Schlagwort: Kino aus Österreich

  • COPS ★★★½

    COPS ★★★½

     

    COPS ist ein vielschichtiges Drama und gibt einen Einblick in den Alltag einer Polizeisondereinheit. In eine Männerwelt, in der eine strenge Hierarchie vorherrscht und eine hohe psychische Belastung tägliche Routine ist. Ein Leben für den Adrenalinkick und den Kampf gegen den inneren und äußeren Feind. Darüber hinaus überzeugt der Film mit einer starken Ensembleleistung. Allen voran mit Laurence Rupp als angehender WEGA Polizist und Roland Düringer in einer seltenen ernsten Rolle.

    Die WEGA (Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung) ist eine Sondereinheit der Wiener Polizei und wird zu Einsätzen mit erhöhtem Gefahrenpotential hinzugezogen. In dieser Eliteeinheit Dienst zu tun ist der Traum manch junger Männer. So auch der von Christoph Horn (Laurence Rupp), der kurz vor dem Ende seiner Ausbildung steht. Die Aufnahme in diese Truppe verspricht Abenteuer und Adrenalinkicks. Im Idealfall wird man nach einem Einsatz als Held abgefeiert. Zumindest innerhalb dieses Mikrokosmos von harten Männern in ihren gestählten Körpern.

     

    Ein harmlos anmutender Einsatz endet damit, dass Christoph mehrere Schüsse in die Brust eines verhaltensauffälligen Mannes abfeuert. Damit rettet er seinem Vorgesetzten Konstantin Blago (Anton Noori) womöglich das Leben. Ob die gefährliche Situation erst durch die WEGA Polizisten entstanden war, sei zuerst einmal dahingestellt. Die sich am Tatort befindliche Polizistin Marianne Kelck (Maria Hofstätter) ist sich dessen aber sicher.

    Christoph befindet sich in einem Rauschzustand. Nun ist er in den inneren Kreis rund um Blago aufgenommen. Er fühlt sich stark. Hilfe durch den psychologischen Dienst der Polizei lehnt er ab. Die Waffe lädt er aber nur mehr mit zittriger Hand. Post-Shooting-Trauma. Als der angeschossene Mann seinen Verletzungen erliegt, kommt der Zusammenbruch. Zweifel an der Verhältnismäßigkeit kommen auf und wer zweifelt, hat bei der Sondereinheit nichts verloren.

    Auch wenn Regisseur Istvan einen Extremfall schildert, zu einem Schusswaffengebrauch kommt es bei der WEGA äußerst selten, ermöglicht die verfahrene Situation nun die inneren Dynamiken in der streng hierarchisch organisierten Polizei zu durchleuchten. Das passiert mit Bedachtsamkeit. Die Motive der einzelnen Charaktere sind nachvollziehbar. Selbst bei der Polizei gibt es unterschiedliche Überzeugungen, wenn es darum geht, wie man mit potentiellen Gefahren aber auch mit der enormen psychologischen Belastung umgeht.

    Christophs Vater Heinz Horn (Roland Düringer) ist ebenfalls Polizist und versucht bei Fußballspielen zwischen den Fans zu vermitteln. Seine Arbeitsweise steht im strikten Gegensatz zur Law and Order Mentalität der WEGA. Dort wo sein Sohn jetzt steht war er schon vor Jahren und spricht seine psychischen Probleme auch offen an. Laut Istvan befinden sich Christoph und seine Kollegen im „Krieg gegen das Verbrechen“. Grauzonen gibt es nicht. Christophs Hingabe für die Einheit belastet die Beziehung zu seiner Freundin Nicky Winter (Anna Suk), einer Polizistin in Ausbildung, schwer. Für Frauen ist in der Mitte der Elitetruppe ohnehin kein Platz.

    Schon 2012 beschäftigte sich Istvan in seinem Kurzfilm VOID mit unverhältnismäßiger Polizeigewalt in Österreich. Der Film ist bis heute Teil der Polizeiausbildung. In der jahrelangen Vorbereitungszeit zu COPS erhielt er die Unterstützung der Polizei, was eine gründliche Recherche möglich machte und zu einem authentischen Film führte. Mit dem Ergebnis ist man im Innenministerium diesmal weniger glücklich, kratzt der Film doch am Image der Sondereinheit in dem gruppendynamische Prozesse dargestellt werden, die man so lieber nicht in der Öffentlichkeit diskutiert haben möchte. Für Diskussionsstoff sorgte der Film aber bereits bei den ersten Aufführungen.

