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  • GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO ★★★★★

    GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO ★★★★★

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    In diesem Jahr entführt uns Oscar-Preisträger Guillermo del Toro (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers) in die Welt von Geppetto und seiner berühmten Holzpuppe Pinocchio. Umgesetzt gemeinsam mit Mark Gustafson (Der fantastische Mr. Fox) in der Stop-Motion Technik. Nach nur wenigen Spieltagen im Kino leitet Guillermo Del Toro’s Pinocchio nun bei Netflix die Award Season ein. Es ist die Arbeit eines Visionärs. Eine wunderbar feinfühlige Neuinterpretation.

    Darum geht es

    Nachdem der Tischlermeister Geppetto (David Bradley) seinen Sohn verloren hat, schnitzt er aus einem Baum eine Holzpuppe und nennt sie fortan Pinocchio. Eine Fee erweckt Pinocchio (Gregory Mann) zum Leben. Der Junge ist allerdings alles andere als brav und stellt seinen Schöpfer immer wieder auf die Probe, bis er eines Tages auf dem Schulweg auf Graf Volpe (Christoph Waltz) und Sprezzatura (Cate Blanchett) trifft und sich ihrem Zirkus anschließt. Es ist der Beginn einer großen abenteuerlichen Reise.

    Guillermo del Toro’s Pinocchio -Pinocchio (Stimme von Gregory Mann) and Count Volpe (Stimme von Christoph Waltz). Cr: Netflix © 2022

    Kommentar

    Im Jahr 1940 legte Walt Disney mit dem zweiten abendfüllenden Zeichentrickfilm Pinocchio einen Grundstein für die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte des Produktionsstudios. Der Film wurde nicht nur wegen seiner technischen Perfektion gelobt, sondern auch auf Grund der Neuinterpretation des Originalstoffes von Carlo Collodi aus dem Jahr 1881. Disneys Version war düster. Es sollte aber noch viele Jahrzehnte dauern, bis die Geschichte sich vom Ruf eines Kindermärchens emanzipieren konnte und der Entwicklungsroman durchaus auch als Erwachsenenliteratur gelesen wurde. Was die Geschichte bei genauerer Betrachtung auch nahelegt.

    Heute ist dem jungen Publikum die erste Verfilmung wohl kaum mehr bekannt, im Gegensatz zur allgegenwärtigen Visualisierung der Holzpuppe mit der roten Hose. Ebensowenig, dass der mit einem Oscar prämierte Song „When you wish upon a Star“, gesungen von der Grille, zur inoffiziellen Hymne von Disney geworden ist und bis heute am Anfang fast jeder Produktion des Konzerns erklingt. Erst vor wenigen Monaten ist man bei Disney mit einer Neuverfilmung kläglich gescheitert. Dazwischen liegen zahlreiche weitere Verfilmungen von unterschiedlicher Qualität.

    Pinocchio ist also unzertrennliche mit Disney verbunden. Guillermo del Toro (ihm zur Seite stand Stop-Motion Spezialist Mark Gustafson) dürfte es aber gelingen, mit seiner Version ein neues Kapitel aufzuschlagen. Guillermo del Toro’s Pinocchio ist ein technisches Meisterwerk, welches das Publikum in Staunen versetzen wird und mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl inszeniert ist (alleine mit wieviel Leidenschaft Del Toro Pinocchio ausspricht, als wäre er selbst Gepetto!). Einzig die Gesangsnummern wirken deplatziert (ungeachtet ihrer Qualität).

    Auch Del Toros Ansatz ist ein düsterer. Er verlegt die Geschichte in die Zeit des italienischen Faschismus und läßt Pinocchio für Benito Mussolini tanzen. Die Holzpuppe weiß aber ganz genau, wer da im Publikum sitzt und macht dass, was Spitzbuben so tun. Dieser Brückenschlag ist durchaus gelungen und erinnert an Pan’s Labyrinth (2006), wo Del Toro schon einmal ein faschistisches Regime in seine Geschichte eingewoben hatte (damals Spanien unter Franco). Wunderbar ist Ewan Mc Gregor als Sebastian J. Grille (auch gesanglich stark). Kein süßes Tier als Beiwerk sondern ein Insekt eben. Christoph Waltz macht als Antagonist Graf Volpe das, was er am Besten kann und hatte hörbar Freude daran. Die Blaue Fee (Tilda Swinton) bekommt bei Del Toro eine größere Rolle in Gestalt einer Schwester im Totenreich. Selbst als Holzpuppe muss sich Pinocchio mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

    Guillermo del Toro’s Pinocchio | Behind the Scenes

    Es ist ein Dilemma, dass einem bahnbrechenden Erfolg gerade das größtes Kapital im Wege stehen wird. Stop-Motion ist natürlich ein Nischenprodukt. Bleibt zu hoffen, dass die Niederschwelligkeit von Netflix dem Film zu mehr Erfolg verhilft, als es bei einer längeren Kinoauswertung möglich gewesen wäre. Immerhin konnte wer wollte den Film im Laufe einiger Tage im Kino sehen. Anderen Filmen bleibt dieses Privileg längst verwehrt.

    Man kann die Prognose wagen: In diesem Jahr wird die Oscar Kategorie Bester Animierter Film nicht von bunten Kinderfilmen beherrscht werden. Es ist nicht nur das Jahr von Stop-Motion, sondern eines Trickfilmes, der sich (auch) an ein älteres Publikum wendet. Die Chancen für Del Toro dürften nicht schlecht stehen, obwohl die Konkurrenz wie in jedem Jahr stark ist. Netflix strebt gar eine Nominierung in der Kategorie Bester Film an. In jeglicher Sicht gerechtfertigt.


    GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO
    Stop-Motion Märchen, USA/MEX/F 2022

    Regie Guillermo del Toro, Mark Gustafson
    Drehbuch Guillermo del Toro, Carlo Collodi, Matthew Robins,
    Kamera Frank Passingham
    Schnitt Ken Schretzmann
    Musik Alexandre Desplat
    Mit Gregory Man, Ewan McGregor, David Bradley, Christoph Waltz, Tildo Swinton, Cate Blanchett
    Streamingplattform
    Netflix


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  • RRR ★★★★½

    RRR ★★★★½

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    Das in der Telugu Sprache gedrehte Actionspektakel RRR (die Buchstaben stehen für Rise Roar Revolt) von S. S. Rajamouli ist nicht zuletzt wegen seines großen Erfolges der erster Film des Regisseurs, der weltweit sein Publikum gefunden hat. Jene, die mit dem indischen Kino vertraut sind, wird das jetzt nicht gleich vom Ofen hervorholen. Das Anti-Kolonialmärchen über zwei Revolutionäre der 1920er Jahre bietet jedoch neben einer dramatischen Story exzessive atemberaubende Actionchoreografien und spektakuläre Spezialeffekte. Hier wird nicht nur das Heldentum bis an die Spitze getrieben. Die gesamten drei Stunden sind nichts weniger als bombastisch.

