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  • COLD WAR – Breitengrad der Liebe ★★★★½

    COLD WAR – Breitengrad der Liebe ★★★★½

    In der polnischen Provinz soll der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) im Auftrag des Ministeriums ein folkloristisches Ensemble zusammenstellen. Zu diesem Zeck werden Tänzerinnen und Sängerinnen gecastet. Es ist das Jahr 1949. Für den Staat ist es eine identitätsstiftende Maßnahme, mit der die Landsleute in einer entbehrungsreichen Zeit bei Laune gehalten werden sollen.

    Als die junge Zula (Joanna Kulig) bei ihm vorsingt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Zula wird bald zum Mittelpunkt des tourenden Ensembles. Ein paar Jahre später, während eines Gastspiels in Berlin, planen sie die Flucht in den Westen. Doch es kommt alles anders. Die Handlung von Cold War spannt sich folglich über fast 20 Jahre, in denen sich Zula und Wiktor immer wieder begegnen. Fragmentarisch mit mehreren Unterbrüchen schildert Pawlikowski eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, über der der Schatten des Kalten Krieges schwebt und die von einer dritten Hauptdarstellerin regelrecht durchdrungen wird: der Musik. 

    Trotz der kurzen Spieldauer lässt sich Cold War lange Zeit, um die Geschichte zu entfalten. Der erste Teil ist geprägt von folkloristischer Musik, die zuerst die Geduld strapaziert aber dann soviel aussagt über die damalige polnische Lebenswelt. Für Pawlikowski ist die Musik ein Spiegel dessen, wo die Hauptdarsteller in ihrer Beziehung stehen. Das Volkslied Dwa serduszka, cztery oczy wird den gesamten Film über in den unterschiedlichhsten Versionen wiederkehren. Denn auf einmal, von einem Moment auf den anderen, tritt der Jazz an die Stelle der Folklore. Musik als politischer Barometer und Leitfaden durch eine Liebesgeschichte.

    Die Volkstanzgruppe Mazowsze (es gibt sie tatsächlich und sie ist bis heute aktiv) steht exemplarisch für eine politische Agenda. Pawlikowsi muss in seiner detailverliebten Inszenierung daher die politischen Rahmenbedingungen nicht weiter erklären. Sie werden durch die Musik und durch das Spannungsverhältnis zwischen Zula und Wiktor sichtbar.

    Fast hätte Pawlikowski Cold War in Farbe gedreht. Nun sind bei den diesjährigen Oscars gleich zwei fremdsprachige Filme in schwarzweiß in der Kategorie Beste Kamera nominiert: Alfonso Cuaron für Roma und  Łukasz Żal für Cold War. Während sich Cuaron für das schier unendlich weite Cinemascope entschied, filmte Żal im Academy Standard Filmformat, das in etwa dem alten 4:3 Fernsehbild entspricht. 

    In Cannes war Pawlikowsi schon erfolgreich und gewann den Regiepreis. Auch beim Europäischen Filmpreis war er der große Gewinner. Gleich zwei Nominierungen als Bester Ausländischer Film und als Überraschung auch für die Beste Regie bei den Oscars sind nun die Krönung für den bereits mit  Ida (2013) Oscar prämierten Regisseur.

    Paweł Pawlikowski | OT: Zimna wojna | POL/UK/F 2018 | 89 Min | [usr 4,5]

    Foto (c) Polyfilm Verleih

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  • GREEN BOOK – Eine besondere Freundschaft ★★★★½

    GREEN BOOK – Eine besondere Freundschaft ★★★★½

    Erinnert sich noch jemand an die Farrelly Brüder? Neben dem Hit There’s something about Mary (1998) beglückten sie uns mit Dumb and Dumber (1994) und Me, Myself & Irene (2000). Der letzte Film von Peter Farrelly (Movie 43, 2013) hält auf der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes aktuell bei 4%. Ja, der Höchstwert der Skala liegt tatsächlich bei 100%. Genau dieser Peter Farrelly gilt jetzt mit seinem neuen Film Green Book mit 5 Nominierungen als Oscar Anwärter (hat allerdings keine Nominierung als Regisseur erhalten). Das ist mindestens so unglaublich wie die wahre Geschichte selbst, um die es hier geht.

    Titelgebend ist das „Negro Motorist Green Book“. Ein Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der bis 1966 herausgegeben wurde und die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen ausweist, die auch schwarze Kunden akzeptieren. Er sollte das Reisen für Schwarze erleichtern. So auch für den Starpianisten Don Shirley (Mahershala Ali). 

    Don Shirley wohnt nicht nur über der Carnegie Hall, sondern füllt sie mit seinen Konzerten auch. Trotzdem plant er eine Tournee durch das gefährliche Gebiet der Südstaaten. Dafür sucht er einen Fahrer, der notfalls auch noch andere Fähigkeiten vorzuweisen hat. Tony Lip (Viggo Mortensen), eigentlich Vallelonga, der Mann fürs Grobe in einem Nachtclub, wird bei Shirley vorstellig und die erste Begegnung verläuft alles andere als vielversprechend. In ein afrikanisches Gewand gekleidet, besteigt Shirley einen Ton. Das ist etwas zu viel für Lip. Dazu soll er nicht nur Fahrer, sondern auch Butler sein. Da lehnt er dankend ab. 

