Kategorie: Review

  • INTRIGE ★★★★½

    INTRIGE ★★★★½

    Das Historiendrama mit dem knappen Titel Intrige wurde im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt und gewann sogleich den Großen Preis der Jury. Im Herbst wurde Roman Polanskis Film über die Dreyfus-Affäre in Venedig mit dem Silbernen Löwen, dem Großer Preis der Jury ausgezeichnet und vor wenigen Tagen bekam der französisch-polnische Filmregisseur gleich drei César überreicht. Wobei ganz so stimmt das nicht. Polanski erschien nicht zur Gala in Paris. Er fürchtete sich vor Aktionen von Frauenrechtlerinnen. Längst steht nicht mehr das Werk von Polanski sondern seine Vergangenheit im Mittelpunkt der Berichterstattung. Immer wieder kommt es zu belastenden Anklagen von Frauen, die Polanski missbraucht haben soll. Er bestreitet dies und stellt dabei so manchen Kritiker vor ein selbst auferlegtes moralisches Dilemma. Nämlich vor die Frage, ob Werk und Autor zu trennen seien. Gerade im Fall von Roman Polanski eine nur bedingt notwendige Diskussion. Polanski ist kein Harvey Weinstein. Aber das soll ihr ohnehin nicht Thema sein. Der 87-jährige Regisseur beweist mit Intrige einmal mehr, dass er immer noch zu den bedeutendsten europäischen Regisseuren zählt.

    Der Filmtitel – im Original J’Accuse – leitet sich von dem gleichnamigen offenen Brief des französischen Schriftstellers Émile Zola ab, den er 1898 verfasste. Darin klagte er führende Militärs des Amtsmissbrauchs an. Ein gesellschaftlicher und politischer Skandal. Worum ging es? Der junge Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wurde drei Jahre zuvor wegen Spionage für Deutschland verurteilt und ins Exil auf die Teufelsinsel im Atlantik verbannt. Dem gerade zum Leiter der militärische Abwehreinheit beförderten Offizier Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) eröffnen sich wenig später die dunklen Machenschaften des Militärapparates. Korruption und Vertuschung stehen auf der Tagesordnung. Der Jude Dreyfus war ein Opfer einer antisemitischen Hetzkampagne. Picquart setzt von nun an alles daran, um Dreyfus zu rehabilitieren. Nicht wegen seiner jüdischen Herkunft, sondern der Gerechtigkeit willen. Ein schwieriges und gefährliches Unterfangen. Es ist ein langer Weg, bis die Wahrheit an die Öffentlichkeit gelangt.

    Die Geschichte ist verworren und komplex. Schon allein wegen der Vielzahl an beteiligten Personen. Polanski schafft es, sie gemeinsam mit dem Autor Robert Harris klar und verständlich zu erzählen. Intrige legt ein betrügerisches System von Antisemitismus offen. Eine zentrale Rolle spielen dabei handschriftliche Dokumente und deren Analysen. Das Geräusch, des durch Hände gleitenden Papiers, beschwört die Wahrheit herauf, die in den Schriftstücken steckt. Die Rollen sind allesamt exzellent besetzt. Jede Einstellung wirkt wie ein Gemälde. Die Ausstattung ist opulent.

    Mag sein, dass Polanski selbst im Schicksal Dreyfus‘ Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Biographie festzumachen vermag. Intrige ist jedoch viel zu unaufgeregt und sachlich, um dahingehend als Manifest verstanden zu werden. Gerade das Ende wird fast beiläufig erzählt. Kein falscher Pathos. Historische Nüchternheit. Ein wichtiger und aktueller Film.

    ROMAN POLANSKI | INTRIGE (OT: J’ACCUSE) | F 2019 | 132 MIN. | [usr 4,5]


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    ▶︎ AMERICAN FACTORY

    ▶︎ LITTLE WOMEN

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    ▶︎ JOJO RABBIT

  • LITTLE WOMEN ★★★★½

    LITTLE WOMEN ★★★★½

    Lady Bird, das großartige Erstlingswerk des Multitalents Greta Gerwig von 2017, entpuppt sich nun ein weiteres Mal als Glücksfall. Zu Little Women, nach dem gleichnamigen Roman von Louisa May Alcott aus dem Jahr 1868, hatte sie bereits das Drehbuch verfasst. Nun bekam Gerwig auch die Möglichkeit, den Film selbst zu inszenieren. Sie rührte in der Chronologie der Geschichte ordentlich um und schüttelte den alten Stoff kräftig durch, um ihn von jeglichem Staub der Zeit zu befreien. Das Ergebnis ist ein erfrischend aktueller Film, mit einer herausragenden Besetzung, über die Emanzipation von vier Schwestern im 18. Jahrhundert.

    Die Geschichte ist gegen Ende des amerikanischen Bürgerkriegs angesiedelt. Josephine March (Saoirse Ronan) lebt mit ihren drei Schwestern Margaret (Emma Watson), Amy (Florence Pugh), Elisabeth (Eliza Scanlen) und ihrer Mutter Marmee (Laura Dern) in New England. Der Vater (Bob Odenkirk) befindet sich noch im Krieg. Die Wünsche und Träume der jungen Frauen prallen auf die gesellschaftlichen Erwartungen der damaligen Zeit. Vorrangiges Ziel soll es sein, eine gute Partie zu machen, also reich zu heiraten. Vor allem Josephine, genannt Jo, stellt sich gegen diese Konventionen und möchte ihren eigenen Willen durchsetzen. Sie steht im Zentrum der Erzählung. Als Alter Ego der Autorin May Alcott möchte sie Schriftstellerin werden und versucht ihre Geschichten dem Verleger Mr. Dashwood (Tracy Letts) zu verkaufen. Für ihn ist eines wichtig: Die weiblichen Figuren müssen am Ende entweder verheiratet oder tot sein. Das passt Jo so überhaupt nicht in ihre Vorstellungen.

