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  • ONE NIGHT IN MIAMI ★★★★ ½

    ONE NIGHT IN MIAMI ★★★★ ½

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    Es gibt diese Ikone der Fotografie, in der Cassius Clay 1965 im Ring steht und den vor ihm auf dem Boden liegenden Sonny Liston anzubrüllen scheint. Clay ist eine jener Persönlichkeiten, für die es im Englischen die Zuschreibung larger than life gibt. Überlebensgroß also, ein Leben weit über die Grenzen der Sportwelt hinaus bekannt. One Night In Miami spielt nun im Jahr davor, am 25. Februar 1964, als es in Miami zum ersten Aufeinandertreffen der beiden Boxlegenden und zu einem überraschenden Sieg von Clay kam. Es ist eine fiktive Geschichte rund um diesen Kampf und sie bringt in jener Nacht Cassius Clay mit drei weiteren Männer in einem Motelzimmer zusammen, die jeder auf seine Art Geschichte geschrieben haben: Jim Brown, Sam Cooke und Malcom X. Das Spielfilmdebüt der Oscar-Preisträgerin Regina King (Beale Street) war 2020 die erste Regiearbeit einer afroamerikanischen Regisseurin, die bei den Filmfestspielen von Venedig gezeigt wurde.

    Darum geht es

    Nachdem Cassius Clay (Eli Goree) im Miami Convention Center Schwergewichtsweltmeister wurde, verbringt er den weiteren Abend mit dreien seiner engsten Freunde in einem Motelzimmer: mit dem NFL-Spieler Jim Brown (Aldis Hodge), dem Soulsänger Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) und Bürgerrechtler und Aktivisten Malcom X (Kingsley Ben-Adir). Es werden grundlegende Fragen der eigenen Verantwortung im Kampf um die Rechte der schwarzen Bevölkerung diskutiert, bei er sich die Männer durch ihre unterschiedlichen Ansichten immer wieder in die Haare kriegen. Die Atmosphäre bleibt trotz aufkommender Emotionen jedoch immer von freundschaftlichem Respekt geprägt.

    Malcom X (Kingsley Ben-Adir) hat eine böse Vorahnung.

    Kommentar

    Das Treffen fand tatsächlich statt, allerdings sind die Inhalte der Gespräche nicht verbrieft. Das auf einem Theaterstück von Kemp Powers basierende Drama One Night in Miami verdichtet einen Umbruch in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf wenige Stunden. Nachdem Cassius Clay über Nacht zum Weltstar wurde, bekannte er sich zur Nation of Islam und legt seinen Sklavennamen, wie er sagte, ab und nannte sich zuerst Cassius X und später Muhammad Ali. Es ist der Vorabend des Entstehens der Black Power Bewegung. Malcom X zweifelt bereits an der Ideologie der Nation of Islam, die eine Black Supremacy Strategie vertrat und damit genauso rassistisch war, wie jene, die man bekämpfte.

    Der Film reflektiert exemplarisch anhand der vier Männer die Stellung der Schwarzen in den USA und ihre Wirkung zueinander. Malcom X, der insgeheim das Zentrum der Erzählung bildet, versucht die anderen aufzurütteln und sieht sie in der Pflicht, ihren Einfluss für den Kampf der Rechte von Schwarzen einzusetzen. Sonst würden sie von den Weißen nur für ihre Talente respektiert aber nicht als Menschen schwarzer Hautfarbe. So sei Sam Cooke zwar erfolgreich, jedoch nur solange er auf der Bühne steht. Dass Cooke in seinen Texten dabei nur über die Liebe singt und nicht die Kraft seiner Stimme für die Bewegung erkennt, bringt Malcom X in Rage.

    Cassius Clay, der kurz davor steht, zu konvertieren, steht stark unter dem Einfluss von Malcom X. In plagen letzte Zweifel, ob er denn den Schritt Richtung Islam wagen sollte. Man merkt, es brennt in ihm mehr zu sein als bloß ein Boxer. Jim Brown ist ebenfalls dabei sich zu verändern. Bald wird er dem Sport den Rücken kehren und ins Schauspielfach wechseln.

    Malcom X hat bereits eine Vorahnung. Er ist jener der Truppe, der unter ständiger Bewachung steht. Auch wenn er sich nichts anmerken läßt, versetzt ihn jede kleine Auffälligkeit in seiner Umgebung in Alarmbereitschaft. Als er einen seiner Leibwächter in der Nacht dabei beobachtet, wie er einem weißen Mann auf dem Parkplatz etwa zusteckt, erinnert die Szene an den Verräter Judas. Ein Jahr später wird Malcom X ermordet. Traurigerweise ereilte drei der vier Männer ein tragisches Schicksal.

    In One Night in Miami werden historische Fakten klug in die Geschichte eingefügt. Es wird deutlich, was die vier Charaktere antreibt. Obwohl die Grundlage ein Bühnenstück ist und der Film das nicht ganz verleugnen kann, vergißt Regina King nicht auf die filmischen Momente, vor allem in den Passagen, in denen die Handlung das Motelzimmer verläßt. Eine der bedrückendsten Szene ist Jim Brown vorbehalten, als er auf seinen Gönner Carlton (Beau Bridges in einem Kurzauftritt) trifft. Die zwischenmenschlichen Spannungen unter den Protagonisten tun ihr übriges. Vor allem Kingsley Ben-Adirs Darstellung von Malcom X ist schwer beeindruckend. Dabei ist es für alle keine leichte Aufgabe, derart populäre Persönlichkeiten zu verkörpern. Er versucht die anderen für seine Sache einzuspannen und hadert selbst mit seiner Rolle. Diese Komplexität der Charaktere und nachdenklich stimmende Auseinandersetzungen machen den Film so sehenswert.

    REGINA KING | ONE NIGHT IN MIAMI | USA 2020 | 110 MIN. | [usr 4,5]


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  • MA RAINEY’S BLACK BOTTOM ★★★★

    MA RAINEY’S BLACK BOTTOM ★★★★

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    Im vergangenen Jahr gab es kaum Produktionen, die von einem vergleichbaren leidenschaftlichen und intensiven Schauspiel geprägt waren, wie Ma Rainey’s Black Bottom. Neben Viola Davis (Widows) als temperamentvolle Bluessängerin erhielt vor allem Chadwick Boseman (Black Panther) für seine Rolle als Jazztrompeter viel Aufmerksamkeit. Es sollte seine letzte Rolle sein. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits schwer krank (Boseman ging damit nie an die Öffentlichkeit), verstarb der Schauspieler im August 2020 an Krebs. Dem Film liegt einen Bühnenstück von August Wilson aus dem Jahr 1984 zu Grunde. Es ist nicht zu übersehen: Ma Rainey’s Black Bottom atmet Theaterluft.

    Darum geht es

    Ma Rainey (Viola Davis), eine einflussreiche Bluessängerin der 1920er Jahre, kommt nach Chicago um ihre nächste Platte aufzunehmen. Vorerst läßt sie aber ihre Band und ihren Produzenten Irvin (Jeremy Shamos) im Tonstudio warten. Neben dem Pianisten Toledo (Glynn Turman), dem Gitarristen Cutler (Colman Domingo) und Slow Drag (Michael Potts), dem Bassspieler, stößt der vor Selbstvertrauen strotzende Trompeter Levee Green (Chadwick Boseman) zur Band.

