Das hier ist kein Western. Wild geht es im neuen Film von Regisseur Jacques Audiard (Ein Prophet) trotzdem zu. The Sisters Brothers sindEli (John C. Reilly) und Charles (Joaquin Phoenix), zwei Auftragsmörder unterwegs durch das Oregon des Jahres 1852. Sie werden Zeugen des Niederganges einer archaischen Kultur, wo das Recht des Stärkeren gilt, Patronen gerade erst erfunden wurden und sich Gemeinschaften zu einer Gesellschaft formieren.
Der Commodore (Rutger Hauer) hat das Brüderpaar auf den Goldsucher Hermann Warm (Riz Ahmed) angesetzt. Warum genau spielt zuerst keine große Rolle. John Morries (Jake Gyllenhaal) hat er ebenfalls mit der Verfolgung beauftragt. Erst nach und nach offenbart sich den Verfolgern, worin das Interesse des Commodore besteht. Davor steht ihnen aber eine lange Reise bevor, bis an die Küste des Pazifiks und weiter nach San Francisco.
Es ist die Zeit des großen Goldrausches, Abenteurer kommen von weit her um ihr Glück zu versuchen. Erste Siedlungen befinden sich im Aufbau. Die Gesellschaft wird einem Wandel unterzogen und Eli liebäugelt bereits mit den neuen Möglichkeiten, die sich auftun. Der Kauf der ersten Zahnbürste versetzt ihn in verzücken. Nur Charles hinterfragt ihr Tun nicht. Dem Töten ein Ende zu setzen ist für ihn keine Option. Seinen Bruder hält er für einen Träumer. Sie befinden sich in einem ewigen Kreislauf der Rechtlosigkeit. Nach jedem Mord müssen sie mehr um ihr eigenes Leben fürchten.
Die visionären Vorstellungen des Goldsuchers Warm, auch wenn sie utopisch sind, missfallen jenen, die mit allen Mitteln der Gewalt herrschen und ihre Vormachtstellung in Gefahr sehen. Im Grunde sind die Sisters Brothers die letzten, die einen gesellschaftlichen Umbruch noch zu verhinden versuchen.
„Have you noticed how long it’s been since anyone tried to kill us?“
Eli zu seinem Bruder Charles gegen Ende von The Sisters Brothers
Der klassische Western setzt mit den 1860er Jahren ein. Rinderzucht, Raubüberfälle und der Kampf Gut gegen Böse mit Banditen auf der einen und dem Gesetz auf der anderen Seite sind die Themenkomplexe des Genres. Eli und Charles werden in The Sisters Brothers Zeugen der beginnenden Aufbruchstimmung und dem Morgengrauen der Demokratie. Als sie hoch zu Pferd an der Westküste ankommen und sich der Pazifische Ozean vor ihnen ausbreitet, wird deutlich, dass ihr Zeitalter abgelaufen ist. Als sie wenig später in San Francisco ein Hotel beziehen (fließendes Wasser!) und in einem Restaurant abendessen, ist das längst nicht mehr ihre Welt, in der hinter jedem Baum eine neue Gefahr lauert.
JACQUES AUDIARD | F/RO/B/E 2018 | 122 Min. | [usr 4]
Eine amerikanische Mittelklasse-Familie wird während ihres Sommerurlaubes in Santa Cruz eines Nachts von einer Familie in roten Overalls und mit goldenen Scheren in den Händen heimgesucht, die sich als ihre Doppelgänger herausstellen. Regisseur Jordan Peele verleitet das Publikum in seinem neuen Film Wir zum Nachdenken. Auf eine zufriedenstellende Lösung in allen Fragen darf man unter den duzenden Hinweisen und popkulturellen Reverenzen, die der Film parat hält, aber nicht hoffen. Spaß macht er trotzdem
Bereits zu Beginn versteht es Peele in einem Rückblick, in dem die Hauptdarstellerin Adelaide (Madison Curry) als Kind durch den Vergnügungspark in Santa Cruz schlendert, ein gewisses Unbehagen zu erzeugen. Das rattern der Achterbahn und die Geräusche aus den Spielautomaten wirken bedrohlich. Das Tiefschwarz der finsteren Nacht umhüllt die einzelnen Stände. Es ist das Jahr 1986 und die Ereignisse in jener Nacht werden Adelaide nicht loslassen.
Auch in der Gegenwart nicht. Adelaide (Lupita Nyong’o) kommt mit ihrer Familie, mit Ehemann Gabe (Winston Duke) und den Kindern Zora (Shahadi Wright-Joseph) und Jason (Evan Alex), zum Sommerurlaub in ihrem Ferienhaus an jenen Ort zurück, an dem ein Vorfall im Spiegekabinett ein posttraumatisches Stresssyndrom ausgelöst hat. In dem sich ab dem Eintreffen unglaubliche Zufälle häufen, wird das Gefühl bei Adelaide und dem Publikum bestärkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Dann steht in der Nacht diese Familie in Overalls in der Einfahrt und macht keine Anstalten weg zu gehen.
