Schlagwort: Oscar Radar

  • LICORICE PIZZA ★★★½

    LICORICE PIZZA ★★★½

    Im Kino

    Für viele ist es ein langersehnter Höhepunkt nach einem Jahr, in dem die Pandemie mit voller Wucht im Filmgeschäft zugeschlagen hat. Der Autodidakt Paul Thomas Anderson (Der Seidene Faden) gilt als einer der großen Regisseure des zeitgenössischen Hollywood. Seine Detailverliebtheit und sein Perfektionismus kommen ihm gerade in seinen Historienfilmen zugute. Im 1973 im San Fernando Valley spielenden Licorice Pizza verläßt er sich voll und ganz auf zwei Newcomer: Alana Haim und Cooper Hoffman.

    Darum geht es

    Im kalifornischen San Fernando Valley des Jahres 1973 entwickelt sich zwischen Mittzwanzigerin Alana Kane (Alana Haim) und Teenager Gary Valentine (Cooper Hoffman) eine ungewöhnliche Freundschaft. Doch inmitten des alltäglichen Trubels aus Gelegenheitsjobs und Schauspielkarriere, Freunden und Politik entstehen mit der Zeit auch intensivere Gefühle. (UIP)

    Cooper Hoffman und Alana Haim

    Kommentar

    Es verhält sich ähnlich wie bei Quentin Tarantinos Once upon a time in … Hollywood. Seine Hommage an Hollywood spielt nur wenige Jahre früher und ist ebenso als Liebeserklärung an jene Zeit zu verstehen, wie nun Paul Thomas Andersons Licorice Pizza. Bei Tarantino war es hilfreich, etwas über die historischen Zusammenhänge und seine Figuren zu wissen. Zumindest hatte man dann mehr Spaß am Film. Während es bei Tarantino allerdings recht schnell nachzulesen war, ist das bei Anderson eigentlich unmöglich. Außer man liest sich durch die zahlreichen Filmbesprechungen.

    Im ersten Moment macht das aber nichts, denn hier geht es vor allem um die wie wunderbaren Hauptdarsteller, die beide ihr Debüt geben. Alana Haim, eine von drei Schwestern, bekannt durch die gleichnamige Band und Cooper Hoffman, der 19-jährige Sohn von Philip Seymour Hoffman. Die Natürlichkeit mit der die Beiden spielen ist überwältigend, fast wie zufällig von der Kamera eingefangen. Die scheinbare Unmöglichkeit der Beziehung mit dem großen Altersunterschied wird durch die Leichtigkeit des Filmes aufgefangen. Und außerdem: im Kino ist alles möglich. Es ist Haim und Hoffman zu verdanken, dass wir es ihnen abnehmen.

    Natürlich muss man nicht wissen, was es mit dem Titel auf sich hat. Auch nicht, welchen verrückten Typen Bradley Copper verkörpert oder wem Sean Penns Rolle nachempfunden ist. Selbst die Hauptfigur ist an ein reales Vorbild angelehnt. Wasserbetten, wie? John C. Reilly nicht entdeckt? Geschenkt. Die Aufzählung ließe sich nahezu endlos fortsetzen. Anderson verläßt sich in seiner Geschichte voll auf die Hauptdarsteller, die tolle Ausstattung und die Kostüme. Licorice Pizza ist ein optischer Genuss.

    Einerseits hält sich Anderson nicht mit Details auf (wie bei der Figur von Bradley Cooper, der immerhin für einen sehr komischen Auftritt sorgt), dann räumt er aber einer Figur wir dem zukünftigen Stadtrat Joel Wachs (Bennie Safdie) viel Raum ein, sodass man auch ohne tieferes Wissen weiß, worum es geht. Das hat freilich damit zu tun, dass Alana bei ihm im Wahlkampf anheuert. Sonst mäandert der Film leichtfüßig von Episode zu Episode. Der Regisseur schwelgt in Nostalgie. Es ist richtiggehende eine Zeitreise, die gut unterhält. Vor allem, wenn John Michael Higgins als Betreiber eines japanischen Restaurants, der Fremdsprache nicht mächtig, sie seiner japanischen Geliebten gegenüber nur mit einem Akzent imitiert. Zum Schreien komisch.

    Es ist nur schade, dass die zahlreichen Verweise an diese Zeit untergehen. Das mag für den ein oder anderen Filmnerd spannend sein aber für einen Großteil des Publikums bleiben sie verborgen. Am Ende bleiben vor allem die zwei Neuentdeckungen Alana Haim und Cooper Hoffman, die den Film so sehenswert machen. Ansonsten plätschert der Film über zwei Stunden so vor sich hin.

    Licorice Pizza
    Drama, USA 2021

    Regie Paul Thomas Anderson
    Drehbuch Paul Thomas Anderson
    Kamera Michael Bauman, Paul Thomas Anderson
    Schnitt Andy Jurgensen
    Musik Jonny Greenwood
    Mit Alana Haim, Cooper Hoffman, Bennie Safdie, Sean Penn, Bradley Cooper
    Länge 133 Min.


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  • HOUSE OF GUCCI ★★★½

    HOUSE OF GUCCI ★★★½

    Im Kino

    Wer kennt sie nicht: die Gucci Handtasche. Auch in einer Ganzkörpervariante erhältlich, darf sie in keinem modebewussten Haushalt fehlen. Dazu am besten ein Sweater mit dem Gucci Schriftzug auf der Brust und die dazu passenden Schuhe mit dem Firmenlogo, auch dort so groß, dass man sich erst gar nicht Richtung Asphalt beugen muss, um es lesen zu können. Original muss nicht sein, es reichen Replika. Etwas in Vergessenheit geraten ist die spektakuläre Familiengesichte der Guccis und warum eigentlich schon lange keines der Familienmitglieder mehr im Unternehmen tätig ist. Ridley Scotts House of Gucci erzählt davon. Lady Gaga glänzt in ihrer zweiten Hauptrolle.

    Darum geht es

    Auf einer Party lernt Patrizia Reggiani (Lady Gaga) zufällig Maurizio Gucci (Adam Driver) kennen. Sie macht sich sogleich zielstrehbig daran, mit ihm ein Verhältnis zu beginnen. Sehr zum Missfallen von Rodolfo Gucci (Jeremy Irons), für den Patrizia nicht standesgemäß ist und der mit Aldo Gucci (Al Pacino) das Firmenimperium leitet. Während Maurizio angehender Rechtsanwalt ist, wird Paolo (Jared Leto), der exzentrische Sohn Aldos, von niemandem ernst genommen.

