Mit Greta Lee, Teo Yoo, John Magaro Regie Celine Song Ab 12 Länge 106 Min.
OSCAR KANDIDAT
Das US-amerikanische Filmdrama Past Lives von Celine Song erzählt in mehreren Zeitebenen über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg von der Beziehung der Hauptdarstellerin Nora (Great Lee) zu ihrem Freund Hae Sung (Teo Yoo), den sie, inzwischen in die USA ausgewandert, seit ihren Kindheitstagen in Südkorea kennt.Es ist das Debüt der Regisseurin. Der Film hatte während der Berlinale 2023 seine Premiere. Past Lives wird einhellig als einer der Höhepunkte dieses Filmjahres gefeiert.
Greta Lee und Teo Yoo in PAST LIVES von Celine Song (USA 2023)
Kurzkritik
Blicke sagen oft mehr als tausend Worte. Solche Momente gibt es in Past Lives gleich mehrere und doch ist alles viel komplizierter. Regisseurin Celine Sing öffnet gleich eine Fülle an Themenfeldern wie Sprache und Migration und der damit verbundenen Frage nach der eigenen Identität, ebenso, wie uns unsere Vergangenheit prägt und ob es so etwas wie Schicksal gibt.
In Korea gibt es dazu den bereits vielzitierten Begriff In-Yun. Er beschreibt, wie Menschen für einander bestimmt sind, die sich von früheren Leben her kennen. Song verknappt diese Vorstellung sozusagen auf ein paar Jahrzehnte. Die Wege von Nora und Hae Sung kreuzen sich immer wieder, selbst als tausende Kilometer zwischen ihnen liegen. Nora versucht sich aber zu emanzipieren, findet in den USA einen Mann (John Magaro als Arthur) und lässt ihre koreanische Vergangenheit zurück. Sie versucht es zumindest, den träumen tut sie immer noch koreanisch und Hae Sung scheint auch irgendwie ein Teil ihres Lebens zu sein.
Celine Song gelingt es all diese Themen mit einer Leichtigkeit zu verweben und Greta Lee schafft es, uns den inneren Konflikt Noras glaubwürdig näher zu bringen. Damit regt sie zum Nachdenken über das eigene Leben an. Wie sehr haben wir es selbst in der Hand und wie weit ist es möglicherweise vorherbestimmt? Ist es nur Zufall, mit welchem Lebenspartner man zusammen lebt?
Past Lives ist einer der wunderbarsten Filme in dieser Saison und für ein Publikum ab etwa 12 Jahren geeignet. Nicht zuletzt die derzeitige Koreaaffinität unter Teenagern macht den Film auch sicherlich für ein jüngeres Publikum attraktiv. Zudem werden sich jene, die selbst emigriert sind, in Noras innerer Zerrissenheit wiederfinden. Ein Film für die Ewigkeit.
PAST LIVES Drama, USA 2023
Regie Celine Song Drehbuch Celine Song Kamera Shabier Kirchner Schnitt Keith Fraase Musik Christopher Bear, Daniel Rossen Mit Greta Lee, Teo Yoo, John Magaro Länge 106 Min.
Seit 40 Jahren begeistern die Turtles jung und (mittlerweile) alt in Comics, Kinofilmen, TV-Serien und Computerspielen. Vor dem Hintergrund der beiden Spider-Verse Filme (2019, 2023) ist nun Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem zu sehen, durch die sich dem Superhelden-Animationsfilm ganz neue Möglichkeiten eröffnet haben. Neben seinem außergewöhnlichen Animationsstilist die düstere Atmosphäre auffällig, was vor allem für das jüngere Publikum, neben der grundsätzlich aggressiven Art, fordernd sein dürfte. Dabei stellt sich die Frage, wer genau das Zielpublikum für einen Turtles Film im Jahr 2023 sein soll.
Darum geht es
Die vier Turtles leben mit ihrem Mentor Splinter in der Kanalisation, abgeschottet von der Außenwelt. Doch die Teenager sehnen sich nach einem normalen Leben unter den anderen Jugendlichen. Als die Stadt von bösartigen Mutanten unter der Führung von Superfly angegriffen wird, sehen sie eine Chance sich zu beweisen und machen sich mit Hilfe der angehenden Journalistin April O’Neil auf ihn den Kampf.
Supermutant Superfly (TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES: MUTANT MAYHEM. Jeff Rowe, USA 2023)
Kommentar
Nachdem man sich bereits bei Barbie mit der Altersfreigabe ab 6 Jahren etwas vertan hatte, hat man sich bei TMNT:MM neuerlich für eine fragwürdige Altersfreigabe entschieden. Eine Freigabe ab 8 Jahren verwundert doch etwas. An der Geschichte liegt es dabei nicht, sondern mehr an der allgemeinen Düsternis und den visuellen Gewalt. Natürlich verlassen sich Eltern auf diese Einstufung und so kann ein Kinobesuch ordentlich daneben gehen. Ich weiß wovon ich rede, da ich von Kindern umgeben bin, die auf den 7. Geburtstag zusteuern.
Wobei wir gleich bei der Frage sind, für wen der Film eigentlich gemacht wurde. Ich kann mich noch gut erinnern, als Tim Burtons Batman 1989 in die Kinos kam. Damals 10 Jahre alt, kaufte ich mir Hefte über den Film, kannte viele Szenen. Sehe konnte ich ihn allerdings nicht. Vermutlich wird es den Kindern von heute ähnlich gehen, denn was sich Jeff Rowe (Die Mitchells gegen die Maschinen) und Seth Rogen da erdacht haben, ist für die jüngsten Kinobesucher weniger geeignet.
Dabei ist TMNT:MM witzig und wirkt erfrischend innovativ, so wie wir es von den Spider-Verse Trickfilmen kennen (auch wenn die Turtles nicht mit deren kreativen Output mithalten können). Der Zeichenstil wirkt auch hier wie einem Comicheft entsprungen. Die 90er Playlist ist genial und auch der Soundtrack von Trent Raznor und Atticus Ross bleibt im Ohr. Die Geschichte wird nochmals von Beginn an erzählt. Den Superbösewicht sparte man sich aber für Teil 2 auf. Diesmal bekommen es die Turtles mit Superfly zu tun (sorgt in Österreich möglicherweise für ein extra Schmunzeln).
