Schlagwort: 2020

  • COVID-19-STREAMING II

    COVID-19-STREAMING II

    Bereits wenige Monate nach dem Kinostart ist die Dokumentation Miles Davis: The Birth Of The Cool online verfügbar. Interessant für alle, die das Musikgenie lieben (Privat war er leider weniger eines) und jene, die Davis näher kennen lernen möchten. Der Musiker erzählt selbst aus seinem Leben und viele seiner Wegbegleiter kommen zu Wort. [Netflix]

    Arrival von Denis Villeneuve und mit Amy Adams in der Hauptrolle ist ein grandioses Science-Fiction Abenteuer, in dem zwar kein Virus aber dafür Aliens die Erde auf Trab halten. Isolationsfeeling – Schutzkleidung! – inklusive. [Amazon Prime Video]

    Jessica Chastain in „Molly’s Game“

    Molly’s Game ist eine unglaubliche Geschichte, die das Publikum in Atem hält. Eine ehemalige Skirennläuferin steigt ins Pokerbusiness ein und organisiert die exklusivsten Spiele mit Hollywoodstars und kommt mit der Russenmafia in Konflikt. Tatsächlich so passiert. Mit Jessica Chastain und Iris Elba. [Netflix]

    Eine Serie, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen ist, ist Shameless. Genauer gesagt die US-Version mit William M. Macy. 9 Staffeln sind zur Zeit bei Amazon Prime Video verfügbar. Und zumindest in den ersten 4 Staffeln kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man den Alkoholiker Frank Gallagher und seine sechs Kinder dabei beobachtet, mit welchen unverschämten Gaunereien sie versuchen über die Runden zu kommen. Eine – unterhaltsame – Krise der anderen Art.


    Weiters:

    Die Diagonale [Flimmit]

    Siebzehn [ORF-TVthek – noch bis 31.3.2020]

    Jumanji [Amazon Prime Video]

    Mr. Link [Netflix]

  • COVID-19-STREAMING I

    COVID-19-STREAMING I

    Es soll Menschen geben, die in diesen Wochen vermehrt Zeit vor dem Fernseher verbringen und im dichten Dschungel an Angeboten nach sehenswerten Inhalten suchen. Auch wenn die 1,3 Milliarden Menschen in Indien und eigentlich alle mit Schulkindern wohl eher nicht dazu gehören, kommen hier in unregelmäßigen Abständen Streaming-Tipps, um die Zeit daheim erträglicher zu machen.

    Noch bis 31. März ist der sehr empfehlenswerte österreichische Spielfilm Siebzehn (Foto oben) in der ORF-TVthek abrufbar. Regisseurin Monja Art beweist, dass das niederösterreichische Lanzendorf eine tolle Filmkulisse abgeben kann. Außerdem verspricht der Film Sommergefühle! Zum Film gehts HIER entlang.

    Jumanji (1995)

    Erstaunlich gut unterhält auch heute noch Jumanji aus dem Jahr 1995. Wer erinnert sich an die Stampede durch eine US-Kleinstadt? Gut, an den Effekten nagt der Zahn der Zeit aber es gibt ein Wiedersehen mit dem wunderbaren Robin Williams. Die Geschichte rund um das mysteriöse Würfelspiel hat in den letzten Jahren eine Neuauflage erfahren. Mit dem Original hat die recht wenig zu tun. Ein neuer Film, der sich mehr am Ausgangsmaterial orientiert, ist aber in Planung. In Jumanji schlummert noch einiges an Potential. [AmazonPrimeVideo]

    Die Diagonale, das Festival des Österreichischen Films, findet in diesem Jahr ausschließlich auf dem Bildschirm statt. Bei FM4, auf der Plattform Flimmit und im Kino VOD Club gibt es in den nächsten Tagen Auszüge aus dem Programm zu sehen. Darunter sind Filme wie Die Dohnal Frauenministerin / Feministin / Visionärin, Nobadi, Glück gehabt oder Dieser Film ist ein Geschenk.

    Mr. Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer (2019)

    Der für den Oscar nominierte Stop-Motion-Trickfilm Mister Link (2019) kann ebenso bereits gestreamt werden. Darin begibt sich ein Forscher auf die Suche nach Bigfoot. Ein liebevolles, witziges und atemberaubend gut animiertes Abenteuer für die ganze Familie. [Netflix]

  • INTRIGE ★★★★½

    INTRIGE ★★★★½

    Das Historiendrama mit dem knappen Titel Intrige wurde im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt und gewann sogleich den Großen Preis der Jury. Im Herbst wurde Roman Polanskis Film über die Dreyfus-Affäre in Venedig mit dem Silbernen Löwen, dem Großer Preis der Jury ausgezeichnet und vor wenigen Tagen bekam der französisch-polnische Filmregisseur gleich drei César überreicht. Wobei ganz so stimmt das nicht. Polanski erschien nicht zur Gala in Paris. Er fürchtete sich vor Aktionen von Frauenrechtlerinnen. Längst steht nicht mehr das Werk von Polanski sondern seine Vergangenheit im Mittelpunkt der Berichterstattung. Immer wieder kommt es zu belastenden Anklagen von Frauen, die Polanski missbraucht haben soll. Er bestreitet dies und stellt dabei so manchen Kritiker vor ein selbst auferlegtes moralisches Dilemma. Nämlich vor die Frage, ob Werk und Autor zu trennen seien. Gerade im Fall von Roman Polanski eine nur bedingt notwendige Diskussion. Polanski ist kein Harvey Weinstein. Aber das soll ihr ohnehin nicht Thema sein. Der 87-jährige Regisseur beweist mit Intrige einmal mehr, dass er immer noch zu den bedeutendsten europäischen Regisseuren zählt.

