Schlagwort: Oscar Radar

  • SOUL ★★★★½

    SOUL ★★★★½

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    Mit ihrem 23. abendfüllenden Spielfilm beschreiten die Pixar Animation Studios in mehrerlei Hinsicht neue Wege. Soul startet bereits wenige Wochen nach Onward: Keine halben Sachen nun direkt auf der hauseigenen Streamingplattform Disney+ (ohne Zusatzkosten zum Abo von aktuell 6,99€ monatlich). Regisseur und Pixar Urgestein Pete Docter (Toy Story, Oben, Alles steht Kopf) verfasste ebenso das Drehbuch, gemeinsam mit Mike Jones und Kemp Powers, der nun auch als Co-Regisseur geführt wird. Sie schufen mit dem Lehrer und Jazzpianisten Joe Gardner die erste afroamerikanische Hauptrolle in der Firmengeschichte. Darüber hinaus haben wir es hier erstmals mit einem Animationsfilm zu tun, der sich mit einem grundlegenden philosophischen Anspruch in erster Linie an ein etwas älteres Publikum wendet.

    Darum geht es

    Joe Gardner (Jamie Foxx/dt:: Charles Rettinghaus) gelingt es als Musiklehrer nur bedingt seine große Leidenschaft zum Jazz auf die Kinder zu übertragen. Während dem Unterricht träumt er von einer Karriere als Jazzpianist. Eines Tages wird zumindest der Wunsch seiner Mutter (Phylicia Rashad/Marianne Groß) nach einer Vollzeitanstellung in der Schule Realität. Doch das soll nicht alles sein: Noch am gleichen Abend bekommt er das Angebot in einem Jazzclub als Pianist einzuspringen und das ausgerechnet bei der berühmten Dorothea Williams (Angela Bassett/Arianne Borbach). Nach einem nachmittäglichen Vorspiel bekommt er den Job. Voll Freude und Euphorie tänzelt er durch die Straßen von New York nach Hause und fällt dabei in einen offenen Schacht. Im nächsten Moment sieht er sich, losgelöst von seinem Körper, auf einem Förderband Richtung Jenseits auf ein gleissend weißes Licht zufahren, in dem andere vor ihm wie Insekten verpuffen.

    Panik macht sich breit. Nein, bereit zum Sterben ist Joe nicht. Er macht kehrt und als er versucht seinem Schicksal zu entkommen, landet er kurzerhand in einer Welt, in der Seelen auf ihren Einsatz auf Erden vorbereitet werden. Da wittert Joe seine Chance. Mithilfe von 22 (Tina Fey/Anna Carlsson), einer Seele, die sich bisher weigerte einen Körper zu bewohnen, möchte er doch noch seinen Traum verwirklichen.

    Joe im Davorseits

    Kommentar

    Bereits während des berühmten Intros mit dem Disney Schloss ist es nicht zu überhören. Hier geht es um Jazzmusik. Diese ist für Improvisationen bekannt und es sitzt hier vorerst kein Ton. Es ist Joes Klasse, die sich gerade an der Fanfare abarbeitet. Eine Klasse, die er nicht so recht überzeugen vermag, Zeitungsausschnitte und Fotos an der Wand, die von seinen Sehnsüchten erzählen und dann die Nachricht eine fixe Anstellung an der Schule zu erhalten. Im diesem Moment wird der Zwiespalt in Joe sichtbar. War es das nun mit der Karriere als Jazzpianist? Nach wenigen Minuten sind wir Teil der Gefühlswelt des Hauptdarstellers. Eine große Kunst, die gerade dem Animationsfilm eigen ist.

    Und wieder glaubt man einen Fortschritt in der Animationstechnik erkennen zu können. Der Detailreichtum und die Plastizität durch Licht und Schatten suchen ihresgleichen. Selbst bei einem Stil, der keinen Realismus vortäuschen will, erlangt man größtmöglichen Realismus in den Bewegungsabläufen, Oberflächen, einzelnen Gegenständen und in der räumlichen Wahrnehmung. Im sogenannten Davorseits entfernen wir uns von einer realen Welt. Die dortigen Seelenberater, sie heißen alle Jerry (weil mehr könnten unsere Hirne sowieso nicht begreifen), bestehen nur aus Linien, die an Zeichnungen von Pablo Picasso erinnern. Soul strotzt vor kreativer Originalität, deren Details auf den Fernsehbildschirmen leider mitunter verloren gehen.

    Nachdem Joe bereit im Vorspann ins Jenseits befördert wird, konzentriert sich Soul auf die Rückeroberung seiner Körpers. Ein paar Mystiker helfen ihm dabei. Der Twist am Ende des ersten Drittels soll hier nicht vorweg genommen werden, nur neu ist er leider nicht. Dem Spaß tut das aber keinen Abbruch. Die daraus resultierenden Slapstickeinlagen sind großartig. Die Botschaft des Films ist dann aber tiefgründiger und beschäftigst sich mit nicht weniger als mit dem Sinn des Lebens. Gibt es sowas wie ein Ziel oder eine Berufung? Soul hat sogar eine Antwort parat. Ein Ahornsamen wird dabei eine Rolle spielen.

    Auf der Erde gibt die Jazzmusik von Jon Batiste den Ton an und im Davorseits sind es die sphärischen Klangwelten von Trent Reznor und Atticus Ross. Disney veröffentlichte gleich zwei Alben mit den Soundtracks und sie sind es Wert öfters gehört zu werden.

    Pete Docter wurde innerhalb der Produktionszeit zum Künstlerischen Leiter bei Pixar. Nach Alles steht Kopf hat er sich zum zweiten Mal zur Aufgabe gemacht, das Nichtdarstellbare zu visualisieren. Soul verlangt aber nach einem dunklen Saal mit geschlossenen Türen und einer großen Leinwand, auf der sich der Detailreichtum auch vollends entfalten kann. Unter den jetzigen Umständen müsste man einen Animationsfilm, dem ein Produktionszyklus von gut fünf Jahren vorangeht, vermutlich neu denken. Soul ist ein gute Laune verbreitender Film, den wir gerade jetzt gut gebrauchen können.