    Dabei zeigt COPS einen differenzierten Blick auf das geschlossene System Polizei und zollt deren Arbeit durchaus Respekt. Schwäche, Zweifel und Ängste sind hier aber nicht vorgesehen. Gerade zu einer Zeit, in der es zu einer Aufrüstung kommt, in dem das Innenministerium eine angeblich permanente latente Gefahr heraufbeschwört. Die Polizei wird mit militärischen Waffen ausgerüstet und die Zivilbevölkerung soll durch Inserate in Alarmbereitschaft versetzt werden.

    COPS versteht sich als politisches Kino und darum war es Istvan auch wichtig, nichts neu zu erfinden, sondern ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Bereits in der ersten Szene taucht man ein in die Welt von Christoph und seinen Kumpels. Es ist ein düsterer Film geworden, der in seinem Herzschlagfinale am Ende aber aus einer positiven Kraft Hoffnung schöpft.

     

    *** Update 26.9.2018 ***

    Manchmal geht es schnell. VOID wurde vom BMI aus dem Ausbildungsprogramm gekickt. Kein Wunder, die FPÖ stößt sich schon lange daran.

     

    Istvan aka. Stefan A. Lukacs | Ö 2018 | 92 Min | [usr 3,5]

  • 3 TAGE IN QUIBERON ★★★

    3 TAGE IN QUIBERON ★★★

    Wenn Romy Schneider (Marie Bäumer) vom Hotelbalkon aus hinaus aufs Meer schaut, wirkt sie ganz in sich gekehrt aber in ihrem Inneren tost es wie an der Brandung am nicht weit entfernten Strand. Das Rauschen des Meeres wird über weite Strecken des Films allgegenwärtig sein. Es ist März 1981 und noch weiß niemand, dass es die letzten Monate von Romys bewegtem Leben sind und ein schwerer Schicksalsschlag noch bevor steht. Als sie sich in einer Szene nicht in der Lage sieht, den Anruf ihres Sohnes entgegenzunehmen, liegt darin rückblickend eine Tragik, genauso wie in ihrem strahlenden kindlichen Lächeln, das sich mit Tränen und tiefer Verzweiflung abwechselt.

    Für ihren 14-jährigen Sohn befindet sich Romy zur Entgiftung in einem Kurhotel in Quiberon. Alleinsein hält sie nicht aus. So bestellt sie nicht nur ihre beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) aus Wien, sondern auch den Stern-Journalisten Michael Jürgs (Robert Gwisdek) und Robert Lebeck (Charly Hübner), den Fotografen ihres Vertrauens, nach Frankreich.

    Regisseurin Emily Atef hat die berühmt gewordenen Fotografien von Lebeck und das Stern-Interview als Inspiration genommen und rundherum eine Geschichte konstruiert. Die Fotos zeigen den Menschen hinter einem der größten Stars des europäischen Kinos. Mal traurig, mal lachend auf dem Boden kugelnd und in Schwarzweiß wie nun auch im Film.

    Hilde merkt bald, dass Romy unter dem Einfluss von Alkohol und Tabletten die Situation nicht unter Kontrolle hat und sie von den beiden Männern für eine gute Story benutzt wird. Doch die hat längst beschlossen, sich vollkommen zu öffnen. Dass Hilde auf sie einzuwirken versucht, hilft da nichts mehr.

    Die Koproduktion „3 Tage in Quiberon“ geht mit 10 Nominierungen in das Rennen um den Deutschen Filmpreis 2018. Bemerkenswert ist, dass alle vier Darsteller nominiert sind. Eine Würdigung der großartigen Ensembleleistung. Es ist für Marie Bäumer die Rolle ihres Lebens. Die ähnliche Physiognomie ist erstaunlich. Den Preis hätte sie sich verdient.

