MitTimothée Chalamet, Calah Lane, Olivia Coleman Regie Paul King Ab 8 Länge 117 Min.
Der erste Trailer von Paul Smiths WONKA hat doch glatt unterschlagen, dass es sich hier um ein Musical handelt. Völlig unbegründet, denn die Gesangsnummern gehen ins Ohr. Timothée Chalamet belebt den bisher nicht gerade durch seinen sympathischen Charakter aufgefallenen Schokoladenconnoisseur Wonka mit seiner charmanten Art zu neuem Leben.Mit Roald Dahls ursprünglichen Geschichte, hat das hier aber weniger zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Vorgeschichte und da hat man gleich einmal die Tonart geändert.Es ist wohl kein Zufall, dass Chalamets Wonka mit seiner naiven Warmherzigkeit an PADDINGTON erinnert. Mit den zwei Ausnahmefilmen über den berühmten Bären hat sich Regisseur Paul King in den vergangenen zehn Jahren einen Namen gemacht. Timothée Chalamet selbst zeigt einmal mehr, warum er für das zeitgenössische Kino so wichtig ist und es in Zukunft noch mehr sein wird.
Hugh Grant im wohl skurrilsten Auftritt seiner Karriere. Mit Timothée Chalamet in WONKA (Paul King, USA/GB 2023)
Kurzkritik
Wonka ist jetzt kein Menschenfeind mehr und sogar ein Kinderfreund. Daran haben sich manche gestossen. Zu weichgespühlt hat Paul King den verträumten Schokoladenkönig. Die Liebe steckt hier aber im Detail und wer WONKA nicht mag, hat ohnehin kein Herz.
Zugegeben, ich bin kein Freund virtueller Computerwelten, die rein gar nicht in der Realität verankert sind und mit waghalsigen Kamerafahrten aufwarten. In WONKA gewöhnt man sich aber recht schnell daran, weil nicht die großen Setpieces im Vordergrund stehen.
Interessanterweise ist Paul Kings Inszenierung Tim Burtons Stil nicht unähnlich. Nur mit mehr Zuckerwatte und Popcorn. Jede Figur ist hier auf ihre Art überzeichnet. Alles übertrieben. Trotzdem bekommen die zwischenmenschlichen Beziehungen genügend Raum und ja, Timothée Chalamet.
Um die Brücke zu Johnny Depp zu schlagen: als er in seinen späten 20ern war, gab es eine Reihe junger junger Schauspieler mit Starpotential, die das Publikum in die Kinos lockten: Brad Pitt oder Tom Cruise, Leonardo di Caprio begann gerade seine Karriere. Um nur die Bekanntesten zu nennen. Das ist längst nicht mehr so. Daher ist Chalamet von so unschätzbarem Wert für das Kino von heute. Er nutzt seine Popularität um zwischen Arthaus- und Blockbustersegment zu wechseln. In WONKA verzaubert er als Prince Charming das Publikum.
Mit der deutschen Synchronfassung hat man sich viel Mühe gegeben (der Chor der Mönche ist zum Niederknien komisch) und mit Marco Eßler eine sehr passende Synchronstimme gefunden. Trotzdem lege ich wie immer die Originalfassung nahe. Vor allem wenn man in Filmen die Originalsprache gewohnt ist, kann die Übersetzung gewöhnungsbedürftig sein.
Einzig ein wenig kürzer könnte WONKA hinsichtlich des jüngeren Publikums sein. Der Film läuft ohne Altersfreigabe, was ich wiedereinmal nicht nachvollziehen kann. Mindestens 8, wenn nicht 10 Jahre sollten die Jüngsten schon sein. Andernfalls überfordern zwei Stunden die Kleinsten zu sehr.
WONKA ist ein warmherziges Märchen mit vielen liebeswerten Charakteren und die beste Gelegenheit für einen Kinobesuch mit der Familie. Eine Fortsetzung verspielt man meiner Meinung nach in den letzten Minuten. Aber wer weiß. Oompa Loompa doompetydo!
WONKA USA/UK 2023 Musical Ab 8 Länge 117 Min. Regie Paul King Drehbuch Paul King, Simon, Farnaby Kamera Chung Chung-hoon Schnitt Mark Everson Musik Joby Talbot Mit Timothée Chalamet, Calah Lane, Olivia Coleman
Mit Bradley Cooper, Carey Mulligan Regie Bradley Cooper Ab 10 Länge 129 Min.
OSCAR KANDIDAT
Die Kamera nähert sich Leonard Bernstein, gespielt von Bradley Cooper, von hinten an. Für ein Fernsehteam spielt er auf dem Klavier. Am Ende sackt er in sich zusammen und erinnert sich an seine große Liebe. Jede Geste stimmt, die Maske sitzt perfekt. Cooper zieht uns in MAESTRO vom ersten Moment an in seinen Bann. Die ersten beiden kaum fünf Minuten dauernden Szenen haben mehr cinematische Kraft und Emotion als so manch anderer Film in diesem Jahr in mehreren Stunden zu entfachen vermag. Was folgt ist kein gewöhnliches Biopic, sondern eineschmerzhafte Liebesgeschichte anhand der sich Cooper an einer der beeindruckendsten Künstlerbiografien des 20. Jahrhunderts abarbeitet.
Bradley Cooper und Carey Mulligan in MAESTRO (USA 2023)
Kurzkritik
A STAR IS BORN war also keine Regieeintagsfliege. Bradley Cooper ist es gelungen, mit seiner zweiten Regiearbeit an den Erfolg von 2018 anzuknüpfen. Und wieder steht eine starke Frauenfigur im Zentrum. Diesmal ist es Bernsteins langjährige Ehefrau Felicia Montealegre gespielt von Carey Mulligan. Wir erleben das Musikgenie aus ihrer Perspektive. Sie selbst ein Broadwaystar, leidet unter seinem enorme Ego. Das kann nicht gut gehen. Zudem Bernstein nicht gerade für seine Treue bekannt war. Trotzdem bleibt sie Jahrzehnte an seiner Seite.
Besonders auffällig ist die von Cooper penibelst einstudierte Mimik und Gestik, was ihm Kritik eingebracht hat. Er sieht Bernstein dank einer im wahrsten Wortsinn herausragenden Maske zum verwechseln ähnlich. Nahezu jedes Outfit weckt Erinnerungen an Fotos und Filmaufnahmen von Bernstein. Hier drängen sich in einigen Departments Oscar Nominierungen auf. Sogar sein Klavierspiel hat er perfektioniert, für Szenen wie jene, in der Bernstein mit Aaron Copland (Brian Clements) ein Duett spielt. Allerdings bekommen wir eine andere Version zu hören. Ein Höhepunkt von MAESTRO ist jene mehr als fünf Minuten lange Szene, in der Cooper die 2. Symphonie von Mahler dirigiert. In der Kathedrale von Ely, an jenen Ort, an dem Bernstein in den 1970ern einen großen Erfolg feierte.
Bereits in A STAR IS BORN umgab sich Bradley Cooper mit bis in die kleinsten Rollen erstklassig besetzen NebendarstellerInnen. Egal ob Hausmeister oder Gesprächspartner in einer Tischgesellschaft: In der jeweiligen Szene sind sie den beiden Hauptdarstellern unmittelbar ebenbürtig. Das gibt dem Film eine unglaubliche Kraft. Genauso wie immer wiederkehrende Traumsequenzen, die sich fließend in die Handlung einfügen und eine ganze Reihe an ausdrucksstarken Bildkompositionen.