    Der Film rückt Tony Lip (in späteren Jahren startete das reale Vorbild eine Karriere als Schauspieler) in den Mittelpunkt. Selbst einer Einwandererfamilie entstammend, hegt er Ressentiments gegenüber allem, was nicht weiß und amerikanisch ist. In seinem Inneren ein aufrichtiger Kerl. Die Esskultur hat er dermaßen verinnerlicht, dass dies zu einigen witzigen Momenten führt.

    Kein großer Spoiler: sie kommen doch zusammen und auf dem folgenden Roadtrip wird das zelebriert, was offensichtlich ist: hier prallen zwei Welten aufeinander. Sehr zum Gaudium des Publikums. Die Dialoge sind  sehr komisch. Der gebildete, sich gewählt ausdrückende Musiker und der der Arbeiterklasse entstammende italienisch-amerikanische Türsteher überwinden die anfängliche Abneigung und entwickeln gegenseitigen Respekt für einander. Auch weil sie erkennen, dass sie beide auf ihre Art und Weise am Rande der Gesellschaft zu stehen

    Das Duo sieht sich mit widerlichen Auswüchsen von Rassismus konfrontiert und der Film vollzieht eine Gratwanderung, wie schon viele vor ihm, die sich auf humoristische Weise einem todernsten Thema widmen. Es ist Ali und Mortensen zu verdanken, dass dies geglückt ist. Mortensen beherrscht die Leinwand von der ersten Szene an mit einer unglaublichen Präsenz. In Alis manieriertem Auftreten sitzt jede Geste, jedes Wort wird mit bedacht gesprochen. Schauspielerisch ist da nicht mehr viel Luft nach oben. Die beiden alleine rechtfertigen einen Kinobesuch.

    Green Book ist ein zugänglicher und gefälliger Film, was ihm auch Kritik eingebracht hat. Bekämpft der Film Stereotypen oder verstärkt er sie (Italoamerikaner mit schneller Faust)? Ist die Geschichte vom geläuterten weißen Mann noch zeitgemäß? Ein Feelgood-Movie? Ist der Film zu harmlos? Green Book ist eine Charakterstudie, keine Provokation sondern Unterhaltungskino. Auf menschlicher Ebene funktioniert der Film am Besten. Es ist kein Nachteil, die Geschichte einem großen Publikum zugänglich zu machen. Genau das schafft Peter Farrelly mit seinen zwei grandiosen Darstellern, indem er immer wieder Bestürzung auslöst und sie im nächsten Moment mit bitterem Witz auffängt. Man lacht im Kino ohnehin viel zu selten.

    Peter Farrelly | USA 2018 | OT: Green Book | 130 Min. | [usr 4]

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  • THE FAVOURITE – Intrigen und Irrsinn ★★★

    THE FAVOURITE – Intrigen und Irrsinn ★★★

    1708. England befindet sich im Krieg mit Frankreich. Allein die Queen weiß davon nichts und es interessiert sie auch nicht. Queen Anne (Olivia Coleman)  ist gesundheitlich angeschlagen und  lässt sich im Rollstuhl durch die langen Gänge des Palastes schieben. Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz) ist The Favourite der Königin und hat die Zügel fest in der Hand. 

    Derweilen hält sich die Königin mit Entenrennen und anderen absurden Aktivitäten auf. Neben Sarah liebt sie auch ihre 17 Hasen. Je einer für eins der allesamt verstorbenen Kinder. Das läst Raum für allerhand Intrigen und Irrsinn. Sarahs Konkurrent im Parlament ist Robert Harley (Nicholas Hoult). Das Volk möchte den Krieg nicht mit Steuererhöhungen finanzieren. Als Sarahs verarmte Cousine Abigail Hill (Emma Stone) am Hof eintrifft, ist der Zickenkrieg eröffnet. Abigail sieht die Chance, ihr Ansehen wiederherzustellen und umgarnt die Königin, währendessen Sarah mit den Staatsgeschäften beschäftigt ist. Das Schickal eines ganzen Landes in den Händen dieser drei Frauen.

    Yorogos Lanthimos neuester Film ist kein Kostümschinken, sondern aktueller als man vermuten mag. Intrigen und das Buhlen um die Macht sind zeitlos und vor allem: es ist hier eine Freude dabei zuzusehen. Somit ist The Favourite eine weitaus leichtere Kost als Lanthimos‘ bisherigen Filme. Allerdings fällt das Kinoerlebnis weniger intensiv aus als gewohnt. Seine Handschift ist aber klar erkennbar und ist skurril wie eh und je.

