vergessen, sondern ein tiefer Einblick in die österreichische Seele. Dem kleinen Land, das sich seine eigene Vergangenheit zurecht gebogen hatte und äußerst empfindlich auf Andersdenkende und Stimmen von Außen reagierte. Man wurde nicht müde, die Opferrolle Österreichs im Zweiten Weltkrieg zu betonen und wollte Vergangenes ruhen lassen.

    Ein Österreicher, dem die Welt vertraut.

    Text der Plakatkampagne der ÖVP

    Kurt Waldheim hat seine Vergangenheit schlicht geleugnet. In seiner Biografie fehlen die Jahre 1942 bis 1944, in denen er als Offizier der Wehrmacht unter anderem in Saloniki stationiert war. Der Jüdische Weltkongress versuchte Aufklärungsarbeit zu leisten. Was der große Teile der österreichischen Bevölkerung als Einmischung verstand und den Antisemitismus bestärkte, der von Politikern aller Lager für ihre Zwecke gerne aufgegriffen wurde. Die später eingesetzte Historikerkommission konnte Waldheim zwar keine Kriegsverbrechen nachweisen, ihn jedoch nicht von der moralischen Schuld freisprechen. Kurz vor seinem Tod zeigte sich Waldheim einsichtig und bat um Verzeihung. Vielleicht entsprang das seiner tiefkatholischen Überzeugung. WALDHEIMS WALZER ist aber weniger das Portrait eines Staatsmannes, als das einer Gesellschaft.

    Der Wahlkampf führte zu einem Aufbrechen von gesellschaftlichen Gegensätzen und setzte hinsichtlich der Opferthese einen Umdenkprozess in Gang. Bis zur Rede Franz Vranitzkys über die Mitschuld der Österreicher sollten aber noch Jahre vergehen. Im Film sind Männer zu sehen, die am Graben in Wien ungeniert vor laufender Kamera ihre antisemitischen Parolen von sich geben. Ein nationaler Schulterschluss machte das möglich. Durch Fakten ließ sich kaum jemand überzeugen. Wem kommt das bekannt vor?

    Von der Ostküstenpresse und einer Schmutzkübelkampagne ist die Rede. Eine Diktion, die sich bis heute gehalten hat, wenn es darum geht Rechtspopulisten Lügen zu Strafen. Der Mobilisierungsgrad dieser hetzerischen Gefühle schlug sich im eindeutigen Wahlergebnis nieder.

    „Jetzt erst recht!“

    Text der Plakatkampagne der ÖVP

    Es gab aber auch Gegenproteste. Im Zuge des Wahlkampfes wurde 1986 der „Republikanische Club“ gegründet, der heute den Zusatz „Neues Österreich“ im Namen trägt. Er versteht sich als Teil der Zivilgesellschaft und tritt gegen Antisemitismus und Rassismus auf. Im gehört auch Ruth Beckermann an. Sie beginnt ihren Film mit Aufnahmen einer damaligen Kundgebung in der Wiener Innenstadt. Der Club sah in Waldheim nicht das Problem sondern ein Symptom. In WALDHEIMS WALZER wird das deutlich.

    Die Dokumentation ist formal spannend. Sie besteht fast ausschließlich aus gesendetem TV-Material, daher auch das Bildformat 4:3. Die Ästhetik der Bilder, also wie etwas in Szene gesetzt wurde, mag vielleicht nur für Insider interessant sein. Das Framing für Waldheims erste Ansprache wirkt aus heutiger Sicht wie aus dem Kasperltheater. Wie sich Menschen auf der Straße vor einer laufenden Kamera verhalten haben, zeigt aber deutlich, wie sich das Verhältnis zu Medien und im speziellen Fernsehen verändert hat. Hier hat eine Sensibilisierung stattgefunden, die das Medium größtenteils selbst zu verantworten hat. Drängten sich damals Menschen vor die Kamera um ihren Unmut zu äußern, ist es heute schwierig überhaupt jemanden vor das Objektiv zu bekommen.

    Einen Tag nach Waldheims Sieg trat Fred Sinowatz als Bundeskanzler zurück. Ihm folgte Franz Vranitzky nach. Dieser führte die Koalition mit der FPÖ fort bis Jörg Haider den Parteivorsitz übernahm. Daraufhin war die Koalition Geschichte und es kam im Herbst 1986 zu Neuwahlen. Der Aufstieg der FPÖ hatte begonnen. Er war geprägt von der Wir-sind-wir-Mentalität und dem Spiel mit der Verharmlosung der Rolle Österreichs während des Nationalsozialismus. Ganz im Sinne des Slogans „Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!“ aus dem Präsidentschaftswahlkampf. Gleichzeitig begann erstmals eine Aufarbeitung der Vergangenheit, die mehr 10 Jahre später zu den Restitutionen von Kunstwerken führte.