    Florence Pugh als Amy in LITTLE WOMAN (2019)

    Bald müssen die vier bemerken, wie schwierig es ist, ihre Vorstellungen vom emanzipierten Leben umzusetzen. Damit kommt am ehesten noch Margaret zu recht, die sich mit der Rolle der Mutter in der Familie abzufinden weiß und dabei auf eine Karriere als Schauspielerin verzichtet. Amy, die für einige Zeit ihre Tante (Meryl Streep) nach New York begleitet, macht dort erste Bekanntschaften mit Männern und möchte Malerin werden. Elisabeth ist das Nesthäkchen und leidenschaftliche Klavierspielerin. Auch wenn die Unterschiede mit zunehmenden Alter größer werden, tut das dem Zusammenhalt der unterschiedlichen Schwestern keinen Abbruch.

    Saorise Ronan und Timothée Chalamet in LITTLE WOMEN (2019)

    Der Nachbarsjunge Laurie (Timothée Chalamet) verdreht nicht nur dem Kinopublikum den Kopf. Das Raunen im vollen Kinosaal bei seinem ersten Auftritt ist nicht zu überhören. Er gilt zurecht als einer der großen Begabungen unter den derzeitigen Jungschauspielern. Im Film gilt sein Interesse Jo. Da sie sich mit Rollenclichés aber überhaupt nicht abfinden mag, erfährt er immer wieder Zurückweisungen. Little Women ist aber kein Spiel um Intrigen und Leidenschaften, wie man es sonst aus Filmen des Genres kennt, sondern vielmehr ein Feelgood Movie mit Tiefgang, in dem die Männer zu charmanten Nebendarstellern werden und die Interessen der Frauen alleine im Mittelpunkt stehen.

    Emma Watson, Saorise Ronan , Eliza Scanlen und Florence Pugh in LITTLE WOMEN (2019)

    Gerwig entschied sich dazu, die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen. Durch die ständigen Sprünge zwischen zwei Zeitachsen fordert sie ihr Publikum etwas aber gleichzeitig verleiht das der Geschichte die nötige frische und erhöht gleichzeitig die Aufmerksamkeit. Der Stoff, der schon mehrmals verfilmt wurde (zuletzt: Betty und ihre Schwestern, 1994), wird dadurch nur interessanter.

    Es gab schon lange keinen Film, in dem die Lebensfreude der Charaktere so auf das Publikum übergesprungen ist. Little Women kommt nur im ersten Moment im Gewand eines Kostümfilms daher. Obwohl das Kostümdesign, genauso wie die Kamera von Yorick Le Saux, bemerkenswert ist. Es ist eine sanfte Erneuerung des Stoffes, die Gerwig vorgenommen hat und den Film modern und geradezu zeitlos macht und sie selbst zu einer der spannendsten Regisseurinnen Hollywoods. Bei den Oscars wurde das vorerst mit 6 Nominierungen honoriert, unter anderem in der Kategorie Bester Film. Für das Drehbuch darf sich Gerwig durchaus Chancen ausrechnen.

    GRETA GERWIG | LITTLE WOMEN | USA 2019 | 135 MIN. | [usr 4.5]


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    ▶︎ EIN VERBORGENES LEBEN

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    ▶︎ JOJO RABBIT

    ▶︎ 1917

    ▶︎ 7500

  • EIN VERBORGENES LEBEN ★★★★½

    EIN VERBORGENES LEBEN ★★★★½

    Mit seinen letzten Arbeiten (To The Wonder, The Tree of Life) strapazierte Regisseur Terrence Malick nicht selten die Geduld seines Publikums. Stargespickt aber mit transzendentalen und philosophischen Exkursen, Naturaufnahmen, Voice-over und dem ihm eigenen Bildstil der fließenden Kamerabewegungen in extrem weitwinkeligen Einstellungen (Kamera: Emmanuel Lubezky), verlor sich der US-Amerikaner oft in Belanglosigkeiten. Nun hat er sich den letzten Wochen im Leben des oberösterreichischen Wehrmachtsdissidenten Franz Jägerstätter angenommen. Auf einmal macht das alles Sinn. Natur, Drama, Dynamik: Hier fließt alles in einer Unmittelbarkeit zusammen. Ein verborgenes Leben (OT: A Hidden Life) ist in all seiner Kraft überwältigend.

    Der aus St. Radegund stammende Franz Jägerstätter (August Diehl), geboren 1907, bewirtschaftete gemeinsam mit seiner Frau Franziska (Valerie Pachner) einen Bauernhof. 1940 wird er zum Militärdienst einberufen, jedoch als unabkömmlich eingestuft. Im Zuge einer weiteren Einberufung am 1. März 1943 erklärte der streng Gläubige beim Militärkommando in Enns, dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne. Jägerstätter wird in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis im Linzer Ursulinenhof gebracht und Anfang Mai in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel überstellt. Am 6. Juli 1943 wird Franz Jägerstätter wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 hingerichtet.

    Jägerstätters Geschichte ist in Österreich wenig bekannt. Erst in den 1970er Jahren wurde er von einem amerikanischen Soziologen wiederentdeckt. Davon ausgehend wurde seine Rehabilitation vor allem von katholischen Organisationen vorangetrieben. Dadurch erlangte Jägerstätter in den USA eine gewisse Bekanntheit. In Österreich selbst und hier speziell in St. Radegund, war es ein mühsamer Weg, den Kriegsdienstverweigerer als Kriegsopfer entsprechend zu würdigen. Das geschah zuletzt 2014 bei der Enthüllung des „Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjusstiz“ auf dem Wiener Ballhausplatz.

    Ein Verborgenes Leben beginnt in den Wochen bevor Jägerstätter zum Militärdienst einberufen wurde. In der oberösterreichischen Idylle, an der Deutschen Grenze zwischen Salzburg und Braunau am Inn, arbeitet man hart, um über die Runden zu kommen. Es ist das Jahr 1940 und der Krieg ist für die Bevölkerung in weiter Ferne. Doch irgendwann wird auch das entlegendste Dorf von ihm erfasst, dann, wenn die Männer zum Kriegsdienst abkommandiert werden. Jägerstätter hat den Entschluss bereits seit längerem gefasst, der Einberufung nicht folge zu leisten und den Eid auf Adolf Hitler zu verweigern. Er ist aber nicht frei von Zweifeln.

