Schlagwort: Streaming

  • tick, tick … BOOM! ★★★★

    tick, tick … BOOM! ★★★★

    im Abo

    Es ist ein Drama für sich, dass Musicals zur Zeit nicht zum populärsten Genre gehören, obwohl gerade großartige Arbeiten zu sehen sind. Neben Spielbergs West Side Story hat im vergangenen Jahr vor allem einer aufhorchen lassen: Lin-Manuel Miranda (Hamilton, Vaiana). In the Heights ist ein fulminantes Musical, zu dem er die Musik komponiert hat. Bei Tick, tick … BOOM! führt Miranda nun erstmals Regie. Es ist die Verfilmung eines autobiografischen Musicals des Komponisten Jonathan Larson, das Miranda gekonnt zu einem herzzerreißenden Biopic verknüpft hat.

    Darum geht es

    1992 präsentiert Jonathan Larson (Andrew Garfield) sein Musical tick, tick … BOOM! im New York Theatre Workshop (das Off-Broadway Theater ist bekannt dafür, dass hier dem Publikum neue Stücke vorgeführt werden). Darin erzählt er von seiner eigenen Schaffenskrise kurz vor seinem 30. Geburtstag zwei Jahre zuvor. Damals war Superbia, ein in der Zukunft spielendes Rockmusical, Larsons Lebensprojekt aber es gelang ihm lange nicht es zu finalisieren.

    Sein Freund Michael (Robin de Jesùs) bietet ihm einen Job bei einer Werbeagentur an, die Larson für seine Talente entsprechend entlohnen würde. Dazu kann sich der Vollblutkünstler nur schwer durchringen. Die Beziehung zu Susan (Alexandra Shipp) leidet unter seiner Obsession, das Musical fertigzustellen. Obwohl sie selbst Sängerin ist, hat sie wenig Verständnis dafür, dass er nichts anderes im Kopf hat als zu komponieren.

    Erst in der Nacht vor der Präsentation von Superbia kommt Larson die Idee für den letzten fehlenden Song. Der Workshop, in dem das Musical vorgestellt wird und bei dem unter anderen Stephen Sondheim (Bradley Whitford) anwesend ist, wird ein Erfolg. Allerdings möchte das ambitionierte Stück niemand produzieren und auf die Bühne bringen. Sondheim gratuliert ihm aber persönlich zum gelungenen Werk. Larsons Agentin Rosa Stevens (Judith Light) rät ihm, ein Stück zu schreiben, das mehr mit ihm selbst zu tun hat.

    Als nächstes arbeitet Larson an tick, tick, BOOM!, das die Rahmenhandlung des Filmes bildet. Am Ende des Filmes erzählt Susan von seinem letzten Musical Rent, das ein bahnbrechender Erfolg werden sollte. Jonathan Larson hat es aber nicht mehr erlebt. Er stirbt 1996 am Morgen der Premiere an einem Riss in der Aorta.

    Ein Leben für die Kunst (Andrew Garfield als Jonathan Larson)

    Kommentar

    Gerade wenn man mit der Geschichte von Jonathan Larson nicht vertraut ist, trifft einem das Ende mit voller Wucht. Lin-Manuel Miranda hat es für seinen Film extra hinzugefügt, eben genau deshalb, damit auch jene, die Larson nicht kannten, von seinen späteren Erfolgen und dem tragischen Ende erfahren. Das hat dem Regisseur Kritik eingebracht. Zu sehr lastet das dramatische Ende über dem gesamten Film.

    Dabei geht es in tick, tick … BOOM! um etwa ganz anderes. Was in den letzten Minuten in den Hintergrund gedrängt wird, ist das eigentliche kreative Schaffen Larsons. Der Film erzählt von der kompromisslosen Leidenschaft für die Kunst und den damit verbundenen Entbehrungen, was es bedeutet, für eine Sache alles aufzugeben. Das ist neben der überraschenden schauspielerischen Leistung von Andrew Garfield, der eine ganz neue Seite von sich zeigt und musikalisches Talent beweist, die große Stärke des Filmes.

    Miranda, der einst selbst die Hauptrolle im titelgebenden Musical spielte und das nach eigenen Angaben eine große Inspiration für ihn war, interviewte ihm Zuge der Vorbereitungen zahlreiche WeggefährtInnen Larson. In Archiven durchstöberte er Unterlagen des Komponisten und fügte Details an passenden Stellen ein. Zahlreiche Mitwirkende sind tatsächlich Broadway-Künstler. Sowohl das Moondance-Diner, in dem Larson arbeitete, als auch sein Appartment wurden penibelst genau rekonstruiert. Man spürt die Liebe, die in tick, tick … BOOM! steckt. Der Film ist eine Huldigung an den kreativen Schaffensprozess an sich und setzt Jonathan Larson ein würdiges Denkmal.

    tick, tick … BOOM!
    Musical, USA 2021

    Regie Lin-Manuel Miranda
    Drehbuch Steven Levenson
    Kamera Alice Brooks
    Schnitt Myron Kerstein, Andrew Weisblum
    Musik Jonathan Larson
    Mit Andrew Garfield, Vanessa Hudgens, Alexandra Shipp
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • DON’T LOOK UP ★★★

    DON’T LOOK UP ★★★

    Im Abo

    Eine Satire, die von der Wirklichkeit überholt wird. Gibt es das? Was von Regisseur Adam McKay (Vice – Der zweite Mann) als Persiflage auf Klimawandel- und Wissenschaftsleugner gedacht war, steht durch die COVID-19-Pandemie in einem völlig anderen Licht. Don’t Look Up tut das leider alles andere als gut. Was man vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte, dass nämlich eine unmittelbare Gefahr um Leib und Leben trotz eindringlicher Warnungen der Wissenschaft schlicht ignoriert wird, ist Teil unseres täglichen Lebens geworden. Der Film hat dem leider, trotz aller Ambitionen, nicht mehr all zu viel hinzuzufügen.

    Darum geht es

    Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence), eine Doktorandin in Astronomie an der Michigan State University, entdeckt einen ungewöhnlichen Kometen. Ihr Professor, Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio), berechnet, dass er die Erde und die Weltbevölkerung in sechs Monaten und vierzehn Tagen zerstören wird.

    Kurz nach der Entdeckung sitzen die Beiden in einer Militärmaschine Richtung Washington. Doch im Weißen Haus findet die Präsidentin (Meryl Streep) zum Erstaunen beider nicht sofort Zeit, um die Wissenschaftler zu empfangen. Sie sorgt sich um die anstehenden Midterm Wahlen und möchte mit der Information vorerst nicht an die Öffentlichkeit gehen. Mindy und Dibiasky beschließen, sich selbst in einer Talkshow an die Öffentlichkeit zu wenden.

    Die beiden Wissenschaftler werden prompt zum Gespött im Internet. Kaum jemand nimmt sie ernst. Erst als die Präsidentin eine Ablenkung von einem Skandal benötigt, der sich negativ auf die Wahlen auswirken würde, wendet sie sich in einer Rede an die Nation. Der Unternehmer Peter Isherwell (Mark Rylance) wiederum möchte die wertvollen Rohstoffe im inneren des Kometen nutzen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen unterschiedliche Interessen beginnt.

