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  • CAPTAIN UNDERPANTS: DER SUPERTOLLE ERSTE FILM

    CAPTAIN UNDERPANTS: DER SUPERTOLLE ERSTE FILM

     

    Schon einmal von einem dickbauchigen Superhelden mit rotem Umhang und weißen Unterhosen gehört? Wahrscheinlich nicht. Zum Kinostart war die Comicvorlage zum nun angelaufenen Film selbst in größeren Buchhandlungen nur auf Bestellung zu bekommen und im Fachhandel wusste man vom nahenden Filmstart, kannte aber die Vorlage nicht. Demensprechend unbemerkt läuft das erste Abenteuer von Captain Underpants seit Mitte Oktober bei uns in den Kinos.

    Gleich vorweg: Die Bücher von Autor Dav Pilkey rangieren auf den Bestsellerlisten gleich hinter Harry Potter. Allein die Bücher der Captain Underpants Reihe wurden bisher über 70 Millionen Mal verkauft.

    Die Comics handeln von George und Harold, zwei Viertklässlern, dem Schrecken des gesamten Lehrerzimmers. Ihre Streiche und Comichefte treiben sie zur Verzweiflung, insbesondere den Schulleiter Mr. Krupp. Eines Tages verwandeln ihn die zwei Schlawiner mittels magischem 3-D-Hypnose-Ring in die von ihnen erdachte Comicfigur Captain Underpants. Mr. Krupp macht sich folglich auf, die Welt zu retten, vor Dr. Poopypant und schnappenden Klo-Schüsseln.

    Der Humor von Captain Underpants ist grob und respektlos. Liest man die Comics, greift man sich zuerst angesichts der Schwachsinnigkeiten auf den Kopf. Beim Zielpublikum 6+ kommen die Ideen von George und Harold, die man gelinde gesagt als verhaltensauffällig bezeichnen kann, gut an. Auch wenn es den Wortwitz von Pilkey nicht immer ganz durchschaut. Dazu muss man wissen, das Pilkey sich diese Geschichten selbst als Volkschüler in der Zeit, die er zur Strafe für unangemessenes Verhalten auf dem Gang verbringen musste, ausgedacht hat. Bei Pilkey wurde ADHS diagnostiziert. Parallelen zu seinen beiden Helden sind kein Zufall.

    Hinter den Abenteuern von George und Harold verbirgt sich aber eine ernste Botschaft und das ist eine Kritik am öffentlichen amerikanischen Schulsystem. Das wird in der Verfilmung noch mehr deutlich. Langweiliger Frontalunterricht von unterbezahlten Lehrern bringt desinteressierte und traurige Kinder hervor. In der Fantasiewelt aber ist der Schulleiter ein fröhlicher Held und kein griesgrämiger kolerischer Kinderhasser.

    Aus Kostengründen hat Dreamworks die Produktion an das Studio Mikros Image in Montreal ausgelagert. Damit bestreitet man neue Wege, denn selbst die Budgets von Animationsfilmen gehen bereits in die hunderte Millionen. Das hat auch eine Änderung im visuellen Stil von Dreamworks zur Folge. Knall bunt ist Captain Underpants geworden und beinhaltet neben der Computeranimation eine handgezeichnete Sequenz, reale Sockenpuppen und das aus den Büchern bekannte Flip-O-Rama. Damit wird betont, dass die Geschichte der Fantasie der beiden Kinder entsprungen ist.

    Der Film ist eine gelungene Umsetzung der subversiven Vorlage. Harold und George muss man einfach mögen. Auch wenn zum Finale hin etwas die Luft draußen ist, steckt die Liebe im Detail.

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    David Soren USA 2017 89 Min.

