Schlagwort: 2019

  • BOOKSMART ★★★★½

    BOOKSMART ★★★★½

    What utter rubbish. Worst movie of this year, this decade, this millennium. In fact worst movie ever. If this is anything like what high school is these days then I truly weep for the future.“ Wer sich so im Netz äußert, muss einen Donald-Trump-Pappaufsteller in der Wohnung haben oder nein, mindestens eine aufblasbare Puppe des Präsidenten sein eigen nennen. Dieses homophobe Warzenschwein! Wobei, wenn uns Booksmart, der erste Spielfilm der Schauspielerin Olivia Wilde, eines lehrt, dann dass man mit allzu voreiligen Zuschreibungen vorsichtig sein sollte.

    Molly (Beanie Feldstein), eine hyperaktive Streberin vor dem Herrn und ihre beste Freundin Amy (Kaitlyn Dever), scheinbar unauffälliger aber wenn es um feministische Angelegenheiten geht nicht weniger energisch, stehen kurz vor dem Highschool-Abschluss. Jahre der Entbehrungen liegen hinter ihnen. Hatten sie doch ihr gesamtes Leben dem Schulerfolg untergeordnet. Am Tag vor der Abschlusszeremonie kommt das böse Erwachen. Selbst die am wenigsten ambitionierten MitschülerInnen schafften es, an Eliteunis aufgenommen zu werden. Panik macht sich breit.

    Also putzen sich die zwei heraus und versuchen in einer vermeintlich perfekten Nacht all das Versäumte nachzuholen. Booksmart nimmt uns mit auf eine abenteuerliche Reise, die nicht nur voller Überraschungen steckt sondern auch noch wahnsinnig unterhaltsam ist. Mit viel Liebe zu ihren Charakteren inszeniert Wilde eine Odyssee durch das nächtliche L.A. und lässt ihre Hauptdarstellerinnen auf der Suche nach der coolsten Party der Stadt von einer skurrilen Situation in die nächste stürzen. Feldstein und Dever geben dabei ein kongeniales Duo ab. Nur ein Höhepunkt von vielen ist eine Stop-Motion Barbie-Drogen-Halluzinations-Sequenz. Zum schreien komisch. Muss man gesehen haben.

    Dabei wird Diversität groß geschrieben. Die unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen sind hier das Selbstverständlichste auf der Welt. Genderfragen werden fast beiläufig thematisiert. Das alles ist von einer erfrischenden Natürlichkeit, wie man es in High School Komödien bisher nicht gesehen hat. Der Film ist bis in die kleinesten Rollen fein besetzt, wartet mit einem spitzen Soundtrack auf (Dan the Automator) und überzeugt mit einer kreativen Kameraarbeit (Jason McCormick).

    Booksmart ist eine Geschichte über eine Freundschaft, bizarr und deftig und trotzdem intelligente Unterhaltung mit einem feministischen Unterton. Ein Wohlfühlfilm, der auch unter der Oberfläche einiges zu bieten hat.

    BOOKSMART | OLIVIA WILDE | USA 2019 | 105 Min. | [usr: 4,5]


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  • THE KOMINSKY METHOD – S2

    THE KOMINSKY METHOD – S2

    Sandy (Michael Douglas), der Schauspiellehrer und sein ehemaliger Agent und bester Freund Norman (Alan Armin) sind ein Glücksfall für die Serienwelt. Die beiden haben eigentlich nichts gemeinsam. Sandy ist ein Lebemann, ehemaliger Hollywoodschauspieler, drei Mal geschieden und genießt das Leben immer noch in vollen Zügen. Norman ist da konservativer. Ein Zyniker, für den das Leben durch den Tod seiner Frau nicht mehr viel zu bieten hat. Was sie verbindet sind die Widrigkeiten des hohen Alters. Bei jeder Gelegenheit kommen Themen zur Sprache, die in der Gesellschaft sonst eher keinen Platz haben, früher oder später aber doch jeden betreffen. Alles dreht sich um das körperliche Un-wohlbefinden und die Frage, ob man im hohen Alter noch eine Beziehung eingehen kann.

    In The Kominsky Method hat man schon im letzten Jahr von Beginn an gemerkt, dass die Darsteller einen großen Spaß bei der Arbeit haben und das schlägt sich natürlich auf die Stimmung der ganzen Serie nieder. Wer den Auftritt von Michael Douglas in den sozialen Medien kennt, der weiß, dass ihm der Schalk aus den Augen schaut.

    Wenn es einen nicht stört, zwei alten Männern dabei zuzuhören, wie sie sich immer wieder über ihren Harndrang auf dem laufenden halten, wird mit The Kominsky Method auch im zweiten Jahr eine Freude haben. Neben den pointierten Dialogen schlägt die Serie gegen Ende der zweiten Staffel aber auch ernste Töne an, allerdings ohne dabei den Pfad einer Comedyserie zu verlassen.