    Jason Orlean (Jonah Hill) und seine Mom Präsidentin Orlean bringt der nahende Weltuntergang nicht aus der Ruhe.

    Kommentar

    Adam McKay hat sich einen Namen damit gemacht, komplexe Sachverhalte (The Big Short, 2015) auf witzige und kreativ Weise aufzuarbeiten und für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Einblendungen von Texten und Erzählstimmen aus dem Off kombiniert mit einem rasanten Schnitt sind mitunter anstrengend und fordern die Konzentration. Der Genremix aus Drama und Komödie und ein Fülle an kreativen Einfällen geben den Themenfelder aber eine gewisse Leichtigkeit. Mit Don’t Look up schaltet McKay nun ein paar Gänge zurück.

    Der Film macht vieles richtig. Er ist über weite Strecken komisch. Allen voran stehen zwei verschrobene Wissenschaftler (DiCaprio und Lawrence), denen es mit ihrer Art und Weise nicht gelingen kann, die Öffentlichkeit von ihrem Anliegen zu überzeugen. Sie sind überhaupt nicht in der Lage, den heutigen Kommunikationsformen zu entsprechen oder gar Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Dabei könnte man meinen, dass die Botschaft „Wir werden alle Sterben“ klar und unmissverständlich ist. Es hört nur niemand zu. Die Beiden stehen einer All-Star Besetzung vor, die sich sehen lassen kann. Cate Blanchett beweist einmal mehr ihre unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Meryl Streep ist gewohnt souverän. Der rasante, fast schon wilde Filmschnitt von Hank Korwin ist ein Vergnügen für sich. Die Musik von Nicholas Britell (Beale Street, Moonlight) ist wunderbar wie immer. Das großartige Ende dürfte für McKay nur schwer durchzusetzen gewesen sein, obwohl er selbst produziert hat.

    Natürlich hat sich Adam McKay die Story vor der Pandemie ausgedacht (nach einer Idee von David Sirota, unter anderem Redenschreiber für Bernie Sanders). Im Fokus stand dabei die Leugnung des Klimawandels und die große Skepsis vor wissenschaftlichen Erkenntnissen. 2020 musste der Drehstart verschoben werden. Die Dreharbeiten fanden dann während der Pandemie statt, zu einer Zeit, als sich die Welt grundlegend veränderte und das zentrale Thema des Filmes auf einmal unseren Alltag bestimmte. Don’t Look up beschreibt nun eine Wirklichkeit (sei es die offensichtliche Anlehnung des Charakters der Präsidentin an Donald Trump oder den Umgang mit Information und die Macht des Internets bei der Bestimmung der Diskurshoheit) und hat ihr nichts hinzuzufügen.

    Es ist das Dilemma von satirischen oder kabarettistischen Beiträgen, dass sie in der Regel nicht das Publikum erreichen, das damit zum Nachdenken angeregt werden könnte, sondern jenes, das im selben Mindsest verankert ist. Das war auch ein Kritikpunkt von Vice – Der Zweite Mann. In diesem Fall könnte das sogar anders sein. Sowohl die Besetzung als auch Netflix als Verbreitungsmedium werden das ermöglichen. Natürlich liegt hier das Schicksal der Welt und die Definition davon, was Wahrheit ist in den Händen der USA. Da nützt es nichts, stakkatoartig Bilder aus aller Welt zusammenzumontieren, um die globale Problematik ins Bewusstsein zu rücken. Geschenkt.

    Aber wo genau liegt nun der Mehrwert dieser Science-Fiction-Satire? Eine Satire, die einzig ein Abbild der Wirklichkeit ist und genau von dieser bereits in unglaublicher Weise überholt wurde, hat dieser Realität nichts mehr hinzuzufügen. In der kleinen Twitter-Gemeinschaft hört man: ja, das ist doch unser tägliches Leben! Ja schon, aber ist nicht die stilistische Überhöhung eine Aufgabe von Satire? Sie ist hier allein durch die akute vernichtende Gefahr gegeben. Darüber hinaus bleibt McKay, so absurd es klingen mag, zu nah an der Realität. Was für ein Sittenbild unserer Gesellschaft! Er nimmt jene überhaupt nicht in die Verantwortung, die möglicherweise massgeblich Mitschuld sind an unserer verworrenen und fast ausweglosen Situation. Jene nämlich, die den Diskurs mit harten Fakten bestimmen wollten und die Hoheit über ihn aus der Hand gegeben haben. Sei es aus geistiger Präpotenz oder schlichtem Unvermögen. Ist es nicht auch eine Aufgabe von Satire Kritik zu üben und eine neue Bewusstseinsebene zu schaffen? Genau das passiert in Don’t Look Up nicht.

    Unterhalten wird man trotzdem, auch wenn der Film das Problem von zur Zeit vielen anderen teilt. Er ist zu lang geraten. Das macht sich vor allem in der zur Wiederholung neigenden zweiten Hälfte bemerkbar. Trotz des ungewöhnlichen Endes. An die Genialität seiner früheren Arbeiten kommt Adam McKay diesmal leider nicht heran.

    Don’t look up
    Sci-Fi-Satire, USA 2021

    Regie Adam McKay
    Drehbuch Adam McKay
    Kamera Linus Sandgren
    Schnitt Hank Korwin
    Musik Nicholas Britell
    Mit Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Cate Blanchett, Jonah Hill, Mark Rylance
    Länge 138 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THE LAST DUEL ★★★ ½

    THE LAST DUEL ★★★ ½

    Im Abo

    Ridley Scott, gerade 84 Jahre alt geworden, empörte sich unlängst darüber, dass junge Menschen nicht in Massen die Kinos stürmten, um in seinem neuen Film einhundertdreiundfünfzig Minuten lang dabei zuzusehen, wie Männer in lustigen Kostümen durch die schöne Landschaft Frankreichs reiten. Um Missverständnisse auszuräumen: The Last Duel ist einer der wichtigsten Filme des Jahres. Ob es allerdings zielführend ist, ein und die selbe historische Geschichte aus drei Perspektiven in epischem Ausmaß und nur in leichten Nuancen variierend zu erzählen, wenn man mit seiner Botschaft ein breiteres Publikum erreichen möchte, sei dahingestellt. Laut der Definition von Scott zählt übrigens auch der Autor dieser Zeilen (gerade noch) zur „Handy-Generation“, deren Aufmerksamkeitsspanne nicht über eine Ampelphase hinausgeht. Es stimmt schon: junge Erwachsene sind das treueste Kinopublikum und ob das Kino wieder zur alten Form zurückfinden wird, ist mehr als ungewiss. Selbst der Film, um den es hier geht, war bereits wenige Wochen nach dem Kinostart bei Disney+ verfügbar.