    Als Ma Rainey eintrifft, hat sie nicht nur ihre Freundin Dussie Mae (Taylour Paige) im Schlepptau, sondern auch ihren Neffen Sylvester (Dusan Brown). Die Anspannung steigt, als es Differenzen bei der Auswahl der Stücke gibt und Ma ihren stotternden Neffen die Einleitung zu Black Bottom sprechen lassen möchte. Levee stiftet zusätzlich Unruhe, weil er gerne seine eigenen Interpretationen aufnehmen würde.

    Als die Aufnahmen starten, wird sie von technischen Problemen begleitet. Levee ist zusätzlich aufgebracht, da der Studiomanager Mel Sturdyvant (Jonny Coyne) seine Eigenkompositionen als nicht geeignet für schwarze Sänger ansieht. Die hitzige Stimmung führt zu einer finales Auseinandersetzung zwischen Levee und Toledo.

    Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle

    Kommentar

    Man spürt in Ma Rainey’s Black Bottom förmlich die Hitze. Die warme Farbgebung, die schwitzende Ma und natürlich die sich durch die stetig aufbauenden Spannungen erhitzten Gemüter. Verstärkt wird das durch die Enge des Sets. Die Charaktere stoßen so unweigerlich immer wieder aufeinander.

    Die Ausleuchtung erinnert an eine Theaterkulisse. Durch die Kameraarbeit von Tobias A. Schliessler wird noch verstärkt sichtbar, dass der Verfilmung ein Theaterstoff zugrunde liegt. Schliessler beobachtet und reduziert Kamerabewegungen und vermeidet optische Spielereien. Für Liebhaber des Theaters sicher eine willkommene Abwechslung, wenn hier das Gefühl aufkommt, einer Bühnenaufführung beizuwohnen. Alles ist sehr dicht und intensiv.

    Viola Davis bestimmt jede ihrer Szene. Ma duldet keine Widerrede und stellt permanent die ganze Aufnahme aufs Spiel. Davis, unter einer dicken Schicht Make-up, beeindruckt durch ihre pure Präsenz. Sie kommt mit Chadwick Bosemans Levee quirligen und präpotenten Art nicht zurecht, genauso wenig wie der Rest der Mannschaft. Levee ist wie ein Pulverfass. Unberechenbar und man weiß nicht ob und wann er die Kontrolle verliert. Boseman beherrscht dabei genauso die leisen Momente. Es ist genau die Spannung dieser beiden Charaktere, die Ma Rainey’s Bottom Blues so sehenswert macht. Welche Wirkung könnten die beiden erst auf der großen Leinwand entfalten! Levees Counterpart ist jedoch der Pianist Toledo. Glynn Turman ist das dritte Schwergewicht im Bunde. Durch seiner strengen Religiosität gerät er in Konflikt mit Levees Lebensstil.

    Ma Rainey (1882 oder 1886 – 1939) galt als The Mother of Blues und war eine der ersten Bluessängerinnen, die ihre Musik auch aufnehmen durfte. Ihr Einfluss reicht weit über die Musikwelt hinaus. Es war nicht nur ihr einzigartiger Stil, der sie zu einer bedeutenden Frau der schwarzen Kultur werden ließ. Sie gab jenen eine Stimme, die keine hatten. Es ist bezeichnend, dass die einzigen weissfarbigen Charaktere im Film der Manager und der Studioboss sind. In der letzten Szene wird klar, wer das Sagen hat und letzten Endes über die MusikerInnen bestimmte.

    Ma Rainey’s Balck Bottom

    Drama, USA 2020
    Regie
    George C. Wolfe
    Kamera Tobias A. Schliessler
    Drehbuch Ruben Santiago-Hudson
    Musik Branford Masalis
    Schnitt Andrew Mondshein
    Mit Viola Davies, Chadwick Boseman, Glynn Turman, Colman Domingo
    Länge 93 Minuten
    Streamingplatform Netflix

    MA RAINEY’S BLACK BOTTOM | GEORGE C. WOLFE | USA 2020 | 94 MIN. | [usr 4]


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  • SMALL AXE (Film-Anthologie) ★★★★

    SMALL AXE (Film-Anthologie) ★★★★

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    Eine große Premiere in Cannes blieb Small Axe zwar verwehrt, es war dem Regisseur Steve McQueen aber von Anfang an ein Anliegen, sein neues Werk im Fernsehen zu präsentieren. Nur so sei es gewährleistet, dass die fünf Filme unterschiedlicher Länge umfassende Anthologie niederschwellig möglichst viele Menschen zugänglich gemacht werden kann. Sie beruhen zum größten Teil auf wahren Begebenheiten und befassen sich mit institutionellem Rassismus und dem Leben der Westindischen Community in England zwischen 1969 und 1985. Nachdem Small Axe im Dezember bei BBC One zu sehen war, gibt es die Reihe nun bei Amazon Prime Video zu kaufen. Dort wurde sie weder beworben, noch gibt es eine Synchronisation oder Untertitel. Dabei handelt es sich hier um einen unbestrittenen Höhepunkt der Filmsaison.

    Darum geht es

    Die Filme sind in sich abgeschlossen und unterliegen inhaltlich keiner bestimmten Reihenfolge. Es macht aber Sinn, sie sich in der bei Amazon vorgegebenen Reihung anzusehen. Den Beginn macht Mangrove (127 Min.). Titelgebend ist ein Restaurant in Notting Hill, das nach wiederholten Angriffen durch die Polizei ungewollt zum Zentrum des Widerstandes von MigrantInnen aus Westindien wurde. Der Polizist Frank Pulley (Sam Spruell) führt einen Kleinkrieg gegen den Lokalbesitzer Frank Crichlow (Shaun Parkes). Die Lage spitzt sich zu und gipfelt im August 1970 in einem Protestmarsch unter Beteiligung der Black-Panther-Anführerin Altheia Jones-LeCointe Letitia Wright). Monate später sitzen jene Angeklagten, die heute unter dem Namen die Mangrove Nine bekannt sind, vor Gericht. Selbst Richter Edward Clarke (Alex Jennings) muss bald eingestehen, dass die Staatsgewalt von tiefgreifendem rassistischem Hass durchzogen ist. Der Polizei ist jedes Mittel recht, um die Angeklagten wegzusperren.

    Lovers Rock (70 Min) ist der einzige Film, der nicht auf wahren Begebenheiten beruht. Dabei begleiten wir Martha (Amarah-Joe St. Aubyn) Samstag Abend auf eine Hausparty. Eine ganze Nacht wird gefeiert und zu einer außergewöhnlichen Soundtrack Mischung aus Pop und Dance-Hall-Reggae getanzt.

    In Red, White and Blue (80 Min.) bewirbt sich Leroy Logan (John Boyega) als Polizist bei der Metropolitan Police. Sehr zum Missfallen seines Vater Kenneth (Steven Toussaint), der genauso wie sein Sohn schon öfters Opfer rassistisch motivierter Polizeigewalt gewesen ist. Leroy sieht allerdings in seinem Engagement den einzigen Weg, um das Verhältnis zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei zu verbessern. Leroy wurde zum Aushängeschild einer Imagekorrektur und wurde von der Queen wegen seiner Verdienste in den Order of the British Empire aufgenommen.

