Schlagwort: 2017

  • STAR WARS: THE LAST JEDI

    STAR WARS: THE LAST JEDI

    Die heimlichen Stars eines Disney Animationsfilmes sind zumeist putzige Tiere. Manch einer mag sich denken, den Kinosaal verwechselt zu haben. Diese Woche startete nämlich auch „Ferdinand“ von Blue Sky/Fox. Aber nein, wir sind schon richtig. Star Wars hat jetzt auch seine Tierchen, die Porgs. Auch sonst ist einiges anders, in Rian Johnsons „Star Wars: The Last Jedi“.

    Nicht nur Filmfans werden dieser Tage mit Neuigkeiten zu Star Wars regelrecht überschwemmt. Die Maschinerie läuft auf Hochtouren. Die Euphorie ist groß. Die Presse spielt brav mit. Es scheint sich allerdings eine größere Divergenz zwischen den Meinungen der Kritiker und denen des Publikums anzubahnen. Die Saga ist ein Franchise mit Sonderstellung. Die Fangemeinde ist riesig und umfasst mehrere Generationen. Man braucht nur nächste Woche unter die Christbäume zu schauen. Klar, dass viele eine Meinung dazu haben.

    Wie schon „The Force Awakens“, lebt auch der achte Teil der Serie von vergangenen Tagen. Die Chronologie der Geschichte erlaubt es, die Lieblinge der Fans neuerlich einen Teil des Abenteuers sein zu lassen. Nostalgie als zentrales Geschäftsmodell. Die Zeit ist aber auch im Star Wars Universum nicht stehen geblieben. So nimmt Luke Skywalker (Mark Hamill) die Rolle des Obi Wan Kenobi ein. Prinzessin Lea (Carrie Fisher) tritt ein letztes (?) Mal auf. Nur Meister Yoda (CGI) hat sich gut gehalten. In seinem Alter machen ein paar Jahre mehr oder weniger auch nichts aus. Das alles hat nach dem langersehnten Wiedersehen von vor zwei Jahren diesmal bereits eine geringere Effektwirkung. Also wäre es an der Zeit für Neues.

    Die Geschichte ist eine Variation des immer gleichen Themas. Rebellen kämpfen gegen eine vermeintliche Übermacht, versuchen mit bescheidenen Mitteln irgendetwas Großes kaputt zu machen und die Hauptfiguren hadern damit, den Verführungen der dunklen Seite der Macht zu widerstehen. Am Ende stellt sich aber die die Frage, welche Fortschritte die Geschichte in den 152 Minuten getan hat. Rey (Daisy Ridley) hat sich nicht wirklich weiterentwickelt. Adam Driver als Kylo Ren ist weiterhin die eigenwilligste Besetzung der Filmgeschichte. Supreme Leader Snoke (Andy Serkis, wer sonst) wird für immer ein Mysterium bleiben. Ein Superbösewicht ohne Hintergrundgeschichte. Poe Dameronund (Oscar Isaak), Finn (John Boyega) und die anderen Kämpfer im Widerstand sind blosses Beiwerk neben dem Haupthandlungstrang, der aber nicht so recht vom Fleck kommen möchte.

    Johnson erweitert das Star Wars Universum um zwei wesentliche Aspekte. Soviel Humor gab es noch nie. Manche Szenen erinnern gar an eine Star Wars Persiflage. Marvel scheint hier leider das Vorbild zu sein. Das hat vor allen Einfluss auf die Darstellung der dunklen Seite der Macht und nimmt ihr einiges an Schrecken und Ernsthaftigkeit. Darüber hinaus wird die Saga politisch. Auf dem Planeten Canto Bight lassen es sich die Waffenhändler in einem Casino gut gehen. Es sind die wahren Profiteure der Kriege der Sterne. Mit Star Wars hat das alles nichts zu tun.

    Allerhand skurile neue Wesen hat man sich einfallen lassen, nicht nur die Porgs, sondern auch Füchse, die aus austro–chinesischen Glasscherben zu bestehen scheinen oder riesige Rennpferde mit Köpfen von Wüstenmäusen, elefantenähnliche Kühe und als Nonnen verkleidete Alien-Arbeiterinnen.

