Autor: Michael Holly

  • EIN VERBORGENES LEBEN ★★★★½

    EIN VERBORGENES LEBEN ★★★★½

    Mit seinen letzten Arbeiten (To The Wonder, The Tree of Life) strapazierte Regisseur Terrence Malick nicht selten die Geduld seines Publikums. Stargespickt aber mit transzendentalen und philosophischen Exkursen, Naturaufnahmen, Voice-over und dem ihm eigenen Bildstil der fließenden Kamerabewegungen in extrem weitwinkeligen Einstellungen (Kamera: Emmanuel Lubezky), verlor sich der US-Amerikaner oft in Belanglosigkeiten. Nun hat er sich den letzten Wochen im Leben des oberösterreichischen Wehrmachtsdissidenten Franz Jägerstätter angenommen. Auf einmal macht das alles Sinn. Natur, Drama, Dynamik: Hier fließt alles in einer Unmittelbarkeit zusammen. Ein verborgenes Leben (OT: A Hidden Life) ist in all seiner Kraft überwältigend.

    Der aus St. Radegund stammende Franz Jägerstätter (August Diehl), geboren 1907, bewirtschaftete gemeinsam mit seiner Frau Franziska (Valerie Pachner) einen Bauernhof. 1940 wird er zum Militärdienst einberufen, jedoch als unabkömmlich eingestuft. Im Zuge einer weiteren Einberufung am 1. März 1943 erklärte der streng Gläubige beim Militärkommando in Enns, dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne. Jägerstätter wird in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis im Linzer Ursulinenhof gebracht und Anfang Mai in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel überstellt. Am 6. Juli 1943 wird Franz Jägerstätter wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 hingerichtet.

    Jägerstätters Geschichte ist in Österreich wenig bekannt. Erst in den 1970er Jahren wurde er von einem amerikanischen Soziologen wiederentdeckt. Davon ausgehend wurde seine Rehabilitation vor allem von katholischen Organisationen vorangetrieben. Dadurch erlangte Jägerstätter in den USA eine gewisse Bekanntheit. In Österreich selbst und hier speziell in St. Radegund, war es ein mühsamer Weg, den Kriegsdienstverweigerer als Kriegsopfer entsprechend zu würdigen. Das geschah zuletzt 2014 bei der Enthüllung des „Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjusstiz“ auf dem Wiener Ballhausplatz.

    Ein Verborgenes Leben beginnt in den Wochen bevor Jägerstätter zum Militärdienst einberufen wurde. In der oberösterreichischen Idylle, an der Deutschen Grenze zwischen Salzburg und Braunau am Inn, arbeitet man hart, um über die Runden zu kommen. Es ist das Jahr 1940 und der Krieg ist für die Bevölkerung in weiter Ferne. Doch irgendwann wird auch das entlegendste Dorf von ihm erfasst, dann, wenn die Männer zum Kriegsdienst abkommandiert werden. Jägerstätter hat den Entschluss bereits seit längerem gefasst, der Einberufung nicht folge zu leisten und den Eid auf Adolf Hitler zu verweigern. Er ist aber nicht frei von Zweifeln.

    Lange Gespräche mit dem Pfarrer Ferdinand Fürthauer (Tobias Moretti) und dem Bürgermeister Major Kraus (Karl Markovics) lassen ihn aber nicht davon abbringen. Kraus redet ihm zu: Warum das alles? Niemand wird sich im Nachhinein an ihn erinnern. Dabei sieht es die Dorfgemeinschaft als staatsbürgerliche Pflicht, den Dienst am Vaterland zu leisten. Hier teilt sich die Handlung und die Geschichten von Franziska und Franz werden parallel erzählt.

    Nachdem Jägerstätter sich verweigert und ins Gefängnis gesperrt wird, richtet sich die lokale Bevölkerung gegen seine Frau Franziska und die Kinder. Sie gelten von nun an als Verräter. In eindringlichen Szenen wird spürbar, was die Familie durchmachen musste und vor allem worin das Regime seine Stärke bezog. Franziska und ihre drei Töchter sind täglichen Denunzierungen ausgesetzt. Malick stützt sich in seiner Erzählung auf den Briefwechsel zwischen Franz und Franziska.