    Alex Wheatley (66 Min.), gespielt von Sheyi Cole, hat eine schwierige Kindheit hinter sich. Als Jugendlicher entdeckt er seine Leidenschaft zur Musik. Die sozioökonomische Lage und seine Herkunft ermöglicht es ihm aber nicht, ein unbekümmertes Leben zu führen. Im Zuge von Unruhen im Jahr 1981 wird er verhaftet. Im Gefängnis bringt ihn sein Mitinsasse die Faszination von Literatur näher. Wheatley, heute ebenso Mitglied des Order of the British Empire, veröffentlichte folglich mehrere Jugendromane.

    Education

    Den Abschluss macht Eduction (63 Min.). Der 12-jährige Kingsley (Kenyah Sandy) wird darin von seinen Lehrern als Schüler mit „besondern Bedürfnissen“ eingestuft und in eine Sonderschule verwiesen, die nicht mehr als eine Tagesbetreuung bietet. Mit Hilfe des Black Education Movement wird seine Mutter Agnes (Sharlene Whyte) darauf aufmerksam gemacht, dass hier ein Methode dahinter steckt, um im Londoner Stadtteil Haringey Kinder mit Migrationshintergrund loszuwerden. Damalige Ministerin für Bildung und Wissenschaft war übrigens Margaret Thatcher.

    Kommentar

    Den fünf vorliegenden Filmen steht das Korsett der Kürze nicht immer gleich gut. Ausgenommen dem Gerichtssaaldrama Mangrove mit seiner Spielfilmlänge sind die weiteren Teile doch deutlich kürzer. Lovers Rock ist trotzdem eine intensive Stunde, die uns hautnah an einer Party teilnehmen läßt. Die Kamera von Shabier Kirchner (Kameramann bei allen Teile) gleitet um die tanzenden Körper und fängt die Atmosphäre wunderbar ein. Die Szene, in der spätnachts zum Song Silly Games getanzt wird, ist für viele der schönste Filmmoment des Jahres. Gerade im vergangenen Jahr vermag der Film bei vielen Sehnsüchte zu wecken. Alex Wheatley wirkt durch die ständigen Zeitsprünge etwas zerrissen. Und gerade Education hätte mehr Zeit vertragen, um dem Skandal der Segregationspolitik mehr Raum zu geben. Unter anderen Vorzeichen und Rahmenbedingungen bleibt übrigens auch unser Bildungssystem nicht davon verschont. Stichwort Brennpunktschulen. Bereits die Kinder türkischer Gastarbeiterinnen wurden in Wien in Haupt- und Sonderschulen gesteckt und ihnen der Eintritt in ein Gymnasium verwehrt.

    So if you are the big tree

    We are the small axe

    Ready to cut you down (well sharp)

    To cut you down

    Small Axe
    Bob Marley & The Wailers, 1973

    Steve McQueen geht das Thema Rassismus auf die unterschiedlichste Art an. Meist ist es Polizeigewalt oder wie in Education Teil der Bildungspolitik. In Red, White and Blue nimmt der Protagonist als Akt der Selbstermächtigung sein Schicksal selbst in die Hand, in dem er ein Teil der Polizei werden möchte. Lovers Rock hat, bis auf ein paar kurze Szenen, nur scheinbar nichts mit der Thematik zu tun. Es ist jedoch schon allein der Umstand einer privaten Hausparty ein Hinweis, da der schwarzen Bevölkerung der Besuch einschlägiger Lokale erschwert war. Erschütternd sind die Ungerechtigkeiten, die den ProtagonistInnen widerfahren. Small Axe ist auch eine Warnung und spannt den Bogen nicht zuletzt hinsichtlich der Black Lives Matter Proteste bis in die Gegenwart. Wer seine Vergangenheit nicht kennt, kennt auch seine Zukunft nicht, heißt es einmal in Alex Wheatley.

    Small Axe, der Titel ist einem Song von Bob Marley entlehnt, zeichnet sich durch eine hohe Intensität und erzählerische Kraft aus. Steve McQueen verarbeitete seine eigene Familiengeschichte. Bis in die kleinsten Rollen exzellent besetzt und dabei stehts im Auge, nicht nur vergangene Missstände aufzuzeigen. Die Plädoyers der Angeklagten in Mangrove gehen unter die Haut. Die Filmserie ist Bildungsfernsehen der besonderen Art.

    STEVE MCQUEEN | GB 2020 | [usr 4]


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  • A SUN ★★★★½

    A SUN ★★★★½

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    Die Verlagerung aktueller Spielfilme von den Kinos auf Streamingplattformen treibt seltsame Blüten. A Sun feierte beim Toronto International Filmfestival im September 2019 in einer Nebenschiene unter mehr als 50 weiteren Filmen seine Weltpremiere. Beim renommierten chinesisch-sprachigen Golden Horse Film Festival ging der Film im November 2019 als großer Sieger hervor. Bereits am 24. Jänner 2020 wurde das taiwanesische Familiendrama bei Netflix veröffentlicht. Völlig unbemerkt schlummerte der nunmehrige Beitrag Taiwans für die Oscars 2021 monatelang vor sich hin. Scheinbar war man sich nicht einmal bei Netflix bewusst, was man da eingekauft hatte. Bis A Sun im Dezember 2020 auf einmal in den Listen der besten Filme des Jahres auftauchte (Im Branchenblatt Variety sogar an erster Stelle). Nun ist sie da, die große Aufmerksamkeit. Völlig verdient, denn wir haben es tatsächlich mit einem der besten Filme des Jahres zu tun.

    Darum geht es

    Der umtriebige A-Ho (Wu Chien-ho) stürmt zusammen mit seinem Kumpel Radish (Liu Klang-ting) in ein Lokal und dieser attackiert dort einen Mitschüler so schwer, dass dessen Hand im nächsten Augenblick in der Suppe schwimmt. Für den Fahrlehrer A-Wen (Chen Yi-wen), den Vater von A-Ho, kommt das nicht unerwartet. Er empfiehlt dem Richter sogar eine harte Gefängnisstrafe für seinen Sohn. Sein ganzer Stolz ist A-Hos Bruder A-Hao (Greg Hsu), ein erfolgreicher Studenten, dem eine vielversprechenden Zukunft bevor steht. Der wiederum leidet darunter, ständig im Zentrum zu stehen.

    Während A-Ho im Gefängnis sitzt, taucht dessen schwangere Freundin Xiao-Yu (Apple Wu) auf. Die Probleme der Familie scheinen kein Ende zu nehmen. Qin, die Mutter von A-Ho (Samantha Ko), nimmt sich der jungen Frau an, trotz der Skepsis deren Familie. Kurz darauf folgt der nächste Schicksalsschlag für die Familie.

    Nachdem A-Ho aus dem Gefängnis entlassen wird, versucht er ein neues Leben anzufangen. Als drei Jahre später Radish ebenso freikommt, holt in aber seine kriminelle Vergangenheit ein und die Familie wird nochmals auf die Probe gestellt. Eines Tages verschwindet Radish während einer gemeinsamen Gaunerei auf einmal spurlos.

    A-Ho (Wu Chien-ho) mit seinem Vater A-Wen (Chen Yi-wen).