    Die Machart des Filmes erinnert an Barry Lyndon von Stanley Kubrick. Beide Regisseure filmten ausschliesslich mit natürlichem Licht. Die Opulenz konkurriert mit dem ungeschönten Blick. Extrem weitwinkelige Einstellungen lassen die Figuren verloren wirken. Die Kamera nimmt die Charaktere von unten auf und schießt gegen die Decke. 

    Bemerkenswert ist, neben dem formidablen Ensemble rund um Olivia Coleman (selbst Nicholas Hoult bleibt trotz kleiner Rolle im Gedächtnis), der ungewöhnliche Soundtrack. Von Händel und Vivaldi spannt sich die musikalische Reise über Elton John bis zu Chilli Gonzalez.

    Gut gespielt und zu Beginn durchaus unterhaltsam ist The Favourite aber es mangelt an Spannung und irgendwann verliert man das Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte. So werden es mit dem letzten Drittel doch zwei lange Stunden und man möchte, dass es endlich zu einem Ende kommt. 

    YORGOS LANTHIMOS | USA 2018 | OT: The Favourite | 120 Min | [usr 3]

    Foto (c) Fox

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  • SHOPLIFTERS ★★★★

    SHOPLIFTERS ★★★★

    Gleich vorweg: Shoplifters offenbart nach und nach ein Geheimnis. Es wurde viel zu viel über den Inhalt geschrieben, denn Regisseur und Drehbuchautor Hirokazu Kore-Eda gibt nur sehr langsam Preis, worin der Kern dieser berührenden Geschichte liegt. Nicht zuletzt davon lebt diese Erzählung von einer Familie am Rande der Gesellschaft, die auf engstem Raum in einer kleinen Hütte umringt von Hochhäusern ihr Dasein fristet und dabei eigentlich recht glücklich ist. Also Finger weg vom Trailer!

    Rasante soziokulturelle Transformationen machen auch vor japanischen Gesellschaft nicht halt. Betroffen davon ist nicht zuletzt das für uns ungewöhnliche Bild der Familie. Der Begriff ist in Japan sehr weit gefasst und meint viel mehr als die Kernfamilie und die Verwandtschaft. Hinzu kommen Traditionen, wie dass das Ehepaar bei den Eltern des Mannes wohnt und die immer noch strikte hierarchische Struktur. Der Druck ist enorm und führt zu allerhand Betrügereien. Da wird schon einmal dem Staat das Ableben der Großmutter verschwiegen um weiterhin deren Pension zu kassieren. Hirokazu hat dies neuerlich zum Anlass genommen um seinem Land den Spiegel vorzuhalten. Das ist in Japan nicht gerade wohlwollend aufgenommen worden, bietet uns aber die Möglichkeit für einen tiefen Einblick in eine völlig fremde Kultur. 

    Shibata Osamu (Lily Franky) und sein Sohn Shota (Kairi Jyo) geben beim Ladendiebstahl ein eingespieltes Duo ab. Auf dem Heimweg finden sie in einer kalten Winternacht das verwahrloste Mädchen Yuri (Miyu Sasaki) und nehmen es mit nach Hause. Es bleibt nicht bei einer wärmeren Suppe. Die Familie behält Yuri kurz entschlossen. Ihre Eltern scheinen sie nicht zu suchen. Unter einem Dach wohnen darüber hinaus noch Osamas Ehefrau Nobuyo (Sakura Andô), die Großmutter Hatsue (Kilin Kiki) und die Halbschwester Aki (Mayu Matsuoka). Das Glück währt solange, wie die Familie ihr Geheimnis bewahren kann. Erst durch den Tod der Großmutter kommen die Dinge ins Rollen.

    Die Familie Osamu lebt auf wenigen Quadratmetern und es gelingt Hirokazu und seinem Kameramann Ryûto Kondô diese Enge auf die Leinwand zu übertragen. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, kein Platz für Privatsphäre.

    Die Geschichte ist lebensbejahend, herzzerreißend und erschütternd zugleich. Hirokazu erzählt aber ohne Pathos mit einer Leichtigkeit die ihresgleichen sucht ohne groß auf die Tränendrüsen drücken zu müssen. Als Zuseher kommt einem immer wieder ins Bewusstsein, wie tragisch diese Geschichte eigentlich ist und in welchen prekären Verhältnissen die Familie lebt aber da man sieht, wie die Familie ihr Leben meistert, kommt weder auf noch vor der Leinwand große Verzweiflung auf.

    Shoplifters – Familienbande, so der deutsche Verleihtitel,  wurde bei den Filmfestspielen Cannes 2018 verdientermaßen mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und ist außerdem die japanische Einreichung zum Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“.