    Maurizio setzt sich über den Willen seines Vater hinweg und heiratet Patrizia. Rodolfo bricht alle Beziehungen ab. Aldo sieht in Maurizio den einzigen legitimen Erben und bemüht ich darum, den Familienfrieden wieder herzustellen.

    Nachdem Maurizio eine alte Beziehung zu einer Jugendfreundin (Camille Cottin) wieder aufnimmt, trennt er sich von Patrizia. Während in der Firma kein Stein auf dem anderen bleibt, plant Patrizia aus Rache ein Mordkomplott gegen ihren ehemaligen Ehemann.

    Patrizia (Lady Gaga) ist der Umgang ihres Mannes Maurizio (Adam Driver) mit dem Firmenimperium gar nicht recht.

    Kommentar

    Viel musste Sara Gay Forden in ihrem 2001 erschienen und dem Film zugrundeliegenden Roman The House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour, and Greed nicht dazuerfinden. Die Familie Gucci lieferte eine Vorlage, die einer Seifenoper entsprungen sein könnte. Dem dramatischen Ende im Jahr 1995 ging mehr als ein Jahrzehnt ein Spiel aus Macht, Gier, Eitelkeiten und allerhand Verrücktheiten voran. Ganz so genau nimmt es Ridley Scott in House of Gucci mit historischen Details aber nicht. Das verstellt aber nicht den Blick auf eine unglaubliche Geschichte und interessante Persönlichkeiten.

    „Father, Son and House of Gucci„

    Patrizia Reggiani bekundet Verschwiegenheit

    Rein optisch gibt der Film ordentlich was her (Kostüme von Oscar-Preisträgerin Janti Yates). Scotts visueller Stil ist schon sehr Gucci. Stilsicher in den 1980er Jahren verankert (auch musikalisch). Aus heutiger Sicht also immer an der Kippe zur Geschmacklosigkeit. Aber hat sich Scott zu sehr auf das reale Vorbild verlassen? Auf der Leinwand kommt das Ganze zwar sehr wohl kurzweilig daher aber ist doch frei von emotionalen Höhepunkten. House of Gucci ist etwas verloren im Schwebezustand zwischen Kriminalfilm und Familiensaga. Wäre da nicht Lady Gaga, die nach A Star Is Born ein zweites Mal ausserordentlich überzeugend spielt und den Film fest im Griff hat. Ihre Leinwandpräsenz ist unglaublich.

    Für einen Kriminalfilm fehlt es aber an Spannung und eine Familiensaga verlangt nach mehr Dramatik. Da nutzt es nichts, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Unterhaltung folgt dann doch anderen Gesetzmäßigkeiten als die Realität es tut. Zu den restlichen schauspielerischen Leistungen gibt es geteilte Meinungen. Al Pacino und Jeremy Irons werden richtiggehend verbraten. Jared Leto ist bis zur Unkenntlichkeit geschminkt und spricht mit hoher dünner Stimme. Das wirkt unfreiwillig komisch. Adam Driver steht im Schatten von Lady Gaga. Da nützt der perfekt sitzende Anzug nichts. Wegen ihr allein wird man sich an House of Gucci zurückerinnern.

    House of Gucci
    Drama, USA 2021

    Regie Ridley Scott
    Drehbuch Robert Bentivegna, Becky Johnson
    Kamera Dariusz Wolski
    Schnitt Claire Simpson
    Musik Harry Gregson-Williams
    Mit Lady Gaga, Adam Driver, Jared Leto, Al Pacino, Jeremy Irons, Salma Hayek
    Länge 158 Min.


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  • FRAU IM DUNKELN ★★★★★

    FRAU IM DUNKELN ★★★★★

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    Im Abo

    Man könnte meinen, in unserer aufgeklärten Gesellschaft gäbe es keine Tabus mehr. Maggie Gyllenhaal belehrt uns in ihrem Regiedebüt eines besseren. Worum es in der Romanverfilmung Frau im Dunkeln – im Original The Lost Daughter – eigentlich geht, bleibt tatsächlich lange im Dunkeln. Gyllenhaal fesselt uns aber von der ersten Minute an. Dank zweier grandioser Hauptdarstellerinnen und einem wunderbaren Team hinter der Kamera.

    Darum geht es

    Die Literaturwissenschaftlerin Leda (Olivia Coleman) verbringt alleine einen Arbeitsurlaub in Griechenland. Sie genießt es, dass sie von ihrem älteren Vermieter Lyle (Ed Harris) und auch vom jüngeren Will (Paul Mescal), der in der Strandbar arbeitet, begehrt wird. Die Ruhe am Strand wird bald von einer griechisch-amerikanischen Großfamilie gestört. Nina (Dakota Johnson), eine junge Mutter, scheint Leda an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern. Die ersten Begegnungen verlaufen nicht spannungsfrei. Leda fühlt sich gestört. Dann wird am Strand plötzlich Ninas kleine Tochter Elena vermisst.

    In Rückblenden erfahren wir nach und nach, was sich hinter der immer wieder seltsam agierenden Leda verbirgt. In jungen Jahren (in den Rückblenden gespielt von Jessie Buckley) traf sie eine schockierende Entscheidung, für die man als Außenstehender im ersten Moment nur wenig Verständnis aufbringen kann.

    Jessie Buckley spielt die junge Leda Caruso

    Kommentar

    Die allererste Szene deutet an, dass uns in den kommenden zwei Stunden einiges erwarten wird. Die darauffolgende Sequenz bricht sofort mit der gerade provozierten Erwartungshaltung. Leda fährt voller Urlaubsstimmung zur wunderbaren Musik von Dickon Hinchliffe die Küste entlang. Sie bezieht ein schönes Appartement und genießt die Ruhe am Strand. Maggie Gyllenhaal lässt uns sehr lange zappeln. Manche Handlungen Ledas machen uns misstrauisch. Was hat sie zu verheimlichen?