    Kommentar

    Es beginnt mit einem ziemlichen Schockmoment. Die ersten Minuten lassen vermuten, dass wir es mit einem Gangsterfilm zu tun haben. Der Eindruck täuscht, die Gangart ändert sich schon in der nächsten Szene. A Sun konzentriert sich auf eine Familie in Taipeh, die durch die Entscheidungen von zwei Brüdern plötzlich auseinandergerissen wird. Allerdings ist eines von Anfang an klar: man muss hier mit allem rechnen. Nach und nach treten die Geheimnisse der Charaktere zu Tage.

    A Sun ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Wie das Leben so spielt, folgen einem Schicksalsschlag komische Momente. Da ist zum Beispiel der Vater des Opfers, der sich plötzlich hinten ins Fahrschulauto setzt und eine Entschädigung einfordert und dann von A-Wen einfach irgendwo rausgeschmissen wird. Seine Rache wird alles andere als süß ausfallen. Und als A-Hao mit seiner Freundin durch den Park spaziert und sich wie zufällig ihre Hände berühren, kann man den Moment großen Glücks in ihrem Lächeln ablesen. Ganz natürlich gehört in diesem Drama dann auch Mord zum Leben dazu.

    Die titelgebende Sonne ist A-Hao, Vorzeigestudent mit großem Herz. Der Stolz des Vaters setzt ihn unter Druck. Er möchte all dem Licht der Anerkennung entfliehen und sucht Zuflucht im Schatten. Es gelingt ihm nur nicht. Sein Bruder, der junge A-Ho durchschreitet den harten Weg der Selbstfindung, auch eine Folge der Ignoranz durch seinen Vaters. Regisseur Chung zeigt komplexe Charakterportraits, die auf ihres Weise glaubwürdig agieren. A Sun ist mit zweieinhalb Stunden lang aber clever konstruiert. Durchhalten lohnt sich. Selbst visuell hat A Sun einiges zu bieten (Hinter der Kamera: Regisseur Chung).

    A Sun ging am zweiten Tag des Sundance Film Festivals online. Da hatte wahrlich niemand in den USA ein Auge drauf. Netflix hat es mehr den je dringend nötig, die Filmauswahl besser zu kuratieren. Die Benutzeroberfläche ist da gar keine Hilfe, ganz im Gegenteil. Es ist eine willkürliche Aneinanderreihung von sich ständig wiederholenden Filmen, die an der Spitze nichts verloren haben. Zumindest eine neue Sektion würde mit wenig Kostenaufwand eine große Wirkung entfalten, wie die Filmseite Indiewire schreibt. Wenn für den Streamingdienst Film mehr als nur eine Ware ist, sollte das schleunigst angegangen werden. Nun hat man aber nicht einmal die Gunst der Stunde genutzt, die der internationale Erfolg von Parasite mit sich brachte.

    A SUN (OT: YÁNGGUÃNG PUZHÀO) | CHUNG MONG-HONG | TAIWAN 2019 | 155 MIN. | [usr 4,5]



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  • HIS HOUSE ★★★★

    HIS HOUSE ★★★★

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    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Nach Mati Diops Atlantique gibt es neuerlich ein aufsehenerregendes Regiedebüt, das eine Fluchtgeschichte mit Okkultismus verbindet. In His House von Remi Weekes hat ein Paar aus dem Südsudan seine Flucht bereits hinter sich und ist in Großbritannien gelandet. In ihrer neuen Behausung gehen aber recht verstörende Dinge vor sich. Veröffentlicht wurde der Film bei Netflix bereits zu Halloween. Irreführender kann ein Starttermin eigentlich gar nicht sein. Für einen gruseligen Abend unter Freuden ist His House nämlich nicht gemacht. Der wahre Horror liegt hier im Schicksal von Menschen auf der Flucht, das Weekes geschickt um das Motiv eines Spukhauses konstruiert. Die Spoilerwarnung betrifft nicht primär den Inhalt, sondern das Wesen der Erzählung, denn der Film schwebt zwischen Schocker und Gesellschaftsdrama und lässt sich gerade zu Beginn nicht sofort zuordnen.

    Darum geht es

    Es ist Nacht. Ein überfülltes Boot voller Flüchtlinge schaukelt in den hohen Wellen. Bol Majur (Sope Dirisu) und Rial Majur (Wunmi Mosaku) sind mit ihrer Tochter Nyagak (Malaika Wakoli-Abigaba) auf dem Weg nach Europa. Als das Boot kentert, ertrinkt die Tochter. Angekommen in Großbritannien werden sie zuerst in ein Anhaltelager gesteckt. Als ihnen Asyl auf Probe gewährt wird, bekommen sie von dem zuständigen Beamten Mark Essworth (Matt Smith) ein heruntergekommenes Haus zugewiesen. Tagtäglich macht ihnen der in ihrer Nachbarschaft vorherrschende Rassismus das Leben schwer..

    Vor allem Bol versucht sich krampfhaft anzupassen und drängt auch seine Frau dazu, europäische Gepflogenheiten zu übernehmen. In ihrem Haus werden die Beiden jedoch von Visionen geplagt. Es scheint, als lebe ihre Tochter in den Wänden der Bruchbude. Außerdem ist da noch eine andere unheimliche Gestalt. Das Paar ist am durchdrehen. Bol reisst die Wände auf. Als sie versuchen, ein anderes Haus zu bekommen und Mark den Zustand des Hause sieht, verschlechtern sich ihre Chancen auf Asyl. Dem Wahnsinn Nahe erkennt Bol, dass sie es mit einem Geist zu tun haben. Der schlägt ihm einen Handel vor.

    Bol (Sope Dirisu) kann nicht glauben, was er da sieht.

    Kommentar

    Horror als Gesellschaftskritik geht nicht zuletzt auf den Regisseur George A. Romero zurück. Das Genre bediente nicht mehr bloß alleine die Lust nach Gänsehaut. Kritik gegen den Kapitalismus oder den Vietnamkrieg wurde in gruselige Geschichten verpackt. Das Anprangern von Rassismus war dem Genre ebenso seit dieser Zeit ein Bedürfnis. Zuletzt nahm sich Jordan Peel 2017 in seinem Schocker Get Out dem Thema an und war damit höchst erfolgreich. In Atlantiques von Mati Diop waren es die Hinterbliebenen, die von Geistern der Geflüchteten heimgesucht wurden.

    Der Glaube an Übersinnliches, der tief verwurzelt in der Kultur afrikanischer Länder ist, bietet in His House in Kombination mit Migration eine Projektionsfläche für Traumata von Vertriebenen, die in Gesellschaften Zuflucht suchen, die von Rassismen wie von einem Geschwür durchzogen sind. Das birgt zwar die Gefahr, einen abwertenden oder belustigenden Blick auf diese Menschen zu werfen. Es ist jedoch dem Feingefühl des Regisseurs zu verdanken, dass hier niemand vorgeführt wird. Das von Regisseur Remi Weekes in einer anonymen Vorstadt angesiedelte Horror-Drama ist zu präzise, um sich diesem Vorwurf erst stellen zu müssen.

    Das Innenleben der Protagonisten (zwei komplexe und starke schauspielerische Leistungen!) wird nach außen gekehrt: geplagt vom Verlust, der Schuld der Überlebenden, der Einsamkeit in der Fremde und der Heimsuchung der eigenen Vergangenheit. Dies bildet den Rahmen für eine dichte Erzählung in einer kompakten Länge von 93 Minuten, die keine billigen Schockeffekte benötigt, um uns zu fesseln. Größtenteils im Haus spielend, nützt Weekes den engen Raum gekonnt aus, um eine unheimliche Stimmung zu erzeugen. Trotz der begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten gelingt Kameramann Joe Willems eine wunderschöne Bildsprache.