  • WESTERN

    WESTERN

    Ein Trupp deutscher Bauarbeiter wartet in der Gluthitze auf einer Kraftwerksbaustelle in Bulgarien auf Nachschub. Der Kies ist aus und das Wasser knapp. Die Männer haben sich eine Art Außenposten aufgebaut und eine Deutschlandfahne gehisst. Hier am Rande Europas, in einer vermeintlichen Wildnis, dürfen die Männer ihrer Männlichkeit freien Lauf lassen. Der erste Kontakt mit Bewohnerinnen des nahen Dorfes verläuft dementsprechend ungünstig.

    Der Baggerfahrer Meinhard, gespielt von Meinhard Neumann, ist ein wortkarger Einzelgänger und nähert sich der lokalen Bevölkerung zuerst auf eine ruppige Art und Weise, trifft aber bald auf seinesgleichen. Trotz sprachlicher Barriere versteht man sich schnell. Bei seinen Kollegen schürt das Misstrauen. Vor allem der Vorarbeiter Vincent (Reinhardt Wetrek) fühlt sich um seinem Status bedroht, ist aber selbst nicht in der Lage es Manfred gleich zu tun, zu groß sind die Vorbehalte gegenüber den Fremden und zu beschränkt sind seine Mittel um sich zu artikulieren. 

    Die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach verarbeitet gekonnt Elemente des Western Genres in einer Geschichte um Arbeitsmigration und Fremdenfeindlichkeit. Anstelle von Pistolenhalftern tragen die Bauarbeiter Werkzeuggürtel und reiten auf ungesattelten Pferden durch eine mystifizierte wilde Landschaft. Ihr Camp gleicht dem Außenposten einer Kavallerie. Durch ihr Auftreten werden sie als Eindringlinge empfunden, obwohl sie eigentlich mit dem Bau eines Wasserkraftwerks die Infrastruktur verbessern sollen. Hinzu kommt die gemeinsame historische Vergangenheit. Soldaten der Wehrmacht kämpften an der bulgarischen Grenze gegen die Griechen. Es ist dieser Subkontext, der Grisebach dazu veranlasste, in dieser Region zu drehen.

    Sämtliche Darsteller sind Laien. Grisebach castet ihre Darsteller auf der Straße. Den Dreharbeiten geht eine lange Phase der Vertrauensfindung voran. Für sie der gewohnte Weg. Das Ergebnis ist beeindruckend. 

    Bereits seit den 1990ern gibt es die Arbeitsmigration in den Osten. Gerade größere EU-Projekte werden eher von westlichen Firmen umgesetzt. Nur sie haben die Ressourcen, um die aufwändigen bürokratischen Verfahren abwickeln zu können. Für die Arbeiter scheint das Angebot verlockend. „Was suchst du hier?“ fragt Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) am Ende seinen deutschen Freund Meinhard. Ist es die Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit? Fernab von zu Hause können sich die Männer neu Erfinden, nur um dann feststellen zu müssen, dass sie dieselben sind und dort wie da mit den Problemen des Alltags zu kämpfen haben. Frei und unabhängig, aber einsam sind sie.

    Western ist einer der Höhepunkte der gerade zu Ende gegangenen Viennale und im Stadtkino im Künstlerhaus zu sehen, am 7.11. darüber hinaus um 18:00 im Rahmen des Lux–Filmpreis bei freiem Eintritt im METRO Kinokulturhaus.

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    Valeska Grisebach D/A/BG 2017 119 Min.

  • HAPPY END

    HAPPY END

    Am Beginn sieht man ein Handyvideo. Die 13-jährige Eve (Fantine Harduin) vergiftet ihren Hamster mit Schlaftabletten, dokumentiert dies mit einem kühlen Kommentar, ebenso wie anschließend den Selbstmordversuch der Mutter, bevor sie die Rettung ruft. Dann erst kommt der Filmtitel. Michael Haneke hat in der Vergangenheit dem Publikum schon Einiges zugemutet. Man ist also gewappnet. Allerdings verhält es sich mit „Happy End“ anders. Der Sarkasmus steckt schon im Titel.