    Frau im Dunkeln baut eine Spannung auf, obwohl lange vordergründig nicht viel passieren mag. Obwohl der Rahmen der Handlung vertraut zu sein scheint, wird über Ledas Beobachtungen aus der Entfernung und ihre Blicke ein beklemmendes Gefühl in uns hervorgerufen. Es ist klar, dass uns hier etwas verborgen bleibt. Bis Rückblenden einsetzen. Wir sehen Leda, die sehr jung zweifacher Mutter geworden ist. Erfüllung geben ihr aber nicht ihre zwei Töchter, sondern ihre Arbeit. Mehr sei hier zum Inhalt nicht verraten. Außerdem: Es ist Leda, die sich erinnert. Können wir ihr überhaupt trauen?

    Was uns Gyllenhaal nach der Kurzgeschichte von Elena Ferrante auftischt, ist reich an Metaphern und feinen Zwischentönen aber auch Irritationen. Leda ist ein komplexer Charakter, wie ihn wohl nur wenige Schauspielerinnen so nuanciert spielen können wie derzeit Olivia Coleman, deren Stärke in kleinen Gesten liegt. Dabei muss man ihr jüngeres Ich Jessie Buckley in einem Atemzug nennen. Buckley ist so gesehen die große Überraschung des Films.

    Die Geschichte kann eine erschütternde und schmerzhafte Erfahrung sein. Gyllenhaal erklärt nicht, was Leda antreibt. Vieles bleibt ungewiss. Genau das regt uns aber zum Nachdenken an. Frau im Dunkeln ist ein psychologischer Thriller. Mysteriös und aufreibend. Ein Film des Jahres und ein Triumph für Maggie Gyllenhaal..

    Frau im Dunkeln (OT: The Lost Daughter)
    Drama, USA 2021

    Regie Maggie Gyllenhaal
    Drehbuch Maggie Gyllenhaal
    Kamera Hélène Louvart
    Schnitt Alfonso Gonçalves
    Musik Dickon Hinchliffe
    Mit Olivia Coleman, Jessie Buckley, Dakota Johnson, Ed Harris
    Länge 121 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • THE LAST DUEL ★★★ ½

    THE LAST DUEL ★★★ ½

    Im Abo

    Ridley Scott, gerade 84 Jahre alt geworden, empörte sich unlängst darüber, dass junge Menschen nicht in Massen die Kinos stürmten, um in seinem neuen Film einhundertdreiundfünfzig Minuten lang dabei zuzusehen, wie Männer in lustigen Kostümen durch die schöne Landschaft Frankreichs reiten. Um Missverständnisse auszuräumen: The Last Duel ist einer der wichtigsten Filme des Jahres. Ob es allerdings zielführend ist, ein und die selbe historische Geschichte aus drei Perspektiven in epischem Ausmaß und nur in leichten Nuancen variierend zu erzählen, wenn man mit seiner Botschaft ein breiteres Publikum erreichen möchte, sei dahingestellt. Laut der Definition von Scott zählt übrigens auch der Autor dieser Zeilen (gerade noch) zur „Handy-Generation“, deren Aufmerksamkeitsspanne nicht über eine Ampelphase hinausgeht. Es stimmt schon: junge Erwachsene sind das treueste Kinopublikum und ob das Kino wieder zur alten Form zurückfinden wird, ist mehr als ungewiss. Selbst der Film, um den es hier geht, war bereits wenige Wochen nach dem Kinostart bei Disney+ verfügbar.

    Darum geht es

    Die beiden Freunde Jean de Carrouges und Jacques Le Gris kehren gerade von einer Schlacht zurück. Während Jacques in höheren Kreisen verkehrt und mit Pierre, dem Cousin von König Charles VI, befreundet ist, wird Jean eher belächelt. Nicht zuletzt, weil er finanzielle Probleme hat. Um seine Lage zu verbessern, ehelicht er Marguerite de Thibouville. Ein Stück Land, dass Jean durch die Heirat versprochen wurde, vergibt Pierre jedoch an Jacques. Es kommt zum Zerwürfnis zwischen den beiden Männern.

    Der 100-jährige Krieg flammt immer wieder auf und Jean, zwischenzeitlich zum Ritter geschlagen, zieht von Schlacht zu Schlacht. Seine Frau läßt er bei seiner Mutter zurück. Als selbst diese einmal vereist, bekommt Marguerite unerwarteten Besuch von Jacques. Der überwältigt Marguerite und vergewaltigt sie. Um die Ehre seiner Frau und vor allem seine eigene wiederherzustellen geht Jean vor Gericht. Allerdings ist der König das Gesetz und einzig Gott entscheidet über die Wahrheit. Keine gute Ausgangssituation für den Außenseiter und seine Frau.

    Der Film ist in in drei Kapiteln unterteilt. The Last Duel erzählt die Geschichte aus den Perspektiven von Jean de Carrouges, Jacques Le Gris und Marguerite de Carrouges.

    Adam Driver as Jacques LeGris and Matt Damon as Jean de Carrouges in 20th Century Studios‘ THE LAST DUEL. Photo by Patrick Redmond. © 2021 20th Century Studios. All Rights Reserved.

    Kommentar

    Wenn Männer in Rüstungen durch die Landschaft und Ruinen reiten hat das immer auch etwas Lächerliches. Dort wo sonst Touristen alte Mauern besichtigen, stolzieren nun Ritter mit ernster Miene begleitet von pseudomittelalterlicher Musik. Mir kommt vor, dieser Effekt stellt sich immer dann ein, wenn versucht wird, möglichst authentisch zu sein. Mittelalterlicher Jahrmarkt mit 100 Millionen Budget sozusagen. Auch Ridley Scott verzichtet darauf, wenigstens auf der musikalischen Eben modernere Akzente zu setzen.

    Im Grunde spielt es auch keine Rolle, in welcher Zeit diese Geschichte spielt. Wenn sich Marguerite (großartig: Jodie Comer) im finalen Akt vor dem König rechtfertigen muss und ihre Glaubwürdigkeit als Opfer in Frage gestellt wird, erinnert das frappant an die Gegenwart. Die Scheinwerfer sind stets auf die Opfer gerichtet, die mit ihrer Entscheidung an die Öffentlichkeit zu gehen in Kauf nehmen, an den medialen Pranger gestellt zu werden. Die Täter bleiben dabei mehr im Hintergrund, stilisieren sich selbst zu Opfern oder ziehen die Situation ins Lächerliche.

    Für Marguerite (und ihren Ehemann) steht allerdings mehr auf dem Spiel. Beider Schicksal liegt in den Händen von Charles VI (er ist als der wahnsinnige König in die Geschichte eingegangen) oder in jener Gottes. Eine Frau, die einen mutmaßlichen Ehrenmann beschuldigt, passt nicht in das Gesellschaftsbild jener Zeit.

