Kategorie: Review

  • FIRST MAN – Aufbruch zum Mond ★★★★

    FIRST MAN – Aufbruch zum Mond ★★★★

    Es ist ohne Zweifel das größte Abenteuer der Menschheitsgeschichte. Damien Chazelle (La La Land, Wiplash) zeigt rechtzeitig zum 50. Jubiläum, was Männer zur Zeit der Mondlandung in rostigen Raketen geleistet haben und was Frauen ertragen mussten.

    Die erste Diskette war gerade erfunden worden, Computer hatten die Größe von Kühlschränken und allein in Österreich fuhren mehr als 2.000 Menschen in den Tod. Airbags gab es schon, sie sollten aber erst ein Jahrzehnt später in den ersten Autos verbaut werden. Diesen Kontext sollte man sich vor Augen führen, wenn man an die Zeit der Mondlandung denkt. Was es bedeutet, sich in eine kleine Blechdose zu setzen, in der gerade eine ganze Crew verbrannt war und Richtung Mond schießen zu lassen.

    Für Neil Armstrong (Ryan Gosling), der Film liegt seiner Biografie zu Grunde, gab es keine Zweifel daran, dass die Mission glücken musste. Er absolvierte Test über Test und kam haarscharf mit dem Leben davon. Der Phlegmatiker, der es Zeit seines Lebens ablehnte, aus der Mondlandung Kapital zu schlagen, hatte nur ein Ziel im Kopf. Für seine Frau (Claire Foy) und die zwei Kinder blieb da kein Platz. Sie muss ihn dazu drängen, ein klärendes Gespräch mit seinen zwei Söhnen zu führen. Eine Situation, mit der er ganz und gar nicht umgehen kann. Er lässt seine Familie mit einer großen Ungewissheit zurück. Bei der Nasa wird vorsorglich der Nachruf verfasst.

    Die Rolle liegt Ryan Gosling, genauso wie die Rolle des namenlosen Fahrers in Drive (2011). Reaktionen sind auf ein Minimum beschränkt. Das mag dem realen Vorbild zu entsprechen. Allerdings werden sonst sämtliche Charaktere zu Nebendarstellern degradiert. Foy bleibt zwar im Gedächtnis aber First Man ist eine One-Man-Show. Daher muss man Gosling schon ein bisschen mögen. Über seine schauspielerischen Fähigkeiten gibt es unterschiedliche Ansichten, dabei sind solche, die ihn gut finden.

    Es ist ein guter Einfall von Chazelle während des Fluges die Raumkapsel mit der Kamera nicht verlassen. Die Enge wird deutlich, in der sich die drei Männer befinden. Das Publikum wird richtig durchgeschüttelt. Den sonst üblichen Blick von außen spart der Regisseur komplett aus. Keine Menschen mit Fahnen in den Händen und Tränen in den Augen. Stattdessen protestiert vor dem Start eine Bürgerrechtsbewegung gehen die weiße Vorherrschaft.

    Wenn der grapschende Twitter-König den Film nicht patriotisch genug findet, weil ihm die Sternenbanner fehlen, ist das schon einmal ein gutes Zeichen. First Man ist ein spannendes Kinoerlebnis, dass so realistisch, wie das heute im Kino möglich ist, zeigt, wie es sich wohl angefühlt haben muss, wenn einem nur eine dünne Blechschicht vom Weltraum trennt. Eine Hohelied an die technische Leistung und den Wagemut, der dahinter steckt. Die Mondlandungsszene ist meisterhaft inszeniert. Sekunden vor der Landung zweifelt man fast noch am Erfolg der Mission. Wie sich die Familie dabei gefühlt haben muss, kann man nur erahnen.

    Damien Chazelle | USA 2018 | 141 Min. | [usr 4]

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  • BOHEMIAN RHAPSODY ★★★½

    BOHEMIAN RHAPSODY ★★★½

    Einer der meist herbeigesehnten Filme des Jahres ist nach einer langen und turbulenten Produktionsgeschichte nun endlich in den Kinos angekommen. Eines vorweg: In den Kommentaren dazu fliegen die Fetzen. Fans sind entrüstet. Es gibt mehrere Möglichkeiten sich diesem Biopic um Freddie Mercury, dem Frontman von Queen, anzunähern.

    Der Film startet mit einer eigens arrangierten Version der „Fox-Fanfare“ von 20th Century Fox. Was folgt ist ein 21 Nummern umfassender Soundtrack. Alle Nummer 1 Hits von Queen sind dabei. Das für Mercury so wichtige Barcelona nicht. Es sind Auslassungen und die Gewichtung der Handlung auf die Jahre 1970 bis 1985, sechs Jahre vor Mercurys Tod, die Kritiker verstimmen. Dabei ist Bohemian Rhapsody kurzweilig, unterhaltsam und wartet mit einer tollen Darstellerriege auf, allen voran der großartige Rami Malek als Freddie Mercury. Aber der Film ist auch familientauglich und wer Mercurys Lebenswandel kennt, weiß, dass dies nicht ganz zusammengeht.