Wie schon in seinem Überraschungserfolg Get Out, sind bei Peele neuerlich die Menschen die Monster. Mit seinen Landsleuten geht er erneut hart ins Gericht. Und damals wie heute gilt: je weniger man über die Handlung bescheid weiß, umso besser. Wobei es beim erstmaligen Anschauen kaum möglich ist sämtliche Hinweise, die Peel streut, zu erkennen und richtig zu deuten. Es beginnt bereits mit dem Trailer, in dem findige Fans Indizien für die Lösung des großen Mysteriums in Wir zu erkennen glauben (wie so oft gilt: Finger weg vom Trailer!).
Die Antagonisten werden von denselben Schauspielern verkörpert wie die Hauptdarsteller. Das bestärkt den Wir-Gedanken und das Gefühl, es handle sich um die finstere Seite der Charaktere. Das Verhalten der Doppelgänger ist entscheidend anders, als das der jeweiligen Originale und lässt sich rückwirkend schlüssig erklären. Allerdings hat der Filmtitel eine weitere Bedeutung. Das Us im Originaltitel meint alle US-Amerikaner. Einmal sagt Adeliges Doppelgängerin: „We are Americans.“
Vieles klärt sich im Laufe des Filmes auf und anderes wiederum bleibt unklar. Dass der Film derart überladen mit Reverenzen ist, hat durchaus einen Unterhaltungswert (Angefangen bei einem Der Weiße Hai-T-Shirt und dem Handschuh auf dem Filmplakaten). Dies sind alles Hinweise auf einer Metaebene, in der Handlungsebene bleibt Peele, der auch das Drehbuch verfasst hat, dem Publikum allerdings Erklärungen schuldig und lässt es vor allem wegen des Finales ratlos im Kinosaal zurück.
Es geht neuerlich blutig zu und für Spannung ist gesorgt. Punkten kann Wir aber mehr mit den komischen Elementen. Dafür sorgt in erster Linie Ehemann Gabe und das befreundete Paar Kitty (Elisabeth Moss) und Josh (Tim Heidecker). Moss hat sichtlich Freude an ihrer grotesken Rolle. Allen voran steht aber Lupita Nyong’o mit einer beeindruckenden Tour de Force als heimgesuchte Mutter. Parallelen zu Michael Handkes Funny Games kommen nicht von ungefähr. Der Film diente Peele unter vielen anderen als Vorbild.
Wir eignet sich bestens, um nach dem Kinobesuch Seherfahrungen und Sichtweisen zu diskutieren. Jordan Peele etabliert sich als Meister der gruseligen Gesellschaftssatire und prangert die unreflektierte Angst vor allem Fremden an. Dabei müssen wir uns in erster Linie vor uns selbst fürchten.
In seiner ersten Regiearbeit reist Jonah Hill (21 Jump Street) zurück in seine eigene Kindheit, in einen Sommer der 1990er Jahre. Mid90s erzählt vom 13-jährigen Stevie (Sunny Suljic), der versucht, Anschluss in einer Skatergang zu finden. Zu Hause wird er von seiner Mutter Dabney (Katherine Waterson) umklammert und seinem älteren Bruder Ian (Lucas Hedges) tyrannisiert. Erst imponieren ihm die in einem Skatershop abhängenden und um ein paar Jahre älteren Burschen. Bald wird er herausfinden, dass seine neuen Helden hinter der coolen Fassade ebenso mit ihren Problemen zu kämpfen haben.
Vorerst dürfen wir aber einmal in Nostalgie schwelgen: Ein warmer Sommer in L.A. mit Mixtapes, Discman, Super Nintendo, Street Fighter, Turtles und Nirvana. Stevie hält es zu Hause nicht mehr aus und da kommen seine neuen Freunde gerade recht. Dabei muss er sich deren Anerkennung erst verdienen. Auf dem Board ist er ein blutiger Anfänger und auch sonst ist er gerade erst dabei, erste Lebenserfahrungen zu sammeln. Hill fängt die Atmosphäre des gelangweilten Abhängens und den inneren Aufregungen und Unsicherheiten eines Teenagers gekonnt ein. Es ist der Moment im Erwachsenwerden Stevies, in dem er sich an den Älteren orientiert, die für ihn erwachsen wirken aber selbst kaum drei Jahre älter sind.
Der 11-jährige Sonny Suljic in einer Drehpause
Ray (Na’kel Smith), Fourth Grade (Ryder McLaughlin) und Fuckshit (Olan Prenatt) nehmen ihn in die Clique auf. Stevie bekommt den Spitznamen Sunburn. Ruben (Gio Galicia), der bisher jüngste, sieht bald seine Stellung durch den Neuling gefährdet und es kommt zu ersten Spannungen. Bevor es gegen Ende des Filmes zum großen Showdown kommt, mischen sich zu Ollie und Hip-Hop Nikotin und Alkohol. Die Mutter zeigt sich wenig begeistert und der Bruder ist schlicht eifersüchtig.
Jonah Hill hat mit seinen jungen Darstellern einen wahren Glücksgriff getan. Allesamt sind sie keine Schauspieler, dafür begnadete Skater. Das verleiht dem Film eine gewisse Authentizität. Weniger radikal als Larry Clarks Kids (1995) und auch publikumsfreundlicher ist Mid90s geraten. Hill hat auch das Drehbuch verfasst. Dies kann durchaus den Beginn einer neuen vielversprechenden Regiekarriere bedeuten.
