Schlagwort: 2020

  • WOLFWALKERS ★★★★★

    WOLFWALKERS ★★★★★

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    Beinahe könnte man dieses Filmjahr aus dem Kalender streichen. Noch wissen wir nicht, welche Perlen irgendwo auf Festplatten schlummern (nun ja, viel romantischer ist es leider nicht), die wir irgendwann in den nächsten Jahren zu sehen bekommen werden. Der ein oder andere Film wird davor wohl noch den Besitzer wechseln, zumindest was den Vertrieb betrifft. Welche davon letzten Endes direkt im Fernsehen und auf Laptops in aller Welt landen werden, ist schwer vorherzusehen. Es war kein schlechtes Filmjahr, die Auswahl war nur sehr rar. Großartige Produktionen wie Nomadland liefen fast ausschließlich auf Festivals. Das Publikum muss sich auch noch gedulden, um Blockbuster wie James Bond 007: Keine Zeit zu Sterben oder Top Gun 2 sehen zu können. Kurz vor Jahreswechsel erreicht uns nun aber doch noch ein Filmjuwel: Wolfwalkers von Tom Moore und Ross Stewart ist ein Animationsabenteuer dessen mystische Erzählung und grandioser Animationsstil gleichsam beeindruckend sind. Auf AppleTV+ kann man sich jetzt davon überzeugen.

    Darum geht es

    Die Geschichte ist im Irland des 17. Jahrhunderts angesiedelt. Bill Goodfellowe (Sean Bean) wird von Lord Protector Cromwell (Simon McBurney) beauftragt, in den Wäldern vor der Stadt Kilkenny Wölfe zu erlegen. Die Stadt hat Cromwell durch sein strenges Regime fest im Griff, nur die wilde Natur vor den Stadtmauern ist ihm ein Dorn im Auge. Durch Angriffe der Wölfe schreiten die Rodungen nur langsam voran.

    Bills Tochter Robyn (Stimme von Honor Kneafsey) sucht das große Abenteuer und weil ihr ein Schicksal in der Küche blüht und sie als Kind die Stadt eigentlich nicht verlassen darf, zieht es sie hinaus in die Wälder. Dort steht sie bald einem Wolf gegenüber. Im Wald trifft sie auch auf Mebh (Eva Whittaker). Das Mädchen mit den feuerroten Haaren und den großen Augen ist eine der letzten Wolfwalker. Sie können mit Wölfen sprechen, leben mit ihnen gemeinsam Wald und können auch ihre Gestalt annehmen. Zwischen den beiden Mädchen entwickelt sich eine Freundschaft. In der Stadt sind ihr Vater uns sie Außenseiter.

    In der Zwischenzeit ist Robyns Vater weiter auf der Jagd. Der große Fang mag ihm jedoch nicht gelingen, was den Zorn des Lord Protectors auf sich zieht, der schließlich zu einer großen Schlacht gegen die Wölfe aufruft.

    Kommentar

    Schon die ersten Bilder sind von einer gewaltigen Schönheit. Es ist, als hätte sich ein Bilderbuch vor uns geöffnet, in das wir für die folgenden (ein klein bisschen zu langen) hundert Minuten eintauchen. Wolfwalkers ist im 2D Stil gehalten und wirkt wie von Hand mit Wasserfarben gemalt. Der Reiz liegt hier nicht in der realen und plastischen Perfektion der Animation, sondern im Charakter einer Handarbeit. Der urbanen Tristesse steht eine bunte, opulente und dynamische Wildnis gegenüber. Man spürt das Organische. Alles scheint zu fließen. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

    Mit der Geschichte nimmt Drehbuchautor Will Collins Anleihen an der keltischen Mythologie. Dies schlägt sich auch im visuellen Stil nieder. Die mittelalterliche Stadt Kilkenny in Irland, in der auch Wolfwalkers spielt, ist Firmensitz des Animationsstudios Cartoon Saloon von Regisseur Moore. Das Regieduo Moore/Stewart thematisiert den imperialen Einfluss Englands auf Irland. Lord Protector Cromwell wurde aus England entsandt, um die irische Bevölkerung zu zähmen. Es ist der Abschluss einer irischen Trilogie von Cartoon Saloon, der Brendan und das Geheimnis von Kells (2009) und die Melodie des Meeres (2014) vorangingen.

    Im Spannungsverhältnis Mensch-Natur-Mythologie entfaltet sich ein Abenteuer, das durch die emotionale Komplexität der Figuren eine Tiefe gewinnt, wie sie so manchen Animationsfilmen eigen ist. Auch das Studio Ghibli und seine Filme von Hayao Miyazaki schlagen diese Richtung ein.

    Wolfwalkers bietet Spannung für die ganze Familie. Eine Seltenheit. Neben den Schauwerten sind die zahlreichen angesprochenen Themen wie Freundschaft, Mut, Umweltschutz und Fanatismus Andockpunkte für Groß und Klein. Am Ende möchte man den Film am liebsten gleich wieder von vorne starten. Jedenfalls gut vorstellbar, dass sich unsere Wege im Laufe der Jahre immer wieder kreuzen werden. Eine große Freude zum Jahresausklang.

    Wolfwalkers

    Animationsfilm, IRL/LUX/USA/FR 2020
    Regie
    Tomm Moore, Ross Stewart
    Drehbuch Will Collins
    Schnitt Richie Cody, Darren Holmes, Darragh Byrne
    Musik Bruno Coulais
    Länge 103 Min.
    Streamingplattform AppleTV+


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  • JINGLE JANGLE JOURNEY: ABENTEUERLICHE WEIHNACHTEN ★★★

    JINGLE JANGLE JOURNEY: ABENTEUERLICHE WEIHNACHTEN ★★★

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    Verlässlich wie ein warmes Hochdruckgebiet werden wir um diese Jahreszeit mit unzähligen Weihnachtsfilmen regelrecht bombardiert. Gerade Netflix versucht sich hier jedes Jahr zu überbieten. Die Auswahl ist unüberschaubar. Das Niveau im Gegensatz zum Wetter überwiegend tief. Vor einem Jahr konnte die Streamingplattform mit dem für einen Oscar nominierten Animationsfilm Klaus überzeugen. In diesem Jahr geht man einen anderen Weg: Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten ist ein Musical, das Weihnachtsstimmung verbreiten möchte und dabei das Thema selbst bestenfalls streift. Regisseur David E. Talbert realisierte sein nostalgisches Weihnachtsmärchen mit einem vor und hinter der Kamera überwiegend schwarzen Team.

