Kategorie: Review

  • ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL ★★★★

    ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL ★★★★

    Es ist Weihnachten im Jahr 1934. Arthur Kemper (Oliver Masucci) schenkt seiner Frau Dorothea (Carla Juri) einen aufgerollten, mit Klaviertasten bedruckten Stoff. Musik ist Dorotheas Leidenschaft. Das Familienklavier musste sie aber so wie alles Hab und Gut in Berlin zurücklassen. Arthur und Dorothea sind mit ihren Kindern Anna (Riva Krymalowski) und Max (Marius Hohmann) auf der Flucht vor den Nazis. Es ist eine der berührendsten Szenen in Caroline Links neuen Film Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl, die Geschichte einer jüdischen Familie, die fernab der Nazigräuel im Exil lebt und nichts hat ausser einander. Die Szene versinnbildlicht nicht nur die kleinen Freuden im Leben, sondern auch die Bedeutung der Familie in Krisenzeiten.

    Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der 10-jährigen Anna. Durch Kinderaugen erfahren wir, was es bedeutet, die vertraute Umgebung und alle Freunde hinter sich zu lassen – auch das geliebte rosa Kaninchen. Aufgeschrieben hat die Erzählung Judith Kerr, die im gleichnamigen Roman ihre eigene Lebensgeschichte verarbeitet. Sie verstarb erst im vergangenen Jahr in London, wo sie letztendlich eine neue Heimat fand. Ihr Vater Arthur war ein bedeutender Theaterkritiker, Gegner der Nationalsozialisten und Sozialist. Weitsicht und ein Hinweis auf die bevorstehende Verfolgung veranlassen ihn noch vor Hitlers Machtergreifung zur Flucht. Erst nach Prag, dann nach Zürich. Schon bald folgt ihm der Rest der Familie nach.

    Vom gewohnten wohlhabenden Leben muss man sich bald verabschieden. Es ist schwer für Arthur, eine neue Beschäftigung zu finden. Niemand möchte sich mit den Nazis anlegen. So beginnt eine Zeit der Entbehrungen, in der die Familie eng zusammenrückt. Roman und Film erzählen von den Jahren 1933-1935, in denen die Familie zuletzt weiter nach London fliehen muss. Jedes Mal bedeutet das für alle von vorne zu beginnen, die Sprache neu zu lernen und sich in der Fremde versuchen zurechtzufinden. Die aufgeweckte und freche Anna nimmt alles mit einer kindlichen Leichtigkeit hin. Die Sorgen der Eltern entgehen ihr nicht aber im Schutz der Familie fühlt sie sich gleichzeitig unverwundbar. Auch wenn die Spannungen, die sich durch die schwierige Situation aufbauen, stetig zunehmen.

    Die leider viel zu selten zu sehende Anne Bennent spielt die Vermieterin in Paris. Sie interessiert sich weniger für das Schicksal der Familie, als dass sie ihre wöchentliche Miete bezahlt. Antisemitismus mischt sich bei ihr genauso in ihre lakonischen Kommentare, wie bei der deutschen Nachbarin. Justus von Dohnáni ist der liebevolle Onkel Julius. Er entschließt sich in Deutschland zu bleiben. Denn eines ist klar: so einfach ist es nicht, alles hinter sich zu lassen. Vor allem wenn es noch Hoffnung gibt, dass alles doch nicht so schlimm werden würde.

    Als Hitler das rosa Kaninchen stahl wirft einen etwas anderen Blick auf eine finstere Zeit. Es ist die subjektive Sicht eines kleinen Mädchens, das sich nur nach und nach ein Bild davon machen kann, was um sie herum eigentlich passiert. Es sind die kleinen Momente und Gesten, die das Publikum zu tränen rühren und nicht das große Grauen. Auch Dank einer großartigen Ensembleleistung.

    Der Film erzählt ein Fluchtschicksal, dass sich so mancher zu Herzen nehmen sollte, der ein falsches Bild von Flucht und den damit einhergehenden Konsequenzen hat.

    Caroline Link | Als Hitler das rosa Kaninchen stahl | D 2019 | 119 Min. | [usr 4]

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  • PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN ★★★★½

    PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN ★★★★½

    Mit historischen Kostümfilmen kann man mich jagen. Michael Kohlhaas (dir. Arnaud des Vallières, 2013) oder Barry Lyndon (dir. Stanley Kubrick, 1975) gehören zu den Ausnahmen. Der aktuelle Film der Regisseurin Celine Sciamma gehört auch dazu. Das Melodram mit dem sperrigen Titel Porträt einer jungen Frau in Flammen verhandelt nichts weniger, als die Rolle von Frauen in der Gesellschaft, im ausgehenden 18. Jahrhundert, in dem der Film angesiedelt ist, genauso, wie in der heutigen Zeit. Sciamma schrieb auch das Drehbuch und wurde dafür in diesem Jahr in Cannes ausgezeichnet. Der Film galt neben dem späteren Gewinner Parasite als Favorit im Rennen um die Goldene Palme.

    Marianne (Noémie Merlant) erinnert sich zurück. Als Malerin in Paris steht sie im Schatten ihres Vaters. Ihre Arbeit wird geduldet. Anerkennung oder Respekt wird ihr keiner zu Teil. Damit war sie nicht alleine. Heute reicht ein Blick in ein beliebiges kunsthistorisches Museum. Bilder, gemalt von Frauen, sind dort nur schwer auszumachen. Nun sitzt Marianne Model für ihre Schülerinnen. Dabei fällt ihr Blick auf eines ihrer eigenen Gemälde, dass eine Schülerin aus dem Depot geholt hat. Es zeigt eine Frau in der Nacht, deren Kleid Feuer gefangen hat. In den folgenden zwei Stunden erfahren wir, warum sie der Blick auf dieses Gemälde so emotional aufwühlt. Was es bedeutet, als Frau nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprechen zu wollen und wieviel Wahrheit in Liebe stecken kann.