    Franz wird mehrmals verlegt und kommt zuletzt nach Berlin. Dort wird er dem Richter Lueben (Bruno Ganz in einer seiner letzten Rollen) vorgeführt, der ihn vergeblich umzustimmen versucht. Er wird zum Tod verurteilt und es beginnt das Warten auf die Hinrichtung. Am 9. August 1943 wird Franz Jägerstätter schließlich ermordet. Die Szenen vor der Hinrichtung – die man selbst nicht sieht – gehören zu den stärksten der jüngsten Filmgeschichte. In St. Radegund läuten die Kirchenglocken. August Diehls schauspielerische Leistung ist außerordentlich. Genauso wie die von Valerie Pachner. Gemeinsam geben sie ein herzzerreißendes Liebespaar ab.

    Es ist gerade Malicks unverkennbarer Stil, der Ein Verborgenes Leben zu einem so eindringlichen Film macht. Er gibt den Schauspielern größtmögliche Freiheiten und arbeitet mit extrem langen Takes. Dabei filmt er seine Schauspieler auch dann, wenn eigentlich gerade Drehpause war. Wenn es dichter wird, sucht die Kamera die Bilder, drängt sich an die Schauspieler. Dann wieder die Weite mit der schönen Landschaft. Malick und sein Kameramann (diesmal: Jörg Widmer) wissen genau, wann sie welche Einstellung einsetzen. Gezielt setzt Malick historisches Bildmaterial ein.

    Durch den Film zieht sich das für Malick typische philosophische Voice-Over. Hinzu kommt – zumindest in der englischen Originalfassung – ein Sprachengewirr. Das ursprüngliche Vorhaben, den Film in Deutscher Sprache zu drehen, hat man irgendwann fallen gelassen. Grundsätzlich funktioniert das auch mit einem ausschließlich österreichischen und deutschen Cast überraschend gut. Doch dann wechselt Malick zwischen Deutsch und Englisch. Eine nicht nachvollziehbare Entscheidung. Für den Regisseur steht die Sprache einfach nicht im Vordergrund seiner Erzählung. In der synchronisierten Fassung kommt das aber ohnehin nicht zum Tragen.

    Ein verborgenes Leben zeigt eine Form des stillen Widerstands gegen das Naziregime. Mit all seiner Konsequenz. Darüber hinaus ist es eine berührende Liebesgeschichte. Die tiefe Liebe zwischen Franz und Franziska ist ergreifend. Für Jägerstätter ist sein Handeln nicht in einer religiösen Überzeugung begründet, sondern eine Gewissensfrage. Es ist eine Entscheidung, die er nicht mit seinen Liebsten Teilen kann, sondern für sich selbst treffen muss.

    Nicht zuletzt werden wir mit der Frage konfrontiert, wie wir selbst gehandelt hätten. Es ist eine zutiefst zermürbende Frage, weil wir keine eindeutige Antwort darauf geben können. Auch wenn wir das gerne können würden. Ein Verborgenes Leben ist ein Kriegsfilm abseits kriegerischer Auseinandersetzungen und erzählt die Geschichte so, das es kaum vorstellbar ist, sie je anders zu erzählen. Die große Überraschung der letzten Viennale ist der Film der Stunde, der Film des vergangenen Jahres und vielleicht des Jahrzehnts.

    EIN VERBORGENES LEBEN (OT: A HIDDEN LIFE) | TERENCE MALICK | D/USA 2019 | 174 Min. | [usr 4,5]


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  • LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    Während sich die einen in scheppernden Blechbüchsen ins All schießen ließen, versuchten andere in der horizontalen technische Rekorde aufzustellen und blieben zumindest bis sie in einer Kurve abhebten auf dem Boden. Der Motorrennsport war noch ein unmittelbares Ereignis. Bis in die 1960er Jahre konnten die Zuschauer den Fahrtwind der vorbeirauschenden Autos spüren und standen direkt an der Stecke. Pioniergeist lag in der Luft. Zu dieser Zeit startete Ford den Versuch, die jahrelange Erfolgswelle von Ferrari in Le Mans zu stoppen. Die Scuderia Ferrari hatte das Rennen seit 1960 in jedem Jahr gewonnen. Le Mans 66 erzählt nun eine wahre Geschichte, deren Ausgang wohl nur Motorsportfans kennen dürften.