    Ein Interview macht aber noch keinen ganzen Film. Die stimmigen Schwarzweißbilder und das tolle Schauspiel dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte, die rund um das Interview gebaut wurde, trotz Romys ambivalentem Charakter, wenig glaubwürdig ist. Michael Jürg erinnert sich heute an die Tage in Quiberon (Link siehe unten). Die dramaturgischen Überhöhungen tun dem Film nicht unbedingt gut.

    Die Interviewsituation gibt auch einen Einblick in die damalige journalistische Arbeit. Kein Star würde sich heute in solch eine Lage begeben. Vieles ist heute undenkbar, auch die Berichterstattung, die Romy über die Jahre begleitet hat und aus ihrem Leben einen Skandal machte. Die Auflösung liefert der Film erst zum Schluss und zeigt die Abmachung, die eigentlich am Anfang gestanden ist und ohne die Romy dem Interview nicht zugestimmt hätte.

     

    Emily Atef | D/Ö/F 2018 | 115 Min | [usr 3]

    Link zum Nachhören.

    „War ich wirklich so ein Kotzbrocken?“ Michael Jürg erinnert sich an seine damalige Begegnung mit Romy Schneider und erzählt wie es wirklich war.  → Talksendung im NDR

     

  • MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES ★★★★ ½

    MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES ★★★★ ½

    Bilder werden dem Grauen nicht gerecht, machen das Unfassbare nicht begreifbar. Der Abgrund, an dem sich Europa vor 80 Jahren befunden hat, wird allein schon durch Akten und Erzählungen von Zeitzeugen deutlich. Regisseur Christian Frosch nimmt originale Gerichtsakten als Grundlage für sein Gerichtsdrama, das eigentlich ein hochaktueller Politthriller ist. Ein Prozess, dessen Ausgang in Österreich kaum registriert wurde, international jedoch sehr wohl Beachtung fand.

    Als Franz Murer 1963 nach nur 10 Tagen Hauptverhandlung als freier Mann das Landesgericht in Graz verlässt, wird er gefeiert und mit Blumen überhäuft. Der brave Großbauer in seiner abgewetzten Trachtenjacke kehrt auf seinen Hof zurück, wo er bis zu seinem Tod 1994 leben wird. Zuletzt als Bezirksbauernvertreter der ÖVP. Damit hat er seine Opfer gut 50 Jahre überlebt. Murer, der „Schlächter von Wilna“ genannt wurde, war im dortigen Ghetto für „jüdische Angelegenheiten“ zuständig. Von 80.000 Bewohnern überlebten unter seinem Kommando innerhalb von zwei Jahren nur ein paar Hundert. Den österreichischen Staat und die Bevölkerung interessierte das aber herzlich wenig.

    In Russland wurde Murer zwar verurteilt, kam aber im Zuge des Staatsvertrages frei und wurde nach Österreich überstellt, mit der Bedingung, ihm dort den Prozess zu machen. Eilig hatte man es aber damit nicht. Es ist Simon Wiesenthals verbissenem Einsatz zu verdanken, dass es letztlich zu diesem Prozess gekommen ist. Auf der Suche nach Adolf Eichmann war Wiesenthal auf ihn aufmerksam geworden. Murers Rolle in Wilna wurde durch die Nürnberger Prozesse bekannt.

    Murer, Name unbekannt

    Dass der Name Murer bis zum Erscheinen des Films kaum jemanden mehr ein Begriff war, zeugt vom Umgang Österreichs mit der eigenen Vergangenheit. Der Prozess war einer der größten Justizskandale der Zweiten Republik. Der Skandal fand nicht nur im Gerichtssaal statt, wo die Beweislast erdrückend war und Opfer diffamiert wurden. Auch im Hintergrund kann man von politischen Verstrickungen ausgehen, die letzten Endes zu einem Freispruch führten. Weder ÖVP, noch SPÖ wollten es riskieren, durch eine Verurteilung Wähler zu verlieren. Österreich war zwar frei aber es waren dieselben Menschen wie vor 1945.

    Frosch, der auf Murer während eines Besuches des jüdischen Museums in Vilnius aufmerksam wurde, durchforstete die fragmentarischen Gerichtsdokumente akribisch um eine möglichst präzise und zugleich nüchterne Rekonstruktion des Prozesses zu erreichen. Mehrere parallele Handlungsstränge außerhalb des Gerichtssaales vermitteln dem Publikum eine Vielzahl an Perspektiven von Tätern, Opfern, Geschworenen und der Presse.