    SOUL | PETE DOCTER/KEMP POWERS | USA 2020 | 100 MIN. | [usr 4,5]


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  • WOLFWALKERS ★★★★★

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    Beinahe könnte man dieses Filmjahr aus dem Kalender streichen. Noch wissen wir nicht, welche Perlen irgendwo auf Festplatten schlummern (nun ja, viel romantischer ist es leider nicht), die wir irgendwann in den nächsten Jahren zu sehen bekommen werden. Der ein oder andere Film wird davor wohl noch den Besitzer wechseln, zumindest was den Vertrieb betrifft. Welche davon letzten Endes direkt im Fernsehen und auf Laptops in aller Welt landen werden, ist schwer vorherzusehen. Es war kein schlechtes Filmjahr, die Auswahl war nur sehr rar. Großartige Produktionen wie Nomadland liefen fast ausschließlich auf Festivals. Das Publikum muss sich auch noch gedulden, um Blockbuster wie James Bond 007: Keine Zeit zu Sterben oder Top Gun 2 sehen zu können. Kurz vor Jahreswechsel erreicht uns nun aber doch noch ein Filmjuwel: Wolfwalkers von Tom Moore und Ross Stewart ist ein Animationsabenteuer dessen mystische Erzählung und grandioser Animationsstil gleichsam beeindruckend sind. Auf AppleTV+ kann man sich jetzt davon überzeugen.

    Darum geht es

    Die Geschichte ist im Irland des 17. Jahrhunderts angesiedelt. Bill Goodfellowe (Sean Bean) wird von Lord Protector Cromwell (Simon McBurney) beauftragt, in den Wäldern vor der Stadt Kilkenny Wölfe zu erlegen. Die Stadt hat Cromwell durch sein strenges Regime fest im Griff, nur die wilde Natur vor den Stadtmauern ist ihm ein Dorn im Auge. Durch Angriffe der Wölfe schreiten die Rodungen nur langsam voran.

    Bills Tochter Robyn (Stimme von Honor Kneafsey) sucht das große Abenteuer und weil ihr ein Schicksal in der Küche blüht und sie als Kind die Stadt eigentlich nicht verlassen darf, zieht es sie hinaus in die Wälder. Dort steht sie bald einem Wolf gegenüber. Im Wald trifft sie auch auf Mebh (Eva Whittaker). Das Mädchen mit den feuerroten Haaren und den großen Augen ist eine der letzten Wolfwalker. Sie können mit Wölfen sprechen, leben mit ihnen gemeinsam Wald und können auch ihre Gestalt annehmen. Zwischen den beiden Mädchen entwickelt sich eine Freundschaft. In der Stadt sind ihr Vater uns sie Außenseiter.

    In der Zwischenzeit ist Robyns Vater weiter auf der Jagd. Der große Fang mag ihm jedoch nicht gelingen, was den Zorn des Lord Protectors auf sich zieht, der schließlich zu einer großen Schlacht gegen die Wölfe aufruft.

    Kommentar

    Schon die ersten Bilder sind von einer gewaltigen Schönheit. Es ist, als hätte sich ein Bilderbuch vor uns geöffnet, in das wir für die folgenden (ein klein bisschen zu langen) hundert Minuten eintauchen. Wolfwalkers ist im 2D Stil gehalten und wirkt wie von Hand mit Wasserfarben gemalt. Der Reiz liegt hier nicht in der realen und plastischen Perfektion der Animation, sondern im Charakter einer Handarbeit. Der urbanen Tristesse steht eine bunte, opulente und dynamische Wildnis gegenüber. Man spürt das Organische. Alles scheint zu fließen. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

    Mit der Geschichte nimmt Drehbuchautor Will Collins Anleihen an der keltischen Mythologie. Dies schlägt sich auch im visuellen Stil nieder. Die mittelalterliche Stadt Kilkenny in Irland, in der auch Wolfwalkers spielt, ist Firmensitz des Animationsstudios Cartoon Saloon von Regisseur Moore. Das Regieduo Moore/Stewart thematisiert den imperialen Einfluss Englands auf Irland. Lord Protector Cromwell wurde aus England entsandt, um die irische Bevölkerung zu zähmen. Es ist der Abschluss einer irischen Trilogie von Cartoon Saloon, der Brendan und das Geheimnis von Kells (2009) und die Melodie des Meeres (2014) vorangingen.

    Im Spannungsverhältnis Mensch-Natur-Mythologie entfaltet sich ein Abenteuer, das durch die emotionale Komplexität der Figuren eine Tiefe gewinnt, wie sie so manchen Animationsfilmen eigen ist. Auch das Studio Ghibli und seine Filme von Hayao Miyazaki schlagen diese Richtung ein.

    Wolfwalkers bietet Spannung für die ganze Familie. Eine Seltenheit. Neben den Schauwerten sind die zahlreichen angesprochenen Themen wie Freundschaft, Mut, Umweltschutz und Fanatismus Andockpunkte für Groß und Klein. Am Ende möchte man den Film am liebsten gleich wieder von vorne starten. Jedenfalls gut vorstellbar, dass sich unsere Wege im Laufe der Jahre immer wieder kreuzen werden. Eine große Freude zum Jahresausklang.

    Wolfwalkers

    Animationsfilm, IRL/LUX/USA/FR 2020
    Regie
    Tomm Moore, Ross Stewart
    Drehbuch Will Collins
    Schnitt Richie Cody, Darren Holmes, Darragh Byrne
    Musik Bruno Coulais
    Länge 103 Min.
    Streamingplattform AppleTV+


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  • MANK ★★★½

    MANK ★★★½

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    Während sich Filme aus Hollywood seit über 100 Jahren in aller Welt großer Beliebtheit erfreuen, ist in Tinseltown unter der kalifornischen Sonne vor allem eines besonders gern gesehen: Filme über sich selbst. Glücklicherweise bot das Zentrum der US-Filmindustrie dafür abseits der Leinwand immer schon genügen Stoff. So war die Metropole jüngst in Once Upon A Time In Hollywood von Quentin Tarantino oder La La Land von Damien Chazelle die Hauptdarstellerin. Neben zahlreichen weiteren Filmen setzte sich auch Billy Wilders Boulevard der Dämmerung mit den Dynamiken der Traumfabrik auseinander. Nun verfilmte Regisseur David Fincher mit Mank ein Drehbuch seines Vaters Jack Fincher über den Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz (1897-1953). Er erlangte in den 1940er Jahren nicht zuletzt deshalb Bekanntheit, weil er das Drehbuch für Citizen Kane von Orson Welles verfasste. Dem Film liegt ein Drehbuchstreit zugrunde. Lange galt als ungeklärt, wie groß der jeweilige Anteil von Mankiewicz und Welles gewesen ist. Es war eine Zeit, in der Film nicht als Gemeinschaftsprojekt verstanden wurde, sondern der Regisseur als zentraler kreativer Urheber galt.