    Am Anfang stand das Angebot von Ford, den wirtschaftlich schwächelnden Automobilhersteller Ferrari zu übernehmen. Hintergedanke war der, dass Ford in den Motorsport einsteigen wollte und Ferrari der größte Konkurrent war. Die Bedingungen von Ford entzürnten Enzo Ferrari und er lehnte ab. Fiat kam zum Zug. Auch wenn Regisseur James Mangold hier den Zeitablauf etwas durcheinander bringt, bedeutet das in Le Mans 66 den Beginn für einen Wettlauf um den Sieg beim legendären Langstreckenrennen im Jahr 1966. Ford engagiert dafür den ehemaligen Rennfahrer und nunmehrigen Konstrukteur Carroll Shelby (Matt Damon). Shelby wählt Ken Miles (Christian Bale) als Werksfahrer.

    Der Grundkonflikt spielt sich nicht zwischen Ford und Ferrari ab, sondern innerhalb von Ford selbst. Vizepräsident Leo Bebe (Josh Lucas) ist die Zusammenarbeit mit Shelby und vor allem dem Fahrer Miles ein Dorn im Auge. Miles gilt als unberechenbar und dem Image der Marke nicht zuträglich. Henry Ford II (Tracy Letts) hat nicht immer die Kontrolle über seine Firma oder wie Enzo Ferrari (Remo Girone) richtig bemerkt: Er ist nicht Henry Ford, sondern Henry Ford II und damit weit entfernt vom Pioniergeists seines Großvaters oder dem von Ferrari selbst. Le Mans 66 handelt vom Kampf Shelbys, seine Strategie gegenüber den Auftraggebern durchzusetzen.

    Ken Miles ist der einzige mit einer Hintergrundgeschichte. Es ist auch der spannendste Charakter und Christian Bale das Zentrum des Films. Seine Darstellungskraft und Wandlungsfähigkeit ist neuerlich beeindruckend. Darüber hinaus hätte man doch gerne mehr über die Beteiligten erfahren. Carroll Shelby ist nicht mehr als der Mittelsmann zwischen den Managern von Ford und seinem Fahrer Miles. Die Italiener im Film verkommen leider überwiegend zu Karikaturen und müssen für die Lacher sorgen. Alleine der legendäre Enzo Ferrari sticht etwas hervor. Die Leidenschaft Ferraris für den Motorsport steht dem purem ökonomischem Kalkül bei Ford gegenübergestellt.

    Der Film versucht ansatzweise zu vermitteln, was es benötigt um ein schnelles Auto zu bauen. Oder besser: ein Auto, das schneller ist als alle anderen. Die Rennszenen sind spektakulär und man sollte sie sich auf der großen Leinwand nicht entgehen lassen. Optisch gibt der Film einiges her. Eine Einstellung ist schöner als die andere (Kamera: Phedon Papamichael). Durch die Mischung aus Rennsport und Drama kann Le Mans 66 (wie schon Rush, 2013) ein großes Publikum begeistern. Gerade wegen des tragischen Schicksals von Miles, der 1966 seine erfolgreichste Saison fuhr. Selbst wenn man sich vor und nach den 2 1/2 Stunden nicht für Autos interessieren mag, macht der Film durchaus Spaß. Mit seinen 4 Oscar Nominierungen (auch Bester Film, allerdings keine Nominierung für Bale) gehört er aber eher in die Kategorie lucky-to-be-there.

    JAMES MANGOLD | LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE (OT: Ford v Ferrari) | USA 2019 | 153 MIN | [usr 4]


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  • JOJO RABBIT ★★★★½

    JOJO RABBIT ★★★★½

    Das war so nicht zu erwarten. Taika Waititis JoJo Rabbit ist eine Nazi-Persiflage, die nicht nur außerordentlich komisch ist, sondern noch dazu auf inhaltlicher Ebene überzeugt. Ob man über die Nazigräuel lachen darf, wurde schon oft diskutiert. Wer es nicht kann, sollte von dem Film die Finger lassen. Die es können, werden vor Lachen fast vom Kinosessel fallen und gleichzeitig zutiefst berührt sein, von der Geschichte über einen kleinen Nazi-Jungen.