    In Star Wars mussten die Menschen von je her wie die Fliegen ihre Leben lassen. Das Verhältnis zu Gewaltdetails war aber ein ambivalentes. Es gibt faktisch keine. Nicht einmal Verletzungen, außer sie dienen der Dramaturgie. Bei explodierenden Todessternen fällt das weniger auf als bei Säuberungsaktionen wie zu Beginn von „The Force Awakens“. Familientauglichkeit steht nicht erst unter Disney im Vordergrund. Ob eine derartige Verharmlosung von exzessiver Gewalt ein gangbarer Weg ist, muss ernsthaft hinterfragt werden.

    Schnitt und Rythmus des Filmes sind gelinde gesagt uninspiriert. Einzig John Williams hat mit seinen 85 Jahren neuerlich einen grandiosen Soundtrack komponiert. Seine Musik ist das Herzstück von Nummer VIII.

    Langweilig ist der Film deswegen noch lange nicht und bietet tolle visuelle Schauwerte. Star Wars ist aber eine Marke, die bestimmten Ansprüchen genüge tun und Erwartungen erfüllen muss. Gegen eine Weiterentwicklung ist nichts einzuwenden. Wenn das Ergebnis ein austauschbares, beliebiges Produkt ist aber schon.

    Im Burg Kino Vienna gibt es die Möglichkeit den Film in der Originalfassung ohne Pause und ohne 3D zu genießen. Manchmal ist weniger mehr. Kann man eine Ermäßigung in Anspruch nehmen, bekommt man hier für den Preis eines 3D Tickets noch Popcorn und ein Getränk dazu. Allerdings wird davor kein Live Laserschwert Kampf geboten.

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    Rian Johnson | USA 2017 | 152 Min.

  • A GHOST STORY

    A GHOST STORY

    M (Casey Affleck) kann einfach nicht loslassen. Der junge Musiker möchte das Haus, in dem er mit seiner Freundin C (Rooney Mara) lebt, nicht verlassen. Sie möchte lieber in die Stadt ziehen. Die angespannte Situation trübt etwas das Liebesglück. Es folgt ein Schicksalsschlag. M stirbt bei einem Autounfall auf der Straße vor dem Haus.

    C nimmt im Spital Abschied und als sie weg ist, ruht die Kamera scheinbar endlos auf dem mit einem Laken zugedeckten Körper. Man ahnt, dass etwas passieren muss und dann passiert doch das Unerwartbare: M erhebt sich und wandelt mit dem Laken und zwei schwarzen Gucklöchern am Kopf durch die Gänge. Als er dem berühmt-berüchtigten gleißend hellen Licht gegenübersteht, dreht er sich weg und geht nach Hause zurück.

    „A Ghost Story“ ist kein Horrorfilm, obwohl er mit den Elementen des Genre spielt, dabei aber auf Schockeffekte gänzlich verzichtet. Vielmehr geht es David Lowery darum zu zeigen wie es ist, wenn man sich von bestimmten Dingen nicht trennen kann und vor allem darum, wie es sich so anfühlt, ein Geist zu sein. Es ist zermürbend. M steht meist in einer Ecke und beobachtet das Geschehen. Eingreifen kann er nicht. Tage und Jahre vergehen aber von dem Haus kann er sich nicht trennen und mit seiner Ex nicht kommunizieren.

    „A Ghost Story“ ist aber auch ein Film über das Trauern. Bewusst wird mit Sehgewohnheiten gebrochen. Lange, statische Einstellungen zwingen das Publikum zum Zusehen und vermitteln den Schmerz und das Gefühl der Ohnmacht von C, mit der Situation fertig zu werden. In einer einzigen langen Szene isst C aus Verzweiflung einen ganzen Kuchen auf und übergibt sich anschliessend. Eine Herausforderung für Rooney Mara, die in ihrem ganzen Leben bisher keinen „Pie“ gegessen hatte.

    In den kunstvollen 4:3 Bildkompositionen von Kameramann Andrew Droz Palermo, untermalt von der Musik von Daniel Hart, setzt Lowery einen Kontrapunkt zum hohen Tempo des starbesetzten Unterhaltungskinos. „A Ghost Story“ scheint auf einer Wolke der Melancholie zu schweben. Regisseur Davis Lowery, der nach Pete’s Dragon einen kleinen spontanen Film machen wollte, wirft in seinem Geisterdrama allerhand Fragen auf. Was ist, wenn wir einmal nicht mehr da sind?