    Die Frau auf dem Bild ist Héloïse (Adèle Haenel). Im Jahr 1770 wird Marianne auf eine abgelegene Insel in der Bretagne beordert, um ein Porträt herzustellen. Die Herzogin (Valeria Golino) möchte ihre Tochter Héloïse verheiraten und das Porträt soll die Abmachung besiegeln. Héloïse rebelliert jedoch gegen die Heirat und weigert sich Model zu sitzen. Gerade war ein Maler an ihr gescheitert. Marianne soll sie nun die Tage mit ihr verbringen, ihr Gesicht studieren und das Porträt heimlich anfertigen. Die beiden Freunden sich an. Für Marianne wird es immer schwerer, den Auftrag heimlich hinter dem Rücken von Héloïse auszuführen. Das Komplott fliegt auf und die Enttäuschung ist groß. Doch schon von Beginn an zeigt sich in den gegenseitigen Blicken, dass es ein Verlangen nach mehr gibt als bloßer Konversation.

    Sciammas Drama spiegelt sich überwiegend in den Blicken der zwei Frauen wieder. Blickt Marianne in die Augen von Héloïse, ist es, als sehe sie das Publikum an. Es sind verlegene, dann durchdringende Blicke, die eine zaghafte Erwiderung finden. Das Verlangen auszubrechen ist groß. Ständig begleitet vom knisternden Kaminfeuer und dem rascheln des Stoffes ihrer ausladenden Kleider, die wie eine unüberwindbare Barriere wirken. Musik gibt es in Porträt keine. Als die Herzogin für ein paar Tage die Insel verläßt, bleiben die Beiden mit der Magd Sophie (Luna Bajrami) zurück. Auch über ihr schwebt eine große Last.

    Die drei Frauen schließen einen unausgesprochen Pakt. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen. Wenn es auch nur für ein paar Tage ist. Regisseurin Sciamma bringt dem Publikum dabei ins Bewusstsein, wie stark alles, was wir zu sehen bekommen, durch den Blick von Männern geprägt ist. Das zeigt sich auch in der Ästhetik des Films. In malerischen Bildern und in einem auf das Notwendigste reduzierte Interieur spielen die Darstellerinnen (es spielen, bis auf einen Knecht, nur Frauen) vor der Kamera und die Kamera umgarnt sie nicht, wie das sonst so oft üblich ist. Dabei wahrt sie im richtigen Moment Distanz und kommt ihnen näher – manchmal näher als nur irgendwie möglich – wenn es angebracht ist. Dann hört man jeden Atemzug und glaubt die Herzen klopfen zu spüren.

    Der Film könnte in jeder Zeit spielen. Die zeitliche Verortung scheint in erster Linie ästhetischen Kriterien zu folgen. Es gibt neben den gesellschaftlichen Normen und den Kleidern kaum Anhaltspunkte, die auf eine bestimmte Epoche hinweisen. So gelingt es Sciamma, eine gewisse Allgemeingültigkeit zu erreichen. Vielleicht ist Porträt bei all der Formalität und durchkomponierten Ästhetik etwas zu konventionell geraten und man hätte sich doch einen leidenschaftlichen Ausbruch gewünscht. Unter der Oberfläche brodelt es aber gewaltig. Mehr subtile Leidenschaft hat man im Kino selten gesehen.

    Porträt einer jungen Frau in Flammen (OT: Porträt de la jeune fille en feu) | Drehbuch & Regie Céline Sciamma | FR 2019 | 120 Min. | [usr 4.5]


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  • STAR WARS: DER AUFSTIEG SKYWALKERS ★★★

    STAR WARS: DER AUFSTIEG SKYWALKERS ★★★

    Knapp 400 Star Wars Fans sind im Saal zusammen gekommen. Da und dort sieht man Lichtschwerter und Verkleidungen. Es ist der erste Spieltag von Der Aufstieg Skywalkers. Ehrensache, zu den ersten zu gehören. Als die Titelmusik von Star Wars ertönt, Gejohle und Applaus. Die Erwartungen scheinen groß zu sein. Die Stimmung während des Nachspanns erinnert dann an die nach Marriage Story. Regisseur J. J. Abrams hat doch einen Film für die Fans gemacht. Alle noch lebenden – und nicht nur die – Helden sind mit dabei. Verweise und Rückblicke sollen das Fanherz hoher schlagen lassen, das Ende ist versöhnlich. Warum die Ernüchterung?

    Vorweg: auch der 9. Teil der Saga wird das Publikum spalten und das soll hier auch nicht Thema sein. Auch nicht ob es ein würdiger Abschluss ist (wer‘s glaubt), oder nicht. Das muss jeder für sich entscheiden. Zu unterschiedlich sind die Bilder und die damit verbundenen Emotionen, die sich teilweise über Jahrzehnte in den Köpfen festgesetzt haben. Da können Erwartungshaltungen schon einmal selbst für interstellare Verhältnisse unendlich hoch sein. Also unerfüllbar.