    Johannes „JoJo“ Betzler (Roman Griffin Davis) ist ein Hasenfuß, gerade einmal zehn Jahre alt und verliebt in Hakenkreuze. Ein überzeugter Nazi. Die Aufnahme in die Hitlerjugend, ein großer Traum. Seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) verfolgt eine andere Agenda, die aber anfangs im Dunkeln bleibt. Jojo hat zwei beste Freunde. Einer davon ist Adolf Hitler (Taika Waititi), den er sich stets an seine Seite imaginiert. Sam Rockwell als Nazi Hauptmann Klenzendorf, Rebel Wilson als Fräulein Rahm und Tomasin McKenzie (bekannt aus Leave no Trace) als jüdisches Mädchen Elsa komplettieren das wunderbare Ensemble. Jojo tut alles, um ein perfekter Nazi zu sein, seine Tollpatschigkeit versperrt ihm aber den Weg zu einer Nazi-Karriere. Da macht er zu Hause eine unerwartete Entdeckung.

    Jojo Rabbit hat als Satire, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, gewichtige Vorbilder von Charlie Chaplins Der große Diktator (1940), Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein (1942) und Mel Brooks Frühling für Hitler (1968) bis zu Roberto Benignis Das Leben ist schön (1998) und Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009). Vor allem, wenn es der Darstellung der Nazis an notwendigem Ernst fehlte, hagelte es Kritik. So nun auch im Falle von Jojo Rabbit. Geschmacklosigkeiten wurden Mel Books schon 1968 vorgeworfen. Sein Drehbuch für Frühling für Hitler gewann schließlich den Oscar und der Film gilt heute als Klassiker.

    Waititi (Thor: Tag der Entscheidung , 2017) wirft mit Stereotypen jener Zeit nur so um sich, dass es eine Freude ist. Wobei halt! Jener Zeit? Unterscheiden sich die herabwürdigenden Darstellungen von Menschen jüdischen Glaubens und andere Widerlichkeiten überhaupt von jenen, wie sie heute mit leidenschaftlicher Wehemenz von so mancher Landesorganisation des Rechten Lagers verbreitet werden? Erschreckend wenig.

    Was alleinstehend einfach nur ungustiös ist, verwandelt sich aber im Kontext des Filmes in eine wunderbare Persiflage. So mag eine derartige Satire für manche auf wackeligen Beinen stehen. Sie ist jedoch ein gangbarer Weg um dem Bösen zu begegnen, ohne beim Publikum falsche Schuldgefühle hervorzurufen. Was wiederum ein Kritikpunkt an Steven Spielbergs Schindler’s Liste gewesen ist und damals nicht einmal ganz unbeabsichtigt war. Hält Jojo Rabbit nun einer kritischen Auseinandersetzung stand?

    Durch den enormen Erfolg des Filmes, so findet Waititi, tritt das Risiko, das die Produktion eingegangen ist, in den Hintergrund. Anstatt der Fox-Fanfare zu Beginn hört man „Gib mir deine Hand“ von den Beatles und dazu sehen wir viele Menschen, die ihre rechte Hand Richtung Himmel strecken. So etwas kann leicht in die Hose gehen. Das Nazi-Regime durch die Augen eines Kindes zu betrachten ist Waititi gelungen. Der Film hat Charme, Witz und beweist für eine Satire ungewöhnlichen Tiefgang. Vor allem durch den Charakter der Mutter. Scarlett Johansson ist so etwas wie das liebevolle Herz des Filmes. Nur um ihren Sohn zu beschützen, läßt sie ihn in dem Glauben, Mitglied einer überzeugten Nazi-Familie zu sein. Bis sich das Blatt wendet.

    Am Schluss setzt David Bowies Song „Helden“ dem ganzen die Krone auf: „Wir können sie schlagen für alle Zeiten.“ Der Film sagt dem Hass den Kampf an. Humor hat sich immer schon als effektive Waffe erwiesen. Der Psychiater Viktor Frankl, der drei Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte, schrieb: „Der Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung.“ Jojo Rabbit mag vielleicht überambitioniert wirken in dem Versuch Tragik und Komik zu vereinen. Am Ende sitzt man aber im Kinosessel, vollgepackt mit Emotionen, die man erst einmal für sich selbst einordnen muss. Wie oft passiert das schon?