    Die großbürgerliche Familie Laurent, um die es hier geht, ist in Calais in der Baubranche tätig. Anzunehmen, dass sie durch den Bau des Eurotunnels reich geworden ist. Erwähnt wird das nicht direkt. Kilometerlange, meterhohe Zäune und Flüchtlinge auf der Straße sind jedoch allgegenwärtig und unterstreichen die Brisanz dieses Ortes. Sämtliche Dienstleistungen werden von Migranten übernommen. Für Viele ist Calais das verhängnisvolle Tor nach Großbritannien. 

    Das kümmert die Familie Laurent aber herzlich wenig. Die ist nämlich ziemlich kaputt. Jean-Louis Trintignant ist Georges, der Patriarch in der Familie. Es ist eine Fortführung seiner Rolle aus Hanekes letztem Film „Amour“. Er versucht sich immer wieder das Leben zu nehmen. Sein Sohn Thomas (Mathieu Kassovitz) betrügt eine Frau nach der anderen. Anna, gespielt von Isabelle Huppert ist Georges‘ Tochter, die Versucht die Firma am Leben zu erhalten, genauso wie sie versucht, die Familie zusammenzuhalten und ihren Sohn Pierre (Franz Rogowski) auf die Linie der Familie und der Firma zu bringen. Notfalls bricht sie ihm dafür einen Finger. Und dann ist da eben noch Eve, Thomas‘ Tochter aus erster Ehe, die in das Haus der Familie in Calais zieht. 

    Beiläufig erzählt Haneke von tragischen Ereignissen in der Familie und unterstreicht so deren Kaltherzigkeit. Der Vater ist verwundert über die psychische Lage von Eve, wie überhaupt die Konstellationen in der Familie den Film zu einer Groteske machen. Das nimmt etwas von der Dramatik. Im Detail liegt jedoch eine innere Wahrhaftigkeit der Figuren, die Haneke gewohnt präzise ausarbeitet.

    „Papa, ich weiß, dass niemanden liebst“ Diese Einsicht kommt von Eve, nachdem sie selbst einen Selbstmordversuch unternommen hat. Es dauert ein wenig, bis sich aufgrund der Vielzahl an Charakteren herauskristallisiert, wer die zentralen Protagonisten in dieser Geschichte sind. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Manch Handlungsstrang erschließt sich durch Chats und Mails. Eine Herausforderung, wenn man es mit Namen nicht so genau nimmt. Es sind Georges und Eve die ins Zentrum rücken. Georges findet in Eve jemanden, der verstehen kann, dass er jegliche Lebenslust verloren hat. Diese Seelenverwandtschaft, das Aufeinandertreffen des Schauspielgiganten und des kleinen Mädchens, machen das Wesen dieses Filmes aus.

    Man kann bedingt durch die Vielzahl an Handlungssträgen und Thematiken auch kurzfristig den Überblick verlieren. Haneke fordert das Publikum in mehrerlei Hinsicht. Als Georges auf der Straße eine Gruppe von jungen afrikanischen Männern anspricht, wird die Konversation vom Straßenlärm überdeckt. Es lässt sich erahnen, um welchen Gefallen er die Männer bittet. „Happy End“ ist handzahmer als Hanekes vorangegangene Filme, jedoch fehlt es ihm nicht an gesellschaftskritischer Brisanz. 

    Nachdem die Academy im letzten Jahr Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ kurzfristig wegen „unausgewogener kreativer Beteiligung“ als Kandidat für den Auslandsoscar ablehnte (um ihn dann doch zuzulassen), versucht man heuer neuerlich das Glück mit einer Koproduktion, bei der kaum 15% des Budgets aus Österreich stammen. Solche Entscheidungen sind, genauso wie bei den Nominierungen der Studios in den USA, immer von taktischer Natur. Mit welcher Einreichung bestehen die besten Chancen? Da hat ein Film in französischer Sprache mit allerhand Stars vor und hinter der Kamera einen Vorteil gegenüber einem Regieerstling im Salzburger Dialekt. Zu unrecht. Leider.