    Darum geht es

    Die beiden Freunde Jean de Carrouges und Jacques Le Gris kehren gerade von einer Schlacht zurück. Während Jacques in höheren Kreisen verkehrt und mit Pierre, dem Cousin von König Charles VI, befreundet ist, wird Jean eher belächelt. Nicht zuletzt, weil er finanzielle Probleme hat. Um seine Lage zu verbessern, ehelicht er Marguerite de Thibouville. Ein Stück Land, dass Jean durch die Heirat versprochen wurde, vergibt Pierre jedoch an Jacques. Es kommt zum Zerwürfnis zwischen den beiden Männern.

    Der 100-jährige Krieg flammt immer wieder auf und Jean, zwischenzeitlich zum Ritter geschlagen, zieht von Schlacht zu Schlacht. Seine Frau läßt er bei seiner Mutter zurück. Als selbst diese einmal vereist, bekommt Marguerite unerwarteten Besuch von Jacques. Der überwältigt Marguerite und vergewaltigt sie. Um die Ehre seiner Frau und vor allem seine eigene wiederherzustellen geht Jean vor Gericht. Allerdings ist der König das Gesetz und einzig Gott entscheidet über die Wahrheit. Keine gute Ausgangssituation für den Außenseiter und seine Frau.

    Der Film ist in in drei Kapiteln unterteilt. The Last Duel erzählt die Geschichte aus den Perspektiven von Jean de Carrouges, Jacques Le Gris und Marguerite de Carrouges.

    Adam Driver as Jacques LeGris and Matt Damon as Jean de Carrouges in 20th Century Studios‘ THE LAST DUEL. Photo by Patrick Redmond. © 2021 20th Century Studios. All Rights Reserved.

    Kommentar

    Wenn Männer in Rüstungen durch die Landschaft und Ruinen reiten hat das immer auch etwas Lächerliches. Dort wo sonst Touristen alte Mauern besichtigen, stolzieren nun Ritter mit ernster Miene begleitet von pseudomittelalterlicher Musik. Mir kommt vor, dieser Effekt stellt sich immer dann ein, wenn versucht wird, möglichst authentisch zu sein. Mittelalterlicher Jahrmarkt mit 100 Millionen Budget sozusagen. Auch Ridley Scott verzichtet darauf, wenigstens auf der musikalischen Eben modernere Akzente zu setzen.

    Im Grunde spielt es auch keine Rolle, in welcher Zeit diese Geschichte spielt. Wenn sich Marguerite (großartig: Jodie Comer) im finalen Akt vor dem König rechtfertigen muss und ihre Glaubwürdigkeit als Opfer in Frage gestellt wird, erinnert das frappant an die Gegenwart. Die Scheinwerfer sind stets auf die Opfer gerichtet, die mit ihrer Entscheidung an die Öffentlichkeit zu gehen in Kauf nehmen, an den medialen Pranger gestellt zu werden. Die Täter bleiben dabei mehr im Hintergrund, stilisieren sich selbst zu Opfern oder ziehen die Situation ins Lächerliche.

    Für Marguerite (und ihren Ehemann) steht allerdings mehr auf dem Spiel. Beider Schicksal liegt in den Händen von Charles VI (er ist als der wahnsinnige König in die Geschichte eingegangen) oder in jener Gottes. Eine Frau, die einen mutmaßlichen Ehrenmann beschuldigt, passt nicht in das Gesellschaftsbild jener Zeit.

    Das dem Film zugrundeliegende Duell fand am 29. Dezember 1386 statt. Sowohl von der Verhandlung als auch vom Duell sind umfangreiche Aufzeichnungen überliefert. Scott orientiert sich nach dem Buch The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medial France von Eric Jager, in dem Le Gris als Schuldiger hervorgeht. Die Schuldfrage konnte aber nie abschließend vor einem Gericht geklärt werden, was letzten Endes der Grund für das Duell gewesen ist. Die Entscheidung über Recht und Unrecht wurde Gott überlassen. Ridley Scott hat das Finale in gewohnter Wucht und mit maximaler Brutalität inszeniert.

    Leider bleibt der Film trotz starker DarstellerInnen und einem in Erinnerung bleibenden finalen Akt hinter seinem Potential zurück, was nicht zuletzt der Dreiteilung der Geschichte und der damit einhergehenden Länge geschuldet ist.

    Das Duell zwischen de Carrouges und Le Gris war das letzte Duell, dass in Frankreich von Parlament und König genehmigt wurde.

    THE LAST DUEL
    Drama, UK/USA 2021

    Regie Ridley Scott
    Drehbuch Nicole Holofcener, Matt Damon, Ben Affleck
    Kamera Dariusz Wolsky
    Schnitt Claire Simpson
    Musik Harry Gregson-Willliams
    Mit Jodie Comer, Matt Damon, Adam Driver, Ben Affleck
    Länge 153 Min.
    Streamingplattform
    Disney+


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THE POWER OF THE DOG ★★★★½

    THE POWER OF THE DOG ★★★★½

    Verfügbar bei

    Im Abo

    Nach Aufführungen bei der diesjährigen Viennale sind wir vorerst um einen, wenn auch zeitlich stark eingeschränkten, Kinostart umgefallen. Daher kommt The Power of the Dog, das neue Meisterwerk von Jane Campion nun alleine via Netflix weltweit seit 1. Dezember 2021 fast frei Haus. Darin brilliert Benedict Cumberbatch als Cowboy im Montana der 1920er Jahre, unterstützt von einem starken Ensemble. Diese Romanverfilmung ist aber mehr Psychogramm als klassischer Western, das Schicht für Schicht seine Figuren dekonstruiert. Lasset es Oscars regnen.

    Darum geht es

    Das Leben der Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George (Jesse Plemons) wird gehörig durcheinander gebracht, als George die Restaurantbesitzerin Rose (Kisten Dunst) kennen und lieben lernt. Phil ist wenig begeistert und spottet über ihren Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) und mobbt ihn regelrecht aus dem gemeinsamen Haushalt.

    Für Rose wird die ablehnende Haltung Phils und die allgemein giftige Atmosphäre immer mehr zur Belastung. Während George darüber hinwegzusehen versucht, scheint Peter längst einen folgenschweren Plan verfasst zu haben.

    Eine ungewöhnliche Annäherung (Benedict Cumberbatch, Kodi Smit-McPhee)

    Kommentar

    Gäbe es den Ausdruck subtil nicht, man müsste ihn für Jane Campions neuen Film erfinden. So sehr sich in der Nachbetrachtung von The Power of the Dog alles fein zusammenfügt, so schwer zu durchschauen sind die Vorgänge im ersten Moment. Es ist die letzte Einstellung, die allerletzten Sekunden, die bei vielen Klarheit schafft und andere gleichzeitig zum Grübeln bringt. Es ist schon eine Weile her, dass ein Film derart zu Diskussionen eingeladen hat. Wobei, zu diskutieren gibt es dann gar nicht so viel, so schlüssig ist die Erzählung, bis in die kleinsten Details. Es ist nur große Aufmerksamkeit gefragt und dass ist bei einem Film, der über zwei Stunden gemächlich vor sich hin fließt, nicht so einfach!