    Darum geht es

    Als die Schwester von Komaram Bheem (N.T. Rama Rao Jr.) vom tyrannischen Kolonialherren Scott Buxton (Ray Stevenson) entführt wird, schwört er Rache und macht sich auf nach Delhi, um sie zurückzuholen. Dort ist man bereits gewarnt und setzt den ambitionierten Polizisten Alluri Sitarama Raju (Ram Charan) darauf an, Bheem aufzuspüren. Wie das Schicksal so spielt, treffen die Beiden aufeinander, ohne ihre wahre Identität Preis zu geben. Es entwickelt sich eine große Freundschaft. Bis die Deckung der beiden auffliegt und ihre jeweilige Agenda zum Vorschein kommt. Aus der Freundschaft wird bittere Rivalität. RRR hält jedoch einige Wendungen parat. Unterstützung erhält Bheem von Buxtons Nichte Jennifer (Olivia Morris). Der große gemeinsame Feind sind am Ende die erbarmungslosen Kolonialisten und deren brutale Herrschaft.

    Komaram Bheem (N.T. Rama Rao Jr.) und Alluri Sitarama Raju (Ram Charan) in RRR von S. S. Rajamouli

    Kommentar

    Es ist eine regelrechte Lawine, die das Publikum in RRR von Anfang an überrollt. Alleine die ersten 30 Minuten beinhalten Actionszenen, die für mehr als einen Film reichen würden. Das scheinbar große Finale folgt irgendwann in der Mitte des Filmes und das Ende ist nach gut drei Stunden so wirkungsvoll wie der Beginn. RRR ist wie eine Dampflokomotive, die mit Vollgas durch die Landschaft donnert.

    Es sind dann auch die spektakulären Momente die große Stärke und natürlich die beiden charismatischen Hauptdarsteller. Feine Zwischentöne oder kluge Dialoge darf man sich hier nicht erwarten. Die Darstellung der brutalen britischen Besatzungsmacht erinnert an jene von Nazibösewichten. RRR spart auch nicht mit heftigen Gewaltszenen, die dann auch noch mit Gesangsnummern angereichert sind. Das ist gewöhnungsbedürftig.

    Die zwei späteren Revolutionäre (Die beiden haben sich im wirklichen Leben nie getroffen. Die Gesichte ist also reine Erfindung) stehen für den Freiheitskampf des Subkontinents. Naturgemäß ist RRR dadurch geprägt von Nationalstolz. Dagegen wirken sogar US-amerikanische Pendants bescheiden. Durch die stetigen Übertreibungen wird das etwas entschärft. Was das für die gegenwärtige Rezeption in Indien bedeutet, ist eine andere Sache. Im historischen Kontext ist er wohl gerechtfertigt. An der damaligen Realität gibt es nichts zu rütteln. Der antikoloniale Kampf mündet in eine letzte Gesangsnummer, in der weitere Nationalhelden aus ganz Indien gefeiert werden.

    Bei Netflix kann man es sich sparen, sich durch die vermeintliche Originalfassung zu quälen. RRR ist nur in den synchronisierten Fassungen Hindi und Englisch zu sehen. Die Rechte für Telugu liegen bei einem indischen Streamingdienst.

    RRR ist ein großes Vergnügen mit vielen Momenten, die wohl in Erinnerung bleiben werden. Ein Biest von einem Film, in dem die Schwerkraft und die Zeit keine Rolle mehr spielen. S. S. Rajamouli scheint keine Grenzen beim Geschichten erzählen zu kennen. In Hollywood muss man sich dagegen warm anziehen. Es wäre schön, wenn man sich dort in den nächsten Wochen an diese Produktion erinnert, wenn es auch leider sehr unwahrscheinlich ist. Die Bedeutung für das heutige Unterhaltungskino ist jedenfalls enorm. Für den Rolling Stone ist es der beste Blockbuster des Jahres. Leider war es so gut wie unmöglich, denn Film auf der großen Leinwand zu sehen, wo er erst seine volle Wirkungskraft entfalten kann.

    Eine Einstiegsdroge in den indischen Film.

    RRR
    Actiondrama, IND 2022

    Regie S. S. Rajamouli
    Drehbuch S. S. Rajamouli
    Kamera K. K. Senthil Kumar
    Schnitt A. Sreekar Prasad
    Musik M. M. Keeravani
    Mit N. T. Rama Rao Jr., Ram Charan, Alia Bhatt, Olivia Morris, ua.
    Länge 182 Min.
    Sprache Telugu/Englisch, dt. Untertitel
    Streamingplattform
    Netflix


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  • IM WESTEN NICHTS NEUES ★★★★

    IM WESTEN NICHTS NEUES ★★★★

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    Wenn Deutschland mit der Netflix Produktion einer sehr freien Adaptierung des Klassikers Im Westen nichts Neues ins Oscar Rennen geht (und dabei gar nicht mal so schlechte Chancen auf eine Nominierung hat), dann ist es für viele der erste Berührungspunkt mit einem Antikriegsfilm. Der Streamingdienst macht es möglich andere Zusehergruppen zu erreichen als es bei einer Kinoproduktion der Fall wäre. Drastische Bilder voll Brutalität sind fixer Bestandteil des Genres geworden und man ist sich mehr oder weniger einig, dass der Film natürlich zu rechten Zeit gekommen ist. Über die sehr freie Umsetzung von Regisseur Edward Berger gehen die Meinungen allerdings auseinander.

    Darum geht es

    Es ist die dritte Verfilmung des von Erich Maria Remarque verfassten Antikriegsromanes aus dem Jahr 1928. Darin werden die Erlebnisse des jungen Paul Bäumer (Felix Kammerer) an der Westfront ab 1917 geschildert. Aufgestachelt von ihrem Lehrer meldete sich eine Gruppe von jungen Männern freiwillig zum Kriegsdienst. Schon auf dem beschwerlichen Marsch durch das Hinterland zur Front stellt sich Ernüchterung ein.

    Von General Friedrich (Devid Striesow) werden die Soldaten kommandiert, der um jeden Preis Meter machen möchte, obwohl die Situation fast chancenlos ist. Tatsächlich hatte sich die Westfront über die Jahre kaum mehr als ein paar hundert Meter bewegt. In den Schützengräben fanden Hunderttausende den Tod. Die Spuren des exzessiven Kampfes sind bis heute, mehr als hundert Jahre später, immer noch zu sehen.

    Im Westen nichts Neues bewegt sich fortan zwischen Schützengräben und verlassenen französischen Bauernhöfen, in den die Soldaten kurz zur Ruhe kommen können. Die Version von Regisseur Edward Berger entfernt sich allerdings von der Romanvorlage, streicht ganze Passagen und fügt neue hinzu, wie die der historischen Figur Matthias Erzberger (Daniel Brühl), der mit den französischen Marshall Foch (Thibault de Montalembert) den Friedensvertrag ausverhandelte. General Friedrich passt das ganz und gar nicht und schickt die Soldaten bis zuletzt in einen sinnlosen Grabenkampf.