    TAIKA WAITITI | JOJO RABBIT | USA 2019 | 108 MIN. | [usr 4.5]


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  • 1917 ★★★½

    1917 ★★★½

    Schon lange nicht hat ein Film solch geteilte Meinungen hervorgerufen, wie das Kriegsdrama 1917 von Regisseur Sam Mendes. Von einem Meisterwerk ist die Rede oder aber auch von einer großen Irrung, dass nämlich die Technik alleine in der Lage sei, die ganze Magie des Kinos heraufzubeschwören und Wahrhaftigkeit und das unmittelbare Erleben von Emotionen zu erzeugen vermag. Die Grundidee des Films besteht darin, dass die Kamera zwei Soldaten in Echtzeit zwei Stunden durch Nordfrankreich dabei verfolgt, wie sie eine lebensrettende Botschaft an die Front überbringen. Dabei soll die Illusion entstehen, der Film sei ohne Schnitt gedreht worden.

    Lance Corporal Tom Blake (Dean-Charles Chapman) bekommt von General Erinmore (Colin Firth) den Auftrag, sich auf den Weg an die Front zu machen und Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) eine Nachricht zu übermitteln. Der für den nächsten Morgen geplante Angriff soll verhindert werden, da die Briten in einen Hinterhalt der Deutschen gelangen würden. Dies könnte bis zu 1600 Mann das Leben kosten. Blake macht sich gemeinsam mit Lance Corporal William Schofield (George MacKay) auf den Weg.

    Die beiden Soldaten bewegen sich durch das verwüstete Niemandsland hinter der Front. Es ist eine dystopische Landschaft, die die zerstörende Kraft des Krieges veranschaulicht: verlassene Schlachtfelder und Schützengräben, verwaiste Gehöfte und überall Leichen. Das Szenenbild, dieser produktionsbedingt sehr großen 360° Sets, ist eine der herausragenden Leistungen von 1917. Gedreht wurde ausschließlich bei bedecktem Himmel, um Kontinuität beim Licht zu erhalten. Dadurch erhält der Film einen kühleren Look, der Kälte suggeriert, obwohl eigentlich Sommer ist.

    Mendes und sein Kameramann Roger Deakins wenden eine Technik an, wie sie schon bei Alejandro Ganzález Iñárritu in seinem Best Picture Gewinner Birdman zum Einsatz kam. Die Kamera begleitet die Protagonisten scheinbar ununterbrochen. Zu Beginn sind noch Momente, die einen Schnitt ermöglichen auszumachen, aber irgendwann sieht man sie nicht mehr. Schier endlose Kranfahrten (oder ist es doch ein E-Motorrad?) ziehen sich durch den gesamten Film. Die Kamera schwebt, dreht sich im Kreis, steigt in die Höhe und stürzt hinab. Es ist ein regelrechtes Ballett, das Deakins hier veranstaltet und immer wieder findet er trotz der ständigen Bewegung diese schönen Bilder, wenn die Kamera einmal irgendwo verharrt. Das ist Kameratechnik in einer Perfektion, wie man sie nur selten zu sehen bekommt.

    Die Handlung selbst erstreckt sie allerdings über gut 10 Stunden. Die Realzeit stand für Mendes, der hier Aufzeichnungen aus dem Familienarchiv verarbeitet, also nicht im Vordergrund. Sein Ziel war vielmehr, durch die scheinbar ununterbrochene Szenerie ein Gefühl der unmittelbaren Nähe zu den Hauptdarstellern zu vermitteln. Mitten drin, statt nur dabei sozusagen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das etwas verwirrend. Beim Ansehen ist das aber kein großes Problem und da gibt es zwei Zugänge.

    Entweder man lehnt sich zurück und sieht sich den Film an, ohne sich groß Gedanken zu machen. Die tollen Aufnahmen werden aber nicht das intensive Kinoerlebnis ermöglichen, wie zum Beispiel zuletzt bei Christopher Nolans Dunkirk. Ein Spannungsbogen mag sich nämlich nicht entfalten. Einem kinoaffinen Publikum wird eine solche Betrachtungsweise aber ohnehin nur schwer möglich sein. Es stellt sich nämlich über die zwei Stunden immer wieder die selbe Frage: Wie haben die das nur gemacht? Es ist die Form, der sich hier alles unterordnen muss.