    Der Filmtitel – im Original J’Accuse – leitet sich von dem gleichnamigen offenen Brief des französischen Schriftstellers Émile Zola ab, den er 1898 verfasste. Darin klagte er führende Militärs des Amtsmissbrauchs an. Ein gesellschaftlicher und politischer Skandal. Worum ging es? Der junge Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wurde drei Jahre zuvor wegen Spionage für Deutschland verurteilt und ins Exil auf die Teufelsinsel im Atlantik verbannt. Dem gerade zum Leiter der militärische Abwehreinheit beförderten Offizier Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) eröffnen sich wenig später die dunklen Machenschaften des Militärapparates. Korruption und Vertuschung stehen auf der Tagesordnung. Der Jude Dreyfus war ein Opfer einer antisemitischen Hetzkampagne. Picquart setzt von nun an alles daran, um Dreyfus zu rehabilitieren. Nicht wegen seiner jüdischen Herkunft, sondern der Gerechtigkeit willen. Ein schwieriges und gefährliches Unterfangen. Es ist ein langer Weg, bis die Wahrheit an die Öffentlichkeit gelangt.

    Die Geschichte ist verworren und komplex. Schon allein wegen der Vielzahl an beteiligten Personen. Polanski schafft es, sie gemeinsam mit dem Autor Robert Harris klar und verständlich zu erzählen. Intrige legt ein betrügerisches System von Antisemitismus offen. Eine zentrale Rolle spielen dabei handschriftliche Dokumente und deren Analysen. Das Geräusch, des durch Hände gleitenden Papiers, beschwört die Wahrheit herauf, die in den Schriftstücken steckt. Die Rollen sind allesamt exzellent besetzt. Jede Einstellung wirkt wie ein Gemälde. Die Ausstattung ist opulent.

    Mag sein, dass Polanski selbst im Schicksal Dreyfus‘ Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Biographie festzumachen vermag. Intrige ist jedoch viel zu unaufgeregt und sachlich, um dahingehend als Manifest verstanden zu werden. Gerade das Ende wird fast beiläufig erzählt. Kein falscher Pathos. Historische Nüchternheit. Ein wichtiger und aktueller Film.

    ROMAN POLANSKI | INTRIGE (OT: J’ACCUSE) | F 2019 | 132 MIN. | [usr 4,5]


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  • OSCARS 2020

    OSCARS 2020

    Der Höhepunkt des alljährlichen Preisregens der Filmindustrie in den USA steht Sonntag Nacht wieder bevor, wenn in Los Angeles die Oscars vergeben werden. Die restlichen Preise (von den Globes bis zu jenen der einzelnen Gilden), die jede Saison auf dem Plan stehen, gelten als Barometer für den Oscar. Darüber hinaus interessieren sie die Allgemeinheit eher weniger und rufen dementsprechend auch kaum Emotionen hervor. Bei den Oscars ist das ganz anders. Da gehts ans Eingemachte. Wer verdient den Preis, wer wurde übergangen und wer wird ihn letztlich erhalten? Das ist kein Spaß. Das ist eine ernste Angelegenheit.

    Wie es schon im letzten Jahr mit Roma von Alfonso Cuarón der Fall war, hat es auch heuer eine internationale Produktion unter die Nominierten geschafft. Parasite von Bong Joon-ho ist nicht weniger bemerkenswert und hat daher einen berechtigten Platz unter den besten Filmen des Jahres. Trotzdem ist es in erster Linie eine Imagepflege der Academy, die sich weltoffen geben möchte. Als gäbe es im vergangenen Jahr nur einen nennenswerten internationalen Film. Grundsätzlich gibt es dafür auch den sogenannten Auslandsoscar. Wenn eine internationale Produktion nun in einer Hauptkategorie ausgezeichnet wird, kann das viel bedeuten und wenn nicht – ja dann bedeutet es nichts. Die Oscars sind ein US-amerikanischer Filmpreis und das sollen sie auch bleiben. Es gibt genügend andere Verleihungen rund um den Globus. Dem weltweiten Filmschaffen kann ein einzelner Preis ohnehin nie gerecht werden.

    Es war ein starkes Filmjahr. Das Erfreuliche ist, dass es diesmal 9 Filme sind, die um den Oscar für den Besten Film konkurrieren und sie alle ihre Qualitäten haben. Interessanterweise, haben mehr als die Hälfte dieser Filme keine Nominierungen in den Kategorien für Hauptrollen. Le Mans 66 ist als Einziger nicht für das Drehbuch nominiert und fällt auch sonst unter den 9 Filmen am ehesten aus dem Rahmen. Dafür gilt der Film als Favorit für den Besten Schnitt (Andrew Buckland und Michael McCusker). Die legendäre Thelma Schoonmaker (The Irishman), die Scorseses Mammutprojekt auf dreieinhalb Stunden eingekürzt hat, ist hier ebenso vertreten.