    Täter/Opfer Umkehr

    Die Verteidigung machte aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer. Unsicherheiten von ehemaligen Häftlingen in belanglosen Details werden gegen sie verwendet. Murer hat gröbere Gedächtnislücken und spricht von aufständischen Juden. Die Atmosphäre ist von einer antisemitistischen Grundstimmung geprägt. Noch dazu sind alle Zeugen, unter ihnen sowohl Täter als auch Opfer, während der Verhandlung unter einem Dach untergebracht. Ein unvorstellbarer Alptraum für die ehemaligen Häftlinge.

    Vergessen

    „Murer – Anatomie eines Prozesses“ ist eine grandiose Ensembleleistung. Die über 30 Sprechrollen sind exzellent gecastet. Viel Wert legte Frosch auf sprachliche Authentizität. Den lokalen Dialekt scheute er nicht. Die zahlreichen jiddischen Passagen sind untertitelt. Jede auch noch so kleine Rolle trägt einen bedeutenden Teil zum Ganzen bei. Allen voran steht Karl Fischers stoische Darstellung des biederen Murer. Aber auch die Geschworenen seien erwähnt. Bei der Durchmischung der Typen erwies man eine gute Hand.

    Gerade weil der Film versucht sachlich zu bleiben und keinerlei Effekthascherei betreibt, entlässt er ein bedrücktes und nachdenkliches Publikum. Als wäre der Sadismus des Naziverbrechers nicht genug, ist die Stimmung im Nachkriegsösterreich nicht weniger erschütternd. „Murer“ ist ein filmisches Dokument, das gegen das Vergessen ankämpft, gerade dann, wenn keine Zeitzeugen mehr berichten können.

    55 Jahre später hält des der Produzent und Schauspieler Mathias Forberg bei der Premiere in Wien für notwendig, einen Appell wider des Vergessens zu verlesen. Liederbücher, die eine Fortsetzung der Shoah fordern und eine scheinbare Unterwanderung des Staatsschutzes wirken alarmierend. Leugnen, Verdrängen, vergessen: Willkommen in Österreich.

    Christian Frosch | Österreich 2018 | 137 Min. | [usr 4,5 ]

    © Foto: Filmladen

  • DIE WUNDERÜBUNG

    DIE WUNDERÜBUNG

    Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) haben sich nichts mehr zu sagen und wenn doch, dann sind es nur Gehässigkeiten. Das Ehepaar ist am Ende. Die romantischen Jahre liegen lange zurück. Wenn man sie jetzt so sieht, ist es kaum zu glauben, dass es einmal so etwas wie Harmonie zwischen den beiden gab.

    Sie sitzen Harald (Erwin Steinhauer) gegenüber. Die Beiden haben ihn aufgesucht, weil noch eine Tochter mit im Spiel ist und in ihren momentan getrennten Welten Scheitern oder Aufgeben nicht in Frage kommt. Harald ist Paartherapeut und sieht einen hoffnungslosen Fall vor sich oder zumindest lässt er das die Beiden deutlich spüren. Was sie noch mehr auf die Palme bringt und die ohnehin schon angespannte Situation immer mehr eskalieren lässt. Dabei wendet Harald alle Tricks an, um Joana und Valentin aus der Reserve zu locken.

    Wie das Ganze ausgegangen ist haben vor zwei Jahren mehr als 30.000 Zuseher in den Wiener Kammerspielen mitverfolgt. Regisseur Michael Kreihsl hat das Stück nach der Theaterinszenierung nun für die Leinwand adaptiert. Die scharfzüngigen Dialoge sind geblieben und werfen Fragen auf, denen man selbst lieber aus dem Weg gegen möchte. Es wird sich kaum jemand finden, der in einer längeren Beziehung lebt und sich nicht in dem ein oder anderen Detail wiederfindet. Das ist die große Stärke von Daniel Glattauers Text.