    Je nach Gemüht verarbeitet man dieses Stück Genrekino anders. Bei näherer Betrachtung verursacht das reale Schicksal von Bol und Rial jedoch das größte Unbehagen.

    HIS HOUSE | REMI WEEKES | UK 2020 | 93 MIN. | [usr 4]


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  • HAMILTON ★★★★★

    HAMILTON ★★★★★

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    In den USA ist das Musical Hamilton ein Broadway-Hit und das schon seit fünf Jahren. Bei uns war die Geschichte rund um Alexander Hamilton (ca. 1757-1804), einem der Gründerväter der USA und deren erster Finanzminister, bis jetzt nicht bekannt. Die deutsche Musicalfassung ist in Deutschland gerade im Entstehen. Im Herbst 2021 hätte die Aufnahme des Bühnenstücks über Disney+ einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht werden sollen. So war der Plan. Im Frühjahr 2020 entschied man sich aber kurzerhand, den Film bereits zum Unabhängigkeitstag im Juli des selben Jahres zu veröffentlichen. Lin-Manuel Miranda spielt darin die Titelrolle, schrieb die Texte und komponierte die Musik. Hamilton ist mitreissend und das über zweieinhalb Stunden. Aufs Klo sollte man gehen bevor man auf Play drückt. Ein Theaterbesuch.

    Darum geht es

    Alexander Hamilton (Lin-Manuel Miranda), Immigrant aus der Karibik, kommt 1776 mit 19 Jahren nach New York. Dort schließt er sich mit Revolutionären zusammen und tritt folglich der Kontinentalarmee bei. Im Kampf gegen die britische Vorherrschaft entpuppt sich Hamilton als politisches Talent. Bald wird er die Rechte Hand von George Washington (Christopher Jackson). In der Ausgestaltung der Unabhängigkeit kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen den Abolitionisten. Hamiltons Widersacher ist Aaron Burr (Leslie Odom jr.), ein weiterer einflussreicher Politiker seiner Zeit. Trotz Zurufen von König George III. (Jonathan Groff) aus Großbritannien schreitet der Unabhängigkeitskrieg voran aber die strategischen Differenzen werden immer größer.

    Auf einem Ball lernt Hamilton Eliza Schuyler (Phillipa Soo) kennen. Sie heiraten und bekommen einen Sohn. Der große politische Durchbruch gelingt Hamilton vorerst nicht. Washington überlässt das Kommando über die Truppen anderen. Auch in Sachen Finanzpolitik ist man sich uneins. Hier gewinnt Hamilton zusehends an Einfluss. Sehr zum Missfallen von Burr, der seine politischen Ideale schnell einer für ihn günstigen Position anpasst. Als Hamilton erfolgreich Thomas Jeffersons (Daveed Diggs) Präsidentschaftskandidatur unterstützt, wird er von Burr zum Duell herausgefordert.

    Lin-Manuel Miranda und Phillipa Soo

    Kommentar

    Hamilton ist in den USA bereits ein Stück Popkultur geworden. Mit einer Darstellerriege, fast ausschließlich bestehend aus Schwarzen und Latinos, steht das Bühnenstück für eine Zeit des Aufbruchs, die in den letzten Jahren einen herben Rückschlag einstecken musste. Die Kombination aus einer historischen und identitätsstiftenden Geschichte und modernen Hip-Hop-, Jazz- und Pop-Klängen entwickelte sich für den Mastermind Miranda (er übernahm in der Fortsetzung von Mary Poppins den Part von Dick van Dyke) zum Sensationserfolg.

    Von der ersten Minute an zieht einen Hamilton in seinen Bann. Für die folgenden hundertsechzig Minuten bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Eine Gesangsnummer folgt der nächsten, allesamt gehen sie ins Ohr. Die Darsteller wirbeln über die Bühne. Das Bühnenbild ändert sich nie. Allein durch die Lichttechnik werden Akzente gesetzt. Das Tempo ist hoch.

    Im Film ist die Originalbesetzung der Broadway Version zu sehen. Die bis in die Nebenrollen charismatischen Darsteller schaffen es, ihre Energie auf das Publikum zu übertragen. Und ihre Leidenschaft. Wer glaubt, eine Theaterstück vermag im Fernsehen nicht zu berühren, wird hier eines besseren belehrt. Für das Finale sollte man Taschentücher bereithalten. Neben den Hauptrollen sticht Jonathan Groffs König George III. mit seinen witzigen Popsongs hervor. Brilliant! Auch die drei Schuyler Schwestern haben starke Gesangsnummern und brechen die sonst männerdominierte Welt auf.

    Die nun vorliegende Filmversion setzt sich aus drei Aufführungen vor Publikum im Richard Rodgers Theatre in Manhattan im Jahr 2016 zusammen. Einzelne Nahaufnahmen wurden zusätzlich aufgenommen. Theaterregisseur Thomas Kail gelingt es in dynamischen Bildern (Kamera: Declan Quinn!) die fehlende Liveatmosphäre wett zu machen. Und das funktioniert selbst zu Hause vor dem Fernsehschirm, egal ob in kleinen Momenten oder in klug umgesetzten Kriegsszenen. Ein Kinostart ist nach wie vor in Planung und sobald ein Termin steht, sollte man sich ihn im Kalender rot anstreichen.

    Nicht nur die Musik holt die Geschichte in die Gegenwart. Hamilton erzählt auch davon, wie Geschichte tradiert wird. Wer erzählt wie von der Vergangenheit? Was wird überliefert, was geht verloren? Wer hat die Deutungshoheit? Was ist aus den damaligen Visionen von Gleichheit geworden? Heute ziert Hamiltons Konterfei die 10 Dollar Note und die Rechte von Schwarzen und Migranten müssen immer noch Tag für Tag erkämpft werden. „Immigrants, we get the job done“ heisst es einmal. Hamilton erinnert auch daran, welchen Anteil Immigranten am Aufbau der USA hatten und haben.

    Hamilton ist in der englischen Originalsprache mit Untertiteln verfügbar.

    HAMILTON | THOMAS KAIL | USA 2020 | 160 MIN | [usr 5]



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  • SOUL ★★★★½

    SOUL ★★★★½

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    Mit ihrem 23. abendfüllenden Spielfilm beschreiten die Pixar Animation Studios in mehrerlei Hinsicht neue Wege. Soul startet bereits wenige Wochen nach Onward: Keine halben Sachen nun direkt auf der hauseigenen Streamingplattform Disney+ (ohne Zusatzkosten zum Abo von aktuell 6,99€ monatlich). Regisseur und Pixar Urgestein Pete Docter (Toy Story, Oben, Alles steht Kopf) verfasste ebenso das Drehbuch, gemeinsam mit Mike Jones und Kemp Powers, der nun auch als Co-Regisseur geführt wird. Sie schufen mit dem Lehrer und Jazzpianisten Joe Gardner die erste afroamerikanische Hauptrolle in der Firmengeschichte. Darüber hinaus haben wir es hier erstmals mit einem Animationsfilm zu tun, der sich mit einem grundlegenden philosophischen Anspruch in erster Linie an ein etwas älteres Publikum wendet.