    Gänzlich aufgeklärt entlässt Lowery das Publikum nicht. M scheint sich in einer Zeitschleife zu befinden. Das ist aber nicht unbedingt von Bedeutung. „A Ghost Story“ ist ein kleines Filmjuwel. Keine leichte Kost aber nachdenklich stimmend über das eigene Sein und darüber, dass man sich an Dinge klammert und dabei vergisst was wirklich wichtig ist. Erst nach dem Tod kommt das böse Erwachen.

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    David Lowery USA 2017 93 Min.

  • COCO

    COCO

     

    Nachdem in den letzten Jahren alte Stoffe aufgewärmt wurden, schließt Pixar heuer wieder an kreative Erfolge wie „Alles steht Kopf“ an. Nicht genug, dass sich ein US-Film auf liebevolle Weise seinem sonst ungeliebten südlichen Nachbarn nähert, beschehrte Pixar Mexiko gleich den erfolgreichsten Film aller Zeiten.

    „Coco“ ist eine bunte Liebeserklärung an Mexiko und thematisiert den Tag der Toten. Der 12-jährige Miguel möchte unbedingt Musiker werden. In seiner Familie ist Musik aber ein großes Tabu, hatte doch sein Ururgroßvater die Familie der Musik wegen im Stich gelassen. Auf dem Weg, sich seinen großen Traum zu verwirklichen, verschlägt es ihn in das Reich der Toten. Dort trifft er nicht nur auf seine Vorfahren, sondern muss natürlich allerhand turbolente Abenteuer bestehen.

    Das Team um Regisseur Lee Unkrich (Toy Story 3) war um Autentizität bemüht. Der Produktion ging eine lange Recherchephase in Mexiko voraus. Schenkt man den Machern glauben, schlug sich das vor allem in der Verarbeitung traditioneller Musik und einer Darstellung der typischen mexikanischen Lebensweise nieder. Im Grunde dreht sich alles um das generationenübergreifende Zusammenleben der Familie. Dabei sind in Mexiko die Toten immer mitgemeint.

    In der Produktion setzt Pixar abermals Maßstäbe. Jahr für Jahr fragt man sich, wann im Bereich der Animation der Zenit erreicht ist. Bei den Gesichtszügen von Miguels Großeltern wurde auf Realismus gesetzt. Miguels Bewegungsabläufe lassen mitunter vergessen, dass es sich um Pixel handelt. Dazu wurde versucht, die Bewegungsabläufe einer echten Kameraführung zu imitieren.

    Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Unterhaltung auf höchstem Niveau. Trotz der behutsamen Annäherung an das schwierige Thema Tod, erfordert der Film aber unbedingt eine elterliche Begleitung und eine anschließende Auseinandersetzung, da viele Fragen aufgeworfen werden. Bei kleineren Kindern ist darüber hinaus eine kurze Vorbereitung auf die Geschichte ratsam.

    Als Vorfilm läuft „Olaf taut auf“. Ursprünglich von ABC als TV-Weihnachts-Special geplant, kam es nicht nur aufgrund seiner Länge von über 20 Minuten zu eine Kontroverse, die dazu führte, dass der Kurzfilm in Mexiko und den USA aus dem Programm genommen. Dabei ist Olafs Suche nach einer weihnachtlichen Tradition für die Eiskönigin Elsa recht unterhaltsam. Die Pixar-Disney Marketingmaßnahme mit dem Holzhammer, als Vorbereitung für die Frozen Fortsetzung in zwei Jahren, ging allerdings gehörig schief. Rein inhaltlich wird die Botschaft von „Coco“ konterkariert, dass nämlich Traditionen über Generationen in der Familie weitergegeben werden und Kindern einen derartig langen Vorfilm vorzusetzen wurde zurecht als Zumutung empfunden. Speziell gekennzeichnete Vorstellungen ohne den Kurzfilm sollen geplant sein. Wobei es – auch erwachsene – Menschen geben soll, die gerade wegen Olaf, Anna, Elsa & Co ins Kino gehen.

    Ein Tipp: es gibt Vorstellungen in 2D. Vor allem für Kinder ist die gesamte Dauer von über 2 Stunden in 3D zu anstrengend. Zumal der Film dadurch keinen Mehrwert hat.

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    Lee Unkrich | USA 2017 | 105 Min.

