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  • DIE MITCHELLS GEGEN DIE MASCHINEN ★★★★½

    DIE MITCHELLS GEGEN DIE MASCHINEN ★★★★½

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    Da hat sich Netflix den nächsten großen Fisch geschnappt. Sony Pictures sind im vergangenen Jahr die Kinos abhanden gekommen und so hat die Streamingplattform bei Die Mitchells und die Maschinen zugeschlagen. Das Science-Fiction Familienabenteuer ist das erste Highlight in diesem Kinojahr. Regiedebütant Mike Rianda lässt ein rasantes Gag- und Zitatefeuerwerk auf das Publikum los und spart dabei nicht mit Kritik an der Technologisierung unserer Wohnzimmer und Hosentaschen. Ein Spaß für Groß und Klein.

    Darum geht es

    Katie Mitchell (Abbi Jacobson) ist ein großes Talent. Gerade wurde sie an einer Filmschule in Kalifornien aufgenommen. Da sich ihre Fähigkeiten allerdings auf Handy und das Internet konzentrieren, bekommt ihre Familie, allen voran ihr Vater Rick (Danny McBride), nichts davon mit. Der hat nämlich eine regelrechte Technikphobie, nur Outdoor-Überlebensweisheiten im Kopf und hält seinen Schraubenzieher für das einzig wichtige Werkzeug überhaupt. Seine Tochter möchte von all dem nichts wissen und möchte nur mehr weg von ihrer Familie.

    Um das Familiengleichgewicht wieder herzustellen, beschließt Rick kurzerhand, dass sie Katie alle gemeinsam nach Kalifornien aufs College bringen werden. Sehr zum entsetzen der Tochter. Gerade als sie sich auf den Trip begeben, präsentiert der Entwickler Mark Bowman (Eric Andre) im Silicon Valley seine neueste Erfindung. Roboter sollen das Zusammenleben revolutionieren. Gleichzeitig erklärt er seine bisherige Kreation, die virtuelle Assistentin PAL (Olivia Coleman, außerordentlich in allem was sie tut), eine höchst fortschrittliche künstliche Intelligenz, für veraltet. Diese läßt sich das keineswegs gefallen und übernimmt kurzerhand das Kommando über die Roboter. Ihr Ziel: alle Menschen von der Erde zu verbannen. Die gesamte Welt stürzt in ein Chaos. Für die Mitchells beginnt eine Odyssee quer durch Amerika und der alles anderen als perfekten Familie kommt auf einmal bei der Rettung der Welt eine bedeutende Rolle zu.

    Der Vater fordert Familienzeit ein.

    Kommentar

    Es ist schon bewundernswert, was Regisseur und Drehbuchautor Mike Rianda (gemeinsam mit Jeff Rowe) da alles unter einen Hut bringt: Vater-Tochter-Beziehungsdrama, Roadmovie, Technologiekritik und Roboterapokalypse. Eine große Portion Nostalgie spielt hier mit, begleitet von einem 80er Jahre Syntiesoundtrack, ist nicht zuletzt die Terminator-Serie eine wesentliche Grundlage für die Geschichte. Dem jüngeren Publikum wird das natürlich nichts sagen. Der Spagat, den Die Mitchells gegen die Maschinen schafft, ist erstaunlich. Bereits mehrmals getestet: Der Film funktioniert für unter 10- jährige genauso wie für ein Publikum jenseits der 40.

    Animationsfilme sind bekannt dafür, dass sich die unterschiedlichsten Altersgruppen ansprechen. Rianda treibt das nun an die Spitze. Heute ist jedem Kind bewußt, welche Rolle neueste Technologien in unserem Leben spielen. Die Mitchells wirken zwar überdreht und chaotisch. Im Herzen aber schlagen sie sich mit den gleichen Problemen herum, wie die meisten Familien. Am Ende ist es die menschliche Fehlbarkeit, die ihre Stärke ausmacht.

    Unterfüttert ist die Geschichte mit unzähligen popkulturellen Zitaten. Unverkennbar steht die Marke mit dem angebissen Apfel in der Kritik. Deren intelligenter persönlicher Assistent hört bereits in vielen Wohn- und Schlafzimmern mit, ohne das dies wohl den meisten bewusst ist. Genauso wie das Produkt der Konkurrenz. Die Mitchells gegen die Maschinen verknüpft das alles auf eine sehr kluge Weise zu einem rasanten Abenteuer.

    Wie schon bei The Lego Movie, einem früherer Film der beiden Produzenten Phil Lord und Chris Miller, benötigt es mehrere Durchläufe, um alle Anspielungen und Gags fassen zu können. Auch Einflüsse ihrer Arbeit Spider-Man: Into the Spider-verse kann man hier wiedererkennen. Der Stilmix ist spannend. Virale YouTube Videos spielen eine wesentliche Rolle. Die Charaktere wirken wie mit handgezeichnet. Man erkennt Pinselstriche.

    Kostenloses Wi-Fi ist in dieser Welt sowas wie der heilige Gral. Für einen Internetzugang gibt man schon mal sein ganzes Leben auf. Ein Running-Gag, der sehr wohl auch nachdenklich stimmt. Soweit von der Realität sind die Mitchells nämlich nicht entfernt. Es beginnt bereits am familiären Esstisch zu Hause. Algorithmen bestimmen was wir zu lesen bekommen und schlagen uns vor, welchen Film wir uns am Abend anschauen sollten. Dass dies nun gerade von einem Konzern wie Netflix vermarktet wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

    Die Mitchells gegen die Maschinen (OT: The Mitchells vs. the Machines)

    Animationsfilm, USA 2021
    Regie
    Mike Rianda
    Drehbuch Mike Rianda, Jeff Rowe
    Schnitt Greg Levitan
    Musik Mark Mothersbaugh
    Länge 109 Min.
    Streamingplattform Netflix


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  • LOVE AND MONSTERS ★★★½

    LOVE AND MONSTERS ★★★½

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    Unglaublich aber war: es ist heute noch möglich, dass uns ein Monsterfilm als unerwarteter Spaß überrascht. Love and Monsters erhielt in diesem Jahr eine Oscar Nominierung für die Spezialeffekte und hätte die Auszeichnung mehr als verdient – und natürlich auch auf der großen Leinwand gesehen zu werden. Ohne Staraufgebot aber mit charmanten Darstellern gibt es auch für die jüngeren Monsterfans allerhand spektakulär riesige und schleimige Kreaturen zu sehen. Die Menschheit hat nämlich versucht mit Raketen einen die Erde bedrohenden Asteroiden abzuschießen, ohne sich über die Nebenwirkungen zu erkundigen. Sie fallen drastischer aus als Schmerzen an der Einstichstelle.