    Darum geht es

    Joe Gardner (Jamie Foxx/dt:: Charles Rettinghaus) gelingt es als Musiklehrer nur bedingt seine große Leidenschaft zum Jazz auf die Kinder zu übertragen. Während dem Unterricht träumt er von einer Karriere als Jazzpianist. Eines Tages wird zumindest der Wunsch seiner Mutter (Phylicia Rashad/Marianne Groß) nach einer Vollzeitanstellung in der Schule Realität. Doch das soll nicht alles sein: Noch am gleichen Abend bekommt er das Angebot in einem Jazzclub als Pianist einzuspringen und das ausgerechnet bei der berühmten Dorothea Williams (Angela Bassett/Arianne Borbach). Nach einem nachmittäglichen Vorspiel bekommt er den Job. Voll Freude und Euphorie tänzelt er durch die Straßen von New York nach Hause und fällt dabei in einen offenen Schacht. Im nächsten Moment sieht er sich, losgelöst von seinem Körper, auf einem Förderband Richtung Jenseits auf ein gleissend weißes Licht zufahren, in dem andere vor ihm wie Insekten verpuffen.

    Panik macht sich breit. Nein, bereit zum Sterben ist Joe nicht. Er macht kehrt und als er versucht seinem Schicksal zu entkommen, landet er kurzerhand in einer Welt, in der Seelen auf ihren Einsatz auf Erden vorbereitet werden. Da wittert Joe seine Chance. Mithilfe von 22 (Tina Fey/Anna Carlsson), einer Seele, die sich bisher weigerte einen Körper zu bewohnen, möchte er doch noch seinen Traum verwirklichen.

    Joe im Davorseits

    Kommentar

    Bereits während des berühmten Intros mit dem Disney Schloss ist es nicht zu überhören. Hier geht es um Jazzmusik. Diese ist für Improvisationen bekannt und es sitzt hier vorerst kein Ton. Es ist Joes Klasse, die sich gerade an der Fanfare abarbeitet. Eine Klasse, die er nicht so recht überzeugen vermag, Zeitungsausschnitte und Fotos an der Wand, die von seinen Sehnsüchten erzählen und dann die Nachricht eine fixe Anstellung an der Schule zu erhalten. Im diesem Moment wird der Zwiespalt in Joe sichtbar. War es das nun mit der Karriere als Jazzpianist? Nach wenigen Minuten sind wir Teil der Gefühlswelt des Hauptdarstellers. Eine große Kunst, die gerade dem Animationsfilm eigen ist.

    Und wieder glaubt man einen Fortschritt in der Animationstechnik erkennen zu können. Der Detailreichtum und die Plastizität durch Licht und Schatten suchen ihresgleichen. Selbst bei einem Stil, der keinen Realismus vortäuschen will, erlangt man größtmöglichen Realismus in den Bewegungsabläufen, Oberflächen, einzelnen Gegenständen und in der räumlichen Wahrnehmung. Im sogenannten Davorseits entfernen wir uns von einer realen Welt. Die dortigen Seelenberater, sie heißen alle Jerry (weil mehr könnten unsere Hirne sowieso nicht begreifen), bestehen nur aus Linien, die an Zeichnungen von Pablo Picasso erinnern. Soul strotzt vor kreativer Originalität, deren Details auf den Fernsehbildschirmen leider mitunter verloren gehen.

    Nachdem Joe bereit im Vorspann ins Jenseits befördert wird, konzentriert sich Soul auf die Rückeroberung seiner Körpers. Ein paar Mystiker helfen ihm dabei. Der Twist am Ende des ersten Drittels soll hier nicht vorweg genommen werden, nur neu ist er leider nicht. Dem Spaß tut das aber keinen Abbruch. Die daraus resultierenden Slapstickeinlagen sind großartig. Die Botschaft des Films ist dann aber tiefgründiger und beschäftigst sich mit nicht weniger als mit dem Sinn des Lebens. Gibt es sowas wie ein Ziel oder eine Berufung? Soul hat sogar eine Antwort parat. Ein Ahornsamen wird dabei eine Rolle spielen.

    Auf der Erde gibt die Jazzmusik von Jon Batiste den Ton an und im Davorseits sind es die sphärischen Klangwelten von Trent Reznor und Atticus Ross. Disney veröffentlichte gleich zwei Alben mit den Soundtracks und sie sind es Wert öfters gehört zu werden.

    Pete Docter wurde innerhalb der Produktionszeit zum Künstlerischen Leiter bei Pixar. Nach Alles steht Kopf hat er sich zum zweiten Mal zur Aufgabe gemacht, das Nichtdarstellbare zu visualisieren. Soul verlangt aber nach einem dunklen Saal mit geschlossenen Türen und einer großen Leinwand, auf der sich der Detailreichtum auch vollends entfalten kann. Unter den jetzigen Umständen müsste man einen Animationsfilm, dem ein Produktionszyklus von gut fünf Jahren vorangeht, vermutlich neu denken. Soul ist ein gute Laune verbreitender Film, den wir gerade jetzt gut gebrauchen können.

    SOUL | PETE DOCTER/KEMP POWERS | USA 2020 | 100 MIN. | [usr 4,5]


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  • WAS WIR WOLLTEN ★★★★

    WAS WIR WOLLTEN ★★★★

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    Es gibt Themen, über die geschwiegen wird obwohl sehr viele der Menschen davon betroffen sind. Das gilt auch für jenen Fall, sollte es bei der Erfüllung eines Kinderwunsches nicht auf Anhieb klappen. Diverse Komplikationen sind dabei eine ebenso große psychische Belastung, wie die Zuhilfenahme medizinischer Mittel oder wenn der Kinderwunsch am Ende einfach nicht in Erfüllung geht. Regisseurin Ulrike Kofler nimmt sich in ihrem neuen Film Was wir wollten mit Lavinia Wilson und Elyas M’Barak in den Hauptrollen genau diesem Thema an. Der Film ist Österreichs Kandidat für den Auslandsoscar 2021.

    Darum geht es

    Das kleine Herz schlägt nicht mehr. Alice (Lavinia Wilson) und Niklas (Elyas M’Barek) sind beim Frauenarzt. Soeben erfahren sie von der Frauenärztin (Maria Hoffstätter), dass ein weiterer Versuch ein Kind auf dem Invitro Weg zu bekommen schon in einem frühen Stadium gescheitert ist. Das Verständnis der Ärztin ist ein trockenes medizinisches. Für Alice bricht in diesem Moment jedoch neuerlich eine Welt zusammen. Sie steht kurz vor ihrem 40. Geburtstag.

    Kurz darauf überrascht Niklas Alice zu ihrem Geburtstag mit einem Luxusurlaub auf Sardinien. Er findet, das ist genau was sie jetzt brauchen. Dort angekommen, beziehen sie einen Bungalow in einem Resort. Als nebenan eine Tiroler Familie mit Kindern einzieht, werden die Beiden neuerlich mit ihrer Situation konfrontiert. Christl (Anna Unterberger) und Romed (Lukas Spisser) sind, genauso wie deren kleine Tochter, sehr kontaktfreudig. So kommen bei Niklas und Alice in den kommenden Tagen einige Emotionen hoch, bis ihnen ein tragischer Zwischenfall neue Perspektiven eröffnet.