    Chaos und Vernichtung in IM WESTEN NICHTS NEUES (Edward Berger, 2022)

    Kommentar

    Es ist ein echter Jammer. Wenn sich zu Beginn der Nebel über die winterliche Landschaft legt, kann einen schon das Frösteln kommen. Wenn man im Kino sitzen würde. Ja, wenn. Da Im Westen nichts Neues von Netflix vertrieben wird, sind Kinoaufführungen sehr rar. So fristet das Kriegsdrama sein Dasein auf Laptopbildschirmen (man glaubt gar nicht, wie wenige Menschen heute noch einen Fernseher haben). Noch dazu ist es gerade über einen so langen Zeitraum von 2 1/2 Stunden eine Herausforderung jeglicher Ablenkung zu widerstehen.

    Aber so ist das jetzt nunmal. Die erste Sequenz ist zugleich die Stärkste: Gefallenen Soldaten werden die Uniformen ausgezogen und in großen Bündeln nach Deutschland gebracht, gereinigt, Einschusslöcher geflickt und dem nächsten Schwung an Rekruten ausgehändigt. Die wundern sich über das falsche Namensschild. Besser kann man den Irrsinn der Kriegsmaschinerie kaum darstellen. Es wird auch einer der wenigen Bezüge zur damaligen Zeit bleiben. Regisseur Berger bleibt fortan im Kriegsgeschehen. Einen Heimurlaub wie im Roman gibt es nicht. Einzig die Verhandlungen über einen Waffenstillstand stellen einen historischen Bezug her.

    Dass sich die Verfilmung gar weit von der Romanvorlage entfernt, hat viele gestört. Dazu muss am aber das erst einmal Buch kennen und daher soll uns das nicht wieder kümmern. Es ist ein für deutsche Verhältnisse schon ganz beachtliches Projekt, dass den Vergleich mit US-Produktionen nicht zu scheuen braucht. Auch wenn die technischer Finesse von Dunkirk oder 1917 nicht erreicht wird. Bildgewaltig ist das deutsche Kriegsepos allemal. Vor allem die Szenen im Schützengraben sind beklemmend. Der Lärm und die Unübersichtlichkeit in den feuchten Erdlöchern wird durch die drastischen Aufnahmen erlebbar und zum intensiven Erlebnis.

    Am Ende wird etwas dick aufgetragen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es beim Publikum ganz gut ankommen wird. Irgendwie möchte man nach 140 Minuten doch noch was geboten bekommen. Davor mehr als zwei Stunden Tod und Verderben in Schlamm und Regen. Es waren unvorstellbare Bedingungen, unter denen die Soldaten kämpfen mussten. Das vermittelt Im Westen nichts Neues ganz eindringlich.

    Der Hauptdarsteller Felix Kammerer ist Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater und kann dort auch auf der Bühne erlebt werden.


    IM WESTEN NICHTS NEUES
    Drama, D/USA/GB 2022

    Regie Edward Berger
    Drehbuch Lesley Paterson, Edward Berger, Ian Stokell
    Kamera James Friend
    Schnitt Sven Budelmann
    Musik Volker Bertelmanm
    Mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aron Hilmer, Daniel Brühl, Devid Striesow, ua.
    Länge 148 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • BLOND ★★½

    BLOND ★★½

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    Sie gilt immer noch als einer der größten Filmstars aller Zeiten. Marilyn Monroe ist eine Popikone und einer der Stars des Goldenen Hollywood der 1950er Jahre. Sie füllte mit ihrer Persönlichkeit die Klatschspalten genauso aus, wie die große Leinwand. Blond von Andrew Dominik wird nun als Biopic vermarktet, dabei basiert der Film auf einer fiktionalen Romanvorlage. Die Autorin Joyce Carol Oates hat schon gewusst, warum sie auf 700 Seiten keine Namen nennt, außer jenen von Marylin Monroe. Das Bild, dass nun gerade jene von ihr haben werden, die Monroe nie in einer ihrer Rollen gesehen haben (und das mangels Angebot auf den Streamingplattformen auch nicht nachholen können), ist ein katastrophales. Leider scheint sich niemand um ihr Erbe für die Nachwelt zu kümmern. Über die ersten 20 von 166 Minuten kommt aber offenbar ohnehin kaum jemand hinaus. So blüht dem Film ein unrühmliches und tristes Streamingdasein.

    Darum geht es

    Der Film erzählt in Episoden aus dem Leben von Marilyn Monroe (Ana de Armas). Zu Beginn sieht man sie als kleines Mädchen (Lily Fisher) zusammen mit ihrer psychisch kranken Mutter (Julianne Nicholson) während eines großen Feuers in Hollywood Anfang der 1930er Jahre. In ihrer Jugend arbeitet sie als Cover- und Pinup-Model, bis sie 1946 von Darryl F. Zanuck ihren ersten Studiovertrag erhält, von dem sie dafür vergewaltig wird. Monroe ist stetig auf der Suche nach einer Vaterfigur. Ihren richtigen Vater hat sie nie kennengelernt. Es folgen Affären mit Eddy Robinson Jr und Cass Chaplin und Ehen mit Joe DiMaggio (Bobby Cannavale) und Arthur Miller (Adrian Brody). Von US-Präsident John F. Kennedy wird sie ebenso missbraucht. Sie arbeitet mit den größten Regisseuren ihrer Zeit, die ihre Eskapaden für ihre unvergleichliche Leinwandpräsenz in Kauf nehmen. Ihr Ruhm steigt ins Unermessliche, was ihr immer mehr zu schaffen macht. 1962 nimmt sie sich nach offiziellen Angaben das Leben.

    Marilyn Monroe (Ana de Armas) und Arthur Miller (Adrian Brody) in BLONDE.
    Marilyn Monroe (Ana de Armas) und Arthur Miller (Adrian Brody) in BLOND.

    Kommentar

    Erst vor kurzem konnte eine jüngere Generation eine andere Ikone des 20. Jahrhunderts auf der Leinwand kennenlernen. Buzz Lurmanns Elvis spart nicht mit den Schattenseiten im Leben des Rock’n’Rollers. Trotzdem: man konnte sich ein Bild machen und verstehen, warum die Faszination um ihn bis heute ungebrochen ist. Mit Andrew Dominiks Blond gestaltet es sich nun etwas anders.

    Technisch (Kamera: Chayse Irvin) zieht der Film alle Register. In Farbe und Schwarzweiß wechseln die Bildformate und werden zahlreiche berühmte Fotografien nachgestellt und zum Leben erweckt. Das ist Größtenteils schön anzusehen. Jedenfalls so lange die Bilder nicht zu explizit werden und man mit ansehen muss, wie sich Monroe prostituieren muss. Das ist dann mitunter unerträglich.

    Ana de Armas legt sich ordentlich ins Zeug und zeigt mit Sicherheit eine schauspielerischer Leistung, an die man sich zurückerinnern wird. Sie beherrscht die verletzliche dünne Stimme, die wir von Monroe kennen. Jede Locke sitzt perfekt. Ebenso Julianne Nicholson, Bobby Cannavole und Adrian Brody seien erwähnt und zeigen einmal mehr, warum es im Englischen Supporting Actor/Actress heißt. Retten können sie den Film aber alle nicht.

