Schlagwort: 2022

  • ATHENA ★★★½

    ATHENA ★★★½

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    In Österreich erlangte Athena von Romain Gavras unrühmliche Bekanntheit, als es Ende Oktober 2022 in Linz zu Ausschreitungen kam und der Film hier offenbar als Inspiration für die Gefechte mit der Polizei herhalten musste. Bei den Filmfestspielen in Venedig mit zwei Preisen bedacht, ist Athena vor allem eins: ein rasantes wutgeladenes Gefecht mit chaotischen, langen Plansequenzen, die ihresgleichen suchen. Nicht zuletzt in der technischen Umsetzung sehr spannend. Wem Emily in Paris zu lieblich ist, hier kommt Mad Max: Fury Road in der Pariser Vorstadt.

    Darum geht es

    Die drei Brüder Karim (Sami Slimane), Abdel (Dali Benssalah) und Moktar (Ouassini Embarek) machen für den ungeklärten Tod ihres Bruders Idir die Polizei verantwortlich. Allerdings gehen sie damit ganz unterschiedlich um. Sie haben einen algerischen Migrationshintergrund, jedoch ganz verschiedene Biografien. Karim ist eine im Bezirk angesehene Größe und schwört auf Rache. Im zur Seite steht ein ganzes Heer an wütenden Mitstreitern. Nicht weniger aufgebracht ist Moktar, ein Drogendealer. Abdel kehrt gerade von der Armee zurück und versucht zu beschwichtigen. Er kann jedoch nicht mehr verhindern, dass die Lage allmählich eskaliert und sich ein ganzer Wohnblock in ein Schlachtfeld verwandelt.

    Für Karim (Sami Slimane) gibt es keine Kompromisse. Alle Zeichen stehen auf Angriff. (Athena, 2022)

    Kommentar

    Bereits nach wenigen Minuten musste ich die Pausetaste drücken. Was ist das jetzt? Schnell bei Youtube fündig geworden (siehe Making-of unten). Also alles echt. Athena beginnt mit einer 10-minütigen Plansequenz: Anfangs ein Pressestatement der Polizei, das in einen Brandanschlag und einer Stürmung eines Gebäudes mündet. Dann Flucht auf Motorrädern und im Kleinlaster. Die Kamera (Matias Boucard) mal auf dem Motorrad, dann im Inneren des Lasters. Von Beginn an alles ohne Schnitt gedreht auf einer Distanz von mehreren Kilometern, bis die Kamera in die Luft abhebt. Das ist atemberaubend gut.

    So geht es dann auch weiter. Romain Gavras hat den gesamten Film um die drei Brüder in der Pariser Vorstadt in Plansequenzen angelegt. In der Ästhetik erinnern sie teilweise an Peter Jacksons Schlachten in Mittelerde, nur das hier Großteils Migranten der Polizei gegenüberstehen. Das ist unglaublich dynamisch und dicht, sicherlich auch wegen der kompakten Spiellänge von rund 90 Minuten.

    Athena Making-of (Netflix)

    Am Drehbuch beteiligt war unter anderen Ladj Ly, der 2019 mit Die Wütenden – Les Misérables auf sich aufmerksam machte (Amazon Prime). In seinem Regiedebüt porträtierte Ly drei Polizisten im Stadtteil Les Bosquets. War damals der schwellende Konflikt unter der Oberfläche zu spüren, eskaliert es in Athena nun bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

    In diesem Sinne haben wir es hier mit einer Fortführung des Themas zu tun. Allerdings entwarf Die Wütenden ein präziseres und feinfühliger Bild der Konflikte in den Banlieues. Weniger spektakulär in der Umsetzung, dafür mehr der Sache dienlich, in dem der Fokus auf die Lebenssituation der Menschen gelegt wurde. Athena ist pure Provokation. Graubereiche gibt es hier keine mehr.

    Es ist am Ende die technische Umsetzung mittels enormen logistischem Aufwand, die Athena so spannend macht. Der hohe technische Aufwand und der Einsatz von realer Pyrotechnik ermöglicht ein unmittelbares Erlebnis, das an Intensität und Rasanz kaum zu überbieten ist. Greenscreen oder digitale Effekte gibt es nicht. Vor allem die erste Sequenz wird lange in Erinnerung bleiben. Es ist die wohl spektakulärste Plansequenz der Filmgeschichte. Die epochalen Choräle von Surkin entfalten ihre Wirkungskraft vor allem in den großen Gefechtsszenen. Überwiegend gedreht mit IMAX Kameras. Zu sehen ausschließlich bei Netflix.

    ATHENA
    Drama, F 2022

    Regie Romain Gavras
    Drehbuch Romain Gavras, Ladj Ly, Elias Belkeddar
    Kamera Matias Boucard
    Schnitt Cherifi Akram Mohamed Yasser
    Musik Gener8ion
    Mit Dali Benssalah, Sami Slimane, Anthony Bajon, Ouassini Embarek, Alexis Manenti
    Länge 97 Minuten
    Streamingplattform Netflix


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  • GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO ★★★★★

    GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO ★★★★★

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    In diesem Jahr entführt uns Oscar-Preisträger Guillermo del Toro (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers) in die Welt von Geppetto und seiner berühmten Holzpuppe Pinocchio. Umgesetzt gemeinsam mit Mark Gustafson (Der fantastische Mr. Fox) in der Stop-Motion Technik. Nach nur wenigen Spieltagen im Kino leitet Guillermo Del Toro’s Pinocchio nun bei Netflix die Award Season ein. Es ist die Arbeit eines Visionärs. Eine wunderbar feinfühlige Neuinterpretation.

    Darum geht es

    Nachdem der Tischlermeister Geppetto (David Bradley) seinen Sohn verloren hat, schnitzt er aus einem Baum eine Holzpuppe und nennt sie fortan Pinocchio. Eine Fee erweckt Pinocchio (Gregory Mann) zum Leben. Der Junge ist allerdings alles andere als brav und stellt seinen Schöpfer immer wieder auf die Probe, bis er eines Tages auf dem Schulweg auf Graf Volpe (Christoph Waltz) und Sprezzatura (Cate Blanchett) trifft und sich ihrem Zirkus anschließt. Es ist der Beginn einer großen abenteuerlichen Reise.

    Guillermo del Toro’s Pinocchio -Pinocchio (Stimme von Gregory Mann) and Count Volpe (Stimme von Christoph Waltz). Cr: Netflix © 2022

    Kommentar

    Im Jahr 1940 legte Walt Disney mit dem zweiten abendfüllenden Zeichentrickfilm Pinocchio einen Grundstein für die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte des Produktionsstudios. Der Film wurde nicht nur wegen seiner technischen Perfektion gelobt, sondern auch auf Grund der Neuinterpretation des Originalstoffes von Carlo Collodi aus dem Jahr 1881. Disneys Version war düster. Es sollte aber noch viele Jahrzehnte dauern, bis die Geschichte sich vom Ruf eines Kindermärchens emanzipieren konnte und der Entwicklungsroman durchaus auch als Erwachsenenliteratur gelesen wurde. Was die Geschichte bei genauerer Betrachtung auch nahelegt.

    Heute ist dem jungen Publikum die erste Verfilmung wohl kaum mehr bekannt, im Gegensatz zur allgegenwärtigen Visualisierung der Holzpuppe mit der roten Hose. Ebensowenig, dass der mit einem Oscar prämierte Song „When you wish upon a Star“, gesungen von der Grille, zur inoffiziellen Hymne von Disney geworden ist und bis heute am Anfang fast jeder Produktion des Konzerns erklingt. Erst vor wenigen Monaten ist man bei Disney mit einer Neuverfilmung kläglich gescheitert. Dazwischen liegen zahlreiche weitere Verfilmungen von unterschiedlicher Qualität.

    Pinocchio ist also unzertrennliche mit Disney verbunden. Guillermo del Toro (ihm zur Seite stand Stop-Motion Spezialist Mark Gustafson) dürfte es aber gelingen, mit seiner Version ein neues Kapitel aufzuschlagen. Guillermo del Toro’s Pinocchio ist ein technisches Meisterwerk, welches das Publikum in Staunen versetzen wird und mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl inszeniert ist (alleine mit wieviel Leidenschaft Del Toro Pinocchio ausspricht, als wäre er selbst Gepetto!). Einzig die Gesangsnummern wirken deplatziert (ungeachtet ihrer Qualität).