    Die Serie hat einige Stargäste zu bieten. Wer errät, wer der junge Mann ist, der am Ende der Staffel als Enkel von Norman seinen Auftritt hat?

    Ob es eine dritte Staffel geben wird, erfahren wir im Jänner 2020. Die Zeichen dafür stehen aber gut, vorausgesetzt die Darsteller erfreuen sich auch im echten Leben bester Gesundheit.


    THE KOMINSKY METHOD Staffel 1 + 2 – nach einer Idee von Chuck Lorre (Two and a Half Men, The Big Bang Theory) – jetzt bei Netflix.

  • MIDWAY – FÜR DIE FREIHEIT ★★½

    MIDWAY – FÜR DIE FREIHEIT ★★½

    Sommer 1996. Roland Emmerich sprengt das Weiße Haus in die Luft. Mit seinem Alien-Science-Fiction-Film Independence Day schafft der deutschstämmige Regisseur nicht nur den Durchbruch, sondern legt den Grundstein für eine Welle von Disastermovies mit patriotistischem Einschlag. Der Zerstörungswut ist Emmerich bis heute treu geblieben. Bei seinem neuesten Film Midway – Für die Freiheit muss man nicht lange warten, bis einem die Bomben um die Ohren fliegen.

    Die Midwayinseln liegen genau zwischen Kalifornien und Japan. Daher kommt der Name. Sie umfassen eine Fläche von nur 6.2 km2 und hatten bis Anfang der 1990er Jahre eine immer wieder unterschiedliche strategische Bedeutung. Die Schlacht um Midway wird einigen aufgrund des gleichnamigen Filmes aus dem Jahr 1976 ein Begriff sein. Damals schaffte ein Allstar Ensemble mit Henry Fonda, Charlton Heston, James Coburn und Robert Mitchum die entscheidende Wende im Pazifikkrieg. Nachdem Angriff auf Pearl Harbor kam es im Juni 1942 hier zu einem zweiten Aufeinandertreffen der amerikanischen Marine und der kaiserlichen Marine Japans. Obwohl die Amerikaner stark in der Unterzahl waren, konnten sie durch eine erfolgreiche Geheimdienstarbeit die Schlacht für sich entscheiden.

    Roland Emmerichs Erzählung setzt mit dem Moment des Überraschungsangriffes auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 ein, der den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg markiert. General Chester Nimitz (Woody Harrelson) wird durch den Geheimdienstoffizier Edwin T. Layton (Patrick Wilson) darüber informiert, dass der Angriff vorhersehbar war, es in Washington aber niemand wahrhaben wollte. Folglich möchte Nimitz einen solchen Fehler in Zukunft vermeiden. Verschlüsselte Geheimdienstinformationen lassen auf einen Angriff auf die Midwayinseln schließen. Es ist aber einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Zuständigen davon zu überzeugen. Der Film nimmt sich viel Zeit, um auf die Bedeutung der Geheimdienstarbeit für den Erfolg bei der Schlacht hinzuweisen.

    Die 138 Minuten von Midway – Für die Freiheit vergehen wie im Flug. Obwohl der Ausgang bekannt ist und sich nie so wirklich ein Spannungsbogen etablieren kann. Die Dialoge bleiben unauffällig, genauso wie die schauspielerischen Leistungen. Im Mittelpunkt steht der Kampfpilot Richard Best (Ed Skrein), der wie seine Kollegen aus vollster Überzeugung für Demokratie und Frieden seine Einsätze fliegt. Keine Sekunde wird ein Zweifel daran gelassen, dass es sich hier um einen Kriegsfilm handelt. Sogar der Gegner wird als jemand dargestellt, der heldenhaft kämpft und ehrenvoll mit dem eigenen Schiff untergeht.

    Der letzte Film, der sich mit einem militärischen Ereignis aus dem Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt hat, war Christopher Nolans Dunkirk. Beide Filme könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Dunkirk das Publikum mit seiner Erzählweise und den spektakulären Aufnahmen in Atem hält, wirkt die Inszenierung der Kampfszenen in Midway wie aus einen Computerspiel. Das hängt auch damit zusammen, dass hier nichts echt ist und der Greenscreen somit allgegenwärtig. Offenbar reichen heute 100 Millionen Dollar nicht mehr aus, um einen halbwegs realistisch wirkenden Film dieser Größenordnung zu machen.

    Hinzu kommt, dass Midway in seiner Erzählweise in den 1990er Jahren steckengeblieben ist. Hier ist nichts innovativ. Es ist zu hoffen, dass diese Art von historischem Retrokino die Ausnahme bleibt. Bleibenden Eindruck hinterlässt Midway nämlich keinen und ist bei verlassen des Kinosaales schon fast wieder vergessen. Vielleicht wird es wieder Zeit, dass Roland Emmerich das Weiße Haus pulverisiert, eine Alieninvasion ist in nächster Zeit nämlich keine zu erwarten.