A work of art does not answer questions, it provokes them, and its essential meaning is in the tension between the contradictory answers.
Das Zitat von Leonard Bernstein steht am Anfang von MAESTRO.
Voller Widersprüche war Bernstein selbst. Allein schon, da er als homosexueller Mann ein Doppelleben führte, das er selbst vor seinen Kindern verborgen hatte (der Film entstand in Zusammenarbeit mit seinen drei Kindern). Es ist unbestritten, dass er seine Frau über alles liebte, auch wenn Montealegre in einer zentralen und emotionalen Szene behauptet, sein Herz sei voll Haß. Was, so Cooper, der diese Szene schon vor mehreren Jahren geschrieben hatte, aber wiederum in Frage stellt. Sonst wäre sie nicht so lange an seiner Seite geblieben. Gleichzeitig erdrückt Bernstein alle in seiner Umgebung mit seiner Persönlichkeit und läßt kaum Luft zum Atmen. Als Dirigent hatte er zudem ein komplett anderes Auftreten, als wie wenn er gerade komponierte oder sich auf den zahlreichen Parties herumtrieb.
MAESTRO ist ein sehr ambitioniertes aber auch gelungenes Porträt einer Beziehung und wie so oft, wenn die Beziehung eines Genies beleuchtet wird, muss man unweigerlich erkennen, dass dieses Genie ohne den Rückhalt einer Partnerin an der Seite, bei weitem nicht so erfolgreich sein konnte. Ohne Felicia wäre Leonard verloren gewesen. Das bringt Bradley Cooper auf den Punkt. Nicht zu vergessen ein grandioser, das Schaffen Bernsteins umspannender Soundtrack, der zum immer wieder Nachhören einlädt.
Nach wenigen Wochen im Kino ist MAESTRO bereits bei Netflix verfügbar. Was ich befürworte. Ins Kino habe ich es nicht geschafft und zudem konnten wir den Film zu Hause gemeinsam schauen. Im Kino wäre das undenkbar. Es ist ein großer Gewinn.
Maestro, USA 2023 Biografie Ab 10 Länge 129 Regie Bradley Cooper Drehbuch Bradley Cooper, Josh Singer Kamera Matthew Libatique Schnitt Michelle Tesoro Mit Bradley Cooper, Carey Mulligan Netflix
NAPOLEON USA/UK 2023 Regie Ridley Scott Historienfilm Ab 12 Länge 158 Min.
Ludwig von Beethoven widmete seine 3. Sinfonie „Eroica“ ursprünglich Napoleon Bonaparte. Erst wollte er sie Napoleon persönlich in Paris präsentieren. Dann war er jedoch so verärgert, nachdem sich dieser 1804 selbst zum Kaiser krönte, dass er nachträglich die Widmung auf der Partitur entfernte. Über die Einordnung des Wirkens von Napoleon ist sich die Wissenschaft bis heute uneinig. Ridley Scotts orientiert sich in NAPOLEON leider nicht an den letzten Erkenntnissen von HistorikerInnen.Das ist aber noch nicht das einzige Problem seines neuesten Epos.Abgesehen von bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen von Joaquin Phoenix und Vanessa Kirby knüpft Ridley Scott mit NAPOLEON nicht an frühere Erfolge an.
Vanessa Kirby und Joaquin Phoenix (Ridley Scott, USA/UK 2023)
Kurzkritik
Wenn zum Kinostart bekannt ist, dass der Regisseur gerade an seiner Version des Filmes arbeitet, die in naher Zukunft per Streaming verfügbar sein wird, dann ist das schon keine günstige Ausgangssituation. NAPOLEON, jetzt schon mit einer Überlänge von knapp 160 Min, soll noch einmal um eineinhalb Stunden länger werden. Ob man derart Menschen dazu bewegen kann, mehr als 10€ für einen einzigen Film zu bezahlen, ist fraglich. Zumal er in der jetzt vorliegenden Fassung fragmentarisch und zerrissen wirkt, arbeitet sich Scott doch an mehr als einem Duzend Stationen in Napoleons Leben ab.
Ein Historienfilm läßt sich aus mehreren Perspektiven betrachten. Ridley Scott (HOUSE OF GUCCI, THE LAST DUEL) und Drehbuchautor David Scarpa nähern sich über den Briefverkehr zwischen Napoleon und seiner Frau Joséphine der Geschichte an. Die nahezu kindlich anmutende Art der Konversation war für sie das geeignete Ausgangsmaterial. Eine spannende Herangehensweise und eine interessante Perspektive. Überlagert werden diese aus dem Off kommenden Dialoge nun aber mit verschiedenen zeitlich chronologisch angeordneten Stationen aus Napoleons Leben von der Hinrichtung Marie-Antoinettes bis zu seinem Exil in St. Helena. Dieses hin und her zwischen Schlachtfeld und Schlafzimmer will nicht so recht funktionieren. Es fehlt an Romantik und Poesie. War der Stoff in den falschen Händen? Der Director’s Cut soll sich mehr auf Joséphine fokussieren. Auch wenn das etwas ändern sollte, ist eine Laufzeit von vier Stunden den meisten wohl kaum zumutbar. Und warum soll etwas gelingen, was in zweieinhalb Stunden schon fehlgeschlagen ist?
Wie sieht es mit der Erwartungshaltung aus, wenn man heute in einen Film geht, der eine historische Grundlage hat. Was mich selbst betrifft, so möchte ich eine korrekte Erzählung und keine Dichtungen, in einer ohnehin schon hochdramatischen Geschichte. Bereits von der ersten Sequenz an, in der Napoleon der Hinrichtung Marie-Antoinettes beiwohnt, was offenkundig nicht der Fall war, hält sich das Drehbuch nicht an historische Tatsachen. Die meisten Verfilmungen über das Leben Napoleons liegen viele Jahre zurück und wahrscheinlich wäre Scotts Version damals auch anders rezipiert worden. Aber heute glaube ich, dass die Erwartungen andere sind. Das hat sich auch in den Gesprächen nach der Vorstellung gezeigt. Das geht bis zum Nachspann, in dem die Millionen unter Napoleons Kriegsführung zu Tode gekommenen aufgeschlüsselt werden. Dabei ist es nicht mehr so sicher, dass er selbst für die Opfer verantwortlich war, sondern sie viel mehr eine Folge der in Europa vorherrschenden Macht- und Spannungsverhältnissen waren.
Eine Ungenauigkeit sticht besonders hervor: Joséphine war sechs Jahre älter als Napoleon. Bei ihrer Hochzeit versuchten die Beiden den Unterschied mit falschen Geburtsdaten zu kaschieren. Vanessa Kirby ist aber 14 Jahre jünger als Joaquin Phoenix. Das ist auch dahingehend ein problematisches Zeichen, da es mit zunehmendem Alter für Frauen immer schwieriger wird, ihrem Alter entsprechende Rollen zu bekommen.
Was viele ins Kino ziehen wird, sind neben den beiden Schauspielstars wohl die epochalen Schlachtszenen, die natürlich auf der Leinwand besonders zur Geltung kommen (Nebenbei ist der Film auf eine morbide Art und Weiße recht witzig, was beim Publikum im Saal weniger angekommen zu sein scheint). Optisch gibt NAPOLEON ordentlich was her und ist auch erstaunlich kurzweilig. Trotzdem: die beschriebenen Schwächen und die andere Version des Filmes im Hinterkopf trüben das Filmerlebnis.