    Die große Überraschung ist zuallererst einmal Benedict Cumberbatch. Nicht, dass uns entgangen wäre, was für ein großer Schauspieler er ist. Es ist viel mehr die außergewöhnliche Rollenwahl. Phil, der wie die anderen ProtagonistInnen gesellschaftlich höher gestellt ist, verbringt seine Zeit lieber auf dem Rücken seines Pferdes, als beim Smalltalk in feiner Gesellschaft. Auf uns wirkt er wie ein Sonderling: unfreundlich, miesepetrig und distanziert. Wie sooft prallen in Western der jüngeren Vergangenheit (siehe auch Neues aus der Welt, ebenfalls Netlfix) Welten aufeinander, die sich in der Psychologie ihrer Helden manifestieren. Sie sind Sinnbild für sich verändernde Zeiten. Nicht die weite Landschaft und Konflikte im Großen stehen im Vordergrund, sondern das Innerste der Protagonisten wird nach und nach nach außen gekehrt. Phil braucht seinen Bruder George, mit dem er sich in ihrem großen Haus ein Zimmer teilt und diese Beziehung ist in großer Gefahr. Cumberbatch steuert womöglich mit großen Schritten auf einen neuerlichen Karrierehöhepunkt zu.

    Ihm zu Seite steht Kodi Smit-McPhee (der Junge aus The Road, 2009) als Peter. Er ist der Eindringling. Nicht nur Rose bekommt die Abscheu von Phil zu spüren, sondern auch ihr Sohn. Mit Peter scheint Phil leichtes Spiel zu haben. Der Junge wirkt fragil und ist ebenso ein Außenseiter. Doch dann kommt alles anders und es ist nur einer der Hacken, die die Handlung schlägt. Die von Verzweiflung und Angst geplagte Kirsten Dunst und ein gutmütiger aber hilfloser Jesse Plemons komplettieren dass Ensemble und manchen aus The Power of the Dog eine schauspielerisch intensive Erfahrung.

    Jonny Greenwood legt hier neben Spencer in diesem Jahr ein zweites Mal einen wunderbaren Soundtrack vor, der so gar nicht den Hörgewohnheiten entspricht und sie in voller Schönheit gegen den Strich bürstet. In Jane Campions erstem Spielfilm seit über 10 Jahren kann der blaue Himmel noch so strahlen, insgeheim sind längst dunkle Wolken aufgezogen und wir warten angespannt drauf, dass der Blitz einschlägt. Er wird einschlagen, aber er wird uns von hinten überraschen. 1994 musste sich Campion bei den Oscars mit Das Piano (1993) gegen Schindlers Liste (1993) geschlagen geben. Zumindest eine neuerliche Nominierung als Beste Regisseurin scheint gesichert. Wenn sich noch die Möglichkeit bieten sollte, The Power of the Dog auf einer großen Leinwand zu sehen, sollten man sie wahrnehmen.

    The Power of the Dog
    Drama, USA 2021

    Regie Jane Campion
    Drehbuch Jane Campion
    Kamera Ari Wenger
    Schnitt Peter Sciberras
    Musik Jonny Greenwood
    Mit Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Kodi Smit-McPhee
    Länge 128 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ENOLA HOLMES ★★★½

    ENOLA HOLMES ★★★½

    Jetzt verfügbar bei

    Abo

    In zahlreichen Film- und Fernsehadaptionen musste die Romanfigur Sherlock Holmes schon einiges über sich ergehen lassen. Vorläufiger Höhepunkt war aber die BBC-Serie Sherlock mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman. Seit 2006 ist die Welt des Meisterdetektives um eine Facette reicher. Die Autorin Nancy Springer borgte sich bekannte Charaktere aus der Baker Street und schuf die Figur Enola Holmes. Als kleine Schwester von Sherlock und Mycroft zeugt sie genauso von scharfem Verstand und durfte fortan knifflige Fälle lösen. In der filmischen Umsetzung brilliert nun Millie Bobby Brown (Stranger Things) neben Helena Bonham Carter und Henry Cavill. Es sieht so aus, als wäre dies der Beginn eines neuen Netflix-Franchise.

    Darum geht es

    Genau am 16. Geburtstag von Enola (Millie Bobby Brown) verschwindet deren Mutter (Helena Bonham Carter) plötzlich spurlos. Das Mädchen verständigt ihre beiden Brüder Sherlock (Henry Cavill) und Mycroft (Sam Claflin). Während Sherlock durchaus beeindruckt vom Auffassungsvermögen seiner kleinen Schwester ist, möchte Mycroft sie in ein Internat stecken, damit sie richtige Umgangsformen lernt. Die ungewöhnliche häusliche Erziehung der Mutter ist Mycroft ein Dorn im Auge.

    Enola entschließt sich zu fliehen und sich auf die Suche nach ihrer Mutter zu begeben. Diese hat nämlich Spuren hinterlassen. Auf der Flucht trifft sie auf den ebenfalls abgehauenen Viscount Tewkesbury (Louis Partridge). Als sie erfährt, dass dessen Leben in Gefahr ist, beschließt sie, die Suche nach der Mutter aufzuschieben und dem jungen Adeligen zu helfen.

    Bald muss Enola erkennen, dass sie etwas Großem auf der Spur ist und ihre Mutter einige Geheimnisse vor ihr hatte.

    Die Leidenschaft für Rätsel liegt in der Familie

    Kommentar

    Millie Bobby Brown ist hinreißend. Indem sie sich in ihrer Rolle mit verschmitzten Blick direkt an das Publikum wendet, können wir gar nicht anders, als mit ihr auf die Reise zu gehen. Enola Holmes erzählt vom erwachsen werden eines Mädchens, dass auf der Suche nach sich selbst ist und dabei von einem Abenteuer ins nächste stolpert. Aber nicht nur. Im Hintergrund werden die gesellschaftspolitischen Themen des ausgehenden 19. Jahrhunderts behandelt. Enola möchte nicht bloß brave Dekoration in der Gesellschaft sein, wie es der Plan ihres Bruders Mycroft ist.

    In Mary Poppins wird der Kampf um die Rechte der Frauen nur am Rande gesteift. Die Mutter von Jane und Michael ist im Kampf für das Frauenwahlrecht engagiert. In Enola Holmes spielt dieses Thema eine zentrale Rolle. Hier ist es ebenfalls die Mutter (großartig: Helena Bonham-Carter), die hier aber zu drastischen Mitteln greifen wird. Es ist eine spannende Kombination, die uns einen neuen Charakter präsentiert und ihn abseits von Jack the Ripper in ein historisches Setting einbettet.

    Die Rätsel um Kriminalfälle kommen aber vorerst noch zu kurz. Die Fortsetzung ist schon auf Schiene und es bleibt zu hoffen, dass Enola zukünftig mehr zu tun bekommt. Potential ist auf jeden Fall vorhanden.