    Lange Gespräche mit dem Pfarrer Ferdinand Fürthauer (Tobias Moretti) und dem Bürgermeister Major Kraus (Karl Markovics) lassen ihn aber nicht davon abbringen. Kraus redet ihm zu: Warum das alles? Niemand wird sich im Nachhinein an ihn erinnern. Dabei sieht es die Dorfgemeinschaft als staatsbürgerliche Pflicht, den Dienst am Vaterland zu leisten. Hier teilt sich die Handlung und die Geschichten von Franziska und Franz werden parallel erzählt.

    Nachdem Jägerstätter sich verweigert und ins Gefängnis gesperrt wird, richtet sich die lokale Bevölkerung gegen seine Frau Franziska und die Kinder. Sie gelten von nun an als Verräter. In eindringlichen Szenen wird spürbar, was die Familie durchmachen musste und vor allem worin das Regime seine Stärke bezog. Franziska und ihre drei Töchter sind täglichen Denunzierungen ausgesetzt. Malick stützt sich in seiner Erzählung auf den Briefwechsel zwischen Franz und Franziska.

    Franz wird mehrmals verlegt und kommt zuletzt nach Berlin. Dort wird er dem Richter Lueben (Bruno Ganz in einer seiner letzten Rollen) vorgeführt, der ihn vergeblich umzustimmen versucht. Er wird zum Tod verurteilt und es beginnt das Warten auf die Hinrichtung. Am 9. August 1943 wird Franz Jägerstätter schließlich ermordet. Die Szenen vor der Hinrichtung – die man selbst nicht sieht – gehören zu den stärksten der jüngsten Filmgeschichte. In St. Radegund läuten die Kirchenglocken. August Diehls schauspielerische Leistung ist außerordentlich. Genauso wie die von Valerie Pachner. Gemeinsam geben sie ein herzzerreißendes Liebespaar ab.

    Es ist gerade Malicks unverkennbarer Stil, der Ein Verborgenes Leben zu einem so eindringlichen Film macht. Er gibt den Schauspielern größtmögliche Freiheiten und arbeitet mit extrem langen Takes. Dabei filmt er seine Schauspieler auch dann, wenn eigentlich gerade Drehpause war. Wenn es dichter wird, sucht die Kamera die Bilder, drängt sich an die Schauspieler. Dann wieder die Weite mit der schönen Landschaft. Malick und sein Kameramann (diesmal: Jörg Widmer) wissen genau, wann sie welche Einstellung einsetzen. Gezielt setzt Malick historisches Bildmaterial ein.

    Durch den Film zieht sich das für Malick typische philosophische Voice-Over. Hinzu kommt – zumindest in der englischen Originalfassung – ein Sprachengewirr. Das ursprüngliche Vorhaben, den Film in Deutscher Sprache zu drehen, hat man irgendwann fallen gelassen. Grundsätzlich funktioniert das auch mit einem ausschließlich österreichischen und deutschen Cast überraschend gut. Doch dann wechselt Malick zwischen Deutsch und Englisch. Eine nicht nachvollziehbare Entscheidung. Für den Regisseur steht die Sprache einfach nicht im Vordergrund seiner Erzählung. In der synchronisierten Fassung kommt das aber ohnehin nicht zum Tragen.

    Ein verborgenes Leben zeigt eine Form des stillen Widerstands gegen das Naziregime. Mit all seiner Konsequenz. Darüber hinaus ist es eine berührende Liebesgeschichte. Die tiefe Liebe zwischen Franz und Franziska ist ergreifend. Für Jägerstätter ist sein Handeln nicht in einer religiösen Überzeugung begründet, sondern eine Gewissensfrage. Es ist eine Entscheidung, die er nicht mit seinen Liebsten Teilen kann, sondern für sich selbst treffen muss.

    Nicht zuletzt werden wir mit der Frage konfrontiert, wie wir selbst gehandelt hätten. Es ist eine zutiefst zermürbende Frage, weil wir keine eindeutige Antwort darauf geben können. Auch wenn wir das gerne können würden. Ein Verborgenes Leben ist ein Kriegsfilm abseits kriegerischer Auseinandersetzungen und erzählt die Geschichte so, das es kaum vorstellbar ist, sie je anders zu erzählen. Die große Überraschung der letzten Viennale ist der Film der Stunde, der Film des vergangenen Jahres und vielleicht des Jahrzehnts.

    EIN VERBORGENES LEBEN (OT: A HIDDEN LIFE) | TERENCE MALICK | D/USA 2019 | 174 Min. | [usr 4,5]


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    ▶︎ JOJO RABBIT

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  • LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    Während sich die einen in scheppernden Blechbüchsen ins All schießen ließen, versuchten andere in der horizontalen technische Rekorde aufzustellen und blieben zumindest bis sie in einer Kurve abhebten auf dem Boden. Der Motorrennsport war noch ein unmittelbares Ereignis. Bis in die 1960er Jahre konnten die Zuschauer den Fahrtwind der vorbeirauschenden Autos spüren und standen direkt an der Stecke. Pioniergeist lag in der Luft. Zu dieser Zeit startete Ford den Versuch, die jahrelange Erfolgswelle von Ferrari in Le Mans zu stoppen. Die Scuderia Ferrari hatte das Rennen seit 1960 in jedem Jahr gewonnen. Le Mans 66 erzählt nun eine wahre Geschichte, deren Ausgang wohl nur Motorsportfans kennen dürften.