    Darum geht es

    Jeronicus Jangle (Forest Whitaker/Justin Cornwell) ist ein Erfinder und Spielzeugmacher, der mittels höherer Mathematik Spielsachen zum Leben erwecken kann. Als er kurz vor der Vollendung seiner größten Erfindung steht, dem Matador Don Juan Diego (Stimme: Ricky Martin, Motion Capture: Jonny Labey), kommt ihm seine Schöpfung abhanden: Sein Gehilfe Gustafson (Keegan-Michael Key/Miles Barrow) entwendet die Spielfigur und sämtliche Pläne und Skizzen. Für Jeronicus bricht eine Welt zusammen. Er verliert nicht nur den Glauben an die Magie, die in Dingen stecken kann, sondern kurz darauf auch seine Frau Joanne (Sharon Rose). Von seiner Tochter Jessica (Anika Noni Rose) entfernt er sich immer mehr, bis sie von ihm wegzieht.

    30 Jahre später ist Gustafson ein erfolgreicher Spielzeughersteller. Don Juan hat ihn reich gemacht. Jeronicus fürchtet um seine finanzielle Existenz und arbeitet in der Zwischenzeit an seiner neuesten Erfindung, dem Buddy 3000. Doch ohne die Gabe der grenzenlosen Fantasie und der Freude am Leben bleibt der Roboter nur ein Haufen Metall. Bis eines Tages seine Enkeltochter Journey (Madlen Mills/Phylicia Rashad) vor der Türe steht und sein Leben auf den Kopf stellt. Sie ist ein regelrechter Wirbelwind und scheint ähnliche Begabungen wie ihr Großvater zu haben.

    Journey (Madalen Mills) weckt in ihrem Großvater (Forest Whitaker) schlummernde Begabungen.

    Kommentar

    Mit viel Liebe zum Detail, einer prachtvollen Ausstattung und opulenten Kostümen sticht Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten aus der Masse an saisonalen Unterhaltungsfilmen hervor. Die Vorgeschichte ist flott erzählt und vielversprechend. Allerdings ziemlich lange. Es dauert eine ganze Weile, bis die Hauptdarstellerin ihren ersten Auftritt hat. Leider kann der Film die Spannung nicht über die volle Länge halten. Dafür ist er mit über zwei Stunden Laufzeit genreuntypisch lange geraten. Das wäre nicht notwenig gewesen, zumal die Geschichte zusätzlich zum Prolog in eine unnötige Rahmenhandlung eingebettet ist.

    Der gesamte Film ist im Studio gedreht. Zum Teil atmet Jingle Jangle Journey den Geist alter Disneyfilme. Die künstlichen Sets erinnern an so manchen Klassiker. Tanzszenen durch verschneite Studiokulissen tun ihr übriges. Nur das dies heute eben bedeutet, große Teile im Computer zu generieren und dem Digitalen fehlt es an Charme. Alles ist hell, bunt und sauber. Die Darsteller wirken in dieser Welt allesamt etwas verloren. Einzig Hauptdarstellerin Madalen Mills ist ein Lichtblick in dieser viktorianischen Welt mit Hightech Elementen.

    Wir haben es hier mit einen fröhlichen und aufbauenden Musical mit einer schönen Botschaft zu tun. Es wird nicht groß auf die Tränendrüse gedrückt. Einzig der Tod der Mutter zu Beginn muss dafür herhalten. Bitterer Weise hat dies auf die weitere Handlung kaum Einfluss. Ihre Funktion war einzig die der Mutter und das ist doppelt tragisch.

    Ganz klar: Jingle Jangle Journey wagt weitaus mehr, als die Überzahl an Weihnachtsfilmen. Mit einer strafferen Story und Musiknummern, die etwas mehr ins Ohr gehen (Produzent: John Legend) hätte man aber noch mehr überzeugen können. Ob dies ein neuer Weihnachtsklassiker wird, wird die Zeit weisen.


    OT: JINGLE JANGLE: A CHRISTMAS JOURNEY | DAVID E. TALBERT | USA 2020 | 122 MIN. | [usr 3]


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  • MANK ★★★½

    MANK ★★★½

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    Während sich Filme aus Hollywood seit über 100 Jahren in aller Welt großer Beliebtheit erfreuen, ist in Tinseltown unter der kalifornischen Sonne vor allem eines besonders gern gesehen: Filme über sich selbst. Glücklicherweise bot das Zentrum der US-Filmindustrie dafür abseits der Leinwand immer schon genügen Stoff. So war die Metropole jüngst in Once Upon A Time In Hollywood von Quentin Tarantino oder La La Land von Damien Chazelle die Hauptdarstellerin. Neben zahlreichen weiteren Filmen setzte sich auch Billy Wilders Boulevard der Dämmerung mit den Dynamiken der Traumfabrik auseinander. Nun verfilmte Regisseur David Fincher mit Mank ein Drehbuch seines Vaters Jack Fincher über den Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz (1897-1953). Er erlangte in den 1940er Jahren nicht zuletzt deshalb Bekanntheit, weil er das Drehbuch für Citizen Kane von Orson Welles verfasste. Dem Film liegt ein Drehbuchstreit zugrunde. Lange galt als ungeklärt, wie groß der jeweilige Anteil von Mankiewicz und Welles gewesen ist. Es war eine Zeit, in der Film nicht als Gemeinschaftsprojekt verstanden wurde, sondern der Regisseur als zentraler kreativer Urheber galt.

    Darum geht es

    Das junge aufstrebende Talent Orson Welles (Tom Burke) beauftragt Herman J. „Mank“ Mankiewicz (Gary Oldman) das Drehbuch für seinen nächsten Film zu schreiben. Dafür stellt er Mank, der durch einen Autounfall ans Bett gefesselt ist, ein Haus in der Mojave Wüste zur Verfügung. Dort soll er ungestört, weil dem Alkohol nicht abgeneigt, seiner Sekretärin Rita Alexander (Lily Collins) diktieren. Es ist das Jahr 1940 und die Handlung springt folglich immer wieder in die 1930 Jahre zurück.