    Enola Holmes

    Krimi, 2020
    Regie Harry Bradbeer
    Drehbuch Jack Thome
    Kamera Giles Nuttgens
    Schnitt Adam Bosman
    Musik Daniel Pemberton
    Mit Millie Bobby Brown, Helena Bonham Carter, Herny Cavill, Sam Claflin, Louis Partridge
    Länge 123 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • FIRST COW ★★★★½

    FIRST COW ★★★★½

    Im Kino

    und bei

    Im Abo ab. 9.Juli

    First Cat und First Dog kennen wir aus dem Weißen Haus. Die Ehre dieses Titels wird in Kelly Reichardts neuem Film einer Kuh zu Teil. First Cow reiht sich in das ungewöhnlich minimalistische Werk der Regisseurin ein und fordert die Geduld und die Bereitschaft des Publikums, sich auf ihre Geschichte einzulassen. Durch ein historisches Detail entfaltet sich hier die volle imaginäre Kraft des Kinos. Man muss genau hinhören und hinschauen und wird am Ende mit einer wunderbaren Erzählung belohnt werden.

    Darum geht es

    Der Koch Otis Figowitz (John Magaro), genannt Cookie, gelangt in den 1880er Jahren mit einer Gruppe Pelzjäger in das Oregon Territory. Dort trifft er auf den chinesischen Immigranten King-Lu (Orion Lee). Als der Grundbesitzer Chief Factor (Toby Jones) die erste Milchkuh in die Region bringt, starten die beiden damit, Schmalzgebäck auf dem Markt zu verkaufen. Mit großem Erfolg. Allerdings müssen sie sich eine wichtige Zutat des Nächtens auf illegalem Weg beschaffen. Der Schwindel droht bald aufzufliegen und setzt die beiden Freunde immer mehr unter Druck.

    King-Lu und Cookie in den Wäldern von Oregon.

    Kommentar

    Ende des 19. Jahrhunderts zogen viele Siedler in den USA Richtung Westen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Das Oregon Territory war ein dünnbesiegeltes Gebiet in dem noch die Wildnis vorherrschte. Es war kein eigenständiger Bundesstaat und wurde von der Bundesregierung verwaltet. Zudem war es zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien aufgeteilt. Während man in Großstädten wie New York bereits die Vorzüge der Industriellen Revolution genießen konnte, lebte man im Westen buchstäblich im Schlamm.

    Kelly Reichardt wirft einen Blick auf diese Pioniere, die in Holzhütten unter bescheidensten Verhältnissen hausten und auf der Suche nach dem großen Glück waren. First Cow basiert lose auf der Erzählung The Half Life von Jonathan Raymond, mit dem Reichardt gemeinsam ihre Drehbücher verfasst. Neben dem American Dream der Pioniere geht es hier um kapitalistische Strukturen. Im Zentrum steht eine Männerfreundschaft. Es gibt einen in der Gegenwart spielenden Prolog, der dies bereits andeutet.

    Das erste Aufeinandertreffen der Protagonisten steht unter keinem guten Stern und in einem klassischen Western, mit dem wir es hier nicht zu tun haben, dessen Elemente Reichardt aber aufgreift, würde die Geschichte schon hier einen anderen Verlauf nehmen. Es folgt aber ein Zeitsprung nach dem Cookie und King-Lu bereits Freunde sind. Ihre Lebensumstände erlauben es ihnen nicht, sich zurückzulehnen. Mit allen Mitteln muss versucht werden, sich durchs Leben zu schlagen. Wer eine gute Idee hat, den belohnen die Kräfte des Marktes.

    Mag sein, dass First Cow manche gelangweilt oder frustriert zurücklässt. In der Ruhe und Einfachheit der Inszenierung liegt aber ihre große Kraft und Schönheit. Eine Geschichte über frühes Unternehmertum, Betrug, Freundschaft und große Träume. Es ist eine Parabel über den Kapitalismus, in dem man den anderen immer einen Schritt voraus sein muss um Erfolg zu haben und dabei nicht ganz ohne Gaunerei auskommt. Cookie und King-Lu träumen davon, ein Hotel in San Francisco zu eröffnen. Wo wären wir heute, wenn es nicht immer Menschen gegeben hätte, mit solch großen Zielen vor Augen?

    First Cow

    Drama, USA 2019
    Regie
    Kelly Reichardt
    Drehbuch Jonathan Raymond, Kelly Reichardt
    Kamera Christopher Blauvelt
    Schnitt Kelly Reichardt
    Musik William Tyler
    Mit John Magaro, Orion Lee
    Länge 121 Min.
    Streamingplattform Mubi


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • LUCA ★★★½

    LUCA ★★★½

    Für all jene, die längst das Fernweh gepackt hat und sich nach Sonne, Strand, Pasta und Melonen sehnen, haben die Pixar Studios genau das Richtige. Luca spielt an der italienischen Riviera der 1950er Jahre und weckt nostalgische Urlaubs- und Sommergefühle. Ein farbenfroher Filmspass rund um eine ungewöhnliche Freundschaft für die ganze Familie. Wenn man von den paar Tagen absieht, an denen Onward: Keine halben Sachen im März 2020 in den Kinos lief, ist Luca nach Soul bereits der dritte Pixar-Film in Folge, der uns über die Streamingplattform Disney+ im Abo direkt nach Hause geliefert wird.

    Darum geht es

    Luca ist ein Seeungeheuer und lebt vor der Küste des italienischen Fischerdorfes Portorosso. Gelangweilt geht er seiner Arbeit nach – dem Hüten von Ziegenfischen. Seine Eltern erlauben dem neugierigen Teenager nicht an die Wasseroberfläche zu schwimmen. Luca jedoch hat eine Schwäche für all jenes, was von der Welt draußen zu ihm auf den Meeresgrund herabsinkt.

    Als Luca eines Tages auf das Seeungeheuer Alberto trifft, ändert sich sein Leben schlagartig. Alberto lebt an Land. Seeungeheuer haben nämlich eine besondere Fähigkeit: wenn sie komplett trocken sind, können sie sich in Menschen verwandeln. Werden sie wieder naß, verwandeln sie sich zurück. Luca folgt seinem neuen Freund in dessen Versteck. Die Faszination ist groß. Ein Poster einer Vespa animiert die beiden dazu, aus allerhand Schrott ein eigenes Moped zu basteln.

    In der Zwischenzeit steht im naheliegenden Fischerdorf der Portorosso Cup bevor. Ein Triathlon aus Radfahren, Schwimmen und Spaghettiessen. Nachdem sie das Mädchen Giulia in einer Auseinandersetzung vor dem überheblichen Fiesling Ercole rettet, beschließen die drei, in diesem Jahr gemeinsam den Lokalmatador Ercole zu schlagen, um sich mit dem Preisgeld eine Vespa zu kaufen.

    Als sich Luca und Giulia näher kommen, wird Alberto eifersüchtig. Schließlich treten Luca und Alberto ihrer Freundschaft willen gegen Giulia an. In einem turbulenten Wettbewerb laufen die Jungen Gefahr, dass ihre Deckung auffliegt. In der Zwischenzeit machen sich die Eltern von Luca auf die Suche nach ihrem Sohn. Es beginnt ein Rennen gegen die Zeit und die drei Freunde erkennen, dass sie nur gemeinsam gewinnen können.