    Auch Del Toros Ansatz ist ein düsterer. Er verlegt die Geschichte in die Zeit des italienischen Faschismus und läßt Pinocchio für Benito Mussolini tanzen. Die Holzpuppe weiß aber ganz genau, wer da im Publikum sitzt und macht dass, was Spitzbuben so tun. Dieser Brückenschlag ist durchaus gelungen und erinnert an Pan’s Labyrinth (2006), wo Del Toro schon einmal ein faschistisches Regime in seine Geschichte eingewoben hatte (damals Spanien unter Franco). Wunderbar ist Ewan Mc Gregor als Sebastian J. Grille (auch gesanglich stark). Kein süßes Tier als Beiwerk sondern ein Insekt eben. Christoph Waltz macht als Antagonist Graf Volpe das, was er am Besten kann und hatte hörbar Freude daran. Die Blaue Fee (Tilda Swinton) bekommt bei Del Toro eine größere Rolle in Gestalt einer Schwester im Totenreich. Selbst als Holzpuppe muss sich Pinocchio mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

    Guillermo del Toro’s Pinocchio | Behind the Scenes

    Es ist ein Dilemma, dass einem bahnbrechenden Erfolg gerade das größtes Kapital im Wege stehen wird. Stop-Motion ist natürlich ein Nischenprodukt. Bleibt zu hoffen, dass die Niederschwelligkeit von Netflix dem Film zu mehr Erfolg verhilft, als es bei einer längeren Kinoauswertung möglich gewesen wäre. Immerhin konnte wer wollte den Film im Laufe einiger Tage im Kino sehen. Anderen Filmen bleibt dieses Privileg längst verwehrt.

    Man kann die Prognose wagen: In diesem Jahr wird die Oscar Kategorie Bester Animierter Film nicht von bunten Kinderfilmen beherrscht werden. Es ist nicht nur das Jahr von Stop-Motion, sondern eines Trickfilmes, der sich (auch) an ein älteres Publikum wendet. Die Chancen für Del Toro dürften nicht schlecht stehen, obwohl die Konkurrenz wie in jedem Jahr stark ist. Netflix strebt gar eine Nominierung in der Kategorie Bester Film an. In jeglicher Sicht gerechtfertigt.


    GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO
    Stop-Motion Märchen, USA/MEX/F 2022

    Regie Guillermo del Toro, Mark Gustafson
    Drehbuch Guillermo del Toro, Carlo Collodi, Matthew Robins,
    Kamera Frank Passingham
    Schnitt Ken Schretzmann
    Musik Alexandre Desplat
    Mit Gregory Man, Ewan McGregor, David Bradley, Christoph Waltz, Tildo Swinton, Cate Blanchett
    Streamingplattform
    Netflix


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  • MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON ★★★★★

    MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON ★★★★★

    Ein großes Filmwunder mit einem zündholzschachtelkleinen Protagonisten beschert uns die Produktionsfirma A24. Es ist eine recht absurde Ausgangslage. Wie soll eine winzige sprechende Muschel mit Füßen und einem großen Auge unsere Aufmerksamkeit erwecken? Ja, das funktioniert und zwar ziemlich gut. Die Fake-Stop-Motion-Dokumentation Marcel The Shell With Shoes On von Dean Fleischer-Camp und Jenny Slate ist eine Sternstunde des Geschichtenerzählens.

    Darum geht es

    Der Dokumentarfilmer Dean zieht nach einer Trennung in ein AirBNB Haus. Dort entdeckt er, dass das Haus von einer sprechenden Muschel und deren Großmutter bewohnt wird. Dean beginnt den Alltag von Marcel der Muschel zu filmen. Es stellt sich heraus, dass mit dem Auszug der Vormieter auch sämtliche Verwandte der Muscheln verschwunden sind.

    Dean stellt erste Videos online und rund um den von der Einsamkeit geplagten Marcel entwickelt sich bald ein Internetphänomen. Sogar die Produzenten von Marcels Lieblingssendung 60 Minutes werden auf ihn aufmerksam. Durch den Auftritt in der Talkshow nimmt das Leben von Marcel eine entscheidende Wendung.

    Marcel in seiner Vorratskammer und einer Rutsche im Hintergrund (Marcel The Shell with Shoes on, USA 2022)

    Kommentar

    Dem Film gehen drei Kurzfilme voran, die auf Youtube verfügbar sind (hier, hier und hier). Mit dem ersten Film 2010 konnten Dean Fleischer-Camp und Jenny Slate schon auf Festivals reüssieren. Die Beiden haben sich Marcel ausgedacht und Slate leiht ihm ihre Stimme. Diese hohe verletzliche, weinerliche Stimme ist auch das, was den Charakter der Muschel massgeblich prägt. Sie läßt uns an seinem Gefühlsleben teilhaben und binnen weniger Momente hat Marcel alle Sympathien auf seiner Seite.

    It’s pretty much common knowledge, that it takes 20 shells to have a community.

    Marcel in MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON

    Marcel ist von Einsamkeit geplagt. Seine Großmutter zeigt erste Anzeichen von Vergesslichkeit. Vielleicht ist das für manche zu dick aufgetragen. Das Ganze ist schon sehr sehr rührend aber irgendwie kann man dem Winzling nicht Wiederstehen. Außerdem ist es ein Feelgood Movie und den können wir gerade gut gebrauchen.

    In liebevoll gestalteten Sets gibt uns Marcel einen Einblick in eine Welt, die uns auf den ersten Blick verborgen bleibt. Der Clou an der Geschichte ist, dass Fleischer-Camp in seiner Dokumentation so tut, als wäre das alles echt und Marcel eine reale Zufallsentdeckung in seinem Miethaus.

    Erfreulicherweise ist 2022 ein gutes Jahr für Stop-Motion. The House, Del Toro’s Pinocchio, Wendell &Wild (alle Netflix) huldigen eine der großartigsten Tricktechniken überhaupt, die uns immer wieder in Staunen versetzen kann. Selbst wenn die technischen Parameter bekannt sind, so bleibt immer etwas Magisches in den Bildern. Für das Publikum übt Stop-Motion auch nach 100 Jahren immer noch eine große Faszination aus.

    Marcel the Shell with Shoes on ist in Österreich leider nur einige wenige Mal im Kino zu sehen und eine Streamingauswertung ist auch nicht in Sicht. A24 hat einen Deal mit AppleTV+. Es wäre also möglich, dass die Mockumentary irgendwann dort verfügbar sein wird.

    Ein Film über die Wichtigkeit von Gemeinschaft und auf den „sowas hab ich noch nie gesehen“ tatsächlich zutrifft.

    MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON
    Mockumentary, USA 2022

    Regie Dean Fleischer-Camp
    Drehbuch Dean Fleischer-Camp, Jenny Slate, Nick Paley,
    Kamera Bianca Cline
    Schnitt Dean Fleischer Camp, Nick Paley
    Musik Disasterpeace
    Mit Jenny Slate (Stimme), Isabella Rossellini (Stimme), Dean Fleischer Camp


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  • ARMAGEDDON TIME ★★★★½

    ARMAGEDDON TIME ★★★★½

    Im Kino

    Regisseur James Gray (Ad Astra) erinnert sich an einen bestimmten Moment der US-amerikanischen Geschichte im Jahr 1980. Ein 11-jähriger Bub schließt in Armageddon Time während des Wahlkampfs von Ronald Regan Freundschaft mit einem schwarzen Mitschüler. Die Abneigung gegenüber Schwarzen ist jedoch selbst in seiner Einwandererfamilie noch allgegenwärtig. Das Schulsystem separiert Gesellschaftsgruppen und im Hintergrund zieht in New York ein Geschäftsmann die Fäden: Fred Trump, Vater des späteren US-Präsidenten Donald Trump. Mit zwei grandiosen Kinderdarstellern und einmal mehr Anthony Hopkins, so wie wir ihn lieben.

    Darum geht es

    Es ist für Paul Graff (Banks Repeta) der erste Schultag in der 6. Klasse in Queens, New York. Er freundet sich mit dem einzigen schwarzen Mitschüler in der Klasse an. Johnny (Jaylin Webb) ist aufmüpfig, genauso wie Paul. Allerdings muss Paul bald feststellen, das Johnny von den Lehrern im Gegensatz zu ihm stark benachteiligt wird. Auch Pauls Familie ist nicht begeistert, dass ein schwarzer Junge „durch die Nachbarschaft schleicht“. Seine Großeltern sind russische Juden und aus der Ukraine imigriert. Zu seinem Großvater (Anthony Hopkins) hat er eine enge Beziehung. Seine Eltern (Anne Hathaway, Jeremy Strong) sind überfordert, als sie schlechte Einflüsse der öffentlichen Schule bemerken und gehen entsprechend brutal vor. Folglich muss Paul in eine Privatschule, so wie sein älterer Bruder. Dort sind ausschließlich weiße Kinder. Sie tragen eine Schuluniform und die Klassen sind allgemein besser ausgestattet. Als Mäzen tritt Fred Trump (John Diehl) auf, der die Schule finanziert. Paul bricht den Kontakt zu Johnny allerdings nicht ab, auch wenn er diese Freundschaft verheimlichen muss.