    Hirokazu Kore-Eda | JPN 2018 | OT: Manbiki Kazoku | 121 Min. | [usr 4]

    Foto (c) Filmladen Filmverleih

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  • SPIDER-MAN: A NEW UNIVERSE ★★★★

    SPIDER-MAN: A NEW UNIVERSE ★★★★


    Kurz vor Jahresende spuckt Hollywood noch ein paar Superheldenfilme aus. Das gehört eigentlich zur Routine. Irgendwo entsteht in einer Soundstage bereits der Nächste. Zu Weihnachten frei? Eher unwahrscheinlich aber es geht während des  Dreharbeiten sicher mindestens so spaßig zu, wie in den fertigen Filmen. Man kennst sich schließlich schon eine ganze Weile. Spiderman gehört da natürlich dazu. Irgendwie. Rechtemäßig ist das nicht so einfach aber Paul McCartney hält bekanntlich auch nicht die Rechte an seinen Beatles Songs. Die gehören Sony. Genauso wie Spider-Man. Zumindest Sony und Marvel haben sich arrangiert, damit alle etwas vom Kuchen haben. Nun also ein Animationsfilm, der bewusst abseits des Marvel Cinematic Universe (MCU) angesiedelt ist. Gute Idee, weil Spider-Man: A New Universe ist richtig gelungen und fügt dem Francise eine neue Facette hinzu

    Wobei ganz ohne Außenseiterdasein und Spinnenbiss geht es nicht. Miles Morales, einer von Spider-Mans Fans, erleidet das gleiche Schicksal wie schon Peter Parker vor ihm. Der gerät auch arg in Bedrängnis und so sieht sich Miles gezwungen, nach und nach in seine neue Rolle hineinzuwachsen. Kingpin, der böse, ist auf Rache aus und versucht mittels Teilchenbeschleuniger eine Dimensionenkoppelung, um sich seine Familie zurückzuholen. Dabei saugt er gleich mehrere Spider-Men und Spider-Women in die Welt von Miles. Darunter ein Spider-Man Noir und ein Spider-Ham.

    Die Story ist unterhaltsam und die Figuren sind liebevoll ausgearbeitet. Nach Black Panther betritt mit Miles der zweite afroamerikanische Charakter die Bühne der Superhelden. Dazu ein obligatorischer Hip-Hop Soundtrack (The Notorious B.I.G.!). Der wahre Knaller ist aber die Animation. Es ist als hätte sich ein Comic auf der Leinwand aufgeschlagen. Man kann das Papier richtig spüren. Bildteiler und Textfelder spielen mit der typischen Ästhetik von Comics. Alles ist anders, als man es von Animationsfilmen gewohnt ist. Das Ganze ist ziemlich spektakulär und atemberaubend schön.

    Nur für Kinder ab 6 Jahren , wie vom Verleih vorgegeben, ist der Film sicher nicht geeignet. Wohl eher ab 10 Jahren, wie in Österreich empfohlen. Das hohe Tempo und die anspruchsvolle visuelle Umsetzung führt, neben der für die Jüngsten verwirrenden Geschichte, selbst in 2D schnell zu einer Überforderung.

    Marvel ist sicher nicht ganz undankbar darüber, dass es jetzt Paralleluniversen gibt, weil sich im MCU gerade ein paar Helden und mit ihnen die halbe Menschheit in Staub aufgelöst haben. Vielleicht zeigt dieser Spider-Man, zu einem Zeitpunkt, als kaum jemand geglaubt hätte, einen weiteren Film ertragen zu können, einen Blick in die Zukunft des Genres. Zumindest ist man einmal ein gewisses Risiko eingegangen, in dem man dem Regietrio freie Hand ließ. Hier kann jeder ein Superheld sein. Die Rechnung ist voll aufgegangen.

    Bob Persichetti / Peter Ramsey / Rodney Rothman | OT: Spider-man: Into the Spider-Verse | USA 2018 | 117 Min. | [usr 4]

    (c) Foto Sony Pictures

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  • ROMA ★★★★★

    ROMA ★★★★★

    Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón hat seinen bisher persönlichsten Film gedreht. Aus Sicht seines Kindermädchens porträtiert er in atemberaubenden schwarzweiß Bildern den Alltag von Mexiko City in den sechziger und siebziger Jahren.

    Es gibt viele Möglichkeiten einen Film zu beginnen. Alfonso Cuarón zeigt Abwaschwasser, das schwallweise in einen Kanal rinnt. Minutenlang. Ein Flugzeug am Himmel spiegelt sich in der Pfütze und die Kamera öffnet sich zu einer Totalen, gefolgt von einem dieser langen Schenks, die in diesem Epos immer wieder kehren werden. Cleo reinigt die Einfahrt des gutbürgerlichen Hauses im Titel gebenden Stadtteil in Mexico City. In der engen Zufahrt parkt der Vater Antonio (Fernando Grediaga) jeden Abend mit fanatischer Genauigkeit millimetergenau sein Auto ein, während seine Frau Sofía (Marina De Tavira) mit deren vier Kindern geduldig und sehnsüchtig wartet. Eine heile Welt, wenn sich die Tore der Garage schließen.