Carlos Acosta wurde 1973 in ärmlichen Verhältnissen in Havanna geboren. Getrieben durch den Ehrgeiz seines Vaters, der seine Tanzbegabung erkannt hatte und für ihn darin die einzige Chance sah, dem ewigen Kreislauf der Armut zu entkommen, wird Acosta einer der gefeiertsten Balletttänzer und Choreografen unserer Zeit.
Dabei war es für den kleinen Carlos (Debüt: Edilson Manuel Olbera Nunez) alles andere als ein Traum, Tänzer zu werden. Auch nicht, als die Chance besteht, in ein Internat aufgenommen zu werden und somit seinem gewalttätigen Vater zu entkommen. Regisseurin Ichar Bollaín (El Olivo – Der Olivenbaum, 2016) zeigt diese Verzweiflung, die dem Jungen inne wohnt, der auf Grund seiner sozialen Stellung ein Außenseiter ist. Bald erkennt Carlos aber, welche Bewunderung Tänzer auf der Bühne durch seine Mitschüler erfahren. Es ist der Beginn einer rasanten Karriere, die ihn, keine zwanzig Jahre alt, bis zum Royal Ballet in London führen wird. Als erster schwarzer Tänzer überhaupt.
Der junge Carlos Acosta fühlt sich einsam und verloren.
Von seinem Vater Pedro (Santiago Alfonso) wird Carlos Yuli genannt. Er ist liebevoll und jähzornig zugleich. Es ist ein ambivalentes Verhältnis zwischen Vater und Sohn. In prägenden Momenten, wie die der väterlichen Gewalt oder bedrückenden Erlebnissen im Internat in der Provinz fernab seiner Familie, bedient sich Bollaín eines dramaturgischen Kniffes. In fantastischen Choreografien von María Rovira tanzt Acosta selbst mit seiner Kompanie Szenen seines bewegten Lebens. Diese immer wieder eingestreuten Sequenzen voll Energie und Wut kommen ganz ohne Text aus und machen Yuli zu einem außergewöhnlichen Biopic.
Der junge Carlos mit seinem Vater
Durch eine Verletzung ist der junge Acosta (Keyvin Martinez) gezwungen zu pausieren und das Fernweh zieht in zurück in die Heimat zu seiner Familie. Die weitere Karriere steht auf dem Spiel. Die Versuchung, versäumtes nachzuholen ist groß. Schafft es Carlos, sich von seinem Vater loszulösen, und sein eigenes Leben zu leben?
Yuli basiert auf Alberto Acostas Autobiografie No Way Home (2013). Die spektakulären Bilder stammen von Kameramann Alex Catalin und die Musik von Alberto Iglesias.
Der Film zeigt Carlos Acosta in wunderbaren Choreografien
Es ist die Geschichte von einem Tänzer, der nicht tanzen wollte. Der Tanz selbst spielt in der Erzählung eine ungewöhnlich große Rolle. Daher ist der Film nicht zuletzt für Tanzfans besonders sehenswert. Darüber hinaus gibt Yuli einen Einblick in eine Welt, die sonst immer über das Politische beschrieben wird. Hier aber erfährt man anhand eine Familiengeschichte viel über das Leben und die Perspektiven der Menschen auf Kuba. Aus der Sicht von Carlos Acosta, dem ersten schwarzen Romeo.
Filme von Marvel sind wie Überraschungseier. Man weiß ungefähr was man bekommt, ist dann aber trotzdem meist enttäuscht und so richtig cool ist halt nur jedes siebte Ei. Mit Captain Marvel betritt die mächtigste aller Superheldinnen die Bühne. Zum ersten Mal also eine Superheldin in der Hauptrolle aber es ist auch erst der 21. Film des Marvel Cinematic Universe.
Vor genau 11 Jahren kam mit Iron Man der erste Film der Reihe in die Kinos. Es folgten mehr oder weniger muskelbepackte Nachfolger. Fehlte es an Körpermasse, mussten sie um so mehr witzig sein. Der von Brie Larson gespielte Charakter Carol Danvers/Captain Marvel liegt irgendwo dazwischen. Klar, der belesene Filmfan weiß natürlich, dass Larson wochenlang ein hartes Training über sich ergehen lassen musste. Ohne geht es in diesem Genre überhaupt nicht mehr. Eine Frage der Glaubwürdigkeit.
Der Film hält sich nicht mit einleitenden Erklärungen auf und wirft das Publikum gleich mitten ins Geschehen. Wir befinden uns irgendwo im Weltraum im Krieg zwischen zwei Alien-Spezies. Alle Charaktere sind neu und so muss man sich zuerst einmal orientieren – das Publikum, genauso wie die Protagonistin. Sie besitzt bereits Superkräfte. Woher sie die hat und woher sie überhaupt stammt liegt auch für sie im Dunkeln. Erst nach und nach wird sich im Verlauf des Filmes ihre Vergangenheit als US-Air-Force-Pilotin wie ein Puzzle zusammensetzen. Nun kämpft sie unter ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) an der Seite der menschenähnlichen Kree gegen die Formenwandler der Skrull, angeführt von Talos (Ben Mendelsohn).