    Jaylin Webb stars as Johnny Crocker and Michael Banks Repeta stars as Paul Graff in director James Gray’s ARMAGEDDON TIME, a Focus Features release. Courtesy of Focus Features, Armageddon Time, James Gray, USA 2022, The Reel Therapist

    Kommentar

    Es ist eine Dialog, der einem in die Knochen fährt. So nebenbei erzählt, dass man sie fast verpassen könnte. Pauls Großmutter Mickey Rabinowitz (Tovah Feldshuh) erzählt von einer Pragreise. Auf dem Flohmarkt entdeckt sie auf der Unterseite der angebotenen Gegenstände jüdische Namen. Es ist der Besitz vertriebener und ermordeter Familien. Sie selbst ist mit ihrem Mann aus Europa geflohen. Und einmal fragt Fred Trump Paul, was denn Graff für ein seltsamer Name sei. Pauls Eltern haben das Jüdische aus ihrem Familiennamen schlicht getilgt.

    Die Großeltern hat es nach Queens verschlagen. Der Anteil an Migranten ist hoch, kaum wo in den USA werden so viele unterschiedliche Sprachen gesprochen wie hier. Die Familie ist sehr bedacht drauf, dass die Kinder eine gute Bildung erfahren und schauen darauf, zu wem die Kinder Kontakte pflegen. Schwarze sind nicht gerne gesehen und haben für sie in der Gesellschaft keinen Platz.

    Das öffentliche Schulsystem ist überlastet. Schlechte Ausstattung und große Klassen, in denen sich die Lehrer kaum durchsetzen können. Pauls kreativen Talente werden hier aufgrund eines falschen Verständnisses von Originalität nicht honoriert. In der Privatschule ist das kaum anders. Allerdings weil hier eiserne Disziplin herrscht und kaum Platz für freie Gedanken ist. Paul sieht hier zum ersten Mal Personal Computer in den Klassen (an ihnen wird später die Freundschaft von Paul und Johnny zerbrechen) und etwas anderes nicht: schwarze Mitschüler. Hier wird die zukünftige Elite herangezogen. Unter den Augen von Fred Trump und seiner Tochter Maryanne (Jessica Chastain). Auch Sohn Donald ist hier einst zur Schule gegangen.

    Im Wahlkampf beschwört Ronald Reagan das bevorstehende Armageddon herauf. Wie sonst als mit Angst können Republikaner Wahlen gewinnen. Geiselnahme von Teheran, Energie Krise und Kalter Krieg spuken in den Köpfen der Menschen. In der Schule wird Reagan gefeiert. Bei Paul zu Hause nimmt man am Ende seinen Wahlsieg bedrückt hin. Der Titel Armageddon Time ist von einem Songtitel von The Clash geliehen.

    In einer Nebenrolle glänz einmal mehr Anthony Hopkins, hier als Aaron Rabinowitz. Als Großvater zeigt er seine große Liebe zu seinem Enkel. Zeit ist für ihn kostbar. Er merkt, dass es mit ihm zu Ende geht. Es sind herzzerreißende Momente zwischen den beiden. Es ist buchstäblich die Weitergabe des Feuers, die wir hier beobachten können.

    Regisseur James Gray läßt sich nicht von der gerade populären 80er Retrowelle verleiten. Armageddon Time gibt sich nicht nostalgisch. Es ist ein solides Geschichtsdrama über Familie, Politik, Migration und das Bildungssystem im New York des Jahres 1980. Ohne Retrochic und Sentimentalität. Ich hoffe, wir sehen bald mehr von Banks Repeta und Jaylin Webb. Zwei tolle Entdeckungen.

    Armageddon Time
    Drama, USA 2022

    Regie James Gray
    Drehbuch James Gray
    Kamera Darius Khondji
    Schnitt Scott Morris
    Musik Christopher Spelman
    Mit Banks Repeta, Jaylin Webb, Anne Hathaway, Jeremy Strong, Anthony Hopkins
    Länge 115 Min.
    Verleih Österreich UIP Austria
    Im Kino


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  • RRR ★★★★½

    RRR ★★★★½

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    Das in der Telugu Sprache gedrehte Actionspektakel RRR (die Buchstaben stehen für Rise Roar Revolt) von S. S. Rajamouli ist nicht zuletzt wegen seines großen Erfolges der erster Film des Regisseurs, der weltweit sein Publikum gefunden hat. Jene, die mit dem indischen Kino vertraut sind, wird das jetzt nicht gleich vom Ofen hervorholen. Das Anti-Kolonialmärchen über zwei Revolutionäre der 1920er Jahre bietet jedoch neben einer dramatischen Story exzessive atemberaubende Actionchoreografien und spektakuläre Spezialeffekte. Hier wird nicht nur das Heldentum bis an die Spitze getrieben. Die gesamten drei Stunden sind nichts weniger als bombastisch.

    Darum geht es

    Als die Schwester von Komaram Bheem (N.T. Rama Rao Jr.) vom tyrannischen Kolonialherren Scott Buxton (Ray Stevenson) entführt wird, schwört er Rache und macht sich auf nach Delhi, um sie zurückzuholen. Dort ist man bereits gewarnt und setzt den ambitionierten Polizisten Alluri Sitarama Raju (Ram Charan) darauf an, Bheem aufzuspüren. Wie das Schicksal so spielt, treffen die Beiden aufeinander, ohne ihre wahre Identität Preis zu geben. Es entwickelt sich eine große Freundschaft. Bis die Deckung der beiden auffliegt und ihre jeweilige Agenda zum Vorschein kommt. Aus der Freundschaft wird bittere Rivalität. RRR hält jedoch einige Wendungen parat. Unterstützung erhält Bheem von Buxtons Nichte Jennifer (Olivia Morris). Der große gemeinsame Feind sind am Ende die erbarmungslosen Kolonialisten und deren brutale Herrschaft.

    Komaram Bheem (N.T. Rama Rao Jr.) und Alluri Sitarama Raju (Ram Charan) in RRR von S. S. Rajamouli

    Kommentar

    Es ist eine regelrechte Lawine, die das Publikum in RRR von Anfang an überrollt. Alleine die ersten 30 Minuten beinhalten Actionszenen, die für mehr als einen Film reichen würden. Das scheinbar große Finale folgt irgendwann in der Mitte des Filmes und das Ende ist nach gut drei Stunden so wirkungsvoll wie der Beginn. RRR ist wie eine Dampflokomotive, die mit Vollgas durch die Landschaft donnert.

    Es sind dann auch die spektakulären Momente die große Stärke und natürlich die beiden charismatischen Hauptdarsteller. Feine Zwischentöne oder kluge Dialoge darf man sich hier nicht erwarten. Die Darstellung der brutalen britischen Besatzungsmacht erinnert an jene von Nazibösewichten. RRR spart auch nicht mit heftigen Gewaltszenen, die dann auch noch mit Gesangsnummern angereichert sind. Das ist gewöhnungsbedürftig.

    Die zwei späteren Revolutionäre (Die beiden haben sich im wirklichen Leben nie getroffen. Die Gesichte ist also reine Erfindung) stehen für den Freiheitskampf des Subkontinents. Naturgemäß ist RRR dadurch geprägt von Nationalstolz. Dagegen wirken sogar US-amerikanische Pendants bescheiden. Durch die stetigen Übertreibungen wird das etwas entschärft. Was das für die gegenwärtige Rezeption in Indien bedeutet, ist eine andere Sache. Im historischen Kontext ist er wohl gerechtfertigt. An der damaligen Realität gibt es nichts zu rütteln. Der antikoloniale Kampf mündet in eine letzte Gesangsnummer, in der weitere Nationalhelden aus ganz Indien gefeiert werden.

    Bei Netflix kann man es sich sparen, sich durch die vermeintliche Originalfassung zu quälen. RRR ist nur in den synchronisierten Fassungen Hindi und Englisch zu sehen. Die Rechte für Telugu liegen bei einem indischen Streamingdienst.