NAPOLEON USA/UK 2023 Historienfilm Ab 12 Länge 158 Min. Regie Ridley Scott Drehbuch David Scarpa Kamera Dariusz Wolski Schnitt Sam Restivo, Claire Simpson Musik Martin Phipps Mit Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Rubert Everett Apple TV+
ROTER HIMMEL, D 2023Regie Christian Petzold Drama Ab 14 Länge 103 Min.
Mit ROTER HIMMEL hat sich Christian Petzold selbst übertroffen. Seine Geschichte über einen jungen Schriftsteller, der sich mit einem Freund in ein abgelegenes Haus an der Ostsee zum Arbeiten zurückziehen möchten und dort dann aber auf eine Frau trifft und nicht die erhoffte Ruhe vorfindet, ist reich an Verweisen an große Meister des Kinos. Unter der Sommersonne ist die Begierde zueinander groß. Dabei ist es Petzold wichtig den Begehrenden und nicht das Objekt der Begierde zu zeigen. Ein Sommerfilm voller Suspense im hitchcockschen Sinneund einer Portion Wiener Grand.
Thoma Schubert und Paula Beer in ROTER HIMMEL (Christian Petzold, D 2023)
Kurzkritik
Es gibt Filme, die scheinen den gesamten Kosmos des Kinos regelrecht zu absorbieren, um dabei etwas Neues entstehen zu lassen. Christian Petzold ist mit ROTER HIMMEL neuerlich ein Meisterwerk gelungen. Einmal mehr und doch anders als sonst, nicht zuletzt, weil nun leichtfüssiger und für ein größeres Publikum somit leichter zugänglich. Ein Sommerfilm an der Ostsee, es knistert nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch im trockenen Gebüsch, wo sich in der Ferne Unheil ankündigt.
Thomas Schubert, als Schriftsteller Leon, der in der Abgeschiedenheit versucht, an seinen erfolgreichen Erstlingsroman anzuknüpfen, war eine Rollenbesetzung in letzter Sekunde. Natürlich kannte er den Regisseur, aber nicht persönlich. Ein Glücksfall, wie sich jetzt herausstellt. Es dürfte für Schubert der internationale Durchbruch sein. Bei der Berlinale gewann der Film den Preis der Jury und als Darsteller wurde er heuer für den Europäischen Filmpreis nominiert.
Ruhe findet er im Haus der Eltern seines Freundes Felix (Langston Uibel) allerdings nicht. Eine junge Frau stört die Konzentration. Paula Beer als Nadja erleben wir zuerst nur aus der Distanz, wenn Leon sie aus der Ferne beobachtet. Es ist fast so, als wäre sie nur zufällig am Set. Immer wieder versucht Leon einen Blick zu erhaschen und verpasst sie dann doch. Wenn es dann zum ersten Zusammentreffen kommt, sticht sofort der Wiener Grand zu. Leon blockiert und zeigt ihr die kalte Schulter, obwohl er natürlich sehr neugierig ist (und man spürt regelrecht, wie der volle Kinosaal sagen möchte: Komm, stell dich nicht so an!).
Nadja, die auf der Promenade Eis verkauft, scheint mit dem Rettungsschwimmer Devid (Enno Treps) eine Affäre zu haben. Das wurmt Leon unheimlich und um all die Gefühle, die in der Junihitze flimmern, gibt es eine Anspannung. Der Himmel wird sich rot färben und es wird Asche regnen. Bis dahin ist ROTER HIMMEL aber auch sehr unterhaltsam. Es ist eine Art von Film, die es im deutschen Film eigentlich nicht gibt, wo in der Hitze des Sommers Menschen aneinander geraten und die Geschichte zwischen humorvollen kleineren Reibereien und anfangenden gröberen Konflikten jongliert.
Christian Petzold schrieb das Drehbuch während eines Lockdowns, als er auch selbst erkrankte. Auch wenn von der Pandemie nichts zu sehen ist, hat sie die Drehbuchentwicklung doch stark beeinflusst, wie Petzold erzählt. Geblieben ist aber ein Rückzugsort in Form eines Hauses auf einer Waldlichtung, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Die Katastrophe nähert sich aber man sieht sie nicht.
ROTER HIMMEL wurde weder für den Deutschen Filmpreis berücksichtigt, noch war er in der Vorauswahl der für die Deutsche Filmakademie der 26 besten Filme des Jahres. Das sorgte für große Kritik und stellte diese Institutionen grundsätzlich in Frage.
Verfasst im Rahmen der Viennale 2023.
In Deutschland ist der Film bereits auf der Streamingplattform Mubi verfügbar (Österreich wird folgen).
DER KILLER (OT: THE KILLER), USA 2023Regie David Fincher Krimi, Thriller Ab 16 Länge 119 Min.
Lasst Martin Scorsese, Alejandro Iñárritu und all die anderen keine 3-Stunden-Filme machen, hatte Terry Gilliam erst vor kurzem auf der Bühne des Gartenbaukino gefordert. Durch die Streamingplattformen war das Zeitmanagement in den letzten Jahren etwas aus dem Ruder gelaufen. Bei Netflix zählen ab 120 Sekunden alle als ZuschauerInnen, ob dann noch 3 Stunden oder mehr folgen, spielt keine Rolle. Aus dem Rahmen fällt da DER KILLER von David Fincher. Knackige 2 Stunden braucht er, um uns von einem namenlosen Profikiller zu erzählen. Die Rolle scheint Michael Fassbender auf dem Leib geschrieben zu sein. Die Meinungen gehen auseinander. Ich konnte dem Film sehr viel abgewinnen.
Michael Fassbender in DER KILLER (David Fincher, USA 2023)
Kurzkritik
Es beginnt damit, dass der namenlos bleibende Protagonist ein leeres Hotelzimmer observiert. Tage- und Nächtelang geht er seiner langweiligen Tätigkeit nach (Es ist fast so, als würde uns James Stewart aus DAS FENSTER ZUM HOF vom Haus gegenüber aus beobachten). In DER KILLER verbringt der Auftragskiller die meiste Zeit mit warten. Kein all zu aufregender Beruf also. Das ändert sich erst, als ihm ein Missgeschick passiert und er seinen Auftrag nicht zur Zufriedenheit des Auftraggebers ausführen kann. Nach einer grandios inszenierten Flucht, muss er erkennen, dass er nach und nach all seine Prinzipen über Board werfen wird müssen. Er wird persönlich getroffen und muss reagieren.
Was folgt ist ein Rachefeldzug, wie man ihn schon öfters gesehen hat und doch ist etwas anders. Nicht nur die Arbeit des Protagonisten ist langweilig, er ist es selbst auch. Um seine Identität zu waren, verfolgt er eine strenge Routine nahe der Perfektion, wechselt ständig seine Identität und verwischt seine Spuren gründlich. Regisseur David Fincher beobachtet ihn dabei in seiner schon fast analytischen Herangehensweise. Zu hören ist die fast schon zu schöne, monotone Stimme des Killers, die uns an seinen Lebensphilosophien teilhaben lässt. Dialoge gibt es in DER KILLER kaum.