    ROLAND EMMERICH | USA 2019 | 137 Min. | [usr 2,5]


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  • DORA UND DIE GOLDENE STADT ★★★★

    DORA UND DIE GOLDENE STADT ★★★★

    Bei Verfilmungen von Fernsehserien oder anderer bereits bekannten Geschichten für Kinder, gibt es kaum welche, die sich insofern aufdrängen, als dass man sofort ins Kino laufen möchte. Man tut es dann den Kleinen zuliebe doch immer wieder. Oft bestätigen sich die Befürchtungen. Den Kindern gefällts aber der Gedanke, auch sie hätten besseres verdient, bleibt zurück. Regisseur James Bobin scheint das genau zu wissen und so startet Dora und die goldene Stadt genauso, wie man es erwartet. 

    Vielleicht hat man noch die positiven Filmkritiken im Hinterkopf aber die sind schnell vergessen. Die können sich alle nur irren oder wir sitzen im falschen Film. Völlig überdreht und comichaft rasst Dora durch den Dschungel. Dora (hier in einem Alter wie man sie aus dem Vorschulcartoon kennt: Madelyn Miranda als etwa 7-jährige) wendet sich dann, wie auch in der TV-Serie, schulfernsehmäßig direkt an das Publikum. Man schielt Richtung Notausgang. 

    In der, von Nickelodeon produzierten, Vorlage, werden die Kinder tatsächlich direkt angesprochen. Dabei sollen sie im Original spanische Vokabeln lernen und in der deutschen Version erste Erfahrungen mit der englischen Sprache sammeln. 

    Im Kino dauert der Schock nur kurz an. Alles gut. Voll erwischt. Ein Zeitsprung, zehn Jahre später, Dora, nun gespielt von Isabela Moner, stolpert geradewegs in ihr erstes Abenteuer im peruanischen Dschungel und der Film in eine völlig andere Richtung.

    Im Dschungel lebt sie mit ihren Eltern, den Forschern Cole (Michael Pena) und Elena (Eva Longoria). Als sie ihrem Ziel, der Entdeckung der titelgebenden goldenen Stadt, immer näher kommen, schicken sie ihre Tochter auf die High-School zu Verwandten nach L.A. Für ihren alten Jugendfreund dort ist sie die Peinlichkeit in Person. Dora kennt nichts anderes als das Leben im Dschungel, was für das Publikum einen großen Spass bedeutet. Bei einem Klassenausflug ins Museum kommt es zu einem Zwischenfall und Dora befindet sich mit ihren Klassenkameraden im nächsten Moment in einer Kiste auf dem Weg zurück nach Peru. Die Forschungsarbeit ihrer Eltern rief eine Bande finsterer Typen auf den Plan. 

    Die Kinoadaption der TV-Serie Dora (orig. Dora the explorer) ist ein großes Indiana Jones-Abenteuer für kleine Kinobesucher – und nicht nur die. Der Film nimmt sich nämlich selbst nicht all zu ernst und bietet durchaus Gags auf einer Metaebene. So ist auch für die Erwachsenen Unterhaltung garantiert. Das ist zum größten Teil das Verdienst von Isabela Moner. Sie erweckt die Zeichentrickfigur als sympathisches Energiebündel mit viel Freude und Elan zum Leben. Aufregend und doch kindergerecht ist Dora ein charmantes Kinoerlebnis geworden.

    JAMES BOBIN | USA 2019 | OT: DORA AND THE LOST CITY OF GOLD | 102 Min. | [usr 4]


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  • PARASITE ★★★★½

    PARASITE ★★★★½

    Im vergangenen Jahr besaßen 26 Menschen genauso viel, wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Das sind bekanntlich rund 3,8 Milliarden Menschen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird weltweit wieder größer, das berichtet die Hilfsorganisation Oxfam. In den zehn Jahren nach der Finanzkrise hat sich die Zahl der Milliardäre nahezu verdoppelt. Ihre Vermögen wachsen um 2,5 Milliarden US-Dollar. Täglich.

    Der südkoreanische Filmemacher Bong Joon-ho (Snowpiercer, The Host, Okja) lässt in seinem neuesten Film Parasite zwei Familien aufeinandertreffen, die genau aus entgegengesetzten sozialen Schichten kommen. Die Familie Kim lebt in einer Wohnung im Souterrain. Der Vater, seine Frau, Tochter und Sohn verdingen sich mit Gelegenheitsjobs wie Pizzakartons falten, was offensichtlich nicht zu ihren Stärken zählt. Das WLAN klaut man bei den Nachbarn. Die Parks wiederum leben in einem Designerhaus. Auch ein vier Personenhaushalt. Der Vater ist hier ein erfolgreicher Geschäftsmann. Die Leere der Räume des großen Hauses setzt sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen fort. Von einer Geselligkeit wie bei den Kims ist ihr nichts zu spüren. Die kühlen Beziehungen, vermischt mit dem Setdesign, rufen Erinnerungen an so manchen österreichischen Film hervor.