    Dabei sehen wir vor allem Episoden, die Mank letzten Endes dazu gebracht haben, das Drehbuch zu Citizen Kane zu verfassen. Kanes reales Vorbild ist der Geschäftsmann und Herausgeber William Randolph Hearst (Charles Dance). Ihn lernt Mank über die Schauspielerin Marion Davies (Amanda Seyfried) kennen.

    In weiterer Folge kommt es zu mehrere Begegnungen zwischen Hearst und Mank. In Rückblenden wird die Studiolandschaft, vor allem mit MGM und Louis B. Mayer (Arliss Howard), genauso thematisiert, wie die Propaganda während des Wahlkampfs um den kalifornischen Gouverneur im Jahr 1934.

    Manks Alkoholsucht macht ihm immer mehr zu schaffen. Trotzdem vollendet er das Drehbuch binnen weniger Wochen. Obwohl es von Seiten des Produzenten bedenken gibt, da sowohl Hearst als auch Davies offensichtlich erkennbar sind, möchte Welles ihm sämtliche Rechte am Buch abkaufen. Mank verlangt jedoch, als Autor genannt zu werden. Es sollte die herausragendste Arbeit seiner Karriere sein.

    Mank und die folgenschwere Begegnung mit Marion Davies auf einem Filmset.

    Kommentar

    David Fincher gilt als Perfektionist, um nicht zu sagen als Pedant. Im Falle von Mank lässt es sich bereits im Trailer erahnen und schon beim Netflix Schriftzug zu Beginn ist es klar, er meint es ernst. In strahlendem, digital perfektem, Schwarzweiß präsentiert sich seine Hommage an das alte Hollywood. Der Ton ist leicht hallig, wie man es aus alten Filmen kennt. Bildfehler wurden nachträglich hinzugefügt. Genauso wie die Markierungen in der rechte oberen Ecke, die als Hinweis für Filmvorführer gedacht waren, damit sie wussten, wann sie während der Projektion die Filmrolle wechseln mussten. Vieles erinnert hier stilistisch an jene Zeit, in der die Handlung spielt. Einzige das Filmformat Cinemascope fällt buchstäblich aus dem Rahmen. Es wurde erst Anfang der 1950er Jahre eingeführt.

    Der Aufbau der Geschichte mit Rückblenden erinnert genauso an Citizen Kane, wie die Kamera von Erik Messerschmidt. Große Tiefenschärfe und extreme Blickwinkel von oben und unten erinnern stark an die Arbeit von Gregg Toland, dem damaligen Kameramann. Gedreht wurde Großteils im Studio. Dort sind auch die charakteristischen Autofahrten vor Leinwandprojektionen entstanden, wie man sie aus alten Filmen kennt.

    Auftritt Josef von Sternberg, David O. Selznick, Louis B. Mayer, Irving Thalberg, Charles Lederer und natürlich Orson Welles (wenn auch nur in kurzen Szenen). Es sind schon eine ganze Reihe an Hollywood-Legenden, die Manks Weg kreuzen. Die Geschichte funktioniert ohne großes Vorwissen. Freilich sind diese Namen einem breiteren Publikum heute nicht mehr bekannt. Ebensowenig die Studiolandschaft der damaligen Zeit von RKO bis MGM und die politischen Positionen. Wozu also der ganze Aufwand?

    Gary Oldman, nicht gerade bekannt für seine zurückhaltende Darstellungen, ist zurecht der Star des Films. Er hält alles zusammen. Sonst würde die Geschichte wegen der unzähligen oft nur kurzen Auftritte anderer Charaktere auseinanderfallen. Die gesamte DarstellerInnenrige ist durch die Bank gut besetzt. Seyfrieds Davies ist mehr als ein kleines Starlet. Die Dialoge sind eine regelrechte Freude. Freude, strahlen die Protagonisten jedoch nicht aus. Es sind keine glänzenden Hollywoodstars. Mank taugt daher auch nicht als Liebeserklärung an Hollywood.

    Die Passagen über den Wahlkampf um das Gouverneursamt sind unschwer als Verweis auf die Gegenwart zu verstehen, die Parallelen verblüffend. Die Manipulation gipfelt im Heraufbeschwören eines vermeintlich drohenden Kommunismus. Fincher gelingt es die Brücke zu schlagen und die Thematik mit der Haupthandlung zu verweben.

    Der Geschichte liegt ein Essay der Filmkritikerin Pauline Kael zugrunde. Sie hatte 1971 erstmals Welles‘ Anteil an der Urheberschaft am Drehbuch in Frage gestellt. Citizen Kane galt viele Jahrzehnte lang als bedeutendster Film aller Zeiten. Mank gelingt es das zu würdigen, obwohl bis zum Ende der Handlung noch keine Szene von Kane im Kasten sein wird. Ob die Geschichte auch nicht Filmfans fesseln kann, sei dahingestellt. Vermutlich wird es Mank selbst bei Cineasten schwer haben. Bei Netflix bleibt man jedenfalls der Linie treu, immer wieder Geschichten zu produzieren, die sonst wohl kaum mehr Chancen auf eine Umsetzung hätten. Gut möglich, dass damit neuerlich ein Prestigeprojekt geglückt ist. Das Publikum lässt man diesmal aber eher ratlos zurück.

    Die technische Perfektion und Detailverliebtheit ist jedenfalls beeindruckend. Wenn es Gründe braucht, die Kinos wieder aufzusperren: Mank ist einer davon.