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    Michael Haneke, F/D/A 2017 110 Min.

  • BLADE RUNNER 2049

    BLADE RUNNER 2049

    7 Versionen gibt es von Ridley Scotts Blade Runner. Von einer Preview Fassung über einen Director‘s Cut (der eigentlich keiner ist) bis hin zum Final Cut, jener Version, mit der Ridley Scott letztendlich zufrieden war. Die Frage, ob Rick Deckard nun ein Replikant ist (so heißen die menschenähnlichen Roboter) oder nicht, stellte sich in aller Deutlichkeit weder in der Vorlage von Philip K. Dick, noch in der ersten Kinofassung. Scott hatte Hinweise erst in spätere Versionen geschnitten, was in der Fangemeinde zu allerhand Spekulationen führte. 

    Auch retrospektiv vermag Blade Runner zu faszinieren. Die Magie der Bilder dieser dem Zeitgeist ensprechenden dystopischen Welt, die tolle Musik von Vangelis und der spannungerzeugenden Finsternis, in der überall Gefahren und schräge Gestalten lauern. Diese Finsternis war auch der begrenzten technischen Machbarkeit geschuldet. Heute ist scheinbar alles möglich, stilisische Verweise aus dem großen Pool der Filmgeschichte sind jederzeit möglich. Alles ist hell. Alles wird gezeigt, weil es gezeigt werden kann. Die Magie liegt heute anderswo. Meist muss man sie lange suchen.

    Blade Runner war innovativ. Neben einer bahnbrechenden Ästhetik, die das SciFi Kino bis heute beeinflußt, hat der Film also auch einen Mythos begründet und auf diesem baut nun die Fortsetzung von Denis Villeneuve auf.

    Es ist tatsächlich eine Fortschreibung der Geschichte. Das Drehbuch verfasste neuerlich Hampton Francher. Das gesamte Team um Villeneuve näherte sich mit Respekt dem Original, bricht aber sofort mit dem visuellen Stil und mit dem Motiv der Hauptfigur. Blade Runner K (Ryan Gosling) ist ein Replikant und befindet sich in einer hellen postapokalyptischen Wüste. Dem wohltuend langsamen Erzählrythmus ist man treu geblieben. Es gibt ein wenig mehr Action Szenen, sie bleiben aber wohl dosiert. Auf den Soundtrack von Vangelis muss man verzichten. Hans Zimmer gelingt es leider nicht, an den prägenden Sound anzuschließen.

    Über den Inhalt sei nicht mehr verraten als ohnehin bekannt ist. K trifft auf den untergetauchten Deckard, abermals gespielt von Harrison Ford. Die zentralen Fragen „Woher komme ich?“ und „Kann ich meinen Erinnerungen trauen?“ durchziehen auch die Fortsetzung. Hologramme sind Bestandteil des Alltags. Ana de Armas als Joi ist das ganz persönliche Hologramm von K und erfüllt es auf erstaunliche Weise mit Leben. Jared Leto ist Niander Wallace, der unheimliche Übervater aller Replikanten, der die Tyrell Corporation übernommen hat. 

    Was bleibt nach über 160 Minuten (damit ist die Fortsetzung gut eine Stunde länger als der Vorgänger)? Man möchte nicht, dass es zu Ende geht und das ist nicht zuletzt den traumhafen Bildern von Kameramann Roger Deakins zu verdanken. Blade Runner 2049 entwickelt diese Sogwirkung, die das Publikum mitreißt und zum Nachdenken anregt. Der Film macht übrigens mehr Freude, wenn man sich vorher nochmals die Geschichte in Erinnerung ruft. Es gibt zahlreiche Verweise an das Original. Villeneuve hat die heikle Mission gut gemeistert. Ihm ist ein würdiger Nachfolger gelungen.

