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  • „EMILIA PÉREZ“ Filmkritik: Jacques Audiard gelingt mit seinem Gender-Gangster-Musical ein wahres Kunststück.

    „EMILIA PÉREZ“ Filmkritik: Jacques Audiard gelingt mit seinem Gender-Gangster-Musical ein wahres Kunststück.

    ★★★★★

    Mit Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña, Selena Gomez, Édgar Ramírez Regie Jacques Audiard
    Ab 14 Länge 130 Min.

    Der französische Regisseur Jacques Audiard ging gemeinsam mit seinen drei großartigen Hauptdarstellerinnen Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña und Selena Gomez ein großes Risiko ein: In EMILIA PÉREZ verhandeln sie die Themen Transgender und Geschlechtsumwandlung genauso, wie die Kartellkriminalität und dem damit verbundenen Verschwinden zehntausender Menschen in Mexiko und verpacken es in ein Thriller-Musical. Das war so nicht zu erwarten. Nun treten sie einen Siegeszug um die Welt an und könnten sogar Filmgeschichte schreiben.

    Kurzkritik

    Im mexikanischen Kartellboss Manitas del Monte schlummern seit seiner Kindheit Gefühle, die der brutale Gangster tief in seinem Innersten verborgen hält. Nicht auszudenken, käme heraus, dass er lieber eine Frau wäre. Mit Hilfe der smarten Anwältin Rita Moro gelingt es ihm als Emilia ein neues Leben zu beginnen. Beide Male gespielt von Karla Safia Garscón, die in ihrer unglaublichen Wandlungsfähigkeit immer wieder den Kartellboss durchscheinen lässt und ihn im nächste Moment wieder vergessen macht.

    Zoë Saldaña ist als Anwältin Rita Teil des Kartellsystems und von Gewissensbissen geplagt. Manitas Entscheidung verändert nicht nur ihr Leben, sondern auch das dessen Frau Jessi, gespielt von Selena Gomez, der Dritten im Bunde. Sie und die Kinder sind nicht in die Pläne Manitas eingeweiht.

    Changing the body, changes society

    changing society, changes the soul

    changing the soul, changes society

    changing society, changes it all.

    Rita Moro in EMILIA PÉREZ.

    Es sind eine Vielzahl an Themen, die hier verhandelt werden: die Frage nach der eigenen Identität, die Gewalt und Korruption in Mexiko und die damit verbundene enorm hohe Zahl an Vermissten im Land. Damit das alles in 130 Minuten passt, ist das Erzähltempo hoch. Ermöglicht wird das aber erst durch die zahlreichen Musiknummern, von denen nicht wenige ins Ohr gehen und die die Handlung vorantreiben. Manchmal schrammt Audiard haarscharf am Kitsch vorbei aber alles in allem ist das nichts, was man dem Film vorwerfen könnte (Man könnte anmerken, dass der Film in einer Soundstage in Frankreich gedreht wurde und ohne mexikanische Darstellerinnen auskommt und es wäre natürlich interessant, wie der Film in Mexiko aufgenommen wurde.).

    Die grandiose Choreografie (nur ein Höhepunkt ist eine Szene, in der Schnellfeuerwaffen im Rhythmus zusammengebaut werden) stammt von Damien Jalet, der sich mit Musikvideos von Madonna einen Namen gemacht hat und auch für die Choreografie von Luca Guardagninos SUSPIRIA verantwortlich zeichnet.

    EMILIA PÉREZ wurde in Cannes ausgezeichnet, räumte beim Europäischen Filmpreis ab und ist für 10 Golden Globes nominiert. Es könnte der nicht englischsprachige Film mit den meisten Oscar Nominierungen aller Zeiten werden. Was wäre, wenn wenige Wochen, nachdem Donald Trump seine zweite Amtszeit angetreten hat, mit Karla Safia Garscón erstmalig eine Transgender Frau als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet werden würde? Ist Hollywood soweit? Was hätte das für Folgen? Nicht nur deshalb ist EMILIA PÉREZ der Film der Stunde.


    EMILIA PÉREZ, Frankreich 2024
    Musical, Thriller Ab 14 Länge 130 Min.
    Regie und Drehbuch Jacques Audiard Kamera Paul Guilhaume Schnitt Juliette Welfling
    Musik Camille, Clément Ducol Mit Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña, Selena Gomez, Édgar Ramírez


    EMILIA PÉREZ ist ab 12 Jahren freigegeben. Da bei THE REEL THERAPIST ein besonderes Augenmerk darauf gelegt wird, welche Filme für ein jüngeres Publikum geeignet sind, werden offizielle Freigaben immer wieder noch oben oder unten korrigiert. Dieser Film ist selbst für Kinder, die schon einiges gesehen haben und ihre Erfahrungen im Kino sammeln konnten, aufgrund der Komplexität der angesprochenen Themen und der Brutalität nicht ab 12 Jahren geeignet. Daher die Empfehlung ab 14 Jahren.


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  • „DER WILDE ROBOTER“ Filmkritik: Tiefschwarzer Humor zwischen Natur und Technik

    „DER WILDE ROBOTER“ Filmkritik: Tiefschwarzer Humor zwischen Natur und Technik

    ★★★★★
    Mit Lupita Nyong’o, Pedro Pascal Regie Chris Sanders
    Ab 6 Länge 102 Min.

    Der Serviceroboter Rozzum 7134 strandet auf einer unbewohnten Insel. Unbewohnt? Nicht ganz. Fernab jeglicher Technologie ist der Ort ein Tier- und Naturparadies, indem sich der Roboter erst zurecht finden muss. Roz erlernt Tiersprachen und wird unverhofft zur Adoptivmutter für eine Ente. DER WILDE ROBOTER ist einer der schönsten und unterhaltsamsten Animationsfilme der jüngsten Zeit.

    The Wild Robot. Chris Sanders, USA 2024

    Kurzkritik

    Es ist ein leidiges Thema: das Filmangebot für die Jüngsten ist frustrierend. Nicht, dass die Kleinen schlecht unterhalten werden aber als Erwachsener hat man nunmal höhere Ansprüche. Und wenn der x-te 60-minütige Serienableger in die Kinos kommt und als Kinofilm verkauft wird, kommt man sich veräppelt vor. Dann gibt es aber wieder Lichtblicke und DER WILDE ROBOTER ist so einer. Einmal mehr zeigt sich, dass der Animationsfilm das kann, was dem Realfilm nur selten gelingt, nämlich Jung und Alt gleichermaßen gut zu unterhalten. Im Grunde auch das Geheimnis der Erfolgsgeschichte, wie ich meine.