    Für Ruth Beckermann ist der Blick mit zeitlichem Abstand interessant. Aus der Sicht einer Aktivistin hat sie die Geschichte für eine neue Generation aufbereitet. Die Parallelen zu Heute sind erschreckend. Vor allem die Immunität gegenüber Fakten und das gezielte Schüren von Ressentiments für bestimmte politische Ziele. Waldheim war kein Nazi sondern Opportunist. Schon früh in den nationalsolzialistischen Jungendverbänden, hielt er sich zurück, sobald sich eine Niederlage abzeichnete und er sich so für eine politische Karriere nach dem Krieg in Stellung brachte. Geprägt durch die Familie als christlich-konservatives Wertekonzept unter Vereinahmung von Tradition und Brauchtum. An letzteren kommt auch heute noch kein Kandidat vorbei. Dazu passt es, das Bundeskanzler Sebastian Kurz gerade erklärte, Österreich „zurück an die Spitze“ bringen zu wollen. Das ist, wie man an jüngsten Reformen erkennen kann, durchaus Ideologisch gemeint. In Österreich war man schon immer gut darin, die Vergangenheit zu glorifizieren.

    WALDHEIMS WALZER wurde als diesjähriger Kandidat für den Auslandsoscar vorgeschlagen. Eine Entscheidung, die nicht ganz nachvollziehbar ist. Auch die Viennale hat in diesem Jahr im Programm die Unterteilung von Spiel- und Dokumentarfilmen aufgehoben. Die Chancen für eine Berücksichtigung sind aber eher als gering einzustufen.

    Ruth Beckermann | A 2018 | 93 Min | [usr 4]

    © Foto: Filmladen Filmverleih

    Ruth Beckermann über die Recherche zu WALDHEIMS WALZER in der Presse: → Link. (€)

  • WEAPON OF CHOICE ★★★★

    WEAPON OF CHOICE ★★★★

    Wenn irgendwo auf der Welt jemand eine Pistole an den Kopf gehalten bekommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Schriftzug „Glock 17 Austria“ auf dem Lauf eingraviert ist. Produziert wird sie unter anderem in Deutsch Wagram, vor den Toren Wiens, wo sich zwischen Bahnhof und Einfamilienhäusern hinter einer hohen Mauer eines von zwei Werken befindet. Zehntausende Pistolen verlassen Monat für Monat die Fabrik und gelangen irgendwann in die entlegensten Winkel der Erde.

    Es ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Anfang der 1980er vom Wiener Gaston Glock entwickelt, ist die 17 Patente umfassende halbautomatische Schnellfeuerwaffe aus Kunststoff zu einem Kultobjekt geworden. Leicht zu bedienen und zuverlässig. Darauf vertrauen Polizisten, Sportschützen, Leinwandhelden, Gangsterrapper, Militärs und Terroristen von den USA bis Bagdad. Nur in Österreich wird das alles ziemlich verdrängt. Fritz Ofner und Eva Hausberger versuchen in ihrer Dokumentation das Phänomen näher zu beleuchten.

    Die Türen zum Konzern blieben ihnen dabei verschlossen. Kein aktiver Mitarbeiter war zu einem Gespräch bereit. Offizielle Stellungnahmen gibt es ohnehin nie. Man verkehrt lieber über Anwälte. Mit allen Mitteln wird versucht, kritische Berichterstattung zu verhindern. Dass in Österreich zahlreiche Medien auf Beiträge zur Dokumentation lieber verzichten, zeigt die engen wirtschaftlichen Verflechtungen der Waffenindustrie.

    Also versuchten sich Ofner und Hausberger über ehemalige Mitarbeiter und jene, die von der Waffe mit Vorliebe Gebrauch machen, zu nähern. Da ist zum Beispiel der Waffenhändler aus den USA, der feuchte Augen bekommt, wenn er eine Glock in Händen hält und ins Schwärmen über seinen Besuch in der Fabrik in Österreich gerät. Jeans Cruz kommt zu Wort, jener Soldat, der Saddam Husseins Versteck als erster betrat und dessen Besitz sicherstellte. Darunter befand sich eine Glock. Sie befindet sich nun in einem Museum. Charles Ewert, Ex-Treuhänder, auch „Panama Charly“ genannt, erzählt von seinem ehemaligen Arbeitgeber. Er sitzt im Gefängnis und soll in einen missglückten  Auftragsmord an Gaston Glock in einer Luxemburger Tiefgarage verwickelt gewesen sein.

    Es ist der erste Versuch, hinter die Kulissen des Konzerns zu Blicken, dem jahrelange Recherchen vorausgingen. Ortner und Hausberger gelingt es dabei, möglichst neutral zu bleiben. Niemand wird vorgeführt oder angeprangert. WEAPON OF CHOICE beantwortet keine Fragen, wirft jedoch einige auf. Zum Beispiel wieso so viele Waffen in die Hände von Terroristen gelangen. Der Film regt zur Diskussion an. Ein erster wichtiger Schritt.

    Eine Frage wird dann doch beantwortet. Warum nämlich der Konzern davon profitiert, wenn dessen Name im Zusammenhang mit einem Terroranschlag genannt wird. Die Glock funktioniert eben.

    Der Firma Glock ist es nicht geglückt, den Film zu verhindern. Ein Jahr nach der Weltpremiere beim This Human World Filmfestival läuft die Dokumentation nun regulär im Kino an.

    Fritz Ofner, Eva Hausberger | A 2017 | 90 Min | [usr 4]

    Foto © Polyfilm Filmverleih