    Das dem Film zugrundeliegende Duell fand am 29. Dezember 1386 statt. Sowohl von der Verhandlung als auch vom Duell sind umfangreiche Aufzeichnungen überliefert. Scott orientiert sich nach dem Buch The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medial France von Eric Jager, in dem Le Gris als Schuldiger hervorgeht. Die Schuldfrage konnte aber nie abschließend vor einem Gericht geklärt werden, was letzten Endes der Grund für das Duell gewesen ist. Die Entscheidung über Recht und Unrecht wurde Gott überlassen. Ridley Scott hat das Finale in gewohnter Wucht und mit maximaler Brutalität inszeniert.

    Leider bleibt der Film trotz starker DarstellerInnen und einem in Erinnerung bleibenden finalen Akt hinter seinem Potential zurück, was nicht zuletzt der Dreiteilung der Geschichte und der damit einhergehenden Länge geschuldet ist.

    Das Duell zwischen de Carrouges und Le Gris war das letzte Duell, dass in Frankreich von Parlament und König genehmigt wurde.

    THE LAST DUEL
    Drama, UK/USA 2021

    Regie Ridley Scott
    Drehbuch Nicole Holofcener, Matt Damon, Ben Affleck
    Kamera Dariusz Wolsky
    Schnitt Claire Simpson
    Musik Harry Gregson-Willliams
    Mit Jodie Comer, Matt Damon, Adam Driver, Ben Affleck
    Länge 153 Min.
    Streamingplattform
    Disney+


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  • WEST SIDE STORY (2021) ★★★★ ½

    WEST SIDE STORY (2021) ★★★★ ½

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    Einer der größten Regisseure unsere Zeit erfüllt sich einen lange gehegten Traum. Steven Spielberg inszeniert nach 60 Jahren einen der ganz großen Hollywoodklassiker neu. Wie so viele andere hat ihn die Geschichte von Kind auf geprägt und nicht mehr losgelassen. Die erste Verfilmung von West Side Story von Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961 erhielt 10 Oscars. Große Fußstapfen also. Bei Spielberg muss man sich aber keine großen Sorgen machen, dass er sie ausfüllt. Drehbuchautor Tony Kushner hat das Musical fit für das 21. Jahrhundert gemacht.

    Darum geht es

    In den 1950er Jahren entwickelte der Choreograf Jerome Robbins in Anlehnung an Shakespeares Romeo und Julia eine Geschichte zweier rivalisierender Banden in New York City. Die Jets sind weiße Amerikaner und die Sharks eine Gruppe von Einwanderern aus Puerto Rico. Die Musik stammt von Leonard Bernstein und die Liedtexte von Stephen Sondheim. Dabei verschmelzen territoriale Auseinandersetzungen mit ethnischen Konflikten. Tony von den Sharks verliebt sich in Maria, dessen Bruder Bernardo der Anführer der Sharks ist. Es ist eine Liebe, die von niemandem geduldet wird und wenige Tage später zu einen folgenschweren Kampf der zwei Banden führt. Schauplatz ist die Upper West Side in New York City, wo zu dieser Zeit ein ganzer Stadtteil abgerissen wird, an dessen Stelle das Lincoln Center errichtet werden soll. Dies führt zusätzlich zu sozialen Spannungen.

    Tonight. Maria und Tony auf der Feuerleiter.

    Kommentar

    Es scheint das Jahr der Musicals zu werden. Cyrano, In the Heights, Tick, Tick…Boom, Annette und West Side Story. Wie der Western taucht auch das Musical alle paar Jahre aus der Versenkung auf. Mitunter durchaus erfolgreich. Vor allem bei Preisverleihungen räumen Musicals ordentlich ab, da sie naturgemäß zusätzlich in den Kategorien Musik und Ton stark sind. Bei Steven Spielberg hört man sogar das Surren der Neonreklamen. Zuerst aber ist da das schon aus der ersten Verfilmung bekannte Schnippen zu hören. Der Flug über den Stadtteil in der Eingangssequenz, in dem die Geschichte spielt, gibt auch schon einen anderen Ton vor. Häuser werden abgerissen. Ein neuer Stadtteil soll hier entstehen. Konflikte sind vorprogrammiert.

    Hier leben sozial Benachteilige. Weiße Jugendliche, deren Eltern es nicht geschafft haben, sich woanders ein besseres Leben aufzubauen und Einwanderer, die sich die Realität in den USA auch anders vorgestellt haben. So unterschiedlich ist ihre Situation nicht, wie Lieutenant Schrank einmal richtig bemerkt (Grundsätzlich ist aber ein kritischer Blick auf die Polizei ein weiteres Merkmal des Stücks). Bereits Leonard Bernstein ging es um ethnische Konflikte aber im Vordergrund standen mehr territoriale Streitereien zwischen zwei Jugendbanden. Spielberg und Drehbuchautor Tony Kushner legen den Fokus nun mehr auf den Migrationskonflikt. Das macht West Side Story nicht nur zeitgemäßer sondern auch ruppiger. Sogar Transgender bekommt fast beiläufig seinen Platz. Anybody, gespielt von der nichtbinären Iris Menas, hat Schwierigkeiten, bei den Jets aufgenommen wozu werden, die sich mit allem schwer tun, was ihnen fremd ist und was sie nicht kennen.

    Die Bilder, die in den schönsten Farben erstrahlen und die Sonne im Gegenlicht blinzeln lassen, sind betörend schön. Jede Mülltonne ist hier platziert und Wäsche die über eine Leine gezogen wird, übernimmt schon einmal den Filmschnitt. Es ist eine technische Glanzleistung, das New York der 1050er Jahre derart realitätsnah wiederauferstehen zu lassen. West Side Story wirkt manchmal wie ein tatsächlich vor gut einem halben Jahrhundert gedrehter Film, allerdings immer mit der heutigen technischen Finesse (Da die Dreharbeiten bei hohen Temperaturen stattfanden, mussten gar nachträglich Schweißtropfen in den Gesichtern entfernt werden). Ein nicht unwesentlicher Teil der Dialoge ist auf spanisch – allerdings ohne Untertitel. Es spielt keine Rolle, wenn wir nicht jedes Wort versehen, Spielberg hat den Film fest im Griff. Emotionen und Gesten zeigen uns alles, was wir wissen müssen.