    Cloe, gespielt von Yalitza Aparicio, ist Haus- und Kindermädchen mixtekischer Abstammung. Die Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt. Sie stellt Cuaróns einstiges Kindermädchen dar, das ihn in den sechziger und siebziger Jahren großgezogen hat. Nach dem Überraschungserfolg von Y Tu Mamá También in Venedig 2001 und dem technischen 3D-Meisterwerk Gravity 2013 kehrt der Regisseur zuerst für die Dreharbeiten in seine Heimat und dann nach Venedig zurück und holt sich in diesem Jahr seinen dritten Goldenen Löwen ab.

    Roma ist ein liebevolles Porträt von gesellschaftspolitischer Dimension. Zu Hause spielt sich bald ein Familiendrama ab. Cloe ist wie ein Hausgeist mittendrinnen und wird, obwohl selbst vom Schicksal nicht verschont, von der Familie völlig ignoriert, sobald sie selbst mit ihren eigenen Problemen zu sehr beschäftigt ist. Mitten durch das Wohnzimmer verläuft eine scharfe soziale Trennlinie.

    Cuarón beherrscht die leisen Töne und verleiht ihnen eine enorme Wucht, stellt dem Alltag historische Ereignisse gegenüber. Cloe wird während eines Einkaufes Zeugin des Corpus-Christi-Massakers, bei dem 120 Studenten von Militärs getötet wurden. Dabei bleibt die Kamera konsequent bei der Hauptdarstellerin und verleiht dem Moment eine unglaubliche Eindringlichkeit. Im quälend langsamen Kameraschwenks fühlt man sich als Zuschauer selbst wie gelähmt im Angesicht des tragischen Ereignisses.

    Cuarón spielt mit der Aufmerksamkeit des Publikums. In einer Szene in einem Kinosaal leitet er sie vom Geschehen im Vordergrund direkt auf den Film auf der Leinwand. Aufeinmal ist man mitten in einer Kriegskomödie. Im Zentrum des Filmes steht später eine herzzerreißend Spitalsszene mit Cloe. Eine schier endlos lange Kameraeinstellung, die kein Wegschauen zulässt und für viele ein Schock sein dürfte. Gegen Ende kommt es dann zu einer Wende, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Ebenfalls eine einzige Einstellung, im tosenden Meer.

    Der Sound ist neben den prächtigen durchkomponierten schwarzweiß Bilder in Cinemascope ein weiteres bemerkenswertes Detail. Wie oft kommt es in Zeiten von ausgeklügeltsten Surround Sounds schon vor, das man sich umdreht, weil man in den hinteren Reihen störende Plaudertaschen vermutet? Roma ist nicht nur ein erzählerisches Meisterwerk, sondern auch ein technisches.

    Alfonso Cuarón war der erste mexikanische Regisseur, der einen Regie-Oscar bekommen hatte. Gut möglich, dass er im nächsten Jahr wieder Geschichte schreiben wird. Roma geht für Mexiko ins Rennen um den Besten Fremdsprachigen Film. Dort darf er als Favorit gelten und obwohl die Nominierungen erst im Jänner bekannt gegeben werden, führt er bei den Buchmachern bereits die Kategorie Beste Regie an. Dabei zeichnet sich Cuarón noch für das Drehbuch, die Kamera und den Schnitt (mit Adam Gough) verantwortlich. Roma ist ein Ausnahmefilm. Gut möglich, dass sich das auch bei der Preisvergabe niederschlägt.

    Netflix hat die Produktion und den Vertrieb übernommen. In den nächsten Tagen kommt es zu einem limitierten Kinostart, bevor der Film nächste Woche auf der Streaming Plattform abrufbar sein wird. Ein Screening auf der großen Leinwand sei dringend empfohlen. Paradoxerweise kann sich gerade Roma nur dort richtig entfalten. In Italien kam es wegen der Restriktionen im Verleih zu einem Boykott durch Kinobetreiber. Eine besondere Situation, da der Film im Rahmen der staatlich subventionierten Filmfestspiele gelaufen ist und nun nicht flächendeckend verwertet werden darf. Das Kino befindet sich also im Umbruch. Mit Roma an der Spitze sind die Zeiten so schlecht nicht.

    Alfonso Cuarón | MEX/USA 2018 | 135 Min | [usr 5]

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  • THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS ★★★½

    THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS ★★★½

    Die Coen Brüder bestreiten in ihrem 18. Leinwandabenteuer neue Wege. Nicht nur, dass es bekanntlich gar kein Leinwandabenteuer im buchstäblichen Sinn mehr ist, auch in der Erzählweise und der Produktion gibt es große Veränderungen. Für das Publikum bedeutet das erstmal: ab auf die Couch.

    Eine Projektion auf der großen Leinwand blieb nämlich dem Publikum bei den Filmfestspielen von Venedig vorbehalten, wo der Film vergangenen August seine Premiere feierte. Im Gegensatz zu Alfonso Curóns Roma machte Netflix hier keine Ausnahme. The Ballad of Buster Scruggs wanderte direkt auf die Streaming Plattform. Eines darf als sicher gelten: dort haben Ethan und Joel Coen mit den Sehgewohnheiten von uns Couchpotatoes zu kämpfen. Ihr neuestes Werk setzt sich aus sechs Kurzfilmen zusammen. Der Abschaltimpuls dürfte daher hoch liegen. Dabei sollte man sich die Geschichtensammlung, in der sich die Coens als Gebrüder Grimm des Wilden Westens versuchen, auf jeden Fall bis zum Schluss anschauen.