    Am Anfang stand das Angebot von Ford, den wirtschaftlich schwächelnden Automobilhersteller Ferrari zu übernehmen. Hintergedanke war der, dass Ford in den Motorsport einsteigen wollte und Ferrari der größte Konkurrent war. Die Bedingungen von Ford entzürnten Enzo Ferrari und er lehnte ab. Fiat kam zum Zug. Auch wenn Regisseur James Mangold hier den Zeitablauf etwas durcheinander bringt, bedeutet das in Le Mans 66 den Beginn für einen Wettlauf um den Sieg beim legendären Langstreckenrennen im Jahr 1966. Ford engagiert dafür den ehemaligen Rennfahrer und nunmehrigen Konstrukteur Carroll Shelby (Matt Damon). Shelby wählt Ken Miles (Christian Bale) als Werksfahrer.

    Der Grundkonflikt spielt sich nicht zwischen Ford und Ferrari ab, sondern innerhalb von Ford selbst. Vizepräsident Leo Bebe (Josh Lucas) ist die Zusammenarbeit mit Shelby und vor allem dem Fahrer Miles ein Dorn im Auge. Miles gilt als unberechenbar und dem Image der Marke nicht zuträglich. Henry Ford II (Tracy Letts) hat nicht immer die Kontrolle über seine Firma oder wie Enzo Ferrari (Remo Girone) richtig bemerkt: Er ist nicht Henry Ford, sondern Henry Ford II und damit weit entfernt vom Pioniergeists seines Großvaters oder dem von Ferrari selbst. Le Mans 66 handelt vom Kampf Shelbys, seine Strategie gegenüber den Auftraggebern durchzusetzen.

    Ken Miles ist der einzige mit einer Hintergrundgeschichte. Es ist auch der spannendste Charakter und Christian Bale das Zentrum des Films. Seine Darstellungskraft und Wandlungsfähigkeit ist neuerlich beeindruckend. Darüber hinaus hätte man doch gerne mehr über die Beteiligten erfahren. Carroll Shelby ist nicht mehr als der Mittelsmann zwischen den Managern von Ford und seinem Fahrer Miles. Die Italiener im Film verkommen leider überwiegend zu Karikaturen und müssen für die Lacher sorgen. Alleine der legendäre Enzo Ferrari sticht etwas hervor. Die Leidenschaft Ferraris für den Motorsport steht dem purem ökonomischem Kalkül bei Ford gegenübergestellt.

    Der Film versucht ansatzweise zu vermitteln, was es benötigt um ein schnelles Auto zu bauen. Oder besser: ein Auto, das schneller ist als alle anderen. Die Rennszenen sind spektakulär und man sollte sie sich auf der großen Leinwand nicht entgehen lassen. Optisch gibt der Film einiges her. Eine Einstellung ist schöner als die andere (Kamera: Phedon Papamichael). Durch die Mischung aus Rennsport und Drama kann Le Mans 66 (wie schon Rush, 2013) ein großes Publikum begeistern. Gerade wegen des tragischen Schicksals von Miles, der 1966 seine erfolgreichste Saison fuhr. Selbst wenn man sich vor und nach den 2 1/2 Stunden nicht für Autos interessieren mag, macht der Film durchaus Spaß. Mit seinen 4 Oscar Nominierungen (auch Bester Film, allerdings keine Nominierung für Bale) gehört er aber eher in die Kategorie lucky-to-be-there.

    JAMES MANGOLD | LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE (OT: Ford v Ferrari) | USA 2019 | 153 MIN | [usr 4]


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  • JOJO RABBIT ★★★★½

    JOJO RABBIT ★★★★½

    Das war so nicht zu erwarten. Taika Waititis JoJo Rabbit ist eine Nazi-Persiflage, die nicht nur außerordentlich komisch ist, sondern noch dazu auf inhaltlicher Ebene überzeugt. Ob man über die Nazigräuel lachen darf, wurde schon oft diskutiert. Wer es nicht kann, sollte von dem Film die Finger lassen. Die es können, werden vor Lachen fast vom Kinosessel fallen und gleichzeitig zutiefst berührt sein, von der Geschichte über einen kleinen Nazi-Jungen.

    Johannes „JoJo“ Betzler (Roman Griffin Davis) ist ein Hasenfuß, gerade einmal zehn Jahre alt und verliebt in Hakenkreuze. Ein überzeugter Nazi. Die Aufnahme in die Hitlerjugend, ein großer Traum. Seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) verfolgt eine andere Agenda, die aber anfangs im Dunkeln bleibt. Jojo hat zwei beste Freunde. Einer davon ist Adolf Hitler (Taika Waititi), den er sich stets an seine Seite imaginiert. Sam Rockwell als Nazi Hauptmann Klenzendorf, Rebel Wilson als Fräulein Rahm und Tomasin McKenzie (bekannt aus Leave no Trace) als jüdisches Mädchen Elsa komplettieren das wunderbare Ensemble. Jojo tut alles, um ein perfekter Nazi zu sein, seine Tollpatschigkeit versperrt ihm aber den Weg zu einer Nazi-Karriere. Da macht er zu Hause eine unerwartete Entdeckung.

    Jojo Rabbit hat als Satire, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, gewichtige Vorbilder von Charlie Chaplins Der große Diktator (1940), Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein (1942) und Mel Brooks Frühling für Hitler (1968) bis zu Roberto Benignis Das Leben ist schön (1998) und Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009). Vor allem, wenn es der Darstellung der Nazis an notwendigem Ernst fehlte, hagelte es Kritik. So nun auch im Falle von Jojo Rabbit. Geschmacklosigkeiten wurden Mel Books schon 1968 vorgeworfen. Sein Drehbuch für Frühling für Hitler gewann schließlich den Oscar und der Film gilt heute als Klassiker.

    Waititi (Thor: Tag der Entscheidung , 2017) wirft mit Stereotypen jener Zeit nur so um sich, dass es eine Freude ist. Wobei halt! Jener Zeit? Unterscheiden sich die herabwürdigenden Darstellungen von Menschen jüdischen Glaubens und andere Widerlichkeiten überhaupt von jenen, wie sie heute mit leidenschaftlicher Wehemenz von so mancher Landesorganisation des Rechten Lagers verbreitet werden? Erschreckend wenig.