    Darum geht es

    Das junge aufstrebende Talent Orson Welles (Tom Burke) beauftragt Herman J. „Mank“ Mankiewicz (Gary Oldman) das Drehbuch für seinen nächsten Film zu schreiben. Dafür stellt er Mank, der durch einen Autounfall ans Bett gefesselt ist, ein Haus in der Mojave Wüste zur Verfügung. Dort soll er ungestört, weil dem Alkohol nicht abgeneigt, seiner Sekretärin Rita Alexander (Lily Collins) diktieren. Es ist das Jahr 1940 und die Handlung springt folglich immer wieder in die 1930 Jahre zurück.

    Dabei sehen wir vor allem Episoden, die Mank letzten Endes dazu gebracht haben, das Drehbuch zu Citizen Kane zu verfassen. Kanes reales Vorbild ist der Geschäftsmann und Herausgeber William Randolph Hearst (Charles Dance). Ihn lernt Mank über die Schauspielerin Marion Davies (Amanda Seyfried) kennen.

    In weiterer Folge kommt es zu mehrere Begegnungen zwischen Hearst und Mank. In Rückblenden wird die Studiolandschaft, vor allem mit MGM und Louis B. Mayer (Arliss Howard), genauso thematisiert, wie die Propaganda während des Wahlkampfs um den kalifornischen Gouverneur im Jahr 1934.

    Manks Alkoholsucht macht ihm immer mehr zu schaffen. Trotzdem vollendet er das Drehbuch binnen weniger Wochen. Obwohl es von Seiten des Produzenten bedenken gibt, da sowohl Hearst als auch Davies offensichtlich erkennbar sind, möchte Welles ihm sämtliche Rechte am Buch abkaufen. Mank verlangt jedoch, als Autor genannt zu werden. Es sollte die herausragendste Arbeit seiner Karriere sein.

    Mank und die folgenschwere Begegnung mit Marion Davies auf einem Filmset.

    Kommentar

    David Fincher gilt als Perfektionist, um nicht zu sagen als Pedant. Im Falle von Mank lässt es sich bereits im Trailer erahnen und schon beim Netflix Schriftzug zu Beginn ist es klar, er meint es ernst. In strahlendem, digital perfektem, Schwarzweiß präsentiert sich seine Hommage an das alte Hollywood. Der Ton ist leicht hallig, wie man es aus alten Filmen kennt. Bildfehler wurden nachträglich hinzugefügt. Genauso wie die Markierungen in der rechte oberen Ecke, die als Hinweis für Filmvorführer gedacht waren, damit sie wussten, wann sie während der Projektion die Filmrolle wechseln mussten. Vieles erinnert hier stilistisch an jene Zeit, in der die Handlung spielt. Einzige das Filmformat Cinemascope fällt buchstäblich aus dem Rahmen. Es wurde erst Anfang der 1950er Jahre eingeführt.

    Der Aufbau der Geschichte mit Rückblenden erinnert genauso an Citizen Kane, wie die Kamera von Erik Messerschmidt. Große Tiefenschärfe und extreme Blickwinkel von oben und unten erinnern stark an die Arbeit von Gregg Toland, dem damaligen Kameramann. Gedreht wurde Großteils im Studio. Dort sind auch die charakteristischen Autofahrten vor Leinwandprojektionen entstanden, wie man sie aus alten Filmen kennt.

    Auftritt Josef von Sternberg, David O. Selznick, Louis B. Mayer, Irving Thalberg, Charles Lederer und natürlich Orson Welles (wenn auch nur in kurzen Szenen). Es sind schon eine ganze Reihe an Hollywood-Legenden, die Manks Weg kreuzen. Die Geschichte funktioniert ohne großes Vorwissen. Freilich sind diese Namen einem breiteren Publikum heute nicht mehr bekannt. Ebensowenig die Studiolandschaft der damaligen Zeit von RKO bis MGM und die politischen Positionen. Wozu also der ganze Aufwand?

    Gary Oldman, nicht gerade bekannt für seine zurückhaltende Darstellungen, ist zurecht der Star des Films. Er hält alles zusammen. Sonst würde die Geschichte wegen der unzähligen oft nur kurzen Auftritte anderer Charaktere auseinanderfallen. Die gesamte DarstellerInnenrige ist durch die Bank gut besetzt. Seyfrieds Davies ist mehr als ein kleines Starlet. Die Dialoge sind eine regelrechte Freude. Freude, strahlen die Protagonisten jedoch nicht aus. Es sind keine glänzenden Hollywoodstars. Mank taugt daher auch nicht als Liebeserklärung an Hollywood.

    Die Passagen über den Wahlkampf um das Gouverneursamt sind unschwer als Verweis auf die Gegenwart zu verstehen, die Parallelen verblüffend. Die Manipulation gipfelt im Heraufbeschwören eines vermeintlich drohenden Kommunismus. Fincher gelingt es die Brücke zu schlagen und die Thematik mit der Haupthandlung zu verweben.