    Ein Vorwurf, der Disney immer gemacht wird, ist der, dass der Konzern allem ein familienfreundliches Etikett verpasst. Star Wars passt da sehr gut in dieses Bild: Abenteuer, nicht zu viel Gewalt und alles immer mit einem Augenzwinkern. Nur ist der aktuelle Teil alles andere als für kleine Kinder geeignet. Freigeben ist er ab 12 Jahren und dass sollte wirklich die unterste Grenze sein. Der Aufstieg Skywalkers wirkt wie dem Kopf eines hyperaktiven Kindes entsprungen. Einem maximal 6 Jahre alten Kind. Eine zweieinhalbstündige Aneinanderreihung von Actionsequenzen und dazwischen kaum Zeit um zu verschnaufen. Das kann schnell überfordernd sein, nicht nur für Kinder. Und wenn nicht das, dann langweilt die Überfrachtung, weil es keinen Spannungsbogen mehr gibt, der sich aufbauen könnte.

    Der Film steuert natürlich auf den zentralen Konflikt zwischen Rey (Daisy Ridley) und Kylo Ren (Adam Driver) zu. Das ist abolut gelungen. Daisy Ridley als Hauptdarstellerin ist sicherlich der größte Trumpf der Trilogie. Adam Driver hat bei seinem ersten Auftreten noch für Lacher gesorgt und füllt seine Rolle nun mit der nötigen charakterliche Ambivalenz und Ernsthaftigkeit aus. Damit zeigt er in diesem Jahr seine schauspielerische Wandlungsfähigkeit wie kein anderer. Dass der Rest der Truppe Rund um die Weltraumcowboys Poe (Oscar Isaak) und Finn (John Boyega) in all dem Brimborium nicht untergehen, ist den Darstellern hoch anzurechnen.

    Sonst nichts Neues, nur eine fortlaufende Wiederholung bekannter Motive. Kreativität glänzt durch Abwesenheit. Es ist erstaunlich, was sich der weltgrößte Medienkonzern leisten kann. Jedenfalls offenbar niemanden, der ein einfaches Drehbuch schreiben kann. An den Kinokassen wird es keinen Unterschied machen. Mit der Marke Star Wars besitzt Disney ein Asset, das noch lange nicht finanziell ausgereizt ist und gemelkt werden möchte.

    Eines der Motive von Der Aufstieg Skywalkers ist das Spiel mit dem Tod, bzw. der Wiederauferstehung von gefallen geglaubten Charakteren. Es gibt diese eine Stelle, in der eine zentrale Figur mutmasslich geopfert wird und dann kommt alles anders. Das ist schade, weil ein emotionaler Moment verspielt wird. Wie bereits hinlänglich bekannt, ist Carrie Fisher wieder mit dabei. Nicht verwendete Szene der 2016 verstorbenen Schauspielerin wurden mit solchen mit einem Bodydouble ergänzt. Technisch perfekt. So weit so gut. Nur ist das Material leider dürftig. Stehsätze und starre Blicke bestimmen ihre Auftritte. Die Dialoge mit Rey sind keine. Inhatllich leisten sie keinen Beitrag zur Story. Wie soll es auch anders sein aber dafür kommt sie eigentlich recht oft vor.

    Niemand im Saal beklagt sich über das ständige Rascheln von Popcorn und Chips im Saal. Das gehört dazu. Meist wird es ohnehin von der Musik von John Williams übertönt, die großartig ist aber jeglichen atmosphärischen Ton absorbiert. Es gibt schlicht neben den klassischen SpecialFX Sounds keine Geräusche. Kein tosendes Wasser. Nichts.

    Vielleicht war die Stille im Saal am Ende dem Umstand geschuldet, hier, nach 42 Jahren, Zeuge eines endgültigen Abschieds geworden zu sein (Was an sich unwahrscheinlich ist). Also eher Wehmut als Enttäuschung. Erfreulicherweise regt jedenfalls auch der 9. Teil das Publikum zu Diskussionen an und das ist allemal erfreulich.

    Alle hatten fast 17€ für ihre Tickets gezahlt. Dafür wird ein IMAX 3D Spektakel versprochen. Allein wurde die Leinwand in den 142 Minuten kaum voll bespielt. Wie sooft gilt: sucht euch einen schönen Saal mit einer Projektion in 2D. Am besten im Dolby Cinema. Alles andere ist reine Geldvernichtung.

    OT: Star Wars: The Rise of the Skywalker | J. J. Abrams | USA 2019 | 142 Min | [usr 3]


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  • HUSTLERS ★★★½

    HUSTLERS ★★★½

    New York, 2006. Dorothy (Constance Wu) arbeitet unter dem Namen Destiny als Stripperin in einem Nachtclub. Sie muss sich um ihre Großmutter kümmern und kämpft ums finanzielle Überleben. Ramonas (Jennifer Lopez) Performance beeindruckt Dorothy und es gelingt ihr, sie zu einer Zusammenarbeit zu überreden. Zu zweit geben die beiden ein erfolgreiches Team ab. Bis ein Jahr später die Finanzkrise alles verändert. Ihre Kundschaft bestand aus erfolgreichen Bankern und die hatten von heute auf morgen andere Probleme. Da schmiedet Ramona einen Plan.

    Das Business ist im Wandel. Von nun an dominieren Migrantinnen das Geschäft und die sind bereit sexuelle Dienste anzubieten. Für Dorothy kommt das nicht in Frage. Einmal überschreitet sie diese Grenze doch und wird von ihrem Kunden übers Ohr gehauen. Der jahrelange respektlose Umgang der Männer mit den Tänzerinnen im Club schürt in Ramona Rachegelüste. Mit einer Gruppe von Kolleginnen zocken sie fortan Männer ab, die sie in den Nachtclubs antreffen. Sie setzen sie unter Drogen und belasten ihre Kreditkarten bis zum Limit. Eine Weile geht das auch gut.