    RRR ist ein großes Vergnügen mit vielen Momenten, die wohl in Erinnerung bleiben werden. Ein Biest von einem Film, in dem die Schwerkraft und die Zeit keine Rolle mehr spielen. S. S. Rajamouli scheint keine Grenzen beim Geschichten erzählen zu kennen. In Hollywood muss man sich dagegen warm anziehen. Es wäre schön, wenn man sich dort in den nächsten Wochen an diese Produktion erinnert, wenn es auch leider sehr unwahrscheinlich ist. Die Bedeutung für das heutige Unterhaltungskino ist jedenfalls enorm. Für den Rolling Stone ist es der beste Blockbuster des Jahres. Leider war es so gut wie unmöglich, denn Film auf der großen Leinwand zu sehen, wo er erst seine volle Wirkungskraft entfalten kann.

    Eine Einstiegsdroge in den indischen Film.

    RRR
    Actiondrama, IND 2022

    Regie S. S. Rajamouli
    Drehbuch S. S. Rajamouli
    Kamera K. K. Senthil Kumar
    Schnitt A. Sreekar Prasad
    Musik M. M. Keeravani
    Mit N. T. Rama Rao Jr., Ram Charan, Alia Bhatt, Olivia Morris, ua.
    Länge 182 Min.
    Sprache Telugu/Englisch, dt. Untertitel
    Streamingplattform
    Netflix


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  • IM WESTEN NICHTS NEUES ★★★★

    IM WESTEN NICHTS NEUES ★★★★

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    Wenn Deutschland mit der Netflix Produktion einer sehr freien Adaptierung des Klassikers Im Westen nichts Neues ins Oscar Rennen geht (und dabei gar nicht mal so schlechte Chancen auf eine Nominierung hat), dann ist es für viele der erste Berührungspunkt mit einem Antikriegsfilm. Der Streamingdienst macht es möglich andere Zusehergruppen zu erreichen als es bei einer Kinoproduktion der Fall wäre. Drastische Bilder voll Brutalität sind fixer Bestandteil des Genres geworden und man ist sich mehr oder weniger einig, dass der Film natürlich zu rechten Zeit gekommen ist. Über die sehr freie Umsetzung von Regisseur Edward Berger gehen die Meinungen allerdings auseinander.

    Darum geht es

    Es ist die dritte Verfilmung des von Erich Maria Remarque verfassten Antikriegsromanes aus dem Jahr 1928. Darin werden die Erlebnisse des jungen Paul Bäumer (Felix Kammerer) an der Westfront ab 1917 geschildert. Aufgestachelt von ihrem Lehrer meldete sich eine Gruppe von jungen Männern freiwillig zum Kriegsdienst. Schon auf dem beschwerlichen Marsch durch das Hinterland zur Front stellt sich Ernüchterung ein.

    Von General Friedrich (Devid Striesow) werden die Soldaten kommandiert, der um jeden Preis Meter machen möchte, obwohl die Situation fast chancenlos ist. Tatsächlich hatte sich die Westfront über die Jahre kaum mehr als ein paar hundert Meter bewegt. In den Schützengräben fanden Hunderttausende den Tod. Die Spuren des exzessiven Kampfes sind bis heute, mehr als hundert Jahre später, immer noch zu sehen.

    Im Westen nichts Neues bewegt sich fortan zwischen Schützengräben und verlassenen französischen Bauernhöfen, in den die Soldaten kurz zur Ruhe kommen können. Die Version von Regisseur Edward Berger entfernt sich allerdings von der Romanvorlage, streicht ganze Passagen und fügt neue hinzu, wie die der historischen Figur Matthias Erzberger (Daniel Brühl), der mit den französischen Marshall Foch (Thibault de Montalembert) den Friedensvertrag ausverhandelte. General Friedrich passt das ganz und gar nicht und schickt die Soldaten bis zuletzt in einen sinnlosen Grabenkampf.

    Chaos und Vernichtung in IM WESTEN NICHTS NEUES (Edward Berger, 2022)

    Kommentar

    Es ist ein echter Jammer. Wenn sich zu Beginn der Nebel über die winterliche Landschaft legt, kann einen schon das Frösteln kommen. Wenn man im Kino sitzen würde. Ja, wenn. Da Im Westen nichts Neues von Netflix vertrieben wird, sind Kinoaufführungen sehr rar. So fristet das Kriegsdrama sein Dasein auf Laptopbildschirmen (man glaubt gar nicht, wie wenige Menschen heute noch einen Fernseher haben). Noch dazu ist es gerade über einen so langen Zeitraum von 2 1/2 Stunden eine Herausforderung jeglicher Ablenkung zu widerstehen.

    Aber so ist das jetzt nunmal. Die erste Sequenz ist zugleich die Stärkste: Gefallenen Soldaten werden die Uniformen ausgezogen und in großen Bündeln nach Deutschland gebracht, gereinigt, Einschusslöcher geflickt und dem nächsten Schwung an Rekruten ausgehändigt. Die wundern sich über das falsche Namensschild. Besser kann man den Irrsinn der Kriegsmaschinerie kaum darstellen. Es wird auch einer der wenigen Bezüge zur damaligen Zeit bleiben. Regisseur Berger bleibt fortan im Kriegsgeschehen. Einen Heimurlaub wie im Roman gibt es nicht. Einzig die Verhandlungen über einen Waffenstillstand stellen einen historischen Bezug her.

    Dass sich die Verfilmung gar weit von der Romanvorlage entfernt, hat viele gestört. Dazu muss am aber das erst einmal Buch kennen und daher soll uns das nicht wieder kümmern. Es ist ein für deutsche Verhältnisse schon ganz beachtliches Projekt, dass den Vergleich mit US-Produktionen nicht zu scheuen braucht. Auch wenn die technischer Finesse von Dunkirk oder 1917 nicht erreicht wird. Bildgewaltig ist das deutsche Kriegsepos allemal. Vor allem die Szenen im Schützengraben sind beklemmend. Der Lärm und die Unübersichtlichkeit in den feuchten Erdlöchern wird durch die drastischen Aufnahmen erlebbar und zum intensiven Erlebnis.

    Am Ende wird etwas dick aufgetragen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es beim Publikum ganz gut ankommen wird. Irgendwie möchte man nach 140 Minuten doch noch was geboten bekommen. Davor mehr als zwei Stunden Tod und Verderben in Schlamm und Regen. Es waren unvorstellbare Bedingungen, unter denen die Soldaten kämpfen mussten. Das vermittelt Im Westen nichts Neues ganz eindringlich.

    Der Hauptdarsteller Felix Kammerer ist Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater und kann dort auch auf der Bühne erlebt werden.


    IM WESTEN NICHTS NEUES
    Drama, D/USA/GB 2022

    Regie Edward Berger
    Drehbuch Lesley Paterson, Edward Berger, Ian Stokell
    Kamera James Friend
    Schnitt Sven Budelmann
    Musik Volker Bertelmanm
    Mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aron Hilmer, Daniel Brühl, Devid Striesow, ua.
    Länge 148 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • VIENNALE 2022 – DAS WAR’S

    VIENNALE 2022 – DAS WAR’S

    Es ist schon auffällig. War bisher Bad Luck Banging or Looney Porn von Radu Jude einer der wenigen Filme, in der die Pandemie nicht nur spürbar war, sondern sie eine tatsächliche Rolle spielte, so ist es nun immer öfters nicht zu übersehen. Von Claire Denis bis Hong Sang-soo: die Pandemie ist im Film angekommen. Teilweise sind die Geschichten davon stark beeinflusst und dann wiederum erinnern uns die Masken daran. Das war im Vorjahr noch ganz anders.

    73.700 Menschen besuchten dieses Jahr Veranstaltungen der Viennale. Dass ist doch eine beachtliche Steigerung zum Vorjahr (2021: 58.200). Die Auslastung ging allerdings um 3% zurück auf 71%. Der Viennale ergeht es hier nicht anders als dem restlichen Kulturbetrieb, der damit zu kämpfen hat, das Publikum zurückzugewinnen. Allerdings verbuchten die in einer künstlerischen Krise steckenden Wiener Festwochen mit einer Auslastung von 83% gleich 12% mehr. Vorstellungen, die eigentlich ausverkauft sein müssten, waren es bei weitem nicht immer. Auch gab es oft noch kurzfristig Karten (wie so oft waren gerade (US-)Filme gefragt, deren regulärer Kinostart ohnehin mehr oder weniger bald bevor steht).