    DAVID FINCHER | MANK | USA 2020 | 131 MIN. | [usr 3,5]

    Orson Welles bei Netflix

    Sie werden mich lieben, wenn ich tot bin (Dokumentation, 2018)


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  • HILLBILLY ELEGY ★★★

    HILLBILLY ELEGY ★★★

    Der neueste Film von Regisseur Ron Howard basiert auf dem autobiographischen Roman Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis von J. D. Vance aus dem Jahr 2016. Es war das Jahr, in dem Donald Trump überraschenderweise die Präsidentschaftswahl für sich entscheiden konnte. Der Roman wurde zum Beststeller und retrospektiv dazu herangezogen, besser verstehen zu können, was da genau passiert war. Hillbilly Elegy ist eine Familiengeschichte aus dem Rust Belt, der ehemals ältesten und größten Industrieregion der USA, die vom Strukturwandel der letzten Jahrzehnte besonders betroffen war und dem Lager der Trump Unterstützer zuzurechnen ist. Die abfällig auch Hilbillys genannten Bewohner der Apalachen, jenem Gebirgszug, der sich von Norden nach Süden durch den ganzen Osten der USA erstreckt, interessieren sich sich herzlich wenig für die Themen der Weltpolitik. Es geht vielmehr um das tägliche Überleben. Im Falle von J.D. Vance ist es geprägt von schwierigen familiären Verhältnissen und dem Wunsch, dem Teufelskreis immer wiederkehrender Gewaltausbrüchen zwischen den Generationen zu entkommen. Eine Filmkritik, keine Literaturkritik.

    Darum geht es

    Zu Beginn, es ist das Jahr 1997, ist J. D. Vance (gespielt von Owen Asztalos als Jugendlicher und 13 Jahre später von Gabriel Basso) mit seiner Familie im Sommer auf Verwandtschaftsbesuch in Kentucky. Schon vor vielen Jahren ist die Familie Richtung Norden nach Ohio gezogen. Der Arbeit wegen. Doch jetzt liegt alles danieder. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Geschlossene Läden prägen das Straßenbild und spiegeln die wirtschaftlich triste Lage wider. J. D.s Mutter Bev (Amy Adams) hat die Arbeit als Krankenschwester drogenkrank gemacht. Der Junge sucht Zuflucht bei der Oma Bonnie (Glenn Close), die ihrerseits Anteil daran hat, dass ihre Tochter mit dem Leben nicht fertig wird.

    Die Handlung springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her: 13 Jahre später studiert J. D. auf der Yale University. Als Kriegsveteran tat sich ihm diese Möglichkeit auf. Er führt mit seiner Freundin Usha (Frida Pinto) ein Leben fernab seiner Vergangenheit. Um sein Studium zu finanzieren, hat er gleich mehrere Jobs. Dann ereilt ihm just in der Woche wichtiger Vorstellungsgespräche ein Anruf seiner Schwester Lindsay (Haley Bennett). Die Mutter ist rückfällig geworden. Er begibt sich auf eine zehnstündige Autofahrt zurück in seine alte Heimat.

    J D. (Owen Asztalos) sucht Zuflucht bei der Oma (Glenn Close).

    Kommentar

    Man hatte hohe Erwartungen an die Verfilmung von Hillbilly Elegy. Während sie beim Publikum recht gut angekommen ist, wurde das Familiendrama von der Kritik regelrecht in der Luft zerrissen: Das Potential der Buchvorlage wurde nicht ausgenutzt und überhaupt hatte man das alles schon einmal woanders gesehen und würden nur Klischees bedient. Das mag stimmen. Die Perspektive ist aber neu. Nicht von außen, sondern von mitten drinnen stammt dieser Bericht über die Widrigkeiten der von Arbeitslosigkeit gebeutelten Menschen im Rust Belt. Armut macht krank. Arbeitslosigkeit macht krank. Niemand wird hier verurteilt und es ist auch kein Blick von oben herab. Hillbilly Elegy begegnet seinen Figuren auf Augenhöhe.

    Trotz der tragischen Geschichte ist Hillbilly Elegy keine schwere Kost, allerdings gleichzeitig ziemlich humorlos. Das Drehbuch stammt von Vanessa Taylor, die für The Shape of Water mit einem Oscar nominiert wurde. Der Film springt geschickt zwischen den zwei Zeitebenen hin und her. Man behält den Überblick.

    Ohne Zweifel sind Glenn Close und Amy Adams die Stars von Hillbilly Elegy. Dick aufgetragen ist an manchen Stellen aber nicht nur das Make-up. Jedoch zeigt der Nachspann, welch gute Arbeit beim Casting gemacht wurde. Sämtliche Darsteller sind den realen Vorbildern sehr ähnlich.

    Inszeniert ist das ganze recht konventionell. Eine eigene Handschrift von Ron Howard ist schwer auszumachen. Der Regisseur war in der Vergangenheit im Action Genre genauso erfolgreich wie im kleinen dramatischen, fast kammerspielartigen Fach. Das mag für manche zu beliebig sein. Ecken und Kanten sucht man hier vergebens. Politische Statements fehlen ebenso. Kurzweilig ist Hillbilly Elegy trotzdem und am Ende kann man zumindest erahnen, wie die Menschen in dieser Region ticken.

    Streamingplattform

    Netflix


    HILLBILLY ELEGY | RON HOWARD | USA 2020 | 116 MIN. | [usr 3]


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  • ONWARD: Keine halben Sachen ★★★★

    ONWARD: Keine halben Sachen ★★★★

    Wenige Tage nach dem Filmstart von Onward im März mussten die Kinos schließen. Die Filmplakate hingen noch für Monate in der Stadt. Das hatte einen gewissen apokalyptischen Touch. Als wäre damals die Welt still gestanden und irgendwie war das auch so. Seit kurzem ist die Pixar Produktion beim hauseigenen Streamingdienst Disney+ verfügbar. Eine gute Gelegenheit die Geschichte über zwei Elfenbrüder, die ihren verstorbenen Vater mit einem Zauber für einen Tag zurückholen möchten, nachzuholen.

    Darum geht es

    In der Fabelwelt der Elfenbrüder Ian und Barley Lightfoot geht mit der fortschreitenden Technisierung die Magie immer mehr verloren. Doch auf einmal steht Ian vor der Möglichkeit, ihren früh verstorbenen Vater mittels magischem Zauber für einen Tag zurück ins Leben zu holen. Bei dem Versuch geht aber etwas gehörig schief. Die Materialisierung gelingt nur von den Schuhen bis zum Hosenbund. Die beiden Brüder begeben sich mit dem halben Vater auf eine „Quest“, eine Reise, um ein magisches Artefakt zu finden. Damit soll es ihnen gelingen, den Zauber zu beenden. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn der Vater wird beim nächsten Sonnenuntergang wieder vollkommen verschwunden sein. Ihnen dicht auf den Fersen sind die besorgte Mutter und deren neuer Lebenspartner, ein Polizei-Zentaur.

    Ian hört auf Kassette die Stimme seines Vaters.