    Darum geht es

    Sieben Jahre sind vergangen seit der Monsterapokalypse. Joel Dawson (Dylan O’Brian) zählt zu den wenigen Überlebenden der Weltbevölkerung. Sie haben Zuflucht in Kolonien im Untergrund gefunden. Hier sind die Menschen vor den gigantischen Kreaturen sicher, die die Kontrolle über die Erde übernommen haben.

    Als man versuchte, einen Asteroiden, der auf die Erde zusteuerte, mit Raketen abzuschießen, hatte niemand an den radioaktiven Niederschlag gedacht. Alleine Insekten und Amphibien ist der wohlbekommen. Für die Menschheit hieß es fortan: ab in den Untergrund. Durch den Vorfall wurde Joel von seiner Geliebten Aimee (Jessica Henwick) getrennt. Als er über Funk kontakt zu ihr aufnehmen kann, beschließt er, trotz aller Warnungen seiner Mitbewohner, sich auf den Weg zu ihr zu machen. Völlig unerfahren begibt sich Joel auf das größte Abenteuer seines Lebens. Den einzigen Ratschlag den er mitbekommt ist: laufen!

    Warum man im Wald den weg nicht verlassen sollte …

    Kommentar

    Die stolze Anzahl von 13 Kreaturen bekommt man in Love and Monsters serviert. Keine muss sich im Dunklen verstecken und so können wir Tausendfüssler, Frösche oder Schnecken von enormer Größe in ihrem Detailreichtum und ihrer ganzen Pracht bewundern. Es wurde unter anderem mit Animatronics gearbeitet, also realen Modellen und nicht wie sonst üblich ausschließlich mit digitalen Effekten. Die Kreaturen wirken haptischer, erdiger und schleimiger als man es von den computergenerierten Monstern heute gewohnt ist.

    Als Sidekick bekommt Joel den Hund Boy mit auf den Weg, der sich in den sozialen Medien einer großen Anhängerschaft erfreut und für viele der heimliche Star des Film ist. Viel gelobt wurde der Film für seine Charakterentwicklung und seine feministische Note. Joel wird vom Nerd zum Kämpfer und die weibliche Nebenrolle ist nicht nur Staffage, sondern sorgt für einen Twist. Der Showdown mit einer gigantischen Krabbe wirkt allerdings etwas aufgesetzt aber überzeugt trotzdem mit seinen Schauwerten. Das Ende lässt eine Fortsetzung offen. Love and Monsters weiß gut zu unterhalten. Ein weiterer familienfreundlicher Monsterfilm, der sich selbst nicht all zu ernst nimmt, wäre sehr willkommen.

    Love and Monsters

    Abenteuerfilm, USA/AUS 2020
    Regie
    Michael Matthews
    Drehbuch Brian Duffield, Matthew Robinson
    Kamera Lachlan Milne
    Schnitt Debbie Berman, Nancy Richardson
    Musik Marco Beltrami, Marcus Trump
    Mit Dylan O’Brian, Jessica Henwick, Dan Ewing, Ariana Greenblatt,
    Länge 109 Min.
    Streamingplattform Netflix


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  • SHAUN DAS SCHAF – UFO-ALARM ★★★½

    SHAUN DAS SCHAF – UFO-ALARM ★★★½

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    Die populäre Serienfigur Shaun das Schaf von Aardman Animations erlebt in Shaun das Schaf – UFO-Alarm seinen zweiten Leinwandauftritt nach dem Debüt im Jahr 2015. Den ersten Auftritt hatte die Figur 1995 im Kurzfilm Wallace & Gromit – Unter Schafen. Ursprünglich eine Nebenfigur, ist Shaun, der vor Langeweile immer auf die verrücktesten Ideen kommt, heute wohl der beliebteste Stop-Motion Charakter überhaupt. Wie schon der erste Teil wurde der Film in der Kategorie Best Animated Feature für einen Oscar nominiert.

    Darum geht es

    Eines Tages verirrt sich ein extraterrestrisches Wesen auf der Erde und landet just in Mossy Bottom. Seltsames passiert und die Scheune gerät in helle Aufruhr. Einzig der abenteuerlustige Shaun muss den eigenartigen Vorkommnissen natürlich auf den Grund gehen. Gleichzeitig ist eine geheime Spezialeinheit dem Neuankömmling dicht auf den Fersen. Als sich UFO Sichtungen häufen und die Bevölkerung immer mehr in Verzückung gerät, beschließt der Farmer einen UFO-Freizeitpark unter dem Namen Farmageddon zu eröffnen. Shaun versucht in der Zwischenzeit dem kleinen Außerirdischen mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten dabei behilflich zu sein, sein UFO zu finden, damit der zurück zu seiner Familie gelangen kann.

    Da prallen zwei Welten aufeinander.

    Kommentar

    Spätestens seit Wallace & Gromit – Alles Käse (1989) ist Aardman Animations einem breiten Publikum bekannt. Seitdem versorgt uns das Team um Peter Lord und Nick Park mit erstklassiger Stop-Motion Unterhaltung. Mit dem Verzicht auf Dialoge, dafür technischer Perfektion, liebevollen Details und allerhand Anspielungen auf die Filmgeschichte eroberte das Studio die Herzen einer großen Fangemeinde.

    Das neueste Werk Shaun das Schaf – UFO-Alarm ist da keine Ausnahme. Perfektes Timing und Verweise auf Akte-X, Odyssee im Weltraum und natürlich E.T. – Der Außerirdische sorgen nicht nur bei den Kleinsten für Lacher. Auch ein junges Zielpublikum hat sich clevere Unterhaltung verdient und das hat man bei Aardman Animations schon lange erkannt.