Basierend auf dem französischen Comic mit gleichem Namen, geschrieben von Alexis Nolent (a.k.a. Matz) und illustriert von Luc Jacamon, ist es nach MANK Finchers zweiter Film, der für ein breiteres Publikum nur schwer zugänglich ist. Waren es im Vorgänger noch eine Reihe an historischer Persönlichkeiten aus der Filmwelt, die allgemein nicht unbedingt einen großen Bekanntheitsgrad hatten, so ist es hier die schiere Konturenlosigkeit des von Michael Fassbender dargestellten Hauptdarstellers. Ich kann gut verstehen, wenn eine Geschichte mit einem emotionslosen und aalglatten Protagonisten und kaum Dialog nicht viele Freunde findet. Noch dazu, wo Fincher dem Genre nicht viel hinzuzufügen weiß. Vielleicht ist es Fassbender in seiner minimalistischen aber fesselnden Art oder die gewohnt beeindruckende Bilderwelt Finchers und das Tempo aber ich bin dran geblieben und würde sogar so weit gehen und mehr aus dem Alltag des Protagonisten erfahren wollen. Und nicht zu vergessen: Tilda Swinton und ihr kleiner aber feiner Auftritt.
DER KILLER (OT: THE KILLER), USA 2023 Krimi, Thriller Ab 16 Länge 119 Min. Regie David Fincher Drehbuch Andrew Kevin Walker Kamera Erik Messerschmidt Schnitt Kirk Baxter Musik Trent Raznor, Atticus Ross, The Smiths Mit Michael Fassbender, Tilda Swinton Netflix
Es begann mit einer sehr unglücklichen Terminkollision: Der Kinostart von Martin Scorseses KILLERS OF THE FLOWER MOON viel genau auf den Tag der Viennale Eröffnung. Genau jener Film nämlich, der diese Tage die Seiten der Zeitungen füllte und in aller Munde war. Das ist marketingtechnisch nicht ideal. Selbst filmaffine Menschen in meiner Umgebung haben die Viennale nicht wirklich wahrgenommen, von anderen gar nicht zu reden. Woran liegt das?
Die erfreuliche Nachricht: In diesem Jahr konnte das Festival noch einmal sowohl die Besucherzahlen als auch die Auslastung auf 75.300 beziehungsweise 76% erhöhen (Zum Vergleich: vor dem Jahr 2000 lagen die Zahlen bei über 90.000 und über 80%). Es ist jedes Jahr aufs Neue schön zu sehen, wenn so viele Menschen in die Wiener Innenstadtkinos strömen. Aber ist das schon alles? Wie sieht es mit der Außenwirkung über das Stammpublikum hinaus aus? Dass dem Festival der eine Stargast abhanden gekommen war, war einfach Pech und außerdem ohnehin nur für Schlagzeilen am Folgetag gut. Dazu ein paar Überlegungen:
Bereits vor Jahren, als Hans Hurch noch die Festivalleitung über hatte, wurde ihm nahegelegt, das Festival mit einem publikumswirksamen Film und entsprechenden Gästen zu eröffnen. Verbindungen und konkrete Vorschläge hätte es gegeben. Leider hatte er kein Interesse. Warum ist das wichtig? Die Medienpräsenz wäre eine ganz andere und hätte Auswirkungen auf die Wahrnehmung der gesamten Dauer des Festivals, selbst bei einem Film mit für die Viennale traditioneller politischer Aussage. Andere Festivals machen es vor. Idealerweise mit einer internationalen Premiere, muss aber nicht sein. Dazu ein Beispiel aus der Sportwelt und warum das Eröffnungsevent wichtig ist: Die Fußball-Europameisterschaft 2008 wurde in Österreich und der Schweiz ausgetragen. Das Finale fand in Wien statt, das Eröffnungsspiel allerdings in der Schweiz. Somit gingen die Bilder von der Eröffnung aus der Schweiz um die Welt. Dass Österreich ebenso Austragungsland gewesen ist, konnte später nicht mehr in dieser Breitenwirksamkeit kommuniziert werden.
Der Viennale täte ein Wettbewerbgut. Auszeichungen sind wichtig, egal was man davon hält. Schließlich zeigt die Viennale auch die Höhepunkte des Filmjahres, darunter alle Preisträger von der Berlinale bis zu den Filmfestspielen von Venedig. Also warum nicht eigene Preise ins Leben rufen? Vergeben von einer Kombination aus Jury und Publikum (nämlich jene, die eine Mindestanzahl an Filmen gesehen haben). Das wertet das Festival auf und wird zudem dem Ruf des Publikumsfestivals gerecht.
Ein übersichtliches Programm. Ohne weitere Recherchen geht man im Programm der Viennale schnell verloren. Die Zusammenlegung von Spielfilmen und dem Dokumentarfilm in die Schiene Features wertet den Dokumentarfilm nicht auf. Es bedeutet nur mehr Zeitaufwand bei der Programmauswahl. Dass sich jemand unbeabsichtigt in einen Dokumentarfilm verirrt, ist eher unwahrscheinlich. Darüber klagen auch jene, die sicher einen besseren Überblick über das Filmjahr haben. Darüber hinaus wäre es sinnvoll, wieder die bereits gewonnenen Auszeichnungen anzuführen. Es spricht sich ohnehin herum, welche Filme der großen drei Festivals man gesehen haben muss. Es gibt aber noch viel mehr. Sundance zum Beispiel. Sie sind eine Orientierungshilfe und deswegen werden andere Filme nicht mehr oder weniger gesehen. Um die Aufmerksamkeit auf sehenswerte Filme zu lenken, die nicht so im Fokus stehen (aus der Sicht des Festivals sind sie wahrscheinlich alle sehenswert, sonst würden sie nicht gezeigt werden), könnte man doch Filmreihen als Empfehlung zusammenstellen, die sich ergänzen und eine Mischung aus den prominenten Titeln und Neuentdeckungen bilden.
Zu guter Letzt könnte sich die Viennale in Richtung Multiplex-Kinos öffnen, was in Wien gleichbedeutend mit einer Kooperation mit den Cineplexx Kinobetrieben ist. Dafür reicht eine Handvoll publikumswirksamer Filme und im Nu säßen Menschen in der Viennale, die es wohl nie in ein Innenstadtkino verschlagen hätte. Eine eigene Werbelinie und ein eigener Kartenvorverkauf vorausgesetzt.
Der älteste Viennale-Katalog bei uns im Regal ist aus dem Jahr 1997. Die Viennale liegt mir seit jeher am Herzen, darum sei soviel Kritik erlaubt. Wir sehen uns auf der Viennale 2024!
Hier ist ein Überblick über eine Filmauswahl der letzten Tage der Viennale 2023 (Zu Teil 1 geht es hier entlang).
LA PASSION DE DODIN BOUFFANT (TRAN ANH HÙNG, F 2023)
LA PASSION DE DODIN BOUFFANT (TRAN ANH HÙNG, F 2023)
Mehrmals ging ein Seufzen durch die Reihen des gut besuchten Gartenbaukinos. Es war fast Mittag und es machte sich bemerkbar, dass in den meisten Mägen gähnende Leere herrschte. LA PASSION DE DODIN BOUFFANT ist nämlich Foodporn vom Feinsten. Was da an Speisen übergroß auf der Leinwand aufgewartet wird, sucht seines Gleichen. Kein Wunder: als Berater war der französische Starkoch Pierre Gagnaire tätig. Wunderschön von Kameramann Jonathan Ricquebourg in Szene gesetzt. Ohne Filmmusik, allein das Knistern des Feuers oder das Bruzeln in der Pfanne erfüllt den Raum.
Dodin (Benoít Magimel) ist Gastronom. Es ist das ausgehende 19. Jahrhundert und er lebt mit seiner Köchin Eugénie (Juliette Binoche) in einem großen Landhaus. Das Patriarchat ist stark ausgeprägt. Obwohl den männlichen Gästen Dodins bewusst ist, wer hinter den Gerichten steckt, bleibt Eugénie in der Küche und sitzt nie mit ihnen am Tisch. Über die Jahrzehnte hat sich zwischen Dodin und Eugénie eine innige Beziehung entwickelt und Dodin wird nicht müde, sie zu umwerben. Jahrelang lehnt sie jedoch jeden Gedanken an Heirat ab.