So richtig in Fahrt kommt die Story aber erst als Danvers wie ein Komet in einer Blockbuster Videothek auf der Erde der 1990er Jahre einschlägt. Für die höher entwickelten Wesen da draußen nicht mehr als ein „Shithole“. Das gibt Raum für allerhand komische historische Verweise und nicht zuletzt kommt es hier zu einer Begegnung mit dem erschreckend jungen(!) Geheimagenten Nick Fury (Samuel L. Jackson lange vor seiner Zeit als Chef von S.H.I.E.L.D.). Dem Duo zuzusehen macht wirklich Spass. Obwohl sich deren Gegner Ben Mendelsohn unter einer Alienmaske versteckt, liefert er eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab. Sie begeben sich auf die Suche nach Dr. Wendy Lawson (großartig aber etwas unterfordert: Annette Bening – und Disney spoilert was ihre Rolle betrifft, dass die Funken fliegen), die das Geheimnis von Danvers Superkräften kennt. Die Riege der SchauspielerInnen kann als Herzstück des Filmes bezeichnet werden. Für allerhand Plottwists ist gesorgt.
Manchmal weiß man nicht so recht, ob Captain Marvel durchs All fliegt oder nur vom Drehbuch durchs All geschossen wird. Für eine Superheldin fehlt ihr im Moment noch die Härte und Ausstrahlung. Gal Gadot als Wonderwoman war da überzeugender. Aber schließlich macht sie in der Geschichte einen Selbstfindungsprozess durch, an dessen Ende der Beginn des großen Avengers Finale im kommenden April steht, in dem sie die Welt vor Thanos retten soll.
Der große Bonus ist der Retro-Schick, auf dessen Welle in letzter Zeit immer mehr Produktionen mitschwimmen. Aviator Sonnenbrillen und Alta Vista Suchmaschine geben schon was her. Danvers knallt einem Schwarzenegger-Pappaufsteller den Schädel weg, nur um ein paar Szenen später ein Motorrad zu klauen. Ganz wie der T-1000 in Terminator 2 (Ach, was waren das für coole Blockbusterzeiten!) Allein der Soundtrack von TLC bis Nirvana kommt mit dem Holzhammer.
Captain Marvel ist nicht das siebte Ei. Zu konfus ist teilweise die Story und zu unglaubwürdig dort, wo etwas Erdung gefragt wäre. Die Charaktere und eine Katze machen aber Lust auf mehr. Vor gerade einem Jahr hat das Studio aber mit Black Panther gezeigt, was alles möglich sein kann. Ein weiterer großer Schritt um zu zeigen, dass ein Blockbuster-Franchise auch von weiblichen Charakteren getragen werden kann. Der große Wurf ist es aber nicht geworden.
RYAN FLECK, ANNA BODEN | USA 2018 | 124 Min | [usr 3,5 ]
Die Beale Street liegt im Zentrum von Memphis in Tennessee. Die ersten Blues Songs sind hier entstanden und über die Jahrzehnte traten hier Jazzgrößen wie Louis Armstrong und Muddy Waters auf. Eine ausgelassene Stimmung, Kriminalität und Spannungen zwischen der schwarzen und irischen Bevölkerung bestimmten den Alltag. Barry Jenkins hat nach Moonlight (2016) nun ein Werk des US-Autors James Baldwin (1924-1987) verfilmt. Der dem Film zugrunde liegende Roman If Beale Street Could Talk aus dem Jahr 1974 ist dieser berühmten Straße gewidmet und erzählt von einer jungen Liebe und der Willkür der weißen Justiz im New York City der 1970er Jahre. Die Beale Street konnte für Baldwin überall sein. Er bezeichnete die Straße als das Erbe aller in Amerika geborenen Schwarzen.
Darum geht es
Der 22-jährige Bildhauer Alonzo Hunt (Stephan James), genannt Fonny, und die 19-jährige Verkäuferin Tish (KiKi Lane) sind ein Liebespaar. Eines Tages wird Fonny fälschlicherweise beschuldigt, eine Puertoricanerin vergewaltigt zu haben. Er muss ins Gefängnis. Kurz darauf erzählt ihm Tish, dass sie schwanger ist. Ungeachtet der Situation, ist sie davon überzeugt, dass Fonny aus dem Gefängnis entlassen wird, bevor das Kind geboren wird. Während Tishs Familie (Regina King wurde für ihre Rolle der Mutter von Tish mit dem Oscar für die Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet) und Fonnys Vater mit allen Mitteln versuchen, ihn frei zu bekommen, vergehen die Monate. Die Mühlen der weißen Justizwillkür beginnen zu mahlen und der Prozess wird immer mehr verschleppt.
Regina King erhielt für ihre Rolle den Oscar für die Beste Nebendarstellerin.