    Es ist spannend anzusehen, wie sich die Geschichte zwischen drei Menschen in einem Raum entwickelt und wie dies filmisch aufgelöst ist. Trotzdem ist es eine 1:1 Umsetzung eines Theaterstückes. Auch wenn der Stoff so einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden kann, hat der Film dem Theaterstück nichts hinzuzufügen. Gute Unterhaltung und tolle Schauspieler werden trotzdem geboten. Der Film wird auch dank Erfolgsautor Daniel Glattauer sein Publikum finden.

    Michael Kreihsl Ö 2018 92 Min. [usr 2]

  • DIE BESTE ALLER WELTEN ★★★★★

    DIE BESTE ALLER WELTEN ★★★★★

    Bevor das schwächelnde Kinojahr noch einmal in einen verheißungsvollen Herbst durchstartet, ist genügend Zeit um sich einen Film aus Österreich anzusehen, der einen so schnell nicht mehr loslassen wird.

    Adrian Goiginger hatte das, was man eine schwierige Kindheit nennt. Er wächst ohne Vater bei seiner drogenkranken Mutter Helga auf. Fernab des noblen Salzburg, in dem man von Touristen überrannt wird und an jeder Ecke in eine Kirche stolpert, am Rande der Stadt, wo die Drogenszene in den 1990ern ständig am wachsen ist.

    Der Tod seiner Mutter im Jahr 2012 hat Goiginger dazu bewegt, ihr seinen Debutfilm zu widmen. Portraitiert wird seine Mutter Helga (Verena Altenberger) aus der Sicht des siebenjährigen Adrian (Jeremy Miliker). Obwohl die Drogensucht in ihrer Wohnung allgegenwärtig ist, versucht Helga sie vor ihrem Sohn und dem Jugendamt zu verbergen. Sie schaffen sich beide eine Fantasiewelt, in der es nichts als Liebe, Abenteuer und Zuversicht gibt. Für die Beiden ist es „Die beste aller Welten„. Den kleinen Buben wird der Dämon aus seinen Träumen einholen, zu groß wird die psychische Belastung. Am Ende entlässt Goiginger die Zuseher aber in eine hoffnungsvolle Zukunft.

    Die Kamera von Yoshi Heimrath und Paul Sprinz nimmt unter großem körperlichen Einsatz die Perspektive von Adrian ein und hat in dem 360 Grad Set großen Anteil daran, dass sich das Publikum wie mitten in der Wohnung fühlt, in der der Film über weite Strecken spielt. Die Clique schottet sich in der verdunkelten Wohnung dermaßen von der Außenwelt ab, dass beinahe jeder räumliche und zeitliche Bezugsrahmen fehlt. Diese Geschichte kann immer und überall spielen. Nur als am Hot Dog Stand (so 1990er!) in Schilling bezahlt wird, lässt sich eine zeitliche Verortung herstellen. Die Entscheidung, das Drehbuch im Salzburger Dialekt zu verfassen, dient weniger dem Lokalkolorit, als vielmehr der Authentizität.

    Der tatsächlich erst siebenjährige Miliker spielt herzzerreißend und Altenberger schafft Überzeugend die Gradwanderung zwischen Drogensucht und dem Muttersein.

    Goiginger packt das Publikum und nimmt es mit auf eine Reise in die Tiefen der menschlichen Seele. Sein Regieerstling, bei dem er auch das Drehbuch verfasst hat, ist keine Vorverurteilung von Drogenkranken, sondern eine schonungslose Milieustudie. Ein sehr persönlicher und erschütternder Film, der voll Spannung von einer liebevolle Beziehung unter extremsten Umständen erzählt.

    Finanziert unter anderem durch das ORF Film/Fernseh-Abkommen, das die Produktion heimischer Kinofilme unterstützt. Nur weil demnächst wieder einmal über die Sinnhaftigkeit des ORF diskutiert werden wird.

    Adrian Goiginger | AUT 2017 | 103 Min | [usr 5]

  • SIEBZEHN

    SIEBZEHN

    Es gibt Tage, da ist der Schultag schon vor der ersten Stunde gelaufen. Wenn man gerade siebzehn ist und ein Herz mit eindeutigen Initialen auf der Tafel vorfindet, zum Beispiel.