Man kommt nicht umhin, daran zu denken, dass Binoche und Magímel vor 20 Jahren für ein paar Jahre ein Paar gewesen sind. Bei den Dreharbeiten zu DAS LIEBESDRAMA VON VENEDIG hatten sie sich 1997 kennengelernt. LA PASSION DE DODIN BOUFFANT ist erst ihr zweiter gemeinsamer Film. Nun sehen wir sie als Paar, dass bereits gut 20 Jahre zusammen ist. Das fügt dem Film eine spannende Ebene hinzu.
In Frankreich hat man dem Film überraschenderweise gegenüber dem Gewinner der Goldenen Palme ANATOMIE D’UNE CHUTE den Vorzug für die Oscars 2024 gegeben. Meiner Meinung nach zurecht. Vor allem auch, weil hier jene Speise gehuldigt wird, die den gesamten Schlemmereien um nichts nachsteht: die Eierspeise. Am besten gegessen mit Löffel.
Tran Anh Hùng wurde bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★ ½
Kinostart: 29. Februar 2024 unter dem Titel GELIEBTE KÖCHIN.
THE OLD OAK (KEN LOACH, GB 2023)
THE OLD OAK (KEN LOACH, GB 2023)
Ken Loach ist das soziale Gewissen des Kinos. In THE OLD OAK stellt er ein ehemalig florierendes Bergarbeiterdorf und den Problemen und Sorgen dessen BewohnerInnen den Nöten syrischer Flüchtlinge gegenüber. Ein interessanter Blickwinkel aber alles in allem nicht ausgereift genug und vor allem gegen Ende hin unfertig.
Bei der Viennale war es der diesjährige Überraschungsfilm. Also keine leichte Kost wie sonst. Die Euphorie zu Beginn war enden wollend.
Der 87-jährige Ken Loach hat angekündigt, dass THE OLD OAK sein letzter Film sein wird.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★
Kinostart: 24. November 2023
RICKERL von Adrian Goiginger (A 2023)
RICKERL (Adrian Goiginger, A 2023)
Vodoo Jürgens und sein Filmsohn Ben Winkler haben das Viennale Publikum im Sturm erobert. Adrian Goiginger ist ein ganz besonderes Porträt über einen sich durchs Leben kämpfenden Wiener Musiker gelungen. Dabei packt er Wien sozusagen an den Wurzeln der Sprache. Bekannte Straßenmotive sucht man vergebens. Die Locationscouts haben eine hervorragende Arbeit geleistet, um Wien so zu zeigen, wie es wahrscheinlich nur WienerInnen kennen. Mit RICKERL taucht man so richtig ein in das Leben des Protagonisten und die Hauptstadt. Und soviel geraucht wurde schon lange nicht mehr!
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★
Kinostart: 18. Jänner 2024
POOR THINGS (Yorgos Lanthimos, 2023) – VIENNALE 2023
POOR THINGS (YORGOS LANTHIMOS, UK 2023)
Yorgos Lanthimos (THE KILLING OF A SACRED DEER, THE FAVOURITE) setzt mit seinem achten Spielfilm seinen kreativen Siegeszug fort. In POOR THINGS kombiniert er das Motiv von Frankenstein mit den utopischen Welten Jules Vernes und verknüpft es sie zu einer Emanzipationsgeschichte. Emma Stone als Bella ist ein Experiment ihres Schöpfers Dr. Goodwin „God“ Baxter, gespielt von Willem Dafoe. Drehbuchautor Tony McNamara hat für Stone so etwas wie die Rolle ihres Lebens geschaffen. Ihr körperlicher Einsatz ist beachtlich.
Nach einem Suizid verpflanzt Baxter Bella das Hirn eines Babys. Ihres ungeborenen Babys um genau zu sein. Es beginnt ein langer und beschwerlicher Weg Richtung Emanzipation, der Bella rund und die Welt durch futuristische Settings führen wird (als anfänglicher Begleiter ebenfalls großartig: Mark Ruffalo).
Alles an POOR THINGS ist extravagant. Hatte sich Lanthimos bisher mehr auf geschlossene Räume fokussiert, in denen Weitwinkel und Fischaugeobjektive zum Einsatz kamen (sowie auch hier), so öffnet sich uns hier eine vollkommen neue Welt mit utopischen Sets von Alexandria bis Paris.
Diesmal gibt sich Lanthimos humorvoller und weniger bedrückend als in so manchen früheren Arbeiten. Ein Film, der noch länger in unseren Köpfen bleiben wird, auch wenn die Erzählperspektive trotzdem eine sehr männliche ist.
Yorgos Lanthimos hat für POOR THINGS bei den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen erhalten. Anzunehmen, dass der Preisregen anhalten wird.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★
Kinostart: 18. Jänner 2024
DIE THEORIE VON ALLEM (Timm Kröger, 2023) – VIENNALE 2023
DIE THEORIE VON ALLEM (TIMM KRÖGER, D, A, CH 2023)
Johannes reist mit seinem Doktorvater Julius Strathen zu einem Physikerkongress in die Schweiz. Doch der mit Spannung erwartete Vortrag über Quantenmechanik eines iranischen Wissenschaftlers kann vorerst aufgrund von Visaproblemen nicht stattfinden. Johannes, der eine für seinen Professor viel zu gewagte Theorie aufzustellen versucht, beobachtet nicht nur auffällige Wolkenfelder, sondern auch allerhand seltsame Vorkommnisse. Er macht die Bekanntschaft mit der geheimnisvollen Pianistin Karin, die bald darauf verschwindet. Dann wird ein getöteter Wissenschaftler aufgefunden. Johannes glaubt, die Lösung im Inneren des Berges zu finden.
Die Schweizer Landschaft in sattem schwarzweiß gibt visuell ordentlich was her. Überhaupt hat sich Kröger stilistisch an den Filmen der Zeit orientiert, was sehr gelungen ist. Die Musik kommt allerdings mit dem Holzhammer daher. Zumindest in der Vorstellung bei der Viennale war sie viel zu laut und aufdringlich. Hier wird zwanghaft versucht Spannung zu erzeugen, wo keine ist. Am Ende entsteht der Eindruck, dass man sich hier inhaltlich übernommen hat. Schlüssig ist das alles nicht, bzw. läuft die Geschichte auf ein Geheimnis hinaus, dass man schon bald erahnen kann.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★
Kinostart: 10. November 2023
SIMPLE COMME SYLVAIN (Monia Chokri, CA/F 2023)
SIMPLE COMME SYLVAIN (MONIA CHOKRI, CA/F 2023)
Ist es eine Frage des Alters oder spielt es doch auch ein Rolle, dass via Streaming auch zu Hause ein großes (wenn auch Qualitativ sehr durchwachsenes) Angebot zur Verfügung steht aber ich ertappe mich immer wieder bei dem Gedanken, ob ein Kinobesuch den Aufwand Wert war. Gegen Ende der Viennale war SIMPLE COMME SYLVAIN so ein Film, in dem sich eine rund 40-Jährige Akademikerin einem Handwerker hingezogen fühlt und folglich zwei Welten aufeinander prallen.