    Elyas M’Barek und Lavinia Wilson

    Kommentar

    Noch vor kurzem war von Wie wir wollten ein exklusiver Kinostart in Österreich angekündigt. In Deutschland und im Rest der Welt ist der Film schon seit November bei Netflix zu sehen. Da ein Starttermin nun frühesten in einem Monat möglich gewesen wäre, wollte man den Film nicht länger zurückhalten. Eine Vertriebspolitik, die zur Zeit zu Recht mit Argusaugen beobachtet wird, wirft auch ein Schlaglicht auf einen Umstand, den man nicht unterschätzen darf: Was wir wollten ist in dutzenden Ländern von Brasilien bis Österreich unter den Top 10 der Netflix-Charts. Auch wenn man die Zählmethode kritisieren kann (es wird bereits ab Minute 2 gewertet), so kann man auf jeden Fall davon ausgehen, dass den Film weitaus mehr Menschen gesehen haben als bei einer alleinigen Kinoauswertung im deutschsprachigen Raum. Der Film überzeugt mit seiner psychologisch nuancierten Geschichte ebenso, wie mit einer Bildsprache, die die große Leinwand sucht.

    Ulrike Köhlers erstem Langfilm Was wir wollten liegt eine Kurzgeschichte („Der Lauf der Dinge“) von Peter Stamm zu Grunde. Der Film spielt fasst ausschliesslich in einem Luxusresort auf Sardinien. Es ist eine Schrebergartensiedlung mit Meerblick. Die Nachbarn schauen bis ins Schlafzimmer. Es ist gerade diese räumliche Reduktion, die den Figuren größtmöglichen Raum lässt, um sich zu entfalten. Die Situation, in der sich das Paar dort wiederfindet, schwemmt schlummernde Konflikte an die Oberfläche.

    Es sind kleine Gesten, die auf das Verlangen nach körperliche Leidenschaft hindeuten oder beiläufige Bemerkungen, die die Anspannung und letzten Endes die Verdrängung gemeinsamer Probleme verdeutlichen und humoristische Elemente, die die Tonart des Filmes vorgeben. Was wir wollten ist ein feingliedriges Psychogramm, das trotz der ernsten Thematik nicht all zu schwerfällig ist. Dafür sorgt in erster Linie die Nachbarsfamilie. Sie übernimmt für die Protagonisten eine therapeutische Funktion, während sie für das Publikum durch die unmittelbare Nähe und ihr extrovertiertes Auftreten eine gewisse Leichtigkeit in die Geschichte mitbringt.

    Lavinia Wilsons Charakter ist die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. In sich gekehrt und letzten Endes mit ihrem Problem alleine. Denn ihr Partner verschließt sich vor ihr. Ohne große emotionale Ausbrüche gibt Wilson einen Einblick in die Gefühlswelt von Alice. Elyas M’Bareks neuerlicher Ausflug ins ernste Fach ist diesmal mehr als geglückt. Die Langsamkeit und zurückhaltende Inszenierung kommt ihm zu Gute.

    Ein großes Thema reißt Was wir wollten fast beiläufig an. Es zieht sich jedoch von der ersten Szene an durch den gesamten Film. Es ist die Fremdbestimmung von Frauen gerade auch in frauenspezifischen Angelegenheiten wie der Schwangerschaft. Aber nicht nur: die Männer hier glauben auch im Alltag besser zu wissen, was für ihre Frauen gut ist oder wie sie sie sich zu verhalten haben. Wobei den Männern selbst, gerade in der Öffentlichkeit, alles erlaubt ist.

    Lange passiert nichts oder viel mehr liegt es in der Luft, dass etwas passieren wird. Ulrike Kofler weiß aber um den Rhythmus eines Filmes und setzt das in Was wir wollten großartig um. Die Protagonisten bekommen die notwendige Zeit, um sich entfalten zu können. Am Ende sind es keine trostlosen eineinhalb Stunden, die man vor dem Bildschirm verbringt, weil Alice und Niklas mit ihrer Situation umzugehen lernen.

    Verleih

    Filmladen Filmverleih (ein Kinostart ist immer noch geplant)

    WAS WIR WOLLTEN | ULRIKE KOFLER | Ö 2020 | 100 MIN. | [usr 4 ]


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  • WOLFWALKERS ★★★★★

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    Beinahe könnte man dieses Filmjahr aus dem Kalender streichen. Noch wissen wir nicht, welche Perlen irgendwo auf Festplatten schlummern (nun ja, viel romantischer ist es leider nicht), die wir irgendwann in den nächsten Jahren zu sehen bekommen werden. Der ein oder andere Film wird davor wohl noch den Besitzer wechseln, zumindest was den Vertrieb betrifft. Welche davon letzten Endes direkt im Fernsehen und auf Laptops in aller Welt landen werden, ist schwer vorherzusehen. Es war kein schlechtes Filmjahr, die Auswahl war nur sehr rar. Großartige Produktionen wie Nomadland liefen fast ausschließlich auf Festivals. Das Publikum muss sich auch noch gedulden, um Blockbuster wie James Bond 007: Keine Zeit zu Sterben oder Top Gun 2 sehen zu können. Kurz vor Jahreswechsel erreicht uns nun aber doch noch ein Filmjuwel: Wolfwalkers von Tom Moore und Ross Stewart ist ein Animationsabenteuer dessen mystische Erzählung und grandioser Animationsstil gleichsam beeindruckend sind. Auf AppleTV+ kann man sich jetzt davon überzeugen.

    Darum geht es

    Die Geschichte ist im Irland des 17. Jahrhunderts angesiedelt. Bill Goodfellowe (Sean Bean) wird von Lord Protector Cromwell (Simon McBurney) beauftragt, in den Wäldern vor der Stadt Kilkenny Wölfe zu erlegen. Die Stadt hat Cromwell durch sein strenges Regime fest im Griff, nur die wilde Natur vor den Stadtmauern ist ihm ein Dorn im Auge. Durch Angriffe der Wölfe schreiten die Rodungen nur langsam voran.

    Bills Tochter Robyn (Stimme von Honor Kneafsey) sucht das große Abenteuer und weil ihr ein Schicksal in der Küche blüht und sie als Kind die Stadt eigentlich nicht verlassen darf, zieht es sie hinaus in die Wälder. Dort steht sie bald einem Wolf gegenüber. Im Wald trifft sie auch auf Mebh (Eva Whittaker). Das Mädchen mit den feuerroten Haaren und den großen Augen ist eine der letzten Wolfwalker. Sie können mit Wölfen sprechen, leben mit ihnen gemeinsam Wald und können auch ihre Gestalt annehmen. Zwischen den beiden Mädchen entwickelt sich eine Freundschaft. In der Stadt sind ihr Vater uns sie Außenseiter.

    In der Zwischenzeit ist Robyns Vater weiter auf der Jagd. Der große Fang mag ihm jedoch nicht gelingen, was den Zorn des Lord Protectors auf sich zieht, der schließlich zu einer großen Schlacht gegen die Wölfe aufruft.