    Wir haben es hier mit einer Aneinanderreihung von negativ konnotierten Lebensstationen zu tun. Das Leben als ständiger Kontrollverlust. Monroe sehen wir durchwegs fremdbestimmt. Ein Funken der Lebensfreude kommt erst gar nicht auf. Wenn hier allerdings das männliche Studiosystem angeprangert werden soll, so fügt der Film dem eine neue Ebene hinzu. Denn frei von voyeuristischen Zügen ist Dominiks Inszenierung keineswegs. Die Bilder setzten dem noch eins drauf, in dem sie Monroes Charakter neuerlich ausbeuten. Auch durch die Bildsprache. In der Realität hatte sie ihr Leben sehr wohl selbst in der Hand. Immerhin war sie Mitbegründerin einer eigenen Filmproduktionsfirma, nachdem sie zusehends mit den Rollenangeboten nicht mehr zufrieden war. Ein Schritt, der heute als Teil vom Ende des Studiosystems gesehen wird.

    Blond bedient sich Mythen rund um Marilyn Monroe, die heute teilweise widerlegt sind und macht das, was schon die Studiobosse zu ihren Lebzeiten getan haben: sie für ihre Zwecke auszunutzen. Einer ambivalente Persönlichkeit wird der Film nicht gerecht. Leider kann Marilyn Monroe sich nicht mehr dagegen wehren.

    BLOND (OT: BLONDE)
    Drama, 2022

    Regie Andrew Dominik
    Drehbuch Andrew Dominik nach Joyce Carol Oates
    Kamera Chayse Irvin
    Schnitt Adam Robinson
    Musik Nick Cave, Warren Ellis
    Mit Ana de Armas, Adrian Brody, Bobby Cannavale, Julianne Nicholson
    Länge 166 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • LIGHTYEAR  ★★★

    LIGHTYEAR  ★★★

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    Mitte der 1990er Jahre begann alles mit einer technischen Revolution. Pixars Toy Story Franchise war geboren (und zierte das Titelblatt meiner Abschlussarbeit zur Matura). Jahrzehntelang ging die Erfolgsstory immer wieder in die Verlängerung. Auch wenn sich manch einer fragte, ob das nun wirklich notwenig sei, so gab der Erfolg dem Studio recht. Die Charaktere entwickelten sich ständig weiter, die Qualität war anhaltend hoch. Aber war es nur eine Frage der Zeit, bis die Erfolgswelle verebben würde? Lightyear, der erste Ableger der Serie, hat nun ein gewaltiges Problem. Pixar sind offenbar die Ideen ausgegangen. Den entscheidenden dramaturgischen Fehler macht man bereits bei der die Geschichte einleitenden Texttafel.

    Darum geht es

    Durch einen Crash wird das Raumschiff von Buzz Lightyear und seiner Spaceranger Crew, darunter seine Kollegin Alicia Hawthorne, so stark beschädigt, dass sie und eine ganze Kolonie an Menschen im Tiefschlaf den Planeten nicht mehr verlassen können. Man beginnt sich anzusiedeln. Lightyear, den Schuldgefühle plagen, sieht sich in der Verantwortung. Er stellt sich für Testflüge zur Entwicklung eines Hyperantriebs zur Verfügung. Nach dem Lightyear nach vier Minuten vom ersten missglückten Versuch zurückkehrt, muss er feststellen, dass auf dem Planeten in dieser Zeit vier Jahre vergangen sind. Von Alicia, die in der Zwischenzeit geheiratet hat, bekommt Lightyear die Therapieroboterkatze Sox geschenkt.

    Trotzdem gibt Lightyear nicht auf. Nach und nach überlebt er all seine Freunde und Kollegen. In der Zwischenzeit entwickelt Sox den geeigneten Treibstoff. Als im nach Jahrzehnten der Hyperflug gelingt, wird Lightyear bei seiner Rückkehr von feindlichen Robotern angegriffen. Deren Anführer Zurg birgt ein für Lightyear erschreckendes Geheimnis.

    Lightyear (USA 2022)

    Kommentar

    Ein Film wie ein Déjà vu. Sehr bemüht scheint man sich beim Drehbuch für Lightyear nicht zu haben. Irgendwie kommt einem das alles bekannt vor. Ob die allgemeine Relativitätstheorie für Kinder ab 6 Jahren verständlich ist, sei dahingestellt. Immerhin wird die Zeitdifferenz gut veranschaulicht. Spätestens beim Zeitreisen steigen die jüngsten Zuseher aber wohl aus (Ironischerweise ist der Film wegen eines Kusses zwischen zwei Frauen in Malaysia ab 18 und in Indonesien gar erst ab 21 Jahren freigegeben). Gleichzeitig hat der Film für das ältere Publikum kaum etwas zu bieten, außer einem gewissen Nostalgiefaktor. Bereits der erste Trailer untermalt von David Bowies Starman hat bei vielen bestimmt die richtigen Knöpfe gedrückt.

    „In 1995, a boy named Andy got a Buzz Lightyear toy for his birthday. It was from his favorite movie. This is that movie.“

    Erklärender Text zu Beginn von Lightyear.

    Die größten Steine legt sich Pixar aber mit diesem einleitenden Satz selbst in den Weg. Was im ersten Moment schlüssig klingt, verbaut alle Möglichkeiten Lightyear, auf welche Art und Weise auch immer, mit dem Anfang von Toy Story zu verknüpfen. Wir erinnern uns: Buzz Lightyear ist zwar eine Spielfigur, allerdings weiß er das Anfangs selbst nicht. Er glaubt, tatsächlich ein Astronaut zu sein.

    Dabei startet der Film vielversprechend. Man muss es immer wieder erwähnen, auch wenn wir nichts anderes erwarten: die Animation ist sensationell. Gerade hier bietet sich ein Vergleich zu Toy Story von 1995 an. Doch dann will die Story nicht mehr so recht vorankommen und der Twist will nicht so recht zünden. Der Teaser Trailer wurde gut 10 Monate vor dem Kinostart veröffentlicht und trotzdem wirkt der Film wie eine halbe Sache. Lightyear verläßt sich zu sehr auf seinen Hauptcharakter. Das ist zu wenig.

    LIGHTYEAR
    Science-Fiction, USA 2022

    Regie Angus MacLane
    Drehbuch Jason Headley, Angus MacLane
    Kamera Jeremy Lasky, Ian Megibben
    Schnitt Anthony J. Greenberg
    Musik Michael Giacchino
    Mit Chris Evans, Keke Palmer, Peter Sohn, John Brolin (Stimmen)
    Streamingplattform
    Disney+


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  • PARALLELE MÜTTER ★★★★½

    PARALLELE MÜTTER ★★★★½

    In seinem neuesten Film Parallele Mütter zeigt Pedro Almodóvar einmal mehr, dass er zu den ganz Großen des zeitgenössischen Kinos gehört. Mit der für einen Oscar nominierten Penélope Cruz in der Hauptrolle erzählt der Regisseur über ein schicksalhaftes Ereignis, das zwei Frauen einander näher bringt. In der Rahmenhandlung verknüpft Almodóvar die Geschichte mit der grausamen Vergangenheit des spanischen Bürgerkriegs. Erschütternd und schön zugleich.

    Darum geht es

    Janis (Penélope Cruz) ist Werbefotografin in Madrid und hat eine Affäre mit dem forensischen Anthropologen Arturo (Israel Elejalde). Sie bittet ihn, die Exhumierung ihres Urgroßvater zu veranlassen, der unter dem Franco Regime in ihrem Heimatdorf ermordet und in einen Massengrab beigesetzt wurde und die Leichen dort zu identifizieren.