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    Denis Villeneuve USA 2017 164 Min.

  • UNSERE SEELEN BEI NACHT

    UNSERE SEELEN BEI NACHT

    Addie Moore (Jane Fonda) und Louis Waters (Robert Redford) sind verwitwet und seit vielen Jahren Nachbarn am Rande einer US-Kleinstadt. Kontakt hatten sie in all den Jahren keinen, umso sprachloser ist Louis, als seine Nachbarin eines Abends mit einer ungewöhnlichen Bitte an seine Türe klopft.

    Beide sind im realen Leben um die 80 Jahre alt und versuchen das im Film erst gar nicht zu verbergen. „Unsere Seelen bei Nacht“ thematisiert Einsamkeit im Alter und den sozialen Druck, dem alte Menschen ausgesetzt sind, weil ihnen die Gesellschaft bestimmte Rollen zugeschrieben hat und sie schon ins Abseits gestellt hat. Darüber wird im Allgemeinen nicht viel gesprochen aber der Film schildert auf eine präzise wie unterhaltsame Weise die zaghafte Annäherung von Addie und Louis. Sie kümmerte sich nie darum, was andere denken und er wiederum braucht etwas, um sich schließlich von gesellschaftlichen Zwängen lösen zu können.

    Es ist auch eine Geschichte vom Überleben. Dem Überleben derjenigen, die einem am nächsten sind und dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit, die einen immer wieder aufs Neue einholt.

    Ganz großes Kino könnte man meinen. „Unsere Seelen bei Nacht“ ist aber eine Netflix Produktion und somit absofort bequem zu Hause zu sehen.

    Genau 50 Jahre nach ihrem ersten gemeinsamen Leinwandauftritt „Barfuß im Park“, der ist übrigens auch gerade auf Netflix verfügbar, hatte „Unsere Seelen bei Nacht“ bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig ohne großes Aufsehen Premiere. In der jüngsten Zeit hatte sich die Diskussion darüber zugespitzt, was auf einem Festival gezeigt werden darf. Wenn es für die großen Filmstudios nicht mehr rentabel genug ist, zwei alternden Hollywoodstars einen Auftritt auf der großen Leinwand zu ermöglichen, sollte man Netflix für diese rührende romantic comedy dankbar sein.

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    Ritesh Batra USA 2017 103 Min.

  • DIE BESTE ALLER WELTEN ★★★★★

    DIE BESTE ALLER WELTEN ★★★★★

    Bevor das schwächelnde Kinojahr noch einmal in einen verheißungsvollen Herbst durchstartet, ist genügend Zeit um sich einen Film aus Österreich anzusehen, der einen so schnell nicht mehr loslassen wird.

    Adrian Goiginger hatte das, was man eine schwierige Kindheit nennt. Er wächst ohne Vater bei seiner drogenkranken Mutter Helga auf. Fernab des noblen Salzburg, in dem man von Touristen überrannt wird und an jeder Ecke in eine Kirche stolpert, am Rande der Stadt, wo die Drogenszene in den 1990ern ständig am wachsen ist.

    Der Tod seiner Mutter im Jahr 2012 hat Goiginger dazu bewegt, ihr seinen Debutfilm zu widmen. Portraitiert wird seine Mutter Helga (Verena Altenberger) aus der Sicht des siebenjährigen Adrian (Jeremy Miliker). Obwohl die Drogensucht in ihrer Wohnung allgegenwärtig ist, versucht Helga sie vor ihrem Sohn und dem Jugendamt zu verbergen. Sie schaffen sich beide eine Fantasiewelt, in der es nichts als Liebe, Abenteuer und Zuversicht gibt. Für die Beiden ist es „Die beste aller Welten„. Den kleinen Buben wird der Dämon aus seinen Träumen einholen, zu groß wird die psychische Belastung. Am Ende entlässt Goiginger die Zuseher aber in eine hoffnungsvolle Zukunft.