    „Wird man Zeuge eines Todes, ist das eigene Leben gleich viel schöner.“

    Dann können schon mal solche Zeilen vorkommen wie in DER WILDE ROBOTER. Der strotz nämlich nur so vor schwarzhumorigen Pointen. die tun den Kindern nicht weh, so sie überhaupt ankommen und für uns sind sie einfach ur komisch. Zudem ist es eine sehr berührende Geschichte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es einer Maschine gelingen kann, derartige Emotionen bei uns hervorzurufen.

    Daneben werden wir mit einem wunderschönen Animationsstil belohnt, der hier nicht versucht, hyperrealistische Bilder zu erzeugen, sondern teils eher an die Ursprünge des Zeichentrickfilms erinnert und das in Kombination mit heutiger Technologie. Regisseur und Drehbuchautor Chis Sanders hatte dabei sowohl Hayao Miyazaki im Sinn, wie auch die Malerei von Claude Monet. Die Mischung ist auf allen Ebenen gelungen.

    DER WILDE ROBOTER (OT: THE WILD ROBOT ), USA 2024
    Animationsabenteuer Ab 6 Länge 102 Min.
    Regie und Drehbuch Chis Sanders Schnitt Mary Blee
    Musik Chris Bowers Mit Lupita Nyong’o, Pedro Pascal


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  • „THE SUBSTANCE“ Filmkritik: feministischer Body-Horror mit Demi Moore in der Rolle ihres Lebens.

    „THE SUBSTANCE“ Filmkritik: feministischer Body-Horror mit Demi Moore in der Rolle ihres Lebens.

    ★★★★
    Mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid Regie Coralie Fargeat
    Ab 16 Länge 141

    Von ihrem Luxusappartement aus blickt der TV-Star Elisabeth Sparke (Demi Moore) auf eine riesige Reklametafel mit ihrem Konterfei als Fitnesstrainerin. Als das Plakat unsanft entfernt wird, ist klar, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Mit 50 Jahren ist sie dem Senderchef Harvey (Denis Quaid) zu alt. Eine Nachfolgerin wird gesucht. Da bekommt Elisabeth ein mysteriöses Angebot: sie kann mittels einer Substanz die beste (jüngere) Version ihrer selbst erschaffen. In THE SUBSTANCE thematisiert Regisseurin Coralie Fargeat mit wenig Dialogen und dabei umso drastischeren Bildern, die so manche wohl an die Grenzen des Erträglichen führen könnten, den Jugendwahn unserer Gesellschaft.

    Margareth Qualley in THE SUBSTANCE von Coralie Fargeat

    Kurzkritik

    Demi Moore geriet in den letzten Jahren mehr wegen ihres Aussehens in die Schlagzeilen, als aufgrund von schauspielerischen Erfolgen. Immerhin spielt die 61-Jährige nun die Rolle eines 50-jährigen TV Stars. Abgesehen davon kann sie ihre Rolle in THE SUBSTANCE als künstlerischen Erfolg verbuchen (es gibt Oscar-Gemauschel aber Vorsicht, es ist erst Oktober). Es ist ein Manager, gespielt von Dennis Quaid (im realen Leben 70 Jahre alt und seine Rolle ist kaum jünger anzusetzen), der der Meinung ist, sie sei zu alt für ihren Job.

    Dennis Quaid gibt einen lüsternen, alten weißen Mann ohne jegliche Tischmanieren und ist dabei, so wie alle männlichen Rollen in dieser Geschichte ein wahr gewordener Blondinenwitz. Sie haben in THE SUBSTANCE zwar eindeutig mehr Text aber es ist eigentlich nur Mist, den sie von sich geben und das gefilmt mit Weitwinkelobjektiv á la Lanthimos, sodass deren Nasen fast in den Popcorntüten im Kinosaal stecken.

    Das Experiment mit dem besseren Ich geht schief, soviel sie verraten. Der Deal ist an Bedingungen geknüpft. Das ermöglicht es dem Film, sich im Horrorfach auszutoben. Es kommt zu einem Interessenkonflikt zwischen Elisabeth und ihren zweiten Ich Sue, gespielt von Margaret Qualley. Es beginnt ein Horrortrip, bei der Umsetzung dessen Finales das Special Effect Department eine Menge Spass gehabt haben dürfte.

    Qualleys Rolle ist allerdings auch nicht zu unterschätzen, muss sie doch sehr hohe Erwartungen an ihr Äußeres erfüllen und damit mit allein ist es der Glaubwürdigkeit Willen natürlich nicht getan.

    Es ist aber gerade die letzte halbe Stunde, in der die Situation eskaliert, die THE SUBSTANCE eine unnötige Überlänge beschert. Was bleibt ist Demi Moore in einer ihre Karriere überragende Rolle in einem Fantasyfilm, der zu keinem Zeitpunkt in einer realen Welt spielt und sich vielleicht gerade deswegen in paar Auslassungen erlaubt, an denen sich womöglich ein Teil des Publikums stören könnte. Alles in allem ist diese Horrorsatire aber spannend mit einer tollen Besetzung und anschaulichen Sets umgesetzt und daher auf jeden Fall sehenswert!

    Coralie Fargeat gewann bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch.

    THE SUBSTANCE, UK/USA/F 2024
    Horror Ab 16 Länge 142 Min.
    Regie und Drehbuch Coralie Fargeat Kamera Benjamin Kračun Schnitt Jérôme Eltabet
    Musik Raffertie Mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid


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  • „FAVORITEN“ Filmkritik: Ruth Beckermanns Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems

    „FAVORITEN“ Filmkritik: Ruth Beckermanns Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems

    ★★★★ ½
    Mit Ilkay Idiskut Regie Ruth Beckermann
    Ab 7 Länge 118 Min.