    Kommentar

    Es ist immer wieder erstaunlich, was man sich bei Pixar alles einfallen lässt. Die Grundthemen sind in den Filmen immer wieder zu finden: Familie, Freundschaft, Erwachsenwerden und große Abenteuer. Kombiniert mit einer State of the Art Animationstechnik, ist die Tochter Firma von Disney ganz klar Marktführer. So wie es Disney über Jahrzehnte selbst gewesen ist. Onward ist nur die logische Fortführung dieser sich nur marginal verändernden Konzepte. Dabei werden hier erkennbar animierte Elemente mit einer Teils hyperrealen Welt verschmolzen.

    Besonders erwähnenswert ist, wie die Geschichte am Ende aufgelöst wird. Man würde meinen, dass es Ian selbstverständlich gelingt, den Vater rechtzeitig zurückzuholen, um noch einmal Zeit mit ihm verbringen zu können. Ganz so einfach macht man es sich damit aber nicht. Der Fokus der Vater-Sohn-Geschichte verschiebt sich im Laufe der Handlung auf die Beziehung der zwei Brüder. Es ist ein herzzerreißendes Finale, soviel sei verraten.

    Für die älteren Zuseher ermöglicht Onward ein heiteres Zitateraten. Regisseur und Drehbuch Autor Dan Scanlon (Die Monster Uni) hat unzählige Verweise an die Filmgeschichte eingebaut. Der Ideenreichtum bei Pixar scheint grenzenlos zu sein. Obwohl der Film nicht in deren oberster Liga des Studios mitspielt, kann man mit ihm trotzdem eine gute Zeit verbringen. Da ist für jeden etwas dabei.

    Streamingdienst

    Disney+


    DAN SCANLON | OT: ONWARD | USA 2020 | 105 MIN. | [usr 4]


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  • DU HAST DAS LEBEN NOCH VOR DIR ★★★½

    DU HAST DAS LEBEN NOCH VOR DIR ★★★½

    Über ein Jahrzehnt nach ihrer letzten Filmrolle hat Sophia Loren in Du hast das Leben noch vor dir noch einmal einen großen Auftritt. Eine andere legendäre Schauspielerin der 20. Jahrhunderts zog sich bereits Ende der 1970er Jahre vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Marlene Dietrich wollte sich als glamouröser Filmstar im kollektiven Gedächtnis erhalten. Sie starb 1992 in völliger Einsamkeit. Loren hält es damit ganz anders. Mit 86 Jahren spielt sie nun unter der Regie ihres Sohnes Edordro Ponti eine fast 100-jährige Holocaust-Überlebende und darf sich, geht es nach KritikerInnen in den USA, Chancen auf einen dritten Oscar ausrechnen.

    Darum geht es

    Die ehemalige Prostituierte Madame Rosa (Sophia Loren) hat sich in ihrer kleinen Wohnung in Bari schon vieler kleiner Kinder ihrer Kolleginnen angenommen. Eines Tages nimmt sie etwas widerwillig Momò (in seiner ersten Rolle: Ibrahima Gueye) aus dem Senegal bei sich auf. Gerade noch hatte der Junge sie auf der Straße ausgeraubt. Während sie ein anderes Kind mit dem jüdischen Glauben vertraut macht, bringt sie den muslimischen Ladenbesitzer Hamil (gespielt von Regisseur Asghar Farhadi) dazu, Momò seine Kultur näher bringen kann. Doch der Junge verdingt sich weiterhin seinen Lebensunterhalt als Drogendealer und das äußerst erfolgreich.

    Das Verhältnis zwischen Momò und Rosa ist nicht das beste. Immer wieder zieht sich Rosa in ihren Keller zurück, den sie notdürftig eingerichtet hat. Das Verhalten und die Ängste, die sie plagen, sind für Momò unverständlich. Als sich Rosas Gesundheitszustand verschlechtert, kommen kommen sich die beiden doch näher.

    Ibrahima Gueye und Sophia Loren

    Kommentar

    Gedreht wurde diesen Sommer, also mitten in der Pandemie. Zumindest vor der Kamera ist davon nichts zu bemerken. Unter solch erschwerten Bedingungen eine Produktion auf die Beine zu stellen, ist schon alleine eine starke Leistung.

    Ein Flüchtlingskind im Süden Italiens und eine Holocaust-Überlebende: diese Konstellation hat das Potential zum großen Drama. Romain Gary, dem Autor des dem Film zugrundeliegenden gleichnamigen Romans aus dem Jahr 1975, interessierte aber viel mehr die Beziehung seiner zwei Protagonisten und weniger die Details ihrer Biografien. Der junge Gueye meistert sein Debüt bravourös aber wir sind nur wegen einer hier: der Loren. Trotz jahrelanger Leinwandabstinenz füllt die italienische Schauspiellegende mit ihrer Aura immer noch jede Szene aus. Jeder Auftritt von ihr, auch jenseits der Kamera, ist eine große Inszenierung. In Du hast das Leben noch vor dir übt sie sich allerdings in Zurückhaltung und zeigt ihrem Publikum eine alte Frau in all ihrem Leid und ihrem Glanz und resolut wie man sie aus ihren Filmen kennt.

    Du hast das Leben noch vor dir ist ein kein Film, der sich lange mit den Themen Migration und Vergangenheitsbewältigung aufhält. Der Film plätschert so dahin und gegen Ende wird dann doch noch auf die Tränendrüse gedrückt. Es ist ein kleiner aber feiner Film, der ganz auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten ist und sie alleine ist es Wert, sich ihn anzusehen.

    Streamingdienst

    Netflix


    EDOARDO PONTI | OT: LA VITA DAVANTI A SÉ | IT 2020 | 94 MIN. | [usr 3.5]


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  • REBECCA ★★★

    REBECCA ★★★

    Den titelgebenden Klassiker hat die britische Schriftstellerin Daphne du Maurier im Jahr 1938 mit nur 21 Jahren verfasst. Bereits zwei Jahre später gelang Alfred Hitchcock eine sehr erfolgreiche Verfilmung des Romans. Es folgte eine Opernfassung in den 1980er Jahren und ein Musical von Silvester Levay und Michael Kunze in Wien im Jahr 2006. Spät aber doch gibt es nun eine Neuverfilmung von Rebecca. Regisseur Ben Wheatley hat den romantischen Thriller für die Generation Netflix auf Hochglanz poliert und für die Streamingplattform inszeniert.