    Die Geschichte wird von Dorothy rückblickend einer Journalistin erzählt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Lorene Scafaria nahm als Grundlage für ihren Film den Artikel The Hustlers at Scores: The Ex-Strippers Who Stole From (Mostly) Rich Men and Gave to, Well, Themselves vom Jessica Pressier aus dem Magazin New York. Der Film beruht somit auf einer wahren Begebenheit.

    Hustlers ist eine Krimikomödie, die in erster Linie wegen Jennifer Lopez für Schlagzeilen sorgt. Alleine diese Woche könnte sie für die Darstellung der Stripperin Ramona eine Handvoll Preise einheimsen. Ein großer Erfolg, mehr als 20 Jahre nach Out of Sight. Natürlich ist die Story spektakulär und unterhaltsam zugleich. Auch wenn sie sich vermutlich ganz anders abgespielt hat, bleibt das Grundmotiv und das stellt dem Publikum eine interessante Frage: ist man auf der Seite der Frauengang oder nicht. Darf man den Männern, die Frauen ausbeuten, eine Falle stellen? Kann es als legitimer Weg der Selbstermächtigung gesehen werden, in einer Welt, in der es keine Chancengleichheit gibt? Rechtlich ist die Sache klar und am Ende zeigt Hustlers, dass die Justiz sich leicht tut, kleine Fische zu belangen. Mit den Großen hat sie bekanntlich manchmal so ihre Schwierigkeiten.

    Hustlers | Lorene Scafaria | USA 2019 | 110 Min | [usr 3,5]


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  • SYNONYMES ★★★★

    SYNONYMES ★★★★

    Yoav (Tom Mercier) ist von Israel nach Paris gekommen um alles hinter sich zu lassen. Seine Herkunft, seine Familie, seine Sprache. Gleich zu Beginn wird er ausgeraubt und steht buchstäblich nackt da. Er friert. Niemand möchte helfen. Zwei Nachbarn, das junge Paar Caroline und Emile, entdecken ihn in der Badewanne. Dort liegt er wie Marat auf Davids berühmtem Revolutionsgemälde. Sie freunden sich an. Neben der sich anbahnenden Ménage-à-Trois ist Synonymes eine Tragikomödie über Flucht, Herkunft und Identiät.

    Während der Neuling für die zwei Pariser eine exotische Abwechslung im langweiligen Upperclass Alltag darstellt, beginnt für Yoav ein rastloser Irrlauf durch das heutige Paris. Sein vorrangiges Ziel dabei ist, alles israelische abzustreifen. Wir erfahren nie genau, was die wahren Gründe dafür sind. Von nun an ist jedenfalls alles Französische erstrebenswert. In den Straßen fällt er mit seinem beigefarbenen Mantel sofort auf. Er verleiht ihm etwas heldenhaftes aber kennzeichnet ihn gleichzeitig als Außenseiter. So einfach ist das mit der Assimilation, selbst wenn sie gewollt ist, dann doch nicht und eine neue Identität liegt auch nicht auf der Straße.

    Das Thema ist ernst und Synonymes ist keine Komödie. Trotzdem findet Regisseur Nadav Lapid eine Erzählweise, die der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Das liegt zum einen am Charakter der Hauptfigur und zum anderen am Einfluss des klassischen französischen Films. Die Unbekümmertheit seiner zwei Freunde und deren Dreiecksbeziehung stehen im Kontrast zu einem Fluchtschicksal, das hier nicht in aller Tragik breit getreten wird. Auch nicht sentimental aber doch deutlich wird der Film gegen Schluss, als Yoav eine Klasse für Staatsbürgerkunde besucht. Eine Notwendigkeit, möchte man die französische Staatsbürgerschaft erhalten. Gerade im Vortragen der Marseillaise offenbart sich die ganze Brutalität von Nationalismen. Im Gegenzug stimmt Yoav die israelische Hymne an. Inhaltlich eine komplett andere Tonart.

    Synonymes ist sehenswert. Manchmal gibt sich der Film nostalgisch, wenn er auf die Zeit des Nouvelle Vague Kinos verweist. Viel passiert nicht, was die Handlung vorantreiben könnte und darum ist er etwas zu lang geraten. Zu allererst lebt der Film aber vom stark körperlichen Schauspiel seines Hauptdarstellers Tom Mercier. Eine große Neuentdeckung für das europäische Kino. Auf der Berlinale 2019 zeichnete die Wettbewerbsjury unter der Leitung von Juliette Binoche den Film mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären, aus.

    SYNONYMES | Nadav Rapid | FR/IL/DE 2019 [Französisch/Hebraisch OmdU] | 123 Min. | [usr 4]