    Wenn ich das richtig sehe, waren Netflix Produktionen in diesem Jahr nicht vertreten. Kino und Streaming bleibt also weiterhin ein Spannungsfeld. Allerdings war das Programm in diesem Jahr wieder gefühlt breiter aufgestellt als im vergangenen Jahr.

    Was ich mir von der Viennale wünschen würde? Dass ein Termin in den Ferien eher ungünstig ist, damit müssen alle mit Kindern leben. Der Großteil des Publikums scheint nach wie vor jünger zu sein. Aber die letzten Vorstellungen so anzulegen, dass man gegen 0:30 noch in die letzte U-Bahn kommt, müsste doch machbar sein, indem man die Vorstellungen etwas vorverlegt und für diese Termine Filme mit tendentiell kürzerer Laufzeit auswählt.

    Jedenfalls hätte das Filmfestival in diesem Jahr gern noch länger weiter laufen können. Einige Filme sind sich nicht ausgegangen. In den nächsten Monaten werde ich sie nachholen.

    Nach der Viennale – Halbzeit hier nun einige weitere Filme des Festivals im kurzen Überblick:

    The Whale, Darren Aronofsky, USA 2022, V’22 Features

    THE WHALE (Darren Aronofsky, USA 2022)

    Da sollte man schon ganz groß Aronofsky auf die Filmplakate schreiben. Allein vom Anschauen her kommt da wohl keiner drauf. Sehr konventionell geraten aber umso eindringlicher. Brandon Fraser in einer Fatsuit. An ihm kommt in diesem Jahr buchstäblich niemand vorbei. Was für eine Karriere für George aus dem Dschungel.

    Klopf! Klopf! Ja man merkt, dass es sich hierbei ursprünglich um ein Theaterstück handelt. Jeder Auftritt passiert durch die Wohnungstür und kündigt sich durch ein Klopfen an. Aber es dreht sich ohnehin alles um Fraser, der sich um Leib und Leben spielt. Wobei ihm Sadie Sink als Tochter durchaus Paroli bietet. Zu ihr versucht der Literaturprofessor eine Beziehung aufzubauen, nachdem er für einen Mann Frau und Familie verlassen hatte.

    The Whale schrammt nur haarscharf an einer unerträglichen Stereotypisierung vorbei. Frasers Charakter ist adipös, weil er – man muss es sagen – frisst wie ein Schwein. Dabei sind nicht wenige Menschen, die stark übergewichtig sind, eben nicht wegen der Ernährung viel dick, sondern trauen sich nicht mal richtig zu essen. Sie werden als verfressen abgestempelt. Um dem entgegenzuwirken, tut der Film nicht gerade viel.


    Brendan Gleeson and Colin Farrell in the film THE BANSHEES OF INISHERIN. Photo by Jonathan Hession. Courtesy of Searchlight Pictures. © 2022 20th Century Studios All Rights Reserved. The Banshees of Inisherin, Martin McDonagh, Großbritannien/Irland/USA 2022, V’22 Features

    THE BANSHEES OF INISHERIN (Martin McDonagh GB,/IRL/USA 2022)

    Mit seinem Nachfolger von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri aus dem Jahr 2017 hat Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh neuerlich einen Volltreffer erziehlt. Die skurrile Geschichte einer jäh zu Ende gegangenen Männerfreundschaft auf einer einsamen irischen Insel ist nicht nur exzellent geschrieben, sondern noch dazu wunderschön in Szene gesetzt. Wie schon bei Billboards lebt auch The Banshees of Inisherin von einer formidablen Ensembleleistung, allen voran Colin Farrell, der Brandon Fraser bei den Oscars gefährlich werden könnte. Ihm zur Seite steht wie schon in Brügge sehen … und sterben? Brendan Gleeson. Kerry Condon spielt Farrells Schwester und Barry Keoghan zeigt als Sohn des Dorfpolizisten, dass er zu den Großen seiner Generation zählt.

    Die Vorstellungen bei der Viennale gingen unter Aufsicht der Disney-Polizei von statten, die das Mitfilmen verhindern soll (Wen interessiert das heute überhaupt noch?). Wenn man da einen Randsitz hat, kommt man sich wie ein Ladendieb vor. Vielleicht sollte man eher den späten regulären Starttermin überdenken (Jänner 2023), wenn man nicht möchte, dass den Film bis dahin schon alle gesehen haben, die es nicht erwarten können oder denen das Kinoerlebnis nicht so wichtig ist.

    Hier haben wir es mit einem Highlight des Jahres zu tun. Ist es der beste Film des Jahres? Wir werden sehen.


    Broker (Hirokazu Kore-eda, Korea 2022), V’22 Überraschungsfilm

    Broker (Hirokazu Kore-eda, KOR 2022)

    Eine Frau in Busan legt in einer verregneten Nacht ein Baby vor eine Babyklappe. Dabei wird sie von zwei Kriminalpolizistinnen beobachtet. Die beiden vermuten, dass hinter der Klappe in der kirchlichen Vereinigung Menschenhandel betrieben wird. Aus dieser Situation entspinnt sich ein Roadmovie, in dem die äußerst fürsorglichen Menschenhändler ihr Baby anbringen möchten, dabei von der echten Mutter unterstützt werden und von der Polizei verfolgt werden.

    Es ist eine sehr illustre Runde, die hier im Laufe der Geschichte zusammenwächst und durchaus für Unterhaltung sorgt. Es gelingt Kore-eda allerdings nicht, einen Spannungsbogen wie bei Shoplifters aufzubauen. Dafür ist Boker zu geradlinig erzählt. An Wendungen fehlt es und irgendwann stellt man sich, genauso wie die Polizistinnen, die Frage, wann sie das Baby endlich verkaufen.


    Saint Omer, Alice Diop, Frankreich 2022, V’22 Features

    Saint Omer (Alice Diop, F 2022)

    Die Literaturprofessorin und Autorin Rama (Kayije Kagame) beobachtet einen Prozess um eine junge Frau (Guslagie Malanda), die ihr Kind getötet haben soll. Die Regisseurin selbst wohnte 2016 einem Prozess bei, der dieser Geschichte zu Grunde liegt. Da sie selbst gerade schwanger ist, ist der Prozess für Rama emotional sehr aufwühlend. Sie fühlt sich durch ihre gemeinsame senegalesische Herkunft mit der Angeklagten verbunden. Gleichzeitig versucht sie in ihrem Buch, dass sie über den Fall schreiben möchte, einen Zusammenhang zum Medea-Mythos herzustellen.

    Diop inszeniert den Prozess aus einer Beobachterperspektive, so als wären wir mit im Saal. Die Kamera wandert durch den Raum. Nicht immer sind jene im Bild, die gerade sprechen. Mal tritt die Sprache in den Hintergrund und wird von Musik überlagert, ganz so, als würden wir in Gedanken abschweifen. In ihrem Abschlussplädoyer richtet sich die Verteidigerin Richtung Kamera, als wären wir die Geschworenen. Niemand vermag zu verstehen, was die Motivation zu der Tat gewesen sein mag. Die Angeklagte selbst spricht von Hexerei. Die Regisseurin nimmt sich dem Thema Kindsmord fast schon analytisch an.

    Frankreichs Beitrag für den Besten Ausländischen Film bei den Oscars 2023.


    So-seol-ga-ui yeong-hwa, The Novelist’s Film, Hong Sangsoo, Südkorea 2021, V’22 Features

    The Novelist’s Film (Hong Sang-soo, KOR 2022)

    Man spürt sich noch, die Ausläufer der Pandemie aber die Menschen können wieder spazieren gehen und sich wieder treffen. So auch eine bekannte Schriftstellerin (Lee Hye-young), die auf ihren Weg Menschen trifft, die sie spontan dazu inspirieren, Pläne für einen ersten eigenen Film zu schmieden.

    The Novelist’s Film erweckt mehr den Eindruck einer Fingerübung für natürliche Konversation, auf die der Regisseur großen Wer legt. Sehr minimalistisch gehalten überblickt die Kamera meist die ganze Szenerie. Schnitte gibt es innerhalb der Sequenzen keine. Das schafft wiederum einen interessanten Rhythmus. Taugt also mehr zur Analyse des Gesamtwerkes von Hong Sang-soo als zur bloßen Unterhaltung.


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  • VIENNALE 2022 – HALBZEIT

    VIENNALE 2022 – HALBZEIT

    Werner Herzog ist in der Stadt. Darum gibt es ein der ersten Hälfte der Viennale 2022 regelrechte Herzog-Festspiele. In jeder Vorstellung seiner Filme (oder jenem über ihn) war er anwesend und stand dem Publikum für Fragen zur Verfügung. Sogar bis nach Mitternacht. Das Programm ist im Jahr 2022 erfreulicherweise wieder dichter geworden. 80 Jahre Werner Herzog. 60 Jahre Viennale. Genug Gründe das Kino zu feiern.

    Die Viennale entschloss sich dazu Sparta, den neuen Film von Ulrich Seidl, zu zeigen, der wegen einer Reportage des Spiegel über die Produktionsbedingungen in Rumänien für Aufsehen sorgte (im speziellen in der Arbeit mit Kinderlaiendarstellern). Das Festival wolle ihn zur Diskussion stellen und dem Publikum ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dabei geht es eben nicht um den Film selbst, der die Geschichte einer der Brüder aus Rimini weiterführt. Zu einer Diskussion kam es dann auch nicht. Nach der Premiere im Gartenbaukino wurde eine Videobotschaft von Michael Köhlmeier zugespielt, in der er der Presse Scheinheiligkeit vorwarf und damit für Unmut sorgte. Seidl stellte sich anschließend nicht dem Publikum. Warum auch, er hätte sich nur in einem Saal voller Arbeitskollegen und Wegbegleiter bejubeln lassen können. Für eine Auseinandersetzung war es ohnehin nicht der richtige Rahmen.

    Aber wo war die Podiumsdiskussion über die Arbeitsmethoden von Ulrich Seidl, die seine spannenden Arbeiten erst möglich machen? Oder jene über Machtverhältnisse am Set? Nichts dergleichen gab es. Letzteres wird wohl am Ende ein Kernpunkt in der Aufklärung sein. Das Österreichische Filminstitut führt laut dem ORF Kulturmontag gerade eine Untersuchung durch, die so gut wie abgeschlossen ist. Dem Magazin gab Ulrich Seidl sein einziges Interview. Zu sehen gibt es auch einen Ausschnitt aus Köhlmeiers Rede (bis zum 31.10.2022 hier abrufbar).

    Meiner Meinung nach ging die Diskussion von Anfang an in die falsche Richtung. Die Vorwürfe gehören aufgeklärt. Letzten Endes wurden für die Film Steuermittel aufgewendet. Nicht klar kommuniziert wurde, dass die Vorwürfe erst drei Jahre nach den Dreharbeiten in einer lokalen Zeitung aufgetaucht sind. Inoffiziell gelten die Vorwürfe heute bereits als widerlegt. Selbst aus Deutschland kommt aus Journalistenkreisen Kritik an der Spiegel Reportage.

    Aber nach Bekanntwerden zu sagen, in der Kunst werden eben Grenzen überschritten, wie das vielfach passiert ist, ist nur beschämend und keine Auszeichung für die österreichische Kultur und Medienszene.

    Kontrovers wurde – zumindest abseits der Viennale – David Wagners Eismayer aufgenommen. Der Film über den berühmt berüchtigten Vizeleutnant bei der Garde rief Erinnerungen bei jenen wach, die vor gut 25 Jahren von ihm im Hof der Maria-Theresien-Kaserne drangsaliert wurden. Dass Eismayer nun im Gartenbaukino bejubelt wurde, stieß auf Unverständnis. Im Film kommt er tatsächlich gut weg, scheint aber der Realität zu entsprechen. Immerhin erschien er in der Galauniform und sorgte für einen der großen emotionalen Momente bei der Viennale. Mehr weiter unten.

    Hier ist eine Auswahl an Filmen der ersten Hälfte der Viennale 2022.

    Vera Gemma und Daniel De Palma in Vera (Tizza Covi, Rainer Frimmel, Österreich 2022, V’22 Features)

    VERA (Tizza Covi, Rainer Frimmel, A 2022) – Eröffnungsfilm

    Man soll Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen, sagt Tizza Covi. Sie selbst machte bei Vera Gemma, der Tochter des italienischen Schauspielstars Guliano Gemma, diese Erfahrung. Von Kindheit an durch ihren Vater mit der Filmwelt in Kontakt, gelang es Gemma nie, in der Branche Fuß zu fassen. Zu stark lastet Ruhm des Vaters auf ihren Schultern. Dies ist nun Veras erste Filmrolle, mit der wir sie im semidokumentarischen Stil näher kennen lernen. Es ist eine jener Geschichten, bei denen es sehr schade wäre, wenn sie nicht erzählt würden. Das ist das große Verdienst von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Berührend. Eine Entdeckung.


    Crimes of the Future, David Cronenberg, Großbritannien/Kanada/Griechenland 2022, V’22 Features

    CRIMES OF THE FUTURE (David Cronenberg, Kanada, Großbritannien, Griechenland 2022)

    Soll man sich das antun, dachte ich, nachdem ich vergangene Woche den Trailer im Kino gesehen hatte. Bodyhorror à la Cronenberg. Es stellt sich jedoch heraus, dass sämtliche, ja fast alle, expliziten Szenen bereits im Trailer ihren Platz gefunden haben. So schlimm kommt es dann also doch nicht. Die reduzierten atmosphärischen Sets sind sehenswert. Inhaltlich gelingt nicht immer die Balance, um dran zu bleiben oder nicht doch von der Schwere der Thematik regelrecht erschlagen zu werden. Es geht darum, wie sich der Mensch in der Evolution weiterentwickeln wird. Plastik wird dabei eine Rolle spielen. Hinzukommt die obsessive Herangehensweise an Operationen, welche die ProtagonistInnen teilen. Zeitweise nicht uninteressant aber alles in allem diesseits und jenseits der Leinwand schwer verdaulich.


    Mutzenbacher, Ruth Beckermann, Österreich 2022, V’22 Features

    MUTZENBACHER (Ruth Beckermann, A 2022)

    Ruth Beckermann nimmt den Roman Josefine Mutzenbacher als Ausgangspunkt um mit Männern über Sexualität und Geschlechterrollen zu sprechen. Auf dem Sofa Platz nehmen Männer, die einem Castingaufruf gefolgt waren, in dem es augenscheinlich um eine Mutzenbacher Verfilmung ging. Die Kandidaten werden mit Textstellen konfrontiert und sprechen folglich über ihre eigenen sexuellen Erfahrungen und Ansichten. Mit oftmals überraschenden Ergebnissen und Erkenntnissen. Unterhaltsam (wenn auch zu beobachten war, dass das Lachen all zu oft abrupt endete, als das Publikum bemerkte, dass die Protagonisten doch etwas zu sagen hatten) und eine Gratwanderung die Männer nicht bloßzustellen. Was der rezitierende Männerchor zu dieses Analyse beiträgt, sie dahingestellt. Der Roman selbst scheint über weite Strecken recht grauslich zu sein.


    Gerhard Liebmann und Luka Dimic in Eismayer, David Wagner, Österreich 2022, V’22 Features

    EISMAYER (David Wagner, A 2022)

    Für mich der erste Höhepunkt der diesjährigen Viennale. Das Coming-out des gefürchteten Garde Vizeleutnant Eismayer erzählt von Regiedebütant David Wagner. Eismayer war für seine drastischen Ausbildungsmethoden berüchtigt. Was für die damaligen Rekruten eine Tortur war, ist nun auf der Leinwand äußerst unterhaltsam. Der Tonfall ist absurd grotesk. Es muss die Hölle gewesen sein.

    Dann fordert ihn Rekrut Falak heraus. Bekennend homosexuell und mit Ambitionen zu einer Karriere beim Heer. Die beiden Hauptdarsteller Gerhard Liebmann und Luka Dimic machen Eismayer zu einem Triumph des österreichischen Films. Für damalige Rekruten mag sich der Film als nachträglicher Freispruch für den Eismayer darstellen. Im Kino ist das eben möglich.

    Als sich die realen Vorbilder Eismayer und Falak nach der Premiere in der weißen Galauniform im vollen Gartenbaukino erheben und unter Applaus küssen, ist das ein Moment, der wohl in die Geschichte der Viennale eingehen wird. Als kurz darauf ein damaliger Rekrut ein Frage stellt und Eismayer mit kräftiger Stimme sagt „Ich weiß noch wie du heißt.“ vermutlich ebenso.


    Pacification, Albert Serra, Deutschland/Frankreich/Portugal/Spanien 2022, V’22 Features

    PACIFICTION (Albert Serra, D/E/F/PRT 2022)

    Nachdem Albert Serras Der Tod von Ludwig XVI für mich einer der außergewöhnlichsten Filme der letzten Jahre gewesen ist, waren die Erwartungen an Pacifiction entsprechend hoch. Der Hochkommissar der französischen Republik De Roller, gespielt von Benoît Magimel, läßt sich in einer weißen Limousine und im weißen Anzug durch Tahiti fahren. Im Nachtleben und in Gesprächen mit offiziellen Vertretern versucht er die allgemeine Lage im Land zu analysieren. Scheinbar stehen Unruhen bevor und es geht das Gerücht um, dass Frankreich neuerlich Atomtests plane. Was er davon wirklich weiß, wird nie richtig klar.

    In einem fast meditativ langsamen Tempo beobachten wir De Roller, wie er beobachtet und beobachtet wird. Pacifiction hat Elemente des Spionagefilmes, nur das die Observationen nie in auch nur irgendeine dramatische Handlung münden. Es gibt eine latente Spannung. Irgendetwas liegt in der Luft. Die Geduld der Publikums wird, wie so oft bei Serra, gefordert. Die Atmosphäre auf dem Inselstaat erinnert an Apocalypse Now, nur ohne Krieg. Man spürt die drückende Hitze. Im Dschungel ums Haus lauern Gefahren. Sehen tut man sie nicht.


    Juliette Binoche und Vincent Lindon in Avec amour et acharnement, Both Sides of the Blade, Claire Denis, Frankreich 2021, V’22 Features

    AVEC AMOUR ET ACHARNEMENT/BOTH SIDES OF THE BLADE/FIRE (Claire Denis, F 2021)

    Der Film mit den drei Titeln ist eine neuerliche Zusammenarbeit von Claire Denis und Juliette Binoche. Vieles über die Vergangenheit der drei Hauptcharaktere bleibt im Dunkeln. Für manche vielleicht zu viel. Was bleibt sind drei großartige Darsteller, allen voran Juliette Binoche, die in ihren eigene Gefühlswelten gefangen zu sein scheint. Mit der Liebe ist das eben nicht so einfach und Gefühle können schon einmal die Kontrolle über uns erlangen. Diese Ambivalenz greift Denis sehr schön auf, in dieser Dreiecksbeziehung mit Thriller Elementen.


    Joely Mbundu und Pablo Schils in Tori et Lokita, Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Belgien/Frankreich 2022, V’22 Features

    TORI ET LOKITA (Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, BEL/F 2022)

    Die Ungerechtigkeiten, die den Protagonisten in den Filmen von Jean-Pierre und Luc Dardenne widerfahren, sind streckenweise schwer erträglich. Aber es ist wichtig hinzusehen, wenn das Regieduo wieder einmal die unmenschlichen Bedingungen aufzeigt, denen, wie hier zum Beispiel ein Bub und eine jungen Frau, ausgesetzt sind. Auf der Flucht haben sie sich kennengelernt und schlagen sich als Schicksalsgemeinschaft durch, in dem sie sich als Geschwister ausgeben. Schnell kommt es zum Kontakt mit der Drogenszene. Geld musst herangeschafft werden. Nicht nur um zu überleben, sondern auch um die Schlepper zu bezahlen und Geld in die Heimat zu schicken. Selbst von dort kommt ein gehöriger Druck. Voller Empathie zwar, wie wir es von den Dardenne kennen, aber mit kaum einem Funken Hoffnung.


    The Fire Within: A Requiem for Katia and Maurice Krafft, Werner Herzog, Frankreich/Großbritannien/Schweiz/USA 2022, V’22 Features

    THE FIRE WITHIN: A REQUIEM FOR KATIA AND MAURICE KRAFFT (Werner Herzog, CH/F/GB/USA 2022)

    Neuerlich hat Werner Herzog ein Archiv durchstöbert und daraus einen der für ihn typischen Filme erschaffen, in dem die Grenzen zwischen ihm und dem Drehmaterial teilweise zu verschwimmen scheinen. Mit dem unverkennbaren Audiokommentar zeigt er uns die atemberaubenden Aufnahmen der beiden Vulkanologen Katia und Maurice Krafft. Zuerst Wissenschaftler, dann Amateurfilmer, entwickelten sich die beiden zu professionellen Filmemachern. Ihr Vermächtnis möchte uns Herzog präsentieren und keine gewöhnliche Biografie, so wie es ursprünglich der Auftrag gewesen war. Ganz im Sinne des 1991 in Japan in einem pyroklastischen Strom umgekommenen Ehepaars. Mittels spektakulären Aufnahmen von Naturgewalten, die man kaum in Worte fassen kann, auf die Gefahren von Vulkanen zu verweisen. Herzog ist schon davon überzeugt, dass das was er macht ziemlich gut ist. Recht hat er.


    Werner Herzog – Radical Dreamer, Thomas von Steinaecker, Deutschland/Großbritannien/Spanien/USA 2022, V’22 Features

    WERNER HERZOG – RADICAL DREAMER (Thomas von Steinaecker D/E/GB/USA 2022)

    Werner Herzog ist ja nicht gerade ein zurückhaltender Mensch, also jemand, der in seinem Umfeld schnell die Kontrolle übernimmt. Das merkt man bei jeden seiner Auftritte. Umso mutiger ist es, sich einen Film über ihn vorzunehmen. Herzog hat Thomas von Steinaecker volle die Gestaltungsfreiheit überlassen, auch wenn er immer wieder zittern musste, dass der Herzog ihm doch etwas dreinredet. Das war am Ende unbegründet. Zum Q&A ist er dann auch nicht gekommen, da er Steinaecker die Bühne überlassen wollte. Radical Dreamer ist sehr gelungen. Viel ist schon bekannt über Herzog, so hört man altbekannte Anekdoten aber erfährt in knapp zwei Stunden auch Neues über sein immens großes Schaffen. Nicht nur für Fans sehenswert. In den letzten Tagen hat sich mir wieder gezeigt, dass Werner Herzog in den USA zwar ein richtiger Kultregisseur ist, ihn hierzulande aber viele gar nicht kennen. Eine gute Gelegenheit für eine erste Kontaktaufnahme.


    Theater Of Thought, Werner Herzog, USA 2022, V’22 Features

    THEATER OF THOUGHT (Werner Herzog, USA 2022)

    Im Grunde ist Theater of Thought über weite Strecken eine Reportage, wie man sie aus TV-Magazinen kennt. Werner Herzog interviewt – nein, er führt Gespräche, wie er betont – namhafte WissenschafterInnen der Neuronenforschung. Was spielt sich in unserem Gehirn ab? Träumen Fische? Mit manchen Fragen überrumpelt der Regisseur sein Gegenüber. Seine Neugierde macht seine Dokumentationen aber erst zu etwas besonderem. Es geht um die Gegenwart aber auch um die Zukunft der Forschung. Bereits jetzt ist es möglich, Microchips in das Gehirn zu pflanzen, um beispielsweise Parkinsonpatienten das Leben zu erleichtern. Der Blick in die Zukunft der technologischen Entwicklungen ist faszinierend wie erschreckend zu gleich. Für den Nachspann hat Herzog Namen erfunden. Der Film entstand im Team zu viert. Das zu zeigen, war ihm einfach unangenehm.


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  • BLOND ★★½

    BLOND ★★½

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    Sie gilt immer noch als einer der größten Filmstars aller Zeiten. Marilyn Monroe ist eine Popikone und einer der Stars des Goldenen Hollywood der 1950er Jahre. Sie füllte mit ihrer Persönlichkeit die Klatschspalten genauso aus, wie die große Leinwand. Blond von Andrew Dominik wird nun als Biopic vermarktet, dabei basiert der Film auf einer fiktionalen Romanvorlage. Die Autorin Joyce Carol Oates hat schon gewusst, warum sie auf 700 Seiten keine Namen nennt, außer jenen von Marylin Monroe. Das Bild, dass nun gerade jene von ihr haben werden, die Monroe nie in einer ihrer Rollen gesehen haben (und das mangels Angebot auf den Streamingplattformen auch nicht nachholen können), ist ein katastrophales. Leider scheint sich niemand um ihr Erbe für die Nachwelt zu kümmern. Über die ersten 20 von 166 Minuten kommt aber offenbar ohnehin kaum jemand hinaus. So blüht dem Film ein unrühmliches und tristes Streamingdasein.