    Die Kamera von Yoshi Heimrath und Paul Sprinz nimmt unter großem körperlichen Einsatz die Perspektive von Adrian ein und hat in dem 360 Grad Set großen Anteil daran, dass sich das Publikum wie mitten in der Wohnung fühlt, in der der Film über weite Strecken spielt. Die Clique schottet sich in der verdunkelten Wohnung dermaßen von der Außenwelt ab, dass beinahe jeder räumliche und zeitliche Bezugsrahmen fehlt. Diese Geschichte kann immer und überall spielen. Nur als am Hot Dog Stand (so 1990er!) in Schilling bezahlt wird, lässt sich eine zeitliche Verortung herstellen. Die Entscheidung, das Drehbuch im Salzburger Dialekt zu verfassen, dient weniger dem Lokalkolorit, als vielmehr der Authentizität.

    Der tatsächlich erst siebenjährige Miliker spielt herzzerreißend und Altenberger schafft Überzeugend die Gradwanderung zwischen Drogensucht und dem Muttersein.

    Goiginger packt das Publikum und nimmt es mit auf eine Reise in die Tiefen der menschlichen Seele. Sein Regieerstling, bei dem er auch das Drehbuch verfasst hat, ist keine Vorverurteilung von Drogenkranken, sondern eine schonungslose Milieustudie. Ein sehr persönlicher und erschütternder Film, der voll Spannung von einer liebevolle Beziehung unter extremsten Umständen erzählt.

    Finanziert unter anderem durch das ORF Film/Fernseh-Abkommen, das die Produktion heimischer Kinofilme unterstützt. Nur weil demnächst wieder einmal über die Sinnhaftigkeit des ORF diskutiert werden wird.

    Adrian Goiginger | AUT 2017 | 103 Min | [usr 5]

  • ON THE MILKY ROAD

    ON THE MILKY ROAD

    Der Milchmann Kosta (Emir Kusturica) und seine Zukünftige Braut Milena (Sloboda Mićalović) leben auf einen Bahnhof, allerdings fahren hier schon lange keine Züge mehr. Es herrscht Krieg in Jugoslawien. Kosta gerät während der Milchtransporte zwischen die Fronten und zwischen zwei Frauen. Um den Traum einer Doppelhochzeit zu erfüllen, wird für Milenas aus dem Krieg heimgekehrten Bruder Žaga (Predrag Manojlović) eine Italienerin (schön: Monica Bellucci) herbeigeschafft. Kosta und die namenlose Italienerin sind einander nicht abgeneigt und so kommt es, wie es kommen muss.

    „Basierend auf drei wahren Geschichten und jeder Menge Fantasie“ steht am Beginn und zu wenig Fantasie kann man Kusturica nicht absprechen. Auf einem Esel reitet er über die Frontlinie und schützt sich mit einem Sonnenschirm vor der Sonne und Granaten. In On the Milky Road inszeniert er Wanderfalken und Schlangen als Beschützer und im Blut badende Gänse. Kusturicas Filme schienen immer einem Kuriositätenkabinett entsprungen zu sein. Banalitäten des Alltags stehen neben Slapstickeinlagen, die sich folglich leider in hanebüchenen Spezialeffekten verlieren.

    Schon zwei Mal ging Kusturica mit einer Goldene Palme nach Hause (Papa auf Dienstreise 1985, Underground 1995) und wurde auch sonst mit Preisen überhäuft. Ein Startplatz bei den renommiertesten Festivals ist ihm bis heute sicher. Mit seiner neuesten Arbeit mag er aber weniger zu überzeugen.

    Poesie und Brutalität stehen einander in Kusturicas Wunderwelt gegenüber. In der zweiten Hälfte wird der Film richtig brutal und mündet in einen Massenmord an Schafen.