    Shaun das Schaf – UFO-Alarm (OT: A Shaun the Sheep Movie: Farmageddon)

    Animationsfilm, USA 2019
    Regie
     Richard Phelan, Will Becher
    Drehbuch Mark Burton, Jon Brown
    Schnitt Sim Evan-Jones
    Musik Tom Howe
    Länge 87 Min.
    Streamingplattform VOD bei diversen Anbietern


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  • DIE BUNTE SEITE DES MONDS ★★★

    DIE BUNTE SEITE DES MONDS ★★★

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    Die Globalisierung rückt thematisch vorzugsweise unter anderem dann in den Vordergrund, wenn das eigene kulturelle Habitat in Bedrängnis gerät. Im Westen sind verschiedene stilistische Einflüsse unter der nordamerikanischen Dominanz längst miteinander verschmolzen. Kooperationen mit asiatischen Produktionsfirmen brechen wiederum schnell mit unseren Sehgewohnheiten. Nun startet Netflix gemeinsam mit der chinesischen Produktionsfirma Pearl Studio einen Frontalangriff auf Disney. Das Musical Die bunte Seite des Monds nimmt ganz ungeniert Anleihen an den Grundformeln der Filme des US-Konzerns. Was passiert wäre, wenn Pink Floyd Anfang der 1970er die falschen Drogen genommen hätten, kann man in diesem für den Oscar Nominierten Animationsabenteuer bestaunen.

    Darum geht es

    Der Legende nach stieg einst die unsterbliche Chang-e als Göttin zum Mond auf, um dort auf ihren Geliebten zu warten. Es war das Lieblingsmärchen der verstorbenen Mutter des Mädchens Fei Fei. Als Fei Feis Vater eine neue Verlobte nach Hause bringt, beschließt sie, dem Märchen auf den Grund zu gehen und die Existenz Chang-es zu beweisen. Es gelingt ihr, eine Rakete zu konstruieren. Auf dem Flug zum Mond muss sie erkennen, dass sich ihr nervender Stiefbruder Chin mit an Board geschlichen hat. Dessen Gewicht hatte Fei Fei nicht mit einberechnet. Die Rakete droht abzustürzen. In letzter Sekunde werden sie aber von einem Lichtstrahl erfasst und auf den Mond transportiert. Von riesigen löwenartigen Mondgeistern werden sie nach Lunaria auf der Rückseite des Mondes gebracht. Dort treffen sie tatsächlich auf Chang-e und allerhand bunter Wesen.

    DIE BUNTE SEITE DES MONDS – (L-R) „Gobi“ (Stimme: Ken Jeong) und „Fei Fei“ (Stimme: Cathy Ang). Cr. NETFLIX © 2020

    Kommentar

    Animationstechnisch ist Die bunte Seite des Monds schlicht überwältigend. Schrill und knallbunt präsentiert sich uns die Rückseite des Monds. In Kombination mit K-Pop Einlagen mag das zuerst einmal gewöhnungsbedürftig sein. Die Storyline ist jedenfalls klar. Das bei Disney und in Märchen generell beliebte Motiv der toten Mutter und einer trauernden Protagonistin bringt hier einiges ins Rollen und ist die Grundmotivation Fei Feis. Auf ihrer Reise begleiten sie allerhand pointenschleudernde Sidekicks. Das hundeähnliche Wesen Gobi erinnert stark an den Schneemann Olaf aus Die Eiskönigin.

    Es geht ganz schön flott zu. Das kosmische Tischtennismatch zwischen Chin und Chang-e ist toll anzuschauen. Genauso sind es die Welten, die Fei Fei durchwandern muss. Die bunte Seite des Monds ist ein Abenteuer, das bei den Kleinen wohl eher Anklang finden wird, als bei Erwachsenen. Dafür hat der Film einfach zu wenig Neues zu bieten und bedient sich zu sehr an seinen Vorbildern. Eines ist aber klar: Netflix Animation hat den Fuß in der Türe. Da kann sich die Konkurrenz schon mal warm anziehen. Fehlen nur mehr die unverwechselbaren Stoffe und Melodien, die ins Ohr gehen. Das hier ist sicher einer der schwächeren Filme, die je für einen Oscar in der Kategorie Best Animation Feature nominiert wurden. Ein Film mehr für die Augen, als fürs Herz.

    Die bunte Seite des Monds / OT: Over the Moon

    Animationsfilm, USA/PRC 2020
    Regie
     Glen Keane
    Drehbuch Audrey Wells
    Schnitt Edie Ichioka
    Musik Steven Price, Christopher Curtis, Marjorie Duffield, Helen Park
    Mit Cathy Ang, Phillipa So, Ken Jeong
    Länge 100 Min.
    Streamingplattform Netflix


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  • DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES ★★★★

    DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES ★★★★

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    Eine lange Reise hat das französische Drama Die Wütenden – Les Misérables von Ladj Ly hinter sich. Seit September 2020 bei Amazon Prime verfügbar, feierte einer der spannendsten Filme des vergangenen Jahres bereits 2019 bei den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere und dort wurde ihm sogleich der Große Preis der Jury zugesprochen. Es folgte eine Nominierung für einen Oscar in der Kategorie Bester Internationaler Film. Der Film ist inspiriert von den Unruhen in den Pariser Vorstädten im Jahr 2005, bei denen auch Montfermeil betroffen war, wo diese Geschichte nun spielt. Victor Hugo siedelte seinen Roman Die Elenden (Les Misérables) in eben diesem Ort 20 km östlich von Paris an.

    Darum geht es

    Der Polizist Stéphane (Damien Bonnard) hat sich gerade in den Pariser Vorort Montfermeil versetzen lassen. Gemeinsam mit den zwei Kollegen Chris (Alexis Manteni) und Gwada (Djibril Zonga) lernt er auf ihren Fahrten ein multikulturelles Viertel kennen, das sich Salah (Almamy Kanouté) von der Muslimbruderschaft und ein selbsterahnter Bürgermeister (Steve Tientcheu) untereinander aufteilen. Die Lage ist latent angespannt aber weitgehend friedlich.