    Darum geht es

    Monte Carlo in den 1930er Jahren. Eine namentlich nicht genannte junge Frau (Lily James) reist als Begleiterin einer schrulligen alten Dame durch Europa. Im gleichen Hotel abstiegen ist Maxim de Winter (Armee Hammer), ein in der besseren Gesellschaft bekannter wohlhabender junger Mann aus England. Maxim leidet offenbar unter dem Tod seiner jüngst verstorbenen Frau Rebecca. Trotzdem kommen sich die Beiden unter den neugierigen Blicken der anderen Gäste näher. Einladungen zu Ausflügen, auf kleine Zettelchen geschrieben, verkünden das Interesse des Witwers. Ein Heiratsantrag folgt prompt und das Paar reist auf das feudale Anwesen Manderlay in England. Dort erwartet sie die Haushälterin Mrs. Danvers (großartig finster: Kirstin Scott Thomas). Bald stellt sich heraus, dass der Tod Rebeccas wie ein dunkler Schatten über dem Anwesen liegt. Die neue Mrs. de Winter ist mit Wutausbrüchen ihres Mannes konfrontiert, immer dann wenn er sich an seine verstorbene Frau erinnert fühlt. Mrs. Danvers‘ Verehrung für Rebecca zeigt manische Züge. Rebeccas Zimmer scheinen einem Museum gleich unberührt geblieben zu sein. Die junge Frau gerät immer mehr in Bedrängnis. Die Verzweiflung wächst und eines Nachts steht Mrs. de Winter am offenen Fenster, Mrs. Danvers im Rücken, ihr ins Gewissen redend, dass sie keine Chance gegen die immer noch bestehende Liebe zwischen Maxim und Rebecca haben kann. Doch der Landsitz Manderlay verbirgt ein düsteres Geheimnis.

    Lily James als Mrs. de Winter und Armie Hammer als Maxim de Winter. (C) KERRY BROWN/NETFLIX

    Kommentar

    Der Stoff ist großartig, dass muss man sagen und die Verfilmung glamourös. Sie vereint den klassischen Roman mit zeitgemäßem Chic à la Der große Gatsby (2013) von Buz Luhrmann. Die aktuelle Version hält sich näher an der Vorlage als Hitchcock das konnte, was auch den damaligen gesellschaftlichen Konventionen geschuldet ist. Nach 80 Jahren muss man einen Film aber nicht zwangsläufig mit seinem Vorgänger vergleichen. Die Wenigsten, die die neue Verfilmung erreichen wird, würden sich wohl an den Oscar prämierten Klassiker in schwarzweiss mit Joan Fontaine und Laurence Olivier in den Hauptrollen heranwagen.

    Hier haben wir es mit einer Interpretation zu tun, die für das Zielpublikum geradezu maßgeschneidert ist. Opulente Sets und Garderoben und zwei junge Leinwandstars, die es verstehen, mit der Kamera zu flirten. Dass die Geschichte dabei kaum Identifikationsmöglichkeiten bietet, liegt am Ausgangsmaterial. Regisseur Wheatley (High Rise) gelingt es in diesem Mystery-Thriller mittels Traumsequenzen nur zeitweise eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen (hervorzuheben ist eine schöne Ballsequenz). Dafür sind die Farben von Rebecca dann doch zu kräftig und die Darsteller abseits von Kirstin Scott Thomas doch zu leichtgewichtig. Spätestens, wenn die Geschichte von Manderlay in einen dörflichen Gerichtssaal wechselt, kann die Grundstimmung nicht gehalten werden. Rebecca wird seinen Zweck erfüllen und ein junges Publikum ansprechen. Ein großer Wurf ist aber nicht gelungen.

    Streamingplattform

    Netflix


    REBECCA | BEN WHEATLEY | GB 2020 | 122 MIN. | [usr 3]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • VERGIFTETE WAHRHEIT ★★★★ ½

    VERGIFTETE WAHRHEIT ★★★★ ½

    Perfluoroctansäure ist eine Industriechemikalie, die zur Herstellung von Polytetrafluorethylen (PTFE) benötigt wird. Noch nie gehört? Diese Chemikalien sind aber aus unserem Leben kaum wegzudenken. PTFE ist besser unter dem Namen Teflon bekannt. Diese künstlich hergestellten und so gut wie nicht abbaubaren Stoffe können heute in nahezu jedem Lebewesen auf der Welt nachgewiesen werden. Auch bei Eisbären in der Antarktis. Der US-Chemiekonzern DuPont hat mit dieser Chemikalie jahrelang Parkersburg in West Virginia verseucht und die Gesundheit von tausenden Menschen aufs Spiel gesetzt. DuPont gilt als führender Verschmutzer von Trinkwasser in den USA. Regisseur Todd Haynes erzählt in Vergiftete Wahrheit von der Aufdeckung dieses Umweltskandals.

    Darum geht es

    Der Farmer Wilbur Tennant (Bill Camp) ist wütend. Er hat fast alle seiner Kühe verloren. 160 hat er bereits begraben. Eines Tages knallt er Robert Bilott (Mark Ruffalo), Verteidiger von Chemiekonzernen in einer Anwaltskanzlei, Kisten mit Videokassetten auf den Tisch. Aufnahmen, die für Tennant beweisen sollen, dass mit seinem Land irgendetwas nicht stimmt. Bilott steht normalerweise auf der anderen Seite und vertritt Chemiekonzerne. Die Vorfälle in Parkersburg beschäftigen ihn aber und er beginnt nachzuforschen. Bald stapeln sich Kisten mit Dokumenten der Firma DuPont in seinem Büro.

    Der Chemiekonzern ist Hauptarbeitgeber in der kleinen Stadt und offenbar nicht nur unternehmerisch äußert erfolgreich, sondern auch wenn es um Vertuschung und das Verbreiten von Falschinformation geht. Die Spur führt zu einer Deponie von DuPont flussaufwärts. Für Bilott beginnt ein Kampf, der mehrere Jahrzehnte andauern sollte. Sein Boss Tom Terp (Tim Robbins) hält ihm jahrelang den Rücken frei, obwohl der Fall so gar nicht in das Profil der Kanzlei passt. Seine Frau Sarah (Anne Hathaway) merkt, dass sich die Arbeit und die damit einhergehende psychische Belastung, nicht zuletzt in der Angst um Leib und Leben begründet, immer mehr auf die Gesundheit ihres Mannes schlägt. 1999 erhebt Bilott zum ersten Mal Anklage gegen DuPont. Folgeprozesse dauern bis heute an.