  • DER KLEINE PRINZ

    DER KLEINE PRINZ

     

    „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen.

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    Die mit Liebe zum Detail gestaltete Neuinterpretation des Literaturklassikers verknüpft die bekannte Geschichte mit der eines kleinen Mädchens und dem Piloten und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Die französische Produktion ist von US-Animationsfilmen stark beeinflusst und verbindet auf charmante Art und Weise Computeranimation mit der analogen Stop-Motion Technik.

    Der Film ist eine Ode an die Phantasie und erzählt davon, wie bedeutend es ist, das Kind in sich selbst zu bewahren. Genug Grundlage für philosophische Diskussionen mit Kindern ab 8 Jahren.

     

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    Mark Osborne | FR 2015 | 108 Min.

  • DAVID LYNCH: THE ART LIFE

    DAVID LYNCH: THE ART LIFE

     

    Davis Lynch (*1946) erzählt aus seiner Kindheit, als wäre sie direkt einem seiner Filme entsprungen. Der Monolog aus dem Off ist mit Fotografien, Collagen und Gemälden unterlegt und gibt einen persönlichen Einblick in das Leben des Exzentrikers bis zu seinem ersten Spielfilm „Eraserhead“(1977).

    Seine gesamte Kindheit spielte sich innerhalb ein paar Blocks ab und trotzdem fehlte es ihm an …nichts. In diesem Mikrokosmos genoss er in den 1950er als Kind mit seinen Freunden große Freiheiten und verbrachte viel Zeit in der Natur. Die Art und Weise mit der er mit den staunenden Augen eines Kindes seine Umgebung und Erlebnisse wahr nahm, legte den Grundstein für sein späteres Leben als vielseitiger Künstler.

    Früh entwickelte sich eine Vorliebe für das Düstere und Morbide. Bereits in seinen Arbeiten als Kunststudent grenzte es sich von den Mitstudenten ab und ging bald seinen eigenen Weg. Einen geplanten 3-jährigen Aufenthalt in Salzburg bei Oskar Kokoschka brach er nach gerade 2 Wochen ab. Die Bindung an sein Heimatland war einfach zu stark.

    Lynch beim Malen, Rauchen und Nachdenken. Läuft diese Woche nochmals im Filmcasino:

    Fr, 8.12. um 20.15 Uhr
    Sa, 9.12. um 16.15 Uhr
    So, 10.12. um 21.30 Uhr

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    Olivia Neergaard-Holm, Rick Barnes, Jon Nguyen | USA 2016 | 88 Min.

  • MUDBOUND

    MUDBOUND

    Zwei Männer schaufeln im strömenden Regen eine Grube in den Schlamm. Ein Grab für den Vater. Einer ersäuft beinahe in dem sich mit Wasser füllenden Loch. Die Bedeutung dieser Szene erschließt sich freilich erst gegen Ende des Filmes. Sechs Jahre zuvor, es ist das Jahr 1939, entschließt sich Henry McAllan (Jason Clark) mit seiner Familie von Memphis nach Mississippi zu übersiedeln. Wohnraum ist teuer in der Stadt, so kauft er sich ein Stück Land. Dort angekommen, muss Henry feststellen, dass er es beim Kauf mit einen Betrüger zu tun hatte. Anstelle in das Haus des Grundbesitzers zu ziehen, muss er mit Frau Laura (Carey Mulligan), Kindern und Vater (Jonathan Banks) mit einer Holzhütte vorlieb nehmen.

    Schon wieder ein Südstaatendrama! „Mudbound“ wählt aber eine neue Perspektive. Die McAllans, allen voran der rassistische Vater Pappy, sind arm. Sie leben und arbeiten im selben Dreck wie die Familie Jackson, die schwarzen Angestellten auf der Plantage und müssen mit den gleichen Unzulänglichkeiten des Lebens zurecht kommen. Sie sind hilflos dem Wetter ausgesetzt. Selbst als starker Regen beider Existenz bedroht, bleiben sie in ihren angestammten Rollen und die hierarchische Struktur aufrecht.