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  • DIE EISKÖNIGIN 2 ★★★½

    DIE EISKÖNIGIN 2 ★★★½

    Wer nicht erlebt hat, wie seine Tochter im Winter während der Autofahrt ihre Hände aus dem Fenster streckt, damit sie fast abfrieren, hat keine Ahnung davon, was Die Eiskönigin für Mädchen in den letzten Jahren bedeutet hat. Als Jennifer Lee 2014 als erste Regisseurin eines Disney Animationsfilmes gemeinsam mit ihrem Partner Chris Buck für Die Eiskönigin mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, war das für die Geschichte der Animationssparte der Walt Disney Company eine Zäsur. Jahrzehntelang bestimmten Mickey Mouse, Donald Duck & Co die Geschicke des Konzerns. Allerdings rückten die legendären Trickfiguren immer mehr in den Hintergrund. Kinder von heute kennen weder Pluto noch Tick Trick und Track. Die Disney Prinzessinnen wurden längst als Rolemodels vermarktet, als die Schwestern Elsa und Anna zu ihnen stießen und alles in den Schatten stellten. Sie lösten einen nie dagewesenen Fankult aus. Buben hatten mit Cars schon seit ein paar Jahren ihre Helden in Form von Autos. Nun waren die Mädchen dran. Schultaschen und Stifte, Kleider und Unterhosen, Bettdecken und Geschirr: Das Konterfei, vor allem von Elsa, war von nun an aus keinen Kinderzimmer mehr wegzudenken. Die Eiskönigin ist bis heute der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten (wenn man von The Lion King absieht). Ein Überraschungserfolg für den Disney Konzern.

    Die Kombination aus starken Charakteren, einer perfekt animierten und traumhaft schönen Winterlandschaft und einem einprägsamem Soundtrack zum Mitsingen, boten den Rahmen für den ersten Teil, erzählt frei und kindergerecht nach Hans Christian Andersen. Nicht Anna, die wahre Heldin des Films, wurde zum Liebling der Kinder, sondern ihre Schwester Elsa, die nicht sonderlich sympathische Eiskönigin mit magischen Kräften. Genau um diese magischen Kräfte geht es nun in der Fortsetzung.

    In der Tonart schlägt Die Eiskönigin 2 neue Wege ein. Es ist etwa so, als wäre die Geschichte mit dem kleinen Publikum mitgewachsen. Der Film ist düsterer geworden, wie es schon der Trailer angekündigt hatte. Elsa versucht dem Ursprung ihrer magischen Kräfte nachzugehen. Dafür begibt sie sich mit Anna, Kristoff, Olaf und dem Rentier Sven auf eine Reise durch eine bildschöne Herbstlandschaft. Dabei vergißt das Produktionsteam nie, was den Erfolg des ersten Teils ausmachte. Rückblenden und Verweise auf den Vorgänger ziehen sich durch die Geschichte, die nun drei Jahre später angesiedelt ist. Das Element Wasser dient als Brücke in die Vergangenheit, denn Wasser, so die Prämisse, vergißt nicht. Die Idee, Elsas Schicksal über ihre Eltern und den Großvater aufzurollen, ist durchaus geglückt. Allerdings ist der Weg dorthin lang und ist zumindest für ein älteres Publikum weit weniger spannend als Teil 1. Wobei das größte Defizit von Die Eiskönigin 2 das gänzliche Fehlen von Ohrwürmern ist. Einzig Elsas zentraler Song mach vielleicht noch als solcher durchgehen aber ist beim Schreiben dieser Zeilen auch schon wieder vergessen.

    Dem Regieduo wurde offenbar freie Hand bei der Entwicklung der Fortsetzung gewährt. Das ist dem Film auch anzumerken, weil er eben kein Aufguss des ersten Teils ist und man nicht den Eindruck bekommt, hier wolle man einfach nur noch einmal abzucashen (Wobei das so nebenbei sehr wohl geglückt ist. Das Einspielergebnis der ersten Tage an der Kinokassa war fulminant). Einzig die Magie fehlt und mitzureißen vermag der Film auch nicht. Und wer erklärt unseren Töchtern wieder einmal, dass man im Winter nicht im dünnen Kleidchen herumlaufen kann?

    DIE EISKÖNIGIN 2 (OT: FROZEN 2) | CHRIS BUCK/JENNIFER LEE | USA 2019 | 103 Min. | [usr 3.5 ]


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  • MARRIAGE STORY ★★★★½

    MARRIAGE STORY ★★★★½

    In Noah Baumbachs Marriage Story ist die Scheidung eine Zeit des emotionalen Ausnahmezustands. Ein Verlust ohne Tod. Es dauert, bis beide Seiten realisieren, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war und die Erinnerungen von der Realität verdrängt werden. Baumbach führt uns nicht nur vor Augen, wozu Menschen fähig sind, wenn die Liebe zwischen ihnen verschwunden ist, sondern konfrontiert uns selbst mit Fragen, die wir eigentlich nicht gestellt bekommen möchten. Wie weit würden wir gehen, um unsere eigenen Interessen im Zuge einer Scheidung durchzusetzen? So weit, bis wir uns selbst nicht mehr Wiedererkennen?

    Dabei beginnt alles sehr unterhaltsam. Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) lesen Beschreibungen über den jeweils anderen vor. Es sind liebevolle Beobachtungen über Stärken und kleine Macken. Man wähnt sich in einer romantischen Komödie. Das täuscht natürlich. Marriage Story beginnt mit dem Ende. Dann, wenn nichts mehr zu retten ist. Die aus dem Off vorgetragenen Charakterisierungen waren die Idee des Paartherapeuten. Diese Einführung ermöglicht es uns aber, die beiden Protagonisten kennenzulernen und gleich in die Geschichte einzutauchen. Umso erschütternder ist das was kommt, sind uns die beiden in wenigen Minuten doch so sympathisch geworden.