    Auch in diesem Jahr muss sich die Academy den Vorwurf gefallen lassen, Frauen in der Regie Kategorie zu übergehen. Diesmal ist das für Greta Gerwig (Little Women) besonders bitter. Die 5 Nominierten haben ihre Berechtigung und es stellt sich die Frage, warum es 9 Beste Filme gibt aber eben nur 5 Nominierungen für Beste Regie. Gerwig darf sich aber mit ihrem grandiosen Drehbuch durchaus Chancen ausrechnen.

    Zu den schon fast traditionell stärksten Kategorien gehören auch in diesem Jahr Bester internationaler Film und Bester Animationsfilm. Eine Premiere gibt es für einen Dokumentarfilm. Land des Honigs (Honeyland) ist sowohl in der Kategorie Bester Dokumentarfilm als auch in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert. Trotzdem gilt im Moment die Dokumentation American Factory als Favorit.

    In diesem Jahr gibt es tatsächlich nur eine schwarze Schauspielerin, die nominiert ist: Cynthia Erivo für Harriet. Und wieder trifft es eine Frau: Dass Lupita Nyon’go für ihre sensationelle Doppelrolle in Wir nicht berücksichtigt wurde, ist schon fast eine Provokation. Da ist sie: die Emotion. Wenn schon der Abend selbst eher langweilig ist – es gibt in vielen Kategorien eindeutige Favoriten – so sorgen die Oscars zumindest im Vorfeld für Gesprächsstoff. Ob 1917 der Favoritenrolle gerecht wurde, wissen wir aber ohnehin erst Montag in der Früh.

    Hier sind die Beiträge von sämtlichen in der Kategorie Bester Film für den OSCAR nominierten Filme:

    Ford v Ferrari

    The Irishman

    Jojo Rabbit

    Joker

    Little Women

    Marriage Story

    1917

    Once Upon A Time … in Hollywood

    Parasite

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  • AMERICAN FACTORY ★★★★½

    AMERICAN FACTORY ★★★★½

    Dieser Netflix Dokumentarfilm, produziert von Michelle und Barack Obama, zeigt, wie die Arbeiterschaft in Zeiten von Automatisierungsprozessen und Globalisierung unter die Räder gerät. Erst schließt General Motors ein Werk in Ohio und tausende Menschen verlieren ihren Job. Dann übernimmt ein chinesischer Konzern die Fabrik und gründet eine Niederlassung in den USA. Was sich erst als Rettung in der Not darstellt, entpuppt sich in American Factory bald als Sackgasse. Der neue Investor hat so ganz andere Vorstellung vom Umgang mit den Rechten der ArbeiterInnen..

    Der Druck ist vom ersten Tag groß. Maßstab für die Produktionsleistung und Qualität der Windschutzscheiben, die hier bei Fuyao Glas America produziert werden, ist der Mutterkonzern in China. Das Leben wird dort durch die Arbeit bestimmt. Das eigene Ich tritt in den Hintergrund. Urlaub gibt es so gut wie keinen. Genauso wenig wie irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen und sonstige Arbeiterrechte.

    American Factory handelt von einem Clash of Cultures, der manchmal witzig sein kann und gleichzeitig schockierend ist. Arbeiter aus China werden extra dafür abgestellt, die amerikanischen Kollegen einzuweisen und zu beaufsichtigen. Es entstehen Freundschaften die oft mit einer gewissen Skepsis einhergehen. Zumindest entsteht der Eindruck, die Chinesen hielten die Amis alle für Vollhoschis.

    So amüsant manche Begegnung auch sein mag, so ernst ist der Hintergrund. Eines macht der Investor von Anfang an klar: Kommt die Gewerkschaft, sperrt er zu. Ein interner Kampf beginnt und am Ende wird nicht jeder seinen Job behalten können. Da ist die Konzernführung skrupellos.

    Hinzu kommt eine ständige Steigerung der Produktivität, die nur durch Automatisierung erreicht werden kann. Roboter ersetzen Arbeiter. Ein Problem das in nächster Zeit weltweit hunderte Millionen ArbeiterInnen betreffen wird. American Factory zeigt das auf. Ein Film, über ein Problem, für das es bis jetzt keine Lösung gibt. Eine Tragikomödie, die man gesehen haben sollte.

    AMERICAN FACTORY | STEVEN BOGNAR, JULIA REICHERT | USA 2019 | 110 MIN. | [usr 4.5]

    Netflix hat ein 10 minütiges Gespräch zwischen Barack und Michelle Obama und dem Regieduo auf die Plattform gestellt. LINK [$]


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  • LITTLE WOMEN ★★★★½

    LITTLE WOMEN ★★★★½

    Lady Bird, das großartige Erstlingswerk des Multitalents Greta Gerwig von 2017, entpuppt sich nun ein weiteres Mal als Glücksfall. Zu Little Women, nach dem gleichnamigen Roman von Louisa May Alcott aus dem Jahr 1868, hatte sie bereits das Drehbuch verfasst. Nun bekam Gerwig auch die Möglichkeit, den Film selbst zu inszenieren. Sie rührte in der Chronologie der Geschichte ordentlich um und schüttelte den alten Stoff kräftig durch, um ihn von jeglichem Staub der Zeit zu befreien. Das Ergebnis ist ein erfrischend aktueller Film, mit einer herausragenden Besetzung, über die Emanzipation von vier Schwestern im 18. Jahrhundert.