    Mercurys Eskapaden werden nur angedeutet. Vielleicht wollten die verbliebenen Bandmitglieder sein Vermächtnis nicht beschädigt sehen. Womöglich ist das ein Grund, warum es rund um das Projekt fast 20 Jahre immer wieder zu künstlerischen Differenzen kam und ein Darsteller nach dem anderen absprang. Darüber, wann wer von seiner Krankheit erfahren hatte gibt unterschiedliche Aussagen. Aus dramaturgischen Gründen teilt Mercury im Film seinen Bandmitgliedern während der Proben zum Life-Aid-Konzert mit, dass er am HIV-Virus erkrankt ist. Damals wusste er selbst noch nichts davon. Mehr als einmal blutiger Husten zeugt nicht von seinem Leiden. Warum man sich dazu entschlossen hat und seine letzten Lebensjahre komplett ausspart, bleibt unverständlich. Der Film endet mit einer peniblen Rekonstruktion des Live-Aid Auftrittes. Jeder Colabecher auf dem Klavier steht an seinem Platz. Jede Bewegung stimmt. Bohemian Rhapsody ist ein Meisterwerk der Imitationskunst.

    Es ist eine Freude Rami Malek zuzuschauen. Die anderen Bandmitglieder sind mit Ben Hardy (Roger Taylor), Joseph Mazzello (John Deacon) und Gwilym Lee (Brian May) exzellent gecastet. Die Ähnlichkeiten verblüffend. Mike Myers ist Ray Foster, jener Produzent der einst Bohemian Rhapsody als Singleauskoppelung abgelehnt hatte. Er hätte „I’m in love with my car“ bevorzugt. Gerade aus Myers Mund zu hören, niemand würde zu Bohemian Rhapsody im Auto singen, ist ein gelungener Scherz. Viele werden sich noch an die legendäre Szene in „Wayne’s World“ erinnern. Lucy Boynton ist Mary Austin, Mercurys Langzeitfreundin. Das hin und her in ihrer nicht leichten Beziehung wird glaubwürdig dargestellt. Mercury hat ihr einen Großteil seines Vermögens vermacht. Sein Freund in späteren Jahren, Jim Hutton, wird von Aaron McCusker verkörpert.

    Trotzdem wird Bohemian Rhapsody dem Musiker und mitreißenden Showman Freddie Mercury gerecht. Dass sein Privatleben, dort wo es ausgelassen wurde, ausgespart wird, bleibt ein Wehrmutstropfen. Was man bekommt ist ein buntes und unterhaltsames Hitfeuerwerk. Da können schonmal die Sitzreihen zu wackeln beginnen.

    Brian Singer wird zwar offiziell als Regisseur geführt, wurde aber mitten in den Dreharbeiten von Dexter Flechter abgelöst, nachdem Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihn aufkamen. Aber auch das ist nur eine mögliche Version der Geschichte. Den Film, den sich viele gewünscht haben, hätte aber wohl eher einer wie Abel Ferrara machen müssen.

    Brian Singer/Dexter Flechter | USA/UK 2018 | 135 Min. | [usr 3,5]

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  • GLÜCKLICH WIE LAZZARO/ Lazzaro Felice ★★★½

    GLÜCKLICH WIE LAZZARO/ Lazzaro Felice ★★★½

     

    Während vor dem Fenster der Liebhaber der Ältesten am Bauernhof ein Ständchen singt und der kleine Bruder in einer Bettlade schlummert, geht es vor Aufregung drunter und drüber. Hastig wird die Glühbirne umgeschraubt. Es gibt nämlich nur eine. In einfachen Verhältnissen leben die Menschen auf dem Gut Inviolata. Aber irgendetwas stimmt hier nicht.

    Es ist Zahltag. Der Verwalter kommt auf einem Moped gefahren. Allerdings ist die Tabakernte nicht wie erwartet ausgefallen. Die Bauern bleiben in der Schuld einer gewissen Marchesa Alfonsina de Luna (Nicoletta Braschi). Kurz kommt Unmut auf, nur der naive Lazzaro (Adriano Tardiolo) nimmt alles gelassen hin. Er beobachtet alles glücklich und zufrieden.

    Die Bewohner scheinen die Ländereien noch nie verlassen zu haben. Zeitlich ist die Handlung nicht eindeutig einzuordnen. Eines ist aber klar: Die Bauern leben in einer Halbpacht als Leibeigene in feudalen Verhältnissen. Sie werden von der Marchesa ausgebeutet aber sind sich dessen nicht bewusst, weil sie es anders nicht kennen.

    Tancredi (Tommaso Ragno), der Sohn der Marchesa, rebelliert gegen seine Mutter und versteckt sich bei den Bauern. Lazzaro freundet sich mit ihm an. Er hat das falsche Spiel seiner Mutter natürlich durchschaut und wehrt sich gegen die Ausbeutung. Eines Tages stürzt Lazzaro einen Fels hinunter. Als er nach einiger Zeit von einem Wolf erweckt wird und wie durch ein Wunder wieder aufsteht, scheint einige Zeit vergangen zu sein.

    Regisseurin Alice Rohrwacher verbindet in Lazzaro Felice italienischen Neorealismus mit der Fabelfigur Lazzaro. Die Handlung ist am Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus angelegt. In einer nicht zu verortenden Umgebung und fast losgelöst von der Zeit. Für die bald ehemaligen Bauern ist der Unterschied aber nicht allzu groß. Sie kommen immer unter die Räder. Auch der Kapitalismus lässt nichts für sie über. Ihre Arbeit verkaufen sie nicht im marxschen Sinne an den Bestbietenden, sondern müssen sich beim Stundenlohn gegenseitig unterbieten.