    Nicole und Charlie leben in New York. Sie ist Schauspielerin und er Theaterregisseur. Als Nicole ein Angebot zum Vorsprechen in Los Angeles bekommt, nimmt sie ihren Sohn Henry mit. Eines Tages übergibt sie Charlie dort die Scheidungspapiere. Der Zuseher weiß nicht gleich, was das bedeutet. Doch bald stellt sich heraus, dass es entscheidend ist, in welchem Bundesstaat die Dokumente übergeben werden. Nicole möchte nach Los Angeles ziehen – für immer. Ohne Charlie aber mit ihrem Sohn. Hinter dieser Strategie steckt Nora (Laura Dern), eine mit allen Wassern gewaschene Scheidungsanwältin. Ihr gegenüber: der schmierige Scheidungsprofi Jay (Ray Liotta). Obwohl vereinbart war, keine Anwälte ins Spiel zu bringen, ziehen Nicole und Charlie voll bewaffnet vor Gericht. In Marriage Story kann man beobachten, wie sich eine Scheidung Menschen verändert und sie Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht tun möchten aber tun müssen, um ihre Interessen durchzusetzen. Eine Spirale der Eskalation. Eine von außen durch die Scheidungsindustrie verordnete Eskalation.

    Die Darsteller übertreffen sich gegenseitig, die Musik von Randy Newman bleibt in Erinnerung. Mal ist das ganze komisch und dann wieder niederschmetternd und am Ende, wenn Charlie genau den Text vom Beginn des Films nochmals vorliest, rührt uns das Schicksal der beiden zu Tränen. Es wäre leicht, in dieser Geschichte die Positionen klar zu verteilen und uns Stellung beziehen zu lassen. Doch genau das tut Baumbach nicht. Man ist hin und her gerissen, wenn es darum geht, Sympathien für die beiden Hauptdarsteller zu verteilen oder sich gar auf eine Seite zu schlagen. Das möchte einfach nicht gelingen und hinterläßt das Publikum mit einer tristen Ratlosigkeit. So tief geht der Film in der Charakterzeichnung. Marriage Story ist eine Drama der Entfremdung und hat das Zeug ein echter Klassiker zu werden.

    Derzeit im Kino. Ab 6.12.2019 bei Netflix.

    MARRIAGE STORY | NOAH BAUMBACH | USA 2019 | 136 Min. | [usr 4.5]


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  • THE IRISHMAN ★★★★½

    THE IRISHMAN ★★★★½

    Manche Filme stehen im Schatten von Diskussionen, die eigentlich mit ihnen selbst nichts zu tun haben. Und sie wiederholen sich. So ist es auch bei The Irishman der Fall. Der Film kommt nun nach 12 Jahren der Entwicklung für kurze Zeit in die Kinos. Kein klassisches Hollywoodstudio wollte den Film produzieren. Daher kaufte die Streaming Plattform Netflix die Rechte und ließ Martin Scorsese freie Hand. Es wurde nicht nur sein längster Film, sondern auch sein teuerster und einer seiner bedeutendsten, in seiner 50 Jahre umfassenden Karriere. Lange Entstehungsprozesse verheißen meist nichts Gutes. Mit The Irishman verhält es sich anders.

    Der Ire heisst Frank Sheeran (Robert De Niro). Geboren 1920, arbeitete er Anfangs als LKW-Fahrer und geriet dadurch mit der Bufalino Crime Family, einer Mafiaorganisation, in Kontakt. Das Familienoberhaupt Russell Bufalino (Joe Pesci) wurde zu seinem Mentor. Der loyale Sheeran erledigte für die Familie immer wieder Aufträge und kam schon in jungen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt. Bufalino machte Sheeran mit dem umstrittenen Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) bekannt und die beiden wurden Freunde. Mafia und Gewerkschaft waren zu dieser Zeit eng verstrickt. Konkurrierenden Mitbewerbern wurde das Leben schwer gemacht. Wirtschaftliche Interessen und Macht standen im Vordergrund. Eines Tages erteilt Bufalino Sheeran einen heiklen Auftrag.

    Im Jahr 1992 verfilmte Danny DeVito in Hoffa das Leben von Jimmy Hoffa mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Der Film wurde sehr zwiespältig aufgenommen, unter anderem deswegen, weil er sich nicht entscheiden konnte, ob Hoffa nun ein Gewerkschafter oder doch mehr Gangster war. Sein plötzliches Verschwinden 1975 war damals noch ein völliges Mysterium. Die Umstände sind bis heute nicht vollkommen geklärt. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 gestand Sheeran jedoch dem Strafverfolger Charles Brandt, dass er Hoffa ermordet hatte. Die Aufzeichnungen seines Geständnisses sind unter dem Titel I Heard You Paint Houses: Frank „The Irishman“ Sheeran and Closing the Case on Jimmy Hoffa erschienen und dienten Martin Scorsese als Grundlage für seinen Film. Nach so langer Zeit ist eine restlose Aufklärung nicht mehr wahrscheinlich. Auch wenn das Geständnis von Sheeran höchst umstritten ist, so sprechen Indizien sehr wohl dafür, dass der Irishman für den Mord verantwortlich war. Für den Film macht das aber so oder so keinen Unterschied.

    The Irishman ist ein Stück Filmgeschichte. Scorsese reflektiert und dekonstruiert seine eigenen Gangsterfilme, indem er das Heldentum der Mobster in Frage stellt. Die eigenen Kinder verachten sie. Ihre Väter haben im Hintergrund die Geschicke der USA mitbestimmt aber am Ende wird sich herausstellen, dass sich heute niemand mehr an sie erinnert.