    Die Geschichte ist gegen Ende des amerikanischen Bürgerkriegs angesiedelt. Josephine March (Saoirse Ronan) lebt mit ihren drei Schwestern Margaret (Emma Watson), Amy (Florence Pugh), Elisabeth (Eliza Scanlen) und ihrer Mutter Marmee (Laura Dern) in New England. Der Vater (Bob Odenkirk) befindet sich noch im Krieg. Die Wünsche und Träume der jungen Frauen prallen auf die gesellschaftlichen Erwartungen der damaligen Zeit. Vorrangiges Ziel soll es sein, eine gute Partie zu machen, also reich zu heiraten. Vor allem Josephine, genannt Jo, stellt sich gegen diese Konventionen und möchte ihren eigenen Willen durchsetzen. Sie steht im Zentrum der Erzählung. Als Alter Ego der Autorin May Alcott möchte sie Schriftstellerin werden und versucht ihre Geschichten dem Verleger Mr. Dashwood (Tracy Letts) zu verkaufen. Für ihn ist eines wichtig: Die weiblichen Figuren müssen am Ende entweder verheiratet oder tot sein. Das passt Jo so überhaupt nicht in ihre Vorstellungen.

    Florence Pugh als Amy in LITTLE WOMAN (2019)

    Bald müssen die vier bemerken, wie schwierig es ist, ihre Vorstellungen vom emanzipierten Leben umzusetzen. Damit kommt am ehesten noch Margaret zu recht, die sich mit der Rolle der Mutter in der Familie abzufinden weiß und dabei auf eine Karriere als Schauspielerin verzichtet. Amy, die für einige Zeit ihre Tante (Meryl Streep) nach New York begleitet, macht dort erste Bekanntschaften mit Männern und möchte Malerin werden. Elisabeth ist das Nesthäkchen und leidenschaftliche Klavierspielerin. Auch wenn die Unterschiede mit zunehmenden Alter größer werden, tut das dem Zusammenhalt der unterschiedlichen Schwestern keinen Abbruch.

    Saorise Ronan und Timothée Chalamet in LITTLE WOMEN (2019)

    Der Nachbarsjunge Laurie (Timothée Chalamet) verdreht nicht nur dem Kinopublikum den Kopf. Das Raunen im vollen Kinosaal bei seinem ersten Auftritt ist nicht zu überhören. Er gilt zurecht als einer der großen Begabungen unter den derzeitigen Jungschauspielern. Im Film gilt sein Interesse Jo. Da sie sich mit Rollenclichés aber überhaupt nicht abfinden mag, erfährt er immer wieder Zurückweisungen. Little Women ist aber kein Spiel um Intrigen und Leidenschaften, wie man es sonst aus Filmen des Genres kennt, sondern vielmehr ein Feelgood Movie mit Tiefgang, in dem die Männer zu charmanten Nebendarstellern werden und die Interessen der Frauen alleine im Mittelpunkt stehen.

    Emma Watson, Saorise Ronan , Eliza Scanlen und Florence Pugh in LITTLE WOMEN (2019)

    Gerwig entschied sich dazu, die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen. Durch die ständigen Sprünge zwischen zwei Zeitachsen fordert sie ihr Publikum etwas aber gleichzeitig verleiht das der Geschichte die nötige frische und erhöht gleichzeitig die Aufmerksamkeit. Der Stoff, der schon mehrmals verfilmt wurde (zuletzt: Betty und ihre Schwestern, 1994), wird dadurch nur interessanter.

    Es gab schon lange keinen Film, in dem die Lebensfreude der Charaktere so auf das Publikum übergesprungen ist. Little Women kommt nur im ersten Moment im Gewand eines Kostümfilms daher. Obwohl das Kostümdesign, genauso wie die Kamera von Yorick Le Saux, bemerkenswert ist. Es ist eine sanfte Erneuerung des Stoffes, die Gerwig vorgenommen hat und den Film modern und geradezu zeitlos macht und sie selbst zu einer der spannendsten Regisseurinnen Hollywoods. Bei den Oscars wurde das vorerst mit 6 Nominierungen honoriert, unter anderem in der Kategorie Bester Film. Für das Drehbuch darf sich Gerwig durchaus Chancen ausrechnen.

    GRETA GERWIG | LITTLE WOMEN | USA 2019 | 135 MIN. | [usr 4.5]


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  • EIN VERBORGENES LEBEN ★★★★½

    EIN VERBORGENES LEBEN ★★★★½

    Mit seinen letzten Arbeiten (To The Wonder, The Tree of Life) strapazierte Regisseur Terrence Malick nicht selten die Geduld seines Publikums. Stargespickt aber mit transzendentalen und philosophischen Exkursen, Naturaufnahmen, Voice-over und dem ihm eigenen Bildstil der fließenden Kamerabewegungen in extrem weitwinkeligen Einstellungen (Kamera: Emmanuel Lubezky), verlor sich der US-Amerikaner oft in Belanglosigkeiten. Nun hat er sich den letzten Wochen im Leben des oberösterreichischen Wehrmachtsdissidenten Franz Jägerstätter angenommen. Auf einmal macht das alles Sinn. Natur, Drama, Dynamik: Hier fließt alles in einer Unmittelbarkeit zusammen. Ein verborgenes Leben (OT: A Hidden Life) ist in all seiner Kraft überwältigend.