    Das ist die Ausgangslage für Bongs Drama, das sich bald keinem Genre mehr zuschreiben lassen wird. Die einzige Möglichkeit, dass zwei so unterschiedliche Familien aufeinandertreffen, ist ein Arbeitsverhältnis. Der bauernschlaue Sohn Ki-woo der Familie Kim tritt als Nachhilfelehrer der Tochter in das Leben der Parks. Als die auch eine Therapeutin für sie suchen, hat Ki-woo eine Idee. Mehr soll hier über den Inhalt nicht verraten werden. Das wünscht sich der Regisseur so und garantiert eine der spannendsten und aufregendsten Kinoerfahrungen der letzten Jahre.

    Parasite ist unheimlich komisch – wenn man in der Originalfassung nicht darauf vergisst, die Untertitel zu lesen. Der Film funktioniert nämlich ohne Sprache über weite Strecken auch sehr gut. Dabei weiß man nie, ist die nächste Szene zum Lachen oder doch eine der schockierenden Wendungen. Damit spielt Bong für mehr als zwei Stunden, bis zur allerletzten Szene.

    Die Goldene Palme hat Bong Joon-ho in diesem Jahr schon erhalten. Sozialkritische Stoffe sind gerade sehr gefragt (siehe auch Joker). Für den Auslandsoscar gilt Parasite als Fixstarter und darüber hinaus sind Nominierungen für Beste Regie, Bester Film und Bestes Drehbuch nicht unwahrscheinlich. Filme kurz nach dem Filmstart einzuordnen ist schwer. Allein schon wegen des Drehbuchs, das in Zukunft wohl noch viele FilmstudentInnen beschäftigen wird, kann man hier trotzdem von einem Ausnahmefilm sprechen. Eine schamlose, grausame und sarkastische Tragikomödie voller dramatischer Überraschungen – es ist der beste Film, der in diesem Jahr bis jetzt angelaufen ist und wir haben immerhin schon Oktober.

    BONG JOON-HO | KOR 2019 | 132 Min. | [usr 4.5]


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  • JOKER ★★★★

    JOKER ★★★★

    Was wäre James Bond ohne Dr. No und Blofeld? Bruce Wayne könnte ohne Riddler oder Joker sein Kostüm getrost in der feuchten Höhle hängen lassen. Film und Comichelden definieren sich nicht zuletzt durch ihre Gegenspieler. Wie verhält es sich aber mit den Bösewichten selbst? Braucht der Joker Batman? Regisseur und Drehbuchautor Todd Philips wird darauf keine Antwort geben. Der Sensationserfolg des Jahres handelt nicht von der Figur des Joker, sondern vielmehr davon, wie aus einem vom Leben gebeutelten und psychisch kranken Mann der Joker wurde.

    Die Filmfestspiele von Venedig im August 2019. Joker feiert seine Weltpremiere auf dem renommierten Festival. Der Beifall ist groß. Ein paar Tage später erhält Todd Philips den Goldenen Löwen, die höchste Auszeichnung, die das Festival zu vergeben hat. Für eine Comicverfilmung. Man ist es von Venedig gewöhnt. Entweder es gewinnen Filme, die ein breites Publikum ansprechen und denen weltweit Anerkennung entgegengebracht wird oder es sind Filme, für die sich außerhalb der Festivalwelt niemand interessieren mag. Joker hat eine Woche nach Filmstart mehr als eine halbe Milliarde USD eingespielt und ist schon jetzt der erfolgreichste je am Lido ausgezeichnete Film.

    Während ihn die Kritiker nach dem Filmstart teilweise regelrecht in der Luft zerreißen, steht das Publikum Schlange. Zugegeben, der Trailer ist formidabel. Joaquin Phoenix als Arthur Fleck, abgemagert und irre, spielt um sein Leben. Setdesign, Kostüme und Kamera geben ein harmonisches Ganzes ab. Gut, über das Drehbuch ließe sich hie und da diskutieren. Aber Joker wartet gleich mit mehreren Szenen auf, die im allgemeinen Gedächtnis bleiben dürften. Joaquin Phoenix ist es gelungen, wie schon seinen Vorgängern Jack Nicholson und Heath Ledger, den Ruf des Joker als popkulturelle Ikone zu verfestigen, dessen Konterfei abermals T-Shirts, Poster, Kaffeehäferl und in Form von Graffitis Hauswände zieren wird.

    Dabei sieht man hier noch gar nicht den eigentlichen Joker, sondern einen Mann, der sich als Clown sein Geld verdient, bei seiner Mutter wohnt, ein bisschen Irre ist, von einer Karriere als Stand-up Comedian träumt und eines ganz sicher nicht ist, nämlich lustig. Als die Stadt die Sozialleistungen kürzt, spitzt sich die Lage zu. Nicht nur für Fleck, sondern für alle Menschen im Moloch Gotham City.