    Darum geht es

    Der Film erzählt in Episoden aus dem Leben von Marilyn Monroe (Ana de Armas). Zu Beginn sieht man sie als kleines Mädchen (Lily Fisher) zusammen mit ihrer psychisch kranken Mutter (Julianne Nicholson) während eines großen Feuers in Hollywood Anfang der 1930er Jahre. In ihrer Jugend arbeitet sie als Cover- und Pinup-Model, bis sie 1946 von Darryl F. Zanuck ihren ersten Studiovertrag erhält, von dem sie dafür vergewaltig wird. Monroe ist stetig auf der Suche nach einer Vaterfigur. Ihren richtigen Vater hat sie nie kennengelernt. Es folgen Affären mit Eddy Robinson Jr und Cass Chaplin und Ehen mit Joe DiMaggio (Bobby Cannavale) und Arthur Miller (Adrian Brody). Von US-Präsident John F. Kennedy wird sie ebenso missbraucht. Sie arbeitet mit den größten Regisseuren ihrer Zeit, die ihre Eskapaden für ihre unvergleichliche Leinwandpräsenz in Kauf nehmen. Ihr Ruhm steigt ins Unermessliche, was ihr immer mehr zu schaffen macht. 1962 nimmt sie sich nach offiziellen Angaben das Leben.

    Marilyn Monroe (Ana de Armas) und Arthur Miller (Adrian Brody) in BLONDE.
    Marilyn Monroe (Ana de Armas) und Arthur Miller (Adrian Brody) in BLOND.

    Kommentar

    Erst vor kurzem konnte eine jüngere Generation eine andere Ikone des 20. Jahrhunderts auf der Leinwand kennenlernen. Buzz Lurmanns Elvis spart nicht mit den Schattenseiten im Leben des Rock’n’Rollers. Trotzdem: man konnte sich ein Bild machen und verstehen, warum die Faszination um ihn bis heute ungebrochen ist. Mit Andrew Dominiks Blond gestaltet es sich nun etwas anders.

    Technisch (Kamera: Chayse Irvin) zieht der Film alle Register. In Farbe und Schwarzweiß wechseln die Bildformate und werden zahlreiche berühmte Fotografien nachgestellt und zum Leben erweckt. Das ist Größtenteils schön anzusehen. Jedenfalls so lange die Bilder nicht zu explizit werden und man mit ansehen muss, wie sich Monroe prostituieren muss. Das ist dann mitunter unerträglich.

    Ana de Armas legt sich ordentlich ins Zeug und zeigt mit Sicherheit eine schauspielerischer Leistung, an die man sich zurückerinnern wird. Sie beherrscht die verletzliche dünne Stimme, die wir von Monroe kennen. Jede Locke sitzt perfekt. Ebenso Julianne Nicholson, Bobby Cannavole und Adrian Brody seien erwähnt und zeigen einmal mehr, warum es im Englischen Supporting Actor/Actress heißt. Retten können sie den Film aber alle nicht.

    Wir haben es hier mit einer Aneinanderreihung von negativ konnotierten Lebensstationen zu tun. Das Leben als ständiger Kontrollverlust. Monroe sehen wir durchwegs fremdbestimmt. Ein Funken der Lebensfreude kommt erst gar nicht auf. Wenn hier allerdings das männliche Studiosystem angeprangert werden soll, so fügt der Film dem eine neue Ebene hinzu. Denn frei von voyeuristischen Zügen ist Dominiks Inszenierung keineswegs. Die Bilder setzten dem noch eins drauf, in dem sie Monroes Charakter neuerlich ausbeuten. Auch durch die Bildsprache. In der Realität hatte sie ihr Leben sehr wohl selbst in der Hand. Immerhin war sie Mitbegründerin einer eigenen Filmproduktionsfirma, nachdem sie zusehends mit den Rollenangeboten nicht mehr zufrieden war. Ein Schritt, der heute als Teil vom Ende des Studiosystems gesehen wird.

    Blond bedient sich Mythen rund um Marilyn Monroe, die heute teilweise widerlegt sind und macht das, was schon die Studiobosse zu ihren Lebzeiten getan haben: sie für ihre Zwecke auszunutzen. Einer ambivalente Persönlichkeit wird der Film nicht gerecht. Leider kann Marilyn Monroe sich nicht mehr dagegen wehren.

    BLOND (OT: BLONDE)
    Drama, 2022

    Regie Andrew Dominik
    Drehbuch Andrew Dominik nach Joyce Carol Oates
    Kamera Chayse Irvin
    Schnitt Adam Robinson
    Musik Nick Cave, Warren Ellis
    Mit Ana de Armas, Adrian Brody, Bobby Cannavale, Julianne Nicholson
    Länge 166 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • SONNE ★★★★

    SONNE ★★★★

    Im Kino

    Wenn draußen die Sonnenstrahlen flacher werden und es ohnehin wieder viel zu schnell gegangen ist mit dem Herbst, dann steht einem Kinobesuch nicht mehr viel im Weg. Da trifft es sich gut, dass es auch jene Zeit ist, wo das Programm immer dichter wird, bevor es in etwa drei Wochen mit der Viennale losgeht. Eine der österreichischen Produktionen, die gerade angelaufen sind, ist Sonne von Kurdwin Ayub. Darin porträtiert die Regisseurin drei junge Frauen in Wien, die durch ein YouTube-Video in ihrer Community über Nacht berühmt werden.

    Darum geht es

    Drei Wiener Teenagerinnen twerken im Hijab und singen zu Losing my Religion von R.E.M. Ein YouTube-Video davon macht sie vor allem unter kurdischen Muslimen über Nacht berühmt. Yesmin, die als einzige der Freundinnen selbst Kurdin ist, beginnt sich immer weiter von ihrer Kultur zu distanzieren. Nati und Bella scheinen hingegen fasziniert von der ihnen fremden Welt. Als die Mädchen zwei junge kurdische Patrioten kennenlernen, droht die Situation zu eskalieren. Ein Film über Jugendliche zwischen Social Media und Selbstfindung, eine Geschichte von Rebellinnen. (Ulrich Seidl Filmproduktion)

    Melina Benli: in SONNE von Kurdwin Ayub
    Melina Benli: in SONNE von Kurdwin Ayub

    Kommentar

    Meine 11-Jährige Tochter hat einen Youtube-Kanal. Das Drehen von Videos und sich im Internet zu präsentieren ist für viele Kinder und Jugendliche zu einer fixen Freizeitbeschäftigung geworden. Auch wenn zwischen ihr und den drei Protagonistinnen fast ein halbes Leben liegt, ist es auch genau ihre Welt die Kurdwin Ayub hier porträtiert. Das Thema der eigenen kulturellen Identität wird für sie zwar in der zweiten Generation kaum mehr ein Thema sein, in ihrem Umfeld ist es aber natürlich sehr präsent. Soviel vorweg: Sonne funktioniert auch bei einen jüngeren Publikum sehr gut.

    Es ist natürlich unverkennbar, wer der Mentor der Regisseurin ist. Sowohl die Arbeitsweise mit Laiendarstellern, als auch die Montage erinnern an Ulrich Seidl, der den Film auch produziert hat. Die viel gepriesene und in der Zwischenzeit etwas in Verruf geratene Authentizität, als Folge der Spontanität und einem Cast mit Menschen aus dem Milieu, ist auch in Sonne spürbar. Yesmins Eltern sind in Wirklichkeit jene der Regisseurin, die einst aus dem Irak fliehen mussten. Bei Erwachsenen ist gegen diese Methode auch nichts einzuwenden.

    In der Gestaltung geht Ayub noch einen Schritt weiter und baut sowohl Youtube-Videos, als auch Chats in ihre Film ein. Im Bild aufpoppende Nachrichten kennt man nun schon zu genüge aus Romcoms und ähnlichem. Hier wird es nun aber als Teil der Welt verstanden, in der sich die Jugendlichen bewegen und dient nicht bloß als gestalterisches Element. Kommunikation passiert eben nicht mehr in erster Linie persönlich, sondern über Chats. Dem muss man auch im Kino irgendwie gerecht werden.

    Sonne ist ein gelungenes Porträt von Jugendlichen, die kurz vor dem Erwachsensein stehen und sich neben der Emanzipation von den Eltern auch noch mit ihrer kulturellen und religiösen Identität herumschlagen müssen. Dabei kann schnell das Fremde, so wie für Yesmins Freundinnen Bella und Nati, auf einmal das Interessante sein.

    SONNE
    Drama, A 2022

    Regie Kurdwin Ayub
    Drehbuch Kurdwin Ayub
    Kamera Enzo Brandner
    Schnitt Roland Stöttinger
    Mit Melina Benli, Law Wallner, Maya Wopienka
    im Kino


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