    Als Janis schwanger wird und sie der verheiratete Arturo zu einer Abtreibung zu überreden versucht, beschließt sie, das Kind alleine groß zu ziehen. Auf der Entbindungsstation lernt sie Ana (Milena Smit) kennen, mit der sie das Zimmer teilt und die Beiden freunden sich an. Als Arturo einige Monate später überraschend auftaucht und das Kind sehen möchte, reagiert er verhalten und fragt ob das wirklich sein Kind sei. Die Aussage beunruhigt Janis und sie stellt mittels DNA Test Nachforschungen an. Dabei macht sie eine Entdeckung, mit der sie nie und nimmer gerechnet hätte. Dann steht plötzlich Ana buchstäblich vor der Tür. Janis bietet ihr an, bei ihr einzuziehen.

    Penélope Cruz und Milena Smit in Parallele Mütter (E 2021)

    Kommentar

    Pedro Almodóvar gehört zu jenen Regisseuren, die eine unverwechselbare Handschrift entwickelt haben. Jeder Kader ist wohl seinem Werk zuzuordnen. Die kräftigen Farben sind bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt. Die Interieurs geschmackvoll. Dabei stellte der Regisseur aber nie die Form vor den Inhalt. Starke Frauenrollen zeichnen die Arbeiten von Almodovar seit jeher aus. So auch seinen neuesten Film Parallele Mütter.

    Penélope Cruz‘ Darstellung von Janis ist einglaublich nuancenreich, die neben ihrem nach außen starken Auftreten auch in das tiefste Innere von Janis blicken lässt. Sie weiß ganz genau wohin sie will und was sie tut, bis sie in ihrer Verzweiflung von ihren Gefühlen überwältig wird und ihr das Leben für einen kurzen Moment entgleitet. Es ist eine der beeindruckendsten Charakterdarstellungen der jüngsten Zeit, die manchmal an die große Sophia Loren erinnert. Dabei lässt sie der um einige Jahre jüngeren Milena Smit als Ana genügend Raum.

    Darüber hinaus urteilt Almodóvar nie über seine Figuren. Selbst als er den Bogen in die dunkle Vergangenheit Spaniens und den Verbrechen den Bürgerkriegs spannt, bedient er sich einer fast nüchternen Herangehensweise. Die Gegenwart wie die Vergangenheit wird mittels DNA Proben aufgearbeitet. Ein Kontrapunkt zum opulenten Stil und der stark emotionalen Handlung, in der es nicht zuletzt darum geht, inwieweit es außerhalb unserer Macht steht, dass die eigenen Kinder von Fremden beeinflußt werden.

    Spätestens wenn Janis eine Tortilla de patata zubereitet, möchte man sich zu ihr an den Tisch setzen. Das Kino des Pedro Almodóvar geht auch durch den Magen. Almodóvar muss uns nichts mehr beweisen. Er macht es trotzdem. Große Empfehlung für Parallele Mütter.

    Parallele Mütter (OT: Madres paralelas)
    Drama, E 2021

    Regie Pedro Almodóvar
    Drehbuch Pedro Almodóvar
    Kamera José Luis Alcaine
    Schnitt Teresa Font
    Musik Alberto Iglesias
    Mit Penélope Cruz, Milena Smit, Rossy de Palma, Israel Elejalde
    Länge
    123 Min.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • PIG ★★★★★

    PIG ★★★★★

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    Kaum einer kann auf eine vielseitigere und ungewöhnlichere Filmografie zurückblicken als Nicolas Cage. Sowohl im Blockbustergenre hat er sich einen Namen gemacht, als auch im Drama und in einem Kino der Extreme. Nun ist sein Schaffen um einen Höhepunkt reicher. Im Debüt von Regisseur und Drehbuchautor Michael Samoski begibt er sich auf einen Rachefeldzug, der so gar nicht unseren Erwartungen entspricht. Dafür ist Pig nämlich viel zu klug konstruiert. Es hätte nach 27 Jahren die zweite große Chance für Nicolas Cage sein können, einen Oscar als Bester Schauspieler zu erhalten. Leider hat die Academy den gesamten Film ignoriert.

    Darum geht es

    Robin „Rob“ Feld (Nicolas Cage) lebt in einer einsamen Hütte mitten im Wald. Einzig sein Trüffelschwein leistet ihm Gesellschaft. Die Besuche des Zwischenhändlers Amir (Alex Wolff), an den er die Trüffel verkauft, sind alles andere als eine willkommenen Abwechslung. Rob sucht die Einsamkeit und braucht keinen Ansprechpartner. Als eines Nachts sein Trüffelschwein gestohlen wird, begibt er sich mit Hilfe von Amir gezwungenermaßen auf die Suche in die Stadt. Es ist lange her, dass er unter Menschen war. Ein Schicksalsschlag hat ihm zu dem gemacht, was er heute ist. Manche erinnern sich sogar nach vielen Jahren an ihn. Genauso wie er sich an sie erinnert. Wer war Robin Feld und wer hat es auf sein kostbares Schwein abgesehen?

    Nicolas Cage on fire (Pig, 2021)

    Kommentar

    Es ist wohl dem Mut und der Experimentierfreudigkeit von Menschen wie Nicolas Cage zu verdanken, dass Filme wie Pig – den er auch co-produziert hat – überhaupt existieren. Klar, ein Film, in dem es um ein gestohlenes Trüffelschein geht und der sich von einem augenscheinlichen Rachethriller in eine völlig andere Richtung entwickelt, ist nicht für die Massen gemacht. Leider war es kaum möglich, den Film in Österreich auf der Leinwand zu sehen, bevor er nun bei Amazon Prime Video gelandet ist.

    Dabei handelt es sich um einen Film, der ein dunkles Kino dringend benötigt. Es sind gerade die kleinen Dramen, die in einem Raum frei von Ablenkungen ihre größte Sogwirkung entfalten können. Pig ist ein intensives Seherlebnis ohne dabei ständig am Limit der Erträglichkeit sein zu müssen. Der Film ist zwar erst ab 16 Jahren freigegeben, was aber nicht bedeutet, dass die 91 Minuten von destruktiver Gewalt bestimmt sind. Ganz im Gegenteil.

    Pig erinnert vor allem zu Beginn an Leave No Trace von Debra Granik. Ebenfalls in den Wäldern rund um Portland, Oregon angesiedelt handeln beide Filme von Aussteigern und zu Beginn ist nicht ganz klar, wovor sie weggelaufen sind. Es ist ein düsterer Film, keine Frage. Wegen der Thematik genauso, wie aufgrund der visuellen Umsetzung. Robs Vergangenheit lastet zu sehr auf ihm, um hier auch nur einen Keim an Optimismus aufkommen zu lassen. Er läßt es seinen verwahrlosten und leidgeplagten Körper spüren. Weil sich uns aber der Charakter nach und nach offenbart und wir uns längst unbemerkt auf seine Seite gestellt haben, versprüht der Film keine Trostlosigkeit. Das gipfelt in einem Finale, mit dem wohl niemand gerechnet hat.