    Formale Experimente dieser Art gehen bis auf Alfred Hitchcock zurück, der 1948 in seinem Film Cocktail für eine Leiche (OT: Rope) auf (sichtbare) Schnitte verzichtete. Es ist aber erst das Wissen um einen richtigen One-Shot, das der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene beschert. Bei Sebastian Schippers Victoria (2015) ist das der Fall. Nichts führt allerdings daran vorbei, was sich an einem Morgen im Dezember 2002 in der Eremitage in Sankt Petersburg ereignete. Aleksandr Sokurovs Russian Ark vollzog den One-Shot in einer nie dagewesenen Eleganz und Perfektion, eingefangen von Kameramann Tilman Büttner.

    Nun also ein Kriegsfilm. 1917 ist ein technisches Meisterwerk. Technik kann manchmal auch langweilen. Der Academy war das trotzdem 10 Oscar-Nominierungen wert. Neben fast allen technischen Kategorien auch die zwei wichtigsten Preise: Regie und Film. 1917 gilt als Favorit. Dass der Film in der Kategorie Schnitt nicht berücksichtigt wurde, ist aber nur konsequent.

    SAM MENDES | 1917 | UK/USA 2019 | 110 MIN. | [usr 3.5]


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  • 7500 ★★★

    7500 ★★★

    Bumm, bumm, bumm. Unentwegt hämmert es an der Sicherheitstür. Es ist ein Flug von Berlin nach Paris und im Cockpit des Airbus A319 lässt sich keiner der beiden Piloten vom Lärm beirren. Noch nicht. 7500 ist in der internationalen Luftfahrt der Code für eine Entführung. Regisseur Patrick Vollrath hat für den gleichnamigen Film gemeinsam mit Senad Halilbašić das Drehbuch verfasst. Es ist seine erste internationale Produktion nach der Oscar Nominierung für den Kurzfilm Alles wird gut im Jahr 2015.

    Im Prolog sieht man Bilder von Überwachungskameras auf dem Flughafen Berlin. Wobei es sich in der Realität um den Flughafen Wien handelt. Vollrath hat hier an der Filmakademie studiert und sein Oscar-Kandidat war der Abschlussfilm. Bald begeben wir uns ins Cockpit und die Kamera wird es bis zur letzten Einstellung nicht mehr verlassen. Eine spannende Entscheidung, die dem Film eine große Authentizität und Dichte verleiht aber auch so manches Problem mit sich bringt.

    Im Cockpit sitzen Pilot Michael Lutzmann (Carlo Kitzlinger) und sein Copilot Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt). Tobias ist Amerikaner und lebt mit seiner Lebensgefährtin und deren Sohn in Berlin Kreuzberg. Sie heißt Gökce (Aylin Tezel) und ist Stewardess. An diesem Abend fliegen die beiden zufällig gemeinsam.

    Es kommt wie es kommen muss. Drei muslimische Extremisten (Murathan Muslu, Omid Memar und Paul Wollin) versuchen das Cockpit zu stürmen. Der Film beschäftigt sich fortan mit der Frage: Cockpittüre öffnen oder nicht. Was machen, wenn die Liebste mit dem Leben bedroht wird? Die Vorschriften sind klar. Die Tür bleibt zu. Ausnahmslos. Die Entführer hämmern pausenlos an der Tür, versuchen sie aufzubrechen.

    Das Hämmern ersetzt gewissermaßen die Filmmusik, die es nicht gibt. Interessanterweise nimmt man es als Zuseher irgendwann nicht mehr richtig war. Es begleitet einen aber noch nach verlassen des Kinosaales. So eindringlich ist der stumpfe Ton.

    Gordon-Levitt steht natürlich im Zentrum von 7500. Die Kamera lässt ihm kaum eine Verschnaufpause. Stress und Verzweiflung sind ihm im fast komplett dunklen Cockpit ins Gesicht geschrieben, das wir aufgrund des engen Raumes immer knapp vor uns haben. Der Film ist für heutige Verhältnisse mit 92 Minuten relativ kurz und die gehören Gordon-Levitt fast alleine.

    Die Idee, die Handlung ausschließlich in einem Cockpit spielen zu lassen, ermöglicht einen größtmöglichen Realismus. Gedreht wurde in einem echten Cockpit. Die Enge wird spürbar (Kamera: Sebastian Thaler). Allerdings schrängt das die dramaturgischen Mittel stark ein. Es mangelt an Charakteren zu denen man eine emotionale Bindung aufbauen kann. Die Passagiere sieht man nicht. Ziemlich genau ab der Mitte hängt 7500 deshalb im wahrsten Sinne des Wortes etwas in der Luft. Sowohl der Raum als auch die Zeit sind das formale Konzept, in das der Film gezwängt wird. Die Geschichte spielt weitgehend in Echtzeit und das funktionert sehr gut.