    Eine Klasse mit 21 Kindern. Alle sprechen fließend Deutsch. Bei jeder Aktivität sind gleich 10 Eltern vor Ort. Bei Problemen bekommen die Kinder extra Betreuung von einer Sozialpädagogin. Fällt eine Lehrkraft aus, findet man Ersatz. So ist das bei uns in der Wiener Leopoldstadt. Und dann gibt es Schulen wie in Ruth Beckermanns sehenswerter Langzeitbeobachtung FAVORITEN. 

    Kurzkritik

    Gut eine Reihe mehr steht hier an Tischen in der Klasse. Es ist die größte Volksschule in Wien im Flächenbezirk Favoriten. Vorne steht Ilkay Idiskut. Einfühlsam, engagiert und ambitioniert steuert sie die Klasse durch die vier Jahre der Volksschule. Die ersten vier Jahre der Schulpflicht in Österreich (die eigentlich eine Unterrichtspicht ist). Für alle Kinder gleich und doch nicht.

    Das marode Schulsystem hier aufzuarbeiten würde den Rahmen sprengen. Ruth Beckermann gelingt es in ihrer Dokumentation zahlreiche Themen anzusprechen. Ohne Kommentar, ohne sie zu werten. Sie sind ohnehin offensichtlich. 

    Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Kindern mit Migrationshintergrund in Österreich widerfährt. Wobei man sagen muss, dass die Sprachkompetenz eine wesentliche Rolle spielt. Hier geboren, ist Deutsch eine große Herausforderung, weil es weder zu Hause, noch im sozialen Umfeld gesprochen wird.

    FAVORITEN zeigt das auf. Nichts davon ist neu. Zeitgemäße pädagogische Konzepte liegen seit Jahrzehnten vor. Man muss sich unweigerlich die Frage stellen, ob das so gewollt ist. Gäbe es diese Probleme nicht, fehle dann nicht auch eine Projektionsfläche, an der sich die Politik tagtäglich so gerne abarbeitet?

    Ilkay Idiskut und ihre Schülerinnen in FAVORITEN von Ruth Beckermann

    Neben den schulischen Angelegenheiten hängt es auch an Idiskut kulturelle und soziale Aufklärung zu betreiben. Zum Beispiel hinsichtlich des Bildes, das die Jungen von Frauen haben oder sie muss sich zusätzlich um ein neu hinzugekommenes Kind kümmern, das dem Unterricht überhaupt nicht folgen kann. Eine Mammutaufgabe.

    Beckermann stellt die Kinder in den Vordergrund. Sie sind die Stars, die von Wien über Berlin bis Hong Kong von der Leinwand herunterlächeln. Teilweise sind es Kinder von Akademikern, die ratlos sind ob unseres Schulsystems, das die Kinder mit 10 Jahren beinhart selektiert und ihren Werdegang zwar nicht einzementiert aber sie doch in recht schwere Schuhe steckt. Davor werden die Kleinen noch mit Noten zur Verzweiflung gebracht. Ein konservativer Bildungstraum. Auf Seiten der Politik ein klares nicht genügend. Von den Kindern werden Leistungen erwartet aber im Gegenzug erfüllt der Staat seine eigenen Aufgaben nicht. Das System leidet an der Bürokratie und an Personalmangel.

    In einem Interview sagte Ruth Beckermann, dass sie und ihr Team am Ende eines Drehtages oft wütend die Schule verlassen haben. Viel Hoffnung steckt in FAVORITEN leider nicht. Nach vier Jahren werden die Kinder in eine ungewisse Zukunft entlassen. Die primären Aufgaben, die eine Volksschule erfüllen soll, können kaum bewältigt werden.

    FAVORITEN, Österreich 2024
    Dokumentation Ab 7 Länge 118 Min.
    Regie Ruth Beckermann Drehbuch Ruth Beckermann, Elisabeth Menasse Kamera Johannes Hammel Schnitt Dieter Pichler
    Mit Ilkay Idiskut, Alper, Amina, Arian, Beid, Dani, Danilo, David, Davut, Eda, Egemen, Elif, Enes, Fatima, Furkan, Hafsa, Ibrahim, Liemar, Majeda, Manessa, Melissa, Mohammed, Natalia, Nerjiss, Rebeca, Selen, Selin, Teodora und Valentin.


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  • „LOVE LIES BLEEDING“ Filmkritik: Famoses Drama von Liebe und Gewalt aus queerer Sicht im New Mexico des Jahres 1989.

    „LOVE LIES BLEEDING“ Filmkritik: Famoses Drama von Liebe und Gewalt aus queerer Sicht im New Mexico des Jahres 1989.

    ★★★★ ½
    Mit Kristen Stewart, Katy O`Brian, Ed Harris Regie Rose Glass
    Ab 16 Länge 104 Min.

    Eine Familie mit dunkler Vergangenheit, die sich bis in die Gegenart zieht und eine nahezu bedingungslose Liebe zwischen zwei Frauen im New Mexico des Jahres 1989. In diesem Kontext spielt LOVE LIES BLEEDING von Regisseurin und Drehbuchautorin Rose Glass, die mit Kirsten Stewart und Katy O`Brian in den Hauptrollen ihre eigene pulp fiction geschaffen hat.

    Darum geht es

    Lou (Kisten Stewart) arbeitet im Fitnessstudio ihres Vaters Lou Sr. (Ed Harris) und ist eigentlich nur noch in der Stadt, weil sie sich um ihre Schwester Sorgen macht, die von ihrem Ehemann misshandelt wird. Eines Tages taucht Jackie (Katy O`Brian) auf, die sich gerade auf einen Bodybuilding Contest in Las Vegas vorbereitet. Lou fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Es entwickelt sich eine hingebungsvolle Liebe zwischen den beiden und so wird Jackie in Lous Familiengeschichte mit hineingezogen. Jackie ist zu drastischen Maßnahmen bereit, um Lou für sich zu gewinnen. Es stellt sich heraus, dass Lou Sr. ein lokaler Gangster ist, der seinerseits auch nicht davor zurückschreckt, alles zu unternehmen, damit seine Machenschaften nicht auffliegen. Eine Spirale der Gewalt beginnt sich zu drehen, bei der sich alle Beteiligten nichts schenken und die in ein surreales Finale mündet.

    Katy O`Brian und Kirsten Stewart in LOVE LIES BLEEDING von Rose Glass.