    Der Geschichte liegt ein Essay der Filmkritikerin Pauline Kael zugrunde. Sie hatte 1971 erstmals Welles‘ Anteil an der Urheberschaft am Drehbuch in Frage gestellt. Citizen Kane galt viele Jahrzehnte lang als bedeutendster Film aller Zeiten. Mank gelingt es das zu würdigen, obwohl bis zum Ende der Handlung noch keine Szene von Kane im Kasten sein wird. Ob die Geschichte auch nicht Filmfans fesseln kann, sei dahingestellt. Vermutlich wird es Mank selbst bei Cineasten schwer haben. Bei Netflix bleibt man jedenfalls der Linie treu, immer wieder Geschichten zu produzieren, die sonst wohl kaum mehr Chancen auf eine Umsetzung hätten. Gut möglich, dass damit neuerlich ein Prestigeprojekt geglückt ist. Das Publikum lässt man diesmal aber eher ratlos zurück.

    Die technische Perfektion und Detailverliebtheit ist jedenfalls beeindruckend. Wenn es Gründe braucht, die Kinos wieder aufzusperren: Mank ist einer davon.

    DAVID FINCHER | MANK | USA 2020 | 131 MIN. | [usr 3,5]

    Orson Welles bei Netflix

    Sie werden mich lieben, wenn ich tot bin (Dokumentation, 2018)


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  • HILLBILLY ELEGY ★★★

    HILLBILLY ELEGY ★★★

    Der neueste Film von Regisseur Ron Howard basiert auf dem autobiographischen Roman Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis von J. D. Vance aus dem Jahr 2016. Es war das Jahr, in dem Donald Trump überraschenderweise die Präsidentschaftswahl für sich entscheiden konnte. Der Roman wurde zum Beststeller und retrospektiv dazu herangezogen, besser verstehen zu können, was da genau passiert war. Hillbilly Elegy ist eine Familiengeschichte aus dem Rust Belt, der ehemals ältesten und größten Industrieregion der USA, die vom Strukturwandel der letzten Jahrzehnte besonders betroffen war und dem Lager der Trump Unterstützer zuzurechnen ist. Die abfällig auch Hilbillys genannten Bewohner der Apalachen, jenem Gebirgszug, der sich von Norden nach Süden durch den ganzen Osten der USA erstreckt, interessieren sich sich herzlich wenig für die Themen der Weltpolitik. Es geht vielmehr um das tägliche Überleben. Im Falle von J.D. Vance ist es geprägt von schwierigen familiären Verhältnissen und dem Wunsch, dem Teufelskreis immer wiederkehrender Gewaltausbrüchen zwischen den Generationen zu entkommen. Eine Filmkritik, keine Literaturkritik.

    Darum geht es

    Zu Beginn, es ist das Jahr 1997, ist J. D. Vance (gespielt von Owen Asztalos als Jugendlicher und 13 Jahre später von Gabriel Basso) mit seiner Familie im Sommer auf Verwandtschaftsbesuch in Kentucky. Schon vor vielen Jahren ist die Familie Richtung Norden nach Ohio gezogen. Der Arbeit wegen. Doch jetzt liegt alles danieder. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Geschlossene Läden prägen das Straßenbild und spiegeln die wirtschaftlich triste Lage wider. J. D.s Mutter Bev (Amy Adams) hat die Arbeit als Krankenschwester drogenkrank gemacht. Der Junge sucht Zuflucht bei der Oma Bonnie (Glenn Close), die ihrerseits Anteil daran hat, dass ihre Tochter mit dem Leben nicht fertig wird.

    Die Handlung springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her: 13 Jahre später studiert J. D. auf der Yale University. Als Kriegsveteran tat sich ihm diese Möglichkeit auf. Er führt mit seiner Freundin Usha (Frida Pinto) ein Leben fernab seiner Vergangenheit. Um sein Studium zu finanzieren, hat er gleich mehrere Jobs. Dann ereilt ihm just in der Woche wichtiger Vorstellungsgespräche ein Anruf seiner Schwester Lindsay (Haley Bennett). Die Mutter ist rückfällig geworden. Er begibt sich auf eine zehnstündige Autofahrt zurück in seine alte Heimat.

    J D. (Owen Asztalos) sucht Zuflucht bei der Oma (Glenn Close).

    Kommentar

    Man hatte hohe Erwartungen an die Verfilmung von Hillbilly Elegy. Während sie beim Publikum recht gut angekommen ist, wurde das Familiendrama von der Kritik regelrecht in der Luft zerrissen: Das Potential der Buchvorlage wurde nicht ausgenutzt und überhaupt hatte man das alles schon einmal woanders gesehen und würden nur Klischees bedient. Das mag stimmen. Die Perspektive ist aber neu. Nicht von außen, sondern von mitten drinnen stammt dieser Bericht über die Widrigkeiten der von Arbeitslosigkeit gebeutelten Menschen im Rust Belt. Armut macht krank. Arbeitslosigkeit macht krank. Niemand wird hier verurteilt und es ist auch kein Blick von oben herab. Hillbilly Elegy begegnet seinen Figuren auf Augenhöhe.

    Trotz der tragischen Geschichte ist Hillbilly Elegy keine schwere Kost, allerdings gleichzeitig ziemlich humorlos. Das Drehbuch stammt von Vanessa Taylor, die für The Shape of Water mit einem Oscar nominiert wurde. Der Film springt geschickt zwischen den zwei Zeitebenen hin und her. Man behält den Überblick.

    Ohne Zweifel sind Glenn Close und Amy Adams die Stars von Hillbilly Elegy. Dick aufgetragen ist an manchen Stellen aber nicht nur das Make-up. Jedoch zeigt der Nachspann, welch gute Arbeit beim Casting gemacht wurde. Sämtliche Darsteller sind den realen Vorbildern sehr ähnlich.

    Inszeniert ist das ganze recht konventionell. Eine eigene Handschrift von Ron Howard ist schwer auszumachen. Der Regisseur war in der Vergangenheit im Action Genre genauso erfolgreich wie im kleinen dramatischen, fast kammerspielartigen Fach. Das mag für manche zu beliebig sein. Ecken und Kanten sucht man hier vergebens. Politische Statements fehlen ebenso. Kurzweilig ist Hillbilly Elegy trotzdem und am Ende kann man zumindest erahnen, wie die Menschen in dieser Region ticken.