    Darüber hinaus setzt er Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci ein filmisches Denkmal. In der einen oder anderen Konstellation standen sie bereits gemeinsam vor der Kamera (Pacino nun erstmals unter der Regie von Scorsese). Hier wirken ihre Auftritte wie ein Rückblick über deren gesamtes schauspielerisches Schaffen. Nicht zuletzt wegen der beindruckenden Computereffekte, mit denen Scorsese mit 76 Jahren noch einmal filmisches Neuland betrat und die Schauspieler digital verjüngen lies. Da ihr gesamtes Leben in den unterschiedlichsten Zeitabschnitten in den vergangenen Jahrzehnten durch ihre Rollen gewissermaßen auf Film konserviert wurde und so für das Publikum nie eine zeitliche Distanz entstehen konnte, wirkt die digitale Verjüngung um mehr als drei Jahrzehnte nicht befremdlich. Dafür sind uns ihre Gesichter zu vertraut. Das ist das revolutionäre an Scorsese epischen Gangsterfilm. In jedem Film steht eine bestimmte Zeit für die SchauspielerInnen für immer still. In The Irishman ist dieser zeitliche Aspekt zum ersten Mal aufgehoben. Wir sehen die künstlerische Arbeit von Schauspielern von mehreren Jahrzehnten in 3 1/2 Stunden. Die digitale Manipulation von SchauspielerInnen im Film wird uns noch lange beschäftigen und vor allem, wenn sie nach deren Tod passiert, immer wieder zu großen Diskussionen führen. Dabei wird sich die Frage nach den Motiven ebenso stellen, wie die nach ethischen Grundsätzen.

    Doch eines fällt auf: Während sich hier viele Männer, die Jahrzehnte lang mit den Filmen von Scorsese in Verbindung gebracht wurden, noch einmal vor der Kamera versammelten – Joe Pesci konnte nur mit großen Mühen dazu überredet werden, aus dem Ruhestand zurückzukehren – fehlen die Frauen völlig. Patricia Arquette, Lorraine Bracco, Juliette Lewis oder Sharon Stone kommen nicht vor. Nur wenige Frauen 40plus konnten sich in Hollywood an der Spitze halten. Dabei ist die Qualität der Rollenangebote genauso von Bedeutung wie die Entscheidung, sich mehr der Familie zu widmen. Debra Winger, in den 1980ern mehrfach für den Oscar nominiert, zog sich zurück (Rosanna Arquette drehte im Jahr 2002 den Dokumentarfilm Searching for Debra Winger und setzt sich genau mit diesem Thema auseinander.) Die Karriere von Kathleen Turner, in den 1980ern eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Hollywoods, war in den 1990ern auch schon wieder zu Ende. Susan Sarandon, Oscar Preisträgerin, 5-fach nominiert. Helen Hunt, Oscar Preisträgerin. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Noch nie war die Absenz des weiblichen Hollywood so stark zu spüren wie in The Irishman. Einzig Anna Paquin, sie erhielt mit 11 Jahren einen Oscar für ihre Rolle in Das Piano, hat als Sheerans Tochter einen nennenswerten Auftritt.

    18 Monate nach dem Ende der Dreharbeiten feierte Scorseses Langzeitprojekt nun Ende September beim New York Film Festival Premiere. Von vielen Kinobetreibern werden Netflix Produktionen boykottiert. So auch von der Kette Cineplexx, dem österreichischen Marktführer. Das wirkt sich hierzulande somit dramatisch auf das Angebot aus. Auch wenn der Film bereits ab 27. November 2019 in den Wohnzimmern abrufbar ist, lohnt sich der Kinobesuch. Nicht nur wegen der großen Leinwand, sondern auch wegen der Länge, bei der zu Hause ein ungestörter Filmgenuss eher zweifelhaft erscheint.

    THE IRISHMAN | MARTIN SCORSESE | USA 2019 | 209 Min. | [usr 4.5]


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  • BOOKSMART ★★★★½

    BOOKSMART ★★★★½

    What utter rubbish. Worst movie of this year, this decade, this millennium. In fact worst movie ever. If this is anything like what high school is these days then I truly weep for the future.“ Wer sich so im Netz äußert, muss einen Donald-Trump-Pappaufsteller in der Wohnung haben oder nein, mindestens eine aufblasbare Puppe des Präsidenten sein eigen nennen. Dieses homophobe Warzenschwein! Wobei, wenn uns Booksmart, der erste Spielfilm der Schauspielerin Olivia Wilde, eines lehrt, dann dass man mit allzu voreiligen Zuschreibungen vorsichtig sein sollte.

    Molly (Beanie Feldstein), eine hyperaktive Streberin vor dem Herrn und ihre beste Freundin Amy (Kaitlyn Dever), scheinbar unauffälliger aber wenn es um feministische Angelegenheiten geht nicht weniger energisch, stehen kurz vor dem Highschool-Abschluss. Jahre der Entbehrungen liegen hinter ihnen. Hatten sie doch ihr gesamtes Leben dem Schulerfolg untergeordnet. Am Tag vor der Abschlusszeremonie kommt das böse Erwachen. Selbst die am wenigsten ambitionierten MitschülerInnen schafften es, an Eliteunis aufgenommen zu werden. Panik macht sich breit.

    Also putzen sich die zwei heraus und versuchen in einer vermeintlich perfekten Nacht all das Versäumte nachzuholen. Booksmart nimmt uns mit auf eine abenteuerliche Reise, die nicht nur voller Überraschungen steckt sondern auch noch wahnsinnig unterhaltsam ist. Mit viel Liebe zu ihren Charakteren inszeniert Wilde eine Odyssee durch das nächtliche L.A. und lässt ihre Hauptdarstellerinnen auf der Suche nach der coolsten Party der Stadt von einer skurrilen Situation in die nächste stürzen. Feldstein und Dever geben dabei ein kongeniales Duo ab. Nur ein Höhepunkt von vielen ist eine Stop-Motion Barbie-Drogen-Halluzinations-Sequenz. Zum schreien komisch. Muss man gesehen haben.