    Kurzkritik

    Rose Glass lässt ihren Star Kirsten Stewart gleich zu Beginn tief in die Scheiße greifen und gibt damit gleich den Ton an. New Mexico. Neon. Bodybuilding. Die 1980er. Rohe Gewalt. LOVE LIES BLEEDING fühlt sich nicht nur deshalb vom ersten Moment an wie aus der Zeit gefallen. Anders als zahlreiche andere Filme und Serien, die mit der 1980er Nostalgie spielen, gelingt es Glass authentisch zu sein und es wirkt beinahe so, als hätte uns der Film tatsächlich durch eine Zeitkapsel aus einen Kinosaal der 1990er erreicht. Die Rohheit und die Grundstimmung von LOVE LIES BLEEDING erinnert an das Kino jener Zeit, in der noch nicht alles auf Markttauglichkeit geprüft werden musste und man sich noch FKS 16 leiten konnte. Es musste nicht allen Gefallen und war trotzdem erfolgreich.

    Love Lies Bleeding ist kein Abklatsch einer vergangenen Ära, sondern Glass zitiert ihre Vorbilder wohlbelacht, fügt neue Perspektiven ein und schafft, mit ihrem nach SAINT MAUD zweiten Spielfilm, ein eindringliches Stück gegenwärtiges Kino, das bereits Vorfreude drauf entfacht, was da noch so alles von ihr kommen mag.

    LOVE LIES BLEEDING, UK/USA 2024
    Thriller Ab 16 Länge 104 Min.
    Regie Rose Glass Drehbuch Rose Glass, Weronika Tofilska Kamera Ben Fordesman 
    Schnitt Mark Towns Musik Clint Mansell Mit Kristen Stewart, Katy O`Brian, Ed Harris


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  • „A KILLER ROMANCE“ Filmkritik: Spaßige Sommerkomödie mit Nostalgiefaktor und einem neuen Star

    „A KILLER ROMANCE“ Filmkritik: Spaßige Sommerkomödie mit Nostalgiefaktor und einem neuen Star

    ★★★★
    Mit Glen Powell, Adria Arjona, Austin Amelio Regie Richard Linklater
    Ab 14 Länge 116 Min.

    Es ist eine reichlich verrückte Geschichte, die uns Regisseur Richard Linklater und sein Hauptdarsteller Glen Powell hier vorlegen. Ein Philosophieprofessor, der mit der Polizei zusammenarbeitet und sich dabei als falscher Profikiller ausgibt und so als Lockvogel fungiert. Kaum zu glauben aber wahr: den Mann gab es wirklich. A KILLER ROMANCE ist der erste Film des Regisseurs seit 2016, der bei uns regulär im Kino angelaufen ist.

    Glen Powell A Killer Romance Richard Linklater
    Glen Powell in A KILLER ROMANCE

    Kurzkritik

    Profikiller (im englischen Hit Man, so wie der originale Filmtitel) sind aus dem Kino nicht wegzudenken. Quer durch alle Genres sind sie zu finden, ein mal knallhart und brutal und dann wieder tollpatschig und urkomisch. Doch gibt es sie wirklich? Der Protagonist aus A KILLER ROMANCE stellt das gleich zu Beginn in Frage. Würde jemand für ein paar tausend Dollar ein Geschäft mit einer wildfremden Person eingehen, das ihn am Ende für immer ins Gefängnis bringen könnte? Eigentlich ein absurder Gedanke. In der Welt von Richard Linklater gibt es ihn auch nicht, denn Gary (Glen Powell) ist fake. Jedoch sehr erfolgreich indem was er tut, bis er alle Prinzipien über Board wirft und sich in eine Frau, die ihren Mann umbringen lassen möchte, verliebt. Dadurch ergeben sich zahlreiche witzige Situationen, die A KILLER ROMANCE zu einem sehr unterhaltsamen Sommerfilm machen.

    Glen Powell, Richard Linklater and Adria Arjona @ the set of HIT MAN.
    Glen Powell, Richard Linklater und Adria Arjona am Set von HIT MAN.

    Es ist die erste große Rolle für Glen Powell, der gemeinsam mit Linklater das Drehbuch verfasst hat. Und eigentlich muss es heißen: a star is born. Powell hat Potential und gerade im vor sich hindümpelnden Komödienfach ist jedes neue Talent eine Wohltat. Die Chemie stimmt zwischen Adria Arjona und Glen Powell, was sie in einem fulminanten Höhepunkt Beweisen können. Linklater blickt mit einer Collage zurück in eine längst vergangene Zeit Hollywoods, in der Killer cool und sexy waren.

    Nicht zuletzt dank der zwei großartigen Hauptdarsteller bietet A KILLER ROMANCE beste Unterhaltung und Richard Linklater stellt einmal mehr sein Gespür für das Komödienfach unter Beweis.

    TITEL A Killer Romance (OT: Hit Man ), USA 2023
    Krimikomödie Ab 14 Länge 116 Min.
    Regie Richard Linklater Drehbuch Richard Linklater, Glen Powell, Austin Amelio Kamera Shane F. Kelly Schnitt Sandra Adair
    Musik Graham Reynolds Mit Glen Powell, Adria Arjona


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  • „CHALLENGERS“ Filmkritik: Matchpoint für Zendaya & Co

    „CHALLENGERS“ Filmkritik: Matchpoint für Zendaya & Co


    ★★★★
    Mit Zendaya, Josh O’Connor, Mike Faist Regie Luca Guadagnino
    Ab 14 Länge 131 Min.

    Jeder Schlag knallt wie ein Schuss durch den Kinosaal. In Luca Guadagninos CHALLENGERS (in der deutschen Fassung mit dem unnötigen Zusatz Rivalen) ist der Centercourt aber nur vordergründig die Kampfzone. Welche Spannungen zwischen dem Dreiergespann Patrick (Josh O’Connor), Art (Mike Faist) und Tashi (Zendaya) tatsächlich herrschen, erfahren wir nach und nach durch Rückblenden. Vor uns setzt sich ein Puzzle zusammen und man wartet geradezu darauf, dass Blut fließt aber Guadagnino hat diesmal anderes mit uns vor. So gesehen ist sein neuerster Film CALL ME BY YOUR NAME näher als man zumindest dem Trailer nach vermuten möchte.