    Davor tauchen wir in eine Zwischenwelt ein, die die meisten von ins wohl nicht gekannt haben. Es ist ein Netzwerk aus Lieferanten von Delikatessen und Küchenchefs, das einem Gangsterfilm entsprungen sein könnte. Die Stadt und die Interieurs ähneln in ihrer Unübersichtlichkeit jener des Waldes zu Beginn. Ein Stadtdschungel im wahrsten Sinne des Wortes. Mitten drin der anfangs wortkarge Rob (mit Alex Wolff hat Cage übrigens einen kongenialen Partner an seiner Seite), der von einem inneren Schmerz angetrieben wird, der dem Charakter eine unglaubliche Tiefe gibt und dessen Motivation nicht die Vergeltung ist. Nicolas Cage, der sich in den letzten Jahren dem Horrorgenre zugewendet hat, ist die Rolle auf den Leib geschrieben..

    Regisseur und Drehbuchautor Michael Samoski schafft es in drei Kapiteln und knapp eineinhalb Stunden eine tiefgründige und komplexe Story glaubwürdig und in einem langsamen Tempo zu erzählen. Pig ist nicht jedermanns Sache. Dafür ist er viel zu kompromisslos. Allerdings öffnet uns Samoski gegen Ende eine neue Perspektive, die von einer tiefen Menschlichkeit geprägt ist. Dann ist Pig auf einmal ein Film über Verlust und eine verlorengegangene Liebe. Doch am Anfang steht ein in der Dunkelheit um sein Leben quiekendes Trüffelschwein. Diesen Bogen zu spannen ist ganz große Erzählkunst.

    Pig
    Drama, USA 2021

    Regie Michael Samoski
    Drehbuch Michael Samoski
    Kamera Patrick Scola
    Schnitt Brett W. Bachman
    Musik Alexis Grapsas, Philip Klein
    Mit Nicolas Cage, Alex Wolff, Adam Arkin
    Länge 91 Min.
    Streamingplattform
    Amazon Prime Video


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  • GET BACK – Die großen Musikdokus 2021

    GET BACK – Die großen Musikdokus 2021

    Wenn die Oscars irgendwie die Spitze des Eisbergs sind, dann kann man anhand der heurigen Nominierten erahnen, dass es nicht das stärkste Filmjahr gewesen ist. Da ist diesmal deutlich mehr als ein lucky-to-be-there Kandidat dabei. Dafür ist das Jahr 2021 an einer ganz anderen Front aufgefallen. Das zweite Jahr der Pandemie hat uns eine Fülle an großartigen Musikdokus beschert. Es finden sich große Namen vor und hinter der Kamera. Nahezu sämtliche Filme sind über Streamingdienste verfügbar.

    Bereits vor einen Jahr wurde Billie Eilish: The World’s a little blurry (AppleTV+) veröffentlicht. Die Dokumentation gibt spannende Einblicke in das Leben des jungen Popstars. Mehr dazu hier. Billie Eilish ist in dieser Auflistung insofern die Ausnahme, weil alle anderen Filme gleich mehrere Jahrzehnte zurückblicken.

    The Beatles in den Abbey Road Studios (The Beatles: Get Back)

    Auf wenige Tage im Jänner 1969 konzentriert sich The Beatles: Get Back (Disney+) von Peter Jackson. In drei Teilen und sage und schreibe 468 Minuten sehen wir die vier Musiker bei der Arbeit. Wie schon bei Jacksons They Shall not grow old (2018, AppleTV+, gegen Gebühr) verbirgt sich hinter der Dokumentation eine technische Meisterleistung. Neuerlich wurde das Filmmaterial digitalisiert, verfeinert, koloriert und in 4K-Qualität umgewandelt. Noch nie waren die Beatles scheinbar so zum Greifen nahe. Es ist ein intimes Zeitdokument, dass die Gruppe der Nachwelt hinterlassen hat. Die Beatles befanden sich bereits in einer Krise, die sie nicht mehr überwinden konnten. Paul McCartney versuchte die Band noch einmal zu einem Liveauftritt, dem ersten seit August 1966, zu bewegen, was die anderen Mitglieder anfangs ablehnten. Der Film zeigt die Probenarbeit zu ihrem letzten Album Let it Be, die mit ihrem letzten Liveauftritt, dem Rooftop-Konzert auf dem Dach des Abbey Road Studios, ihr Ende fanden.

    Dazwischen liegen drei Wochen, in denen ständig die Kameras und Mikrofone auf die Band gerichtet waren. Albernheiten, Spannungen und geniale Improvisationen machen diese Stunden zu einem wahren Genuss für Musikliebhaber. Die Bild- und Tonqualität ist so überwältigend, dass man fast ein Eindruck erhält, mit ihnen im Studio zu sitzen. In einer Sequenz improvisiert McCartney auf der Gitarre und man ist hautnah dabei, wie er sich in wenigen Minuten an die Melodie von Get Back herantastet. Klar zu spüren ist die Dominanz von Lennon und McCartney gegenüber den anderen beiden Bandmitgliedern. George Harrisons Versuche, sich mehr einzubringen, werden schnell im Keim erstickt. Das führt zu dem dramatischen Höhepunkt der Dokumentation, als Harrison nämlich beschließt, die Band zu verlassen. Erst realisieren es die anderen nicht so recht, doch spätestens am nächsten Morgen kommt die Ernüchterung. Es ist der Moment, als eine der größten Bands des 20. Jahrhunderts kurz vor dem Aus steht. Die knapp acht Stunden von The Beatles: Get Back sollte man sich nicht nur als Beatles Fan nicht entgehen lassen. Sie verraten auch, mit welchen gruppendynamischen Prozessen Bands zu kämpfen haben.

    Paul McCartney und Rick Rubin in McCartney 3,2,1

    Mehr als ein halbes Jahrhundert später steht Paul McCartney mit Rick Rubin im Tonstudio und hört sich die Bänder der Originalaufnahmen der Beatles an. In McCartney 3,2,1 (Disney+) erfahren wir, wie einzelnen Passagen entstanden sind und woher so mancher Titel stammt. Die Melodie von Hey Jude beispielsweise kam ihm im Schlaf. Es ist fast ein Wunder, dass sie überhaupt erhalten blieb. Aufnahmegerät war damals natürlich so schnellt keines zur Stelle. Zumal sich McCartney nicht sicher war, ob er da überhaupt nur eine fremde Melodie aus seiner Erinnerung abgerufen hatte. Es ist jedenfalls erstaunlich, mit welch Begeisterung er sich seine alten Kompositionen auch heute noch anhören kann und Anekdoten darüber erzählt. Rick Rubin, der bloßfüßige Rübezahl, hört nicht weniger gespannt zu als wir selbst.