    Der erste Film von Pixar, er eine Dreiecksbeziehung andeutet?

    Kommentar

    Zu Beginn fühlt man sich unweigerlich an Arielle – Die kleine Meerjungfrau erinnert. Sie teilt mit Luca das Faible für Gegenstände aus einer anderen Welt. Sehnsüchtig blicken die beiden an die Oberfläche und wollen nur eins: raus aus dem Wasser. Beiden gelingt dies, wenn auch unter unterschiedlichen Voraussetzungen. Sehr zum Missfallen der Eltern. Es sind nicht die einzigen Verweise, die Enrico Casarosa in seinen ersten Langfilm eingebaut hat. Daraus macht er erst gar kein großes Geheimnis. Casarosa will seinen Film als Hommage an das italienische Kino von Federico Fellini verstanden wissen. Marcello Mastroianni hat hier genauso seinen Platz, wie das italienische Temperament und Feinripp Unterleibchen. Unverkennbar ist auch ein weiteres Vorbild von Casarosa. Die farbenfrohe Landschaft und die markanten Wolkenstimmungen erinnern an die Studio Ghibli Filme von Hayao Miyazaki.

    Für Pixar ist das alles Neuland. Luca hat zwar nicht die tiefgründige Finesse wie beispielsweise der Vorgänger Soul aus dem vergangenen Jahr. Die Geschichte ist weitaus einfacher gehalten und läuft letzten Endes auf den Bewerb hinaus, auch wenn vehement versucht wurde, in der zwischenmenschlichen Beziehung von Luca und Alberto mehr zu sehen, als eine Freundschaft zwischen zwei Jungen, was der Regisseur ebenso bestimmt verneinte. Schließlich spielt dies auch überhaupt keine Rolle, denn Luca bietet gute Unterhaltung auf gewohnt technisch hohem Niveau. Wenn man davon absieht, dass wir diesmal nichts wirklich Neues zu sehen bekommen. Herzerwärmend ist Luca allemal.


    Luca
    Animationsfilm, USA 2021

    Regie Enrico Casarosa
    Drehbuch Jesse Andrews, Mike Jones
    Schnitt Catherine Apple, Jason Hudak
    Musik Dan Romer
    Stimmen in der eOV Jakob Tremblay, Jack Dylan Grazer
    Streamingplattform
    Disney+


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • CRUELLA ★★★

    CRUELLA ★★★

    Jetzt verfügbar bei

    gegen extra Gebühr

    Ab 18. Juni im Kino

    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Mit Cruella de Vil bekommt nach Maleficent (2014/2019) eine weitere Antagonistin aus dem Hause Disney ihren großen Auftritt. Die Geschichte ist ein Prequel zum Zeichentrickfilm 101 Dalmatiner (1961), bzw. der Realverfilmung mit Glen Close aus dem Jahr 1996. Cruella hat einiges an Schauwerten und mit Emma Stone und Emma Tompson zwei hervorragende Hauptdarstellerinnen zu bieten. Darüber hinaus hat die 200 Millionen Dollar teure Neuverfilmung allerdings mit ein paar grundlegenden Problemen zu kämpfen, die auch nicht ein exorbitant teures Songpotpourri zu kaschieren vermag.

    Darum geht es

    Die kleine Estella (Tipper Seifert-Cleveland) ist ein ungewöhnliches Kind. Am auffälligsten ist ihr schwarzweiße Haarpracht. Zu rebellisch für das Schulsystem, plant ihre Mutter (Emily Beecham) sie aus der Schule zu nehmen und nach London zu ziehen. Auf dem Weg bittet sie ihre wohlhabende Arbeitgeberin um finanzielle Unterstützung, wird aber von deren Dalmatinern eine Klippe hinuntergestoßen. Von nun an auf sich gestellt, freundet sich Estella mit den zwei Ganoven Japser (Joel Fry) und Horace (Paul Walter Hauser) an und schlägt sich mit allerhand Gaunereien durchs Leben. Ihr großer Plan ist Modedesignerin zu werden. Um nicht aufzufallen, färbt sie sich die Haare rot.

    Als die Baroness von Hellman (Emma Thompson) auf sie aufmerksam wird, ändert sich ihr Leben schlagartig. Sie ist, wenn auch mit überheblicher Zurückhaltung, von ihren Modeentwürfen angetan. Als sie hinter das Geheimnis der Baroness kommt, wird die Wut in ihr immer stärker und sie beschließt, den Namen anzunehmen, den ihr schon ihre Mutter manchmal nachgerufen hatte: Cruella. Fortan verfolgt sie nur mehr das Ziel, die Baroness zu vernichten und ihre Rolle am Modehimmel einzunehmen.

    Emma Thompson als Baroness von Hellman

    Kommentar

    Es sind wenige Sekunden, die für die meisten Diskussionen gesorgt haben. Sie unterbrechen den Abspann von Cruella kurz und geben einen Vorgeschmack auf die bereits geplante Fortsetzung. Die Szenen leiten mit den Dalmatiner-Welpen Pongo und Perdita über in die aus dem Zeichentrickfilm bekannte Geschichte aus dem Jahr 1961. Damals war Cruella de Vil auf der Jagd nach den Dalmatiner-Welpen von Pongo und Perdita. Allein wie durch die Entwicklung des Charakters der Protagonistin die Brücke geschlagen wird, bleibt im Dunkeln. Emma Stones Cruella hat nämlich herzlich wenig mit der ursprünglichen Figur zu tun.

    Estella wird uns zwar als kleines widerspenstiges Mädchen und später als Revoluzzerin präsentiert, aber so richtig böse ist sie nicht. Das liegt vor allem daran, das sie in der Baroness eine Gegenspielerin hat, die eigentlich Cruellas Rolle als Antagonistin übernimmt. Somit ist Cruella unsere Bezugsperson mit einer nachvollziehbaren Agenda. Auch wenn wir erfahren, wo der spätere Hass gegenüber Dalmatiner herrührt, ist hier noch nichts davon zu spüren. Dalmatiner kommen überhaupt nur am Rande vor. So wirkt die ganze Geschichte etwas willkürlich. Die Transformation der Protagonistin ist mehr Mittel zum Zweck.

    Emma Thompson ist sichtlich in ihrem Element und genießt ihre Rolle als überheblicher und böser Kontrollfreak. Es gibt zwei Plottwists, wovon einer keine große Überraschung ist und der zweite sich sehr stimmig in die Geschichte einfügt. In beiden Fällen spielt die Baroness eine wesentliche Rolle. Thompson biete sich als erste Schauspielerin in diesem Jahr für einen Nebenrollenoscar an.