    Da der Film in bzw. über Deutschland spielt, ist der Anteil an Deutscher Sprache vor allem im letzten Teil sehr hoch. Das Ende zieht sich etwas und verpflichtet das internationale Publikum zum Lesen von Untertiteln, da die Attentäter aus Deutschland stammen. Deren Motive sind nur bedingt glaubwürdig. Sie wollen sich schlicht am Westen rächen und stellen keinerlei Forderungen.

    7500 spielt mit einer Idee, die ausbaufähig ist. Gut möglich, das der Stoff demnächst als Remake den Weg ins Kino finden wird. Vielleicht wieder mit Patrick Vollrath als Regisseur. Der Schritt in den internationalen Markt ist geschafft. Man kann ihm nur eine erfolgreiche Karriere wünschen.

    7500 | PATRICK VOLLRATH | D/AUT 2019 | 92 Min. | [usr 3]


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  • BIS DANN, MEIN SOHN ★★★★

    BIS DANN, MEIN SOHN ★★★★

    Kaum wo sind Politik und Gesellschaft so eng verbunden wie in der Volksrepublik China. Politische Entscheidungen haben unmittelbar drastische Konsequenzen auf den Alltag der Bevölkerung. Kaum etwas wird dem Zufall überlassen. Die eigene Lebensplanung wurde bis vor kurzem rigoros eingeschränkt. Bis dann, mein Sohn (engl. Festivaltitel So long, my son) von Wang Xiaoshuai erzählt vor diesem Hintergrund zwei Familiengeschichten, die auf schicksalshafte Weise mit einander verbunden sind und sich über drei Dekaden erstrecken.

    Die Erzählung setzt zwei Jahre nach Maos Tod im Jahr 1978 ein und endet 2011, als das Land bereits zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen war. Die beiden Protagonisten Liu Yoajun (Wang Jingchun) und seine Frau Wang Liyun (Yong Mei) gehören der bitterarmen Arbeiterschaft an und bringen Anfang der 1980er Jahre ihren Sohn Xing auf die Welt. Er wird genau am selben Tag geboren wie Haohao, der Sohn des befreundeten Ehepaars Shen Yingming (Xu Cheng) und Li Haiyan (Ai Liya). Regisseur Wang begleitet die zwei Familien durch die verschiedenen Phasen der chinesischen Entwicklung. Lange Zeit geprägt durch Armut und die Ein-Kind-Politik schaffen es vor allem Yingming und Haiyan, den mit dem Umstieg von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft einhergehenden wirtschaftlichen Aufschwung für sich zu nutzen. Mitte der 90er Jahre kommt kleine Xing bei einem tragischen Unfall in einem Stausee ums Leben. Was genau passiert war, erfährt man erst spät im Film. Es wird aber deutlich, dass die befreundete Familie damit zu tun hat.

    Durch den Unfall trennen sich die Wege der beiden Familien. Gleichzeitig bleiben sie dadurch auch über eine größere Distanz emotional verbunden: Lebenslange Trauer auf der einen Seite und Schuldgefühle auf der anderen. Wang macht es dem Publikum nicht leicht, indem er die Geschichte nicht chronologisch erzählt. Man muss schon sehr genau aufpassen, um vor allem nicht zu Beginn kurzzeitig den Überblick zu verlieren. Nicht nur wegen der vielen Namen, sondern auch deshalb, weil die zeitliche Zuordnung im ersten Moment nur durch den Alterungsprozess der Protagonisten erfolgt und der ist nicht so deutlich wie beispielsweise in The Irishman. Darüber hinaus sind es viele Detail, angefangen bei der Kleidung, in denen sich der Wandel über die Jahrzehnte zeigt.

    Die Entwicklungen des Landes anhand von Einzelschicksalen darzustellen, ist in Bis dann, mein Sohn zweifellos gelungen. Erst innerhalb dieses Mikrokosmos wird deutlich, was es bedeutet, derart rasanten Veränderungen ausgesetzt zu sein. Die stoische Ruhe der Charaktere bestimmt das Tempo des Filmes. Die Kamera von Kim Hyun-seok geht oftmals auf Distanz, gerade wenn es dramatisch wird. Für ihre überzeugende Darstellung wurden Wang Jingchun und Yong Mei im vergangenen Jahr bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Regisseur Wang ist ein beeindruckendes Familienepos geglückt.