    1941. Die Nachricht vom Kriegseintritt der USA erreicht auch Mississippi. Henrys Bruder Jamie (Garrett Hedlund) und Florence Jackson (Mary J. Blige) Sohn Ronsel (Jason Mitchell) ziehen in den Krieg. Am Ende kehren sie als Kriegshelden zurück. Im Krieg sind alle gleich. In Mississippi ist die Zeit aber stehen geblieben. Rassentrennung und Rassenhass bestimmen das Leben in den Südstaaten. Jamie und Ronsel können sich beide nicht mehr in die für sie rückständige Gesellschaft einfügen. Traumatisiert von den Kriegserlebnissen und mit ihren Problemen alleingelassen, entsteht eine Freundschaft, die es eigentlich nicht geben darf.

    Aus dem Off erzählen gleich fünf Charaktere ihre Sicht der Dinge und ermöglichen, die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Das erinnert Phasenweise an Filme von Terence Malick, ebenso wie die Kameraschwenks über stille Landschaften und die Zeitsprünge in der Handlung. Regisseurin Dee Rees ist ein stimmiger Film in wunderbaren Bildern und satten Farben gelungen, der dem Genre durchaus Neues hinzufügen kann.

    Es ist müßig, wegen jedes neuen Filmes die Vertriebsstrategie von Streaming Diensten zu diskutieren. Netflix wird „Mudbound“ den nötigen Kinostart verschaffen, um den Anforderungen der Oscar Academy gerecht zu werden. „Mudbound“ ist ein großartiger Film und man munkelt, dass durchaus Chancen auf eine Berücksichtigung bestehen. Gut möglich, dass dies ein Oscar-Crasher wird.

    Dee Rees USA 2017 134 Min.

     

  • DETROIT

    DETROIT

    In den Morgenstunden des 23. Juli 1967 wurde in Detroit in einem Nachtclub ohne Konzession eine Razzia durchgeführt. Der Club befand sich in jenem Stadtteil, der ausschließlich von Afroamerikanern bewohnt wurde. Die Polizei traf auf eine viel größere Besucherzahl als erwartet und konnte die Aktion nicht unbemerkt durchführen. Vor dem Club versammelte sich in der Zwischenzeit eine Menschenmenge. Während sämtliche Besucher verhaftet wurden, kam es zu ersten Protesten und Ausschreitungen.

    Die folgenden fünf Tage andauernden Unruhen gingen neben denen von 1992 in Los Angeles als die blutigsten in die amerikanische Geschichte ein. Präsident Lyndon B. Johnson ordnete den Einsatz der Nationalgarde an. Die Bilanz waren 43 Tote, 1.189 Verletzte und 7.200 Inhaftierte. 2.000 Gebäude wurden zerstört. Was die Unruhen nun genau ausgelöst hat, ist nicht bekannt. Gesichert ist, dass sich schon lange Aggressionen aufgestaut hatten, da in jenem Stadtteil mit ausschließlich afroamerikanischen Einwohnern fast nur weiße Polizisten ihren Dienst versahen. In „Detroit“ wird die Ausgangslage im Schnelldurchlauf in einer Trickfilmsequenz im Vorspann erklärt.

    Kathryn Bigelow gilt als die erfolgreichste Regisseurin Hollywoods. 2010 erhielt sie einen Regie-Oscar für „The Hurt Locker“, als erste und bis heute einzige Frau. Nach zwei Filmen, die sich mit kriegerischen Auseinandersetzung der USA in Übersee beschäftigten, behandelt sie in „Detroit“ eine Episode, in der die USA im eigenen Land mit kriegsähnlichen Zuständen konfrontiert war.

    Ausgehend von der Razzia in dem Nachtclub wird das Publikum von der ersten Szene an mitten ins Geschehen hineinkatapultiert. Bigelow schildert die folgenden Tage anhand von mehreren Handlungssträngen, die alle im sogenannten „Algiers Motel Vorfall“ zusammenlaufen. Philip Krauss (beängstigend: Will Poulter) ist ein gewaltbereiter Polizist, der selbst seine Kollegen zu Verbrechen anstiftet. Melvin Dismukes (John Boyega) stößt als Sicherheitsmann zufällig mitten in die Polizeiaktion im Motel. Eines der Opfer ist Larry Reed (Algee Smith), der kurz vor dem Durchbruch stehende Sänger der Dramatics.