    Die, die sagen „Der Krieg geht uns nichts an“ überleben ihn nicht und die anderen verfolgt er bis in alle Ewigkeit. Am Ende findet Kosta, wie Kusturica im richtigen Leben, zum Glauben und legt einen Garten aus Felsblöcken an. Was möchte er uns eigentlich sagen? Auch nach über zwei Stunden bleibt man als Zuseher ahnungslos zurück.

    Emir Kusturica SRB 2017 125 Min.

  • KÖRPER UND SEELE

    KÖRPER UND SEELE

    Der recht sperrige Titel täuscht vielleicht darüber hinweg, dass es sich hier um eine große Liebesgeschichte handelt. Regisseurin Enyedi zeigt, wie sich zwei fragile Menschen näher kommen, die bisher zu keiner Beziehung fähig waren.

    Der Fragilität steht die strahlend weiße Kulisse eines Schlachthofes gegenüber in der Körper und Seele – der Film spielt. Hier werden Tiere mit einer klinischen Nüchternheit getötet und zerlegt. Mit derselben Präzision durchleuchtet Enyedi das Wesen ihrer beiden Hauptdarsteller. Mária (Alexandra Borbély), die Neue in der Qualitätskontrolle und Endre (Géza Morcsányi), der Finanzchef.

    Der Film wagt einen tiefen Blick dahin, was man gemeinhin als Seele bezeichnet. Mária ist Autistin und zu keinem sozialen Leben fähig. Jede auch nur unabsichtliche Berührung ist ihr unangenehm. Endre hat Beziehungen, die sich auf Körperlichkeit beschränken. Durch seinen gelämten Arm sieht er sich außer Stande, mit einer Frau einen tiefergehenden Kontakt aufzubauen. Liebe ist für beide nicht denkbar. Zusehr steht der eigene Körper und die Scheu vor anderen Menschen im Weg.

    Zu einer ersten Begegnung kommt es in der grellen Kantine. Dort, wo in der täglichen Routine die Belegschaft aufeinander trifft und es keinen Winkel gibt, um sich vor den Blicken der anderen zu schützen. Es ist ein langer Weg der sich abwechselnden Annäherung und Zurückweisung bis Endre durch die laufende Untersuchungen einer Arbeitspsychologin erfährt, dass er mit Mária ein und denselben Traum teilt. Enyedi zeigt die Traumsequenzen von Beginn an. Zwei Hirsche im winterlichen Wald, die sich auf ähnlich vorsichtige Weise näher kommen. Ein entscheidender Impuls für Endre, auf Mária zuzugehen.

    Man spürt förmlich die Spannung in der Luft, wenn sich die beiden gegenüber sitzen. Die kühlen Bilder von Kameramann Máté Herbai erinnern in ihrer Komposition an zeitgenössische Fotografie, gehen auf Distanz und fangen das Umfeld von Mária und Endre aus einer beobachtenden Perspektive ein.

    KÖRPER UND SEELE ist eine tiefgründige Analyse Zweier, die große Überwindungen auf sich nehmen müssen, um einander näher zu kommen. Mit einer gehörigen Verspätung ist der Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale 2017 bei uns angelaufen. Zu sehen im CineCenter Wien und VOTIVKINO / DE FRANCE.

    Idikó Enyedi, HU 2017 116 Min.

  • VALERIAN – DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN

    VALERIAN – DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN

    Unverfilmbar. Das galt lange Jahre auch für die dem Film zugrundeliegende Science-Fiction-Comic-Serie „Valerian und Veronique“ (Originaltitel: Valérian et Laureline) von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières aus den 1960 Jahren. Erst durch James Camerons Arbeit an „Avatar“ sah Luc Besson die technischen Vorraussetzungen geschaffen, den Stoff umzusetzen. VALERIAN wartet mit komplexen animierten Welten und einer ganzen Armada an Außerirdischen auf.