    Ein blutroter Faden zieht sich durch die Geschichten von unterschiedlichster Länge. Das Regieduo hat seine tragikomischen Helden schon in der Vergangenheit immer wieder auf die skurrilste Weise sterben lassen. Der Kreativität scheinen auch jetzt keine Grenzen gesetzt. Es wird fleißig gestorben und wenn nur durch einen klassischen Schuss, dann verleiht die Vorgeschichte auch diesem jähen Ende eine zusätzliche Ebene der Betroffenheit.

    Auch in der technischen Umsetzung gingen die Coens neue Wege und drehten erstmals mit einer Digitalkamera. Vieles ist also neu. Dass ursprünglich eine Serie geplant war, spielt aber keine Rolle. Die Geschichten sind zwar nicht alle von gleicher Qualität, fügen sich aber schön zu einem Ganzen zusammen. Mit Tom Waits, Liam Neeson und James Franco versammelt sich das gewohnte Starensemble vor der Kamera. Wegen der Erzähltechnik sind alle aber nur in kurzen Rollen zu sehen. Tom Waits als Goldgräber sticht hier besonders hervor. Als er auf der Suche nach einer Goldader singend ein verlassenes Tal betritt, ergeifen sämtliche Tiere sogleich die Flucht. Die Figuren mögen oft dem Untergang geweiht sein und ihr Leben kurz, die Coens hegen ihnen gegenüber aber eine geradezu liebevolle Zuneigung, die sich auf dem Schirm(!) bemerkbar macht.

    Die letzte Episode „The Mortal Remains“ wurde, im Gegensatz zu den anderen, zur Gänze in einer Soundstage, also im Studio, gedreht. Die Kutschenfahrt hat nur scheinbar ein offenes Ende. Es ist genau das wonach es aussieht. Und wieder ist die Sammlung der Coens um einen Abgang reicher. Ein Ende, das viele Zuschauer nicht mehr sehen werden. Schade, sie haben etwas verpasst.

    Ethan and Joel Cohen | USA 2018 | 133 Min. | [usr 3,5]

    © Foto: Netflix

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  • FIRST MAN – Aufbruch zum Mond ★★★★

    FIRST MAN – Aufbruch zum Mond ★★★★

    Es ist ohne Zweifel das größte Abenteuer der Menschheitsgeschichte. Damien Chazelle (La La Land, Wiplash) zeigt rechtzeitig zum 50. Jubiläum, was Männer zur Zeit der Mondlandung in rostigen Raketen geleistet haben und was Frauen ertragen mussten.

    Die erste Diskette war gerade erfunden worden, Computer hatten die Größe von Kühlschränken und allein in Österreich fuhren mehr als 2.000 Menschen in den Tod. Airbags gab es schon, sie sollten aber erst ein Jahrzehnt später in den ersten Autos verbaut werden. Diesen Kontext sollte man sich vor Augen führen, wenn man an die Zeit der Mondlandung denkt. Was es bedeutet, sich in eine kleine Blechdose zu setzen, in der gerade eine ganze Crew verbrannt war und Richtung Mond schießen zu lassen.

    Für Neil Armstrong (Ryan Gosling), der Film liegt seiner Biografie zu Grunde, gab es keine Zweifel daran, dass die Mission glücken musste. Er absolvierte Test über Test und kam haarscharf mit dem Leben davon. Der Phlegmatiker, der es Zeit seines Lebens ablehnte, aus der Mondlandung Kapital zu schlagen, hatte nur ein Ziel im Kopf. Für seine Frau (Claire Foy) und die zwei Kinder blieb da kein Platz. Sie muss ihn dazu drängen, ein klärendes Gespräch mit seinen zwei Söhnen zu führen. Eine Situation, mit der er ganz und gar nicht umgehen kann. Er lässt seine Familie mit einer großen Ungewissheit zurück. Bei der Nasa wird vorsorglich der Nachruf verfasst.

    Die Rolle liegt Ryan Gosling, genauso wie die Rolle des namenlosen Fahrers in Drive (2011). Reaktionen sind auf ein Minimum beschränkt. Das mag dem realen Vorbild zu entsprechen. Allerdings werden sonst sämtliche Charaktere zu Nebendarstellern degradiert. Foy bleibt zwar im Gedächtnis aber First Man ist eine One-Man-Show. Daher muss man Gosling schon ein bisschen mögen. Über seine schauspielerischen Fähigkeiten gibt es unterschiedliche Ansichten, dabei sind solche, die ihn gut finden.