Kommentar
In Rückblenden und betörend schönen Bildern (Kamera: James Layton) erzählt Barry Jenkins diese Geschichte einer berührenden Liebe aus der Sicht von Tish und von den Ungeheuerlichkeiten, mit denen das Leben von Schwarzen zu dieser Zeit verbunden war – und durch institutionellen Rassismus heute noch immer ist. Eine tolle Ausstattung in warmen Farbtönen (Manchmal auch etwas zu viel, wenn etwa das Kleid zu den Vorhängen passt) und die wunderbare Musik von Nicholas Britell vervollständigen diesen zwar stillen aber in seinem Innersten laut aufschreienden Film.
Beale Street hat es nicht leicht, wird er doch zwangsläufig mit seinem grandiosen Vorgänger Moonlight verglichen. Jenkins‘ erst dritter Spielfilm braucht den Vergleich aber nicht zu scheuen und steht für sich. Dass er bei den Oscars übergangen wurde, obwohl es noch freie Plätze in der Kategorie Bester Film gegeben hat, ist unverständlich. Mit Barry Jenkins hat Hollywood einen großen Regisseur gewonnen, von dem wir uns noch mehr Filme erhoffen dürfen, die, egal wann und wo sie spielen, eine große Aktualität aufweisen.
Dank des Dokumentarfilmes I Am Not A Negro (2016) von Raoul Peck und nun Beale Street wird der zu unrecht in Vergessenheit geratene Autor James Baldwin bei uns gerade wiederentdeckt. Seine vergriffenen Romane erscheinen nun nach und nach in neuer Übersetzung auf Deutsch.
Beale Street ist wie eine melancholische Vinyl-Schallplatte. Viele Szenen wirken wie einem Cover entsprungen. Ein Film der trotz aller Tragik nie die Hoffnung verliert und an die Kraft der Liebe glaubt – und die der Poesie.
Beale Street / OT: If Beale Street Could Talk
Drama, USA 2018 Regie Barry Jenkins Drehbuch Barry Jenkins nach dem gleichnamigen Roman von James Baldwin Kamera James Laxton Schnitt Joi McMillon, Nat Sanders Musik Nicholas Britell Mit Kiki Layne, Stephan James, Regina King Länge 117 Minuten derzeit bei Netflix
Jene, die vor ein paar Jahren den Roman von Heinz Strunk gelesen haben, der diesem Film zu Grunde liegt, erinnern sich jetzt mit Grauen zurück. Eigentlich möchte niemand die expliziten Gewaltdarstellungen von Der goldene Handschuh auf der großen Leinwand sehen. Nun hat Fatih Akin das Porträt des Serienmörders Fritz Honka, der in den 1970er Jahren St. Pauli unsicher gemacht hat, verfilmt und sagt selbst: für jeden ist der Film nicht geeignet. Auch wenn an dieser Stelle keine uneingeschränkte Empfehlung kommen kann, ganz links liegen lassen kann man diese gleichsam beeindruckende wie bedrückende Milieustudie nicht.
Die Fakten: Fritz Honka ermordete von 1970 bis 1974 vier Frauen, die dem Milieu seiner Nachbarschaft rund um die Kneipe „Zum Goldene Handschuh“ in der Nähe der Reeperbahn entstammten. Meist im hoch alkoholisierten Zustand missbrauchte und zerstückelte Honka seine Opfer und versteckte die Körperteile in seiner Wohnung. Alle Opfer waren Obdachlose, die sich zeitweise als Prostituierte ihr Leben verdingten. Da sie niemand vermisste, konnte Honka seine sexuellen Obsessionen über Jahre ausleben.
Der Film konzentriert sich genau auf diese vier Jahre. Über die Vergangenheit von Honka erfährt man nichts. Auch nicht, dass Honkas Entstellungen im Gesicht auf Arbeitsunfälle zurückzuführen sind. Akin geht es nicht um Erklärungen, sondern darum zu zeigen, das Sexualverbrechen einfach nur grauslich sind und keinerlei Befriedigung für den Täter mit sich bringen. Darum rekonstruiert er nicht nur die Verbrechen penibel genau, sondern genauso Honkas Wohnung mit Pin-ups und Kinderpuppen und das Leben im Goldenen Handschuh, dem Wohnzimmer gescheiterter Existenzen.
Margarethe Tiesel und Jonas Dassler beim 5 o’Clock Korn
Gleich zu Beginn wird das Publikum auf die Probe gestellt, als Honka sein erstes Opfer minutenlang zerstückelt. Man sieht nichts aber das von der Säge verursachte Geräusch ist sogar dem Täter zuwider. Er legt eine Platte auf. Wer nun glaubt, Der Goldene Handschuh hantelt sich von einer brutalen Tat zur nächsten, der irrt. Splatterfilm ist es keiner. Angewidert und schockiert ist man vielmehr von der Gesamtsituation, in der sich Honka und die anderen Charaktere befinden. Es ist eine Tristesse in Brauntönen, in der es keine Träume mehr gibt. Nur immer die nächste Flasche Korn.