    Josh O’Connor und Zendaya in CHALLENGERS, USA 2024

    Kurzkritik

    Der Tennissport hat schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Gibt es eine nationale Identifikationsfigur, verhilft das dem Sport sofort zu einem Popularitätshoch. Oder aber es kommt ein Hollywoodstar, wie die 27-jährige Zendaya und auf einmal ist sogar Tennismode wieder im Gespräch.

    Allerdings weniger bei den Erstklässlern, weil CHALLENGERS nicht Bibi & Tina auf dem Centercourt ist, sondern ein Drama von Regisseur Luca Guadagnino (SUSPIRIA). Da reden wir mal vorsichtig von 14 plus. Es ist eine vielversprechende Kombination und soviel sei verraten: die Rechnung geht auf.

    Damit das Trio komplett wird und sich ein wunderbares Dreiecksdrama entfalten kann, gesellen sich noch Josh O‘Connor (Charles in THE CROWN) und Mike Faißt (in bleibender Erinnerung als Riff in Steven Spielbergs WEST SIDE STORY) dazu. Die beiden Männer buhlen um ihre Aufmerksamkeit – nicht nur, sondern auch um jene zueinander. Der Spannung ist das nur zuträglich. CHALLENGERS gipfelt in einem überraschenden, wie gelungenen Finale. Die Geschichte ist in drei Sätzen um ein zentrales Match gebaut, dass wir mit Unterbrechungen von der ersten Szene an verfolgen. Nach und nach breitet sich vor uns in Rückblicken die gemeinsame Vergangenheit aus und dekonstruiert die drei Charaktere. Dadurch ändert sich ständig das Bild, das wir uns von ihnen und ihren Beziehungen zueinander gemacht haben.

    Der Soundtrack stammt von Trent Reznor und Atticus Ross und die beiden setzen ihrem bemerkenswerten Erfolgskurs fort. Auch die Musik zu CHALLENGERS bleibt in Erinnerung und trägt mit ihrem lauten von Techno inspirierten Soundtrack entscheidend zum Stil des Filmes bei.

    Einmal zeigt uns Guadagnino einen Ballwechsel aus der Sicht des Balles. Das ist ganz schon überdreht, zeigt aber, dass CHALLENGERS wenig Rücksicht auf ein bestimmtes Publikum nimmt. Ein offener Umgang mit Sexualität ist im Mainstream kaum mehr zu finden. Aus Rücksicht vor Kindern und Familien, weil jeder Film für alle gemacht sein muss. Hier ist das erfrischend anders. Guadagnino hat ein um ein paar Jahre älteres Publikum im Sinn. Das tut dem Film gut und ist leider eine Seltenheit geworden.

    CHALLENGERS hat einen kleinen Hype ausgelöst. Eine überbordende Rezeption muss nicht immer nachteilig sein. Der Film hat es sich verdient. Luca Guadagnino ist mit drei großartigen Darstellern ein spannendes, wie unterhaltsames Drama aus der Welt des Tennissports geglückt.

    TITEL CHALLENGERS, USA 2024
    Drama Ab 14 Länge 131 Min.
    Regie Luca Guadagnino Drehbuch Justin Kuritzkes Kamera Sayombhu Mukdeeprom Schnitt Marco Costa
    Musik Trent Reznor, Atticus Ross Mit Zendaya, Josh O’Connor, Mike Faist


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  • „CIVIL WAR“ Filmkritik: Ein Blick in eine dystopische Zukunft der USA

    „CIVIL WAR“ Filmkritik: Ein Blick in eine dystopische Zukunft der USA

    ★★★★ ½

    CIVIL WAR. Mit Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny, Stephen Henderson, Jesse Plemons Regie Alex Garland Ab 16 Länge 109 Min.

    Lee Smith hat schon viel gesehen und das ist der von Kirsten Dunst verkörperten Fotojournalistin ins Gesicht geschrieben. In Alex Garlands (Die Auslöschung) CIVIL WAR begibt sie sich mit eine Gruppe von Journalisten Richtung Washington DC. Doch die Reise durch das Land ist eine gefährliche. Der Präsident befindet sich in seiner nicht verfassungskonformen dritten Amtszeit und es tobt ein Bürgerkrieg zwischen Kalifornien und Texas auf der einen und einer Konföderation auf der anderen Seite. Die Western Forces sind dabei den Präsidenten auszuschalten und Lee und ihre Begleiter möchten dabei sein. Das Roadmovie wirft einen fiktiven und düsteren Blick in eine nahe Zukunft der USA.

    Jessie (Cailee Spaeny) als froschgebackene Fotojournalistin in CIVIL WAR von Alex Garland (UK/USA 2024)

    Kurzkritik

    Wie kam es dazu, dass von den Vereinigten Staaten nichts mehr übrig geblieben ist? Wer ist das genau, der da im Weissen Haus sitzt? Warum hat er den Platz nicht für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger frei gemacht? Den politischen Hintergrund blendet Regisseur und Drehbuchautor Alex Garland völlig aus. Die Allianz zwischen Kalifornien und Texas ist abstrakt genug, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, hier Parallelen zu aktuellen politischen Lagern zu ziehen. Das kann dort und da vielleicht für Irritationen sorgen, im Grunde ist es aber ein kluger Schachzug, diese nicht unwesentlichen Details komplett bei Seite zu schieben.

    CIVIL WAR erzählt von einer Schicksalsgemeinschaft, die quer durchs Land reist und dabei von einer haarigen Situation in die nächste schlittert. Wenn der Nachbar zum Feind wird, weil man seine politische Einstellung nicht teilt oder seine Herkunft nicht amerikanisch genug ist, kann in einem Land, in dem die Zivilbevölkerung derart hochgerüstet ist, jede Begegnung zu einer tödlichen Falle werden. Das ist die angespannte Atmosphäre, die uns in den Kinosessel fesselt.

    Lee Smith ist unterwegs mit ihrem Kollegen Joel (Wagner Moura) einem Journalist von Reuters. Hinzu kommt der New York Times Veteran Sammy (Stephen Henderson) und die unerfahrene Jessie (Cailee Spaeny). Sie verbindet der Ehrgeiz nach dem perfekten Foto und der exklusivsten Story. Als embedded journalists sind sie vorne an der Front. Auch davon erzählt CIVIL WAR. Wie nämlich die Bilder entstehen, die uns tagtäglich aus Krisenregionen erreichen. Dafür riskieren sie ihr Leben.