    Im Algiers Motel kam es zu einem regelrechten Exzess an Polizeigewalt gegenüber zwölf jungen Menschen, bis auf zwei Mädchen alle schwarzer Hautfarbe. Drei wurden von der Polizei ermordet. Die Polizei wendete die Methode des „Todesspiels“ an, bei der die Erschießung von Verdächtigen vorgetäuscht wird. Bigelow widmet einen großen Teil der 144 Minuten von „Detroit“ diesem Vorfall.

    Während die Handlung ausserhalb des Motels in verwackelten Bildern und mit originalem Nachrichtenmaterial von 1967 dem Film einen dokumentarischen Touch verleiht, kommt es in der Sequenz im Motel zu einer atmosphärischen wie räumlichen Verdichtung. Sie läßt erahnen, in welch aussichtsloser Situation sich die Gefangenen befunden haben müssen. Da es in Folge zu keinem Prozess gekommen ist und der Vorfall somit nicht lückenlos dokumentiert vorliegt, basiert die Erzählung auf Augenzeugenberichten und Nachrichtenmaterial. Davon ist genügend vorhanden. Von den Unruhen wurde in den Medien durch Live Berichterstattung und ausführliche Zeitungsartikeln prominent berichtet.

    „Detroit“ handelt von einer Vielzahl an Charakteren. Manch einer hätte den Stoff lieber im Rahmen einer Fernsehserie gesehen. Im jetzigen Format stellt der Film jedenfalls die Komplexität der Ereignisse möglichst realitätsnah dar. Die weißen Polizisten sind allerdings durchwegs böse Jungs. Nur deren Vorgesetzte haben haben Gesetz und ethische Grundsätze im Blickfeld. Dadurch wird das Gut gegen Böse Schema etwas durchbrochen. „Detroit“ handelt von Rassismus und Polizeiwillkür. Einer Situation, an der sich auch 50 Jahre später nicht viel geändert hat.

    Kathryn Bigelow USA 2017 144 Min.

  • BATTLE OF THE SEXES

    BATTLE OF THE SEXES

    Was es bedeutet, wenn eine der besten Tennisspielerinnen der Welt gegen einen alten chauvinistischen Selbstdarsteller, formals Tennisprofi, ein Match gewinnt, versuchen die Regisseure von „Little Miss Sunshine“ Valerie Faris und Jonathan Dayton in „Battle of the Sexes“ zu ergründen.

    Es ist das Jahr 1970 und Billie Jean King (Emma Stone), bis heute eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen der Welt, prangert die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern bei den Preisgeldern im Tennis an. Sehr zum Missfallen der Männer, die auch hinter den Kulissen den Sport dominieren, gründet sie mit einigen anderen Spielerinnnen der Tenniselite die Virginia Slim Series. 1973 war King Mitbegründerin der Women Tennis Association (WTA) in London. Die Männer wollten die Frauen nicht in ihrem Verband aufnehmen.

    Der Film vermischt diese Ereignisse und konzentriert sich auf die titelgebenden Battle of Sexes. Bobby Riggs (Steve Carell), ein ehemaliger Tennisspieler und nunmehriger Selbstdarsteller, forderte Margaret Smith Court (Jessica McNamee) 1973 zur ersten „Battle heraus. Sie gilt auch heute noch als erfolgreichste Tennisspielerin aller Zeiten und war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Riggs gewann und das Match war fortan als „Muttertagsmassaker“ bekannt.

    In die Geschichte eingegangen ist allerdings sein Duell mit Billie Jean King ein paar Monate später. Erst weigerte sich King, ließ sich dann aber doch auf ein Match ein. 30.000 Zusehern verfolgten das Ereignis Live vor Ort, 90 Millionen vor den Fernsehgeräten. Ein Spektakel.

    King und Riggs und ihre Begegnung am Court stehen im Zentrum der Geschichte. Riggs hat die Lacher auf seiner Seite. Nichts ist ihm peinlich genug, wenn der notorische Glücksspieler nur die nötige mediale Aufmerksamkeit dafür bekommt. Sein Frauenbild ist mehr als bedenklich. Paralellen zu Trump sind Zufall. Mit den politischen Entwicklungen in den USA konnten die Macher des Films nicht rechnen.

    Billie Jean King hat das Match in drei Sätzen (6:4, 6:3, 6:3) gegen den fast doppelt so alten Riggs gewonnen. Was genau die Folgen waren, nachdem die aktuell beste Tennisspielerin gegen einen Gegner gewann, der 34 Jahre zuvor das Herreneinzel in Wimbledon gewinnen konnte, bleiben die Regisseure schuldig. Die Bedeutung dieser Begegnung für die Entwicklung der Preisgelder oder Kings Rolle bei der Gründung der WTA werden nicht deutlich.

    Für King ging ihr Kampf weit über die Tenniswelt hinaus. Ihr Traum waren Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Freiheit. Kings Verhältnis zu einer Frau bleibt nicht ausgespart aber insgesamt werden einfach zu viele Themen angerissen. „Battle of Sexes“ möchte vieles sein.
    Dabei wartet man nur darauf, was für Blödheiten sich Riggs als nächstes einfallen lässt. So bleibt der Film eine unterhaltsame Gesellschaftssatire mit feministischem Touch. Immerhin erinnert der Film an eine kuriose Episode der Tennisgeschichte und eine bedeutende Persönlichkeit im Kampf um die Gleichberechtigung. Es hätte aber viel mehr sein können. Die Voraussetzungen wären mit solch großartigen Darstellerinnen gegeben gewesen.

    Es gibt übrigens Indizien dafür, dass Bobby Riggs gegen sich selbst wettete, um seine Spielschulden zu begleichen und den Schaukampf absichtlich verloren hatte.

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    Valerie Faris, Jonathan Dayton USA 2017 121 Min.

  • TIERE

    TIERE

    Dass sich Frau und Mann nicht unbedingt immer in ein und der selben Realität bewegen müssen, ist ein beliebtes Thema des Feuilletons. Der 2007 verstorbene Regisseur Jörg Kalt treibt es mit seiner Erzählung allerdings auf die Spitze. Mehr aneinander vorbeireden und vorbeileben als das Paar in „Tiere“ ist nicht möglich. Fast könnte man meinen, die beiden befinden sich in unterschiedlichen Dimensionen.

    Nick, der Koch (Philipp Hochmair) und die Kinderbuchautorin Anna (Birgit Minichmayr) nehmen sich in der Schweiz eine halbjährige Auszeit. Vor allem auch, um die Beziehung zu retten. Anna vermutet eine Affäre. Nicht zu unrecht. Auf dem Weg zu einer abgelegenen Almhütte haben sie einen Autounfall mit einem Schaf. Spätestens ab dann gerät so einiges durcheinander und man fragt sich, ob man dem noch trauen kann, was man zu sehen bekommt.

    Anna zweifelt bald an ihrem Verstand, sieht Doppelgänger und verliert immer mehr Raum- und Zeitvorstellung. Wie lange sind sie nun schon auf der Hütte? Einen Tag oder gar schon seit Wochen? Ist gerade Tag oder Nacht? – klingt im ersten Moment lächerlich, ist aber gekonnt umgesetzt.

    Die Beziehungskrise steht im Zentrum aber der Form in der erzählt wird, gilt das Hauptaugenmerk. Bereits in der allerersten Szene stürzt sich eine Frau aus dem Fenster. Man hört den Aufprall. Als die Kamera auf die Straße hinunter schwenkt, ist da jedoch nichts von einem leblosen Körper zu sehen. Die Geschichte wartet mit einer mitunter verwirrenden Montage auf und Freunde von Anschlussfehlern kommen voll auf ihre Kosten.

    Regisseur Greg Zglinski schien das Drehbuch von Kalt – der konnte es nicht mehr verfilmen – nie ganz verständlich aber es zog ihn in seinen Bann und ließ ihn bis heute nicht mehr los. Gut so. „Tiere“ möchte vieles sein – Psychodrama, Mysterythriller, Liebesgeschichte und Komödie – und ist dabei zumindest einmal sehr unterhaltsam geworden, wenn man sich auf eine Geschichte einläßt, die mit sämtlichen Erzählnormen bricht und mit allerhand Symboliken, wie verschlossenen Türen und schwarzen Katzen aufwartet. Die großartige Besetzung macht das aber nicht schwer.

    „Tiere“ ist im wahrsten Wortsinn unheimlich komisch. Lynch und Lanthimos wurden als Vorbilder schon mehrmals genannt. Die Zuschreibung ist treffend. Würden sie eine Komödie verfilmen, dann sehe das Ergebnis in etwa so aus. Anders als in Mysterythrillern, die am Ende mit einer enttäuschend simplen Auflösung daherkommen, darf man sich hier keine Erklärungen erwarten. Jörg Kalt hat darauf verzichtet und das macht auch den Reiz dieser ambitionierten Verfilmung aus.

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    Greg Zglinski, CH/A/POL 2017 94 Min.

  • THE SQUARE

    THE SQUARE

    Ein Ausstellungsraum mit einer Anordnung von Sandhäufchen. Ab und zu streckt ein Besucher den Kopf in den Raum und wendet sich mit Verwunderung wieder ab. In der stillen und andächtigen Atmosphäre wacht eine Museumsaufsicht darüber, dass ja niemand mit dem Smartphone ein Foto macht. In der Nacht fährt eine Reinigungskraft mit der Putzmaschine langsam zwischen den Häufchen hindurch. Wenn man genau hinhört, bemerkt man das leise Geräusch der Steine, die langsam eingesaugt werden.

    Ruben Östlund beweist in seinem neuen Film ein Gespür für subtilen Humor und regt zum Nachdenken an. „The Square“ handelt von Christian (Claes Bang), dem Kurator eines großen Stockholmer Museums. Erfolgreich, smart und gutaussehend verkörpert er den linken Kulturmanager. Stellvertretend für all jene den Weltschmerz in sich aufsaugenden betroffenen Intellektuellen, für die die moderne Kunst ein sozialkritisches Statement abgeben muss. Wie schon in seinem letzten Film „Höhere Gewalt“ beginnt Östlund aber langsam mit einer Demontage, in diesem Fall der Kunstbranche und den Menschen dahinter.

    Der Kunstbetrieb verliert sich in Phrasen, die er selbst nur umständlich erklären kann. Die Publikation zur Ausstellung will erst einmal dechiffriert werden. Es ist eine Entfremdung von der Realität. Zur Kommunikation mit Menschen außerhalb der eigenen Denkmuster ist man nicht in der Lage, die Angst vor den Menschen am Rande der Gesellschaft allgegenwärtig. Politische Korrektheit und falsch verstandene Toleranz verhindert eine Konfliktbewältigung im Alltag. Konflikte mit der Außenwelt sind vielmehr Interventionen im Leben der sogenannten Elite, die hier ein erbärmliches Bild abgibt. Alles läuft in geordneten Bahnen ab, auch der Sex. Das Schwitzen dabei ist unangenehm und die eigene Selbstüberschätzung schürt die Angst vor dem Samenraub.

    Der Zustand der Gesellschaft wird in der zentralen Szene deutlich. Bei einem Galadinner des Museums tritt der muskulöse Performancekünstler Oleg auf (gespielt von US-Stuntman Terry Notary, der als bester Affendarsteller der Welt gilt). Seine animalisch aggressive Art wird der Gesellschaft bald unangenehm. Oleg wird handgreiflich und wütend. An den Tischen senkt man beschämt die Köpfe. Erst als er eine Frau zu Boden zerrt, stürzen sich immer mehr Männer auf ihn. Es ist eine schockierend brutale Szenerie, die Handlungsunfähigkeit der Gäste unangenehm anzusehen.

    Christian gerät beruflich wie privat zwischen die Fronten. Die Werbekampagne zur titelgebenden Installation The Square – einem in den Boden eingelassene leuchtenden Quadrat als moralische Schutzzone vor dem Museum – wird unter seiner Verantwortung zum Fiasko. Genauso sein Privatleben, in dem er einen Jungen fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt. Nach einer gemeinsamen Nacht stellt ihn die Journalistin Anne (Elisabeth Moss) zur Sprache. Christian ist sich aber dessen bewusst, dass ihn seine Machtposition attraktiv macht und blockt jeden Annäherungsversuch ab. Östlund hat viele Ideen in seine überlange Gesellschaftssatire gepackt – vielleicht zu viele.

    Trotzdem bietet „The Square“, der bei den Filmfestspiele von Cannes mit der Goldenen Palme prämiert wurde, ausreichend Diskussionsgrundlage und regt zum Nachdenken an. Er hält dem Bildungsbürgertum den Spiegel vor. Eine unterhaltsame Demontage, die in der Realität viel schmerzvoller sein wird, oder vielmehr bereits ist.

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    Ruben Östlund  SWE/D/F/DEN 2017 142 Min.