Im Goldenen Handschuh treffen Trinker, Obdachlose, Nazis und Touristen aufeinander. Die Fenster sind verdunkelt, die Rauchschwaden sind dicht und aus der Jukebox kommen Schnulzen, die manche zu Tränen rühren. Hier trifft Honka auf die meisten seiner Opfer. Es sind verwahrloste Frauen, die ihm im alkoholisierten Zustand in seine Wohnung folgen und sich sexuell erniedrigen lassen. Honkas Frauenhass ist vermutlich auch im eigenen Unvermögen begründet aufgrund seines Aussehens und seiner Alkoholsucht zu keinen sozialen Kontakten fähig zu sein. Alleine diese Erklärung greift aber zu kurz. Selbst Fatih Akin tappt in die Falle, den Alkohol als wesentliche Ursache für die Verbrechen zu sehen.
Honkas Wohnung ist mit Duftbäumen verhängt. Nutzen tun sie nichts. Der Gestank muss unerträglich gewesen sein. Mit Der Goldene Handschuh befinden wir uns knietief im Grind. Jonas Dassler liefert eine überzeugende Darstellung Honkas. Seine Co-Stars, allen voran Margarethe Tiesel, beeindrucken mit einem körperlichen Grenzgang. Als Zuseher wird man regelrecht in die Szenerie hineingesaugt. Es ist so richtig deprimierend. Die Atmosphäre, die Akin nicht zuletzt mittels des grandiosen Soundtracks zu erzeugen vermag sucht ihresgleichen. Gerade das macht den Film so sehenswert. Man sollte sich für danach aber nichts vornehmen.
Politik ist nicht nur ein schmutziges Geschäft sondern auch noch ein äußerst unmoralisches. Zumindest wenn es um echte Macht geht. Einer der Macht in einem Amt konzentriert hat, wie kaum ein anderer in der westlichen Welt, ist der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney. Regisseur Adam McKay (The Big Short, 2015) schildert in bissigen PolitsatireVice – Der Zweite Mann dessen Werdegang. Der Film wurde für gleich 8 Oscars nominiert.
Eine objektive Rückschau darf man sich hier nicht erwarten. Vice – Der Zweite Mann ist eine Abrechnung mit Dick Cheney und dem politischen Establishment seiner Zeit. Daraus machen weder McKay noch sein Hauptdarsteller Christian Bale ein Geheimnis. Sämtliche Jugendsünden vom Rausschmiss aus der Yale-Universität bis zu einer Festnahme wegen Trunkenheit am Steuer stehen gleich zu Beginn dieses 50 Jahre umspannenden Biopics.
In den ersten Jahren ist der Schauspieler Bale noch gut zu erkennen. Parallel zum realen Vorbild vollzieht der dann aber über die Jahrzehnte eine physische Transformation, wenn auch mit Hilfe einer dicken Silikonmaske, die mit grimmiger Mimik und schlürfendem Gang zu den großen Momenten der Schauspielkunst in diesem Jahr zählen dürfen.
Vice – Der Zweite Mann wurde sehr kontroversiell aufgenommen, dabei hält sich Adam McKay an Fakten (kleinere Ungenauigkeiten können mit dem Blick auf das Ganze vernachlässigt werden) aber auch an Wahrscheinlichkeiten. Wenn über den Inhalt von Schlüsselszenen, keine Gewissheit herrschen kann, wird das im Off-Kommentar auch explizit erwähnt. Kurt, Familienvater und Soldat im Irak-Krieg, gespielt von Jesse Plemons, ist der Erzähler. Er gibt der nicht zuletzt aufgrund der Fülle an Informationen und dem hohen Erzähltempo für das Publikum anspruchsvolle Handlungsebene einen Rahmen. Über den Konnex von Kurt und Cheney lässt McKay das Publikum lange im Ungewissen. Es ist einer der unzähligen kreativen Einfälle, mit denen der Film vollgepackt ist.
Cheneys politische Karriere reicht bis in die 1970er Jahre zurück: erst Stabschef im Weißen Haus unter Gerald Ford (1975-77), dann Kongressabgeordneter (1979-89) und Verteidigungsminister unter George Bush Senior (1989 -1993). Es folgt der Rückzug in die Privatwirtschaft. An die Firma Halliburton wird sich vielleicht der eine oder andere noch erinnern. Hier bricht der Film ab. Es hätte ein Ende sein können. War es aber nicht. Es ist die Zeit, in der sich die Tochter der Cheneys, Mary, als lesbisch outet. Papa Dick akzeptiert dies, seine Frau Lynne (ebenfalls großartig immer an seiner Seite: Amy Adams) weniger. Für einen erzkonservativen Politiker ist das aber ein Problem. Es ist eine der Stellen im Film, wo sichtbar wird, dass die eigenen Werte von Politikern keine Rolle spielen, wenn es darum geht, die eigene Klientel zu bedienen.
George W. Bush (Sam Rockwell) und
Dick Cheney (Christian Bale): ein folgenschwerer Deal.