    Was alleinstehend einfach nur ungustiös ist, verwandelt sich aber im Kontext des Filmes in eine wunderbare Persiflage. So mag eine derartige Satire für manche auf wackeligen Beinen stehen. Sie ist jedoch ein gangbarer Weg um dem Bösen zu begegnen, ohne beim Publikum falsche Schuldgefühle hervorzurufen. Was wiederum ein Kritikpunkt an Steven Spielbergs Schindler’s Liste gewesen ist und damals nicht einmal ganz unbeabsichtigt war. Hält Jojo Rabbit nun einer kritischen Auseinandersetzung stand?

    Durch den enormen Erfolg des Filmes, so findet Waititi, tritt das Risiko, das die Produktion eingegangen ist, in den Hintergrund. Anstatt der Fox-Fanfare zu Beginn hört man „Gib mir deine Hand“ von den Beatles und dazu sehen wir viele Menschen, die ihre rechte Hand Richtung Himmel strecken. So etwas kann leicht in die Hose gehen. Das Nazi-Regime durch die Augen eines Kindes zu betrachten ist Waititi gelungen. Der Film hat Charme, Witz und beweist für eine Satire ungewöhnlichen Tiefgang. Vor allem durch den Charakter der Mutter. Scarlett Johansson ist so etwas wie das liebevolle Herz des Filmes. Nur um ihren Sohn zu beschützen, läßt sie ihn in dem Glauben, Mitglied einer überzeugten Nazi-Familie zu sein. Bis sich das Blatt wendet.

    Am Schluss setzt David Bowies Song „Helden“ dem ganzen die Krone auf: „Wir können sie schlagen für alle Zeiten.“ Der Film sagt dem Hass den Kampf an. Humor hat sich immer schon als effektive Waffe erwiesen. Der Psychiater Viktor Frankl, der drei Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte, schrieb: „Der Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung.“ Jojo Rabbit mag vielleicht überambitioniert wirken in dem Versuch Tragik und Komik zu vereinen. Am Ende sitzt man aber im Kinosessel, vollgepackt mit Emotionen, die man erst einmal für sich selbst einordnen muss. Wie oft passiert das schon?

    TAIKA WAITITI | JOJO RABBIT | USA 2019 | 108 MIN. | [usr 4.5]


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  • 1917 ★★★½

    1917 ★★★½

    Schon lange nicht hat ein Film solch geteilte Meinungen hervorgerufen, wie das Kriegsdrama 1917 von Regisseur Sam Mendes. Von einem Meisterwerk ist die Rede oder aber auch von einer großen Irrung, dass nämlich die Technik alleine in der Lage sei, die ganze Magie des Kinos heraufzubeschwören und Wahrhaftigkeit und das unmittelbare Erleben von Emotionen zu erzeugen vermag. Die Grundidee des Films besteht darin, dass die Kamera zwei Soldaten in Echtzeit zwei Stunden durch Nordfrankreich dabei verfolgt, wie sie eine lebensrettende Botschaft an die Front überbringen. Dabei soll die Illusion entstehen, der Film sei ohne Schnitt gedreht worden.

    Lance Corporal Tom Blake (Dean-Charles Chapman) bekommt von General Erinmore (Colin Firth) den Auftrag, sich auf den Weg an die Front zu machen und Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) eine Nachricht zu übermitteln. Der für den nächsten Morgen geplante Angriff soll verhindert werden, da die Briten in einen Hinterhalt der Deutschen gelangen würden. Dies könnte bis zu 1600 Mann das Leben kosten. Blake macht sich gemeinsam mit Lance Corporal William Schofield (George MacKay) auf den Weg.

    Die beiden Soldaten bewegen sich durch das verwüstete Niemandsland hinter der Front. Es ist eine dystopische Landschaft, die die zerstörende Kraft des Krieges veranschaulicht: verlassene Schlachtfelder und Schützengräben, verwaiste Gehöfte und überall Leichen. Das Szenenbild, dieser produktionsbedingt sehr großen 360° Sets, ist eine der herausragenden Leistungen von 1917. Gedreht wurde ausschließlich bei bedecktem Himmel, um Kontinuität beim Licht zu erhalten. Dadurch erhält der Film einen kühleren Look, der Kälte suggeriert, obwohl eigentlich Sommer ist.

    Mendes und sein Kameramann Roger Deakins wenden eine Technik an, wie sie schon bei Alejandro Ganzález Iñárritu in seinem Best Picture Gewinner Birdman zum Einsatz kam. Die Kamera begleitet die Protagonisten scheinbar ununterbrochen. Zu Beginn sind noch Momente, die einen Schnitt ermöglichen auszumachen, aber irgendwann sieht man sie nicht mehr. Schier endlose Kranfahrten (oder ist es doch ein E-Motorrad?) ziehen sich durch den gesamten Film. Die Kamera schwebt, dreht sich im Kreis, steigt in die Höhe und stürzt hinab. Es ist ein regelrechtes Ballett, das Deakins hier veranstaltet und immer wieder findet er trotz der ständigen Bewegung diese schönen Bilder, wenn die Kamera einmal irgendwo verharrt. Das ist Kameratechnik in einer Perfektion, wie man sie nur selten zu sehen bekommt.

    Die Handlung selbst erstreckt sie allerdings über gut 10 Stunden. Die Realzeit stand für Mendes, der hier Aufzeichnungen aus dem Familienarchiv verarbeitet, also nicht im Vordergrund. Sein Ziel war vielmehr, durch die scheinbar ununterbrochene Szenerie ein Gefühl der unmittelbaren Nähe zu den Hauptdarstellern zu vermitteln. Mitten drin, statt nur dabei sozusagen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das etwas verwirrend. Beim Ansehen ist das aber kein großes Problem und da gibt es zwei Zugänge.