    The Sparks Brothers, Edgar Wright 2021

    Zwei namhafte Regisseure haben sich zwei weiteren legendären Bands angenommen. Edgar White gibt in The Sparks Brothers („When do i get to sing „My Way““) einen pointierten Überblick über die Karriere der Sparks. Die Brüder Ron und Russell Mael sind seit Anfang der 1970er bekannt für ihre exzentrischen Auftritte und ihren experimentellen Sound. Trotzdem sie sich immer gegen alle Konventionen stellten, ist die Band seit Jahrzehnten erfolgreich und gerade deswegen auch Inspiration für zahlreiche Musiker ab den 1980er Jahren. Von den Sparks ist zudem der Soundtrack von Leo Carax‘ Annette. Die Dokumentation gibt es zur Zeit auf diversen Plattformen zum Ausleihen.

    The Velvet Underground von Todd Haynes

    Todd Haynes‘ The Velvet Underground (AppleTV+) behandelt die Phase von der Gründung bis zu dem Moment, als Lou Reed die Band verlässt. Die Bandmitglieder John Cale und Maureen Tucker kommen zu Wort. Der Film erfasst die Band als Phänomen ihrer Zeit und weniger als klassische Rockband. The Velvet Underground war nicht zuletzt wegen des Produzenten Andy Warhol stark im Umfeld der Factory verankert. Ihr Einfluss auf kommende Musiker war enorm. Haynes verwendet über weite Strecken Splitscreens und so erhält man den Eindruck einer Collage. Durch den eigenwilligen Stil gelingt es den experimentellen Charakter der Band einzufangen. Ein Film nicht nur über Musik, sondern über Kunst an sich. Man bekommt sofort Lust wieder The Velvet Underground zu hören.

    NINA SIMONE auf dem Harlem Cultural Festival im Jahr 1969.

    Eines der großen Ereignisse des vergangenen Jahres ist Summer of Soul (…Or, When the Revolution Could Not Be Televised) (Disney+). Der Dokumentarfilm von Questlove (The Roots) zeigt bisher unveröffentlichtes Filmmaterial des Harlem Cultural Festival. Es fand im Sommer 1969 an sechs Sonntagen im Mount Morris Park in New York City statt. Während das zur gleichen Zeit nicht weit entfernt stattfindende Woodstock Festival einen hohen Bekanntheitsgrad errang, war bis jetzt über diese Konzertserie, der rund 300.000 Menschen beiwohnten, kaum etwas bekannt. Das lag daran, dass damals kein Interesse an einer Veröffentlichung der vielen Stunden Filmmaterial bestand und ist damit, dass sich die Veranstaltung explizit an schwarze AmerikanerInnen richtete. Wir der Titel verrät, wurde das Konzert, bis auf einige wenige Ausschnitte nie ausgestrahlt. Dabei traten KünstlerInnen wie Nina Simone, Stevie Wonder, B. B. King, The Fifth Dimension und viele mehr auf. Das Festival war ein starkes Lebenszeichen der schwarzen Bevölkerung, die noch unter dem Schock der Ermordung von Martin Luther King und deren Folgen standen. Summer of Soul ist sowohl ein musikalisches als auch gesellschaftspolitisches Zeitdokument.



    Billie Eilish: The World’s a little blurry
    Dokumentation, USA 2021

    Regie
     R. J. Cutler
    Drehbuch R. J. Cutler
    Schnitt Lindsey Utz
    Musik Billie Eilish, Finneas O’Connell
    Mit Billie Eilish, Finneas O’Connell 
    Länge 140 Min.
    Streamingplattform Apple TV+

    The Beatles: Get Back
    Dokumentation, UK/NZ/USA 2021

    Regie Peter Jackson
    Kamera Ben Davis
    Schnitt Jabez Ollsen
    Länge 468 Min.
    Streamingplattform Apple TV+

    Paul McCartney 3,2,1
    Dokumentation USA 2021

    Regie Zachary Heinzerling
    Kamera Stuart Winecoff
    Länge 6 Episoden, je ca. 30 Min.
    Streamingplattform Disney+

    The Sparks Brothers
    Dokumentation, USA UK/USA 2021

    Regie Edgar Wright
    Kamera Jake Polonsky
    Schnitt Paul Trewartha
    Länge 140 Min.
    Auf diversen Plattformen zum Leihen verfügbar

    The Velvet Underground
    Dokumentation, USA 2021

    Regie Todd Haynes
    Kamera Edward Lachman
    Schnitt Affonso Goncalves, Adam Kurnitz
    Länge 110 Min.
    Streamingplattform Apple TV+

    Summer of Soul (…Or, When the Revolution Could Not Be Televised)
    Dokumentation, USA 2021

    Regie Ahmir „Questlove“ Thompson
    Kamera Shawn Peters
    Schnitt Joshua L. Pearson
    Mit Nina Simone, BB King, Mahalia Jackson, Stevie Wonder, The 5th Dimension, uvm.
    Länge 117 Min.
    Streamingplattform
    Disney+


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  • DIE HAND GOTTES ★★★½

    DIE HAND GOTTES ★★★½

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    Italien ist für uns alle ein Sehnsuchtsort. Die Italiener mögen wir. Mit Einschränkungen. Die meisten anderen Menschen aus dem Süden bekanntlich eher nicht. Die Sprache. Das Meer. Das Essen. Das Temperament. Den Fußball. Und die Filme. Paolo Sorrentino blickt in der autobiographische Tragikomödie Die Hand Gottes auf seine eigene Jugend in Neapel zurück. Dabei nimmt er Bezug auf das italienische Kino der damaligen Zeit, ganz ohne nostalgische Verklärung. Für den Regisseur ist es laut eigenen Aussagen sein bisher persönlichster und intimster Film. Daher gilt er für viele als sein bisher persönlichster Film. Ein außerordentlich Unterhaltsamer ist er in jedem Fall. Bei den Filmfestspielen von Venedig gewann Sorrentino den Silbernen Löwen (Großer Preis der Jury). 

    Darum geht es

    Neapel in den 1980er Jahren. Fabietto (Filippo Scotti) steht als jüngstes von drei Geschwistern inmitten seiner exzentrischen Großfamilie etwas auf verlorenem Posten. Der Vater (Toni Servillo) ist Bankdirektor, die Mutter (Teresa Saponangelo) Hausfrau. Die Schwester verbringt die meiste Zeit im Bad. Man bekommt sie kaum zu Gesicht. Mit dem Bruder (Marlon Joubert) teilt er sich ein Zimmer und geht einmal mit ihm zu einem Casting für Fellinis nächsten Film. Zu Tante Patrizia (Luisa Ranieri) fühlen sich alle Männer hingezogen. Auch jene in der Familie.

    Bekanntschaften mit einem Filmregisseur und einem Schmuggler eröffnen Fabietto, der kurz vor dem Studium steht, neue Horizonte. Als Diego Maradona vom SSC Neapel verpflichtet wird, bekommt er als großer Fan des Vereins von seinem Vater eine Dauerkarte geschenkt. Es sollte sich als schicksalhaftes Geschenk herausstellen, das sein Leben verändern wird.

    Ulrich Seidl läßt grüßen (Filippo Scotti, Teresa Saponangelo, Marlon Joubert und Toni Servillo. Foto von Gianni Fiorito).