    Lazzaro Felice ist ein sozialistisches Märchen, in dem der Wolf als klassisches Fabelwesen genauso eine Rolle spielt, wie der Wind als Zitat aus einem bekannten kommunistischen Lied. Er steht für Veränderung aber eigentlich ändert sich nichts. Die Ausbeutung der schwächsten in der Gesellschaft geht immer weiter.

    Dass der Film aus der Zeit gefallen zu sein scheint, wird durch die Verwendung von 16-mm-Film noch verstärkt. In Cannes wurde Rohrwacher, die überwiegend mit Laien gedreht hat, für ihr Sozialmärchen mit dem Preis für das Beste Drehbuch ausgezeichnet.

    Alice Rohrwacher | IT 2018 | 127 Min. | [usr 3,5]

  • EX LIBRIS – Die Public Library von New York ★★★★

    EX LIBRIS – Die Public Library von New York ★★★★

    Auf halbem Weg zwischen Central Park und Empire State Building befindet sich das Hauptgebäude der New York Public Library. Geht man vorbei an den großen Löwenstatuen die Treppen hinauf und betritt es durch die Drehtüren, lässt man den Lärm der Großstadt hinter sich und taucht in eine eigene Welt ein. Nicht nur die dortige Stille fasziniert Regisseur Frederick Wiseman. Wer glaubt, eine der größten Bibliotheken der Welt bestünde nur aus Büchern und Archiven, sollte sich diese Dokumentation ansehen.

    Die New York City Library ist ein privates Großunternehmen mit einem Budget von 250 Mio. $. Mit staatlicher Finanzierung, die 61% des Budgets ausmacht, betreibt sie als private-public-partnership 88 Filialen, Gemeinde- und Kulturzentren. Dabei hat man es sich zum Ziel gesetzt einen barrierefreien Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

    Dazu gehören unter anderem Schulungs- und Bildungsprogramme, Podiumsdiskussionen und Konzerte, frühe Alphabetisierungsprogramme und der freie Zugang zu Computern und Internet, sowie das Erlernen der Blindenschrift. Dabei werden die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten angesprochen. Im Bronx Library Center erfahren Interessierte alles über Bürgerrechte und Sozialen Wohnbau. Man versteht sich als zentralen Ort der Inklusion und sieht im Zugang zu Information eine grundlegende Lösung des Problems der Ungleichheit. Dabei stellt sich auch die Frage, wo die Grenzen der Zuständigkeiten verläuft. Wo liegen die Verantwortungen bei der Stadt?

    Das Bild des Trubels in der Großstadt im Gegensatz zu einem Ort der Ruhe und Kontemplation setzt Wiseman immer wieder als Überleitung zu den verschiedenen Außenstellen ein. EX LIBRIS ist nicht nur das Porträt einer Institution, sondern auch der Stadt und ihren Menschen. Wiseman ist als Vertreter des direct cinema reiner Beobachter. Es gibt keinen Kommentar. Das mag durchaus fordernd sein. Auch hinsichtlich einer Länge von 196 Minuten. Wie immer lohnt es sich jedoch, sich darauf einzulassen.

    Für Frederick Wiseman ist die Bibliothek Hüter der amerikanischen Geschichte und nationales Gewissen. Dabei erfüllt sie eine soziale Funktion. Weniger kritisch als sonst, präsentiert Wiseman eine Leistungsschau einer bedeutenden Institution der USA. Sie vereinigt alles, so Wiseman, was Präsident Trump hasst. Ein Ort der Bildung als Bollwerk gegen zweifelhafte Fakten und mit der Idee der Chancengleichheit.

    Frederick Wiseman | USA 2017 | 196 Min | [usr 4]

    Foto © Filmladen Filmverleih

  • WALDHEIMS WALZER ★★★★

    WALDHEIMS WALZER ★★★★

    Als ich 1996 bei einer Kinopremiere auf Kurt Waldheim getroffen bin, wusste ich, dass er UN-Generalsekretär und Bundespräsident gewesen ist. Auch an eine Waldheim-Affäre konnte ich mich erinnern. Welche gesellschaftspolitischen Implikationen der Wahlkampf 1986 und die darauffolgende Präsidentschaft in Österreich ausgelöst hatte, war mir weniger klar. Ruth Beckermann hat nun im Zuge einer umfassenden Archivrecherche die damaligen Ereignisse zusammengefasst. Erstmals auch aus der Perspektive internationaler Medien. Ein Film für alle, die damals zu jung waren und verstehen möchten, was den Nährboden für die heutige politische Landschaft in Österreich bereitet hat und jene, die sich nicht mehr erinnern können. Ein Vergessen, das einen eigenen Namen hat: das Waldheim-Syndrom.