    Als eines Tages ein Junge (Issa Perica) ein Löwenbaby aus einem in der Gegend gastierenden Zirkus stiehlt, droht die Lage zu eskalieren, nachdem einer der Polizisten in einem Tumult die Nerven verliert und den Buben verletzt. Die Folge ist eine Revolte von lokalen Jugendbanden, die die Polizisten in kürzester Zeit in große Bedrängnis bringen.

    Issa Perica (Mitte) bringt durch einen kleinen. Diebstahl das ganze Viertel in Aufruhr.

    Kommentar

    Präsenz zeigen. Darum geht es, wenn die drei Polizisten durch den Stadtteil Les Bosquets patrouillieren. Denn wenn es ernst wird, hätten sie ohnehin keine Chance sich durchzusetzen. So regelt sich das Leben in dem Vorort von Paris von selbst. Die einzelnen Gruppen leben nebeneinander. Man respektiert sich, geht auf Distanz. Das geht gut, solange es zu keinen Zwischenfällen kommt. Das Spielfilmdebüt des französischen Regisseurs Ladj Ly fängt die vorherrschende Atmosphäre gekonnt ein. Überall kann Gefahr lauern, das Fass scheint immer kurz vor dem Überlaufen zu sein.

    Den drei Polizisten sieht man die permanente Anspannung an und sie gehen auf die unterschiedlichste Art und weise damit um. Während sich Gwada zurückhält und Stéphane seinen Platz erst finden muss, geht Chris auf Konfrontationskurs und nutzt seine Machtposition aus. Übrigens genauso, wie es die Vorgesetzte in der Polizeistation tut. Ein kleiner Seitenhieb auf die Verteilung der Geschlechterrollen.

    In der Eröffnungssequenz wird gefeiert. Ganz Paris ist auf der Straße. Frankreich gewinnt die Fussball-WM 2018. Bevor in großen Buchstaben der Filmtitel erscheint, drängen sich die Massen auf dem Champs Elysees. Dann kommt der harte Schnitt. Was das mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat? Die Kinder in Montfermeil laufen mit französischen Fahnen auf die Straße. Sie stammen zum Großteil aus den Ländern Nordafrikas. Genauso wie die Eltern von Kylian Mbappé, der im Finale der Fussball-WM gerade das letzte Tor geschossen hat. Mit dem Ende der Meisterschaft rücken die Kinder wieder an den Rand der Gesellschaft. Hier setzt Regisseur Ly in Die Wütenden – Les Misérables an.

    Es ist ein Mikrokosmos mit eigenen Dynamiken und Gesetzen, fernab des repräsentativen Pariser Zentrums. Hier hat sich tatsächlich eine Parallelgesellschaft etabliert, ein Zustand, der durch die Notwendigkeit des Überlebens bestimmt wird. Hier zählt vor dem Gesetz nicht was passiert ist, sondern was bewiesen werden kann. Niemand schaut hier her, solange es keine Aufstände oder Unruhen gibt.

    Die Wütenden – Les Misérables

    Drama, USA 2019
    Regie
     Ladj Ly
    Drehbuch Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manteni
    Kamera Julien Poupard
    Schnitt Flora Volpelière
    Musik Marco Casnanova, Kim Chaprion
    Mit Damien Bonnard, Alexis Manteni, Djibril Zonga, Issa Perica
    Länge 105 Min.
    Streamingdienst Amazon Prime


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  • BILLIE EILISH: THE WORLD’S A LITTLE BLURRY ★★★½

    BILLIE EILISH: THE WORLD’S A LITTLE BLURRY ★★★½

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    Kaum zu glauben, aber die Songs, die ein Mädchen da auf dem Bett sitzend im Zimmer ihres großen Bruders aufnimmt, werden sich einmal millionenfach verkaufen und sie zu einem der größten Popstars der Gegenwart machen. Die Dokumentation Billie Eilish: The World’s a little blurry gibt einen Einblick hinter die Fassade einer fulminanten Karriere und zeigt, dass es da keineswegs immer rosig zugeht.

    Den Traum einer musikalischen Karriere hat Billie Eilish schon früh. Bereits mit 11 Jahren begann sie eigene Songs zu schreiben. Die Dokumentation profitiert davon, dass die Sängerin im Zeitalter von Smartphones und Social Media aufgewachsen ist. Somit ist praktisch alles dokumentiert und das gibt Aufschluss über den Menschen hinter einer Inszenierung, der erfolgreiche KünstlerInnen oft ausgesetzt sind. So erfährt man, dass selbst Millionen von Followern bei Instagram natürlich nicht vor Einsamkeit und Depression schützen. Der Druck, dass jeder Schritt und jede Geste genau beobachtet werden, ist enorm. Stets freundlich muss sie sein. Alles andere führt zu negativen Schlagzeilen.

    Der Film umspannt die Monate rund um die Veröffentlichung des Albums When We All Fall Asleep, Where Do We Go? im Jahr 2019 und der Grammy Verleihung 2020. Tourstress, Liebeskummer und gesundheitliche Probleme plagen Billie Eilish. Ihren psychischen Zustand verarbeitet die Sängerin unmittelbar in ihren eigenen Songs. Mit ein Grund für den großen Erfolg.

    Billie Eilish und ihr Bruder Finneas O’Connell

    Bei all ihren Songs scheint ihr Bruder Finneas O’Connell als Produzent und Co-Songwriter auf. Die Szenen mit den beiden haben sie meist selbst mit dem Smartphone aufgenommen. Es gibt viele dieser intimen Momente, die sich Regisseur R. J. Cutler zu Nutze macht, um ein möglichst authentisches Bild der Künstlerin zu vermitteln. Auch Nick Broomfield hat das in der Dokumentation über Whitney Houston Whitney: Can I Be Me (2017) versucht. Allerdings damals ohne Unterstützung der Familie, für die der Film zu viele Einblicke in das tragische Leben der Sängerin lieferte. Das heile Bild, das ohnehin schon lange keines mehr war, sollte nach außen hin bewahrt werden.