    Es ist ein guter Einfall von Chazelle während des Fluges die Raumkapsel mit der Kamera nicht verlassen. Die Enge wird deutlich, in der sich die drei Männer befinden. Das Publikum wird richtig durchgeschüttelt. Den sonst üblichen Blick von außen spart der Regisseur komplett aus. Keine Menschen mit Fahnen in den Händen und Tränen in den Augen. Stattdessen protestiert vor dem Start eine Bürgerrechtsbewegung gehen die weiße Vorherrschaft.

    Wenn der grapschende Twitter-König den Film nicht patriotisch genug findet, weil ihm die Sternenbanner fehlen, ist das schon einmal ein gutes Zeichen. First Man ist ein spannendes Kinoerlebnis, dass so realistisch, wie das heute im Kino möglich ist, zeigt, wie es sich wohl angefühlt haben muss, wenn einem nur eine dünne Blechschicht vom Weltraum trennt. Eine Hohelied an die technische Leistung und den Wagemut, der dahinter steckt. Die Mondlandungsszene ist meisterhaft inszeniert. Sekunden vor der Landung zweifelt man fast noch am Erfolg der Mission. Wie sich die Familie dabei gefühlt haben muss, kann man nur erahnen.

    Damien Chazelle | USA 2018 | 141 Min. | [usr 4]

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  • BOHEMIAN RHAPSODY ★★★½

    BOHEMIAN RHAPSODY ★★★½

    Einer der meist herbeigesehnten Filme des Jahres ist nach einer langen und turbulenten Produktionsgeschichte nun endlich in den Kinos angekommen. Eines vorweg: In den Kommentaren dazu fliegen die Fetzen. Fans sind entrüstet. Es gibt mehrere Möglichkeiten sich diesem Biopic um Freddie Mercury, dem Frontman von Queen, anzunähern.

    Der Film startet mit einer eigens arrangierten Version der „Fox-Fanfare“ von 20th Century Fox. Was folgt ist ein 21 Nummern umfassender Soundtrack. Alle Nummer 1 Hits von Queen sind dabei. Das für Mercury so wichtige Barcelona nicht. Es sind Auslassungen und die Gewichtung der Handlung auf die Jahre 1970 bis 1985, sechs Jahre vor Mercurys Tod, die Kritiker verstimmen. Dabei ist Bohemian Rhapsody kurzweilig, unterhaltsam und wartet mit einer tollen Darstellerriege auf, allen voran der großartige Rami Malek als Freddie Mercury. Aber der Film ist auch familientauglich und wer Mercurys Lebenswandel kennt, weiß, dass dies nicht ganz zusammengeht.

    Mercurys Eskapaden werden nur angedeutet. Vielleicht wollten die verbliebenen Bandmitglieder sein Vermächtnis nicht beschädigt sehen. Womöglich ist das ein Grund, warum es rund um das Projekt fast 20 Jahre immer wieder zu künstlerischen Differenzen kam und ein Darsteller nach dem anderen absprang. Darüber, wann wer von seiner Krankheit erfahren hatte gibt unterschiedliche Aussagen. Aus dramaturgischen Gründen teilt Mercury im Film seinen Bandmitgliedern während der Proben zum Life-Aid-Konzert mit, dass er am HIV-Virus erkrankt ist. Damals wusste er selbst noch nichts davon. Mehr als einmal blutiger Husten zeugt nicht von seinem Leiden. Warum man sich dazu entschlossen hat und seine letzten Lebensjahre komplett ausspart, bleibt unverständlich. Der Film endet mit einer peniblen Rekonstruktion des Live-Aid Auftrittes. Jeder Colabecher auf dem Klavier steht an seinem Platz. Jede Bewegung stimmt. Bohemian Rhapsody ist ein Meisterwerk der Imitationskunst.

    Es ist eine Freude Rami Malek zuzuschauen. Die anderen Bandmitglieder sind mit Ben Hardy (Roger Taylor), Joseph Mazzello (John Deacon) und Gwilym Lee (Brian May) exzellent gecastet. Die Ähnlichkeiten verblüffend. Mike Myers ist Ray Foster, jener Produzent der einst Bohemian Rhapsody als Singleauskoppelung abgelehnt hatte. Er hätte „I’m in love with my car“ bevorzugt. Gerade aus Myers Mund zu hören, niemand würde zu Bohemian Rhapsody im Auto singen, ist ein gelungener Scherz. Viele werden sich noch an die legendäre Szene in „Wayne’s World“ erinnern. Lucy Boynton ist Mary Austin, Mercurys Langzeitfreundin. Das hin und her in ihrer nicht leichten Beziehung wird glaubwürdig dargestellt. Mercury hat ihr einen Großteil seines Vermögens vermacht. Sein Freund in späteren Jahren, Jim Hutton, wird von Aaron McCusker verkörpert.

    Trotzdem wird Bohemian Rhapsody dem Musiker und mitreißenden Showman Freddie Mercury gerecht. Dass sein Privatleben, dort wo es ausgelassen wurde, ausgespart wird, bleibt ein Wehrmutstropfen. Was man bekommt ist ein buntes und unterhaltsames Hitfeuerwerk. Da können schonmal die Sitzreihen zu wackeln beginnen.