    Streamingplattform

    Netflix


    HILLBILLY ELEGY | RON HOWARD | USA 2020 | 116 MIN. | [usr 3]


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  • ONWARD: Keine halben Sachen ★★★★

    ONWARD: Keine halben Sachen ★★★★

    Wenige Tage nach dem Filmstart von Onward im März mussten die Kinos schließen. Die Filmplakate hingen noch für Monate in der Stadt. Das hatte einen gewissen apokalyptischen Touch. Als wäre damals die Welt still gestanden und irgendwie war das auch so. Seit kurzem ist die Pixar Produktion beim hauseigenen Streamingdienst Disney+ verfügbar. Eine gute Gelegenheit die Geschichte über zwei Elfenbrüder, die ihren verstorbenen Vater mit einem Zauber für einen Tag zurückholen möchten, nachzuholen.

    Darum geht es

    In der Fabelwelt der Elfenbrüder Ian und Barley Lightfoot geht mit der fortschreitenden Technisierung die Magie immer mehr verloren. Doch auf einmal steht Ian vor der Möglichkeit, ihren früh verstorbenen Vater mittels magischem Zauber für einen Tag zurück ins Leben zu holen. Bei dem Versuch geht aber etwas gehörig schief. Die Materialisierung gelingt nur von den Schuhen bis zum Hosenbund. Die beiden Brüder begeben sich mit dem halben Vater auf eine „Quest“, eine Reise, um ein magisches Artefakt zu finden. Damit soll es ihnen gelingen, den Zauber zu beenden. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn der Vater wird beim nächsten Sonnenuntergang wieder vollkommen verschwunden sein. Ihnen dicht auf den Fersen sind die besorgte Mutter und deren neuer Lebenspartner, ein Polizei-Zentaur.

    Ian hört auf Kassette die Stimme seines Vaters.

    Kommentar

    Es ist immer wieder erstaunlich, was man sich bei Pixar alles einfallen lässt. Die Grundthemen sind in den Filmen immer wieder zu finden: Familie, Freundschaft, Erwachsenwerden und große Abenteuer. Kombiniert mit einer State of the Art Animationstechnik, ist die Tochter Firma von Disney ganz klar Marktführer. So wie es Disney über Jahrzehnte selbst gewesen ist. Onward ist nur die logische Fortführung dieser sich nur marginal verändernden Konzepte. Dabei werden hier erkennbar animierte Elemente mit einer Teils hyperrealen Welt verschmolzen.

    Besonders erwähnenswert ist, wie die Geschichte am Ende aufgelöst wird. Man würde meinen, dass es Ian selbstverständlich gelingt, den Vater rechtzeitig zurückzuholen, um noch einmal Zeit mit ihm verbringen zu können. Ganz so einfach macht man es sich damit aber nicht. Der Fokus der Vater-Sohn-Geschichte verschiebt sich im Laufe der Handlung auf die Beziehung der zwei Brüder. Es ist ein herzzerreißendes Finale, soviel sei verraten.

    Für die älteren Zuseher ermöglicht Onward ein heiteres Zitateraten. Regisseur und Drehbuch Autor Dan Scanlon (Die Monster Uni) hat unzählige Verweise an die Filmgeschichte eingebaut. Der Ideenreichtum bei Pixar scheint grenzenlos zu sein. Obwohl der Film nicht in deren oberster Liga des Studios mitspielt, kann man mit ihm trotzdem eine gute Zeit verbringen. Da ist für jeden etwas dabei.

    Streamingdienst

    Disney+


    DAN SCANLON | OT: ONWARD | USA 2020 | 105 MIN. | [usr 4]


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  • DU HAST DAS LEBEN NOCH VOR DIR ★★★½

    DU HAST DAS LEBEN NOCH VOR DIR ★★★½

    Über ein Jahrzehnt nach ihrer letzten Filmrolle hat Sophia Loren in Du hast das Leben noch vor dir noch einmal einen großen Auftritt. Eine andere legendäre Schauspielerin der 20. Jahrhunderts zog sich bereits Ende der 1970er Jahre vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Marlene Dietrich wollte sich als glamouröser Filmstar im kollektiven Gedächtnis erhalten. Sie starb 1992 in völliger Einsamkeit. Loren hält es damit ganz anders. Mit 86 Jahren spielt sie nun unter der Regie ihres Sohnes Edordro Ponti eine fast 100-jährige Holocaust-Überlebende und darf sich, geht es nach KritikerInnen in den USA, Chancen auf einen dritten Oscar ausrechnen.

    Darum geht es

    Die ehemalige Prostituierte Madame Rosa (Sophia Loren) hat sich in ihrer kleinen Wohnung in Bari schon vieler kleiner Kinder ihrer Kolleginnen angenommen. Eines Tages nimmt sie etwas widerwillig Momò (in seiner ersten Rolle: Ibrahima Gueye) aus dem Senegal bei sich auf. Gerade noch hatte der Junge sie auf der Straße ausgeraubt. Während sie ein anderes Kind mit dem jüdischen Glauben vertraut macht, bringt sie den muslimischen Ladenbesitzer Hamil (gespielt von Regisseur Asghar Farhadi) dazu, Momò seine Kultur näher bringen kann. Doch der Junge verdingt sich weiterhin seinen Lebensunterhalt als Drogendealer und das äußerst erfolgreich.

    Das Verhältnis zwischen Momò und Rosa ist nicht das beste. Immer wieder zieht sich Rosa in ihren Keller zurück, den sie notdürftig eingerichtet hat. Das Verhalten und die Ängste, die sie plagen, sind für Momò unverständlich. Als sich Rosas Gesundheitszustand verschlechtert, kommen kommen sich die beiden doch näher.

    Ibrahima Gueye und Sophia Loren

    Kommentar

    Gedreht wurde diesen Sommer, also mitten in der Pandemie. Zumindest vor der Kamera ist davon nichts zu bemerken. Unter solch erschwerten Bedingungen eine Produktion auf die Beine zu stellen, ist schon alleine eine starke Leistung.