    Wilbur Tennant (Bill Kamp) kämpft ums Überleben.

    Kommentar

    Vorweg: Vergiftete Wahrheit hatte im Dezember 2019 Premiere, am Höhepunkt der vergangenen Award Season und wurde sträflich übergangen. Die umweltpolitische Brisanz dieses Ökodramas zieht sich über mehrere Jahrzehnte bis zum heutigen Tag, bis in jeden Haushalt. Hinter einer großen Errungenschaft versteckt sich hier die Gier nach Profit, koste es was es wollte.

    Die Entstehung des Films ist zu einem großen Teil seinem Hauptdarsteller zu verdanken. Mark Ruffalo ist dem breiten Publikum durch seine Rolle als Hulk bekannt, spielte aber auch in zahlreichen kleineren Produktionen wie The Kids Are All Right (2011). Hier ist er in einer seiner seltenen Hauptrollen zu sehen. Was weniger bekannt ist: Ruffalo ist auch ein Umweltaktivist und die Verfilmung des Skandals rund um den Konzern DuPont war ihm schon lange ein Anliegen. Vergiftete Wahrheit ist eine seiner stärksten Arbeiten und deren Verwirklichung zum großen Teil im zu verdanken.

    Hier wird das Grundproblem klar: ein Schadstoff muss als solcher deklariert werden und die Konzentration, ab der dieser tatsächlich schädlich ist, festgelegt werden. Das passiert nicht nach objektiven Kriterien, sondern jeweils durch eine Kommission, auf die die Industrie großen Einfluss hat. Es ist haarsträubend, wenn man mitbekommt, was hinter den Kulissen zwischen Gesundheitsbehörden und den Stakeholdern abläuft. Das Verdienst von Vergiftete Wahrheit ist, die Missstände aufzuzeigen und einem Pragmatiker die Bühne zu bieten, der sein ganzes Leben in den Dienst dieser Sache stellt: Robert Bilott.

    Doch das hier ist kein Heldenepos. Bilott führt einen Kampf, bei dem es keine Gewinner geben kann. Über 600 Millionen Dollar musste DuPont an die Opfer auszahlen aber die Schäden sind nicht wieder gut zu machen. Krebserkrankungen und Kinder, die mit Behinderungen auf die Welt kommen: Vergiftete Wahrheit zeichnet eine düstere Welt. In den braun-grün-stichigen Bildern von Kameramann Ed Lachman gelingt es Todd Haynes eine fast schon dystopische Atmosphäre in mitten der Gesellschaft zu schaffen. Die Kleinstadt Parkersburg mag für uns weit weg sein, wasserabweisende Materialien wie Teflon oder das aus Delaware stammende Gore-tex sind aber Teil unseres Alltags und auf einmal ist die Welt wieder klein.


    VERGIFTETE WAHRHEIT (OT: DARK WATERS) | TODD HAYNES | USA 2019 | 216 MIN. | [usr 4,5]


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  • THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 ★★★★ ½

    THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 ★★★★ ½

    Das Jahr 1968 wurde in den USA von Gewalt und Unruhen überschattet. Laufende Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Ermordung von Robert F. Kennedy und Martin Luther King heizten die Stimmung an. Ende August fand in Chicago der Parteitag der Demokraten statt, bei dem ein Nachfolger von Präsident Lyndon B Johnson für die anstehenden Wahlen gefunden werden sollte. Proteste von Kriegsgegnern führten zu Zusammenstößen mit der Polizei und die Lage eskalierte. Die Suche nach Schuldigen mündete in einen der größten Justizskandale in der Geschichte der USA. Regisseur und Drehbuchauto Aaron Sorkin hat sich in The Trial of the Chicago 7 dem Prozess angenommen und ihn für Netflix mit einem All-Star Cast verfilmt.

    Darum geht es

    Die Protagonisten verschiedener linker pazifistischer Gruppierungen versuchten im Vorfeld des Parteitages Genehmigungen für Kundgebungen und ein Musikfestival zu erhalten: Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen) und Jerry Rubin (Jeremy Strong) von der Youth International Party (Yippies), Tom Hayden (Eddie Redmayne) vom National Mobilization Committee to End the War in Vietnam, Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II), Mitbegründer der Black Panther Party, Rennie Davis (Alex Sharp) von der American anti-Vietnam War Bewegung und die Aktivisten David Dellinger (John Carroll Lynch), Lee Weiner (Noah Robbins) und John Froines (Daniel Flaherty). Die Genehmigungen wurde ihnen verwehrt.

    Die Nixon Administration bezichtigte sie, geplanterweise Staatsgrenzen überschritten zu haben, um in Chicago Unruhen auszulösen. Die Angeklagten wurden von William Kunstler (Mark Rylance) vertreten und der Staat Illinois von Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt). Die Verhandlung unter dem Vorsitz von Richter Julius Hoffman (Frank Langella) wurde nicht zuletzt wegen seiner unqualifizierten Äußerungen und der skandalöser Führung zur Farce.

    Kommentar

    Die historischen, nun 50 Jahre zurückliegenden, Begebenheiten sind hierzulande kaum bekannt. Das wird sich nun ändern. Obwohl es mehr als 10 Jahren dauerte, bis das Drehbuch von Aaron Sorkin (The Social Network, Molly’s Game), das er ursprünglich für Stephen Spielberg geschrieben hatte, unter seiner Regie nun doch noch verfilmt werden sollte, kommt The Trial of the Chicago 7 gerade zur rechten Zeit. Das Klima in den USA ist dem von Ende der 1960er nicht unähnlich. Wieder stehen sich linke und rechte Lager gegenüber, befeuert durch den US-Präsidenten selbst und liefern sich Straßenschlachten. Das Land scheint wieder an der Kippe zu stehen. Die Gräben sind tief und die Zukunft ungewiss.