    Für jenen Moment, in dem wohl alle den Atem anhalten, sorgt Jesse Plemons. In seinem Aufritt sieht man den ganzen Zerfall einer Nation. Dafür lässt es sich quälend viel Zeit. Eine Glanzleistung.

    Es ist ein brutales und erschreckendes Bild, das uns Garland hier vorsetzt und es zeigt einmal mehr, wie dünn die Fäden der sogenannten Zivilisation sind. Das Thema ist brisant. Bleibt zu hoffen, dass diese Dystopie auch in Zukunft nur eine Fiction für die Leinwand ist.

    Titel CIVIL WAR, UK/USA 2024
    Thriller Ab 16 Länge 109 Min
    Regie/Drehbuch Alex Garland Kamera Rob Hardy Schnitt Jake Roberts
    Musik Geoff Barrow, Ben Salisburi Mit Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny, Stephen Henderson, Jesse Plemons


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • DIE BESTEN FILME 2023 (Oscars 2024)

    DIE BESTEN FILME 2023 (Oscars 2024)

    Die 96. Verleihung der Academy Awards, die alle nach der überreichten Statuette Oscars nennen, begann diesmal 5 Minuten zu spät – oder doch 55 Minuten zu früh? Jedenfalls nach unserer Zeitrechnung um Mitternacht. Ein Detail, das hierzulande nur alle jene betrifft, die alle Jahre wieder in einem Kino oder vor dem Fernseher ausharren, um das Ereignis live mitzuerleben. Es war gleich zu Beginn Thema in der Moderation von Jimmy Kimmel und wird am Ende, soviel darf jetzt verraten werden, nach dreieinhalb Stunden völlig irrelevant gewesen sein. Abgesehen davon, dass um 3:30 keine U-Bahn nach Hause fährt.

    Erfreulicherweise hat das schon starke Filmjahr 2022 (hier nachzulesen) im Folgejahr eine würdige Fortsetzung gefunden. Neuerlich waren die 10 in der Kategorie Bester Film nominierten Filme allesamt sehenswert. Und nicht nur die. Oppenheimer von Christopher Nolan wurde seiner Favoritenrolle gerecht. Es gab aber durchwegs mehr Überraschungssieger, als es im ersten Moment den Anschein hat.

    Titelbild: Cillian Murphy in Oppenheimer

    Quelle: Wikipedia

    Die Oscars

    7 Oscars für Oppenheimer und somit gleichviele wie Everything Everywhere All At Once (Prime Video), der Überraschungssieger aus 2023. Für die Statistik: Christopher Nolans Epos ist nun einer von fünf Filmen, denen das in den letzten 25 Jahren geglückt ist. Setzt man die Zahlenspiele fort, so hat Poor Things mit vier Preisen in diesem Jahr die Rolle von Im Westen nichts Neues (Netflix) übernommen. Apropos Streamingdienste: Die schauten in diesem Jahr ziemlich durch die Finger. Wes Anderson erhielt fast unbemerkt seinen ersten Oscar für den Kurzfilm The Wonderful Story of Henry Sugar (Netflix), den ersten einer vierteiligen Serie von Kurzgeschichten des Autors Roald Dahl. Es sollte die einzige Auszeichnung für Netflix bleiben. Dabei hatten Netflix und Apple zusammen 32 Nominierungen. Bei Apple ging man mit Killers of the Flower Moon komplett leer aus. Netflix hatte sich mit May December mit Julianne Moore und Natalie Portman (ab 6. Juni im Kino) wohl auch mehr Erfolg erwartet, wurde aber bereits im Vorfeld mit nur einer Nominierung bedacht.

    Vor 20-30 Jahren hätte Martin Scorsese vermutlich alle 10 Preise erhalten. Doch heute gibt es mit Christopher Nolan jemanden, der Gegenwartskino macht. Scorsese wirkt da etwas aus der Zeit gefallen. Paradoxerweise gilt das nicht für den Inhalt. Hier ist Scorsese mehr als aktuell. Nolan wiederum verweigert sich einem aktuellen Diskurs zur Atombombe. Eine Thematik, die sich gerade wieder mit großen Schritten auf uns zubewegt. Weswegen ich Oppenheimer auch für überschätzt halte.

    POOR THINGS von Giorgos Lanthimos

    In der Kategorie für die Beste Regie alle Jahre wieder die Diskussion der unterrepräsentierten Frauen. Diesmal immerhin mit einer Nominierung für Justine Triet (Anatomie eines Falles). Greta Gerwig ging mit Barbie leer aus aber gegen wen tauschen, in dem hochqualitativen Feld? Es sind nach wie vor nur 5 Nominierungen möglich. Einen Oscar gab es für Barbie. Es war der zweite innerhalb von zwei Jahren für Billie Eilish. Interessanterweise wurde, wie es zu erwarten war, What was i made for? als Bester Song ausgezeichnet und nicht I’m just Ken. Die Performance von Ryan Gosling war der angekündigte Höhepunkt des Abends. Viele mehr gab es nicht.

    Ein weiterer war da noch der traditionell als erster vergebene Preis an die großartige Da’Vine Joy Randolph für The Holdovers. Mit Ansage aber sie ist einfach eine Wucht. Zu den zwei größten Überraschungen zählte, dass die Academy Der Junge und der Reiher von Hayao Miyazaki den Vorzug gegenüber Spider-Man: Across the Spider-Verse gab. Dann war da noch ein zweiter Oscar für The Zone of Interest für den Besten Ton. Jeder, der den Film gesehen hat, weiß, was die Tonspur in Jonathan Glazers Film für eine bemerkenswerte Rolle spielt.

    Das Filmjahr

    Christian Petzolds ROTER HIMMER (D 2023)

    Wie eingangs erwähnt, war 2023 neuerlich ein gutes Filmjahr und wie immer dauert es bis weit ins Jahr hinein, bis man sich davon ein Bild machen kann. Da wären die Festivals im Winter und im Frühjahr, deren Filme so gut wie immer erst im Herbst bei uns anlaufen. Dazu komprimiert sich das Jahr ohnehin im letzten Viertel, wenn es in die heiße Phase um diverse Filmpreise geht.