    Ein Flüchtlingskind im Süden Italiens und eine Holocaust-Überlebende: diese Konstellation hat das Potential zum großen Drama. Romain Gary, dem Autor des dem Film zugrundeliegenden gleichnamigen Romans aus dem Jahr 1975, interessierte aber viel mehr die Beziehung seiner zwei Protagonisten und weniger die Details ihrer Biografien. Der junge Gueye meistert sein Debüt bravourös aber wir sind nur wegen einer hier: der Loren. Trotz jahrelanger Leinwandabstinenz füllt die italienische Schauspiellegende mit ihrer Aura immer noch jede Szene aus. Jeder Auftritt von ihr, auch jenseits der Kamera, ist eine große Inszenierung. In Du hast das Leben noch vor dir übt sie sich allerdings in Zurückhaltung und zeigt ihrem Publikum eine alte Frau in all ihrem Leid und ihrem Glanz und resolut wie man sie aus ihren Filmen kennt.

    Du hast das Leben noch vor dir ist ein kein Film, der sich lange mit den Themen Migration und Vergangenheitsbewältigung aufhält. Der Film plätschert so dahin und gegen Ende wird dann doch noch auf die Tränendrüse gedrückt. Es ist ein kleiner aber feiner Film, der ganz auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten ist und sie alleine ist es Wert, sich ihn anzusehen.

    Streamingdienst

    Netflix


    EDOARDO PONTI | OT: LA VITA DAVANTI A SÉ | IT 2020 | 94 MIN. | [usr 3.5]


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  • THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 ★★★★ ½

    THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 ★★★★ ½

    Das Jahr 1968 wurde in den USA von Gewalt und Unruhen überschattet. Laufende Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Ermordung von Robert F. Kennedy und Martin Luther King heizten die Stimmung an. Ende August fand in Chicago der Parteitag der Demokraten statt, bei dem ein Nachfolger von Präsident Lyndon B Johnson für die anstehenden Wahlen gefunden werden sollte. Proteste von Kriegsgegnern führten zu Zusammenstößen mit der Polizei und die Lage eskalierte. Die Suche nach Schuldigen mündete in einen der größten Justizskandale in der Geschichte der USA. Regisseur und Drehbuchauto Aaron Sorkin hat sich in The Trial of the Chicago 7 dem Prozess angenommen und ihn für Netflix mit einem All-Star Cast verfilmt.

    Darum geht es

    Die Protagonisten verschiedener linker pazifistischer Gruppierungen versuchten im Vorfeld des Parteitages Genehmigungen für Kundgebungen und ein Musikfestival zu erhalten: Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen) und Jerry Rubin (Jeremy Strong) von der Youth International Party (Yippies), Tom Hayden (Eddie Redmayne) vom National Mobilization Committee to End the War in Vietnam, Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II), Mitbegründer der Black Panther Party, Rennie Davis (Alex Sharp) von der American anti-Vietnam War Bewegung und die Aktivisten David Dellinger (John Carroll Lynch), Lee Weiner (Noah Robbins) und John Froines (Daniel Flaherty). Die Genehmigungen wurde ihnen verwehrt.

    Die Nixon Administration bezichtigte sie, geplanterweise Staatsgrenzen überschritten zu haben, um in Chicago Unruhen auszulösen. Die Angeklagten wurden von William Kunstler (Mark Rylance) vertreten und der Staat Illinois von Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt). Die Verhandlung unter dem Vorsitz von Richter Julius Hoffman (Frank Langella) wurde nicht zuletzt wegen seiner unqualifizierten Äußerungen und der skandalöser Führung zur Farce.

    Kommentar

    Die historischen, nun 50 Jahre zurückliegenden, Begebenheiten sind hierzulande kaum bekannt. Das wird sich nun ändern. Obwohl es mehr als 10 Jahren dauerte, bis das Drehbuch von Aaron Sorkin (The Social Network, Molly’s Game), das er ursprünglich für Stephen Spielberg geschrieben hatte, unter seiner Regie nun doch noch verfilmt werden sollte, kommt The Trial of the Chicago 7 gerade zur rechten Zeit. Das Klima in den USA ist dem von Ende der 1960er nicht unähnlich. Wieder stehen sich linke und rechte Lager gegenüber, befeuert durch den US-Präsidenten selbst und liefern sich Straßenschlachten. Das Land scheint wieder an der Kippe zu stehen. Die Gräben sind tief und die Zukunft ungewiss.

    Der humorvolle Unterton dieses Gerichtssaaldramas täuscht nicht über die Atmosphäre des Hasses hinweg, die hier in der Luft liegt. Das Ziel ist klar: Man möchte den bunten und unliebsamen Haufen von der Straße weg und hinter Gitter bringen. Außerhalb des Gerichtssaales wurden die Angeklagten von ihren Gefolgsleuten bald als Helden hochstilisiert. Sorkin, bekannt für seine rasanten und geschliffenen Dialoge, verkürzt den Monate dauernden Prozess auf knappe zwei Stunden Länge. Das gelingt im grandios. Die Zeitsprünge in der Handlung stören den Fluss dabei nicht. Man behält den Überblick obwohl die Verhandlung aus juristischer Sicht hoch komplex ist.

    Solide in Szene gesetzt von Kameramann Phedon Papamichael liegen die Stärken von Chicago 7 in der bis in die Nebenrollen exzellenten Besetzung und dem Drehbuch von Sorkin. Glaubt man den Branchenblättern, kann sich Sorkin große Chancen auf einen Oscar ausrechnen. Aber was weiß man in diesem Jahr schon. The Trial of the Chicago 7 ist jedenfalls der Beweis, dass sich dieses Kinojahr, auch was den US-Film betrifft, keineswegs verstecken muss.

    Streamingdienst

    Netflix


    THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 | AARON SORKIN | USA 2020 | 130 MIN. | [usr 4.5]



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  • MULAN ★★★

    MULAN ★★★

    Während sich zwischen den USA und China ein brisanter Wirtschaftskrieg anbahnt, schickt Disney die legendäre chinesische Kriegerin aus dem 5. Jahrhundert los, um weltweit die Bildschirme zu erobern. Mulan ist den Kinderschuhen entwachsen. Zusätzlich zum Disney+ Abo möchte das Filmstudio 22€ (bzw. 30$), bevor das Leinwandabenteuer im Dezember für alle NutzerInnen verfügbar sein wird. Ein 200-Millionen-Dollar Spektakel für die Couch. Kommende Woche dann im Kino, allerdings nur China.