    Der aus St. Radegund stammende Franz Jägerstätter (August Diehl), geboren 1907, bewirtschaftete gemeinsam mit seiner Frau Franziska (Valerie Pachner) einen Bauernhof. 1940 wird er zum Militärdienst einberufen, jedoch als unabkömmlich eingestuft. Im Zuge einer weiteren Einberufung am 1. März 1943 erklärte der streng Gläubige beim Militärkommando in Enns, dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne. Jägerstätter wird in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis im Linzer Ursulinenhof gebracht und Anfang Mai in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel überstellt. Am 6. Juli 1943 wird Franz Jägerstätter wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 hingerichtet.

    Jägerstätters Geschichte ist in Österreich wenig bekannt. Erst in den 1970er Jahren wurde er von einem amerikanischen Soziologen wiederentdeckt. Davon ausgehend wurde seine Rehabilitation vor allem von katholischen Organisationen vorangetrieben. Dadurch erlangte Jägerstätter in den USA eine gewisse Bekanntheit. In Österreich selbst und hier speziell in St. Radegund, war es ein mühsamer Weg, den Kriegsdienstverweigerer als Kriegsopfer entsprechend zu würdigen. Das geschah zuletzt 2014 bei der Enthüllung des „Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjusstiz“ auf dem Wiener Ballhausplatz.

    Ein Verborgenes Leben beginnt in den Wochen bevor Jägerstätter zum Militärdienst einberufen wurde. In der oberösterreichischen Idylle, an der Deutschen Grenze zwischen Salzburg und Braunau am Inn, arbeitet man hart, um über die Runden zu kommen. Es ist das Jahr 1940 und der Krieg ist für die Bevölkerung in weiter Ferne. Doch irgendwann wird auch das entlegendste Dorf von ihm erfasst, dann, wenn die Männer zum Kriegsdienst abkommandiert werden. Jägerstätter hat den Entschluss bereits seit längerem gefasst, der Einberufung nicht folge zu leisten und den Eid auf Adolf Hitler zu verweigern. Er ist aber nicht frei von Zweifeln.

    Lange Gespräche mit dem Pfarrer Ferdinand Fürthauer (Tobias Moretti) und dem Bürgermeister Major Kraus (Karl Markovics) lassen ihn aber nicht davon abbringen. Kraus redet ihm zu: Warum das alles? Niemand wird sich im Nachhinein an ihn erinnern. Dabei sieht es die Dorfgemeinschaft als staatsbürgerliche Pflicht, den Dienst am Vaterland zu leisten. Hier teilt sich die Handlung und die Geschichten von Franziska und Franz werden parallel erzählt.

    Nachdem Jägerstätter sich verweigert und ins Gefängnis gesperrt wird, richtet sich die lokale Bevölkerung gegen seine Frau Franziska und die Kinder. Sie gelten von nun an als Verräter. In eindringlichen Szenen wird spürbar, was die Familie durchmachen musste und vor allem worin das Regime seine Stärke bezog. Franziska und ihre drei Töchter sind täglichen Denunzierungen ausgesetzt. Malick stützt sich in seiner Erzählung auf den Briefwechsel zwischen Franz und Franziska.

    Franz wird mehrmals verlegt und kommt zuletzt nach Berlin. Dort wird er dem Richter Lueben (Bruno Ganz in einer seiner letzten Rollen) vorgeführt, der ihn vergeblich umzustimmen versucht. Er wird zum Tod verurteilt und es beginnt das Warten auf die Hinrichtung. Am 9. August 1943 wird Franz Jägerstätter schließlich ermordet. Die Szenen vor der Hinrichtung – die man selbst nicht sieht – gehören zu den stärksten der jüngsten Filmgeschichte. In St. Radegund läuten die Kirchenglocken. August Diehls schauspielerische Leistung ist außerordentlich. Genauso wie die von Valerie Pachner. Gemeinsam geben sie ein herzzerreißendes Liebespaar ab.

    Es ist gerade Malicks unverkennbarer Stil, der Ein Verborgenes Leben zu einem so eindringlichen Film macht. Er gibt den Schauspielern größtmögliche Freiheiten und arbeitet mit extrem langen Takes. Dabei filmt er seine Schauspieler auch dann, wenn eigentlich gerade Drehpause war. Wenn es dichter wird, sucht die Kamera die Bilder, drängt sich an die Schauspieler. Dann wieder die Weite mit der schönen Landschaft. Malick und sein Kameramann (diesmal: Jörg Widmer) wissen genau, wann sie welche Einstellung einsetzen. Gezielt setzt Malick historisches Bildmaterial ein.

    Durch den Film zieht sich das für Malick typische philosophische Voice-Over. Hinzu kommt – zumindest in der englischen Originalfassung – ein Sprachengewirr. Das ursprüngliche Vorhaben, den Film in Deutscher Sprache zu drehen, hat man irgendwann fallen gelassen. Grundsätzlich funktioniert das auch mit einem ausschließlich österreichischen und deutschen Cast überraschend gut. Doch dann wechselt Malick zwischen Deutsch und Englisch. Eine nicht nachvollziehbare Entscheidung. Für den Regisseur steht die Sprache einfach nicht im Vordergrund seiner Erzählung. In der synchronisierten Fassung kommt das aber ohnehin nicht zum Tragen.

    Ein verborgenes Leben zeigt eine Form des stillen Widerstands gegen das Naziregime. Mit all seiner Konsequenz. Darüber hinaus ist es eine berührende Liebesgeschichte. Die tiefe Liebe zwischen Franz und Franziska ist ergreifend. Für Jägerstätter ist sein Handeln nicht in einer religiösen Überzeugung begründet, sondern eine Gewissensfrage. Es ist eine Entscheidung, die er nicht mit seinen Liebsten Teilen kann, sondern für sich selbst treffen muss.

    Nicht zuletzt werden wir mit der Frage konfrontiert, wie wir selbst gehandelt hätten. Es ist eine zutiefst zermürbende Frage, weil wir keine eindeutige Antwort darauf geben können. Auch wenn wir das gerne können würden. Ein Verborgenes Leben ist ein Kriegsfilm abseits kriegerischer Auseinandersetzungen und erzählt die Geschichte so, das es kaum vorstellbar ist, sie je anders zu erzählen. Die große Überraschung der letzten Viennale ist der Film der Stunde, der Film des vergangenen Jahres und vielleicht des Jahrzehnts.

    EIN VERBORGENES LEBEN (OT: A HIDDEN LIFE) | TERENCE MALICK | D/USA 2019 | 174 Min. | [usr 4,5]


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  • JOJO RABBIT ★★★★½

    JOJO RABBIT ★★★★½

    Das war so nicht zu erwarten. Taika Waititis JoJo Rabbit ist eine Nazi-Persiflage, die nicht nur außerordentlich komisch ist, sondern noch dazu auf inhaltlicher Ebene überzeugt. Ob man über die Nazigräuel lachen darf, wurde schon oft diskutiert. Wer es nicht kann, sollte von dem Film die Finger lassen. Die es können, werden vor Lachen fast vom Kinosessel fallen und gleichzeitig zutiefst berührt sein, von der Geschichte über einen kleinen Nazi-Jungen.

    Johannes „JoJo“ Betzler (Roman Griffin Davis) ist ein Hasenfuß, gerade einmal zehn Jahre alt und verliebt in Hakenkreuze. Ein überzeugter Nazi. Die Aufnahme in die Hitlerjugend, ein großer Traum. Seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) verfolgt eine andere Agenda, die aber anfangs im Dunkeln bleibt. Jojo hat zwei beste Freunde. Einer davon ist Adolf Hitler (Taika Waititi), den er sich stets an seine Seite imaginiert. Sam Rockwell als Nazi Hauptmann Klenzendorf, Rebel Wilson als Fräulein Rahm und Tomasin McKenzie (bekannt aus Leave no Trace) als jüdisches Mädchen Elsa komplettieren das wunderbare Ensemble. Jojo tut alles, um ein perfekter Nazi zu sein, seine Tollpatschigkeit versperrt ihm aber den Weg zu einer Nazi-Karriere. Da macht er zu Hause eine unerwartete Entdeckung.

    Jojo Rabbit hat als Satire, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, gewichtige Vorbilder von Charlie Chaplins Der große Diktator (1940), Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein (1942) und Mel Brooks Frühling für Hitler (1968) bis zu Roberto Benignis Das Leben ist schön (1998) und Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009). Vor allem, wenn es der Darstellung der Nazis an notwendigem Ernst fehlte, hagelte es Kritik. So nun auch im Falle von Jojo Rabbit. Geschmacklosigkeiten wurden Mel Books schon 1968 vorgeworfen. Sein Drehbuch für Frühling für Hitler gewann schließlich den Oscar und der Film gilt heute als Klassiker.

    Waititi (Thor: Tag der Entscheidung , 2017) wirft mit Stereotypen jener Zeit nur so um sich, dass es eine Freude ist. Wobei halt! Jener Zeit? Unterscheiden sich die herabwürdigenden Darstellungen von Menschen jüdischen Glaubens und andere Widerlichkeiten überhaupt von jenen, wie sie heute mit leidenschaftlicher Wehemenz von so mancher Landesorganisation des Rechten Lagers verbreitet werden? Erschreckend wenig.

    Was alleinstehend einfach nur ungustiös ist, verwandelt sich aber im Kontext des Filmes in eine wunderbare Persiflage. So mag eine derartige Satire für manche auf wackeligen Beinen stehen. Sie ist jedoch ein gangbarer Weg um dem Bösen zu begegnen, ohne beim Publikum falsche Schuldgefühle hervorzurufen. Was wiederum ein Kritikpunkt an Steven Spielbergs Schindler’s Liste gewesen ist und damals nicht einmal ganz unbeabsichtigt war. Hält Jojo Rabbit nun einer kritischen Auseinandersetzung stand?

    Durch den enormen Erfolg des Filmes, so findet Waititi, tritt das Risiko, das die Produktion eingegangen ist, in den Hintergrund. Anstatt der Fox-Fanfare zu Beginn hört man „Gib mir deine Hand“ von den Beatles und dazu sehen wir viele Menschen, die ihre rechte Hand Richtung Himmel strecken. So etwas kann leicht in die Hose gehen. Das Nazi-Regime durch die Augen eines Kindes zu betrachten ist Waititi gelungen. Der Film hat Charme, Witz und beweist für eine Satire ungewöhnlichen Tiefgang. Vor allem durch den Charakter der Mutter. Scarlett Johansson ist so etwas wie das liebevolle Herz des Filmes. Nur um ihren Sohn zu beschützen, läßt sie ihn in dem Glauben, Mitglied einer überzeugten Nazi-Familie zu sein. Bis sich das Blatt wendet.