Im französischen Original mit englischen Untertiteln, die leider mangels freier Sicht auf die Leinwand kaum zur Gänze lesbar waren, hatte die Komödie kaum etwas zu bieten, das man nicht schon kannte und somit auch nicht mehr war als zwei Stunden Unterhaltung.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★
Kinostart: unbekannt
YANNICK (QUENTIN DUPIEUX, F 2023)
YANNICK (QUENTIN DUPIEUX, F 2023)
Wer ist schon einmal in einem Theaterstück oder Film gesessen und hat sich gedacht, den Weg hätte ich mir sparen können. Vielleicht noch extra einen Babysitter organisiert und dann sowas. Im diesjährigen Abschlussfilm ist es Yannick, gespielt von Raphaël Quenard, der so gar nicht zufrieden ist mit dem, was er da in einem alten Pariser Theater geboten bekommt. Sein Leben sei schon trist genug. Eine Aufheiterung hatte er sich gewünscht. Stattdessen fühlt er sich noch schlechter als davor. Nun, er lässt es die Schauspieler und das Publikum auch sogleich wissen. Er steht auf und fängt eine Diskussion über die Qualität des Stücks an.
Yannicks naive Unbekümmertheit ist herzzerreißend. Nach und nach lädt sich die Stimmung immer mehr auf und als sich herausstellt, dass er bewaffnet ist, droht die Situation zu eskalieren. Yannick lässt sich aber nicht aus dem Konzept bringen und fängt an, ein Stück nach seinem Geschmack niederzuschreiben. Unglaublich skurril und komisch. Ein Dupieux vom Feinsten.
Philippa Langley (Sally Hawkins) hat so ein Gefühl. Sie ist eine Amateurhistorikerin und in der männerdominierten Wissenschaftswelt der Universität von Leicester kommt das weniger gut an. Philippa möchte Richard III. rehabilitieren, der nicht zuletzt wegen Shakespeares gleichnamigen Drama in Ungnade gefallenen war. Daher hat sie sich in den Kopf gesetzt, das Grab des letzten Königs aus dem Haus Plantagenet, den letzten König, der auf dem Schlachtfeld gefallen war, zu finden. Unmöglich, meint die Wissenschaft aber mit finanzieller Unterstützung der Richard III. Society gelingt es ihr, genug Geld aufzustellen, um mehr als 500 Jahre nach dessen Tod die Ausgrabungen zu beginnen.InTHE LOST KING von Stephen Frears.
Sally Hawkins in THE LOST KING (Stephen Frears, UK 2023)
Kurzkritik
Philippa Langleys Leidenschaft gilt schon lange nicht mehr ihrem Ex-Mann, der abends in der Küche wartet und auf die Kinder aufpasst, wenn sie wieder einmal spät nach Hause kommt. Die Hobbyhistorikerin ist ganz auf Richard III. fixiert, der ihr sogar immer wieder erscheint. Das ist zum einen eine Folge ihrer Besessenheit aber dann vor allem auch ein schöner Einfall der Drehbuchautoren Steve Coogan und Jeff Pope.
Die Szenen mit Sally Hawkins und Harry Lloyd, den sie als König in Shakespeares Stück auf der Bühne gesehen hatte, wurden unterschiedlich aufgenommen, geben dem Film aber eine interessante Ebene abseits der True-Story. Hawkins ist ein Glücksfall für das Publikum. Mit ihrer Ausstrahlung reißt sie uns unweigerlich mit.
Es ist schon eine großartige Geschichte rund um Philippa Langleys Bemühungen das Grab von Richard III. aufzuspüren, die noch dazu an einer chronischen Erkrankung leidet.. Die Exhumierung ist gut dokumentiert. Was die Rolle der Universität von Leicester angeht, gehen die Meinungen auseinander. Gut kommt die Institution in THE LOST KING nicht weg. Das hat im Zuge der Premiere zu eine Kontroverse geführt. Die Universität relativiert die Rolle Langleys bei der Exhumierung. Langley selbst bestreitet wiederum diese Interpretation.
In der Filmversion jedenfalls sieht man eine Frau, die über sich hinauswächst und gegen einen von Männern dominierten Apparat ankämpft. THE LOST KING ist ein Feelgood-Movie und hat mit Hawkins und Coogan zwei fabelhafte Darsteller. Beste Unterhaltung also.
THE LOST KING, UK 2022 Regie Stephen Frears Drehbuch Steve Coogan, Jeff Pope Kamera Zac Nicholson Schnitt Pia Di Ciaula Musik Alexandre Desplat Mit Sally Hawkins, Harry Lloyd, Steve Coogan, Länge 106 Min Im Kino
Die 61. Ausgabe der Viennale geht in die zweite Hälfte. Das Programm scheint auf den ersten Blick bis zur Halbzeit etwas dichter zu sein. Mit allzu viel Höhepunkten ist die diesjährige Viennale aber bisher nicht gesegnet. Heraus sticht vor allem Christian Petzolds ROTER HIMMEL.
Wohlgemerkt bei nur acht gesichteten Filmen. Allerdings bleiben einige RegisseurInnen hinter den Erwartungen zurück. Warum in Frankreich LE PASSION DE DODIN BOUFFANT mit Juliette Binoche und Benoit Magimel bei den Oscars gegenüber ANATOMIE D’UNE CHUTE der Vorzug gegeben wurde, was manche überrascht hat? Dazu mehr in ein paar Tagen im Viennale Resümee. Ebenso was ich der Viennale (oder mir von der Viennale wünsche), nachdem das in diesem Jahr mit den Spätvorstellungen im Gartenbaukino so gut geklappt hat und man jetzt mit der letzten U-Bahn nach Hause kommt.
Vorerst eine Auswahl an Filmen der ersten Hälfte der Viennale 2023:
She Came to me, Rebecca Miller, USA 2023
SHE CAME TO ME (Rebecca Milller, USA 2023)
Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale war der erste Spielfilm im Programm. Ein unbeschwerter Einstieg mit einer tollen Besetzung: Peter Dinklage, Anne Hathaway, Joana Kulig und Marisa Tomei. Komische Elemente, ja die gabs. Auch allerhand Skurrilitäten und es ist bemerkenswert, wie Rebecca Miller Figuren und Handlungsstränge zusammenhält. Allerdings ist die Geschichte rund um einen Komponisten in der Schaffenskrise und allerhand Menschen mit Neurosen alles andere als originell. Erinnert mehr an eine Netflixproduktion und hat im Kino eigentlich nichts verloren.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★ ½
Kinostart: unbekannt
BlackBerry, Matt Johnson, Kanada 2023, V’23 Features
BLACKBERRY (Matt Johnson, CA 2023)
Wer erinnert sich an BlackBerry? RIM (Research in Motion) revolutionierte 1999 die Kommunikation mit Mobiltelefonen, in dem sie das versenden von E-Mails möglich machten und folglich einen Messenger entwickelten. Keine zehn Jahre später war es allerdings schon wieder vorbei, als die Firma von Steve Jobs nahezu mit Lichtgeschwindigkeit überholt wurde. „An iPod, a phone and an internet communicator“, wir erinnern uns.