    Entweder man lehnt sich zurück und sieht sich den Film an, ohne sich groß Gedanken zu machen. Die tollen Aufnahmen werden aber nicht das intensive Kinoerlebnis ermöglichen, wie zum Beispiel zuletzt bei Christopher Nolans Dunkirk. Ein Spannungsbogen mag sich nämlich nicht entfalten. Einem kinoaffinen Publikum wird eine solche Betrachtungsweise aber ohnehin nur schwer möglich sein. Es stellt sich nämlich über die zwei Stunden immer wieder die selbe Frage: Wie haben die das nur gemacht? Es ist die Form, der sich hier alles unterordnen muss.

    Formale Experimente dieser Art gehen bis auf Alfred Hitchcock zurück, der 1948 in seinem Film Cocktail für eine Leiche (OT: Rope) auf (sichtbare) Schnitte verzichtete. Es ist aber erst das Wissen um einen richtigen One-Shot, das der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene beschert. Bei Sebastian Schippers Victoria (2015) ist das der Fall. Nichts führt allerdings daran vorbei, was sich an einem Morgen im Dezember 2002 in der Eremitage in Sankt Petersburg ereignete. Aleksandr Sokurovs Russian Ark vollzog den One-Shot in einer nie dagewesenen Eleganz und Perfektion, eingefangen von Kameramann Tilman Büttner.

    Nun also ein Kriegsfilm. 1917 ist ein technisches Meisterwerk. Technik kann manchmal auch langweilen. Der Academy war das trotzdem 10 Oscar-Nominierungen wert. Neben fast allen technischen Kategorien auch die zwei wichtigsten Preise: Regie und Film. 1917 gilt als Favorit. Dass der Film in der Kategorie Schnitt nicht berücksichtigt wurde, ist aber nur konsequent.

    SAM MENDES | 1917 | UK/USA 2019 | 110 MIN. | [usr 3.5]


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  • 7500 ★★★

    7500 ★★★

    Bumm, bumm, bumm. Unentwegt hämmert es an der Sicherheitstür. Es ist ein Flug von Berlin nach Paris und im Cockpit des Airbus A319 lässt sich keiner der beiden Piloten vom Lärm beirren. Noch nicht. 7500 ist in der internationalen Luftfahrt der Code für eine Entführung. Regisseur Patrick Vollrath hat für den gleichnamigen Film gemeinsam mit Senad Halilbašić das Drehbuch verfasst. Es ist seine erste internationale Produktion nach der Oscar Nominierung für den Kurzfilm Alles wird gut im Jahr 2015.

    Im Prolog sieht man Bilder von Überwachungskameras auf dem Flughafen Berlin. Wobei es sich in der Realität um den Flughafen Wien handelt. Vollrath hat hier an der Filmakademie studiert und sein Oscar-Kandidat war der Abschlussfilm. Bald begeben wir uns ins Cockpit und die Kamera wird es bis zur letzten Einstellung nicht mehr verlassen. Eine spannende Entscheidung, die dem Film eine große Authentizität und Dichte verleiht aber auch so manches Problem mit sich bringt.

    Im Cockpit sitzen Pilot Michael Lutzmann (Carlo Kitzlinger) und sein Copilot Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt). Tobias ist Amerikaner und lebt mit seiner Lebensgefährtin und deren Sohn in Berlin Kreuzberg. Sie heißt Gökce (Aylin Tezel) und ist Stewardess. An diesem Abend fliegen die beiden zufällig gemeinsam.

    Es kommt wie es kommen muss. Drei muslimische Extremisten (Murathan Muslu, Omid Memar und Paul Wollin) versuchen das Cockpit zu stürmen. Der Film beschäftigt sich fortan mit der Frage: Cockpittüre öffnen oder nicht. Was machen, wenn die Liebste mit dem Leben bedroht wird? Die Vorschriften sind klar. Die Tür bleibt zu. Ausnahmslos. Die Entführer hämmern pausenlos an der Tür, versuchen sie aufzubrechen.

    Das Hämmern ersetzt gewissermaßen die Filmmusik, die es nicht gibt. Interessanterweise nimmt man es als Zuseher irgendwann nicht mehr richtig war. Es begleitet einen aber noch nach verlassen des Kinosaales. So eindringlich ist der stumpfe Ton.

    Gordon-Levitt steht natürlich im Zentrum von 7500. Die Kamera lässt ihm kaum eine Verschnaufpause. Stress und Verzweiflung sind ihm im fast komplett dunklen Cockpit ins Gesicht geschrieben, das wir aufgrund des engen Raumes immer knapp vor uns haben. Der Film ist für heutige Verhältnisse mit 92 Minuten relativ kurz und die gehören Gordon-Levitt fast alleine.

    Die Idee, die Handlung ausschließlich in einem Cockpit spielen zu lassen, ermöglicht einen größtmöglichen Realismus. Gedreht wurde in einem echten Cockpit. Die Enge wird spürbar (Kamera: Sebastian Thaler). Allerdings schrängt das die dramaturgischen Mittel stark ein. Es mangelt an Charakteren zu denen man eine emotionale Bindung aufbauen kann. Die Passagiere sieht man nicht. Ziemlich genau ab der Mitte hängt 7500 deshalb im wahrsten Sinne des Wortes etwas in der Luft. Sowohl der Raum als auch die Zeit sind das formale Konzept, in das der Film gezwängt wird. Die Geschichte spielt weitgehend in Echtzeit und das funktionert sehr gut.

    Da der Film in bzw. über Deutschland spielt, ist der Anteil an Deutscher Sprache vor allem im letzten Teil sehr hoch. Das Ende zieht sich etwas und verpflichtet das internationale Publikum zum Lesen von Untertiteln, da die Attentäter aus Deutschland stammen. Deren Motive sind nur bedingt glaubwürdig. Sie wollen sich schlicht am Westen rächen und stellen keinerlei Forderungen.