    Von außen betrachtet mag man leicht vergessen, dass es sich hier um ein junges Mädchen aus relativ einfachen Verhältnissen handelt, das in diesem Alter unter gewöhnlichen Umständen wohl anderen Interessen nachgehen würde. Nun wird sie von Menschen bedrängt die sie nicht kennt und die ihre Nähe suchen, seien es Fans oder meist deutlich ältere männliche weisse Männer aus der Musik- und Medienbranche. Da können einem schon mal die Sicherungen durchbrennen.

    Die Familie ist bei Billie Eilish immer mit dabei. Sie ist bedacht, dass ihre Tochter nicht das gleiche Schicksal wie beispielsweise ihr großes Vorbild Justin Bieber erleidet und die Lösung ihrer Probleme in Alkohol und Drogen sucht. Ihr Kind davor zu beschützen scheint den Eltern bisher so weit geglückt zu sein. Billie Eilish: The World’s a little blurry erzählt auch davon, dass man sich in einer solchen permanenten Ausnahmesituation an den kleinen Dinge im Leben erfreuen kann, wie einem Haustier oder einem Donut. Für Billie Eilish gehört da auch dazu, mit einem breiten Grinsen in ihrem Traumauto durch die Straßen von Los Angeles zu kurven.

    Billie Eilish: The World’s a little blurry

    Dokumentation, USA 2021
    Regie
     R. J. Cutler
    Drehbuch R. J. Cutler
    Schnitt Lindsey Utz
    Musik Billie Eilish, Finneas O’Connell
    Mit Billie Eilish, Finneas O’Connell 
    Länge 140 Min.


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  • RAYA UND DER LETZTE DRACHE ★★★½

    RAYA UND DER LETZTE DRACHE ★★★½

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    Drachen erfreuen sich wie Dinosaurier einer ungebrochen Popularität. Mal als zerstörerische Waffe oder auch als treuer Begleiter. Mal monströs und dann wieder niedlich. Nun kommt mit Raya und der letzte Drache die My Little Pony-Version. Willkommen in der bunten, von Südostasien inspirierten Disney-Welt von Kumandra. Der Konzern verläßt sich auf altbekannte Rezepte. Eines kann man den Produzenten aber nicht vorwerfen, dass sie nämlich nicht mit der Zeit gehen. Der 59. Animationsfilm von Disney ist der erste für die Generation Instagram und präsentiert neuerlich eine Heldin in der Hauptrolle.

    Darum geht es

    Nachdem sich die Völker von Kumandra wegen eines magischen Artefaktes zerstritten haben und es zu Bruch gehen ließen, wird das Land von einem bösen Geist in Angst und Schrecken versetzt. Die Kriegerin Raya (Stimme: Kelly Marie Tan) macht sich auf den Weg, den letzten Drachen zu finden um mit dessen Hilfe das Land wieder zu vereinigen. Sie findet die Drachin Sisu (Awkwafina), doch bis die ihre Kräfte wieder zurückerlangt hat, haben die beiden noch einen langen Weg vor sich.

    Sisu, die Wasserdrachin

    Kommentar

    Vor fünf Jahren war Vaiana das Ergebnis der erfolgreichen Bemühungen, Disneyfilme diverser zu gestalten. Damals war die Geschichte in Ozeanien angesiedelt. Rajas Welt ist stark inspiriert von der Region Südostasiens. Dass man sich für die englische Originalfassung Schauspieler aus Ostasien genommen hatte, führte zu einer Kontroverse. Nun ist das eine geographische Differenzierung, die in unseren Köpfen keineswegs verankert ist. Asien ist Asien. Auch wenn es eine Aufteilung ist, die von Außen zugeschrieben wurde, besteht zwischen der VR China, Japan und Südkorea gegenüber Indonesien und den Philippinen im Süden doch ein gewaltiger Unterschied. So gesehen schafft diese Diskussion vielleicht das Bewusstsein, dass man die 4,4 Milliarden Menschen in Asien nicht über einen Kamm scheren kann. Immerhin glauben wir in Europa bereits innerhalb der Staatsgrenzen unüberwindbare Unterscheidungsmerkmale erkennen zu können. Für etwas Exotik muss man sich mitunter nur eine halbe Stunde ins Auto setzen.

    Bei Disney muss man sich nicht erst neu erfinden, um einen soliden Animationsfilm herauszubringen. Technisch ist man immer State-of-the-Art. Die prominentesten Darsteller stehen Schlange, um den HeldInnen ihre Stimme zu leihen und die Merchandiselawine rollt verlässlich bis in die entlegensten Kinderzimmer. Auf Raya und der letzte Drache trifft das ebenso zu.

    Das Detailreichtum ist erstaunlich und kommt zu Hause im TV bei weitem nicht zur Geltung. Bereits die grafisch wunderschön umgesetzte Eröffnungssequenz läßt die große Leinwand schmerzlich vermissen. Raya ist definitiv ein Film gemacht fürs Kino. Die Bilder genauso wie die Musik von James Newton Howard.

    Die Drehbuchautoren Qui Nguyen und Adele Lim (Crazy Rich Asiens) zitieren wild durch die Filmgeschichte und muten dem jungen Publikum ungewöhnlich viel zu. Neben der Abenteuergeschichte geht es in Raya um die Vereinigung zerstrittener Bevölkerungsteile. Wie kann es soweit kommen, dass eine Bevölkerung gespalten wird und sich vermeintliche Unterschiede etablieren, die Angst produzieren und die wiederum als Katalysator für Aggressionen und Gewalt wirkt.

    Raya ist eine mutige Kriegerin. Ihre Gegenspielerin ist ebenso eine Frau. Sisu ein weiblicher Drache. Männer kommen hier nur am Rande vor und spielen für das fortkommen der Geschichte so gut wie keine Rolle. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Geschlechterrollen umgekehrt werden, ist eine Entwicklung die Disney schon länger verfolgt und dem Konzern hoch anzurechnen ist. Inwieweit die sehr erfolgreiche Vermarktung der Disney-Prinzessinnen (die in den letzten Jahren meist gar keine Prinzessinnen mehr waren) eine Rolle spielt, ist ein andere Frage.