    Rita Moreno bekam 1962 einen Oscar für ihre Rolle der Anita. Nun schrieb Tony Kushner für die Neuverfilmung eigens eine Rolle für sie. Sie spielt Valentina, die Witwe von Doc, dem ehemaligen Besitzer des Drogeriemarktes Doc’s aus der ersten Verfilmung. Nun ist sie die gute Seele der Geschichte. Eine sehr nette Idee. Etwas in der Kritik steht das Casting des Protagonistenpaares. Rachel Zegler als Maria ist die Entdeckung des Jahres. Spielberg entschied sich bereits am ersten Tag des Castings für sie, damals war sie 17. Ihr Partner Ansel Elgort (Baby Driver) ist um 7 Jahre älter. Dass Frauen unverhältnismäßig jung gecastet werden und ältere Filmpartner bekommen, ist ein grundsätzliches Problem in der Branche.

    West Side Story ist ein sowohl technisch, als auch erzählerisch ein Meisterwerk. Die Tanzszenen sind, wie schon in der alten Fassung, fulminant. Die sanfte Modernisierung hat der Geschichte gut getan und macht sie zeitgemäßer. Was wäre wohl gewesen, wenn man die Geschichte gleich in die Gegenwart transferiert hätte? Es wäre jedenfalls schade auf die schöne New Yorker Kulisse der 1950er Jahre verzichten zu müssen.

    West Side Story
    Musical, USA 2021

    Regie Steven Spielberg
    Drehbuch Tony Kushner
    Kamera Janusz Kamińsky
    Schnitt Sarah Broshar, Michael Kahn
    Musik Leonard Bernstein, David Newman
    Länge 157 Min.
    Mit Ansel Elgort, Rachel Zegler, Ariana DeBose, David Alvarez, Mike Faist, Rita Moreno


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  • TITANE ★★★★

    TITANE ★★★★

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    zum Leihen

    Der zweite Film der französischen Autorenfilmerin Julia Ducournau (Raw) präsentiert sich so kompromisslos wie ein Auto, das ungebremst auf einen Baum zurast. Geschichten, wie jene die Titane erzählt, erfreuen sich nur selten einer breiteren Aufmerksamkeit. Bodyhorror in Kombination mit Genderfragen und Science-Fiction ist, keine Frage, speziell. Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt Julia Ducournau mit der Goldenen Palme eine der höchsten Auszeichnungen, die die Filmwelt zu vergeben hat. Die unkonventionellste Regieentscheidung seit gut einem Jahrzehnt. Ein außergewöhnlicher Film für außergewöhnliche Zeiten.

    Darum geht es

    Als kleines Mädchen erhält Alexia (Agathe Rousselle) nach einem schweren Autounfall ein Titanpräparat in den Kopf gesetzt. Fortan fühlt sie sich zu Autos körperlich hingezogen. Als Erwachsene verdient sie ihr Geld als Tänzerin auf Autoshows. Und sie ermordet Menschen auf brutalste Weise. Sie hat Sex mit einem Lowrider Showauto und wird davon schwanger. Auf der Flucht vor der Polizei nimmt sie die Identität eines vor langer Zeit verschollenen Buben an. Dessen Vater Vincent (Vincent Lindon), ein Feuerwehrhauptmann, nimmt sie bei sich auf, ohne groß Fragen zu stellen.

    Die Haarnadel von Alexia bekommt eine tragende Rolle.

    Kommentar

    Alexia ist auf der Suche. Befriedigung findet sie weder in Beziehungen zu Männern, noch zu Frauen. Sie arbeitet sich an ihrem eigenen Körper ab. Das ist schmerzhaft. Selbst beim Zuschauen. Die Phase der Schwangerschaft, in der die Frau die Kontrolle über ihren eigenen Körper zu verlieren scheint, wird bei Julia Ducournau noch einmal intensiviert. Gewalt nicht nur beim morden, sondern auch am eigenen Leib.

    Genauso auf der Suche ist Vincent. Als nach mehr als einem Jahrzehnt scheinbar eine Möglichkeit besteht, seinen Sohn zurückzubekommen, verschließt er die Augen vor jeglicher Unsicherheit. Zusammen geben die beiden eines der ungewöhnlichsten Paare der Filmgeschichte ab. Eine Vater-Sohn/Tochter Beziehung.

    Es ist ein genialer Einfall der Regisseurin, den zweiten Teil des Filmes in einem zutiefst männlichen Umfeld anzusiedeln. Vincent und seine Truppe von hormongetriebenen Feuerwehrmännern sind eine gute Tarnung für Alexia. Gleichzeitig provoziert Ducournau auch hier Geschlechterfragen.

    Man kann in Titane nach Lust und Laune in Metaebenen abtauchen oder sich von den Bildern von Rubens Impens und dem Soundtrack verführen lassen. Wie zum Beispiel in der Sequenz auf der Automesse gleich zu Beginn, in der sich Alexia zur Musik von Doing It To Death von The Kills auf einem Boliden räckelt und aus der das großartige Titelbild entstammt.

    In Cannes wird der Hauptpreis nicht selten nach sozialkritischen Gesichtspunkten vergeben. So ist die heurige Juryentscheidung unter dem Vorsitz von Spike Lee nur auf den ersten Blick ungewöhnlich. Titane fügt sich wunderbar in die Reihe ruhmreicher Vorgänger wie Shoplifters und Parasite ein. Mit dem Unterschied, dass es hier ein Vertreter eines sonst eher im Abseits stehendes Subgenres ganz nach oben geschafft hat. Ein Beispiel dafür, was im Kino alles möglich ist.

    Titane
    Drama, F/BE 2021

    Regie Julia Ducournau
    Drehbuch Julia Ducournau
    Kamera Ruben Impens
    Schnitt Jean-Christophe Bouzy
    Musik Jim Williams
    Mit Agathe Rousselle, Vincent Lindon
    Länge 108 Min


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  • THE POWER OF THE DOG ★★★★½

    THE POWER OF THE DOG ★★★★½

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    Im Abo

    Nach Aufführungen bei der diesjährigen Viennale sind wir vorerst um einen, wenn auch zeitlich stark eingeschränkten, Kinostart umgefallen. Daher kommt The Power of the Dog, das neue Meisterwerk von Jane Campion nun alleine via Netflix weltweit seit 1. Dezember 2021 fast frei Haus. Darin brilliert Benedict Cumberbatch als Cowboy im Montana der 1920er Jahre, unterstützt von einem starken Ensemble. Diese Romanverfilmung ist aber mehr Psychogramm als klassischer Western, das Schicht für Schicht seine Figuren dekonstruiert. Lasset es Oscars regnen.