Im Nachhinein betrachtet kann das alles natürlich sehr unterhaltsam sein und so ist es dann auch in BLACKBERRY. Wie sich ein Haufen Nerds versucht zu beweisen (wobei es den meisten offenbar ohnehin völlig egal war – work life balance anno 1999) und kläglich scheitert, ist schon sehr komisch. So wie jüngst in Ben Afflecks AIR, geht es auch hier um ein Produkt der Popkultur, dessen Vermarktung und Arbeitsmoral im generellen. Im direkten Vergleich punktet AIR natürlich mit der Starpower. BLACKBERRY kommt mehr als erdige Mockumentary mit Wackelkamera daher und erinnert ein wenig an THE OFFICE. Der Zusammenstellung des Soundtracks ist jedenfalls sehr gelungen und eignet sich perfekt als Playlist für die Nullerjahre.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★½
Kinostart: unbekannt
Kaibutsu, Kore-eda Hirokazu, Japan 2023
KAIBUTSU (KORE-EDA HIROKAZU, JP 2023)
Ein Geschichte aus drei Perspektiven. Kore-Eda nimmt uns an der Nase und spielt mit Erwartungshaltungen und Vorurteilen. Nach und nach öffnet sich uns ein neuer Blick auf die Geschehnisse rund um einen Lehrer und zwei Schüler. Und jedes Mal müssen wir unsere Sichtweise über die Charaktere neu überdenken und merken, wie man Beobachtungen im Alltag fehlinterpretieren kann, wenn man die Zusammenhänge oder einfach nur das Davor und Danach nicht kennt. Dabei kommt es in KAIBUTSU zu einem regelrechten Culture-Clash, denn wie hier kommuniziert wird und wie Probleme gelöst werden, ist uns doch sehr fremd. Hierarchien stehen über allem. Auch über der Wahrheit.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★
Kinostart: 26. Jänner 2024
Roter Himmel, Christian Petzold, Deutschland 2023
ROTER HIMMEL (CHRISTIAN PETZOLD, D 2023)
Mit ROTER HIMMEL hat sich Christian Petzold nocheinmal selbst übertroffen. Seine Geschichte über zwei junge Männer, die sich in ein abgelegenes Haus an der Ostsee zum Arbeiten zurückziehen möchten und dort dann aber auf eine Frau treffen und nicht die erhoffte Ruhe vorfinden, ist reich an Verweisen an große Meister des Kinos. Unter der glühenden Sommersonne ist die Begierde zueinander groß. Dabei ist es Petzold wichtig den Begehrenden und nicht das Objekt der Begierde zu zeigen. Ein Sommerfilm voller Suspense im hitchcockschen Sinne. Für mich der Höhepunkt der Viennale bisher.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★★
Kinostart: 24. November 2023
Kuru Otlar Üstüne, Nuri Bilge Ceylan, Türkei 2023
KURU OTLAR ÜSTÜNE (NURI BILGE CEYLAN, TR 2023)
Schon wieder ein Dreieinhalbstunden Werk. Von Ceylan sind wir es gewohnt. Sicherlich, da es an einem dramatischen Aufbau oder so etwas wie einem Plot mangelt, könnte man aus diesem überraschende unterhaltsamen Drama sicherlich das ein oder andere kürzen. Allerdings könnte man dann auch nicht mit dieser Intensität eintauchen. So sitzt man gemeinsam mit am Tisch, hört zu oder lässt die Gedanken abschweifen. Spannend ist, dass die Geschichte grundsätzlich wenig realistisch ist und sich dadurch eine Metaebene auftut, die den meisten wohl entgehen wird. Es gibt Hinweise aber letzten Endes hat Ceylan sogar seinen Hauptdarsteller im Ungewissen darüber gelassen, was die Motivation des Protagonisten ist. Wie immer wird man reichlich belohnt, wenn man sich auf Ceylan einlässt.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★
Kinostart: 16. Februar 2024
IL SOL DELL’AVVENIRE (NANNI MORETTI, IT 2023)
Sie macht ihn bis heute glücklich, die Kommunistische Partei Italiens. Das ist der Schlusssatz. Nanni Moretti ist in seinem Element. Als Regisseur eines Film im Film zur Zeit des Ungarnaufstandes, versucht er sich an einer Geschichte um die Kommunistische Partei, wird dabei aber von seinen Hauptdarstellern immer wieder missverstanden. Moretti stellt die Frage, was es für das eigene Gewissen bedeutet, wenn anderswo im Namen der Partei Gräueltaten verübt werden. Nicht immer ganz so witzig, wie es sich in der Nacherzählung anhört.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★
Kinostart: unbekannt
Europa von Sudabeth Mortezai
EUROPA (SUDABETH MORTEZAI, A/UK 2023)
Sudabeh Mortezai setzt in ihrem dritten Spielfilm ihren Weg konsequent fort und zeigt uns neuerlich eine Welt, die sonst kaum Beachtung findet. In EUROPA kommt hinzu, dass wir lange nicht wissen, worum es der Protagonistin geht, die im Auftrag der Firma Europa in Albanien Einheimische davon überzeugen soll, ihr Land zu verkaufen. Ganz klar ist es bis zum Schluss nicht aber nach einer Stunde sickert nach und nach durch, dass hier keine guten Absichten dahinterstecken. Mortezai zeigt ungleiche Machtverhältnisse am Rande Europas auf. Es kann unangenehm sein, wenn man sich selbst auf der privilegierten Seite wiederfinden muss. Am Ende bleibt aber zu viel im Unklaren.
THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★½
Kinostart: 2. November 2023
Anatomie d’une chute, Justine Triet, Frankreich 2023, V’23 Features
ANATOMIE D’UNE CHUTE (JUSTINE TRIET, F 2023)
ANATOMIE EINES FALLS, so der deutsche Titel, erinnert an die großen Gerichtssaaldramen der Filmgeschichte. Sandra Hüller spielt eine undurchsichtige Schriftstellerin, die verdächtigt wird, ihren Mann getötet zu haben, der tot im Schnee vor dem Chalet der Familie aufgefunden wurde. Im Gerichtssaal sitzt auch ihr kleiner, durch einen Unfall erblindeter Sohn, für den nur schwer zu ertragen ist, was er über seine Mutter und die Beziehung seiner Eltern erfahren muss. Sandra Hüller und ihr Filmsohn Mila Machado Graner liefern eine außerordentlich bemerkenswerte schauspielerische Leistung ab. Der Schlagabtausch mit dem Staatsanwalt (Antoine Reinartz) ist hochspannend. Es ist vor allem die Perspektive des Sohnes, die ANATOMIE EINES FALLS besonders macht.
Mit Leonardo DiCaprio, Robert deNiro, Lily Gladstone, Jesse Plemons Regie Martin Scorsese Ab 14 Länge 206 Min.
OSCAR KANDIDAT
Die Mordserie, die vor etwa 100 Jahren über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren Oklahoma eben nicht erschütterte, sondern von den lokalen Behörden unter den Teppich gekehrt wurde, dürfte außerhalb des Bundesstaates kaum bekannt sein. Martin Scorsese ändert das nun mit KILLERS OF THE FLOWER MOON, seinem 25. Spielfilm. Der Stamm der Osage erlangte Anfang des 20. Jahrhunderts großen Reichtum, als auf dem ihm zugewiesenen scheinbar wertlosen Land Ölvorkommen entdeckt wurden. Das rief skrupellose weiße Männer auf den Plan, die durch Morde und mit einer perfiden Taktik versuchten, das Land in Besitz zu nehmen. Eine Schlüsselfigur verkörpert Robert De Niro als William King Hale, der, obwohl vordergründig als wohlwollender Pate auftretend, eine ganze Riege an Männern zu Verbrechen anstachelte. So auch seinen Neffen Ernest Burkhart, gespielt von Leonardo DiCaprio, der die indigene Frau Mollie, gespielt von Lily Gladstone, heiratet und somit Teil einer äußerst wohlhabende Familie wird.Scorsese verhilft den Osage mit seinem formidablen True-Crime-Western, basierend auf den gleichnamigen Recherchen von David Grann aus dem Jahr 2017, zu so etwas wie verspäteter Gerechtigkeit.