    Am Anfang sind Waldheims Hände. Sie sind gigantisch groß und erinnern an Tim Burtons Figur Jack Skellington aus The Nightmare before Christmas. Beckermann ist fasziniert von ihnen. Als wolle er ganz Österreich umarmen. Es sind die einzigen Aufnahmen von ihm, dem Kandidaten, wie sie ihn durchwegs nennt, die sie selbst bei einer Wahlkampfveranstaltung angefertigt hat. Die Regisseurin hat sich in den Fernseharchiven auf die Suche nach Zeitdokumenten gemacht und bewusst auf neues Material verzichtet. Die Positionen hätten sich ohnehin nicht geändert. Die Aufnahmen sprechen für sich. Auch 30 Jahre danach.

    Was sich hier vor dem Publikum offenlegt, ist nicht nur Waldheims Gedächtnis, sein Nichtwissen und Vergessen, sondern ein tiefer Einblick in die österreichische Seele. Dem kleinen Land, das sich seine eigene Vergangenheit zurecht gebogen hatte und äußerst empfindlich auf Andersdenkende und Stimmen von Außen reagierte. Man wurde nicht müde, die Opferrolle Österreichs im Zweiten Weltkrieg zu betonen und wollte Vergangenes ruhen lassen.

    Ein Österreicher, dem die Welt vertraut.

    Text der Plakatkampagne der ÖVP

    Kurt Waldheim hat seine Vergangenheit schlicht geleugnet. In seiner Biografie fehlen die Jahre 1942 bis 1944, in denen er als Offizier der Wehrmacht unter anderem in Saloniki stationiert war. Der Jüdische Weltkongress versuchte Aufklärungsarbeit zu leisten. Was der große Teile der österreichischen Bevölkerung als Einmischung verstand und den Antisemitismus bestärkte, der von Politikern aller Lager für ihre Zwecke gerne aufgegriffen wurde. Die später eingesetzte Historikerkommission konnte Waldheim zwar keine Kriegsverbrechen nachweisen, ihn jedoch nicht von der moralischen Schuld freisprechen. Kurz vor seinem Tod zeigte sich Waldheim einsichtig und bat um Verzeihung. Vielleicht entsprang das seiner tiefkatholischen Überzeugung. WALDHEIMS WALZER ist aber weniger das Portrait eines Staatsmannes, als das einer Gesellschaft.

    Der Wahlkampf führte zu einem Aufbrechen von gesellschaftlichen Gegensätzen und setzte hinsichtlich der Opferthese einen Umdenkprozess in Gang. Bis zur Rede Franz Vranitzkys über die Mitschuld der Österreicher sollten aber noch Jahre vergehen. Im Film sind Männer zu sehen, die am Graben in Wien ungeniert vor laufender Kamera ihre antisemitischen Parolen von sich geben. Ein nationaler Schulterschluss machte das möglich. Durch Fakten ließ sich kaum jemand überzeugen. Wem kommt das bekannt vor?

    Von der Ostküstenpresse und einer Schmutzkübelkampagne ist die Rede. Eine Diktion, die sich bis heute gehalten hat, wenn es darum geht Rechtspopulisten Lügen zu Strafen. Der Mobilisierungsgrad dieser hetzerischen Gefühle schlug sich im eindeutigen Wahlergebnis nieder.

    „Jetzt erst recht!“

    Text der Plakatkampagne der ÖVP

    Es gab aber auch Gegenproteste. Im Zuge des Wahlkampfes wurde 1986 der „Republikanische Club“ gegründet, der heute den Zusatz „Neues Österreich“ im Namen trägt. Er versteht sich als Teil der Zivilgesellschaft und tritt gegen Antisemitismus und Rassismus auf. Im gehört auch Ruth Beckermann an. Sie beginnt ihren Film mit Aufnahmen einer damaligen Kundgebung in der Wiener Innenstadt. Der Club sah in Waldheim nicht das Problem sondern ein Symptom. In WALDHEIMS WALZER wird das deutlich.

    Die Dokumentation ist formal spannend. Sie besteht fast ausschließlich aus gesendetem TV-Material, daher auch das Bildformat 4:3. Die Ästhetik der Bilder, also wie etwas in Szene gesetzt wurde, mag vielleicht nur für Insider interessant sein. Das Framing für Waldheims erste Ansprache wirkt aus heutiger Sicht wie aus dem Kasperltheater. Wie sich Menschen auf der Straße vor einer laufenden Kamera verhalten haben, zeigt aber deutlich, wie sich das Verhältnis zu Medien und im speziellen Fernsehen verändert hat. Hier hat eine Sensibilisierung stattgefunden, die das Medium größtenteils selbst zu verantworten hat. Drängten sich damals Menschen vor die Kamera um ihren Unmut zu äußern, ist es heute schwierig überhaupt jemanden vor das Objektiv zu bekommen.

    Einen Tag nach Waldheims Sieg trat Fred Sinowatz als Bundeskanzler zurück. Ihm folgte Franz Vranitzky nach. Dieser führte die Koalition mit der FPÖ fort bis Jörg Haider den Parteivorsitz übernahm. Daraufhin war die Koalition Geschichte und es kam im Herbst 1986 zu Neuwahlen. Der Aufstieg der FPÖ hatte begonnen. Er war geprägt von der Wir-sind-wir-Mentalität und dem Spiel mit der Verharmlosung der Rolle Österreichs während des Nationalsozialismus. Ganz im Sinne des Slogans „Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!“ aus dem Präsidentschaftswahlkampf. Gleichzeitig begann erstmals eine Aufarbeitung der Vergangenheit, die mehr 10 Jahre später zu den Restitutionen von Kunstwerken führte.