    Disney macht hier nichts falsch aber riskiert auch nichts, was zur Folge hat, dass man Raya wohl bald wieder vergessen hat. Es bleibt das Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben. Raya wirkt wie eine weichgespülte Version eines Filmes des japanischen Studio Ghibli. Im Tonfall bedient man sich teilweise ganz offensichtlich einer Jugendsprache. Es wird ein mühsamer Weg werden, das Zielpublikum einmal wieder weg von Laptop und Handy, wo Unterhaltung nur mehr in Clips konsumiert wird, zurück – oder auch gar erstmals – in die Kinos zu locken. Man darf nicht vergessen, wenn das alles vorbei ist, werden ein paar Jahrgänge noch nie einen Kinosaal von innen gesehen haben.

    Nachdem der Kinostart im Herbst verschoben werden musste, ist Raya und der letzte Drache, wie schon Mulan im vergangene Jahr, gegen eine extra Gebühr bei Disney+ verfügbar, bevor er in ein paar Wochen regulär im Programm landen wird.

    Animationsfilm, USA 2021
    Regie
     Paul Briggs, Dean Wellins
    Drehbuch Qui Nguyen, Adele Lim
    Schnitt Fabienne Rawley, Shannon Stein
    Musik James Newton Howard
    Mit Kelly Marie Tran, Awkwafina
    Länge 107 Min.
    Streamingdienst Disney+


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  • MALCOLM & MARIE  ★★★

    MALCOLM & MARIE ★★★

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    Es hätte der künstlerische Erfolg von Netflix in dieser Saison werden sollen: Malcolm & Marie von Sam Levinson mit Zendaya und John David Washington in den Hauptrollen. Ein Drama gedreht auf 35mm in betörend schönen Schwarzweißbildern. Doch dann kam alles anders. Die Resonanz war sehr durchwachsen. Mal wurde der visuelle Stil gelobt, dann die schauspielerischen Leistungen. Gleichzeitig wurde das Beziehungsdrama regelrecht seziert: Die Dialoge seien zu konstruiert und Levinson mit seiner kritischen Auseinandersetzung von weißer Filmkritik sich selbst in die Falle getappt. Aber kann man unter solchen Bedingungen, mit diesen zwei Schauspielern und diesem Set überhaupt etwas falsch machen?

    Darum geht es

    Der Regisseur Malcolm (John David Washington) und die Schauspielerin Marie (Zendaya) kommen von einer Filmpremiere nach Hause. Es war sein großer Abend, die Premiere ein voller Erfolg. Er ist noch immer emotional aufgewühlt und steckt voller Euphorie. Doch Marie kann die Freude nicht teilen und wirkt genervt. Etwas ist vorgefallen an diesem Abend, dass sie innerlich aufgewühlt hat und ihre Beziehung auf die Probe stellt. In dieser Nacht entladen sich zwischen den beiden aufgestaute Gefühle und sie lassen ihren Emotionen freien Lauf.

    Kommentar

    Vorweg: Malcolm & Marie ist ein visuelles Gustostück. Gedreht wurde im Caterpillar House in Carmel, Kalifornien, einem Bungalow aus Glas mitten in unberührter Natur. Das ist natürlich eine Spielwiese für Kameramann Marcell Rév. Gleich zu Beginn, nach einer Eröffnung, die an den Film Noir erinnert, gleitet die Kamera minutenlang außen vor der Fensterfront hin und her und verfolgt Malclom durch das Haus. Es zählt zu den Großen stärken des Filmes, einen Stoff, der offensichtlich auch auf einer Theaterbühne gut aufgehoben wäre, eine kinematische Note zu verpassen, die eine reine Freude ist und gleichzeitig Spannung zu erzeugen vermag.

    Der Rhythmus des Filmes ist durch das ständige hin und er der Auseinandersetzung zwischen den Beiden vorgeben. Mal gewinnt Malcolm die Oberhand und dann wieder Marie. Das wirkt an sich schon sehr konstruiert. Die eindringlichen Monologe sind regelrechte Anklagen, die man in der Realität einmal aushalten muss. Dabei wird Zwischenmenschliches auf eine höhere Ebene geholt. Es geht um die künstlerische Arbeit von Malcolm, die stark durch die Beziehung zu Marie beeinflusst ist und um Kritik an Kunstwerken an sich und über stereotype Zuschreibungen. Ein schwarzer Filmemacher wird mit anderen schwarzen Filmemachern verglichen, weil er schwarze Filme macht. Kunstkritik ist ein spannendes Feld. Meist urteilen Menschen über eine kreative Arbeit, die selbst nie einen kreativen Prozess durchgemacht haben (wenn man vom Schreiben selbst als einen solchen absieht). Nun geht es im Film um eine Filmkritikerin der L.A. Times, die Malcolms Film scharf kritisiert hat, was ihn in Rage bringt. Sie ist eine reale Person und hat dies in der Vergangenheit schon einmal mit einem Film von Levinson getan. Davon kann man halten was man will.

    Einige haben sich daran gestört, dass dieser Diskurs nun gerade von einem weißen Regisseur thematisiert wird, der schwarze Darsteller inszeniert. Aber bereits da beisst sich die Katze in den Schwanz. Gibt es nun eine Trennung von schwarzer und weißer Kunst? Die eigene Sozialisation wird im Schaffen immer eine gewisse Rolle spielen, genauso wie das eigene Geschlecht. Das ist aber eine Diskussion, mit der man sich bei Malcolm & Marie erst gar nicht lange aufhalten muss.

    Viel interessanter ist, wie hier Geschlechterrollen inszeniert werden und ob dieses Kammerspiel überhaupt einen Funken von Authentizität in sich birgt. Zendaya hat, so wie Washington, den Film mitproduziert und inszeniert sich quasi selbst als Verkörperung der puren Sexiness. Die Eleganz, die sie dabei ausstrahlt, sucht ihresgleichen. Nicht nur hier werden Anleihen von den goldenen Zeiten Hollywoods oder dem italienischen Kinos eines Antonioni genommen. Während sie sich immer mehr ihrer Kleider entledigt und sich um ein Uhr in der Nacht in der Badewanne eine Standpauke von Malcom anhören lassen muss, behält er Hemd und Krawatte fast die gesamte Spielzeit über an. Gleichzeitig kommt so etwas wie Intimität nie richtig auf. Liegt es am Glasbau oder an den Dialogen, bei denen immer eine Metaebene im Spiel ist?