    Kommentar

    Schon die ersten Bilder sind von einer gewaltigen Schönheit. Es ist, als hätte sich ein Bilderbuch vor uns geöffnet, in das wir für die folgenden (ein klein bisschen zu langen) hundert Minuten eintauchen. Wolfwalkers ist im 2D Stil gehalten und wirkt wie von Hand mit Wasserfarben gemalt. Der Reiz liegt hier nicht in der realen und plastischen Perfektion der Animation, sondern im Charakter einer Handarbeit. Der urbanen Tristesse steht eine bunte, opulente und dynamische Wildnis gegenüber. Man spürt das Organische. Alles scheint zu fließen. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

    Mit der Geschichte nimmt Drehbuchautor Will Collins Anleihen an der keltischen Mythologie. Dies schlägt sich auch im visuellen Stil nieder. Die mittelalterliche Stadt Kilkenny in Irland, in der auch Wolfwalkers spielt, ist Firmensitz des Animationsstudios Cartoon Saloon von Regisseur Moore. Das Regieduo Moore/Stewart thematisiert den imperialen Einfluss Englands auf Irland. Lord Protector Cromwell wurde aus England entsandt, um die irische Bevölkerung zu zähmen. Es ist der Abschluss einer irischen Trilogie von Cartoon Saloon, der Brendan und das Geheimnis von Kells (2009) und die Melodie des Meeres (2014) vorangingen.

    Im Spannungsverhältnis Mensch-Natur-Mythologie entfaltet sich ein Abenteuer, das durch die emotionale Komplexität der Figuren eine Tiefe gewinnt, wie sie so manchen Animationsfilmen eigen ist. Auch das Studio Ghibli und seine Filme von Hayao Miyazaki schlagen diese Richtung ein.

    Wolfwalkers bietet Spannung für die ganze Familie. Eine Seltenheit. Neben den Schauwerten sind die zahlreichen angesprochenen Themen wie Freundschaft, Mut, Umweltschutz und Fanatismus Andockpunkte für Groß und Klein. Am Ende möchte man den Film am liebsten gleich wieder von vorne starten. Jedenfalls gut vorstellbar, dass sich unsere Wege im Laufe der Jahre immer wieder kreuzen werden. Eine große Freude zum Jahresausklang.

    Wolfwalkers

    Animationsfilm, IRL/LUX/USA/FR 2020
    Regie
    Tomm Moore, Ross Stewart
    Drehbuch Will Collins
    Schnitt Richie Cody, Darren Holmes, Darragh Byrne
    Musik Bruno Coulais
    Länge 103 Min.
    Streamingplattform AppleTV+


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  • JINGLE JANGLE JOURNEY: ABENTEUERLICHE WEIHNACHTEN ★★★

    JINGLE JANGLE JOURNEY: ABENTEUERLICHE WEIHNACHTEN ★★★

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    Verlässlich wie ein warmes Hochdruckgebiet werden wir um diese Jahreszeit mit unzähligen Weihnachtsfilmen regelrecht bombardiert. Gerade Netflix versucht sich hier jedes Jahr zu überbieten. Die Auswahl ist unüberschaubar. Das Niveau im Gegensatz zum Wetter überwiegend tief. Vor einem Jahr konnte die Streamingplattform mit dem für einen Oscar nominierten Animationsfilm Klaus überzeugen. In diesem Jahr geht man einen anderen Weg: Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten ist ein Musical, das Weihnachtsstimmung verbreiten möchte und dabei das Thema selbst bestenfalls streift. Regisseur David E. Talbert realisierte sein nostalgisches Weihnachtsmärchen mit einem vor und hinter der Kamera überwiegend schwarzen Team.

    Darum geht es

    Jeronicus Jangle (Forest Whitaker/Justin Cornwell) ist ein Erfinder und Spielzeugmacher, der mittels höherer Mathematik Spielsachen zum Leben erwecken kann. Als er kurz vor der Vollendung seiner größten Erfindung steht, dem Matador Don Juan Diego (Stimme: Ricky Martin, Motion Capture: Jonny Labey), kommt ihm seine Schöpfung abhanden: Sein Gehilfe Gustafson (Keegan-Michael Key/Miles Barrow) entwendet die Spielfigur und sämtliche Pläne und Skizzen. Für Jeronicus bricht eine Welt zusammen. Er verliert nicht nur den Glauben an die Magie, die in Dingen stecken kann, sondern kurz darauf auch seine Frau Joanne (Sharon Rose). Von seiner Tochter Jessica (Anika Noni Rose) entfernt er sich immer mehr, bis sie von ihm wegzieht.

    30 Jahre später ist Gustafson ein erfolgreicher Spielzeughersteller. Don Juan hat ihn reich gemacht. Jeronicus fürchtet um seine finanzielle Existenz und arbeitet in der Zwischenzeit an seiner neuesten Erfindung, dem Buddy 3000. Doch ohne die Gabe der grenzenlosen Fantasie und der Freude am Leben bleibt der Roboter nur ein Haufen Metall. Bis eines Tages seine Enkeltochter Journey (Madlen Mills/Phylicia Rashad) vor der Türe steht und sein Leben auf den Kopf stellt. Sie ist ein regelrechter Wirbelwind und scheint ähnliche Begabungen wie ihr Großvater zu haben.

    Journey (Madalen Mills) weckt in ihrem Großvater (Forest Whitaker) schlummernde Begabungen.

    Kommentar

    Mit viel Liebe zum Detail, einer prachtvollen Ausstattung und opulenten Kostümen sticht Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten aus der Masse an saisonalen Unterhaltungsfilmen hervor. Die Vorgeschichte ist flott erzählt und vielversprechend. Allerdings ziemlich lange. Es dauert eine ganze Weile, bis die Hauptdarstellerin ihren ersten Auftritt hat. Leider kann der Film die Spannung nicht über die volle Länge halten. Dafür ist er mit über zwei Stunden Laufzeit genreuntypisch lange geraten. Das wäre nicht notwenig gewesen, zumal die Geschichte zusätzlich zum Prolog in eine unnötige Rahmenhandlung eingebettet ist.

    Der gesamte Film ist im Studio gedreht. Zum Teil atmet Jingle Jangle Journey den Geist alter Disneyfilme. Die künstlichen Sets erinnern an so manchen Klassiker. Tanzszenen durch verschneite Studiokulissen tun ihr übriges. Nur das dies heute eben bedeutet, große Teile im Computer zu generieren und dem Digitalen fehlt es an Charme. Alles ist hell, bunt und sauber. Die Darsteller wirken in dieser Welt allesamt etwas verloren. Einzig Hauptdarstellerin Madalen Mills ist ein Lichtblick in dieser viktorianischen Welt mit Hightech Elementen.

    Wir haben es hier mit einen fröhlichen und aufbauenden Musical mit einer schönen Botschaft zu tun. Es wird nicht groß auf die Tränendrüse gedrückt. Einzig der Tod der Mutter zu Beginn muss dafür herhalten. Bitterer Weise hat dies auf die weitere Handlung kaum Einfluss. Ihre Funktion war einzig die der Mutter und das ist doppelt tragisch.

    Ganz klar: Jingle Jangle Journey wagt weitaus mehr, als die Überzahl an Weihnachtsfilmen. Mit einer strafferen Story und Musiknummern, die etwas mehr ins Ohr gehen (Produzent: John Legend) hätte man aber noch mehr überzeugen können. Ob dies ein neuer Weihnachtsklassiker wird, wird die Zeit weisen.


    OT: JINGLE JANGLE: A CHRISTMAS JOURNEY | DAVID E. TALBERT | USA 2020 | 122 MIN. | [usr 3]


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