    Für Ruth Beckermann ist der Blick mit zeitlichem Abstand interessant. Aus der Sicht einer Aktivistin hat sie die Geschichte für eine neue Generation aufbereitet. Die Parallelen zu Heute sind erschreckend. Vor allem die Immunität gegenüber Fakten und das gezielte Schüren von Ressentiments für bestimmte politische Ziele. Waldheim war kein Nazi sondern Opportunist. Schon früh in den nationalsolzialistischen Jungendverbänden, hielt er sich zurück, sobald sich eine Niederlage abzeichnete und er sich so für eine politische Karriere nach dem Krieg in Stellung brachte. Geprägt durch die Familie als christlich-konservatives Wertekonzept unter Vereinahmung von Tradition und Brauchtum. An letzteren kommt auch heute noch kein Kandidat vorbei. Dazu passt es, das Bundeskanzler Sebastian Kurz gerade erklärte, Österreich „zurück an die Spitze“ bringen zu wollen. Das ist, wie man an jüngsten Reformen erkennen kann, durchaus Ideologisch gemeint. In Österreich war man schon immer gut darin, die Vergangenheit zu glorifizieren.

    WALDHEIMS WALZER wurde als diesjähriger Kandidat für den Auslandsoscar vorgeschlagen. Eine Entscheidung, die nicht ganz nachvollziehbar ist. Auch die Viennale hat in diesem Jahr im Programm die Unterteilung von Spiel- und Dokumentarfilmen aufgehoben. Die Chancen für eine Berücksichtigung sind aber eher als gering einzustufen.

    Ruth Beckermann | A 2018 | 93 Min | [usr 4]

    © Foto: Filmladen Filmverleih

    Ruth Beckermann über die Recherche zu WALDHEIMS WALZER in der Presse: → Link. (€)

  • A STAR IS BORN ★★★★

    A STAR IS BORN ★★★★

    Über dem Bett der Küchengehilfin Ally (Lady Gaga) hängt, eingerahmt hinter Glas, das Album Tapestry von Carole King aus dem Jahr 1971. Ein Viertel Jahrhundert lang war dies die meistverkaufte Platte einer Solokünstlerin (bis sie von Shania Twain abgelöst wurde). In ihrem ersten Spielfilm träumt Lady Gaga von der großen Karriere als Sängerin. Der Star, der hier gerade geboren wird, ist im realen Leben natürlich schon längst einer.

    Bradley Cooper hat sich einen Pop-Star für seine erste Regiearbeit ausgesucht, der alle Stationen auf dem Weg nach oben schon durchlebt hat. Ein vom Management konstruiertes Image, dem unter Druck Widerstand zu leisten, bis hin zur Emanzipation als Solokünstlerin. Davon erzählt die alt bekannte Geschichte von A STAR IS BORN. Der Countryrocksänger Jackson Maine, gespielt von Cooper selbst, entdeckt Ally in einem Dragqueen Club, eigentlich auf der Suche nach Alkohol, als sie La vie en rose zum Besten gibt und verliebt sich sofort in ihre Stimme. Es folgt eine Lovestory, ihr Aufstieg und sein Absturz in Drogen und Alkohol. Es ist die vierte Auflage und die Vorgänger haben mit Janet Gaynor (1937), Judy Garland (1954) und Barbara Streisand (1976) in den Hauptrollen Filmgeschichte geschrieben. Die Handlung ist natürlich vorhersehbar. Warum ist Coopers Version trotzdem ein Erfolg?

    Der Rolling Stone bezeichnet den Film weniger als Remake, sondern als Cover Version und zwar der Hallelujah-Liga. Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit. Das merkt man daran, wie Cooper Lady Gaga inszeniert, wie er mit den weiteren Co-Stars umgeht und wie er sich selbst ins Zeug legt. Seine Protagonistin hat all den Ballast abgeworfen, der zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Sie versteckt sich nicht hinter dickem Make-up und üppigen Kostümen, sondern wirkt authentisch. Das war so nicht zu erwarten. Cooper und Lady Gaga haben nicht nur Songs extra für den Film komponiert, er singt auch noch selber und das sehr überzeugend. Noch so eine Überraschung. Bei Jacksons älterem Filmbruder Bobby, gespielt von Sam Elliott wird einmal mehr klar, warum Nebenrollen Supporting Acts genannt werden. Solche Partner hat sich Cooper nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera gesucht und sie tragen entscheidend dazu bei, dass der Film nicht zur Schmonzette verkommt.

    Die Suspense ist freilich enden wollend. Vor allem gegen Ende. Wie viele Filme sind nicht schon an ihrem Ende gescheitert? A STAR IS BORN holt an dieser Stelle aber zu einen fulminanten Höhepunkt aus. Das Ende sitzt und das ein oder andere Taschentuch wird wohl im Publikum ausgepackt werden.

    Im Zentrum stehen aber die Live-Auftritte der Beiden. Nicht eigens inszeniert, sondern allesamt tatsächlich bei Konzerten, wie dem Coacella Festival, aufgenommen. Es sind nicht die typischen Live-Aufnahmen von Konzertfilmen sondern die Kamera bleibt dicht an den Protagonisten. Im Hintergrund spürt man das Publikum und die Aufregung hinter der Bühne. Die Songs gehen ins Ohr und haben Hitpotential. Cooper und Lady Gaga geben ein tolles Paar ab. Man merkt, dass die Chemie stimmt.