    Als reines Beziehungsdrama taugt der Film mitnichten. Dafür sind die rund 100 Minuten viel zu sehr beladen mit schwülstigen Dialogen und ständig scheint es um alles zu gehen: um die Rolle der Frau in einer Beziehung, um das Schwarzsein an sich und eben wie andere vermeintlich nicht-weiße darauf reflektieren. Vielleicht ist das aber auch ein ganz normaler Abend unter – schwarzen – Hollywoodstars. Wer weiß.

    Selbst wenn die Figur Malcolm diese Interpretation für seinen Film ablehnt, ganz unpolitisch ist diese Auseinandersetzung nicht. Er hat schon recht: ist es überhaupt möglich, einen Film über Identität, Geschlechterrollen und vor allem rassistisch konnotierten Problematiken zu machen, ohne politisch zu werden?

    Die völlige Abwesenheit von jeglichem Humor verleiht Malcolm & Marie jedenfalls eine Ernsthaftigkeit, die dem Film nicht gut tut. Man bekommt den Eindruck, der Film möchte mehr sein, als er eigentlich ist. Als rufe er: schaut her, wie schön ich bin und was sich alles in mir verbirgt. Am Ende ist er genauso durchdesignt wie das Haus, in dem er spielt. Trotz wunderbarer schauspielerischer Leistungen fällt es schwer, diese zwischenmenschliche Beziehung nachzuvollziehen. Es fühlt sich einfach nicht echt an.

    Malcolm & Marie

    Drama, USA 2021
    Regie
     Sam Levinson
    Drehbuch Sam Levinson
    Kamera Marcell Rév
    Schnitt Julio Perez
    Musik Labrinth
    Mit Zendaya, John David Washington
    Länge 106 Min.
    Streamingdienst Netflix


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  • KAJILLIONAIRE ★★★★

    KAJILLIONAIRE ★★★★

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    Zwischenmenschliche Beziehungen sind bei Miranda July nichts weniger als bizarr. Bei ihrem erst dritten Spielfilm Kajillionaire ist das nicht anders. In den Filmen der vielseitigen Künstlerin sind die Einflüsse aus anderen Kunstrichtungen stets spürbar. Wir tauchen ein in die gar seltsam pastellfarbene Welt einer Familie von Kleinkriminellen. Sich auf Julys Filme einzulassen ist zugegeben für viele ein Wagnis und es ist nicht das, was wir gewohnterweise vorgesetzt bekommen. Die Regisseurin kombiniert die Absurdität aber mit Ironie und Witz. Das erleichtert den Zugang nicht nur, sondern unterhält uns bestens.

    Darum geht es

    Eine Familie, bestehend aus Vater Robert (Richards Jenkins), Mutter Theresa (Debra Winger) und deren Tochter Old Dolio (Evas Rachel Wood) schlägt sich als betrügerisches Trio durchs Leben. Das Verhältnis zueinander ist gelinde gesagt distanziert und nicht nur die Tochter hochgradig verhaltensgestört. Von Kind auf kennt sie nichts anderes, als das Überleben durch Gaunereien. Als sie eine Fluglinie hereinlegen wollen, um ihre Mietrückstände zu begleichen, gesellt sich Melanie (Gina Rodriguez) zur Familie und stell deren Leben auf den Kopf, natürlich ausgehend von einer an sich schon mehr als schrägen Konstellation. Old Dolio erhofft sich von Melanie jene Liebe und Zuneigung, die sie von ihrer Familie nie bekommen hat. Die Eltern versprechen sich zu bessern aber kann sie ihnen überhaupt je vertrauen?

    Kommentar

    Ein Überfall auf eine Postfiliale gleich zu Beginn trägt starke Züge von Perfomancekunst und gibt einen ironischen Ton vor. Old Dolio wird von ihren Eltern bloß als Mitarbeiterin angesehen. Die schlaksige junge Frau mit den etwas-zu-langen Haaren ist von Traurigkeit gezeichnet. Wer kann es ihr verdenken. Trotz Armut, dem Fehlen von menschlicher Zuneigung und einem trostlosen kalifornischen Industrieviertel ist Kajillionaire aber äußerst unterhaltsam.

    Die Familie wohnt in einem an eine Seifenfabrik angrenzenden Büro. Das große Extra dieser ungewöhnlichen Unterkunft ist Seifenschaum, der von Zeit zu Zeit durch die Wand aus der Fabrik herüberdrückt. In Kajillionaire befinden wir uns nicht in einer realen Welt, sondern vielmehr in einer wie sie aussehen könnte oder im Kopf von Regisseurin Miranda July eben aussieht. Robert und Theresa haben jeglichem Besitz abgeschworen, streben nicht nach Wohlstand und wollen sich schon gar nicht mit einem regulären Arbeitsverhältnis belasten. Es ist beinahe eine Art Kult.

    Doch im Kern geht es abseits der ganzen Skurrilitäten um die Sehnsucht danach geliebt zu werden. July verpasst der Geschichte schlicht eine schräge Verpackung. Verhalten, das auf den ersten Blick seltsam erscheinen mag, ist die Folge von fehlender Zuneigung. Kajillioniare zeigt, dass es sich lohnt einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Sie verstellt meist nur den Blick auf das Wesentliche.

    Dieser Text ist nach einer Vorstellung im Rahmen der Viennale 2020 entstanden.