    Am Schluss setzt David Bowies Song „Helden“ dem ganzen die Krone auf: „Wir können sie schlagen für alle Zeiten.“ Der Film sagt dem Hass den Kampf an. Humor hat sich immer schon als effektive Waffe erwiesen. Der Psychiater Viktor Frankl, der drei Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte, schrieb: „Der Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung.“ Jojo Rabbit mag vielleicht überambitioniert wirken in dem Versuch Tragik und Komik zu vereinen. Am Ende sitzt man aber im Kinosessel, vollgepackt mit Emotionen, die man erst einmal für sich selbst einordnen muss. Wie oft passiert das schon?

    TAIKA WAITITI | JOJO RABBIT | USA 2019 | 108 MIN. | [usr 4.5]


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  • 1917 ★★★½

    1917 ★★★½

    Schon lange nicht hat ein Film solch geteilte Meinungen hervorgerufen, wie das Kriegsdrama 1917 von Regisseur Sam Mendes. Von einem Meisterwerk ist die Rede oder aber auch von einer großen Irrung, dass nämlich die Technik alleine in der Lage sei, die ganze Magie des Kinos heraufzubeschwören und Wahrhaftigkeit und das unmittelbare Erleben von Emotionen zu erzeugen vermag. Die Grundidee des Films besteht darin, dass die Kamera zwei Soldaten in Echtzeit zwei Stunden durch Nordfrankreich dabei verfolgt, wie sie eine lebensrettende Botschaft an die Front überbringen. Dabei soll die Illusion entstehen, der Film sei ohne Schnitt gedreht worden.

    Lance Corporal Tom Blake (Dean-Charles Chapman) bekommt von General Erinmore (Colin Firth) den Auftrag, sich auf den Weg an die Front zu machen und Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) eine Nachricht zu übermitteln. Der für den nächsten Morgen geplante Angriff soll verhindert werden, da die Briten in einen Hinterhalt der Deutschen gelangen würden. Dies könnte bis zu 1600 Mann das Leben kosten. Blake macht sich gemeinsam mit Lance Corporal William Schofield (George MacKay) auf den Weg.

    Die beiden Soldaten bewegen sich durch das verwüstete Niemandsland hinter der Front. Es ist eine dystopische Landschaft, die die zerstörende Kraft des Krieges veranschaulicht: verlassene Schlachtfelder und Schützengräben, verwaiste Gehöfte und überall Leichen. Das Szenenbild, dieser produktionsbedingt sehr großen 360° Sets, ist eine der herausragenden Leistungen von 1917. Gedreht wurde ausschließlich bei bedecktem Himmel, um Kontinuität beim Licht zu erhalten. Dadurch erhält der Film einen kühleren Look, der Kälte suggeriert, obwohl eigentlich Sommer ist.

    Mendes und sein Kameramann Roger Deakins wenden eine Technik an, wie sie schon bei Alejandro Ganzález Iñárritu in seinem Best Picture Gewinner Birdman zum Einsatz kam. Die Kamera begleitet die Protagonisten scheinbar ununterbrochen. Zu Beginn sind noch Momente, die einen Schnitt ermöglichen auszumachen, aber irgendwann sieht man sie nicht mehr. Schier endlose Kranfahrten (oder ist es doch ein E-Motorrad?) ziehen sich durch den gesamten Film. Die Kamera schwebt, dreht sich im Kreis, steigt in die Höhe und stürzt hinab. Es ist ein regelrechtes Ballett, das Deakins hier veranstaltet und immer wieder findet er trotz der ständigen Bewegung diese schönen Bilder, wenn die Kamera einmal irgendwo verharrt. Das ist Kameratechnik in einer Perfektion, wie man sie nur selten zu sehen bekommt.

    Die Handlung selbst erstreckt sie allerdings über gut 10 Stunden. Die Realzeit stand für Mendes, der hier Aufzeichnungen aus dem Familienarchiv verarbeitet, also nicht im Vordergrund. Sein Ziel war vielmehr, durch die scheinbar ununterbrochene Szenerie ein Gefühl der unmittelbaren Nähe zu den Hauptdarstellern zu vermitteln. Mitten drin, statt nur dabei sozusagen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das etwas verwirrend. Beim Ansehen ist das aber kein großes Problem und da gibt es zwei Zugänge.

    Entweder man lehnt sich zurück und sieht sich den Film an, ohne sich groß Gedanken zu machen. Die tollen Aufnahmen werden aber nicht das intensive Kinoerlebnis ermöglichen, wie zum Beispiel zuletzt bei Christopher Nolans Dunkirk. Ein Spannungsbogen mag sich nämlich nicht entfalten. Einem kinoaffinen Publikum wird eine solche Betrachtungsweise aber ohnehin nur schwer möglich sein. Es stellt sich nämlich über die zwei Stunden immer wieder die selbe Frage: Wie haben die das nur gemacht? Es ist die Form, der sich hier alles unterordnen muss.

    Formale Experimente dieser Art gehen bis auf Alfred Hitchcock zurück, der 1948 in seinem Film Cocktail für eine Leiche (OT: Rope) auf (sichtbare) Schnitte verzichtete. Es ist aber erst das Wissen um einen richtigen One-Shot, das der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene beschert. Bei Sebastian Schippers Victoria (2015) ist das der Fall. Nichts führt allerdings daran vorbei, was sich an einem Morgen im Dezember 2002 in der Eremitage in Sankt Petersburg ereignete. Aleksandr Sokurovs Russian Ark vollzog den One-Shot in einer nie dagewesenen Eleganz und Perfektion, eingefangen von Kameramann Tilman Büttner.