    Es ist nicht nur eine Geschichte, die eng mit der Hollywood verbunden ist. Es geht um das Showbiz an sich. Bradly Cooper hat es verstanden, den Stoff in unsere Zeit zu transferieren und seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Vielleicht die beste Major Studio Produktion, die man in diesem Jahr zu sehen bekommen wird. Es gilt fast schon als gesichert, dass die Mühen bei den wichtigsten Filmpreisen Berücksichtigung finden werden.

    Als Ergänzung gibt es bei Netflix die Dokumentation Gaga: Five Foot Two zu sehen. Alles ist Inszenierung. Alles ist big Business.

    Bradley Cooper | USA 2018 | 135 Min | [usr 4]

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  • DIE UNGLAUBLICHEN 2 | Incredibles 2 ★★★½

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 | Incredibles 2 ★★★½

    Der erste Teil von DIE UNGLAUBLICHEN liegt bereits 14 Jahre zurück. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat Disney das Publikum mit 20 Marvel Superheldenfilmen beglückt. Umso erstaunlicher, dass sich der Konzern mit der Fortsetzung des Animations-Kassenschlagers soviel Zeit gelassen hat. Dass Superhelden trotz des übersättigten Marktes so zu unterhalten vermögen wie Mr. Incredible und seine Familie, ist durchaus bemerkenswert, auch wenn es eben nur eine Fortsetzung ist, die nicht wirklich Neues zu bieten hat.

    Zuvor aber kommt der obligatorische Kurzfilm. BAO erzählt von einem lebendig gewordenem Dim Sum, dass zur Allegorie auf das Erwachsenwerden wird. Das hat mit Sicherheit kein Kind im Saal verstanden. Den Schluss auch so manch Erwachsener nicht, wovon spontane Erklärungsversuche zeugen. Unglaublich ist jedoch, dass hier mittels einer Teigtasche Emotionen erzeugt werden. Hut ab.

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 schließt nahtlos an das Ende von Teil 1 an, in dem der Schurke Tunnelgräber in Metroville sein Unwesen treibt. Jede Rettungsaktion artet in Verwüstungen aus, für die keine Versicherung aufkommen möchte. Daher sind Superhelden illegal. Die Avengers kennen das. Die Parrs, wie sie mit bürgerlichem Namen heißen, leben in einem Motel, die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Daher kommt das Angebot von Winston Deavor, dem Besitzer von DevTech gerade recht, der das Image der Superhelden wieder zurechtrücken möchte. Gemeinsam mit dessen Schwester Evelyn starten sie einen PR Feldzug. Es dauert nicht lange und der nächste Bösewicht betritt die Bühne. Screenslaver nutzt die Abhängigkeit der Menschen von Bildschirmen aus und betreibt für seine Zwecke Massenhypnose.

    Allerdings möchte Deavor, dass Mr. Incredible (Craig T. Nelson/Markus Maria Profitlich) seiner Frau Helen (Holly Hunter/Katrin Fröhlich) alias Elastigirl den Vortritt lässt. Eine Frau könne die öffentliche Meinung eher zu deren Gunsten beeinflussen. Mr. Incredible bleibt widerwillig zu Hause bei den Kindern. DIE UNGLAUBLICHEN 2 spielt mit Geschlechterrollen. Im Kontext der 1960er, in denen die Handlung angesiedelt ist, eine Novität und heute nicht weniger aktuell.

    Natürlich ist Mr. Parr maßlos überfordert. Die Tochter Violet pubertiert und der Sohn Robert ist sowieso ein unberechenbarer Chaot. Der wahre Star des Films ist aber Jack-Jack, das Baby der Familie. Es ist keine große Überraschung, dass es auch bald seine Superkräfte entdeckt – wie schon am Ende von Teil 1 angedeutet – und ganz und gar nicht unter Kontrolle halten kann. Laserblick, beliebige Vervielfachung, Teleportation, Blitze abfeuern, sich in Schwermetall verwandeln und dem nicht genug, im niedlichen Baby schlummert der Höllenhund.

    Beste Voraussetzungen für ein Gag-Feuerwerk, das alt und jung gleichermaßen unterhält. Für die Kleinsten ist auch Spannung garantiert, die interessanterweise gerade an jenen Stellen am größten ist, wo die Handlung am ehesten emotional nachzuvollziehen ist. Sich von einem Hochhaus zu stürzen, kein Problem! Wenn Elastigirl einen dunklen Raum betritt, verkriechen sich die Kinder aber im Kinosessel.

    Musik und Setdesign erinnern an Agentenfilme der 1960er und verpassen dem Film einen Retro-Future-Look. Das neue Haus der Parrs ist wahrlich ein Traum. Bond-Designer Ken Adam lässt grüßen. Lucius Best (Samuel L. Jackson/Ian Olde) alias Frozone schafft beeindruckende animierte Eisberge. Sowohl die Arbeitsabläufe hinter der Kamera als auch das visuelle Ergebnis nähern sich immer mehr Realfilmen.