    Die Stadt spielte stehts eine große Rolle im Batman-Universum. Allerdings sah man sie immer aus der Sicht von Bruce Wayne. Seine Eltern wurden von einem Kleinkriminellen nach einem Theaterbesuch ermordet und auch sonst trieb sich in den Straßen von Gotham City ausschließlich das organisierte Verbrechen in Form von Gangs herum. In Joker sehen wir nun eine Stadt, die gerade dabei ist außer Kontrolle zu geraten, weil die Infrastruktur zusammenbricht und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Gesehen aus der Sicht eines Mannes, der zu den Verlierern gehört. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm. Schwierige Kindheit. Jobverlust. Todd Philips wählt eine völlig neue Perspektive um uns die Geschichte über einen der berühmtesten Bösewichte zu erzählen. Jetzt sind eben die Waynes die Antagonisten – und trotzdem: Joker ist eine Comicverfilmung und kein Sozialdrama.


    Die Verwandlung des Arthur Fleck kommt in kleinen Dosen. Es ist eine Freude, Phoenix dabei zuzusehen. Es gibt dann am Ende jenen Moment, in dem die Transformation vollzogen ist und Arthur Fleck verschwunden ist. Die knapp zwei Stunden davor garantieren, dass an der Glaubwürdigkeit des radikalen Wandels, den der Charakter durchläuft, kein Zweifel bleibt.

    Robert De Niro als Showmaster Murray Franklin bleibt trotz seiner kurzen Auftritte im Gedächtnis. Er bedient sich Außenseitern, wie Fleck einer ist, für seine Show. Lachen auf Kosten von anderen. Die Aversion, die beide Schauspieler für einander gehegt haben sollen, wird spürbar und erzeugt eine interessante Spannung.

    Vielleicht nimmt Joker in einer überzeichneten Art und Weise voraus, was uns in fünf bis zehn Jahren tatsächlich blüht, wenn die Wirtschaftskrise wirklich angekommen ist und vielleicht wird der Film dann retrospektiv von manchen anders gesehen. Todd Philips scheint mit seiner völlig neuen Interpretation eines Comicstoffes jedenfalls den Nerv der Zeit getroffen zu haben.

    TODD PHILIPS | USA 2019 | 122 Min. | [usr 4]


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  • A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO ★★★★

    A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO ★★★★

    Vor 24 Jahren kam mit Toy Story der erste vollständig animierte Spielfilm in die Kinos. Der Film markierte nicht nur den Beginn einer Jahrzehnte andauernden Freundschaft zwischen dem „lonely cowboy“ Woody (im Original gesprochen von Tom Hanks) und dem Astronauten Buzz Lightyear (Tim Allen), sondern von da an war die Disney Tochter Pixar Animation Studios das Maß aller Dinge, wenn es um Computeranimation ging. Böse Zungen behaupteten gar, Woody und seine Spielzeug-Freunde übertrafen  ihre realen KollegInnen an Emotionalität und Ausdruckskraft.

    Obwohl niemand wirklich darauf wartete, kam bereits 1999 mit Toy Story 2 die Fortsetzung und wurde neuerlich gleichsam ein finanzieller wie künstlerischer Erfolg. 2010 wiederholte Pixar das Kunststück ein drittes Mal. Diesmal sogar als Bester Film für den Oscar nominiert und in der Kategorie Bester Animationsfilm schließlich erfolgreich. Das Ende galt dann als krönender Abschluss einer erfolgreichen Trilogie. Doch 2014 gab Disney bekannt, an einer weiteren Fortsetzung zu arbeiten. Skepsis war angebracht. In den letzten zehn Jahren brachte Pixar elf Filme heraus, sieben davon waren Fortsetzungen vorangegangener Erfolge. Obwohl durchwegs ebenso erfolgreich nicht immer von gleicher Qualität.

    Soviel kann schon man sagen: A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando, kurz Toy Story 4, fügt sich nahtlos in die Saga ein. Die Fortsetzung, auf die neuerlich keiner gewartet hatte, macht durchaus Sinn. Die Charakterentwicklung, vor allem von Woody, wird vorangetrieben. Woody trifft auf seine alte Flamme Porzellinichen (Orig. „Bo Peep“, Annie Potts). Sie hat nun buchstäblich die Hosen an. Von der zerbrechlichen Porzellanfigur hat sie sich zu einem selbstbewussten besitzerlosen Spielzeug gewandelt. Es werden neue Themenkomplexe aufgebrochen: Wann ist ein Spielzeug Müll? und Kann man als Spielzeug frei sein oder kann man nur mit einem Besitzer glücklich werden?