    Siebzehn handelt von Paula (wunderbar: Elisabeth Wabitsch), die in Charlotte (Anaelle Dézsy) verliebt ist. Die ist jedoch gerade mit Michael zusammen. In einer unaufgeregten Weise behandelt Art dieses Begehren, denn in diesem Mikrokosmos vor den Toren Wiens spielt es keine Rolle ob Bub und Mädchen oder Mädchen und Mädchen eine Beziehung führen (wollen). Es geht ganz allgemein um Liebesnöte in diesem Alter. Die so aufkommende Verzweiflung einer unerwiderten Liebe fängt der Film immer wieder treffend ein.

    Man fühlt sich an La belle Saison (2015), wobei der von Siebzehn bei weitem übertroffen wird, oder vielmehr an La Vie d’Adèle (2013) erinnert. Allerdings wählt Art einen subtileren Umgang mit Erotik und verzichtet auf Nacktheit.

    Die Besetzung besteht aus Laien- und ProfidarstellerInnen und bei den Dreharbeiten wurde gemeinsam improvisiert. Das verleiht dem Film eine Leichtigkeit und Authentizität. Es gibt witzige Momente, auch wenn das Potential nicht voll ausgeschöpft wurde. Aber all die Unzulänglichleiten, die durch so eine Arbeitsweise aufteten, machen den Film nur sympathischer. Der Soundtrack dazu kommt unter anderem von Clara Luzia, Mo, Wanda und Bilderbuch.

    SIEBZEHN spielt im niederösterreichischen Lanzendorf. Endlich bekommt die österreichische Provinz einen würdigen Leinwandaufrtritt abseits von Mord und Totschlag. Die großen Dramen spielen sich hier genauso wie in Paris, New York oder der Toskana ab. Art, sie bekam in diesem Jahr für ihr Debüt den Max Ophüls Preis, setzt die Landschaft gekonnt in Szene, ohne viel Zeit für Totale zu verschwenden, bleibt meist nah an ihren Figuren.

    SIEBZEHN ist ein Film in den Farben des Sommers. Fortsetzung erwünscht. Man möchte mehr über die Zukunft der Charaktere erfahren und über mehr Anmachsprüche wie „Diese grüne Wand schaut voll arg aus.“ lachen können.

    Monja Art AUT 2017 109 Min

  • DIE GETRÄUMTEN

    DIE GETRÄUMTEN

    Die Geträumten erzählt von der ungewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Die Regisseurin Ruth Beckermann hat sich dazu entschlossen, kein typisches Biopic zu drehen, sondern die Musikerin Anja Plaschg und den Schauspieler Laurence Rupp die Briefe, die sie sich über mehr als zehn Jahre von ihrer ersten Begegnung bis zu ihrem Tod geschrieben haben, vorlesen zulassen. Die beiden sollten nicht in die Rollen schlüpfen, sondern die Briefe wie in einem Hörspiel vortragen. Soweit die Anweisung. Die intensive Vorbereitung erfolgte ohne die Darsteller.

    Gedreht wurde in einem Tonstudio im Funkhaus in Wien und die Kamera verfolgte die beiden Protagonisten auch während der Pausen. Wir sehen Plaschg und Rupp auf der Leinwand und im nächsten Moment Bachmann und Celan.

    Der Film zeigt, was ein Text mit Schauspielern innerhalb einer Woche Drehzeit macht und wie unterschiedlich ihn die Charaktere verarbeiten. Darüber hinaus ist die Montage von Die Geträumten ein überwältigendes Beispiel dafür, wie man einen Raum dramaturgisch nutzen kann. Gedreht wurde mit der Handkamera, um den Darstellern eine größtmögliche Freiheit zu lassen und sie nicht durch Regieanweisungen einzuschränken.
    Die Geträumten ist ein kurzweiliges von Spannung aufgeladenes Drama. Die Reduktion auf den Text und die Konzentration auf zwei Schauspieler und einen Raum macht aus Die Geträumten ein Filmdokument von größter Bedeutung. Ein Höhepunkt des Filmjahres!

    Nebenbei wurde der Film zu einem kleinen Denkmal für das Funkhaus. 60 Prozent des Hauses sollen verkauft werden.

    Ruth Beckermann Ö 2016 89 Min.