Das Karriereende war es bekanntlich nicht. Von 2001 bis 2009 war Cheney die Nummer Zwei unter US-Präsident George W. Bush. Sam Rockwell zeigt uns den Präsidentensohn so, dass uns selbst retrospektiv noch einmal Angst und Bange wird. Eine Gesetzeslücke und ein Deal mit Bush macht es Dick Cheney aber möglich, zum wahrlich mächtigsten Mann im Staat aufzusteigen. Dafür reichte die Motivation dann doch noch. Fortan war er an Entscheidungen über die Invasion im Irak und Verhöre mit Foltermethoden beteiligt und der Existenz von geheimen CIA- Gefängnissen vertraut. Unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit wurde ein Überwachungsapparat mit weitreichenden Befugnissen aufgebaut. Entscheidungen, die hunderttausenden Menschen das Leben kosteten. Das ist alles mehr als unschön. Die schräge Inszenierung macht die deftigen, teilweise stakkatoartig auf das Publikum losgelassenen Bilder erträglicher.
Colin Powells (Tyler Perry) zu trauriger Berühmtheit gelangte Rede vor der UNO, die zum Einmarsch im Irak führte, war das Ergebnis der Befragung sogenannter Fokusgruppen, nach denen das politische Handeln ausgerichtet wurde. Das genaue Benennen von Feindbildern ist dabei zentral. Ein scheinbar nicht umzubringender Charakter während dieser Zeit war der skrupellose Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Steve Carell). Ein enger Weggefährte Cheney und als einziger eingeweiht in seine Machenschaften. 2008 gab der US-Senatsausschuss ihm die Schuld an Foltergefängnissen und dergleichen. Dick Cheney war nie Thema einer Untersuchung. Die Folge einer Strategie, die er sich über die Jahre mit seinen Anwälten zurechtgelegt hatte.
Anhängern der Republikaner dürfte das weniger gut gefallen. Da die USA diesbezüglich ziemlich gespalten sind, schlägt sich das auch in der Rezeption von Vice – Der Zweite Mann nieder. Der Wahrheitsgehalt wird angezweifelt. Dabei gibt Adam McKay mit einem Augenzwinkern in der Mid-Credits-Szenen eine Antwort darauf. Ohne rechtliche Absicherung wäre so ein Film, auch wenn es eine Satire ist, nicht möglich. Produziert wurde der Film von Annapurna Pictures, die in der Vergangenheit schon mit Zero Dark Thirty und Detroit von Kathryn Bigelow unangenehme Kapitel der US-Geschichte aufgearbeitet haben.
Neuerlich gelingt es Adam McKay ein komplexes Thema durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil verständlich zu machen. Obwohl amüsant, ist trotzdem die Konzentration des Publikums gefordert. McKay steigt in Dialoge abrupt ein und aus. Ein Exkurs folgt dem nächsten. Bei den Oscars wird das möglicherweise mit einem Preis für den Schnitt honoriert werden. In den restlichen Kategorien (Film, Regie, Haupt- und NebendarstellerInnen) ist Vice – Der Zweite Mann ein paar Tage vor der Verleihung Außenseiter.
Warum kommt der Film gerade jetzt? Hier wird deutlich, welche Folgewirkungen Wahlergebnisse und politische Entscheidungen über Jahrzehnte haben können.
ADAM MCKAY | USA 2018 | OT: Vice | 132 Min | [usr: 5]
Sechs Jahre sind vergangen, seitdem die Videospielfigur Randale-Ralph genug davon hatte, tagtäglich den zerstörerischen Bösewicht spielen zu müssen. Ralph verließ sein Computerspiel um sich gemeinsam mit der Rennfahrerin Vanellope van Schweetz zu einer abenteuerlichen Reise durch das Litwak’s Family Fun Center aufzumachen. Ralph reichts (2012) strotze regelrecht vor kreativen Ideen und Querverweisen zum Videospieleuniversum. Nun ging man bei Disney mit Chaos im Netz noch einen Schritt weiter.
Die Rollen sind nun vertauscht. Ralph führt mittlerweile ein zufriedenes Leben. Er hat sich mit den Mitbewohnern seines Spiels arrangiert und sein Counterpart Felix führt die absurdeste Ehe des ganzen Universums. Nur Vanellope wird es in ihrem Rennspiel Zusehens langweiliger. Eines Tages schließt Spielhallenbetreiber Mr. Litwak ein Modem an den Stromkreis und somit die Spielhalle an das Internet an. Ein defektes Teil an Vanellopes in die Jahre gekommener Spielkonsole „Sugar Rush“ macht es bald notwendig, dass sie sich mit Ralph auf die Suche nach einem Ersatzteil ins Internet begibt. Es droht das Videospiel verschrottet zu werden, was für die Bewohner Obdachlosigkeit zur Folge hätte.
Das Internet mag heute für Groß und Klein allgegenwärtig sein, so ganz verstehen werden das die meisten Kinder wohl eher nicht. Chaos im Netz entwirft eine liebevolle und detailreiche Visualisierung jenes Ortes, der für uns zum zentralen Treffpunkt geworden ist. Sämtliche Konzerne und deren Internetplattformen sind natürlich mit dabei: ein großer Bazar, Bäume voll blauer Vögel, die unentwegt Nachrichten zwitschern und mitten drin natürlich der Alleswisser. Popups schwirren herum, unter ihnen Mr. Spamley und versuchen mit lukrativen Jobs („Werden sie reich mit dem Internet!“) und anderen Angeboten Kundschaft zu gewinnen. Es ist die Zukunftsvision einer Stadt, wie wir sie schon oft gesehen haben. Hier erinnert sie mehr an eine Dauerwerbesendung.
Über all den großen Namen der Internetwelt schwebt allerdings der produzierende Konzern Disney und der kostet nur erstmals aus, was er in den letzten Jahren alles an Lizenzen angehäuft hat. Marvel- und Star Wars- Figuren haben ebenso einen Auftritt, wie sämtliche Disney-Prinzessinnen, die als ärgste Tussen gelangweilt in Dornrösschens Schloss abhängen. Sie erweisen sich als Retter in der Not. Die Avengers für Mädchen sozusagen. Das alles macht erstaunlich viel Spaß. Das Drehbuch für ein Prinzessinnen-Crossover liegt bestimmt schon in irgendeiner Schublade.
Chaos im Netz wartet mit so mancher Weisheit auf (Lese niemals Kommentare!), zentrales Thema ist aber was man sich vom Leben erwarten darf und was das für eine Freundschaft bedeutet. Da wird der Film naturgemäß etwas moralisch. Eine gehörige Portion Humor bewahrt das Abenteuer aber davor, zu sehr in diese Richtung abzugleiten. Einmal fragen Arielle, Pocahontas, Cinderella & Co Vanellope nach dem obligatorischen Lied über ihre Träume. Woraufhin sie in eine Pfütze eine Ode an das „Slaughter Race“ singt.
Das große Finale ist eine Hommage an King Kong und wer immer schon wissen wollte, wozu Pinterest eigentlich gut ist, hier erfährt man es. Produktplatzierungen erreichen in Chaos im Netz einen nie dagewesenen Höhepunkt. Gleichzeitig ist es beeindruckend zu sehen, wie gut das Uhrwerk läuft. Disney zeigt neuerlich, dass man mit der eigenen Geschichte durchaus selbstironisch umgehen kann.
Rich Moore, Phil Johnston | OT: Ralph Breaks the Internet: Wreck-It Ralph 2 | USA 2018 | 113 Min | [usr 4]
In der polnischen Provinz soll der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) im Auftrag des Ministeriums ein folkloristisches Ensemble zusammenstellen. Zu diesem Zeck werden Tänzerinnen und Sängerinnen gecastet. Es ist das Jahr 1949. Für den Staat ist es eine identitätsstiftende Maßnahme, mit der die Landsleute in einer entbehrungsreichen Zeit bei Laune gehalten werden sollen.
Als die junge Zula (Joanna Kulig) bei ihm vorsingt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Zula wird bald zum Mittelpunkt des tourenden Ensembles. Ein paar Jahre später, während eines Gastspiels in Berlin, planen sie die Flucht in den Westen. Doch es kommt alles anders. Die Handlung von Cold War spannt sich folglich über fast 20 Jahre, in denen sich Zula und Wiktor immer wieder begegnen. Fragmentarisch mit mehreren Unterbrüchen schildert Pawlikowski eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, über der der Schatten des Kalten Krieges schwebt und die von einer dritten Hauptdarstellerin regelrecht durchdrungen wird: der Musik.
Trotz der kurzen Spieldauer lässt sich Cold War lange Zeit, um die Geschichte zu entfalten. Der erste Teil ist geprägt von folkloristischer Musik, die zuerst die Geduld strapaziert aber dann soviel aussagt über die damalige polnische Lebenswelt. Für Pawlikowski ist die Musik ein Spiegel dessen, wo die Hauptdarsteller in ihrer Beziehung stehen. Das Volkslied Dwa serduszka, cztery oczy wird den gesamten Film über in den unterschiedlichhsten Versionen wiederkehren. Denn auf einmal, von einem Moment auf den anderen, tritt der Jazz an die Stelle der Folklore. Musik als politischer Barometer und Leitfaden durch eine Liebesgeschichte.
Die Volkstanzgruppe Mazowsze (es gibt sie tatsächlich und sie ist bis heute aktiv) steht exemplarisch für eine politische Agenda. Pawlikowsi muss in seiner detailverliebten Inszenierung daher die politischen Rahmenbedingungen nicht weiter erklären. Sie werden durch die Musik und durch das Spannungsverhältnis zwischen Zula und Wiktor sichtbar.
Fast hätte Pawlikowski Cold War in Farbe gedreht. Nun sind bei den diesjährigen Oscars gleich zwei fremdsprachige Filme in schwarzweiß in der Kategorie Beste Kamera nominiert: Alfonso Cuaron für Roma und Łukasz Żal für Cold War. Während sich Cuaron für das schier unendlich weite Cinemascope entschied, filmte Żal im Academy Standard Filmformat, das in etwa dem alten 4:3 Fernsehbild entspricht.
In Cannes war Pawlikowsi schon erfolgreich und gewann den Regiepreis. Auch beim Europäischen Filmpreis war er der große Gewinner. Gleich zwei Nominierungen als Bester Ausländischer Film und als Überraschung auch für die Beste Regie bei den Oscars sind nun die Krönung für den bereits mit Ida (2013) Oscar prämierten Regisseur.
Paweł Pawlikowski | OT: Zimna wojna | POL/UK/F 2018 | 89 Min | [usr 4,5]