King (Robert De Niro) verfolgt einen eiskalten Plan und sein Neffe Ernest (Leonardo DiCaprio) spielt zu lange mit. KILLERS OF THE FLOWER MOON (Martin Scorsese, USA 2023)
Kurzkritik
Freilich mutet uns Martin Scorsese hier einiges zu. Neben der epischen Länge erzählt KILLERS OF THE FLOWER MOON eine nur schwer verdauliche Geschichte. Es staut sich einiges an Emotionen zusammen, wenn man für dreieinhalb Stunden gespannt im Kinosessel sitzt, um auch ja nichts zu versäumen. Dann setzt der Regisseur zum Finale an, erst verspielt witzig und trifft uns in der letzten Minute Mitten ins Herz.
Es ist keine Übertreibung von einem Meisterwerk zu sprechen, bei soviel Empathie und Fingerspitzengefühl, das Scorsese für die verzweifelte Lage des Osage aufbringt. Erst nach einem Vorschlag von DiCaprio verschob sich der Fokus des Drehbuches weg von den Ermittlungen hin zu den Osage. Die Geschichte von Mollie rückte mehr in den Mittelpunkt. Lily Gladstone (First Cow) kämpft als Frau eines Mannes, den sie erst nach und nach durchschaut, buchstäblich um ihr Überleben. Der Tod steht bereits bei ihr im Schlafzimmer. DiCaprio spielt wiederum einen einfältigen und faulen Charakter, dem die Aussicht auf leichtes Geld so blind macht, dass ihm gar nicht bewusst zu sein scheint, dass er dafür seine Frau opfern würde. Und eine so geballte Ladung an Falschheit und Hinterlist, wie bei De Niros King Hale, hat man selten gesehen. Es ist eine Freude, den dreien beim Spielen zuzusehen.
Erst nach zwei Stunden hat Jesse Plemons als einer der frühesten FBI Agenten der Geschichte (Das Bureau wurde ein paar Jahre zuvor von J. Edgar Hoover ins Leben gerufen) seinen ersten Auftritt. Er und seine Männer stellen erstmals die richtigen Fragen. Plemons zeigt einmal mehr seine starke Leinwandpräsenz. Er scheint fast wortlos, wenn auch nur im Hintergrund, jede Szene zu beherrschen und komplettiert somit das starke Ensemble von KILLERS OF THE FLOWER MOON.
Martin Scorsese hat nicht nur den zahlreichen Opfern der Osage ein filmisches Denkmal gesetzt, sondern uns dazu auch noch eines der grandiosesten Werke seiner Karriere geschenkt. 206 Minuten und das keine zu lange.
KILLERS OF THE FLOWER MOON Drama, USA 2023
Regie Martin Scorsese Drehbuch Eric Roth, Martin Scorsese Basierend aufKillers of the Flower Moon von David Grann Kamera Rodrigo Prieto Schnitt Thelma Schoonmaker Musik Robbie Robertson Mit Leonardo DiCaprio, Robert deNiro, Lily Gladstone, Jesse Plemons Länge 206 Min. Streamingplattform AppleTV+
Um ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, kommt die Journalistin Marian (Brigitte Hobmeier) nach Jahrzehnten zurück in das verlassene Haus der Eltern im Waldviertel. Kein Strom, das Wasser tropft von der Decke, die Luft riecht modrig. Der Ort ist regelrecht abgeschnitten von der Außenwelt, kein Bus fährt hier her. Auto hat Marian keines. Sie sucht Zuflucht in der Natur. Menschenansammlungen sind ihr unangenehm. Schon ein Supermarktbesuch löst eine Panikattacke aus. Es ist eine Reise zurück in ihre Kindheit. Die Bewohner reagieren abweisend. Sie trifft auf ihre Jugendfreunde Gerti (Gerti Drassl) und Franz (Johannes Krisch) und dabei kommen alte Konflikte an die Oberfläche, auch weil sie einfach gegangen ist. Wer bleibt schon gern beim gewalttätigen Vater und der dementen Mutter buchstäblich am Ende der Welt zurück, so wie Gerti. Elisabeth Scharang hat sich von Doris Knechts Roman WALD inspirieren lassen und ihn mit ihren eigenen Erlebnissen während des Terroranschlags in Wien im November 2020 verknüpft.
Brigitte Hobmeier und Gerti Drassl in WALD von Elisabeth Scharang (A 2023)
Kurzkritik
Vor ein paar Jahren hat die World Press Photo Foundation eine Fotostrecke ausgezeichnet, die zwei Kinder aus dem Waldviertel porträtierte. Die Bildbeschreibung mutete regelrecht exotisch an. Für die wenigsten wird vorstellbar sein, dass es so eine abgelegene Region im Herzen Europas überhaupt geben kann. Da kann es schon vorkommen, dass es keinen Handyempfang gibt. Die Infrastruktur ist grundsätzlich nicht die beste. In dieser dünn besiedelten Region im Norden Ostösterreichs dauern die Winter länger und natürlich färbt eine Landschaft immer auf die dort lebenden Menschen ab. Das bekommt auch Marian zu spüren. Was schnell als stereotype Darstellung von aggressiven Bauern abgetan wird, ist also nicht grundsätzlich an den Haaren herbeigezogen.
Die Frage ist vielmehr, ob dem in aller Tiefe in kompakten 95 Minuten ausreichend Raum gegeben werden kann. Der Konflikt von Marian im Zentrum, die aus einer nicht selbst verschuldeten Situation in diese Lage geraten ist, wird noch einmal mit ihrer Vergangenheit verwoben. In diesem Moment kommen unweigerlich weitere Charaktere ins Spiel. Neben Franz und Gerti auch noch ihr Mann Gheorghe (Bogdan Dumitrache). Weitere Bewohner des Dorfes fallen vor allem durch ihre ablehnende Haltung dem Eindringling gegenüber auf. Diese Konflikte werden bestenfalls angerissen. Das größte Drama von WALD ist dann auf einmal nicht mehr der innere Konflikt Marians, sondern passiert in der Familie von Gerti. Das öffnet nicht nur einen neuen Handlungsstrang, sondern führt vor allem weg von der Protagonistin. Dafür fehlt die Zeit.
Die raue Wald- und Winterlandschaft wurde von Jörg Widmer (siehe auch Ein verborgenes Leben) in Szene gesetzt. Im Vorfeld erinnerte mich WALD an Debra Graniks LEAVE NO TRACE (Link). Auch hier diente die Natur als Rückzugsort und spielte dabei selbst eine große Rolle. Bei Granik ist das unmittelbare Naturerlebnis allerdings viel intensiver. Nicht zuletzt auch wegen der atmosphärischen Tonspur. Die bemerkenswerte Musik in WALD stammt von der polnischen Musikerin Hania Rani.
Marian kämpft sich einen Winter durch ihr Trauma, in einer Lebenssituation, in der vor allem Willensstärke zählt. Von großartigen SchauspielerInnen unterstützt, wird vor allem Brigitte Hobmeier in Erinnerung bleiben. Sie geht im kalten Wasser baden, schreit ihre Wut und Verzweiflung in den Wald hinein und ringt darum, dass ihr Leben nicht aus dem Gleichgewicht gerät.
Wald Drama, A 2023
Regie Elisabeth Scharang Drehbuch Elisabeth Scharang Kamera Jörg Widmer Schnitt Alarich Lenz Musik Hania Rani Mit Brigitte Hobmeier, Gerti Drassl, Johannes Krisch Länge 95 Minuten Im Kino