    Wieder hatte die Viennale ein starkes Programm anzubieten und wieder gingen für mich zahlreiche Filme entweder mangels Übersicht unter oder es war aufgrund der Programmierung nicht möglich alle einzuplanen. Das ist wie immer schade. Wenigstens sind es Filme, die in den folgenden Monaten dank Verleih regulär ins Kinoprogramm aufgenommen wurden.

    Tiefgründige Filme von Celine Song, die mit Past Lives einen richtigen Publikumsliebling über das Thema Migration geschaffen hat (siehe auch Return to Seoul von Davy Chou aus dem Jahr 2022), Wim Wenders, Christian Petzold und Jonathan Glazer prägten das vergangene Jahr. Ebenso wie der Marketingcoup Barbenheimer, der den Kinos gut gefüllte Säle bescherte. Mit The Holdovers von Alexander Payne kam verspätete aber doch ein zukünftiger Weihnachtsklassiker in die Kinos.

    DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG (Tarik Saleh, SWE/F/FIN/DEN 2023)

    Yannick von Quentin Dupieux war der unterhaltsame Höhepunkt des Jahres und Abschlussfilm der Viennale 2023 (Zu sehen bei Mubi). Mit Dungeons and Dragons: Ehre unter Dieben könnte ein sympathisches Franchise gestartet sein. Fortsetzung wahrscheinlich.

    Die Bestenliste 2023. Wie immer gilt bei THE REEL THERAPIST alles ab einer 4 ★ Bewertung als Empfehlung. Anschließend sind sämtliche Filme aus dem Produktionsjahr 2023 aufgelistet, die ich in dieser Saison gesehen habe. Es sind 53 Filme. Oft stellt sich mir bei Bestenlisten die Frage, aus welchem Grund der ein oder andere Film nicht vertreten ist. So lässt sich die Auswahl besser einordnen.

    Die besten Filme 2023

    ★★★★★

    Geliebte Köchin

    The Holdovers

    Killers of the Flower Moon (Apple TV)

    Mars Express

    Past Lives – In einem anderen Leben (Amazon Prime/Apple TV €)

    Perfect Days (Mubi)

    Roter Himmel

    Spider-Man: Across the Spider-Verse

    The Zone of Interest

    Yannick (Mubi)

    ★★★★ ½

    All of us Strangers

    Barbie

    La Chimera

    Der Junge und der Reiher

    Die Kairo Verschwörung (Amazon Prime/Apple TV €)

    Kuru Otlar Üstüne

    Maestro (Netflix)

    Wonka

    ★★★★

    Air: Der große Wurf (Amazon Prime)

    American Fiction (Amazon Prime)

    Anatomie eines Falles (Amazon Prime/Apple TV €)

    Dream Scenario

    Dungeons and Dragons: Ehre unter Dieben (Paramount+)

    El Conte (Netflix)

    Ein Glücksfall

    How To Have Sex (Amazon Prime/Apple TV €)

    Monster (Kaibutsu)

    Der Killer (Netflix)

    The Lost King (Amazon Prime/Apple TV €)

    Nyad (Netflix)

    Oppenheimer (Amazon Prime/Apple TV €)

    Poor Things (Disney+)

    Rickerl – Musik is höchstens a Hobby

    Robot Dreams (demnächst bei Apple TV)

    Rustin (Netflix)

    Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem (Paramount+)

    Komplette Liste der gesehenen Filme mit Premiere im Jahr 2023

    AIR | ALL OF US STRANGERS | AMERICAN FICTION | ANATOMIE EINES FALLS | BARBIE | BLACKBERRY | THE BOY AND THE HERON | THE CREATOR LA CHIMERA | DREAM SCENARIO | DUNGEONS AND DRAGONS: EHRE UNTER DIEBEN | EUROPA | FALLENDE BLÄTTER | FALCON LAKE | GELIEBTE KÖCHIN | EIN GLÜCKSFALL | A HAUNTING IN VENICE | THE HOLDOVERS | HOW TO HAVE SEX | L’IMMENSITA | INDIANA JONES UND DAS RAD DER ZEIT | KAIBUTSU | DIE KAIRO-VERSCHWÖRUNG | KILLERS OF THE FLOWER MOON | KURU OTLAR ÜSTÜNE | DAS LEHRERZIMMER | THE LOST KING | MARS EXPRESS | MAY DECEMBER | NAPOLEON | MIRACULOUS – LADYBUG AND CAT NOIR | MISSION: IMPOSSIBLE – DEAD RECKONING PART 1 | NIMONA  | THE OLD OAK | |OPPENHEIMER | PASSAGES | PAST LIVES | PERFECT DAYS | POOR THINGS | PRISCILLA | RICKERL: MUSIK IS HÖCHSTENS A HOBBY | ROBOT DREAMS | ROTER HIMMEL | RUSTIN | SHE CAME TO ME | SIMPLE COMME SYLVAIN | IL SOL DELL’AVVENIRE | SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDER-VERSE | STELLA. EIN LEBEN | TENAGE MUTANT NINJA TURTLES: MUTANT MAYHEM | DIE THEORIE VON ALLEM | WALD | WONKA | YANNICK | THE ZONE OF INTEREST


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  • STELLA. EIN LEBEN. ★★★ ½

    STELLA. EIN LEBEN. ★★★ ½

    Mit Paula Beer, Jannis Niewöhner, Katja Riemann, Lukas Miko Regie Kilian Riedhof
    Ab 14 (falls historischer Kontext bereits bekannt) Länge 115 Min

    In STELLA. EIN LEBEN. nimmt sich Regisseur Kilian Riedhof der Geschichte von Stella Goldschlag an, die Anfang der 1940er zuerst von einer Karriere als Swing-Sängerin träumt und dann mit der Gestapo kooperiert, um ihr eigenes Leben zu retten. Es verleiht der Geschichte zusätzliche Brisanz, dass Goldschlag Jüdin war und duzende jüdische Mitmenschen verriet. Oder spielt ihre eigene Biografie am Ende gar keine Rolle? Riedhof stellt jedenfalls die Frage in den Raum, was wir getan hätten, wenn wir an Goldschlags Stelle gewesen wären.