    Kajillionaire

    Drama, USA 2020
    Regie
     Miranda July
    Drehbuch Miranda July
    Kamera Sebastian Winterø
    Schnitt Jennifer Vecchiarello
    Musik Emile Mosseri
    Mit Evan Rachel Wood, Debra Winger, Richard Jenkins, Gina Rodriguez
    Länge 105 Min.
    Streamingdienst Amazon


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  • WONDER WOMAN 1984 ★★½

    WONDER WOMAN 1984 ★★½

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    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Als Wonder Woman 2017 in die Kinos(!) kam, waren große Teile des Publikums und der Presse entzückt. Der Film hob sich von den restlichen DC Comics Verfilmungen ab, bot eine Alternative zu Marvel und gleichzeitig erblickte die erste Superheldin das Licht der Leinwand. Gal Gadot hauchte der Figur Leben ein und alle waren von ihrem Charisma überwältigt. Mit Patty Jenkins führte zum ersten Mal eine Frau bei einem Blockbuster Regie. Hinsichtlich des Geschlechterungleichgewichts in der Filmbranche, kann man den beiden den Erfolg nicht hoch genug anrechnen. Mit der Fortsetzung Wonder Woman 1984 oder wie manche sagen Wonder Woman 2, kann das Team aber leider nicht an den Vorgänger anschließen. Begleitet wurde der Filmstart im Dezember 2020 von der Entscheidung von Warner Bros., deren Filme zeitgleich zur Veröffentlichung in den Kinos auch auf dem eigenen, bisher nur in den USA verfügbaren, Streaming Dienst zu vermarkten.

    Darum geht es

    Diana Prince (Gal Gadot) arbeitet im Jahr 1984 als Anthropologin in einer Forschungseinrichtung in Washington D.C. In ihrer Freizeit geht sie im Wonder Woman Kostüm auf Verbrecherjagd oder rettet Menschen aus brenzligen Situationen. Ihre unscheinbare Kollegin Barbara Ann Minvera (Kristen Wiig) ist nicht nur sehr angetan von Wonder Woman, sondern ebenso von Dianas selbstbewussten Auftreten.

    Eines Tages weckt ein steinernes Artefakt die Aufmerksamkeit von Diana. Kann der Stein etwa Wünsche erfüllen? Gedankenverloren wünscht sie sich wieder mit Steve (Chris Pine) vereint zu sein. Als Barbara von Wonder Woman vor einem Überfall gerettet wird, wünscht sie sich nichts mehr, als so zu sein wie sie, zufällig mit den Händen auf dem Stein.

    Als neuer Sponsor wird der Ölmagnat Maxwell Lord (Pedro Pascal) am Institut vorstellig. Er flirtet mit Barbara und zeigt großes Interesse am Artefakt. In einem geeigneten Moment entwendet er es. In der Zwischenzeit lernt Diana auf einer Party einen Mann kennen, der vorgibt Steve zu sein und sie auch davon überzeugen kann.

    Lord spricht den folgenschweren Wunsch aus, der Stein selbst sein zu wollen und stürzt die ganze Welt in ein Chaos.

    Chris Pine und Gal Gadot

    Kommentar

    Ohne Überlänge geht es im SuperheldInnen Segment nicht und das obwohl die Geschichten weder tiefgründig noch komplex sind. Wonder Woman 1984 eröffnet noch dazu mit einem Prolog. Wir sind zurück auf der Insel Themyscira im Mittelmeer wo das Kriegervolk der Amazonen zu Hause ist. Diana ist noch ein kleines Mädchen und tritt zu einer Art olympischen Bewerb an. Die Sequenz ist schön anzusehen. Die Musik von Hans Zimmer geht ins Ohr, wie den gesamten Film über. Diana zieht zwar ihre Lehren, die ihr im weitern Verlauf ganz hilfreich sein werden. Leider wird es der beste Teil bleiben.

    Kirsten Wings Verwandlung vom Mauerblümchen zur Femme Fatale ist die größte Überraschung des Filmes, wenn auch zu Beginn sämtliche Stereotype bedient werden. Sie hatte jedenfalls sichtlich Spaß an ihrer Rolle. Wie schon in Teil 1 trägt Gal Gadot den ganzen Film mehr oder weniger alleine. Das reicht nur bei einer derart abstrusen Haltung nicht mehr aus.

    Die Sache mit dem Artefakt. Die Grundprämisse ist spannend, genauso wie die Moral der Geschichte. Wenn jeder bekommt was er möchte, gibt es kein Miteinander mehr. Die Logik bleibt aber vollkommen auf der Strecke. Noch dazu entgleitet die Handlung , da es auf einmal drei ProtagonistInnen gibt, die sich verstreut auf der Welt aufhalten: Diana, Barbara und Maxwell. Der Film fällt dem Drang zum Opfer, sich gegenüber dem Vorgänger steigern zu müssen, Was das wohl für Teil 3 bedeuten mag?

    Wonder Woman 1984 war wenige Stunden nach der Premiere in bester Qualität im Netz zu finden. Die Anzahl der illegalen Downloads hält sich mit jener der Kinobesuche und des Streamings die Waage. Warner Bros. muss damit gerechnet haben. Da in naher Zukunft noch mehr Streamingdienste auf den Markt drängen werden, ist mit einer weiteren Zunahme von Piraterie zu rechnen. Auch wenn ein einzelner Dienst für sich nicht die Welt kostet und monatlich kündbar ist, ist es mehr als unrealistisch, dass jemand mehr als ein halbes Dutzend Dienste abonnieren wird.

    Warner Bros. wollte offenbar den eigenen Streamingdienst HBO Max stärken. Genauso hätte man den Film weltweit zum Kauf anbieten können, um den Verlust etwas abzufedern. Wobei allein in den USA 10% der Downloads durchgeführt wurden. Wohin das führt, werden die nächsten Monate zeigen. Die Filmbesprechungen waren sehr durchwachsen und eher kritisch. Das zieht einen Effekt nach sich, den man nicht unterschätzen sollte. Nicht umsonst starteten Blockbuster in den letzten Jahren weltweit mehr oder weniger zur selben Zeit.

    Es gibt diese eine Szene zwischen Gadot und Pine, in der sie verzweifelt gesteht, dass sie eine neuerliche Trennung nicht ertragen kann. Es ist ein wunderbarer und erstaunlich intimer Moment, mitten im Chaos, das rund um sie herrscht. Leider kann der Film sonst weder in den lauten, noch in den stillen Momenten überzeugen. In mancher Hinsicht war Wonder Woman vor drei Jahren ein Meilenstein im Blockbustersegment. Die Fortsetzung könnte im Nachhinein auf ganz andere Weise in Erinnerung bleiben. Als Wendepunkt in der Vermarktung von Kinofilmen. Jedoch sicher nicht wegen des Filmes selbst.

    WONDER WOMAN 1984 | PATTY JENKINS | USA 2020 | 152 MIN. | [usr 2,5]


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