    In grellen Farben wird vom Agentenpärchen Valerian und Laureline erzählt. Sie sind schon zu Beginn ein Paar. Die Geschichte spart das Vorspiel aus und nach dem Motto „was sich liebt, das neckt sich“ reisen sie mit Lichtgeschwindigkeit von einem Auftrag zum nächsten. Durchaus unterhaltsam.

    Dem Humor und manch origineller Idee wird aber durch platte Dialoge der Wind aus den Segeln genommen. VALERIAN ist ein Genuß für die Augen aber darüber hinaus weniger geglückt. Laureline (Cara Delevingne) ist nur Beiwerk, nur selten darf auch sie ihr Können beweisen. Von gleichberechtigten Partner kann hier nicht die Rede sein. Am Ende muss sie Valerian (Dane DeHaan) von der Macht der Liebe überzeugen.

    Dabei ist der Film eines der wenigen positiven Beispiele dafür, wie effektiv 3D eingesetzt werden kann. Aufgrund des mangelnden Erfolges – trotzdem hält sich der Film bereits vier Wochen in den Kinos – wird sich Bessons Wunsch nach dem Start einer Serie eher nicht erfüllen.

    Luc Besson F 2017 138 Min.

  • BABY DRIVER

    BABY DRIVER

    Mit unsinnigen Übersetzungen von Filmtiteln ins Deutsche könnte man Bände füllen. In diesem Fall wurde dem Verleih die Arbeit bereits abgenommen. BABY DRIVER, da gibt es keine Steigerung mehr. Zum Filmstart in Großbritannien wurde darüber diskutiert, ob der Titel dem Erfolg des Filmes im Wege stehen würde. Dazu gleich vorweg: nicht abschrecken lassen, Unterhaltung ist garantiert.

    One more job

    Baby (Ansel Elgort, bekannt aus „The fault in our stars“) steht bei Doc (Kevin Spacey) hoch in der Schuld und fungiert seit Kindheitstagen bei von ihm organisierten Raubüberfällen als Fluchtfahrer. Babys Interesse gilt jedoch in erster Linie der Musik. Für jeden Überfall stellt er sich einen eigenen Soundtrack zusammen und wartet mit Stöpseln in den Ohren im Auto und stiehlt sich so auch aus der Verantwortung.

    Edgar Wright inszeniert den Film aus der Sicht von Baby und seiner Musik. Jeder Schnitt, jede Bewegung und jeder Schuß erfolgt im Takt der Musik. Klingt anstrengend, funktioniert aber erstaunlich gut.

    Achtung Baby!

    BABY DRIVER ist ein solider Gangsterfilm mit Musicaleinschlag und Lovestory obendrauf. Kurz vor seinem letzten Job lernt Baby Deborah (Lily James) kennen. Doch bald heisst es wie so oft: „Behind the wheel or in a wheelchair?“ Mit dem Aussteigen ist es immer so eine Sache. Baby muss sich seiner Verantwortung stellen und die Liebe erstmal warten.

    Alles ist der Musik untergeordnet. Die Sprache tritt in den Hintergrund. Entsprechend wortkarg gibt sich Baby. Selbst mit seinem taubstummen Ziehvater kommuniziert er neben Gebärden über die Musik. Damit hebt sich Wrights Film von der Masse an Gangsterfilmen ab und versteht sich auch ein wenig als Hommage an die Filme der 1960er Jahre.

    Auch wenn zu damaligen Zeiten ganz andere Kaliber vor der Kamera standen. Die Kumpanen bei den Raubzügen wechseln ständig. Jamie Foxx ist mit dabei. Das ist der mit dem clownensken Outfit und es gibt ein Wiedersehen mit Jon „Draper“ Hamm.

    BABY DRIVER, ohne große Vorankūndigungen aus dem Nichts aufgetaucht, bietet mit seinen Verfolgungsjagden und dem fetzigen Soundtrack gute Unterhaltung und ist der Überraschungserfolg dieses Sommers.

    Edgar Wright USA 2017 113 Min