    Paula Beer als Stella in STELLA. EIN LEBEN. (Kilian Riedhof, D 2024)

    Kurzkritik

    Der Film beginnt im Jahr 1940. Im häuslichen jüdischen Umfeld sind noch Konzerte möglich und Stella Goldschlag lebt für den Swing und für ihre Karriere. Dass Verwandte von Mitgliedern der Band bereits spurlos verschwinden, ist ihr nur eine abfällige Bemerkung wert. Vielleicht ist es nur die Fixierung auf die Karriere oder es blitzt hier schon durch, was noch bevor steht. Es ist jedenfalls ein sehr dynamischer, lebensfroher Einstieg in eine Geschichte, die vielen von uns neu ist und die uns zum Nachdenken bringen wird.

    Zeitsprung ins Jahr 1943. Goldschlag wird Zeugin einer Deportationsaktion in der Fabrik, in der sie arbeiten muss und entkommt nur knapp. Die Familie taucht unter und sie lernt den Passfälscher Rolf (Jannis Niewöhner) kennen. Sie zocken die jüdische Gemeinde regelrecht ab. Es ist wieder so ein Moment, der die ganze Ambivalenz der Figur deutlich macht.

    Ganz schlau wird man aus aber Stella Goldschlag nicht werden und selbst Regisseur Kilian Riedhof hat kein endgültiges Urteil über sie. Eine künstlerische Arbeit ist immer subjektiv und selektiv und das macht es für uns nicht einfacher. Natürlich hinterlässt die zentrale Szene, in der Goldschlag verhört und gefoltert wird, auch bei uns Spuren in der Meinungsbildung. Gleichzeitig dürften ihre Methoden, mit denen sie versteckt lebende Juden denunzierte, in der Realität noch drastischer gewesen sein, als es im Film zu sehen ist.

    Nach dem Krieg wurde Goldschlag zuerst 1946 durch ein Sowjetisches Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt. 1957 kam es zu einer weiteren Verurteilung, wobei ihr die erste Haftstrafe angerechnet wurde. Sie war eine persona non grata. Ein erster Selbstmordversuch misslang, 1994 ertrank sie mit 72 Jahren. Die Verhörprotokolle der beiden Prozesse bilden unter anderem die faktische Grundlage für STELLA. EIN LEBEN. Historische Genauigkeit war Riedhof und seinem Team sehr wichtig.

    „Wir wollten, dass die ZuseherInnen die Welt dieses Filmes als eine sehr gegenwärtige empfinden, weil wir glauben, dass diese Geschichte sehr gegenwärtig ist.“, so Kilian Riedhof. Das drückt sich vor allem in der Bildsprache aus. Keine großen Kamerafahrten, sondern dichte Einstellungen, in denen immer Gefahr lauern kann. Menschen, die ständig auf dem Sprung sind. Schnelle Zooms zeugen vom ständigen Beobachten und Beobachtetwerden. Gleichzeitig wird der Ku’damm als Sehnsuchtsort Goldschlags mit Pariser Flair inszeniert. Auf braune Naziuniformen wurde bewusst verzichtet.

    Kilian Riedhof konnte die Produzenten davon überzeugen, möglichst viel in Wien zu drehen: „Wir haben in Wien gedreht, was für uns ein großer Gewinn war. In Wien existieren noch diese großen, nicht enden wollenden Wohnungen. Diese entsprechen sehr den Wohnungen am Ku‘damm, so wie sie in Berlin waren, zur Zeit der 20er bis 40er Jahre. Das war für uns ein großes Geschenk, weil wir gerade zu Beginn die Lebenswelt der Berliner Juden mit all der Lebensfreude zeigen konnten, mit dem Charme, der in den Wiener Wohnungen vorhanden ist.“ In Berlin ist dahingegen entweder viel zerstört oder aber auch später modernisiert worden. Selbst die Inneneinrichtungen sind in Wien teils gut erhalten.

    Was macht nun STELLA. EIN LEBEN. mit dem Publikum? Als persönliche Erfahrung kann ich sagen, dass zu Beginn der Gedanke im Vordergrund stand, wie gerade eine Jüdin so etwas machen kann. Um ihr Leben zu retten (und anfangs auch das ihrer Eltern) verriet sie hunderte BürgerInnen (genaue Zahlen sind nicht bekannt). Am Ende geht es aber um einen Menschen und die Biografie spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn man bedenkt, dass sie tatsächlich unmittelbar um ihr Leben fürchten musste, befand sie sich immerhin in einer anderen Situation, als jene Mehrheit, die aktiv an den Nazigräueln beteiligt war. Steht uns ein Urteil zu?

    Kilian Riedhof stellt im Interview die Frage, was ein Leben Wert ist, dass auf Schuld aufbaut. Uns wohnt der urmenschliche Impuls des Überlebens inne. Vielleicht ist die Geschichte von Stella Goldschlag weniger Anlass über sie zu urteilen, als darüber nachzudenken, was wir tun würden. Und das bevor es soweit ist, denn viel Zeit hatte sie 1943 nicht, sich das zu überlegen, so Riedhof.

    In der Hauptrolle ist Paula Beer (ROTER HIMMEL) zu sehen, die zweifelsohne zu den gefragtesten deutschen Schauspielerinnen der Gegenwart zählt. Kein Wunder, dass ihre Persönlichkeit den Film ausfüllt. STELLA. EIN LEBEN. wirft eine spannende Frage auf. Zur Entscheidungsfindung trägt der Film nicht bei. Als moralischer Kompass eignet sich ein Unterhaltungsfilm wohl auch kaum. So lässt uns die Geschichte um Stella Goldschlag im ersten Moment ratlos zurück und man hofft insgeheim, niemals in ihre Lage zu geraten. Das ist gleichzeitig in Anbetracht der Weltpolitischen Lage nicht gerade die beste Strategie.

    STELLA. EIN LEBEN., D 2024
    Drama Ab 13 Länge 115 Min.
    Regie Kilian Riedhof Drehbuch Marc Blöbaum, Jan Braren & Killian Riedhof Kamera Benedict Neuenfels Schnitt Andrea Mertens
    Musik Peter Hinderthür Mit Paula Beer, Jannis Niewöhner, Katja Riemann, Lukas Miko, Joel Basman, Damian Hertung, Bekim Latifi, Gerdy Zint

    Dem Text liegt ein am 24. Jänner 2024 mit Kilian Riedhof geführtes Interview zu Grunde.


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