    Leider atmet Cruella den Charme eines fast komplett dem Computer entsprungenen Filmes. Die Atmosphäre des Swinging London mag trotz einer schier unendlichen Abfolge an Sechzigerjahre Hits nicht wirklich überspringen. Zumal Songs wie Livin‘ Thing des Electric Light Orchestra fehlt am Platz wirken. Der Score von Nicolas Britell geht dabei völlig unter. Endlose Kamerafahrten sind mehr technische Spielereien, als dass sie etwas zur Geschichte oder dem Charakter beitragen. Die Sets und die Ausstattung sind aber formidabel und ein optischer Genuss. Ebenso die Kostüme. Cruella könnte ein besserer Film sein, wenn da nicht der schale Beigeschmack wäre, hier ginge es nur um die Vermarktung eines Disney-Charakters.

    Zum ersten Mal wendet sich Disney an ein etwas älteres Publikum (10-12 plus). Gerade zu Beginn ist Cruella düster. Im Großen und Ganzen ist die Notwendigkeit aber fraglich. Im Kern geht es wie in nahezu jedem Märchenstoff um den Verlust der Mutter. Ein Flammeninferno kennt man aus zahlreichen Trickfilmen. Offenbar wird hier ein Unterschied zwischen Animation und Realfilm gemacht. Gerade der dürfte bei einem jüngeren Publikum aber zu vernachlässigen sein.

    Ein Markenzeichen fehlt neben Limousine, Dalmatiner und extravaganter Frisur: die Zigarettenspitze. Emma Stone hätte zu gerne etwas Rauch verblasen. Alleine die Politik von Disney verbietet es. Seit 2015 gilt ein rigoroses Rauchverbot in allen dem Konzern zugehörigen Sparten. Gut möglich, dass durch die anstehende Fortsetzung diese Vorgeschichte einmal in einem anderen Licht erscheinen wird. Jetzt gewinnt man jedoch den Eindruck, hier wurde ein Disney-Charakter dazu missbraucht, ein Franchise fortzuführen, das im Jahr 2000 mit 102 Dalmatiner ein unrühmliches Ende genommen hatte.

    Cruella

    Krimikomödie, USA 2021
    Regie
    Craig Gillespie
    Drehbuch Dana Fox, Tony McNamara, Aline Brosh McKenna, Kelly Marcel, Jez Butterworth, Steve Zissis
    Schnitt Tatjana S. Riegel
    Musik Nicolas Britell
    Mit Emma Stone, Emma Thompson
    Länge 134 Min.
    Streamingplattform Disney+
    Im Kino ab 18. Juni 2021




    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • PALM SPRINGS ★★★★½

    PALM SPRINGS ★★★★½

    Jetzt streamen bei

    zum Leihen/Kaufen

    Filme, die im Jänner eines jeden Jahres beim Sundance Film Festival Premiere feiern, teilen meist ein Schicksal. Viele Filme mausern sich im Laufe des Jahres vom Geheimtipp zum Publikumsliebling. Allerdings bleibt ihnen nicht selten eine zeitnahe Veröffentlichung verwehrt. Gerade im vergangen Jahr ist das eine völlig unverständliche Vermarktungsstrategie. Die romantische Komödie Palm Springs von Max Barbakow (Ein weiteres Debüt in diesem Jahr) trifft dies mit voller Härte. Als Folge haben diese Filme bis zur offiziellen Veröffentlichung schon viele illegal im Netz gesehen. Was immer da im Hintergrund verhandelt wird, letzten Endes schadet es den Filmen. Dabei trägt Palm Springs gerade jetzt zu einer dringend nötigen Erheiterung bei.

    Sarah: „I want tomorrow to be tomorrow.“

    Nyles: „Unfortunately that’s never gonna be happen.„

    Sarah kann sich mit ihrem neuen Leben nicht so richtig anfreunden.

    Darum geht es

    Nyles (Andy Samberg) wacht am Hochzeitstag von Tala (Camilla Mendes) und Abe (Tyler Hoechlin) an der Seite seiner Freundin Misty (Meredith Hagner) auf. Als Talas Schwester Sarah (Cristin Milioti) auf der Hochzeit eine Rede halten soll, springt Nyles (auffällig unpassend mit einem Hawaiihemd und kurzen Hosen bekleidet) für sie ein, da sie sich bereits betrunken hatte. Das bringt die beiden einander an diesem Abend näher. Nyles weiß, dass Misty ihn betrügt. Sarah und Nyles fahren hinaus in die Natur um sich von Gefühlen überwältig einander hinzugeben, als Nyles plötzlich von einem Pfeil getroffen und von einem Mann namens Roy (J. K. Simmons) verfolgt wird. Sarah scheint ihn nicht zu kümmern und sie ist äußerst verstört hinsichtlich der seltsamen Situation. Nyles flüchtet in eine glühende Höhle und Sarah folgt ihm nach.

    Im nächsten Moment wacht Nyles neuerlich am Tag der Hochzeit neben seiner Freundin Misty auf. Als er sich später im Pool treiben lässt, stürmt Sarah plötzlich wütend auf ihn zu. Die beiden sind in einer Zeitschleife gefangen, in der sich der Tag der Hochzeit immer und immer wieder wiederholt.

    Auch in der romantischsten Beziehung kann es zu kleineren Krisen kommen.

    Kommentar

    Endlich! Palm Springs ist ein Film der gut unterhält und so richtig Spaß macht. Mit dieser Rom-Com erfüllen Max Barbakow und Drehbuchautor Andy Siara den Zeitschleifenfilm mit neuem Leben. Selbst der Vergleich mit großen Vorbildern wie Und täglich grüßt das Murmeltier (Harold Rami, 1993) muss nicht gescheut werden.

    Zu Beginn weiß man nicht so recht, wie man das Gesehene einordnen soll. Nach etwa einer viertel Stunde offenbart sich uns die Prämisse der Handlung – die alleine hier gespoilert werden muss und mehr auch schon nicht – und Palm Springs nimmt ordentlich an Fahrt auf. Die Handlung schlägt Haken wie ein Feldhase. Jeder Tag bringt eine neue Wendung und selbst rückblickend muss man lachen, da gerade der Beginn plötzlich unter einem völlig neuen Licht betrachtet werden kann.

    Irgendwie schafft es der Film, dass wir mir Sarah und Nyles mitfiebern, als wäre das, was die Beiden gerade durchmachen, das Natürlichste auf der Welt. Es ist einer jener Filme, bei denen man wahrhaftig spürt, dass die Darsteller einen riesen Spaß bei der Arbeit hatten, der sich auf das Publikum überträgt. Cristin Milioti und Andy Samberg geben ein wunderbares Paar ab, bei dem die Chemie einfach stimmt.