Auch wenn es im Titel versteckt schon steht aber die Geschichte gibt dem Umstand, dass es sich hier um Teenager handelt extra viel Raum. Sie wollen nicht länger in der Kanalisation leben und sich unter die Teenager in der richtigen Welt mischen. Splinter, ihr Mentor und Ersatzvater, möchte das aber verhindern, hat er doch selbst am eigenen Leib erfahren müssen, wie Menschen auf etwas reagieren, dass ihnen Fremd ist. Aber zuerst müssen aus den Turtles Helden werden und darum geht es in Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem. Der Film fühlt sich roher und erdiger an, als jene der Konkurrenz und das ist eine willkommene Abwechslung.
To be continued.
Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem Animationsfilm, USA 2023 Regie Jeff Rowe Drehbuch Seth Rogen, Evan Goldberg, Jeff Rowe, Dan Hernandez, Benji Samit Kamera Kent Seki Schnitt Greg Levitan Musik Trent Raznor, Atticus Ross Mit Rose Byrne, Ice Cube, Jackie Chan, John Cena Länge 100 Min. Im Kino
Fünfzehn Jahre nach der umstrittenen vierten Fortsetzung von Indiana Jones startete man einen letzten Versuch, den wohl berühmtesten und beliebtesten Archäologen auf die große Leinwand zu bringen. Neu ist James Mangold (Le Mans 66) als Regisseur. Ansonsten gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten in diesem alten Mustern folgenden rasanten Abenteuer, dass das Herz aber doch am rechten Fleck hat. Gleichzeitig bekommen wir zu sehen, welche Gefahren die für manche Filmemacher verlockenden neuen technischen Möglichkeiten mit sich bringen.
Darum geht es
Im Jahr 1944 ist Indiana Jones (Harrison Ford) gemeinsam mit Basil Shaw (Toby Jones) auf der Jagd nach der Lanze von Longinus. Als er sie den Nazis unter der Führung von Jürgen Voller (Mads Mikkelesen) entreissen möchte, wird er auf ein anderes Artefakt aufmerksam: den Mechanismus von Antikyhera. Gebaut von Archimedes, soll er Raum-Zeit-Übergänge aufspüren können. Es ist allerdings nur die Hälfte des Mechanismus forhanden.
Zeitsprung: 1969 wird gerade die Rückkehr der Astronauten nach der Mondlandung gefeiert. An seinem letzten Arbeitstag sucht seine Patentochter Helena Shaw (Phoebe Waller-Bridge) Jones auf. Sie möchte beide Teile des Artefakts auffinden und teuer verkaufen. Ebenso ist Jürgen Voller, der nun unter neuem Namen als Wissenschaftler für die Amerikaner arbeitet, immer noch hinter dem Mechanismus von Antikyhera her. Eine Jagd um die Wette quer durch Europa.
Phoebe Waller-Bridge und Harrison Ford in Indiana Jones und das Rad des Schicksals (James Mangold, USA 2023)
Kommentar
Man kann Indiana Jones und das Rad des Schicksals durch mehrere Brillen sehen und je nachdem funktioniert er mehr oder weniger gut. Durch die nostalgische Brille betrachtet, erfüllt das Abenteuer wohl nahezu alle Wünsche. Freunde des Archäologen werden ihren Spaß haben und recht gut unterhalten. Es gibt Anspielungen auf die älteren Filme zu entdecken und ein Wiedersehen mit beliebten Charakteren. Das Setdesign ist gelungen und füllt sich voll und ganz nach Indy an.
Wechsel man jedoch die Brille, dann wird bald klar, welche Chancen hier vergeben wurden. Zum einen haben wir es mit einem alternden Helden zu tun (dem wiederum eine junge Frau zur Seite gestellt wird), der sich (trotz aller Actionszenen), seinen physischen Grenzen bewusst ist. Nun ist das Rad des Schicksals eigentlich (Spoiler!) ein Rad der Zeit. Leider wird dieses Konnex überhaupt nicht in die Story aufgenommen. Es hätte eine wunderbare Abhandlung über das Altern an sich werden können, hätte man vielleicht auf die ein oder andere der zahlreichen Verfolgungsjagden verzichtet.
Der in der Indiana Jones-Reihe immer mitspielende historische Hintergrund hat jedes Mal auch einen gewissen Reiz ausgemacht. Wenn auch nicht so bekannt wie der Kelch oder die Bundeslade, so ist auch der 1901 entdeckte Mechanismus von Antikythera von großer Bedeutung für die Wissenschaft. Im Film hat der Schurke Jürgen Voller einen großen Anteil am Erfolg des US-Raumfahrtsprogramms. Sein reales Vorbild Wernher von Braun war ebenso für das Deutsche Reich, als eben später auch für die USA erfolgreich als Wissenschaftler tätig.
Zu guter Letzt zurück zum Thema Alterung. Die Technik der digitalen Verjüngung von SchauspielerInnen eröffnet nie dagewesene Möglichkeiten und ist indirekt auch ein Grund für den großen Streik gleich zweier Gewerkschaften in Hollywood. Bei Indiana Jones und das Rad des Schicksals kommt da jedoch eine gewissen Computerspielästhetik auf, die sich gleich durch mehrere Actionsequenzen zieht, also nicht nur bei der digitalen Verjüngung von Harrison Ford selbst (wobei Mads Mikkelsen da ungleich furchtbarer aussieht). Erwähnt sei nur die Szene in der Jones auf dem Dach des Zuges läuft. Wenn es nicht besser geht, dann lässt man es besser gleich bleiben. Mit all der Nostalgie geht das ohnehin nicht zusammen.
Dass bekannte Helden aus der Kiste geholt werden, ist nichts Neues und wird uns wohl für immer begleiten, auch wenn in diesem Fall der finanzielle Erfolg ausgeblieben ist. Das kann aber auf Dauer nur gut gehen, wenn man auch inhaltlich etwas zu bieten hat. Für den Gegenwert von mehr als einen Monat Streamingdienst hat sich das Publikum alles verdient. Einfallslose Massenware bekommen wir ohnehin Woche für Woche bei Netflix und Co.
Alles in allem wird man hier mit Abstrichen gut unterhalten und mit einem rührenden Finale belohnt.
INDIANA JONES UND DAS RAD DES SCHICKSALS(OT: INDIANA JONES AND THE DIAL OF DESTINY) Abenteuer, USA 2023 Regie James Mangold Drehbuch Jez Butterworth, John Henri Butterworth, David Koepp, James Mangold Kamera Phedon Papamichael Schnitt Michael McCusker, Andrew Buckland, Dirk Westevelt Musik John Williams Mit Harrison Ford, Phoebe Waller-Bridge, John Rys Davies, Antonio Banderas, Mads Mikkelsen, Boyd Holbrook Länge 154 Min. Streamingplattform ab Herbst bei Disney+
Mit Margot Robbie, Ryan Gosling Regie Greta Gerwig Ab 12 Länge 114 Min.
OSCAR KANDIDAT
Als Margot Robbie an Greta Gerwig mit der Idee zu einem Film über Barbieherangetreten ist, konnte sie wohl kaum ahnen, zu welch großem Erfolg das führen wird (Robbie war wiederum die Wunschkandidatin von Mattel). Greta Gerwig hat gemeinsam mit Noah Baumbach alles, was möglich war, aus der Marke Barbie herausgeholt. Dass dies sogar zu Kontroversen geführt hat, verwundert. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Barbie ist sowohl eine künstlerische als auch eine kommerzielle Meisterleistung.
Darum geht es
Als die stereotypische Barbie (Margot Robbie) eines Morgens mit Todesgedanken aufwacht, kommt ihr der täglich wiederkehrende Rhythmus aus Party mit den anderen Barbies und Beachtime mit den Kens im rosafarbigen Barbieland auf einmal sehr seltsam vor. Irgendetwas stimmt da nicht. Mit Ken (Ryan Gosling) als blinden Passagier begibt sie sich auf eine Reise in dir reale Welt, um ihre Besitzerin (Ariana Greenblatt, America Ferrara) zu finden. Hier scheint alles auf dem Kopf zu stehen. Ken findet sofort Gefallen an seinem neuen Status als Mann und Barbie traut ihren Augen nicht, als sie in der Chefetage von Mattel erkennen muss, wer hier das Sagen hat.
Ryan Gosling und Margot Robbie in BARBIE (Greta Gerwig, USA 2023)
Kommentar
Manchmal könnte man meinen, es wurde schon alles gesagt, gerade wenn es um einen Sommerblockbuster geht. Im nächsten Moment sitzt man im Kino mit lauter Mädchen im Volksschulalter. Interessanterweise ist der Film bei uns tatsächlich ab 6 Jahren freigegeben. In den USA hat Barbie ein PG-13 Rating, was schon eher zutreffend ist. Wieso fällt die Beurteilung so sehr unterschiedlich aus? Jedenfalls hat man es in den USA besser getroffen. Bei uns sitzen nun Kinder im Kinosaal, die kaum etwas von der Handlung mitbekommen und sich bald langweilen. Barbie ist nämlich kein Kinderfilm und wie man das anders sehen kann ist mehr als rätselhaft.
Greta Gerwig und Noah Baumbach ist es gelungen, auf Basis eines Spielzeugs, das seit Jahrzehnten warum auch immer fortlaufend für Kontroversen sorgt, eine Geschichte zu erzählen, die nicht nur außerordentlich unterhaltsam ist, sondern noch dazu tiefgründig. Anhand von Barbie und Ken werden Geschlechterrollen hinterfragt. Sowohl in der Spielzeugwelt, als auch unserer realen Welt. Das gelingt ziemlich gut, vor allem, wenn man bedenkt, dass man es mit einem starbesetzten Sommerfilm aus Hollywood zu tun hat.
Wenn in ihrem Segment erfolgreiche RegisseurInnen den Sprung vom Arthousekino in den Mainstream gewagt hatten, ist das meist schief gegangen. Zu sehr hat man sich den vorgegebenen Mustern des Marktes unterworfen. Bei Gerwig und Baumbach ist das nun keineswegs der Fall. Sie schaffen die Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz. Ganz klar: Barbie ist eine legendäre und mächtige Marke. So ist es unumgänglich, dass so ein Film von klassischen Marketinginstrumenten begleitet wird. Mattel, die dritte Größe in dieser Produktion, überläßt da sicher nichts dem Zufall. Trotzdem hat der Konzern zugelassen, dass Barbie durchaus kritische Töne anschlägt und beweist, dass man(n) über sich selbst lachen kann. Ein Aspekt, der von manchen offenbar komplett ausgeblendet wird, sieht man sich Kommentare zum Film an.
Darüber hinaus ist Barbie aber auch ein Genuss für Augen und Ohren. Setdesign, Ausstattung und Kostüme sind großartig. Man kommt aus dem Schauen nicht mehr hinaus. Manche meinen, Ryan Gosling stiehlt Margot Robbie gar die Show. Mag sein, dass sein Charakter spannender erscheint und für mehr Lacher sorgt. Zumindest einmal hat Ken den Film fest in der Hand: Mit „I’m Just Ken“ hat er eine fulminant inszenierte Gesangsnummer im Style der 1980er Jahre, die durchaus Chancen auf Berücksichtigung bei den Oscars haben wird. Kaum vorstellbar, dass man sich diesen Auftritt bei der Verleihung entgehen lässt.
All jenen, die bei Barbie reflexartig die Flucht ergreifen wollen, sei gesagt: Barbie ist eine bissige Satire, die gut unterhält und auf jeden Fall einen Kinobesuch wert ist. Kinder unter 12 Jahren sollte man aber besser zu Hause lassen.
Barbie Komödie, USA 2023 Regie Greta Gerwig Drehbuch Greta Gerwig, Noah Baumbach Kamera Rodrigo Pietro Schnitt Nick Houy Musik Mark Ronson, Andrew Wyatt Mit Margot Robbie, Ryan Gosling, America Ferrara, Michael Cera, Will Ferrell Länge 114 Min. Im Kino
Es sind pandemiebedingt schon wieder 5 Jahre vergangen, seit Ethan Hunt und sein Team ihren letzten Einsatz hatten. Mission: Impossible: Falloutbot Action vom Feinsten und es ist einer der großartigsten Actionfilme der jüngsten Zeit. Nun gehen Christopher McQuarrie und Tom Cruise aufs Ganze: Gleich ein Zweiteiler, wobei Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil Eins bereits stolze 164 Minuten lang ist. Dazu eine Künstliche Intelligenz als übermächtiger Gegner. Kann das gut gehen oder gehen den Duo die Ideen aus?
Darum geht es
Ethan Hunt (Tom Cruise) erhält von CIA-Direktor Eugene Kittridge (nach Teil 1 diesmal wieder dabei: Henry Czerny) den Auftrag, die Agentin Ilsa Faust (Rebecca Ferguson) aufzuspüren und ihr die eine Hälfte eines mysteriösen Schlüssels abzunehmen, von dem man noch nicht genau weiß, wozu der gut sein soll. Allerdings besteht von mehreren Seiten großes Interesse an ihm. Als Ethan erfährt, was hinter dem Schlüssel steckt und was der CIA-Direktor damit vorhat, nimmt er die Mission mit seinen Mitstreitern Benji Dunn (Simon Peck) und Luther Stickell (Ving Ragmes) selbst in die Hand.
Auf dem Flughafen in Dubai will das Trio die Spur aufnehmen. Dabei stößt Hunt auf die Diebin Grace (Hayley Atwell), die ihrerseits wieder beauftragt wurde, einen Teil des Schlüssel von Hunt zu klauen. Die Jagd wird sie weiter nach Rom und Venedig führen. Eines wird bald klar: hier sind Kräfte im Spiel, die den Lauf der Welt verändern könnten.
Kein romantisches Wochenende in Venedig (Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil Eins)
Kommentar
Zu allererst steht die Mission Impossible-Reihe für waghalsige Stunts, die Tom Cruise selbst ausführt. Er und Regisseur Christopher McQuarrie sind ein produktives Kreativduo, das als Glücksfall bezeichnet werden kann. Keine leichte Konstellation. Cruise ist eine Kontrollfreak und da muss man als Regisseur auch zurückstecken können.
Die Actionszenen sind spektakulär und sehr aufwendig und technisch ausgefeilt inszeniert (wie zum Beispiel in Fallout die Verfolgungsjagd durch Paris, die an John Frankenheimer erinnert, der ebenfalls auf digitale Effekte verzichtete. Wer erinnert sich an Ronin aus dem Jahr 1998?). Es gibt sie auch in Dead Reckoning Teil Eins. Diesmal führt sie durch Rom und ist zudem recht witzig geraten. Jedoch beginnen hier auch schon die Probleme. Man kopiert sich nämlich selbst. Hinzukommen Locations wie Venedig (schon wieder!) und ein Zug (schon wieder!). Auf und in einem Zug hat man in diesem Jahr bereits zumindest eine ausgiebige Actionssequenz gesehen.
Zudem verliert sich Mission Impossible 7 genau hier am Ende in durchschnittlichem CGI. Warum? Die Bahntrasse wurde extra für den Dreh gebaut. Gerade für die Actionszenen hat man in der Reihe zuletzt auf augenscheinliche Computeranimationen verzichtet. Die Echtheit der aufwendigen Stunts ist zu einem Markenzeichen geworden. Ebenso verhält es sich mit der Verfolgungsjagd über die Spanische Treppe, die freilich nicht vor Ort stattfinden konnte und teilweise offensichtlich dem Rechner entsprungen ist. Bleibt der bereits im Vorfeld oft gezeigte Stunt über eine Klippe in Norwegen (im Film spielt die Szene auf der Strecke zwischen Venedig und Innsbruck), für den Tom Cruise eine Unzahl an Testsprüngen absolvieren musste. Mehr dazu in diesem Video.
Der Motorrad-Stunt (Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil Eins)
Die Entscheidung, den Gegenspieler diesmal eine künstliche Intelligenz sein zu lassen, bringt zuerst frischen Wind hinein. Auch wenn wir in der halbstündigen Eröffnungssequenz noch nicht genau wissen, was vor sich geht, so verheißt sie nichts Gutes. Bereits in der nächsten Sequenz bekommt wir zum ersten Mal zu spüren, womit wir es zu tun haben. Hier befinden sich McQuarrie/Cruise auf dem Puls der Zeit. Ein weder für die Leinwandhelden noch das Publikum fassbarer Gegner bringt allerdings auch Probleme mit sich. Wo genau liegen die Grenzen es Bösen (und der Überwachung)? Ist es der digitale Raum, dann ist der Nostalgiezug mit Dampflock im Finale fast schon ein Save Space. Hier tragen nur die aus der Serie bekannten Masken zur Täuschung bei und der Konflikt reduziert sich wieder auf Mensch gegen Mensch.
In der vernetzten Welt sind solche technologiefernen Orte aber rar und durch die Rahmenhandlung, die uns am Ende Richtung Teil 2 führt, wird angedeutet, dass es um weit mehr geht. Auch das wird nicht der letzte Teil der Filmreihe werden, wie es ursprünglich geplant war. Tom Cruise liebäugelt hier mit Harrison Ford und Indiana Jones. Das Spätwerk von Cruise wird wohl vor allem dadurch bestimmt sein, wie er, der ewige Jüngling, mit dem eignen Alter umgehen wird. Andeutungsweise kann man es in Dead ReckoningTeil Eins schon erahnen.
Trotzdem: vor allem die erste Hälfte von Dead ReckoningTeil Eins ist spannend und am Ende wird man die beiden Filme im Doppelpack beurteilen müssen. Unterhaltsam ist das alles allemal. An der Kinokassa muss Cruise, ein Verfechter der Kinovermarktung, noch etwas zittern. Beim Einspielergebnis teilt man im Moment noch das Rad des Schicksal mit Indiana Jones.
OT: Mission: Impossible – Dead Reckoning Part One Action, USA 2023 Regie Christopher McQuarrie Drehbuch Christopher McQuarrie Kamera Fraser Taggart Schnitt Eddie Hamilton Musik Lorne Balfe Mit Tom Cruise, Hayley Atwell, Esai Morales, Simon Pegg, Ving Rhames, Rebecca Ferguson, Henry Czerny, Vanessa Kirby Länge 164 Min.
Wo Wes Anderson drauf steht, da ist Wes Anderson drinnen. Asteroid City erzählt von einer Wüstenstadt in den 1950er Jahren, in der sich alles um den Weltraum dreht und in der wie gewohnt allerhand Schräge Charaktere aufeinandertreffen. Die Liste der Mitwirkenden mit großen Namen ist lang. So lang, dass sie am Anfang im Schnelldurchlauf über die Leinwand gejagt werden. Also riefe jemand: „Schaut, alle wollen mitspielen.“
Darum geht es
Asteroid City, eine US-amerikanische Wüstenstadt mit 87 EinwohnerInnen. Namensgeber ist ein vor tausenden Jahren eingeschlagener Meteorit, der einen riesigen Krater hinterließ. Dieser lockt nicht nur Weltraumafine Menschen an, sondern ist auch der Anlass für einen jährlich stattfindenden Kongress, bei dem jugendliche ErfinderInnen ausgezeichnet werden.
Just während des Kongresses kommt es jedoch zu einem Zwischenfall, der die Armee auf den Plan ruft und die den ganzen Ort unter Quarantäne stellt. Betroffen sind unter anderen der Kriegsfotograf Aguie Steenbeck (Jason Schwartzman), seine vier Kinder und sein Schwiegervater Stanley Zak (Tom Hanks), die Schauspielerin Midge Campbell (Scarlett Johansson), die Astronomin Dr. Hickenlooper (Tilda Swinton) und der Country Sänger Montana (Rupert Friend).
Asteroid City (Wes Anderson, USA 2023)
Kommentar
Im Grunde täte es mit leichten Abänderungen auch der Kommentar zu Wes Anderson letzten Film The French Dispatch. Die Bilder sind von einer seltenen Perfektion und es ist immer noch ein Vergnügen, in diese artifiziellen Welten einzutauchen. Neu ist diesmal eine Rahmenhandlung (in Schwarzweiß). Die Geschichte ist ein Film im Film und alles sieht hier nach Kulisse aus. Sogar die Berge in weiter Ferne.
Woran es aber bei all der gewohnten skurrilen Art fehlt, ist, neben jeglicher Emotionalität, der Humor. Es gibt sehr wohl komische Momente aber gemessen an den Möglichkeiten fallen sie bescheiden aus. In Asteroid City ist nicht nur der Boden viel zu trocken. Wes Anderson Fan werden nicht enttäuscht sein. Sie bekommen 1A Ausstattungskino, das zudem weitaus leichter zugänglich ist als der Vorgänger.
Andere werden aber bei Jacques Tati besser ihr Auskommen finden. Beide haben einen unverwechselbaren visuellen Stil entwickelt. Während Tati jedoch auf Dialoge verzichtete und Umgebungsgeräusche in den Vordergrund rückten, werden wir bei Anderson zugetextet, sodass es zeitweise Mühe kostet, nicht den Faden zu verlieren. Es ist wohl kein Zufall: Im Wiener Gartenbaukino ist gerade Tatis Gesamtwerk zu sehen und zwischendurch auch der aktuelle Film von Wes Anderson. Sehenswert? Ja. Muss man aber alle Filme gesehen haben? Eher ein, weil viel Neues gibt es nicht zu entdecken und es fehlt etwas der Biss.
ASTEROID CITY Drama, USA 2022 Regie Wes Anderson Drehbuch Wes Anderson, Roman Coppola Kamera Robert D. Yeaoman Schnitt Barney Pilling Musik Alexandre Desplat Mit Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Jeffery Wright, Tilda Swinton, Adrian Brody, Bryan Cranston, uvm. Länge 106 Min.
Wer bei Batman, Captain America, Spider-Man & Co reflexartig die Flucht ergreift und jedes Filmschnipsel mit einem Klick ins digitale Universum hinauskatapultiert, aufgepasst, denn hier könnte man Großes versäumen! Spider-Man: Across The Spider-Verse schon wieder eine Fortsetzung – aber um was für eine!Alles wirkt frisch, neu und überwältigend. Ein Feuerwerk an Farben und unterschiedlichsten Animationsstilen.
Darum geht es
Miles Morales kehrt für das nächste Kapitel der Oscar®-gekrönten Spider-Verse-Saga, Spider-Man: Across the Spider-Verse, zurück. Nach seiner Wiedervereinigung mit Gwen Stacy wird Brooklyns freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, nun als Vollzeit-Spider-Man, quer durch das Multiversum katapultiert, wo er auf ein Team von Spider-People trifft. Ihre Aufgabe ist es, die Existenz des Multiversums zu schützen. Doch als die vielen Helden über die Frage, wie sie mit einer neuen Bedrohung umgehen sollen, aneinandergeraten, muss Miles gegen all die anderen Spinnen antreten und neu definieren, was es bedeutet, ein Held zu sein. Auch, damit er die Menschen retten kann, die er am meisten liebt. Jeder kann die Maske tragen – die Frage, wie du sie trägst, macht dich zum Helden. (Sony Pictures Filmverleih)
Spider-Man: Across The Spider-Verse (USA 2023)
Kommentar
Es gibt hier keine Sequenz, die nicht mit ihrer Animation besticht und vermutlich keinen Frame, der sich nicht an der Wand gut machen würde. Visuell haben wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun. Die Kreativität scheint unerschöpflich zu sein und das über zwei Stunden lang. Dabei verlangen wechselnde Animationsstile und eine komplexe Story dem Publikum schon einiges ab. Es ist ein Animationsfilm ab 12 Jahren (Kindern mit Kino- und Filmerfahrung ist das auf jeden Fall zumutbar). Das merkt man ihm an und das ist gut so. Beim ersten Mal kann man den ganzen Film ohnehin in all seinen Details nicht ganz fassen, da geht es den Erwachsenen vermutlich nicht anders.
Aufbauend auf der Geschichte von Miles Morales und Gwen Stacy aus dem Jahr 2018, eröffnen sich uns immer mehr Paralleluniversen, Spider-Mens (inklusive einem anarchischen Punk-Spider-Man) und Bösewichten (etwa einem scheinbar einer Zeichnung da Vincis entsprungenen Vogel). Ein Erfolgsgeheimnis ist wohl der sorgsame Umgang mit den Figuren und deren Charakterentwicklung. Während Miles von einem Universum ins nächste reist, versucht er sich zu Hause von seiner Mutter zu emanzipieren. Hier gelingt in all dem überbordenden Tohuwabohu und einer Flut an Sinneseindrücken die Balance (auch der Soundtrack ist bemerkenswert!). Miles ist hin und her gerissen, zwischen Heldentum, erster Liebe und Erwachsenwerden.
All die Freiheiten, die Joaquim Dos Santos, Kemp Powers und Justin K. Thompson bekommen haben, wurden sozusagen ins Handwerk gelegt und sie erlagen nicht der Versuchung, sich ständig übertrumpfen zu müssen – oder sich zu wiederholen. Der Markt ist an Superheldenfilmen gesättigt. Spider-Man: Across The Spider-Verse ist da jedoch die große Ausnahme. Ein Film, der uns wohl nicht so schnell wieder aus dem Kopf geht.
Spider-Man: Across The Spider-Verse verdient die große Leinwand. Nur hier kann man dem Schicksal von Miles und Gwen ohne Ablenkungen folgen und die Wucht der Bilderpracht in vollem Ausmaß über sich ergehen lassen. Nur eins muss man in jedem Fall in Kauf nehmen: das offene Ende, an das in einer weiteren Fortsetzung nahtlos angeschlossen werden wird. Aber soviel kann man jetzt schon sagen: auch Beyond the Spider-Verse wird uns im März 2024 wohl nicht enttäuschen.
SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDER-VERSE Animationsfilm, USA 2023 Regie Joaquim Dos Santos, Kemp Powers, Justin K. Thompson Drehbuch Phil Lord, Christopher Miller, David Callahan Schnitt Michael Andrews Musik Daniel Pemperton Mit den Stimmen von Shameik Moore, Hailee Steinfeld, Jake Johnson, Oscar Isaak, Issa Rae Länge 141 Min.
Schon während der Dreharbeiten zu seinem Film Die Nile Hilton Affäre (Viennale 2017), wurde dem schwedischen Regisseur Tarik Saleh in Ägypten die Dreherlaubnis entzogen und die Produktion musste nach Marokko ausweichen. Ging es damals um Korruption im Polizeiapparat in den letzten Tagen des Mubarak Regimes, so ist sein neuer Film nicht weniger brisant. Hinter den dicken Mauern der Azhar Universität in Kairo tobt nicht nur ein Machtkampf zwischen den unterschiedlichen islamischen Strömungen, sondern darüber hinaus möchte das Regime von Präsident Abd al-Fattah as-Sisi seinen Einfluss geltend machen und kratzt dabei am Ruhm der renommierten Universität. In Cannes 2022 mit dem Preis für das Beste Drehbuch ausgezeichnet, ist Die Kairo-Verschwörung nun mit großer Verspätung auch bei uns im Kino angelaufen.
Darum geht es
Adam (Tawfeek Barhom), der Sohn eines Fischers, bekommt ein Stipendium für die Azhar Universität in Kairo. Als der Großimam der Universität stirbt, entbrennt um dessen Nachfolge ein Machtkampf zwischen den einzelnen islamischen Strömungen und der politischen Führung im Land. Colonel Ibrahim (Fares Fares) wird von der Staatssicherheit eingesetzt, um die Interessen von Präsident as-Sisi geltend zu machen. Er rekrutiert Adam als Informanten. Dann wird ein Student ermordet. Ibrahim weiß nicht mehr wem er vertrauen kann, da jeder Student ein potentieller Spitzel sein könnte. Colonel Ibrahim wird mit der Aufklärung des Mordes beauftragt. Die Lage spitzt sich zu, als ein blinder Scheich ein Geständnis ablegen möchte und dadurch möglicherweise gefährlich für das Regime werden könnte. Während die Lage in der Universität beklemmender und paranoider wird, gerät Adam immer mehr zwischen die Fronten.
Kommentar
Tarik Saleh hat aus mehreren Gründen mit Die Kairo Verschwörung einen mutigen Film gemacht. Seit der Machtübernahme von as-Sisi steht die Azar Universität unter Druck. Schon mehrmals hat der Präsident über die Köpfe der Gelehrten hinweg in die Studienpläne eingegriffen. Das hat dem Ruf der Universität geschadet, die sich damit rühmt, dem ganzen Spektrum islamischer Strömungen Platz zu bieten. Während die Geschichte um Adam frei erfunden ist, so entspricht das Spiel der Kräfte, zwischen die der Student gerät, doch der derzeitigen Realität. Der Regierungsapparat ist auch hier brutal und korrupt bis auf die Knochen. Der Regisseur ist in Ägypten nach wie vor eine persona non grata.
Saleh läßt aber insgesamt kein gutes Haar an den Gelehrten und an den Studenten der Universität. Für ihn ist dies kein Platz der geistigen Ertüchtigung, sondern ein allein von Ideologie und Politik getriebener und von Intrigen geplagter Ort. Hier gibt es keine sympathische Identifikationsfigur, weder Adam, noch Ibrahim taugen dazu.. Saleh bringt Adam in eine Situation, in der es keine Möglichkeit gibt, unter all der Einschüchterung das moralisch Richtige zu tun. Aber trotzdem können wir mit ihm mitfiebern. Bei Ibrahim (Fares Fares ist großartig als undurchsichtiger Beamter) blitzt nur hin und wieder ein Funke von Humanität und Empathie auf. Er bleibt aber tief im autoritären und folternden Staatsapparat verhaftet. Das sind nicht die besten Vorraussetzungen für einen erfolgreichen Film, wie vermutlich jeder Drehbuchguru anmerken würde.
Hinzu kommt, dass es etwas dauert, bis man sich als Zuseher in die Welt der Azhar eingewöhnt hat. Im Grunde ist uns das alles völlig fremd. Die hier wirkenden Dynamiken erschließen sich nur nach und nach. Es ist dem perfekt getimten Drehbuch von Saleh zu verdanken, dass wir trotzdem dranbleiben, bis sich die Spannung im Finale immer mehr verdichtet. Dabei gibt es kaum Gewaltausbrüche. Kaum jemand wird je laut. Die Konflikte spielen sich auf einer unerträglich ruhigen, um nicht zu sagen besonnenen, Ebene ab. Hinter jedem Charakter steckt ein übermächtiger Akteur, seien es der Staat oder die Muslimbrüderschaft, sodass mehr nicht notwenig ist. Es ist eine Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens und der Paranoia.
Die Kairo Verschwörung bietet nicht nur spannende Unterhaltung mit einer bemerkenswerten Besetzung, sondern gibt uns einen Einblick in eine Welt, die wir so nicht kennen und die so im Kino auch noch nicht zu sehen war.
Die Nile Hilton Affäre von Tarik Saleh (ebenfalls mit Fares Fares), ist derzeit bei Mubi verfügbar.
DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG (OT: Cairo Conspiracy/Walad Min Al Janna) Drama(SWE/FR/FIN/DEN, 2022) Regie Tarik Seleh Drehbuch Tarik Saleh Kamera Pierre Aïm Schnitt Theis Schmidt Musik Kristen Linder Mit Tawfeek Barhom, Fares Fares, Mohammad Bakri, Länge 126 Min. Im Kino
Ein Traum in Pastell und weiß. Am Hollywood Boulevard ist die Welt bei der 95. Verleihung der Oscars noch in Ordnung und das ist gut so. Ablenkung haben wir uns alle verdient. Für die einen – uns – dauert sie dreieinhalb Stunden und für andere ein ganzes Leben. Am 12. März sind die Oscars auch heuer wieder absurd spät vergeben worden und schließen somit das Filmjahr und die Awardseason erst Mitte März 2022 ab. Rückblickend war nicht nur an diesem Abenddie Qualität der Filme erfreulich hoch.
Etwas ausgedünnt aber mit einigen bemerkenswerten Produktionen bleibt das Filmjahr 2021 gut in Erinnerung. Der damalige Oscar-Gewinner Coda (Apple TV+) war allerdings nicht einmal unter meinen Top-20 Filmen vertreten (hier nachzulesen). Das ist in diesem Jahr anders. die 10 in der Kategorie Bester Film nominierten Filme waren durchwegs sehenswert.
2022 hat Tom Cruise dem Kino das Leben gerettet. Monatelang hatte er jeglicher Versuchung den Film an einen Streamingplattform zu verkaufen widerstanden. Top Gun: Maverick kamim Juni in die Kinos, nutzte sein Momentum und wurde zum Überraschungshit. Dass er dabei weltweit soviel eingespielt hat, wie Avatar: The Way of Water von James Cameron alleine in den USA, geschenkt. Dann war da noch ein Film, der im März in nur wenigen Kinos gestartet war. Wer konnte ahnen, dass dies den Beginn der unglaublichen Erfolgsgeschichte von Everything Everywhere All at Once von Daniel Kwan und Daniel Scheinert begründete.
Titelbild: The Banshees Of Inisherin (R: Martin McDonagh, IRL/USA/UK 2022)
Die Oscars
Stolze 7 Oscars also für Everything Everywhere All at Once. Das ist ziemlich beachtlich. Warum? In den vergangenen 25 Jahren (Post-Titanic-Ära) hatten nur Slumdog Millionäre (2009) mit 8 Oscars und Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2004) mit 11 Oscars mehr Auszeichnungen abräumen können. Gravity im Jahr 2014 ebenfalls 7. In den übrigen Jahren waren die Statuetten immer sehr verteilt vergeben worden. Blickt man in den jeweiligen Jahren auf die eher schwache Konkurrenz von HdR oder Slumdog Millionäre, dann verwundert es nicht. Umso erstaunlicher, dass sich in diesem Jahr ein Film derart durchsetzen konnte. Zumal es mittlerweile zehn Filme in der Kategorie Bester Film gibt. Es waren auch schon nur fünf. Originalität und Umsetzung der Story von EEAAO ist jedenfalls beachtenswert, gerade in Zeiten der endlosen Wiederverwertungen.
Everything Everywhere All At Once (R: Daniel Kwan, Daniel Scheiner, USA 2022)Quelle: Wikipedia
Es war diesmal ein spannender Abend. In nahezu allen Schauspielkategorien waren die Prognosen knapp. Im Westen nichts Neues schnitt deutlich besser ab als erwartet. Eine große Auszeichung für die Filmlandschaft in Deutschland. Egal was man von dem Film hält, man sieht, was mit ausreichend Budget auch in Europa möglich ist. Abgezeichnet hatte sich bereits, dass The Banshees of Inisherin leer aus gehen würde (dieses Schicksal teilten am Ende auch noch Elvis, Tár und Die Fabelmans). Obwohl der Film im Herbst noch als Favorit gelten konnte. Die Kehrseite, wenn es einen großen Gewinner gibt.
In der Regiesparte wurden Frauen neuerlich ignoriert. Die neuen und umstrittenen Vielfälltigkeits-Kriterien werden das ab 2024 auch nicht ändern. Sie betreffen nur die Kategorie Bester Film. Dafür wurden in diesem Jahr wieder alle Preise live in der Show vergeben. Unter anderem die Oscars für Schnitt und Ton wurden im vergangenen Jahr bereits im Vorfeld überreicht. Die Show war damals trotzdem nicht kürzer, sogar länger als in den Jahren davor (das forderte nicht nur die ZuseherInnen zu Hause, sondern vor allem das Publikum im Saal, das angehalten ist, die Plätze nicht zu verlassen). In diesem Jahr war dafür für Einlagen abseits der Verleihungen keine Zeit. Das ist kein Nachteil, weil die Academy hier in den vergangenen Jahren kein glückliches Händchen hatte. Dem Eklat aus dem letzten Jahr wollte man heuer mit Humor begegnen. Will Smiths Ausraster zu ignorieren war keine Option.
Zu den Höhepunkten zählte ein sichtlich gerührter John Travolta, der mit den Worten „Hopelessly Devoted To You“ Olivia Newton John gedachte und Lenny Kravitz, der in Folge zu „In Memoriam“ am Klavier spielte.
Im vergangen Jahr rang man damit, wie mit dem Ukraine-Krieg umzugehen sei. In diesem Jahr hat man es gleich sein lassen. Es blieb an Yulia Nawalnaya hängen, sich dazu zu äußern, als sie und das Team von Nawalny den Oscar für den Besten Dokumentarfilm entgegennahmen.
So verlief der Abend relativ trocken. Die Präsentation der Songs war fast schon traditionell ein Tiefpunkt. All das wurde jedoch durch die hohe Qualität der Filme wettgemacht. Im Grunde war das Publikum am Ende zufrieden, da Everything Everywhere All at Once ohnehin der Gewinner der Herzen gewesen ist (Das Gartenbaukino in Wien war in diesem Jahr wieder voll).
She Said, Aftersun, Armageddon Time, waren Filme, um nur ein paar zu nennen, die an diesem Abend schmerzlich vermisst wurden.
Das Filmjahr
Everything Everywhere All at Once ist nur ein Beispiel dafür, wie Filme im Laufe des Jahres wahrgenommen werden. Da folgt ein Re-release dem nächsten. Noch deutlicher wird das bei Streamingproduktionen, die erst nach und nach einem breiteren Publikum bekannt werden. Erfreulicherweise waren so gut wie alle Filme aus der diesjährigen THE REEL THERAPIST-Bestenliste zumindest kurzzeitig im Kino zu sehen. Hinzu kommt, das der Anteil an Produktionen von Streamingplattformen deutlich geringer war, trotz des großen Erfolges von Netflix bei den Oscars. Interessant daran ist, das Netflix gegenüber der Konkurrenz hier deutlich die Nase vorne hat. Gleichzeitig gerät die Plattform immer mehr in die Kritik, weil sie Masse an Eigenproduktionen nicht einmal als durchschnittlich bewertet werden kann und immer mehr NutzerInnen verärgert.
She Said (R: Maria Schrader, USA 2022)
Die Industrie tut den Filmen nach wie vor nichts Gutes, wenn zwischen Premieren und regionalen Kinostarts Wochen und Monate vergehen (Von den bisher 24 in diesem Jahr gesehenen aktuellen Filmen hatte kein einziger seine Premiere 2023!). Allein Blockbuster erscheinen nahezu zeitgleich. Nur hier ist man sich des finanziellen Risikos bewußt, der mit einem verzögerten Start einher geht. Bei Filmen wie Marcel The Shell With Shoes On oder The Banshees Of Inisherin spielt das leider kaum eine Rolle. Marcel war nur für einzelne Vorstellungen im Programm. Immerhin. The Quiet Girl oder After Yang sucht man vergebens auf dem Spielplan. Sie sind selbst VOD nur über Umwege verfügbar.
The Quiet Girl (R: Colm Bairéad, IRL 2022)
Rückblickend hatte die Viennale 2022 eine sehr starke Filmauswahl. So gut wie alle relevanten Filme, die damals bereits auf dem Markt waren, konnte man im Herbst in Wien sehen. Da hadere ich aber etwas mit der Unübersichtlichkeit des Programmes.
Die Bestenliste 2022 ist wieder etwas länger als im vergangenen Jahr. Wie immer gilt bei THE REEL THERAPIST alles ab einer 4 ★ Bewertung als Empfehlung. Anschließend sind diesmal sämtliche Filme aus dem Produktionsjahr 2022 aufgelistet, die ich in dieser Saison gesehen habe. Es sind 82 Filme. Oft stellt sich mir bei Bestenlisten die Frage, aus welchem Grund der ein oder andere Film nicht vertreten ist. So läßt sich die Auswahl besser einordnen.
Komplette Liste der gesehenen Filme mit Premiere im Jahr 2022
8 rue de l’humanite | Aftersun | After Yang | All the Beauty and the Bloodshed | Ambulance | Apollo 10 1/2 | Argentinien, 1985 | Armageddon Time | Athena | Avatar: The Way Of Water | Babylon | The Banshees Of Inisherin | Bardo | The Batman | Der Beste Film Aller Zeiten | Being The Ricardos | Blond | Bones and All | Avec Amour Et Acharnement (Both Sides Of The Blade) | Broker | Bros | Crimes Of The Future | Decision to Leave | Don’t Worry Darling | Emergency | Eismayer | Die Elefantenflüsterer | Everything Everywhere All At Once | Elvis | Emily the Criminal | Enola Holmes 2 | The Fire Within: A Requiem For Katia And Maurice Krafft | Glass Onion: A Knives Out Mystery | Guillermo del Toro’s Pinocchio | A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani | The House | Hustle | Im Westen Nichts Neues | Incredible but true | Die Fabelmans | Jackass Forever | Last Film Show | Lightyear | Marcel The Shell With Shoes On | Märzengrund | Massive Talent | Meine Nacht mit Leo Grande | The Menu | Mutzenbacher | Nawalny | The Novelist‘s Film | The Northman | Nope | Pacifiction | Pearl | Pleasure | Puss in Boots: The Last Wish | The Quiet Girl | Rimini | RRR | Rubikon | Sachertorte | Saint | The Sea Beast | She Said | Sonne | Strange World | Tár | Theatre Of Thought | This much i know to be true | Three Thousand Years of Longing | Top Gun: Maverick | Tori et Lokita | Triangle Of Sadness | Turning Red | Vera | Wendell & Wild | Werner Herzog: Radical Dreamer | The Whale | White Noise | Wo in Paris Die Sonne Aufgeht | Women Talking | X