    DIE UNGLAUBLICHEN 2 ist ein charmanter und unterhaltsamer Aufguß des bekannten Themas. Kein Geniestreich aber man bekommt die gewohnte Pixar Qualität. Die dritte Fortsetzung wird wohl nicht ganz so lange auf sich warten lassen.

    Brad Bird | USA 2018 | 118 Min | [usr 3,5]

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  • THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE ★★

    THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE ★★

    Einer dieser lange erwarteten Filme. „After more then 25 years in the making – and unmaking“, heisst es im Vorspann. Die Entstehungsgesichte ist legendär oder schon längst wieder vergessen. Je nach dem. Terry Gilliam hat es also doch noch vollbracht. In seinen zahlreichen Interviews ist von den Dreharbeiten die Rede, zu denen es bereits einen eigenen Film gab. Nur für den fertigen Film scheint sich kaum jemand zu interessieren.

    Immer dann, wenn ein Stück Weltliteratur den Weg ins Kino findet, ruft das Kritiker auf den Plan und es wird genauer hingeschaut. Bei Gilliams neuestem Film ist das aber gar nicht notwendig. Für ihn ist der Stoff Ausgangspunkt für eine Neuinterpretation. Er hat die Handlung kurzerhand in die Gegenwart verlegt und stellt den Anspruch einer werkgetreuen Umsetzung nicht.

    Toby (Adam Driver) ist Werberegisseur und eigentlich recht unsympathisch. Bei Dreharbeiten in Spanien stößt er zufällig auf eine Kopie seines ersten Films. In einem nahegelegenen Dorf inszenierte er mit den dortigen Bewohnern die legendäre Geschichte vom Ritter der traurigen Gestalt. In der Hauptrolle ein Schuster (Jonathan Pryce) und Angelica (Joana Ribeiro), die Tochter des Wirtes, als Dulcinea. Als Toby sich auf den Weg in das Dorf macht, muss er feststellen, dass es seine Darsteller mit ihren damaligen Rollen etwas zu ernst genommen haben. Angelica ging als Prostituierte in die Stadt und der Schuster ist davon überzeugt, selbst Don Quixote zu sein. In Toby glaubt er seinen Knappen Sancho Panza zu erkennen.

    Der Stoff lag Gilliam am Herzen. Er spinnt das Thema weiter und die Verlegung in die Gegenwart ist ein spannender Clou. Der Film springt in den Zeitebenen aber hin und her und irgendwann artet das in einem Chaos aus. Er wirkt wie aus Fragmenten zusammengeschustert. Als hätte er sich die gesamte Produktionsgeschichte einverleibt. So ist es mehr eine tödliche Umarmung geworden, denn eine liebevolle Hommage. Ob sich Gilliam mit dem Mann im Filmtitel selbst gemeint hat, ist nicht bekannt. Ganz unschuldig ist er nicht.

    Jonathan Pryce ist in der Viertbesetzung die Rolle auf den Leib geschrieben. Mit seinen 70 Jahren ist er auch im besten Alter. Aber ein guter Stoff ist nicht umzubringen? Naja. THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE ist ein handfestes Desaster mit einer Länge von mehr als zwei Stunden geworden. Die Erlösung hat der Regisseur nun gefunden. Don Quixote und dem Publikum bleibt sie verwehrt.

    Terry Gilliam | ES, GB, FR, PT, BG 2018 | 132 Min [usr 2]

  • OFFENES GEHEIMNIS | Todos lo saben ★★★½

    OFFENES GEHEIMNIS | Todos lo saben ★★★½

    Der iranische Regisseur Asghar Farhadi kehrt seiner Heimat den Rücken zu und dreht einen Film in Spanien, mit Penélope Cruz, Javier Bardem und Ricardo Darin. Deren Familien kommen für eine Hochzeit in der Idylle einer Kleinstadt zusammen und es wäre nicht Farhadi, wenn sich da nicht zwischenmenschliche Abgründe auftun würden.

    Laura (Penélope Cruz) lebt mit ihrem Mann Alejandro (Ricardo Darin) in Buenos Aires und kommt mit ihren beiden Kindern zur Hochzeit ihrer Schwester zurück in ihre Heimatstadt in der Nähe von Madrid. Die Freude ist groß, die Stimmung ausgelassen. Sie trifft auch auf ihre Jugendliebe und nunmehrigen Weinbauern Paco (Javier Bardem), der ihr vor Jahren ihre Ländereien abgekauft hat. Zu billig, wie manche meinen. In der Nacht der Hochzeit verschwindet Lauras Tochter Irene (Carla Campra) spurlos. Der Zusammenhalt der Familie wird auf die Probe gestellt, denn es gibt ein offenes Geheimnis und wie die deutsche Übersetzung des Titels lautet: alle wissen es.

    Auch das Publikum tappt nicht ewig im Dunkeln. Regisseur Farhadi hatte aber auch keinen klassischen whodunit im Sinn. Wie in seinen Vorgängerfilmen interessiert er sich vielmehr für zwischenmenschliche Beziehungen, die er neuerlich präzise ausgearbeitet hat. Nichts passiert hier unüberlegt. Das obwohl es kein fertiges Drehbuch am Set gibt. Ein Drehbuch, das in einer Sprache verfasst ist, die der Regisseur nicht versteht. Nach eigenen Aussagen keine große Herausforderung für ihn.