    Darum geht es

    Das Leben der Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George (Jesse Plemons) wird gehörig durcheinander gebracht, als George die Restaurantbesitzerin Rose (Kisten Dunst) kennen und lieben lernt. Phil ist wenig begeistert und spottet über ihren Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) und mobbt ihn regelrecht aus dem gemeinsamen Haushalt.

    Für Rose wird die ablehnende Haltung Phils und die allgemein giftige Atmosphäre immer mehr zur Belastung. Während George darüber hinwegzusehen versucht, scheint Peter längst einen folgenschweren Plan verfasst zu haben.

    Eine ungewöhnliche Annäherung (Benedict Cumberbatch, Kodi Smit-McPhee)

    Kommentar

    Gäbe es den Ausdruck subtil nicht, man müsste ihn für Jane Campions neuen Film erfinden. So sehr sich in der Nachbetrachtung von The Power of the Dog alles fein zusammenfügt, so schwer zu durchschauen sind die Vorgänge im ersten Moment. Es ist die letzte Einstellung, die allerletzten Sekunden, die bei vielen Klarheit schafft und andere gleichzeitig zum Grübeln bringt. Es ist schon eine Weile her, dass ein Film derart zu Diskussionen eingeladen hat. Wobei, zu diskutieren gibt es dann gar nicht so viel, so schlüssig ist die Erzählung, bis in die kleinsten Details. Es ist nur große Aufmerksamkeit gefragt und dass ist bei einem Film, der über zwei Stunden gemächlich vor sich hin fließt, nicht so einfach!

    Die große Überraschung ist zuallererst einmal Benedict Cumberbatch. Nicht, dass uns entgangen wäre, was für ein großer Schauspieler er ist. Es ist viel mehr die außergewöhnliche Rollenwahl. Phil, der wie die anderen ProtagonistInnen gesellschaftlich höher gestellt ist, verbringt seine Zeit lieber auf dem Rücken seines Pferdes, als beim Smalltalk in feiner Gesellschaft. Auf uns wirkt er wie ein Sonderling: unfreundlich, miesepetrig und distanziert. Wie sooft prallen in Western der jüngeren Vergangenheit (siehe auch Neues aus der Welt, ebenfalls Netlfix) Welten aufeinander, die sich in der Psychologie ihrer Helden manifestieren. Sie sind Sinnbild für sich verändernde Zeiten. Nicht die weite Landschaft und Konflikte im Großen stehen im Vordergrund, sondern das Innerste der Protagonisten wird nach und nach nach außen gekehrt. Phil braucht seinen Bruder George, mit dem er sich in ihrem großen Haus ein Zimmer teilt und diese Beziehung ist in großer Gefahr. Cumberbatch steuert womöglich mit großen Schritten auf einen neuerlichen Karrierehöhepunkt zu.

    Ihm zu Seite steht Kodi Smit-McPhee (der Junge aus The Road, 2009) als Peter. Er ist der Eindringling. Nicht nur Rose bekommt die Abscheu von Phil zu spüren, sondern auch ihr Sohn. Mit Peter scheint Phil leichtes Spiel zu haben. Der Junge wirkt fragil und ist ebenso ein Außenseiter. Doch dann kommt alles anders und es ist nur einer der Hacken, die die Handlung schlägt. Die von Verzweiflung und Angst geplagte Kirsten Dunst und ein gutmütiger aber hilfloser Jesse Plemons komplettieren dass Ensemble und manchen aus The Power of the Dog eine schauspielerisch intensive Erfahrung.

    Jonny Greenwood legt hier neben Spencer in diesem Jahr ein zweites Mal einen wunderbaren Soundtrack vor, der so gar nicht den Hörgewohnheiten entspricht und sie in voller Schönheit gegen den Strich bürstet. In Jane Campions erstem Spielfilm seit über 10 Jahren kann der blaue Himmel noch so strahlen, insgeheim sind längst dunkle Wolken aufgezogen und wir warten angespannt drauf, dass der Blitz einschlägt. Er wird einschlagen, aber er wird uns von hinten überraschen. 1994 musste sich Campion bei den Oscars mit Das Piano (1993) gegen Schindlers Liste (1993) geschlagen geben. Zumindest eine neuerliche Nominierung als Beste Regisseurin scheint gesichert. Wenn sich noch die Möglichkeit bieten sollte, The Power of the Dog auf einer großen Leinwand zu sehen, sollten man sie wahrnehmen.

    The Power of the Dog
    Drama, USA 2021

    Regie Jane Campion
    Drehbuch Jane Campion
    Kamera Ari Wenger
    Schnitt Peter Sciberras
    Musik Jonny Greenwood
    Mit Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Kodi Smit-McPhee
    Länge 128 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • THE FATHER ★★★★½

    THE FATHER ★★★★½

    Jetzt im Kino

    Einmal mehr entpuppte sich das Sundance Film Festival im vergangenen so anderen Filmjahr 2020 mit The Father als ein Ort der hochqualitativen Kinounterhaltung. Das Regiedebüt des Autors Florian Zeller zeigt die beiden herausragenden Darsteller Anthony Hopkins und Olivia Coleman in einem herzzerreißenden Kammerspiel. Der Film führt uns in ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen zu scheinen gibt. Zumindest nicht für den von Hopkins gespielten schwer demenzkranken Protagonisten. Großes Kino.. Das Drama war 2021 gleich 6-fach mit einem Oscar nominiert. Zeller wurde gemeinsam mit Christopher Hampton für das Drehbuch ausgezeichnet. Anthony Hopkins wurde daheim spät Nachts mit seinem nach 1992 zweiten Oscar als Hauptdarsteller überrascht.

    Darum geht es

    Anthony (Anthony Hopkins) lebt bei seiner Tochter Anne (Olivia Coleman) in einer Londoner Wohnung. Sie plant die Stadt zu verlassen. Er ist gezeichnet von einer Demenzkrankheit und so sucht die Tochter für ihren Vater eine Betreuung. Gerade erst hat eine Pflegerin die Flucht ergriffen. Der Umgang mit Anthony ist für alle eine Herausforderung. Nicht zuletzt ist es auch für ihn selbst eine enorme Belastung, da er die Kontrolle über sein eigenes Leben längst verloren hat.