    7500 spielt mit einer Idee, die ausbaufähig ist. Gut möglich, das der Stoff demnächst als Remake den Weg ins Kino finden wird. Vielleicht wieder mit Patrick Vollrath als Regisseur. Der Schritt in den internationalen Markt ist geschafft. Man kann ihm nur eine erfolgreiche Karriere wünschen.

    7500 | PATRICK VOLLRATH | D/AUT 2019 | 92 Min. | [usr 3]


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  • BIS DANN, MEIN SOHN ★★★★

    BIS DANN, MEIN SOHN ★★★★

    Kaum wo sind Politik und Gesellschaft so eng verbunden wie in der Volksrepublik China. Politische Entscheidungen haben unmittelbar drastische Konsequenzen auf den Alltag der Bevölkerung. Kaum etwas wird dem Zufall überlassen. Die eigene Lebensplanung wurde bis vor kurzem rigoros eingeschränkt. Bis dann, mein Sohn (engl. Festivaltitel So long, my son) von Wang Xiaoshuai erzählt vor diesem Hintergrund zwei Familiengeschichten, die auf schicksalshafte Weise mit einander verbunden sind und sich über drei Dekaden erstrecken.

    Die Erzählung setzt zwei Jahre nach Maos Tod im Jahr 1978 ein und endet 2011, als das Land bereits zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen war. Die beiden Protagonisten Liu Yoajun (Wang Jingchun) und seine Frau Wang Liyun (Yong Mei) gehören der bitterarmen Arbeiterschaft an und bringen Anfang der 1980er Jahre ihren Sohn Xing auf die Welt. Er wird genau am selben Tag geboren wie Haohao, der Sohn des befreundeten Ehepaars Shen Yingming (Xu Cheng) und Li Haiyan (Ai Liya). Regisseur Wang begleitet die zwei Familien durch die verschiedenen Phasen der chinesischen Entwicklung. Lange Zeit geprägt durch Armut und die Ein-Kind-Politik schaffen es vor allem Yingming und Haiyan, den mit dem Umstieg von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft einhergehenden wirtschaftlichen Aufschwung für sich zu nutzen. Mitte der 90er Jahre kommt kleine Xing bei einem tragischen Unfall in einem Stausee ums Leben. Was genau passiert war, erfährt man erst spät im Film. Es wird aber deutlich, dass die befreundete Familie damit zu tun hat.

    Durch den Unfall trennen sich die Wege der beiden Familien. Gleichzeitig bleiben sie dadurch auch über eine größere Distanz emotional verbunden: Lebenslange Trauer auf der einen Seite und Schuldgefühle auf der anderen. Wang macht es dem Publikum nicht leicht, indem er die Geschichte nicht chronologisch erzählt. Man muss schon sehr genau aufpassen, um vor allem nicht zu Beginn kurzzeitig den Überblick zu verlieren. Nicht nur wegen der vielen Namen, sondern auch deshalb, weil die zeitliche Zuordnung im ersten Moment nur durch den Alterungsprozess der Protagonisten erfolgt und der ist nicht so deutlich wie beispielsweise in The Irishman. Darüber hinaus sind es viele Detail, angefangen bei der Kleidung, in denen sich der Wandel über die Jahrzehnte zeigt.

    Die Entwicklungen des Landes anhand von Einzelschicksalen darzustellen, ist in Bis dann, mein Sohn zweifellos gelungen. Erst innerhalb dieses Mikrokosmos wird deutlich, was es bedeutet, derart rasanten Veränderungen ausgesetzt zu sein. Die stoische Ruhe der Charaktere bestimmt das Tempo des Filmes. Die Kamera von Kim Hyun-seok geht oftmals auf Distanz, gerade wenn es dramatisch wird. Für ihre überzeugende Darstellung wurden Wang Jingchun und Yong Mei im vergangenen Jahr bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Regisseur Wang ist ein beeindruckendes Familienepos geglückt.

    Wang Xiaoshuai | OT: Di jiu tian chang (So Long, My Son) | CHN 2019 | 185 Min. | [usr 4]


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  • THE FAREWELL ★★★★½

    THE FAREWELL ★★★★½

    Awkwafina! Die Musikerin und Schauspielerin wurde für ihre Darstellung der sinoamerikanerin Billi Wang in The Farewell gerade mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Die Autorin Billi lebt mit ihren Eltern in New York aber der Großteil der Familie ist in ihrer alten Heimat China. Eines Tages erreicht sie die Nachricht, dass die geliebte Großmutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Nun gibt es in China den Glauben, dass es nicht der Krebs ist, der den Menschen tötet, sondern die Angst vor ihm. Daraus folgt, dass man den Betroffenen die Krankheit verschweigt. Also was tun? Regisseurin Lulu Wang verarbeitet in ihrem grandiosen Spielfilmdebüt ihre eigene Familiengeschichte.

    Ein Vorwand wird gesucht, um die ganze Familie zusammenzubringen, um sich insgeheim von Nai Nai (Shuzhen Zhao) verabschieden zu können. Vor dem Hintergrund dieser, aus unserer Sicht, skurril anmutenden Geschichte, handelt The Farewell davon, wie es ist, weit weg von seiner Familie und den eigenen kulturellen Traditionen zu leben. Wie die Zeit vergeht und man mit den Eltern nur mittels Telefon in Kontakt treten kann und dann auf einmal das Ende in Sicht ist. Die Familie von Billi begibt sich auf die Reise nach China. Da ihre Eltern denken, dass sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle halten kann, lassen sie sie zurück. So beschließt Billi kurzerhand auf eigene Faust nach China zu kommen.

    Für Billi ist es eine fremde Welt. Schon als kleines Kind emigrierte sie mir ihren Eltern in die USA. Sie spricht ein wenig die Sprache. Lesen kann sie die Schrift nicht. Es ist gewissermaßen ein Schock für sie, zu sehen, dass sie in den Staaten eine Migrantin ist und in China ebenso eine Fremde. Diese Heimatlosigkeit, die ihre Eltern noch mehr bedrückt, weiß Regisseurin Wang gekonnt zu vermitteln. Für Billi stellt sich die Frage nach ihrer eigene Identität.