    Der humorvolle Unterton dieses Gerichtssaaldramas täuscht nicht über die Atmosphäre des Hasses hinweg, die hier in der Luft liegt. Das Ziel ist klar: Man möchte den bunten und unliebsamen Haufen von der Straße weg und hinter Gitter bringen. Außerhalb des Gerichtssaales wurden die Angeklagten von ihren Gefolgsleuten bald als Helden hochstilisiert. Sorkin, bekannt für seine rasanten und geschliffenen Dialoge, verkürzt den Monate dauernden Prozess auf knappe zwei Stunden Länge. Das gelingt im grandios. Die Zeitsprünge in der Handlung stören den Fluss dabei nicht. Man behält den Überblick obwohl die Verhandlung aus juristischer Sicht hoch komplex ist.

    Solide in Szene gesetzt von Kameramann Phedon Papamichael liegen die Stärken von Chicago 7 in der bis in die Nebenrollen exzellenten Besetzung und dem Drehbuch von Sorkin. Glaubt man den Branchenblättern, kann sich Sorkin große Chancen auf einen Oscar ausrechnen. Aber was weiß man in diesem Jahr schon. The Trial of the Chicago 7 ist jedenfalls der Beweis, dass sich dieses Kinojahr, auch was den US-Film betrifft, keineswegs verstecken muss.

    Streamingdienst

    Netflix


    THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 | AARON SORKIN | USA 2020 | 130 MIN. | [usr 4.5]



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  • ON THE ROCKS ★★★★

    ON THE ROCKS ★★★★

    Siebzehn Jahre nach ihrer ersten Zusammenarbeit in Lost in Translation bringt die Regisseurin Sofia Coppola erneut Bill Murray in einer seiner raren Hauptrollen ganz groß auf die Leinwand. Groß in jeglicher Hinsicht: die Vater-Tochter-Beziehungskomödie On the Rocks ist eine One-Man-Show in der Murray das Geschehen mit seiner unglaublichen Leinwandpräsenz jeden Augenblick unter Kontrolle hat. Die Lacher hat er dabei auf seiner Seite. Die feministische Brille sollte man auf dieser Fahrt durch die New Yorker Nächte aber zu Hause lassen.

    Darum geht es

    Laura (Rashida Jones) ist Schriftstellerin aber gerade mehr mit ihrer Rolle als Mutter beschäftigt. Ihr Mann Dean (Marlon Wayans) befindet sich mit seiner Firma gerade auf einem Höhenflug und ist ausgelastet. Tag und Nacht wie es scheint. Gewisse Indizien machen Laura stutzig. Kann sie ihrem Mann noch trauen? Sie bittet ihren Vater Dean (Bill Murray) um Hilfe. Hauptberuflich betuchter Lebemann, Kunsthändler im Nebenjob, fühlt sich gleich in seinem Element und beginnt mit einer umfassenden Investigation. Dabei hält er sich nicht mit allerhand Ratschlägen und Lebensweisheiten zurück.

    Laura und Felix undercover unterwegs durch New York.

    Kommentar

    Ich war noch niemals in New York, zumindest bin ich bei jedem Besuch in einem Kinosessel gesessen. New York ist also ein cinephiler Sehnsuchtsort. Vermutlich würde ich mich sogar auskennen, würde man mich an einer Straßenecke aussetzen. Wenn ein Filmemacher mit dieser Stadt in Verbindung steht, dann ist es Woody Allen. Jetzt wäre es unfair, jederzeit einen Vergleich mit seinen Filmen anzustellen, wenn die Stadt und ein Frauenschwarm eine Hauptrolle spielen. Das hat On the Rocks auch gar nicht nötig. So gut unterhalten wie hier hat man sich in einem Allen Film leider schon länger nicht.

    Es ist ganz und gar Bill Murrays Film. Die Rolle des Gigolo ist ihm auf den Leib geschrieben. Jede auch noch so kleine Geste sitzt. Die hierzulande weniger bekannte Rashida Jones steht ihm zur Seite. Die Verzweiflung ist ihr ins Gesicht geschrieben. So richtig über sich hinauswachsen kann sie aber nicht. Ein großer Gefühlsausbruch findet nicht statt. Sie bleibt passiv und überlässt ihrem Vater das Ruder. Jetzt doch noch ein Vergleich mit Woody Allen, wobei seine Frauenfiguren zuletzt von einer kindlichen Naivität geprägt waren. Ganz so ist es bei Coppola nicht. Mehr Drive hätte dem Film hier aber gut getan. Dadurch bekommt der Film eine Schlagseite, die zwar nicht auf Kosten des Humors geht, die Richtung ist aber vorgegeben. Laura kann ihrem Vater wenig Konter geben.

    New York hat sich nie so unecht angefühlt wie hier: Ohne Ende Parkplätze am Straßenrand. Ein Kindergarten, der im echten Leben sicher keiner ist, ebenso wie ein Ballettstudio, dass es so nur im Film geben kann oder in Öl auf Leinwand. Eine Stadt eben wie gemacht für das Kino. Wir haben es hier aber ohnehin mit der Upperclass zu tun. Ein Sozialdrama will das auch nicht sein. Eher schon eine Liebeserklärung an die Väter der Generation Francis Ford Coppola. Auch das darf einmal sein.

    On The Rocks ist Coppolas bisher unterhaltsamster Film. Ein Film wie ein Glas Wodka Martini, bei den vielleicht dort und da the rocks fehlen. In kurzweiligen eineinhalb Stunden folgt aber eine Pointe der nächsten und man kann sich gemütlich zurücklehnen und ist dabei bestens unterhalten.

    Dank einer längerfristigen Kooperation der Produktionsfirma A24 mit Apple, wird On The Rocks später im Oktober auf der Streamingplattform Apple+ zu sehen sein. Das ist jener Dienst, zu dem jeder gratis Zugang bekommen hat, der in diesem Jahr ein Apple Produkt gekauft hat oder jemanden kennt, der ein Apple Produkt gekauft hat. Nichts desto trotz: On the Rocks ist jetzt die beste Gelegenheit einen schönen Kinoabend in einem Programmkino in eurer Nähe zu verbringen!


    ON THE ROCKS | SOFIA COPPOLA | USA 2020 | 96 MIN | [usr 4]


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