    Die nunmehrige Geschichte spielt zwischen einem Jahrmarkt und einem Antiquitätenladen. Was wir hier sehen, bleibt den Menschen allerdings meist verborgen. Die Perspektive der Spielzeuge zeigt uns was sich über oder unter den Ständen und Regalen abspielt. Hier tut sich eine eigene Welt auf, die mitunter bedrohlich wirken mag. Wie in den Vorgängern ging es den Machern nie alleine um Unterhaltung. Stets plagten die Charaktere existenzialistische Fragen. Der neu hinzugekommenen kanadischen Stunt-Motorradfahrer Duke Caboom (Keanu Reeves) ist traumatisiert wegen seines Unvermögens, als Spielzeug der eigenen Werbung stand zu halten. Duke alleine könnte einen Film füllen.

    Die bösen Wächter des Antiquitätenladens sind Bauchrednerpuppen in schwarzen Anzügen. Die seitlich hängenden Köpfe und schlackernden Gliedmassen sind ein weiteres Zeichen der Detailverliebtheit. Grusel garantiert. Durch die Altersfreigabe von FSK 0 sollte man sich nicht irritieren lassen. Toy Story 4 ist bestenfalls für Kinder ab 6 Jahren geeignet. Abgesehen davon, das man von einem Kinobesuch davor sowieso grundsätzlich absehen sollte, weil das viel zu anstrengend für die Kleinsten ist. Wirklich zu empfehlen ist der Film erst ab 8 Jahren.

    Wenn man sich die vier Filme heute ansieht, lässt sich der technische Fortschritt der Digitaltechnik ablesen. Damals wie heute setzt Pixar Maßstäbe im Genre. Und trotzdem: Etwas an „freshness“, um in der Sprache der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes zu bleiben, haben Woody und Co eingebüßt. Auch diese Serie lässt sich nicht ewig weiterführen. Das nunmehrige Finale ist – eine neuerliche – Möglichkeit, um die Spielzeuggeschichten zu einem würdigen Ende zu bringen.


    A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO/ OT: TOY STORY 4 | JOSH COOLEY | USA 2019 | 100 Min | [usr 4]


    Link: Spiegel Online: Pixar – Ein Studio im Wandel


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    Foto: Disney/Pixar

  • DER KÖNIG DER LÖWEN ★★½

    DER KÖNIG DER LÖWEN ★★½

    „Yes, we can“, das haben sich die Macher rund um Regisseur Jon Favreau wohl gedacht, als sie den Auftrag für das Remake des Disney Kinoklassikers aus dem Jahr 1994 bekommen haben. Der Zeichentrickfilm Der König der Löwen hat bis heute eine knappe Milliarde US-Dollar eingespielt. Ein derartiger Erfolg ist nur wenigen Filmen aus dem letzten Jahrhundert vorbehalten (genauer nur Titanic und Jurassic Park). Kein Wunder, dass sich der Konzern dazu entschloss, eine Neuauflage in die in Kinos zu bringen. Allerdings kein Live-Action Remake – aus Gründen – sondern einen hyperrealistischen Animationsfilm auf dem letzten Stand der Technik.

    Favreau hat schon mit seinem Dschungelbuch (2016) gezeigt, wohin die Reise geht. Nun also ein Film, der komplett dem Rechner entsprungen ist. Das Ergebnis ist beeindruckend. Es ist schwer, einem Kind zu erklären, dass hier nichts echt ist. Eigentlich ist es unmöglich. Neben der technischen Finesse kämpft der Film aber mit so manchen Probleme. Er ist schlicht irgendwo zwischen Tierdokumentation und Spielfilm stecken geblieben.

    Der König der Löwen ist ein Hybird von Film. Des Realismus wegen hat man auf menschliche Mimik verzichtet. Nicht jedoch auf Dialog und Gesang. Dabei hätte es etwas Innovatives gehabt, hätte man darauf zur Gänze verzichtet oder zumindest auf einen Erzähler gesetzt. Gut möglich, dass wir uns in Zukunft an solche Filme gewöhnen. Für den Moment wirkt alles etwas befremdlich.

    Im Grunde hat man sich zu einen Bild für Bild Remake entschieden. Die markanten Einstellungen sind größtenteils identisch zum Original. Allerdings dauert die neue Version eine halbe Stunde länger, bei gleichbleibender Storyline. Die Ergänzungen sind dem Film aber zu Gute zu halten. Die Geschichte ist jetzt stimmiger. Eine hinzugefügte Sequenz unterstreicht den Circle Of Life. Neben übertriebenem Flatulenzhumor gibt es eine amüsante Anspielung auf Die Schöne und das Biest. Gleichzeitig unterliegt aber ein Zeichentrickfilm anderen narrativen Gesetzen als ein „Realfilm“. Szenen wie die Stampede der Gnus und das Ende von Simbas Vater Mufasa wirken weniger glaubwürdig, weil die Landschaft jetzt komplexer ist. Muss er sterben, wenn es offenbar genügend Felsvorsprünge gibt? Das geht auf Kosten von Dramatik und Logik.