    Anthony zeigt sich gegenüber seiner neuen Betreuerin von seiner besten Seite.

    Kommentar

    The Father basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück des französischen Autors Florian Zeller. Seit dessen Uraufführung im Jahr 2012 feiert das Stück weltweit Erfolge und wurde 2015 bereits von Philippe Le Guay einmal unter dem Titel Floride mit Jean Rocheford (es war sein letzter Auftritt vor seinem Tod 2017) und Sandrine Kiberlain in den Hauptrollen verfilmt.

    Es mag viele Zugänge geben, wie man sich einer Krankheit wie der Demenz im Film annähert. Zuletzt bekam Julianne Moore im Jahr 2015 für ihre Darstellung einer Demenzkranken in Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (2014) den Oscar für die Beste Hauptrolle. Zeller (Drehbuch mit Christopher Hampton) wählt einen völlig anderen Zugang. The Father hat seinen geistigen Verwandten wohl eher in Michael Hanekes ebenfalls Oscar-prämierten Film Liebe (2012) über das Altern mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva.

    Zeller zieht alle Register, die das Medium Film in den Bereichen Schnitt und Setdesign zu bieten hat, um uns schon nach wenigen Minuten in die Irre zu führen. Für einen Moment glaubt man sich in einem klaustrophobischen Horrorfilm verlaufen zu haben. Die Wandfarbe, die Bilder und die Kücheneinrichtung schaffen Verunsicherung. Die Londoner Wohnung, in der der Film fast ausschließlich spielt, scheint ein Eigenleben zu haben. Und erst die Menschen darin! Hier ist große Aufmerksamkeit gefragt.

    Anthony ist unser Bezugspunkt und wir sehen die Dinge mit seinen Augen. Wir befinden uns in seiner Wohnung und wenn seltsames passiert, zweifeln wir nicht an dem, was wir sehen. Das ist Zellers großer Clou. Ohne dass wir es bemerkt haben, befinden wir uns in Anthonys Kopf. Zeit und Raum folgen hier anderen Gesetzen. Unzählige Male sucht Anthony seine Armbanduhr. Solange er sie trägt, gibt ihm die Zeit einen, wenn nicht den einzigen Orientierungspunkt. Gemeinsam mit ihm werden wir immer hilfloser. Gerade als wir glauben uns auszukennen, schlägt der Film einen neuen Haken.

    Die ganze Kraft schöpft der Film aus Anthony Hopkins‘ und Olivia Colemans grandiosen schauspielerischen Leistungen. Auf eine unterschiedliche Art und Weise sind beide von Verzweiflung gezeichnet. Anne, weil sie mit ihrem Vater nicht mehr fertig wird und Anthony, da ihm seine Krankheit gar nicht bewusst ist und er sich vieles einfach nicht mehr erklären kann. Der Schluss ist so niederschmetternd, wie das Leben nur sein kann. In gewisser Weise beschreibt es den Kreislauf eines Menschenlebens. Hilflos werden wir in die Welt geboren und hilflos sind wir, wenn uns Alter und Krankheit einholen.

    The Father

    Drama, UK 2020
    Regie
     Florian Zeller
    Drehbuch Christopher Hampton, Florian Zeller (Nach dem eigenen Bühnenstück)
    Kamera Ben Smithard
    Schnitt Yorgos Lamprinos
    Musik Ludovico Einaudi
    Mit Anthony Hopkins, Olivia Coleman,
    Länge 98 Min.


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  • PROMISING YOUNG WOMAN ★★★★½

    PROMISING YOUNG WOMAN ★★★★½

    Einer der ungewöhnlichsten und spannendsten Filme des vergangenen Jahres ist das Debüt der Regisseurin Emerald Fennell. Promising Young Woman nimmt sich der #MeToo Bewegung an und geht dabei in die Offensive. Es ist ein radikaler und bunter Thriller und geht somit einen völlig anderen Weg als wir ihn zuletzt in The Assistant gesehen haben. In der Hauptrolle ist die großartige Carey Mulligan zu sehen. Fennells Drehbuch wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

    Darum geht es

    Cassie (Carey Mulligan) ist eine Eigenbrötlerin. Sie ist Ende 20, arbeitet in einem Coffeeshop und wohnt noch bei ihren Eltern. Abends frönt sie einem höchst seltsamen Hobby: Sie stellt sich betrunken und läßt sich in Bars von Männern abschleppen. Die nutzen die Situation zuverlässig aus und werden übergriffig. Bis Cassie den Spieß umdreht und die Männer geschockt zurückbleiben. Nach und nach erfahren wir, dass ihr Verhalten mit einer früheren Studienkollegin und besten Freundin Nina zusammenhängt, der Furchtbares zugestoßen ist. Cassie begrub ihren Traum vom Medizinstudium und gab alles auf um sich fortan auf einen Rachefeldzug zu begeben. Als sie ihren alten Studienkollegen Ryan (Bo Burnham) wieder trifft und sich die Beiden näher kommen, scheint sich das Blatt für Cassie zum Guten zu wenden. Doch dann wird sie selbst von der Vergangenheit eingeholt und schmiedet einen fatalen Plan.

    Cassie (Carey Mulligan) ist fest entschlossen, alles zu geben um ihre Freundin zu rächen.

    Kommentar

    Es ist Carey Mulligans große Stunde. Cassie ist einer der spannendsten Charaktere der jüngsten Filmgeschichte. Es ist eine Freude, Mulligan dabei zuzusehen, wie sich uns und den Männern im Film immer mehr offenbart und nach und nach in ihr Innerstes Blicken lässt. Am Anfang ist hier nichts wie es scheint und im Laufe der Handlung wird das Publikum mehrmals an der Nase herumgeführt.

    Es ist ziemlich genau in der Mitte des Filmes, als die Grundstimmung kurz umschlägt und Cassie Momente des Glücks beschert. Man ist aber misstrauisch und glaubt zu wissen, dass das Unvermeidliche passieren muss. Doch Emerald Fennell ist uns immer einen Schritt voraus und das macht Promising Young Woman so spannend und unterhaltsam. Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass die Protagonistin schwer traumatisiert ist. Cassies Psyche spiegelt sich in der Tonalität des Filmes wieder. Mal unterhaltsam und im nächsten Moment tot ernst.