    Kommentar

    Auch wenn uns Paolo Sorrentino seine eigene Vergangenheit auf eine witzige und äußerst skurrile Art und Weise näher bringt, ist es für sein Alter Ego Fabietto doch eine traumatische Jugendzeit. Pubertären Verwirrungen und der Leidenschaft zum Fußball, die ihren Höhepunkt in der Verpflichtung von Diego Maradona in der Saison 1984/85 erreichte, sind das eine. Für die Menschen in Neapel war damit die Hoffnung verbunden im Fußball mit dem reichen Norden mithalten zu können. Zwei Jahre später konnte der SSC Neapel dann tatsächlich seinen ersten Meistertitel feiern.

    Auf der anderen Seite ist da die Orientierungslosigkeit. Theater und Film üben bereits eine gewisse Faszination auf ihn aus. Fabietto stellt sich der Frage, ob dafür Neapel nicht der falsch Platz ist. Die Hauptstadt lockt. Trotzdem dreht Federico Fellini gerade in Neapel und der Regisseur Antonio Capuano imponiert Fabietto mit seiner fast schon aggressiven Art und Weise, Kunst und Künstler herauszufordern. Er meint, die Geschichten liegen vor uns. Dafür muss man nicht nach Rom reisen.

    In der ersten Hälfte bekommt die Familie den größten Raum. Hinter all den Übertreibungen kann man den wahren Kern der Figuren erahnen: die Späße der Mutter und ihr liebevolles aber auch angespanntes Verhältnis zum Vater, die exzentrische Großmutter oder die attraktive kinderlose Tante Patrizia. Dann aber kommt der Schicksalsschlag und der Film schlägt eine andere Richtung ein. Fabietto muss auf einemmal schneller erwachsen werden. Große Lebensentscheidungen stehen unmittelbar bevor. Der Humor tritt in den Hintergrund.

    Sorrentino Hang zu Skurrilitäten, wie in der grandiosen Eröffnungssequenz (Wer kann da schon erahnen, mit was für einem Film man es zu tun hat. Bei der Viennale herrschte Stille im vollen Saal. Interessant zu sehen, wenn das Publikum einen Film nicht gleich einordnen kann), bereitet großen Spaß. Er verdichtet eine coming-of-age Geschichte auf einen sehr kurzen Zeitraum, genau rund um ein einschneidendes Ereignis, dass für ihn sein ganzes Leben verändert hat. Allerdings findet er zu keinem Schluss. Ein oder zwei Mal glaubt man ihn zu erahnen aber der Film breitet sich auf einer Länge von 130 Minuten aus. Zumal der Film da schon einiges vom anfänglichen Esprit eingebüßt hat.

    Die Hand Gottes (OT: È stata la mano di Dio)
    Tragikomödie, IT 2021

    Regie Paolo Sorrentino
    Drehbuch Paolo Sorrentino
    Kamera Daria D’Antonio
    Schnitt Cristiano Travaglioli
    Musik Lele Marchitelli
    Mit Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Soponangelo, Marlon Jaubert, uvva.
    Länge 130 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • FRAU IM DUNKELN ★★★★★

    FRAU IM DUNKELN ★★★★★

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    Man könnte meinen, in unserer aufgeklärten Gesellschaft gäbe es keine Tabus mehr. Maggie Gyllenhaal belehrt uns in ihrem Regiedebüt eines besseren. Worum es in der Romanverfilmung Frau im Dunkeln – im Original The Lost Daughter – eigentlich geht, bleibt tatsächlich lange im Dunkeln. Gyllenhaal fesselt uns aber von der ersten Minute an. Dank zweier grandioser Hauptdarstellerinnen und einem wunderbaren Team hinter der Kamera.

    Darum geht es

    Die Literaturwissenschaftlerin Leda (Olivia Coleman) verbringt alleine einen Arbeitsurlaub in Griechenland. Sie genießt es, dass sie von ihrem älteren Vermieter Lyle (Ed Harris) und auch vom jüngeren Will (Paul Mescal), der in der Strandbar arbeitet, begehrt wird. Die Ruhe am Strand wird bald von einer griechisch-amerikanischen Großfamilie gestört. Nina (Dakota Johnson), eine junge Mutter, scheint Leda an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern. Die ersten Begegnungen verlaufen nicht spannungsfrei. Leda fühlt sich gestört. Dann wird am Strand plötzlich Ninas kleine Tochter Elena vermisst.

    In Rückblenden erfahren wir nach und nach, was sich hinter der immer wieder seltsam agierenden Leda verbirgt. In jungen Jahren (in den Rückblenden gespielt von Jessie Buckley) traf sie eine schockierende Entscheidung, für die man als Außenstehender im ersten Moment nur wenig Verständnis aufbringen kann.

    Jessie Buckley spielt die junge Leda Caruso

    Kommentar

    Die allererste Szene deutet an, dass uns in den kommenden zwei Stunden einiges erwarten wird. Die darauffolgende Sequenz bricht sofort mit der gerade provozierten Erwartungshaltung. Leda fährt voller Urlaubsstimmung zur wunderbaren Musik von Dickon Hinchliffe die Küste entlang. Sie bezieht ein schönes Appartement und genießt die Ruhe am Strand. Maggie Gyllenhaal lässt uns sehr lange zappeln. Manche Handlungen Ledas machen uns misstrauisch. Was hat sie zu verheimlichen?

    Frau im Dunkeln baut eine Spannung auf, obwohl lange vordergründig nicht viel passieren mag. Obwohl der Rahmen der Handlung vertraut zu sein scheint, wird über Ledas Beobachtungen aus der Entfernung und ihre Blicke ein beklemmendes Gefühl in uns hervorgerufen. Es ist klar, dass uns hier etwas verborgen bleibt. Bis Rückblenden einsetzen. Wir sehen Leda, die sehr jung zweifacher Mutter geworden ist. Erfüllung geben ihr aber nicht ihre zwei Töchter, sondern ihre Arbeit. Mehr sei hier zum Inhalt nicht verraten. Außerdem: Es ist Leda, die sich erinnert. Können wir ihr überhaupt trauen?

    Was uns Gyllenhaal nach der Kurzgeschichte von Elena Ferrante auftischt, ist reich an Metaphern und feinen Zwischentönen aber auch Irritationen. Leda ist ein komplexer Charakter, wie ihn wohl nur wenige Schauspielerinnen so nuanciert spielen können wie derzeit Olivia Coleman, deren Stärke in kleinen Gesten liegt. Dabei muss man ihr jüngeres Ich Jessie Buckley in einem Atemzug nennen. Buckley ist so gesehen die große Überraschung des Films.

    Die Geschichte kann eine erschütternde und schmerzhafte Erfahrung sein. Gyllenhaal erklärt nicht, was Leda antreibt. Vieles bleibt ungewiss. Genau das regt uns aber zum Nachdenken an. Frau im Dunkeln ist ein psychologischer Thriller. Mysteriös und aufreibend. Ein Film des Jahres und ein Triumph für Maggie Gyllenhaal..

    Frau im Dunkeln (OT: The Lost Daughter)
    Drama, USA 2021

    Regie Maggie Gyllenhaal
    Drehbuch Maggie Gyllenhaal
    Kamera Hélène Louvart
    Schnitt Alfonso Gonçalves
    Musik Dickon Hinchliffe
    Mit Olivia Coleman, Jessie Buckley, Dakota Johnson, Ed Harris
    Länge 121 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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