    Fernab von politischem Kleingeld und Manipulation von Meinungen hat uns Farhadi mit seinem scharfen Blick für familiäre Beziehungen vorbei an der Zensur im Iran viel über die Unzulänglichkeiten des Alltags, den sozialen Druck und der Angst vor der Obrigkeit erzählt. OFFENES GEHEIMNIS ist der europäischste von Farhadis Filmen geworden. Erstmals bestimmt nicht die Anonymität der Großstadt das Setting. Auf dem Land kennt jeder jeden und ist jeder verdächtig. Dem Thema des Familiendramas ist er aber treu geblieben.

    Penélope Cruz‘ Darstellung erinnert an Sophia Loren, ihre Natürlichkeit ist beeindruckend und Javier Bardem ist ohnehin einer der gewaltigen des Kinos. Beide geben mit ihrer Leinwandpräsenz ein Traumpaar auf der großen Leinwand ab.

    OFFENES GEHEIMNIS war der diesjährige Eröffnungsfilm bei den Filmfestspielen in Cannes. Dort ging er leer aus, für eine neuerliche Oscar Nominierung stehen die Chancen aber nicht schlecht. Trotz der Zugeständnisse an das europäische Arthauskino und die Loslösung vom iranischen Kontext festigt der Film einmal mehr Asghar Farhadis Status als ganz großer Regisseur unserer Zeit.

    Asghar Farhadi | E/F/I 2018 | 133 Min | [usr 3,5]

    Foto © Thimfilm

  • WEAPON OF CHOICE ★★★★

    WEAPON OF CHOICE ★★★★

    Wenn irgendwo auf der Welt jemand eine Pistole an den Kopf gehalten bekommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Schriftzug „Glock 17 Austria“ auf dem Lauf eingraviert ist. Produziert wird sie unter anderem in Deutsch Wagram, vor den Toren Wiens, wo sich zwischen Bahnhof und Einfamilienhäusern hinter einer hohen Mauer eines von zwei Werken befindet. Zehntausende Pistolen verlassen Monat für Monat die Fabrik und gelangen irgendwann in die entlegensten Winkel der Erde.

    Es ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Anfang der 1980er vom Wiener Gaston Glock entwickelt, ist die 17 Patente umfassende halbautomatische Schnellfeuerwaffe aus Kunststoff zu einem Kultobjekt geworden. Leicht zu bedienen und zuverlässig. Darauf vertrauen Polizisten, Sportschützen, Leinwandhelden, Gangsterrapper, Militärs und Terroristen von den USA bis Bagdad. Nur in Österreich wird das alles ziemlich verdrängt. Fritz Ofner und Eva Hausberger versuchen in ihrer Dokumentation das Phänomen näher zu beleuchten.

    Die Türen zum Konzern blieben ihnen dabei verschlossen. Kein aktiver Mitarbeiter war zu einem Gespräch bereit. Offizielle Stellungnahmen gibt es ohnehin nie. Man verkehrt lieber über Anwälte. Mit allen Mitteln wird versucht, kritische Berichterstattung zu verhindern. Dass in Österreich zahlreiche Medien auf Beiträge zur Dokumentation lieber verzichten, zeigt die engen wirtschaftlichen Verflechtungen der Waffenindustrie.

    Also versuchten sich Ofner und Hausberger über ehemalige Mitarbeiter und jene, die von der Waffe mit Vorliebe Gebrauch machen, zu nähern. Da ist zum Beispiel der Waffenhändler aus den USA, der feuchte Augen bekommt, wenn er eine Glock in Händen hält und ins Schwärmen über seinen Besuch in der Fabrik in Österreich gerät. Jeans Cruz kommt zu Wort, jener Soldat, der Saddam Husseins Versteck als erster betrat und dessen Besitz sicherstellte. Darunter befand sich eine Glock. Sie befindet sich nun in einem Museum. Charles Ewert, Ex-Treuhänder, auch „Panama Charly“ genannt, erzählt von seinem ehemaligen Arbeitgeber. Er sitzt im Gefängnis und soll in einen missglückten  Auftragsmord an Gaston Glock in einer Luxemburger Tiefgarage verwickelt gewesen sein.

    Es ist der erste Versuch, hinter die Kulissen des Konzerns zu Blicken, dem jahrelange Recherchen vorausgingen. Ortner und Hausberger gelingt es dabei, möglichst neutral zu bleiben. Niemand wird vorgeführt oder angeprangert. WEAPON OF CHOICE beantwortet keine Fragen, wirft jedoch einige auf. Zum Beispiel wieso so viele Waffen in die Hände von Terroristen gelangen. Der Film regt zur Diskussion an. Ein erster wichtiger Schritt.

    Eine Frage wird dann doch beantwortet. Warum nämlich der Konzern davon profitiert, wenn dessen Name im Zusammenhang mit einem Terroranschlag genannt wird. Die Glock funktioniert eben.

    Der Firma Glock ist es nicht geglückt, den Film zu verhindern. Ein Jahr nach der Weltpremiere beim This Human World Filmfestival läuft die Dokumentation nun regulär im Kino an.

    Fritz Ofner, Eva Hausberger | A 2017 | 90 Min | [usr 4]

    Foto © Polyfilm Filmverleih