    Nun also ein Kriegsfilm. 1917 ist ein technisches Meisterwerk. Technik kann manchmal auch langweilen. Der Academy war das trotzdem 10 Oscar-Nominierungen wert. Neben fast allen technischen Kategorien auch die zwei wichtigsten Preise: Regie und Film. 1917 gilt als Favorit. Dass der Film in der Kategorie Schnitt nicht berücksichtigt wurde, ist aber nur konsequent.

    SAM MENDES | 1917 | UK/USA 2019 | 110 MIN. | [usr 3.5]


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  • 7500 ★★★

    7500 ★★★

    Bumm, bumm, bumm. Unentwegt hämmert es an der Sicherheitstür. Es ist ein Flug von Berlin nach Paris und im Cockpit des Airbus A319 lässt sich keiner der beiden Piloten vom Lärm beirren. Noch nicht. 7500 ist in der internationalen Luftfahrt der Code für eine Entführung. Regisseur Patrick Vollrath hat für den gleichnamigen Film gemeinsam mit Senad Halilbašić das Drehbuch verfasst. Es ist seine erste internationale Produktion nach der Oscar Nominierung für den Kurzfilm Alles wird gut im Jahr 2015.

    Im Prolog sieht man Bilder von Überwachungskameras auf dem Flughafen Berlin. Wobei es sich in der Realität um den Flughafen Wien handelt. Vollrath hat hier an der Filmakademie studiert und sein Oscar-Kandidat war der Abschlussfilm. Bald begeben wir uns ins Cockpit und die Kamera wird es bis zur letzten Einstellung nicht mehr verlassen. Eine spannende Entscheidung, die dem Film eine große Authentizität und Dichte verleiht aber auch so manches Problem mit sich bringt.

    Im Cockpit sitzen Pilot Michael Lutzmann (Carlo Kitzlinger) und sein Copilot Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt). Tobias ist Amerikaner und lebt mit seiner Lebensgefährtin und deren Sohn in Berlin Kreuzberg. Sie heißt Gökce (Aylin Tezel) und ist Stewardess. An diesem Abend fliegen die beiden zufällig gemeinsam.

    Es kommt wie es kommen muss. Drei muslimische Extremisten (Murathan Muslu, Omid Memar und Paul Wollin) versuchen das Cockpit zu stürmen. Der Film beschäftigt sich fortan mit der Frage: Cockpittüre öffnen oder nicht. Was machen, wenn die Liebste mit dem Leben bedroht wird? Die Vorschriften sind klar. Die Tür bleibt zu. Ausnahmslos. Die Entführer hämmern pausenlos an der Tür, versuchen sie aufzubrechen.

    Das Hämmern ersetzt gewissermaßen die Filmmusik, die es nicht gibt. Interessanterweise nimmt man es als Zuseher irgendwann nicht mehr richtig war. Es begleitet einen aber noch nach verlassen des Kinosaales. So eindringlich ist der stumpfe Ton.

    Gordon-Levitt steht natürlich im Zentrum von 7500. Die Kamera lässt ihm kaum eine Verschnaufpause. Stress und Verzweiflung sind ihm im fast komplett dunklen Cockpit ins Gesicht geschrieben, das wir aufgrund des engen Raumes immer knapp vor uns haben. Der Film ist für heutige Verhältnisse mit 92 Minuten relativ kurz und die gehören Gordon-Levitt fast alleine.

    Die Idee, die Handlung ausschließlich in einem Cockpit spielen zu lassen, ermöglicht einen größtmöglichen Realismus. Gedreht wurde in einem echten Cockpit. Die Enge wird spürbar (Kamera: Sebastian Thaler). Allerdings schrängt das die dramaturgischen Mittel stark ein. Es mangelt an Charakteren zu denen man eine emotionale Bindung aufbauen kann. Die Passagiere sieht man nicht. Ziemlich genau ab der Mitte hängt 7500 deshalb im wahrsten Sinne des Wortes etwas in der Luft. Sowohl der Raum als auch die Zeit sind das formale Konzept, in das der Film gezwängt wird. Die Geschichte spielt weitgehend in Echtzeit und das funktionert sehr gut.

    Da der Film in bzw. über Deutschland spielt, ist der Anteil an Deutscher Sprache vor allem im letzten Teil sehr hoch. Das Ende zieht sich etwas und verpflichtet das internationale Publikum zum Lesen von Untertiteln, da die Attentäter aus Deutschland stammen. Deren Motive sind nur bedingt glaubwürdig. Sie wollen sich schlicht am Westen rächen und stellen keinerlei Forderungen.

    7500 spielt mit einer Idee, die ausbaufähig ist. Gut möglich, das der Stoff demnächst als Remake den Weg ins Kino finden wird. Vielleicht wieder mit Patrick Vollrath als Regisseur. Der Schritt in den internationalen Markt ist geschafft. Man kann ihm nur eine erfolgreiche Karriere wünschen.

    7500 | PATRICK VOLLRATH | D/AUT 2019 | 92 Min. | [usr 3]


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