    Brian Singer wird zwar offiziell als Regisseur geführt, wurde aber mitten in den Dreharbeiten von Dexter Flechter abgelöst, nachdem Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihn aufkamen. Aber auch das ist nur eine mögliche Version der Geschichte. Den Film, den sich viele gewünscht haben, hätte aber wohl eher einer wie Abel Ferrara machen müssen.

    Brian Singer/Dexter Flechter | USA/UK 2018 | 135 Min. | [usr 3,5]

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  • A STAR IS BORN ★★★★

    A STAR IS BORN ★★★★

    Über dem Bett der Küchengehilfin Ally (Lady Gaga) hängt, eingerahmt hinter Glas, das Album Tapestry von Carole King aus dem Jahr 1971. Ein Viertel Jahrhundert lang war dies die meistverkaufte Platte einer Solokünstlerin (bis sie von Shania Twain abgelöst wurde). In ihrem ersten Spielfilm träumt Lady Gaga von der großen Karriere als Sängerin. Der Star, der hier gerade geboren wird, ist im realen Leben natürlich schon längst einer.

    Bradley Cooper hat sich einen Pop-Star für seine erste Regiearbeit ausgesucht, der alle Stationen auf dem Weg nach oben schon durchlebt hat. Ein vom Management konstruiertes Image, dem unter Druck Widerstand zu leisten, bis hin zur Emanzipation als Solokünstlerin. Davon erzählt die alt bekannte Geschichte von A STAR IS BORN. Der Countryrocksänger Jackson Maine, gespielt von Cooper selbst, entdeckt Ally in einem Dragqueen Club, eigentlich auf der Suche nach Alkohol, als sie La vie en rose zum Besten gibt und verliebt sich sofort in ihre Stimme. Es folgt eine Lovestory, ihr Aufstieg und sein Absturz in Drogen und Alkohol. Es ist die vierte Auflage und die Vorgänger haben mit Janet Gaynor (1937), Judy Garland (1954) und Barbara Streisand (1976) in den Hauptrollen Filmgeschichte geschrieben. Die Handlung ist natürlich vorhersehbar. Warum ist Coopers Version trotzdem ein Erfolg?

    Der Rolling Stone bezeichnet den Film weniger als Remake, sondern als Cover Version und zwar der Hallelujah-Liga. Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit. Das merkt man daran, wie Cooper Lady Gaga inszeniert, wie er mit den weiteren Co-Stars umgeht und wie er sich selbst ins Zeug legt. Seine Protagonistin hat all den Ballast abgeworfen, der zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Sie versteckt sich nicht hinter dickem Make-up und üppigen Kostümen, sondern wirkt authentisch. Das war so nicht zu erwarten. Cooper und Lady Gaga haben nicht nur Songs extra für den Film komponiert, er singt auch noch selber und das sehr überzeugend. Noch so eine Überraschung. Bei Jacksons älterem Filmbruder Bobby, gespielt von Sam Elliott wird einmal mehr klar, warum Nebenrollen Supporting Acts genannt werden. Solche Partner hat sich Cooper nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera gesucht und sie tragen entscheidend dazu bei, dass der Film nicht zur Schmonzette verkommt.

    Die Suspense ist freilich enden wollend. Vor allem gegen Ende. Wie viele Filme sind nicht schon an ihrem Ende gescheitert? A STAR IS BORN holt an dieser Stelle aber zu einen fulminanten Höhepunkt aus. Das Ende sitzt und das ein oder andere Taschentuch wird wohl im Publikum ausgepackt werden.

    Im Zentrum stehen aber die Live-Auftritte der Beiden. Nicht eigens inszeniert, sondern allesamt tatsächlich bei Konzerten, wie dem Coacella Festival, aufgenommen. Es sind nicht die typischen Live-Aufnahmen von Konzertfilmen sondern die Kamera bleibt dicht an den Protagonisten. Im Hintergrund spürt man das Publikum und die Aufregung hinter der Bühne. Die Songs gehen ins Ohr und haben Hitpotential. Cooper und Lady Gaga geben ein tolles Paar ab. Man merkt, dass die Chemie stimmt.

    Es ist nicht nur eine Geschichte, die eng mit der Hollywood verbunden ist. Es geht um das Showbiz an sich. Bradly Cooper hat es verstanden, den Stoff in unsere Zeit zu transferieren und seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Vielleicht die beste Major Studio Produktion, die man in diesem Jahr zu sehen bekommen wird. Es gilt fast schon als gesichert, dass die Mühen bei den wichtigsten Filmpreisen Berücksichtigung finden werden.

    Als Ergänzung gibt es bei Netflix die Dokumentation Gaga: Five Foot Two zu sehen. Alles ist Inszenierung. Alles ist big Business.

    Bradley Cooper | USA 2018 | 135 Min | [usr 4]

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