    Darum geht es

    Der Kaiser von China erlässt eine Verordnung und das schon vor eineinhalbtausend Jahren recht unmissverständlich: Um den Feind an der Seidenstraße zu besiegen, muss jede Familie einen Krieger für die kaiserliche Armee stellen. Hua Zhou (Tzi Ma), Kriegsheld, hat zwei Töchter und sieht es als eine Pflicht an, darum neuerlich selbst in den Kampf zu ziehen. Seine Tochter Hua Mulan (Liu Yifei) kommt ihm zuvor und macht sich mit der Uniform und dem Schwert des Vaters aus dem Staub. Höflichkeit, Etikette und Eleganz gehören nicht zu deren stärken. Schon als kleines Mädchen fällt sie durch ihren Wagemut und ihrer Geschicklichkeit auf. Vor allem die Mutter und später die Heiratsvermittlerin sind entsetzt. Der Vater ist sich der Problematik bewusst, kann seinen Stolz aber doch nicht ganz verbergen.

    Als Mann verkleidet ordnet sich Mulan den männlichen Soldaten unter. Die merken bald, das sie ihnen überlegen ist. Wie lange wird sie ihr Geheimnis bewahren können?

    Hua Mulan ist den Kriegern in der kaiserlichen Armee überlegen.

    Kommentar

    Unaufhaltsam – also fast unaufhaltsam – kommen nach und nach reale Neuverfilmungen der Disney Animationsfilme (alles Klassiker!) in die Kinos. Auch bei Mulan gilt, wie bei den Vorgängern, dass hier eigentlich nicht viel real ist. Das tut dem Film nicht unbedingt gut und man fragt sich, was der Film gekostet hätte, wäre er ohne die deutlich kostengünstigeren computergenerierten Bilder ausgekommen. Der Film ist bildgewaltig (Kamerafrau: Mandy Walker) und zeigt sich in einer intensiven Farbenpracht. Der Mythos wurde auf Hochglanz poliert. Soll so ein, immerhin sind wir hier bei Disney. Seine volle Wirkung kann der Film aber wohl nur auf der Leinwand entfalten.

    Diesmal ist es keine 1:1 Neuauflage des Originals. Die Altersfreigabe ab 12 Jahren lässt es erahnen. Hier wird scharf geschossen. Ob das so mit dem Familienfernsehabend was wird? Jedenfalls wurde der Stoff weiterentwickelt. Am Anfang steht der Vater von Mulan im Mittelpunkt und ganz allgemein ist Mulan erwachsener geworden. Die dümmlichen Sidekicks fehlen zur Gänze. Wir haben es mehr mit einem Heldenepos zu tun. Ständig ist von Ehre die Rede. Manchmal etwas zu viel. Eine eingebettete Lovestory bleibt uns erspart, obwohl Disney Mulan wie seine Prinzessinnen vermarktet. Sie ist mehr eine Seelenverwandte von Viana.

    Die Hauptdarstellerin Liu Yifei füllt die Rolle mit ihrem Charisma aus. Emanzipation steht im Vordergrund und ihr Counterpart Xian Lang (Gong Li) ist ebenfalls eine Frau. Die Geschichte in diese Richtung zu trimmen ist sicherlich ein kluger Schachzug und durchaus gelungen. Alle Charaktere werden von asiatischen SchauspielerInnen verkörpert. Nur bei der Regie hat das nicht geklappt. Regisseurin Niki Caro (Whale Rider) setzt jedoch die richtigen Akzente und ist für den Film auf jeden Fall ein Gewinn.

    Weil sich jetzt Unmut über die Kosten von Disneys Vermarktungsstrategie breit macht: Es war nie der Deal, dass auf Disney+ aktuelle Kinofilme laufen werden. Ausserdem erlaubt der Abodienst sechs Profile, wovon vier gleichzeitig schauen können. Also. Viel spannender ist die Frage, was es für Folgen hat, wenn dies nun ein Erfolg werden sollte. Auch wenn es erstmal ein Einzelfall bleiben soll, so ist es doch nicht ganz auszuschließen, dass es dann ganz anders kommen wird. Nicht auszudenken, wenn die Zugpferde aus den Kinos verschwinden.


    MULAN | NIKI CARO | USA 2020 | 115 MIN | [usr 3]


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  • AMERICAN FACTORY ★★★★½

    AMERICAN FACTORY ★★★★½

    Dieser Netflix Dokumentarfilm, produziert von Michelle und Barack Obama, zeigt, wie die Arbeiterschaft in Zeiten von Automatisierungsprozessen und Globalisierung unter die Räder gerät. Erst schließt General Motors ein Werk in Ohio und tausende Menschen verlieren ihren Job. Dann übernimmt ein chinesischer Konzern die Fabrik und gründet eine Niederlassung in den USA. Was sich erst als Rettung in der Not darstellt, entpuppt sich in American Factory bald als Sackgasse. Der neue Investor hat so ganz andere Vorstellung vom Umgang mit den Rechten der ArbeiterInnen..

    Der Druck ist vom ersten Tag groß. Maßstab für die Produktionsleistung und Qualität der Windschutzscheiben, die hier bei Fuyao Glas America produziert werden, ist der Mutterkonzern in China. Das Leben wird dort durch die Arbeit bestimmt. Das eigene Ich tritt in den Hintergrund. Urlaub gibt es so gut wie keinen. Genauso wenig wie irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen und sonstige Arbeiterrechte.

    American Factory handelt von einem Clash of Cultures, der manchmal witzig sein kann und gleichzeitig schockierend ist. Arbeiter aus China werden extra dafür abgestellt, die amerikanischen Kollegen einzuweisen und zu beaufsichtigen. Es entstehen Freundschaften die oft mit einer gewissen Skepsis einhergehen. Zumindest entsteht der Eindruck, die Chinesen hielten die Amis alle für Vollhoschis.