    Palm Springs unterscheidet sich insofern von anderen Zeitschleifenfilmen, als dass die Protagonisten kein Ziel verfolgen, um sich etwa einen Vorteil aus der Situation zu verschaffen. Einerseits ist es tödliche Langeweile, die sich breit macht und dann wiederum wird mit allen Mittel versucht, der Unendlichkeit zu entkommen. Natürlich entwickelte sich eine der romantischsten Geschichten der letzten Zeit erst durch die zahlreichen Wiederholungen. Sarah fühlt sich von Nyles‘ Nihilismus angezogen. Er hat bereits alles probiert, um aus der Zeitschleife zu entkommen und sich mit seiner Situation abgefunden. So lange steckt er schon in diesem Tag fest, dass er nicht mehr weiß, welchen Beruf er einst hatte und jedes auch noch so kleine Detail dieses Tages bereits in und Auswendig kennt. Dass die Beiden, mittlerweile Anfang 30, gewissermaßen schon viel früher in ihrem Leben steckengeblieben sind und spätpubertäre Verhaltensweisen an den Tag legen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

    Im Englischen ist Bill Murrays Groundhog Day zum Synonym für sich im Leben immer wieder wiederholende Banalitäten geworden. Ob der Film mit einer reinen Onlineauswertung einen ähnlichen Kultstatus erreichen kann, wird die Zeit weisen. Palm Springs ist vermutlich der komischste Film des vergangenen Jahres und hat das Zeug zum Lieblingsfilm.

    PALM SPRINGS | MAX BARBAKOW | USA 2020 | 90 MIN. | [usr 4,5]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ARMY OF THE DEAD ★★★

    ARMY OF THE DEAD ★★★

    Jetzt verfügbar bei

    Abo

    In Zack Snyders neuestem Film Army of the Dead (Netflix) wird Las Vegas von Zombies beherrscht und steht kurz vor der atomaren Auslöschung. Für viele mag das Filmspektakel eine willkommene Abwechslung in der blockbusterlosen Zeit zu sein. Es war allerdings bereist ein Vorzeichen, dass auf den Filmpostern anstelle der Namen der Darstellerinnen einzig der des Regisseurs zu lesen war. Nach einer langen Durststrecke haben wir uns besseres verdient. Zum Glück müssen das Siegfried und Roy nicht mehr erleben.

    Darum geht es

    Ein von einem militärischen Konvoi schwer bewachter Container rollt durch die Wüste. Dann ein blöder Unfall und etwas entkommt. Ein mordendes Biest. Vor ihm liegt das in der Nacht hell erleuchtete Las Vegas. In Army of the Dead geht es schon im Vorspann richtig rund. Die ganze Stadt ist dem Untergang geweiht. Zombies töten jeden, der ihnen in die Quere kommen. Schon bevor der Filmtitel erscheint, ist Las Vegas, so wie man es kennt, Geschichte. Die Stadt durch eine Mauer aus Containern isoliert.

    Folglich wird der ehemalige Soldat Scott Ward (Dave Bautista) von Casinobesitzer Tanaka (Hiroyuki Sanada) beauftragt, ein Team zusammenzustellen, um sein eigenes Casino auszurauben. Darin befindet sich in einem Safe eine enorme Geldsumme, die nirgendwo registriert und somit nicht rückverfolgbar ist. Die Verlockung ist groß. Ward nimmt den Auftrag an. Gemeinsam mit seinem Team dringt er in die abgeriegelte Stadt ein. Dort haben bereits hochintelligente Zombies die Kontrolle übernommen und natürlich verläuft nicht alles nach Plan. Doch Ihnen bleibt nicht viel Zeit. Die Regierung hat beschlossen, die Stadt in wenigen Stunden mit einer Atombombe zu eliminieren.

    Teambuilding in Army of the Dead (2021)

    Kommentar

    Im Kern geht es in der Geschichte um einen klassischen Vater-Tochter-Konflikt (abgesehen davon, dass der Vater die von Zombies infizierte Mutter töten musste). Darum ist aber ein Filmmonstrum gebaut. Zack Snyder nimmt sich nach einem fulminanten Vorspann sehr viel Zeit um seine Charaktere einzuführen. Allen voran Scott Ward, gespielt vom Dave Bautista. Der schlägt sich in der Hauptrolle übrigens recht gut durch. Doch wer möchte das in einem Zombiefilm überhaupt sehen? Zudem weiss man am Ende trotzdem recht wenig über seine Wegbegleiterinnen. Sie sind durch die Bank recht unsympathisch. Erstaunlicherweise macht Matthias Schweighöfer in seiner recht dümmlich angelegten Rolle des deutschen Safeknackers Dieter noch die beste Figur.

    Mit dem Timing ist das also so eine Sache. Der überlange Film kann an den anfänglichen Höhepunkt nicht mehr anschließen. Der ist bunt, schrill und ein riesen Spaß. Einzig die begleitende Coverversion von Viva Las Vegas ist ein Graus. Das Setdesign ist durchwegs episch. Der weiße Zombietiger spektakulär. Die Splattereffekte sehr fein. Die Parallelhandlung mit einer Zombiekönigin vielversprechend aber unfertig. Um mehr auf die Handlung einzugehen, müsste man gar zu viel Spoilern. Nur soviel: am Ende wird man sich nicht nur Fragen: warum das Ganze? Die Geschichte verläuft ins Nichts. Da werden Andeutungen gemacht, auf die später nicht mehr eingegangen wird. Der Auftrag selbst ist höchst dubios. Im Netz gibt es den Gag, ein Teammitglied, das die Aktion für bescheuert hält und bereits am Anfang das Handtuch wirft, sei der intelligenteste Charakter im ganzen Film. Wie gelangt man eigentlich in ein abgeriegeltes Areal, in dem hochintelligente Zombies ihr Unwesen treiben? Bei Snyder geht man einfach durch die Tür.

    Isolation und Quarantäne kennt heute schon fast jeder. Diese nun ungewollten Parallelen in die Gegenwart gibt es jetzt nunmal. Politische Anspielungen mögen gewollt sein oder nicht. Die für das Zombiegenre typische Konsumkritik fällt in Las Vegas naturgemäß auf fruchtbaren Boden. Kuriosum am Rande: die Helikopterpilotin gespielt von Tig Notaro wurde erst nach den Dreharbeiten in den Film eingefügt. Kostenpunkt: mehrere Millionen Dollar.

    Matthias Schweighöfer hat übrigens bereit als Regisseur das Prequel Army of Thieves abgedreht. Darin ist er neuerlich in der Rolle von Dieter zu sehen und spielt an der Seite von Peter Simonischek. Was Zack Snyder und Simonischek verbindet, ist nun also auch für das nächste Filmquiz geklärt.

    Army of the Dead setzt den Weg moderner Zombiefilme fort. Ein rarer Blockbuster, der sein Potential bei weitem nicht ausspielen kann. Die Idee, das Genre mit dem Heist-Movie zu verknüpfen, kann der Film sicher auf der positiven Seite verbuchen. Übrigens: laut Netflix ist Zack Snyders Zombiedämmerung bereits der Snyder Cut.

    Army of the Dead

    Zombiefilm, USA 2021
    Regie
    Zack Snyder
    Drehbuch Zack Snyder, Shay Hatten, Jobs Harold
    Schnitt Dody Dorn
    Musik Junkie XL
    Mit Dave Bautista, Kate Ward, Omari Hardwick, Ana de la Reguera, Theo Rossi, Matthias Schweighöfer, Nora Arnezeder, Tig Notaro, Hiroyuki Sanada
    Länge 148 Min.
    Streamingplattform Netflix



    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau