Kategorie: Review

  • BURNING ★★★★½

    BURNING ★★★★½

    Sein Ruf eilt Burning voraus. Obwohl in Cannes 2018 nur mit dem FIPRESCI-Preis abgespeist, zieht der erst sechste Film des koreanischen Regisseurs Lee Chang-Dong bereits seit dem letzten Jahr eine Spur der Begeisterung quer über den Erdball. Lee setzt sich mit dieser Mystery-Romanze über sämtliche narrativen Konventionen hinweg und beschert uns eine der schönsten Filmszenen der letzten Jahre.

    Lee sieht im heutigen Kino das Gesamterlebnis über allem stehen, bei dem das Publikum möglichst nah am Geschehen dabei sein soll. Authentizität wird großgeschrieben. Dabei scheint es ihm wichtig hier auf Distanz zu gehen. Seine unkonventionelle Geschichte ist für das Publikum eine Herausforderung, weil sie kaum Identifikationsmöglichkeiten mit den drei handelnden Figuren bietet.

    Im Mittelpunkt steht der aus einer Bauernfamilie stammende angehende Schriftsteller Jong-su (Zoo Ah-in), der sich seinen Lebensunterhalt als Tagelöhner verdingt, als er eines Tages auf Hae-mi (Jean Jong-Sei) trifft, die sich als Jugendfreundin ausgibt. So richtig erinnern kann sich Jong-zu an sie aber nicht. Nach einer kurzen Romanze begibt sich Hae-mi auf eine längere Reise. Zurück kommt sie mit Ben (Steven Yeun) an ihrer Seite. Eine starke Konkurrenz für Jong-su, ist Ben doch klar erkennbar aus besserem Hause und gibt sich als galanter Sonnyboy, für den die Arbeit nur ein Spiel ist. Die anfängliche Romanze bekommt zusehends mysteriöse Zwischentöne und so wie Jong-su immer mehr zu Zweifeln beginnt, ob alles mit rechten Dingen zugeht, wird man selbst zusehends skeptischer. Nur legt Burning dem Publikum keine Fährte und mit Erklärungen gibt sich Lee erst gar nicht ab.

    Da ist zum einen die Katze von Hae-mi, auf die Jong-zu während ihrer Abwesenheit aufpassen soll. Allein zu Gesicht bekommt man sie nie. Trotzdem schaut Jong-zu immer wieder in der Wohnung vorbei um sie zu füttern. Es ist als ob in Schrödingers Katzenexperiment die Existenz der Katze selbst in Frage gestellt werden würde. Hae-mis Erzählungen aus der vermeintlich gemeinsamen Vergangenheit verwirren Jong-zu im Laufe der Zeit immer mehr.

    Es ist eine magische Szene von einer unglaublichen Leichtigkeit. Die drei Protagonisten sitzen vor dem Landhaus von Jong-zu und schauen Richtung Sonnenuntergang über der Grenze nach Nordkorea, wo aus der Ferne Propagandadurchsagen aus den Lautsprecher dröhnen. Die zentrale Szene befindet sich tatsächlich exakt in der Mitte des Filmes, an deren Ende Ben Jong-zu ein Geständnis macht und Hae-mi sich im warmen Sonnenlicht die Kleidung absteift und im Gegenlicht zur Musik von Miles Davis zu tanzen beginnt. Und tags darauf verschwindet.

    Hae-mi wollte verschwinden wie die Sonne, als hätte sie nie existiert. In der zweiten Hälfte des Filmes begibt sich Jong-zu nun auf eine Spurensuche, auch in seine eigene Vergangenheit. Er soll Hae-mi einmal das Leben gerettet haben. Kann sich er sich wirklich an nichts erinnern? Was ist wahr, was Fiktion? Schon bei ihrem ersten Treffen spielt ihm Hae-mi eine Pantomime vor. Sie schält eine Mandarine als hielt sie tatsächlich eine in den Händen.

    „Es geht nicht darum sich vorzustellen, dass da eine Mandarine ist, sondern darum zu vergessen, dass da keine ist. Das Wichtigste ist, dass du sie wirklich willst.“

    Lee Chang-dong hält das Publikum lange hin. Zu lange. Vor allem in der zweiten Hälfte nach dem Verschwinden von Hae-mi. Nicht nur, dass sie als Charakter fehlt, sondern auch hinsichtlich der Laufzeit von zweieinhalb Stunden. Eine Straffung hätte hier der Handlung gut getan. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, wie lange der Spannungsbogen hält, obwohl immer mehr Fragen aufgeworfen werden, anstatt Licht in die merkwürdigen Umstände zu bringen. Burning ist ein slow burner, der zum mehrmaligen Ansehen anregt. Eine Gesichte über das Mysterium von Fiktion und Realität an sich, erzählt in betörend schönen Bildern. Einmal spricht Hae-mi davon, dass in China zwischen dem kleinen und dem großen Hunger unterschieden wird. Den kleinen Hunger kann man mit Nahrung stillen. Dem großen Hunger kann man mit einem Film wie diesem begegnen.

    BURNING | LEE CHANG-DONG | KR 2018 | 148 Min | [usr 4,5]


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  • ROCKETMAN ★★★½

    ROCKETMAN ★★★½

    Laxenburgerstraße, Wien 1990. In einem kleinen Backsteinhäuschen am Rande des Bahnhofsgeländes befand sich die Schallplatten Brigitte. Dort erwarben wir unsere erste Compact Disc: „The very best of Elton John“. Natürlich ein Doppelalbum. Eines von etwa 300 Millionen Exemplaren, die Elton John im Laufe seiner Karriere verkaufen konnte. Die Kratzer heute zeugen von den zig Umdrehungen. Und: sie dreht sich noch heute. Einmal Elton John Fan, immer Elton John Fan. Gleich die zweite Nummer auf der ersten Scheibe ist Rocketman. Titelgebend für die vom Künstler autorisierte Verfilmung seiner Biografie. Kurz nach dem Megaerfolg von Bohemian Rhapsody drängt sich zwangsläufig ein Vergleich auf. Regisseur Dexter Fletcher übernahm damals bereits die Finalisierung, nachdem Brian Singer gefeuert wurde. Nun geht er mit Rocketman formal einen ganz anderen Weg.

    Rocketman ist ein Musical, das in der frühen Kindheit von Reginald Kenneth Dwight ansetzt. Musikalisch konzentriert man sich auf die frühen Jahre. I Want Love vom Album Songs From The West Coast aus dem Jahr 2001 ist der einzige neuere Song. Dieser steht gleichzeitig aber im Zentrum. Das Biopic versucht nicht nur Elton Johns musikalischen Einflüssen auf den Grund zu gehen, sondern wagt einen Blick hinter die schillernde Fassade des Superstars, der sich Zeit seines Lebens hinter ausgefallenen Brillen und manchmal grotesken Kostümen versteckt hat. Die einzelnen Nummern werden von den Darstellern selbst gesungen und inhaltlich in die Geschichte eingebettet, dort wo es gerade passt und in einen neuen Kontext gesetzt. Also weniger Nummernrevue als Bohemian Rhapsody. Der Song aus dem Jahr 2001 wird vom jungen Reginald und seiner Familie interpretiert (Bryce Dallas Howard als kühle Mutter und Gemma Jones als Großmutter und einzige Unterstützung), nachdem ihm sein Vater (Steven Mackintosh) einmal mehr abgewiesen hatte. An dieser Stelle kann man gut verstehen, dass Elton John während der Premiere in Cannes zu Tränen gerührt war. Dramaturgisch ein kluger Schachzug.

    Neben dem 21 Nummern umfassenden Soundtrack hat Rocketman noch einen zweiten Trumpf. Taron Egerton in der Hauptrolle singt nicht nur alle Hits selber, sondern spielt Elton John, ohne ihn zu imitieren, also auf eine ganz andere Art als noch Rami Malek es mit Freddie Mercury gemacht hat. Leid und Selbstzweifel sind ihm ins Gesicht geschrieben, genauso wie die Leidenschaft für die Musik. Darüber hinaus bleibt das restliche Ensemble aber hinter dem von Bohemian Rhapsody zurück.

    Im gutbürgerlichen Haus sind die Rollenbilder festgefahren und scheint für Querdenker kein Platz zu sein. „I wish, i was someone else“ sagt Dwight einmal. Die Namensänderung ist unumgänglich. Das musikalische Talent wird bald sichtbar und gefördert. Richtig entfalten kann sich Elton John erst als er auf Bernie Taupin (Jamie Bell) trifft, der wie ein Bruder für ihn wird und dessen Texte er fortan vertont. Ein künstlerischer Prozess, der im Film allerdings mit übertriebener Leichtigkeit dargestellt wird.

    Fletcher macht vieles richtig. Von Beginn an legt er ein hohes Tempo vor. Die Szenen sind schön anzusehen und strotzen vor kreativen Einfällen, die dem Film eine wunderbare Dynamik verleihen. Dabei wird ganz im Stile Elton Johns nicht mit fantasievollen Übertreibungen gespart. Leider gehen diese gegen Ende hin verloren. Das Ende kommt mit I’m Still Standing in den 1980er Jahren dazu sehr abrupt und hinterläßt das Publikum wehmütig, verabschiedet sich Elton John doch gerade auf einer großen Tournee von seinen Fans.

    You got to kill the person you were born to be, in order to become the person you want to be.

    Reginald Kenneth Dwight bekommt einen Ratschlag.

    Rocketman ist wie eine Familienaufstellung des nun bereits seit 50 Jahren tourenden Ausnahmekünstlers. Dass nun der erste große Oscar Anwärter in die Kinos kommt, ist kein großes Geheimnis. Es ist die erste Major-Studio Produktion mit einem homosexuellen Protagonisten – Sexszene inklusive. Die nächste Station scheint mit dem Broadway auch schon fix. Wieder gilt: die Musik muss man schon mögen, um an Rocketman gefallen zu finden. Elton John gehört neben den Beatles und Elvis zu den sieben erfolgreichsten Musikern überhaupt. Wenige Monate später befand sich damals übrigens eine zweite CD in unserem Wohnzimmer: Innuendo von Queen. Queen haben gut 100 Millionen Tonträger weniger verkauft. Es wird sich für Rocketman also ein Publikum finden.

    ROCKETMAN | DEXTER FLETCHER | UK/USA 2019 | 121 Min. | [usr 3.5]


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  • POKÉMON: MEISTERDETEKTIV PIKACHU ★★½

    POKÉMON: MEISTERDETEKTIV PIKACHU ★★½

    Es ist ein Sonntagnachmittag. Eine Siedlung irgendwo in Transdanubien. Wir läuten. An der Tür händigt man uns einen Säckchen mit gelben Kärtchen aus. Noch wissen wir nicht, was da genau drinnen ist. Um dazuzugehören muss meine Erstklässlerin auf jeden Fall solche Sammelkarten haben. Exotische Namen, Bilder und Zahlen. Das Spiel wurde über 25 Milliarden Mal verkauft. Eigentlich zum Spielen gedacht, werden die Karten meist nur getauscht. Aber hier endet die Geschichte auch schon wieder. Das Interesse ging genau so schnell wie es gekommen war. Die Karten verstauben nun in einer Lade. Bücher, Serien, Plüschtiere: Jeder hat so seine Berührungspunkte und wenn nicht hat man zumindest schon einmal von den Pokémons gehört. Für alle, die glauben, DAS Pokémon ist ein gelbes hasenähnliches Tier, kommt jetzt Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu in die Kinos. Bemalte Züge und Flugzeuge gibt es längst, ein Film hat in der zwanzigjährigen Geschichte einer der erfolgreichsten Videospielreihen aber noch gefehlt. Oder nicht?

    Verfilmungen, denen Computerspiele zu Grunde liegen, gehören nicht gerade zu den Meilensteinen der Filmgeschichte. Vornehm ausgedrückt. Komplexe Handlungen in eine Spielfilmlänge zu quetschen oder erst eine zu konstruieren, wo gar keine ist und dann auch noch Charaktere zu entwickeln, stellte sich in den meisten Fällen als schwierig heraus. Die Welt der Pokémons ist für Laien auf den ersten Blick komplex und unverständlich. Als Grundlage für den Kinofilm hat man den eher weniger bekannten Ableger Meisterdetektiv Pikachu aus dem Jahr 2016 gewählt. Darin begibt sich Tim Goodman mit Hilfe des sprechenden Pokémon Pikachu auf die Suche nach seinem verschwunden Vater. Als Spieler übernimmt man dabei die Rolle eines Detektivs und muss dabei Rätsel lösen.

    Ein Unfall seines Vaters ist nun auch im Film für Tim (Justice Smith) der Grund, sich auf den Weg in die fiktive Stadt Ryme City zu begeben. Es ist eine Welt, in der jeder Mensch ein zu ihm passendes Pokémon als Partner an der Seite hat. Nur Tim hat sich dem bis jetzt verwehrt, bis er in der Stadt den sprechenden Pikachu (Stimme: Ryan Reynolds) trifft und die Geschichte ihren Lauf nimmt.

    Das Erscheinungsbild von Ryme City ist eine wahre Pracht. Eine bunt wie düstere und mit Neonreklame durchdrungene Vision einer Megacity. Hier tummeln sich die unterschiedlichsten Pokemon, alle mit Liebe zum Detail animiert. Der Film nimmt an dieser Stelle Anleihen beim Film noir. Eine gelungen Idee, nur leider verlässt er diesen Weg auch bald wieder und eines ist zu diesem Zeitpunkt auch schon klar: Justice Smith trägt den Film nicht. Ken Watanabe als Lieutenant Hide Yoshida wird in kurzen Auftritten verbraten. Einzig die Reporterin Lucy Stevens (Kathryn Newton), die Tim bald zur Seite steht, kann der Geschichte etwas Leben einhauchen. Reynolds beweist wiederum einmal mehr, welche Kraft in seiner Stimme liegt.

    Sosehr die visuellen Effekte überzeugen, die Qualität der Geschichte selbst liegt irgendwo zwischen B-Movie und Sonntagvormittag Kinderprogramm, wobei das Fehlen einer charismatischen Hauptfigur sicher das größte Manko ist. Der Film richtet sich an ein jüngeres Publikum. Auch Kinder haben gute Filme verdient. Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu ist leider keiner davon. Dass auf Film gedreht wurde, anstelle wie heute sonst üblich digital, um einen realistischeren Look zu erhalten (interessantes Argument), rettet den Film auch nicht. Die Fortsetzung ist bereits in Planung.

    POKÈMON: MEISTERDETEKTIV PIKACHU | ROB LETTERMANN | JAP/USA 2019 | OT: POKÈMON: DETECTIVE PIKACHU | 104 MIN. | [usr 2,5]


    Foto © 2019 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND LEGENDARY


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  • ASCHE IST REINES WEISS ★★★½

    ASCHE IST REINES WEISS ★★★½

    Für europäische Augen tut sich in China eine dystopisch anmutende Welt auf. Megastädte auf karge Felsen gesetzt. Einmal bitter kalt und dann wieder tropisch warm. Flüsse so grau wie der Himmel. Gigantische Bauprojekte, die das Leben von Millionen von Menschen verändern. Obwohl das Land so groß ist, immer dicht gedrängt. Dazwischen scheinbar unendliche unbewohnte Landschaften.

    Für uns ist China ein Land unserer eigenen Projektionen. Als gäbe es nur einen richtigen Verlauf der Geschichte, wird jede Entwicklung an unserer eigenen Vergangenheit gemessen. In einem Rekordtempo scheint das Land die westlichen Entwicklungen der letzten hundert Jahre durchzumachen. Als wäre es eine Notwendigkeit. Dabei geht es den Menschen in China heute besser den je. Die Globalisierung hat ihren Anteil daran. Die Uhr an der Wand. Das Tippen dieser Zeilen auf der Tastatur. Das für uns so ferne und fremde Land ist schon lange in unsere privatesten Räume vorgedrungen.

    Das entstandene Bild Chinas in unseren Köpfen ist aber immer eines aus zweiter Hand. Menschenrechtsverletzungen, die große Ungewissheit, was die Umsetzung einer alten Idee, einer 6000 km langen Handelsroute, die vielleicht einmal vor unserer Haustüre enden wird, für uns bedeuten wird und die totale Überwachung der Bevölkerung bestimmen die Tagespolitik. Doch was genau in den Menschen dort vorgeht, die bereits ein Fünftel der gesamten Weltbevölkerung ausmachen, wissen wir nicht.

    Qiao (Zhao Tao) beschäftigt sich mit diesen Fragen nicht. In der chinesischen Provinzstadt ist sie die Geliebte eines Bandenführers. Sie genießt ihren Status an der Seite von Bin (Liao Fan), der sich mit Glücksspiel einen Namen gemacht hat. Ihre Liebe scheint bedingungslos. Das wird deutlich, als sie während eines Bandenkrieges einen Schuss in die Luft abfeuert und Bin so das Leben rettet. Mit fatalen Folgen für sie. Qiao muss ins Gefängnis. Fünf Jahre wird sie weggesperrt. Den Namen ihres Geliebten wird sie nie nennen.

    Ein Schuss mit Folgen für Qiao.

    Das Gefängnis ist wie eine Zeitkapsel. Fünf Jahre später hat sich die Welt draußen rasant verändert. Es ist das Jahr 2006. Bin wartet nicht. Er ist nicht mehr da und Qiao begibt sich auf die Suche nach ihm. Für diesen Teil der Erzählung wählt Regisseur und Drehbuchautor Jia Zhang-Ke die Provinz der Drei-Schluchten. Sie steht prototypisch für die radikalen Veränderungen, die das Land gerade durchmacht. Die Talsperre für das Dammbauprojekt wird gerade in Betrieb genommen und der Wasserstand ist dabei um 90 Meter zu steigen. Das Wiedersehen mit Bin verläuft wenig zufriedenstellend und Qiao begibt sich noch einmal auf eine Reise. Die Veränderungen sind dabei auch an ihr selbst nicht spurlos vorübergegangen.

    In Jias Filmen entstehen mehrere Bedeutungsebenen. Seine Protagonisten werden mit Umwälzungen konfrontiert. Dabei umspannt die Handlung für Jia typisch einen längeren Zeitraum. Neben den Charakteren und deren Umfeld spielt auch das Schaffen des Regisseurs selbst eine Rolle. Jia verwendet vor Jahren gedrehtes Material und setzt es in einen neuen Kontext. Er setzt seine Figuren in Landschaften und urbane Räume, in denen sie in einer Trostlosigkeit gefangen zu sein scheinen, ohne jedoch allzu viel Tragik aufkommen zu lassen.

    Irgendwann wird klar, was Qiao tatsächlich vermisst. Der originale Filmtitel gibt hier Abhilfe. Jianghu ist nicht nur die traditionelle chinesische Unterwelt. Damit verbunden ist ein eigener Moralcodex, der das Leben zwischen Freundschaft und Feindschaft und Liebe und Hass bestimmt. Eine Welt, in der sich die aus ärmlichen Verhältnis stammende Qiao schon gut zurecht gefunden hat.

    ASCHE IST REINES WEISS | JIA ZHANG-KE |OT: Jiang Hu Er Nu | CHN 2018 | 135 Min. | [usr 3.5]

    Foto ©Stadtkino Filmverleih


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  • AVENGERS: ENDGAME ★★★

    AVENGERS: ENDGAME ★★★

    Die Filme der Marvel Studios sind ein Phänomen. Soviel ist klar. Über 11 Jahre haben sie eine ganze Armee an Superhelden hervorgebracht. Eine ständig wachsende Fangemeinde hat den nun 22 Filmen zu einem bombastischen Erfolg verholfen. Die Schauspieler Robert Downey Jr. und Chris Evans haben ihre Figuren Tony Stark/Iron Man und Steve Rogers/Captain America zu überlebensgroßen Identifikationsobjekten werden lassen. Da kann ein Leinwandauftritt der beiden das Publikum im Kinosaal schon mal in ein hörbares Entzücken versetzen. Mitunter reicht dazu ein Körperteil aus, speziell wenn es „all America’s ass“ ist. Unter dem wachsamen Auge von Marvel Studios Produzent Kevin Feige hat sich das Marvel Cinematic Universum (MCU) über die Jahre zu einer gewaltigen Unternehmung entwickelt, die in der Filmgeschichte ihresgleichen sucht. Mit Avengers: Endgame kommt die Saga zu einem vorläufigen Endpunkt. Jahrelang entwickelte Handlungsstränge laufen hier zusammen. Trotz aller Marktmacht ein mutiges Konzept. Ohne Vorkenntnisse erschließt sich das neue Abenteuer nämlich nur bedingt. Das Studio hat aber einen großen Vorteil: es weiß ganz genau, was sein treues Publikum erwartet – und liefert. Doch was bedeutet das für die Qualitäten des Films an sich?

    Avengers: Endgame schließt nahtlos an Avengers: Infinity War aus dem vergangenen Jahr an. Überbösewicht Thanos (Josh Brolin) hatte seinen Handschuh mit den sechs Infinty Steinen bestückt, die ihn allmächtig machten. Für ihn wurde es zu eng im Universum. Mit einem Fingerschnippen löschte er die Hälfte aller Lebewesen aus. Auf der Erde und auch sonst wo. Darunter auch bekannte Helden wie Spider-Man und Black Panther. Ein an sich interessanter Einfall, der das Publikum unvorbereitet traf. Allein ist das mit Zeit und Raum im MCU so eine Sache. Schon in Dr. Strange (2016) und Ant-Man and the Was (2018) wurden zumindest andeutungsweise Tür und Tor für eine nicht lineare Erzählweise geöffnet.

    Trotzdem lässt sich Avengers: Endgame erst einmal viel Zeit, um die einzelnen Helden in ihrer Trauer und Verzweiflung zu zeigen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger halten sich die Actionsequenzen nämlich hier in Grenzen. Vor allem hinsichtlich der Lauflänge von drei Stunden und einer Minute. Die, dass muss man sagen, im Gegensatz zu vorangegangenen Abenteuern mit Überlänge, recht kurzweilig dahingehen. Das große Finale will zelebriert werden. War der Blick der Filme bisher immer in die Zukunft gerichtet, um immer dem nächsten Teil den Boden zu bereiten, kommt nun eine Art best of. Es gibt sie, die witzigen und spannenden Sequenzen und zahlreiche Referenzen und wenn man mit der Vergangenheit des Universums firm ist, kann das auch durchaus Spaß machen. Neu ist hier aber nichts. Der Blockbuster ist an seine Grenzen gestoßen.

    Gerade die gerne betonte anfängliche Fokussierung auf die privaten Helden und die Charakterentwicklung funktioniert nur bedingt. Im Alltag kommen die Schwächen und Ungereimtheiten zum Tragen. Marvel funktioniert nur im Bombast. Diese Widersprüchlichkeit der Charaktere ist aber gleichzeitig zentrales Identifikationsmoment.

    Bei einem Autokauf spielt seit eh und je die Emotion die größte Rolle. Meist steht das versprochene Lebensgefühl über jeder rationalen Kaufentscheidung. Ähnlich verhält es sich mit den Marvel Superhelden. Die Reaktionen von Publikum und Presse sind durchwegs positiv bis euphorisch. (Wobei sich die Fachpresse wie so oft diesseits und jenseits des Atlantiks nicht ganz einig ist.) Nicht selten lässt sich einer zu der Aussage hinreißen, gerade den besten Film seines Lebens gesehen zu haben. Da wären wir wieder beim Marvel Phänomen. Für eine heranwachsende Generation hat die Filmreihe einen Stellenwert, der alles in den Schatten stellt. Durchschnittlich mehr als zwei Filme pro Jahr haben ihre Spuren hinterlassen. Bei gleichzeitig insgesamt rückläufigen Kinobesuchszahlen. Der Grad der emotionalen Bindung ist sonst wohl nur mit Star Wars zu vergleichen. Wobei Marvel eben einen Masterplan verfolgte, den es bei Star Wars nicht gibt. Darüber hinaus sind die narrativen Möglichkeiten im Krieg der Sterne durch die lange Zeitspanne von über 40 Jahren und die Einschreibung in das kollektive Gedächtnis begrenzter und das Publikum weniger offen gegenüber Neuerungen.

    Soviel sei verraten: Captain Marvel eilt wie erwartet zu Hilfe. Für eine weibliche Führungsrolle unter den Avengers hat es aber dann doch nicht gereicht. Sie bleibt eine Randfigur. Am Ende wird sich der elfjährige Spannungsbogen schließen. Ob aus dramaturgischen Gründen oder wegen auslaufender Verträge spielt eigentlich keine Rolle. Das MCU wird ohnehin weiter expandieren und jeder Cameoauftritt eines Avengers mit perfektem Haarschnitt das Publikum immer aufs Neue verzücken.

    ANTHONY AND JOE RUSSO | USA 2019 | 3 Stunden und 1 Minute | [usr 3 ]

    Foto ©Marvel Studios 2019


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  • VAN GOGH – AN DER SCHWELLE ZUR EWIGKEIT ★★★½

    VAN GOGH – AN DER SCHWELLE ZUR EWIGKEIT ★★★½

    Willem Dafoe spielt mit 63 Jahren einen 37-Jährigen so, als wäre es das Selbstverständlichstes auf der Welt und überhaupt undenkbar, dass jemals jemand anderer Vincent von Gogh spielen könnte. Regisseur Julian Schnabel versucht in Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit die Perspektive des großen Künstler einzunehmen, der Zeit seines Lebens zwischen Genie und Wahnsinn gefangen war.

    Die Handkamera, ein Weitwinkelobjektiv und Bilder mit einer teilweisen Unschärfe sollen einen Einblick in das Denken und die Visionen von Van Gogh geben. Damit das Publikum nicht überfordert wird, kommt zur Stimme aus dem Off eine Schwarzblende. Als dränge der Zuseher in den Kopf Van Goghs ein. Die Bilder und Farben kommen dann wie von selbst. Terence Malick lässt grüßen.

    Einmal gibt es eine Szene in Schwarzweiß. Wie leblos wirkt da das gerade im Entstehen befindliche Gemälde! Schnabel möchte die Aufmerksamkeit so auf die Oberflächenstruktur lenken. Van Goghs Weggefährte Paul Gauguin (Oscar Isaac) hält zuerst nicht viel von den Bildern, findet aber die dick aufgetragene Farbschicht bemerkenswert, die den Bildern eine Plastizität verleiht.

    Wie schon in der gemalten kriminalistischen Aufarbeitung in Loving Vincent (2017), bezieht sich auch Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit auf die Theorie, dass der Maler an den Folgen eines Attentats gestorben ist. Darüber gesprochen hat er in den letzten Tages seines Lebens allerdings nie. Die Ereignisse um seinen Bauchschuss bleiben bis heute rätselhaft.

    Die Besetzung ist neben dem großartigen Dafoe nicht minder spannend. Das Who is Who aus Van Goghs Bildern ist versammelt: Mathieu Amalric ist Van Goghs Arzt Paul Gachet und Emmanuelle Seigner Madame Ginoux. Mads Mikkelsen ist ein Priester und Rupert Friend der wichtige Förderer Bruder Theo. Die Meisten von ihnen wurden durch Van Goghs Bilder unsterblich.

    Schnabel, selbst Maler, möchte mit seinem visuellen Stil das Innere Van Goghs nach außen kehren. Daher ist es kein klassisches Biopic geworden sondern vielmehr ein Psychogramm. Das Publikum soll in die Schuhe des Malers schlüpfen und mit seinen Augen die Welt sehen. Einem Mann, der sich seiner Obsession völlig hingegeben hat, oft sehr zum Leidwesen seiner Mitmenschen. Nur ein Bild hat er zu Lebzeiten verkauft. Eine alte Geschichte. Scheinbar wusste er, dass er seiner Zeit voraus war. Der Filmtitel von Schnabels Version macht deutlich, was Van Gogh selbst schon geahnt hatte.

    Im Gegensatz zu Julian Schnabels exzentrischem Auftreten wirkt der Film gar bescheiden. Im Zentrum steht aber sein Hauptdarsteller Willem Dafoe. Für diese Rolle wurde er neuerlich für einen Oscar nominiert und auf dem Filmfestival in Venedig mit der Coppa Volpi als bester Schauspieler geehrt. Er zählt zu den herausragendsten Schauspielerpersönlichkeiten unserer Zeit.

    JULIAN SCHNABEL | USA/F 2018 | OT: AT ETERNITY’S GATE | 111 Min. | [usr 3,5]

    © Foto: Filmladen Filmverleih

  • WILDLIFE ★★★★½

    WILDLIFE ★★★★½

    Veränderungen können schmerzvoll sein und trotzdem etwas Positives bewirken. Die Hoffnung nach einem neuen und besseren Leben hat die Familie Brinson gerade nach Great Falls in Montana verschlagen. Es sind die frühen 1960er Jahre und die Rollenverteilung innerhalb der Familie ist noch klar vorgegeben. Die Mutter ist Hausfrau und der Vater bringt das Geld nach Hause. Als der Vater seinen Job verliert, muss der Sohn bald erkennen, dass es mit der Familienidylle unter der Oberfläche nicht weit her ist. Keiner seiner Eltern möchte sich mit der jeweiligen Situation abfinden.

    Paul Dano (There will be blood, Love & Mercy) hat für seinen Regieerstling gemeinsam mit Zoe Kazan eine Vorlage von Richard Ford adaptiert. Schon in der ersten Einstellung wird klar, dass sie sich für die Zwischentöne interessieren. Manches bleibt lange verborgen hinter der Fassades des Einfamilienhauses. Den Figuren wird hier viel Raum und Zeit gegeben um sich zu entwickeln. Auch wenn man es erwarten würde, laut wird dieses Drama nie.

    Jerry (Jake Gyllenhaal) arbeitet auf dem Golfplatz. Die Dienste, die er dort verrichten muss, erinnern aber eher an die eines Leibeigenen. Als er kurzerhand ohne nachvollziehbare Gründe gefeuert wird, stellt sich heraus, dass ihm nicht viel liegt an Prestige und daran die Rolle des Versorgers in der Familie zu übernehmen. Er entscheidet sich dazu, sich Tagelöhnern anzuschließen, die in den Wäldern Brände bekämpfen. Dass er nun für einige Monate weg sein wird und einen schlecht bezahlten und gefährlichen Job annimmt, begeistert seine Frau Jeannette (Carey Mulligan) wenig.  

    So ist die Ausgangslage in Wildlife und der Fokus der Geschichte verschiebt sich folglich auf Jeannette und den Sohn Joe (Ed Oxenbould). Dano erzählt aus der Sicht von Joe, wie sich seine Mutter anfängt zu emanzipieren und aus den beengenden vier Wänden auszubrechen versucht. Es ist eine schmerzhafte Erfahrung für Joe. Die Kamera verweilt immer wieder auf ihm und seinen schockierten Blicken und man ahnt welche Abgründe sich für dem 13-Jährigen auftun.

    Die Kameraarbeit von Diego García ist präzise und schön komponiert und stimmig. Dano beherrscht die visuelle Gestaltung ebenso wie die dramaturgische. Bei der Schauspielführung erweist er eine gute Hand. Mulligan und Oxenbould sind großartig.

    Joe versucht am Ende seine Familie noch einmal zu vereinigen und diesen Moment festzuhalten. Seine Eltern befinden sich da aber schon in zwei unterschiedlichen Welten. Gesellschaftliche Normen und Geschlechterrollen sind schon längst im Umbruch. Wildlife zeigt uns aber kein Ende sondern einen Neubeginn.

    PAUL DANO | USA 2018 | 104 Min. | [usr 4,5]

  • BORDER ★★★★

    BORDER ★★★★

    Als Border beim letzten /slash Filmfestival in Wien gezeigt wurde, hätte man während des Nachspannes die buchstäbliche Nadel im Heuhaufen fallen hören können. Alle waren irgendwie perplex. Die Welt, in die uns Regisseur Ali Abbasi für knappe zwei Stunden entführt, verlangt dem Publikum einiges ab. Manche mag es überfordern. Für Freunde des Fantastischen Films ist Border jedenfalls ein Pflichttermin.

    Tina (Eva Melander) ist eine Zollbeamtin an der schwedisch-dänischen Grenze. Ihr Gesicht, mit den tiefliegenden Augen und den Schwellungen, hat animalische Züge und erinnert irgendwie an eine massive allergischen Reaktion. Für ihren Job bringt sie jedoch eine vorteilhafte Gabe mit. Sie kann die Angst von Menschen riechen. So steht sie nun schnaufend beim Zoll und gibt ihren Kollegen ein Zeichen, wenn sie etwas Auffälliges riecht. Das funktioniert solange gut, bis ihr eines Tages der ihrer Physiognomie ähnelnde Vore (Eero Milonoff) gegenübersteht. Tina ist irritiert und gleichzeitig übt Vore eine unbekannte Faszination auf sie aus. Eine schicksalhafte Begegnung durch die sich die naturverbundene und zurückgezogen in einem abgelegenen Haus im Wald lebende Außenseiterin mit ihrem eigenen Wesen auseinandersetzen muss. Mehr über den Inhalt zu verraten, würde dem Film nichts Gutes tun.

    Ein Bad im Waldsee. Was für eine Freude.

    Es sind viele Themenkomplexe von Rassismus über Identitätensuche bis skandinavischer Mythologie, die Abbasi hier anschneidet. Für ihn erlaubt es der fantastische Film, die Gesellschaft von einer anderen Perspektive aus zu betrachten. Dabei bleibt er schonungslos. Border ist in seiner Radikalität kein bequemer Film. Er überzeugt durch Düsternis, Umvorhersehbarkeit, Konsequenz und sein Ensemble.

    Melander und Milonoff mussten bereits vor Drehbeginn viele Stunden für das Auftragen der Silikonmasken aufwenden (Die Mühen wurde mit einer Oscar Nominierung für das Makeup belohnt.) Trotz der zentimeterdicken Maske ist der schauspielerische Ausdruck erstaunlich intensiv.

    Nun, Border ist ein großartiger Film und für all jene interessant, die sich im Kino nach etwas völlig anderem sehnen. Ein modernes Märchen, verstörend und faszinierend zugleich. In gewissem Sinne ist Border selbst ein Außenseiter, in einer Zeit in der es meist darum geht, immer wieder ähnliche Inhalte wiederzukäuen. Damit einher geht die Notwendigkeit, möglichst schnell aus den Köpfen der Menschen zu verschwinden. Die Aufmerksamkeitsspanne soll vielleicht gerade noch solange anhalten um über den Kinobesuch hinaus eine im Kontext der weiteren Vermarktung relevante Investition zu tätigen. Border wiederum lässt sein Publikum so schnell nicht wieder los.

    ALI ABBASI | SWE/DNK 2018 | OT: GRÄNS | 110 Min. | [usr 4]

  • FREE SOLO ★★★★

    FREE SOLO ★★★★

    Es soll Weltengegenden geben, in denen man sich in freier Natur von A nach B bewegt, allein zum Zweck der Selbstbespaßung. Kein Weg ist zu weit, kein Berg zu hoch und kein Umweg zu groß. Und dann gibt es Menschen wie Alex Honnold. Umwege kennt er nicht. Dort wo andere umdrehen, geht er erst los. Als Freeclimber gibt es für ihn keine Grenzen. Ohne Seil und Sicherung klettert er furchtlos Felsformationen hinauf. Free Solo erzählt die Geschichte seiner Besteigung des 975 Meter hohen und fast senkrecht ansteigenden El Capitan im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien.

    Penibel genau wird der Ablauf geplant. Jede Bewegung und jeder Griff in tagelanger Arbeit festgelegt. Denn jeder Fehltritt würde für Honnold den Tod bedeuten. Gemeinsam mit dem Team um Kameramann Jimmy Chin und Regisseurin Elizabeth Chai Vasarhelyi werden die Kamerapositionen bestimmt. Nichts soll Honnold ablenken oder unter Druck setzen. Nicht nur für Kletterinteressierte ist es faszinierend zu sehen, wie Honnold in dieser scheinbar unbezwingbaren Wand doch Stellen finden kann, an denen er sich festhält. Wobei er sich zeitweise nur mit seinem Daumen fixieren kann.

    Alex Honnold im Yosemite National Park. (National Geographic/Jimmy Chin)

    Die Kameraarbeit ist sensationell. Man ist hautnah dran. Die Senkrechte ermöglicht spektakuläre Effekte. Grafische Darstellungen veranschaulichen den Weg und geben eine Orientierungshilfe.

    Free Solo ist auch aus einer anderen Perspektive interessant. Alex Honnold lebt in einem Van und besitzt nicht viel mehr, als er gerade am Körper trägt. Er gibt sich ganz dem Sport hin. Für soziale Kontakte ist da kaum Platz. Selbst als er erstmalig eine Beziehung eingeht ist klar, die Kletterei kommt zuerst. Ohne Rücksicht. Dieses Entbehrungsreiche Leben und die Fixierung auf den Sport machen aus ihm einen Aussenseiter, regen aber auch zum Nachdenken an über all den unnötigen (materiellen) Ballast, den man selbst im Leben so ansammelt.

    Dass Free Solo mitunter wie eine Dauerwerbesendung für Outdoor-Bekleidung daherkommt, ist den Gesetzen der Sportwelt geschuldet, in der Werbeverträge die wichtigste Einkommensquelle sind. In Spielfilmen fällt uns die unterschwellige Werbung oft gar nicht mehr auf. Sportler tragen eben keine Luxusuhren und fahren nicht die neuesten Autos.

    Die meisten werden den El Capitan nur als Namensgeber eines Betriebssystems kennen. Auf Kletterer übt der Felsen aber schon seit Jahrzehnten eine große Faszination aus. Manche Routen gelten als die schwierigsten der Welt. Alex Honnold schaffte für diese Dokumentation die Route Freerider am 3. Juni 2017 in einer Zeit von unter vier Stunden. Eine andere Route, The Nose, bewältigte er gemeinsam mit Tommy Caldwell ein Jahr später in unter zwei Stunden. Seilschaften benötigen für die Routen auf den Gipfel üblicherweise drei bis vier Tage.

    Free Solo wurde in diesem Jahr mit dem Oscar für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

    Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi | USA 2018 | 100 Min. | [usr 4]

  • EIN GAUNER & GENTLEMAN ★★★★

    EIN GAUNER & GENTLEMAN ★★★★

    Nachdem Robert Redford letzten Sommer bekannt gab, Ein Gauner & Gentleman würde sein letzter Film werden, war die Resonanz so groß, dass er seine Verkündigung wieder relativierte. Er wollte nicht, dass der Trubel um seine Aussage vom eigentlichen Film ablenkt. Ganz der Gentleman also, den man kennt. Hat sich die 82-jährige Schauspiellegende doch noch nicht ganz verabschiedet? Soviel ist sicher: es wäre zumindest ein standesgemäßer Abgang geworden.

    Robert Redford hat sich nicht nur mit zahlreichen Filmklassikern vor und hinter der Kamera einen Namen gemacht. Durch das von ihm Mitte der 1980er gegründete Sundance Filmfestival, gilt Redford als großer Förderer des Independent Filmes. Nebenbei engagiert sich der zurückgezogen lebende Schauspieler für den Umweltschutz. Nach einem Ausflug zum Streaming Dienst Netflix mit Unsere Seelen bei Nacht kehrt die Hollywoodlegende nun noch einmal auf die große Leinwand zurück.

    Robert Redford hat mit rund 50 Rollen Kinogeschichte geschrieben.

    Banküberfälle sind für Forrest Tucker (Robert Redord) so etwas wie sein Lebenselixier. Jahrzehntelang raubte er Banken aus, wurde mehr als ein Duzend Mal inhaftiert und jedesmal gelang ihm die Flucht. Das alles ohne jemals einen Schuss abzufeuern und meistens mit einem Lächeln auf den Lippen. Unglaublich? Die Geschichte beruht tatsächlich auf einer wahren Begebenheit. Regisseur David Lowery (A Ghost Story) verfasste das Drehbuch auf Grundlage eines Zeitungsartikels von David Grand über Tucker im New Yorker.

    Ein Gauner & Gentleman setzt Anfang der 1980er ein. Tucker ist seit zwei Jahren auf der Flucht. Der Polizist John Hunt (Casey Affleck) ist ihm dicht auf den Fersen. Er ist fasziniert von der Arbeitsweise des Meisterdiebs. Als der Fall an das FBI geht, recherchiert er weiter und kommt hinter Tuckers geheime Identität. Er kann seine Tochter ausfindig machen (Elisabeth Moss) und kommt gefährlich nahe an Tucker heran. Der wiederum wird von zwei Komplizien unterstützt (Danny Glover und Tom Waits). Die großartige Besetzung wird durch Sissy Spacek als Jewel vervollständigt, deren Bekanntschaft Tucker zufällig während einer Flucht macht. Ob sie ihn dazu bewegen kann, die Gaunereien sein zu lassen?

    Mit Witz, Nostalgie und eine große Portion Charme erzählt Regisseur Lowery eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die ihre ganze Kraft aus der wunderbaren Besetzung schöpft. Ein Gauner & Gentleman ist eine Hommage an des Kino des New Hollywood, in dem Robert Redford selbst groß geworden ist. Eine Liebeserklärung an das Kino, die sich kein Filmfan entgehen lassen sollte.

    DAVID LOWERY | USA 2018 | OT: THE OLD MAN AND THE GUN | 94 Min. | [usr 4]