    All das ordnet sich aber der Frage unter, welchen Mehrwert Der König der Löwen heute hat – neben dem technischen Aspekt. Es wird schwer sein, einen zu finden. Auf der emotionalen Ebene kann der Film nicht mehr leisten als sein Vorbild. Das spricht für die Zeichner der Urfassung. Was bleibt? Einen guten Stoff kann man nicht umbringen. Die Geschichte ist simpel, leicht verständlich und im Hinterkopf schwelgt die Erinnerung an das Original.

    DER KÖNIG DER LÖWEN/ OV: THE LION KING | Jon Favreau | USA 2019 | 118 Min. |[usr 2,5]

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    FOTO: THE WALT DISNEY COMPANY

  • ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD ★★★★

    ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD ★★★★

    Hollywood, die Stadt der Träume. Quentin Tarantino verwirklicht sich hier mit Once Upon A Time In … Hollywood seine ganz persönliche Vision um die Schauspielerin und Stilikone Sharon Tate (1943-1969). Wie nimmt man sich aber einer Geschichte an, ohne einem weiteren, jedoch verhassten Protagonisten eine Bühne zu bieten (dem später gleichzeitig eine zweifelhafte Heldenverehrung zu Teil wurde) ? Tarantino hat einen Weg gefunden. Es ist hilfreich, wenn man ein wenig darüber Bescheid weiss, was in der Nacht vom 9. August 1969 Hollywood nachhaltig erschütterte.

    Auf der Spahn Movie Ranch (der alte, fast blinde Spahn wird von Bruce Dern verkörpert) versammelte der Sektenführer Charles Manson (1934-2017) Ende der 1960er mehr als 100 junge Frauen und Männer in einer Hippie-Kommune um sich, in dem er sie mittels Drogen und sexueller Abhängigkeit gefügig machte. Manson war von dem Wahn befallen, dass es zu einem großen Kampf zwischen schwarzen und weissen Menschen kommen würde. Die Sekte wird dem rassistischen, rechtsradikalen Spektrum zugeordnet. Es zeigte sich, dass die Mitglieder der „Family“ dazu bereit waren, alles für ihren „Ersatz-Jesus“ zu tun. Am 9. August gab Manson den Befehl, in das Haus von Roman Polański und seiner hochschwangeren Frau Sharon Tate einzudringen und alle Anwesenden zu töten. Die Verbrechen gingen gemeinsam mit den Tags darauf verübten Morden als Tate-LaBianca-Morde in die Geschichte ein und machten Manson zu einem der berühmtesten Verbrecher der Welt. Sharon Tate wurde mit ihrem Kind in den Armen begraben. Soweit, so schrecklich.

    Tarantinos Erzählung beginnt sechs Monate davor, an zwei Tagen im Februar 1969 (und wird später an zwei Tagen im August fortgesetzt). Der Westerndarsteller Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) befindet sich in einer Schaffenskrise und lässt sich von seinem Stuntdouble und Buddie Cliff Booth (Brad Pitt) durch die Straßen Hollywoods kutschieren. Dabei orientiert sich Tarantino lose an der Beziehung von Burt Reynolds zu seinem Stuntdouble Hal Needham. Erstmals gemeinsam vor der Kamera geben die zwei ein geniales Duo ab. Selbstironisch spielt DiCaprio damit, dass ihm die große Anerkennung als ernstzunehmender Schauspieler – trotz Oscar – nie wirklich zu Teil wurde, bzw. er durch sein intensives Spiel immer wieder Ziel von Persiflagen wurde. Pitt bringt mit seinem strahlenden Lächeln und nackten Oberkörper immer noch ganze Kinosäle in Verzücken. Once Upon A Time In … Hollywood ist auch ein Film über einen Generationenwechsel. Sunnyboy Pitt steuert bald auf seinen 60er zu. Es ist ein Verdienst der Traumfabrik, dass uns ein natürlicher Alterungsprozess zu verwundern vermag. Booth, der sich, als er die Antenne auf Daltons Dach repariert, nicht nur an einen Hahnenkampf zurückerinnert, den er einst mit Bruce Lee (Mike Moh) geführt hat, beobachtet auch den einzigen kurzen Auftritt von Charles Manson (Damon Herrimann), als der sich bei den Nachbarn über den Vormieter Terry Melcher erkundigt.

    In jenem Februar hat Dalton nämlich neue Nachbarn am Cielo Drive bekommen. Roman Polański (Rafał Zawierucha) und Sharon Tate (Margot Robbie) sind vor der Yellow Press in Europa nach Hollywood geflohen. Polański genießt bereits den Ruf als junger Wilder und verkörpert, auch wenn er nicht Teil des New Hollywood ist, eine neue Generation von Filmemachern. Dalton steckt als TV-Darsteller im alten Hollywood fest und träumt sogleich von einer Zusammenarbeit. Allerdings ziehen sich seine neuen Nachbarn hinter einem großen Eisentor zurück.