    Der Film trifft den Nerv der Zeit. In der ersten Einstellung sieht man Männer in einem Nachtclub tanzen, die Kamera bleibt auf Hüfthöhe. Dort und da als männerfeindlich kritisiert, ist das aber nur eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise. Vielmehr hält Fennell der männlichen Gesellschaft den Spiegel vor. Das kann unangenehm sein. Die Kontroverse gipfelte in einer Kritik von Variety. In dem der Kritiker fand, dass Mulligan für die Rolle nicht verführerisch genug sei, zog er nicht zuletzt den Unmut von Mulligan selbst auf sich. Margot Robbie, sie ist Co-Produzentin, wäre die bessere Wahl gewesen, meinte der Journalist. Das Branchenblatt versah die Kritik im Nachhinein mit einem entschuldigenden Vermerk. Die an sich positive aber sonst unrühmliche Kritik von Dennis Harvey ist hier nachzulesen.

    Promising Young Woman ist Pop. Schrill, bunt und mit einem wunderbaren Soundtrack (Am Ende mit einer tollen Coverversion von Britney Spears‘ Toxic). Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt, ein unterhaltsames Filmvergnügen mit ernstem Hintergrund.


    Promising Young Woman [usr 4,5]

    Drama, USA 2020
    Regie
     Emerald Fennell
    Kamera Benjamin Kracun
    Schnitt Frédérick Thoraval
    Musik Anthony B. Willis
    Mit Carey Mulligan, Bo Burnham,
    Länge 113 Min.


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  • NOMADLAND ★★★★½

    NOMADLAND ★★★★½

    Jetzt nur im Kino

    Es kommt immer wieder vor, dass am Ende einer mit der Oscar-Verleihung endenden Filmsaison (Sie wurde in diesem Jahr auf den 25. April verschoben), ein Film hervorsticht, auf den sich so gut wie alle einigen können. In diesem Jahr sieht es ganz so aus, als wäre es Nomadland von Chloé Zhao. Mit der großartigen Frances McDormand in der Hauptrolle, trifft der Film fast prophetisch Mitten ins Herz einer Krise, in der immer mehr Menschen unter die Räder kommen und sich unter widrigen Bedingungen über Wasser halten müssen.

    Darum geht es

    Fern (Frances McDormand) hat alles verloren. Ihren Mann, ihre Arbeit, ihren Wohnort. Nach der Schliessung einer Fabrik, wird die Postleitzahl ihrer Heimatstadt Empire einfach ausgelöscht. Die Frau lebt nun in einem Van und verdingt sich als Tagelöhnerin. Das Jahr wird durch den Kreislauf diverser Jobs bestimmt. Vor Weihnachten macht sie Station bei Amazon. Sie ist nicht allein: es gibt eine ganze Gruppe von Menschen, die wie Nomaden leben, abgeschieden und ohne festen Wohnsitz. Im Laufe des Jahres kommt man da und dort zusammen, auch um der tristen Einsamkeit zu entgehen.

    Nomadland (2020)

    Kommentar

    Man muss sich vorstellen, dass Nomadland natürlich vor der derzeit vorherrschenden Pandemie entstanden ist. Inspiriert von dem 2017 erschienenen Buch Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century von Jessica Bruder und dem Antikapitalsten Bob Wells (im Film spielt er sich selbst) fanden die Dreharbeiten bereits im Jahr 2018 statt. Der Film wurde am 11. September 2020 bei den Filmfestspielen von Venedig und dem Toronto Filmfestival mit gleichzeitigen Filmvorführungen erstmals dem Publikum präsentiert. In Venedig wurde der Film mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

    Frances McDormand ist in der Rolle ihres Lebens zu sehen. Fern ist trotz aller Schicksalsschläge ein lebensfroher und großherziger Mensch. Die Leichtigkeit in McDormands Schauspiel ist beeindruckend. Neben David Strathairn als David spielen LaiendarstellerInnen, deren Rollen an ihr eigenes Leben angelehnt sind und sie lassen die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation verschwimmen. Das war bereits in Zhaos beeindruckenden letzten Film The Rider (USA 2017) so, in dem sich ein Rodeoreiter selbst spielte.

    Jeder der schon einmal in den USA war kennt sie, die im Dienstleistungssektor arbeitende Generation 60 plus. Eigentlich schon zu alt um noch zu arbeiten aber gleichzeitig zu arm um ihren Ruhestand genießen zu können. In den letzten Jahren hat sich eine eigene Gruppe von Menschen gebildet, die in Vans und Wohnwägen wie Nomaden durchs Land ziehen und deren Wege sich immer wieder kreuzen. Nicht zuletzt die Finanzkrise 2008 hat sie in diese Lage gebracht.

    Sie erleben ein Freiheitsgefühl und vielleicht ist es nur die Illusion von Unabhängigkeit aber diese Menschen sind nicht verarmt oder gar verwahrlost und haben sich sehr wohl für diese Lebensart entschieden. Gerade die Besitzlosigkeit empfinden sie als befreiend. Chloé Zhao gelingt die Gratwanderung Menschen zu zeigen, die ihre Freiheit lieben, ohne ihre prekäre Situation zu romantisieren. Denn gerade die medizinische Altersversorgung ist katastrophal.

    Im Grunde leben diese Nomaden ein für den Planeten verträglicheres Leben als wir alle, eng in Einklang mit der kalten, rauen und weiten Landschaft Nordamerikas. Zhao wirft einen längst notwenigen Blick auf die Auswüchse eines kapitalistischen Systems, in dem die Reichen immer reicher werden und andere sich keine Wohnung mehr leisten können. Die Regisseurin macht das ohne diese Menschen als Opfer zu brandmarken. Ihre Filme sind von einer triefen Humanität geprägt.

    Dieser Text wurde im Rahmen der Viennale 2020 verfasst.


    Bei der Oscar-Verleihung 2021 wurde Nomadland vier Mal ausgezeichnet:

    BESTER FILM für Molly Asher, Dan Janney, Frances McDormand, Peter Spears und Chloé Zhao

    BESTE REGIE für Chloé Zhao

    BESTE HAUPTDARSTELLERIN für Frances McDormand


    Nomadland

    Drama, USA 2020
    Regie, Drehbuch und Schnitt
    Chloé Zhao
    Kamera Joshua James Richards
    Musik Ludovico Einaudi
    Länge 108 Min
    Streamingplattform Derzeit in Österreich nicht verfügbar


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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