    So sitzt die Familie erstmals seit 20 Jahren gemeinsam an einem Tisch. Da alle Anwesenden ihre Trauer verbergen müssen, zieht sich eine humorvoller Unterton durch die gesamte Erzählung. Es ist aber mehr die Situationskomik als witzige Dialoge, die uns zum Schmunzeln bringt.

    Die Kamerafrau Anna Franquesa Solano drückt dem Film mit einem eigenen visuellen Bildstil ihren Stempel auf. Sie orientiert den Bildaufbau an einer chinesischen Bildsprache, rückt die Menschen aus dem Zentrum und lässt Freiräume. Die barocke Filmmusik kommt von Alex Weston. Sie hebt sich von den Bildern deutlich ab und verleiht dem Film einen melancholischen Grundton.

    The Farewell ist ein warmherziges Drama über das Abschiednehmen, das uns trotz der ungewöhnlichen Situation mit der Familie mitfühlen lässt. Und wann gab es schon je eine Trauerrede auf einer Hochzeitsfeier zu hören? Zu Awkwafina lässt sich nur sagen: A star is born.

    THE FAREWELL | LULU WANG | USA 2019 | 101 MIN | [usr 4,5]


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  • KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE ★★★★

    KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE ★★★★

    Das neue Jahr startet mit einem der unterhaltsamsten Filme der letzten Zeit. Von Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson kommt ein klassischer Whodunit in die Kinos, der ständig falsche Fährten legt und uns von einer überraschenden Wendung zur nächsten stolpern läßt. Der Krimi Knives Out macht kein Geheimnis daraus, wo die großen Vorbilder liegen und punktet mit einem exzellenten Ensemble, einem feinen Setdesign und einer sanften Modernisierung des Themas.

    Harlan Thrombey (Christopher Plummer) ist ein erfolgreicher Krimiautor und er ist tot. Mit einer durchschnittenen Kehle liegt er am Morgen nach seiner großen Party zum 85. Geburtstag in seinem Zimmer unter dem Dach seiner feudalen gotischen Villa. Seine gesamte Familie profitierte von seinem Erfolg und Reichtum und alle sind sie tatverdächtig. Da wären seine Tochter Linda (Jamie Lee Curtis), ihr herrlich unsympathischer Ehemann Richard (Don Johnson) und deren Sohn Ransom (Chris Evans). Sohn Walt (Michael Shannon) ist für die Vermarktung zuständig und der Enkel Jacob (Jaeden Martell) ist ein kleiner Nazi. Wanetta Thrombey (K. Callan) ist Harlans Mutter, von der niemand weiss, wie alt sie ist. Zugegen sind weiters eine Schwiegertochter (Toni Collette), die Haushälterin (Eid Patterson) und Harlans Pflegerin Marta Cabrera (Ana de Armas). Zwei Cops (LaKeith Stanfield und Noah Segan) sollen klären, ob es sich um Selbstmord handelt. Ihnen zu Seite steht der Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig). Die Frage danach, wer ihn angeheuert hat, wird das Publikum über weite Strecken des Films beschäftigen.

    Marta, die Einwandererin, ist die gute Seele, von allen „geliebt“ und zwar so sehr, das niemand so richtig weiß, aus welchem Land sie eigentlich stammt. Jedenfalls war sie die engste Vertraute des Verblichenen und rückt bald ins Zentrum der Erzählung. Ana de Armas ist erstmals in einer derart tragenden Rolle zu sehen und meistert ihre Aufgabe umgeben von zahlreichen Schauspielschwergewichten bravourös. Chris Evans tritt erst relativ spät ins Geschehen ein und wird so unweigerlich als der heimliche Star präsentiert. Angesichts seiner Kolleginnen ist das zum Schmunzeln. Seine Rolle als Captain America hat ihm nunmal den Status eines Superstars verpasst. Die große Überraschung ist Jamie Lee Curtis. Ihre Darstellung der smarten Geschäftsfrau sticht am meisten hervor. Daniel Craig beweist nach Logan Lucky mit seinem Charakter neuerlich Humor und gibt trotzdem einen stilvollen Detektiv ab. Und keine Sorge: Schauspielgigant Christopher Plummer hat in zahlreichen Rückblenden genügend Auftritte.

    Über den Verlauf der Geschichte behält man am besten Stillschweigen. Ausstattung und Kostümdesign sind mit Liebe zum Detail ausgeführt und tragen zur stimmigen Transferierung des Themas in die Gegenwart bei. Es ist nur so, dass Anfangs noch alle Familienmitglieder als verdächtig gelten müssen, die Handlung jedoch zu schnell die ein oder andere Figur links liegen läßt. Selbst wenn man ahnt, in welche Richtung die Reise geht, so ist uns Regisseur Johnson jedoch immer einen Schritt voraus. Neben dem Whodunit Thema läßt der Regisseur auch immer wieder gesellschaftskritische Elemente einfließen, die nicht zuletzt in der Rolle der Krankenpflegerin Marta zusammenlaufen.

    Warum uns Knives Out so überrascht? Weil gerade im Unterhaltungskino derzeit das Mittelmaß regiert. Aktuelle Agathe Christie Neuverfilmungen sind Durchschnittsware und darüber hinaus sind klassische Wodunit-Krimis selten geworden. Dabei können sie doch so unterhaltsam sein. Das beweist Rian Johnson gerade mit seinem kniffligen Drehbuch. Es ist nichts Neues aber offenbar haben wir das Genre vermisst. Die Kombination von Ratekrimi, schwarzem Humor und exzellenten Darstellerinnen ist eine unwiderstehliche. Und welch Ironie, so es das Publikum möchte: „Benoit Blanc will return“.

    RIAN JOHNSON | OT: KNIVES OUT | USA 2019 | 130 Min. | [usr 4]


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