    Dabei wird Diversität groß geschrieben. Die unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen sind hier das Selbstverständlichste auf der Welt. Genderfragen werden fast beiläufig thematisiert. Das alles ist von einer erfrischenden Natürlichkeit, wie man es in High School Komödien bisher nicht gesehen hat. Der Film ist bis in die kleinesten Rollen fein besetzt, wartet mit einem spitzen Soundtrack auf (Dan the Automator) und überzeugt mit einer kreativen Kameraarbeit (Jason McCormick).

    Booksmart ist eine Geschichte über eine Freundschaft, bizarr und deftig und trotzdem intelligente Unterhaltung mit einem feministischen Unterton. Ein Wohlfühlfilm, der auch unter der Oberfläche einiges zu bieten hat.

    BOOKSMART | OLIVIA WILDE | USA 2019 | 105 Min. | [usr: 4,5]


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  • MIDWAY – FÜR DIE FREIHEIT ★★½

    MIDWAY – FÜR DIE FREIHEIT ★★½

    Sommer 1996. Roland Emmerich sprengt das Weiße Haus in die Luft. Mit seinem Alien-Science-Fiction-Film Independence Day schafft der deutschstämmige Regisseur nicht nur den Durchbruch, sondern legt den Grundstein für eine Welle von Disastermovies mit patriotistischem Einschlag. Der Zerstörungswut ist Emmerich bis heute treu geblieben. Bei seinem neuesten Film Midway – Für die Freiheit muss man nicht lange warten, bis einem die Bomben um die Ohren fliegen.

    Die Midwayinseln liegen genau zwischen Kalifornien und Japan. Daher kommt der Name. Sie umfassen eine Fläche von nur 6.2 km2 und hatten bis Anfang der 1990er Jahre eine immer wieder unterschiedliche strategische Bedeutung. Die Schlacht um Midway wird einigen aufgrund des gleichnamigen Filmes aus dem Jahr 1976 ein Begriff sein. Damals schaffte ein Allstar Ensemble mit Henry Fonda, Charlton Heston, James Coburn und Robert Mitchum die entscheidende Wende im Pazifikkrieg. Nachdem Angriff auf Pearl Harbor kam es im Juni 1942 hier zu einem zweiten Aufeinandertreffen der amerikanischen Marine und der kaiserlichen Marine Japans. Obwohl die Amerikaner stark in der Unterzahl waren, konnten sie durch eine erfolgreiche Geheimdienstarbeit die Schlacht für sich entscheiden.

    Roland Emmerichs Erzählung setzt mit dem Moment des Überraschungsangriffes auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 ein, der den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg markiert. General Chester Nimitz (Woody Harrelson) wird durch den Geheimdienstoffizier Edwin T. Layton (Patrick Wilson) darüber informiert, dass der Angriff vorhersehbar war, es in Washington aber niemand wahrhaben wollte. Folglich möchte Nimitz einen solchen Fehler in Zukunft vermeiden. Verschlüsselte Geheimdienstinformationen lassen auf einen Angriff auf die Midwayinseln schließen. Es ist aber einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Zuständigen davon zu überzeugen. Der Film nimmt sich viel Zeit, um auf die Bedeutung der Geheimdienstarbeit für den Erfolg bei der Schlacht hinzuweisen.

    Die 138 Minuten von Midway – Für die Freiheit vergehen wie im Flug. Obwohl der Ausgang bekannt ist und sich nie so wirklich ein Spannungsbogen etablieren kann. Die Dialoge bleiben unauffällig, genauso wie die schauspielerischen Leistungen. Im Mittelpunkt steht der Kampfpilot Richard Best (Ed Skrein), der wie seine Kollegen aus vollster Überzeugung für Demokratie und Frieden seine Einsätze fliegt. Keine Sekunde wird ein Zweifel daran gelassen, dass es sich hier um einen Kriegsfilm handelt. Sogar der Gegner wird als jemand dargestellt, der heldenhaft kämpft und ehrenvoll mit dem eigenen Schiff untergeht.

    Der letzte Film, der sich mit einem militärischen Ereignis aus dem Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt hat, war Christopher Nolans Dunkirk. Beide Filme könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Dunkirk das Publikum mit seiner Erzählweise und den spektakulären Aufnahmen in Atem hält, wirkt die Inszenierung der Kampfszenen in Midway wie aus einen Computerspiel. Das hängt auch damit zusammen, dass hier nichts echt ist und der Greenscreen somit allgegenwärtig. Offenbar reichen heute 100 Millionen Dollar nicht mehr aus, um einen halbwegs realistisch wirkenden Film dieser Größenordnung zu machen.

    Hinzu kommt, dass Midway in seiner Erzählweise in den 1990er Jahren steckengeblieben ist. Hier ist nichts innovativ. Es ist zu hoffen, dass diese Art von historischem Retrokino die Ausnahme bleibt. Bleibenden Eindruck hinterlässt Midway nämlich keinen und ist bei verlassen des Kinosaales schon fast wieder vergessen. Vielleicht wird es wieder Zeit, dass Roland Emmerich das Weiße Haus pulverisiert, eine Alieninvasion ist in nächster Zeit nämlich keine zu erwarten.

    ROLAND EMMERICH | USA 2019 | 137 Min. | [usr 2,5]


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