    So amüsant manche Begegnung auch sein mag, so ernst ist der Hintergrund. Eines macht der Investor von Anfang an klar: Kommt die Gewerkschaft, sperrt er zu. Ein interner Kampf beginnt und am Ende wird nicht jeder seinen Job behalten können. Da ist die Konzernführung skrupellos.

    Hinzu kommt eine ständige Steigerung der Produktivität, die nur durch Automatisierung erreicht werden kann. Roboter ersetzen Arbeiter. Ein Problem das in nächster Zeit weltweit hunderte Millionen ArbeiterInnen betreffen wird. American Factory zeigt das auf. Ein Film, über ein Problem, für das es bis jetzt keine Lösung gibt. Eine Tragikomödie, die man gesehen haben sollte.

    AMERICAN FACTORY | STEVEN BOGNAR, JULIA REICHERT | USA 2019 | 110 MIN. | [usr 4.5]

    Netflix hat ein 10 minütiges Gespräch zwischen Barack und Michelle Obama und dem Regieduo auf die Plattform gestellt. LINK [$]


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  • LITTLE WOMEN ★★★★½

    LITTLE WOMEN ★★★★½

    Lady Bird, das großartige Erstlingswerk des Multitalents Greta Gerwig von 2017, entpuppt sich nun ein weiteres Mal als Glücksfall. Zu Little Women, nach dem gleichnamigen Roman von Louisa May Alcott aus dem Jahr 1868, hatte sie bereits das Drehbuch verfasst. Nun bekam Gerwig auch die Möglichkeit, den Film selbst zu inszenieren. Sie rührte in der Chronologie der Geschichte ordentlich um und schüttelte den alten Stoff kräftig durch, um ihn von jeglichem Staub der Zeit zu befreien. Das Ergebnis ist ein erfrischend aktueller Film, mit einer herausragenden Besetzung, über die Emanzipation von vier Schwestern im 18. Jahrhundert.

    Die Geschichte ist gegen Ende des amerikanischen Bürgerkriegs angesiedelt. Josephine March (Saoirse Ronan) lebt mit ihren drei Schwestern Margaret (Emma Watson), Amy (Florence Pugh), Elisabeth (Eliza Scanlen) und ihrer Mutter Marmee (Laura Dern) in New England. Der Vater (Bob Odenkirk) befindet sich noch im Krieg. Die Wünsche und Träume der jungen Frauen prallen auf die gesellschaftlichen Erwartungen der damaligen Zeit. Vorrangiges Ziel soll es sein, eine gute Partie zu machen, also reich zu heiraten. Vor allem Josephine, genannt Jo, stellt sich gegen diese Konventionen und möchte ihren eigenen Willen durchsetzen. Sie steht im Zentrum der Erzählung. Als Alter Ego der Autorin May Alcott möchte sie Schriftstellerin werden und versucht ihre Geschichten dem Verleger Mr. Dashwood (Tracy Letts) zu verkaufen. Für ihn ist eines wichtig: Die weiblichen Figuren müssen am Ende entweder verheiratet oder tot sein. Das passt Jo so überhaupt nicht in ihre Vorstellungen.

    Florence Pugh als Amy in LITTLE WOMAN (2019)

    Bald müssen die vier bemerken, wie schwierig es ist, ihre Vorstellungen vom emanzipierten Leben umzusetzen. Damit kommt am ehesten noch Margaret zu recht, die sich mit der Rolle der Mutter in der Familie abzufinden weiß und dabei auf eine Karriere als Schauspielerin verzichtet. Amy, die für einige Zeit ihre Tante (Meryl Streep) nach New York begleitet, macht dort erste Bekanntschaften mit Männern und möchte Malerin werden. Elisabeth ist das Nesthäkchen und leidenschaftliche Klavierspielerin. Auch wenn die Unterschiede mit zunehmenden Alter größer werden, tut das dem Zusammenhalt der unterschiedlichen Schwestern keinen Abbruch.

    Saorise Ronan und Timothée Chalamet in LITTLE WOMEN (2019)

    Der Nachbarsjunge Laurie (Timothée Chalamet) verdreht nicht nur dem Kinopublikum den Kopf. Das Raunen im vollen Kinosaal bei seinem ersten Auftritt ist nicht zu überhören. Er gilt zurecht als einer der großen Begabungen unter den derzeitigen Jungschauspielern. Im Film gilt sein Interesse Jo. Da sie sich mit Rollenclichés aber überhaupt nicht abfinden mag, erfährt er immer wieder Zurückweisungen. Little Women ist aber kein Spiel um Intrigen und Leidenschaften, wie man es sonst aus Filmen des Genres kennt, sondern vielmehr ein Feelgood Movie mit Tiefgang, in dem die Männer zu charmanten Nebendarstellern werden und die Interessen der Frauen alleine im Mittelpunkt stehen.

    Emma Watson, Saorise Ronan , Eliza Scanlen und Florence Pugh in LITTLE WOMEN (2019)

    Gerwig entschied sich dazu, die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen. Durch die ständigen Sprünge zwischen zwei Zeitachsen fordert sie ihr Publikum etwas aber gleichzeitig verleiht das der Geschichte die nötige frische und erhöht gleichzeitig die Aufmerksamkeit. Der Stoff, der schon mehrmals verfilmt wurde (zuletzt: Betty und ihre Schwestern, 1994), wird dadurch nur interessanter.

    Es gab schon lange keinen Film, in dem die Lebensfreude der Charaktere so auf das Publikum übergesprungen ist. Little Women kommt nur im ersten Moment im Gewand eines Kostümfilms daher. Obwohl das Kostümdesign, genauso wie die Kamera von Yorick Le Saux, bemerkenswert ist. Es ist eine sanfte Erneuerung des Stoffes, die Gerwig vorgenommen hat und den Film modern und geradezu zeitlos macht und sie selbst zu einer der spannendsten Regisseurinnen Hollywoods. Bei den Oscars wurde das vorerst mit 6 Nominierungen honoriert, unter anderem in der Kategorie Bester Film. Für das Drehbuch darf sich Gerwig durchaus Chancen ausrechnen.

    GRETA GERWIG | LITTLE WOMEN | USA 2019 | 135 MIN. | [usr 4.5]


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