    Tarantino zeigt das Hollywood jener Jahre in einer detailverliebten Ausstattung und konserviert die Zeit in knalligen Farben. Nicht nur wenn Tate im Kinosaal ihre schönen Beine über die Sitze streckt, frönt Tarantino seinem Fußfetisch. Autos kommen bei ihm gleich an zweiter Stelle. Keine Einstellung ohne Verweis auf die Filmgeschichte: von Zefirelli bis Italo-Western, TV-Serien, Radioausschnitte, Filmplakate und einem obligatorisch rockigen Soundtrack mit viel Witz, wenn auch nicht so unverwechselbar wie sonst. Unterhaltsam ist sein Neunter allemal.

    Quentin Tarantino kehrt an seinen Sehnsuchtsort zurück und setzt einen Kontrapunkt zum Summer of Love, der zwei Jahre zuvor prolongiert wurde. Denn auch wenn Tarantino lange in ungewohnter Melancholie schwelgt, am Ende wird es nicht ohne häßliche Bilder gehen.

    Die Parallelmontage zu Beginn ist fulminant und die 20-minütige Plansequenz auf der Spahn Movie Ranch mutet wie das Vorspiel zu einem Horrorfilm an. Leider kann Tarantino diese Intensität nicht die knapp 160 Minuten halten und das Ende kommt abrupt. Vor allem, wenn man den historischen Rahmen nicht kennt. Tarantino hat den Hippiehasser und TV-Star Dalton, den man öfters in 16mm schwarzweiß Sequenzen seiner vergangenen Filme sieht, doch noch eine große Rolle im 35mm Cinemascope zu Teil werden lassen. Und das wird erst in der letzten Einstellung klar.

    ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD | QUENTIN TARANTINO | USA 2019 | 159 Min. | [usr 4 ]


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    FOTO: ANDREW COOPER/SONY PICTURES

  • ALADDIN  ★★

    ALADDIN ★★

    Zugegeben, nicht allein der Nachwuchs ist der Grund für den Kinobesuch. Man möchte dann doch mitreden können, selbst wenn die Vorbehalte schon im Vorfeld das Kinovergnügen trüben. Soviel sei an dieser Stelle verraten: der Achtjährigen hast es gefallen. Prinzessin, Prinz und schöne Kostüme. So schwer war das nun auch nicht. Aber Brot und Spiele sind noch nicht alles. Aladdin hat als fünfter Film in diesem Jahr die Milliarde am Boxoffice geknackt. Es ist der Fünfte mit Disney-Beteiligung. Die Maschine läuft und läuft und läuft und verläuft sich.

    Kurzkritik

    Das 31. Zeichentrickabenteuer der sogenannten „Walt Disney Meisterwerke“-Reihe war Aladdin im Jahr 1992. Es war der Moment, in dem Disney sozusagen erwachsen wurde. Ein temporeiches Gagfeuerwerk mit zahlreichen Anspielungen, die sich überwiegend einem älteren Publikum erschlossen. Herzstück war der Dschinni, im Original gesprochen von Robin Williams. Ein Genuss.

    Im nunmehrigen Live-Action Remake wurden nur geringfügige Veränderungen an der Geschichte vorgenommen, obwohl Aladdin 2019 gut 40 Minuten länger dauert. Von einer rasanten und kompakten Erzählung hat man sich also weit entfernt. Bei Die Schöne und das Biest (2017) ist das noch gut gegangen. Guy Ritchies Version verkommt aber zu einer Ausstattungsorgie ohne Höhepunkte und Charakteren, die bestenfalls gut aussehen möchten. Haben die Musiknummern schon 1992 keine große Rolle mehr gespielt, wirken sie heute allesamt fehl am Platz. Aber wenn man die Rechte an der Musik schon hat, warum sie nicht neuerlich nutzen.

    Die Mischung aus Realfilm und Computeranimation läßt jeglichen Zauber vermissen. Aladdin wirkt wie ein TV-Film für das Sonntag Nachmittag Programm – mit dem Budget eines Blockbusters. Trotz all der Opulenz fehlt es an jeglichem Charme. Auf bekannte Gesichter hat man zugunsten der ethnischen Korrektheit (wie im Original orientierte man sich weniger an der arabischen als an der indischen Kultur) bis auf Will Smith als Dschinni verzichtet. Seine Witze verpuffen in der Luft wie sein Unterkörper. Nein, lustig war das nicht, findet auch das junge Zielpublikum. Ständig stellt man sich die Frage nach dem Warum. Die Antwort darauf ist schnell gefunden. Sie findet sich in den Kinokassen. Disney kratzt am eigenen Image. Das wird nicht ewig gut gehen.

    ALADDIN | GUY RITCHIE | USA 2019 | 129 Min. | [usr 2]


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    Foto: Walt Disney Pictures