    Wang Xiaoshuai | OT: Di jiu tian chang (So Long, My Son) | CHN 2019 | 185 Min. | [usr 4]


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  • THE FAREWELL ★★★★½

    THE FAREWELL ★★★★½

    Awkwafina! Die Musikerin und Schauspielerin wurde für ihre Darstellung der sinoamerikanerin Billi Wang in The Farewell gerade mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Die Autorin Billi lebt mit ihren Eltern in New York aber der Großteil der Familie ist in ihrer alten Heimat China. Eines Tages erreicht sie die Nachricht, dass die geliebte Großmutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Nun gibt es in China den Glauben, dass es nicht der Krebs ist, der den Menschen tötet, sondern die Angst vor ihm. Daraus folgt, dass man den Betroffenen die Krankheit verschweigt. Also was tun? Regisseurin Lulu Wang verarbeitet in ihrem grandiosen Spielfilmdebüt ihre eigene Familiengeschichte.

    Ein Vorwand wird gesucht, um die ganze Familie zusammenzubringen, um sich insgeheim von Nai Nai (Shuzhen Zhao) verabschieden zu können. Vor dem Hintergrund dieser, aus unserer Sicht, skurril anmutenden Geschichte, handelt The Farewell davon, wie es ist, weit weg von seiner Familie und den eigenen kulturellen Traditionen zu leben. Wie die Zeit vergeht und man mit den Eltern nur mittels Telefon in Kontakt treten kann und dann auf einmal das Ende in Sicht ist. Die Familie von Billi begibt sich auf die Reise nach China. Da ihre Eltern denken, dass sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle halten kann, lassen sie sie zurück. So beschließt Billi kurzerhand auf eigene Faust nach China zu kommen.

    Für Billi ist es eine fremde Welt. Schon als kleines Kind emigrierte sie mir ihren Eltern in die USA. Sie spricht ein wenig die Sprache. Lesen kann sie die Schrift nicht. Es ist gewissermaßen ein Schock für sie, zu sehen, dass sie in den Staaten eine Migrantin ist und in China ebenso eine Fremde. Diese Heimatlosigkeit, die ihre Eltern noch mehr bedrückt, weiß Regisseurin Wang gekonnt zu vermitteln. Für Billi stellt sich die Frage nach ihrer eigene Identität.

    So sitzt die Familie erstmals seit 20 Jahren gemeinsam an einem Tisch. Da alle Anwesenden ihre Trauer verbergen müssen, zieht sich eine humorvoller Unterton durch die gesamte Erzählung. Es ist aber mehr die Situationskomik als witzige Dialoge, die uns zum Schmunzeln bringt.

    Die Kamerafrau Anna Franquesa Solano drückt dem Film mit einem eigenen visuellen Bildstil ihren Stempel auf. Sie orientiert den Bildaufbau an einer chinesischen Bildsprache, rückt die Menschen aus dem Zentrum und lässt Freiräume. Die barocke Filmmusik kommt von Alex Weston. Sie hebt sich von den Bildern deutlich ab und verleiht dem Film einen melancholischen Grundton.

    The Farewell ist ein warmherziges Drama über das Abschiednehmen, das uns trotz der ungewöhnlichen Situation mit der Familie mitfühlen lässt. Und wann gab es schon je eine Trauerrede auf einer Hochzeitsfeier zu hören? Zu Awkwafina lässt sich nur sagen: A star is born.

    THE FAREWELL | LULU WANG | USA 2019 | 101 MIN | [usr 4,5]


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  • THE REPORT ★★★½

    THE REPORT ★★★½

    „Papier macht nur Ärger.“ Als der Senatsmitarbeiter Daniel Jones (Adam Driver) seinen neuen Arbeitsplatz in einer geheimen CIA Aussenstelle betritt, fällt ihm sofort auf, dass es hier weder Drucker noch Papier gibt. Es ist ein neonbeleuchteter fensterloser Raum mit schwerer Eisentür, in dem sich nur Schreibtische mit Lampen und Computern befinden. Nichts soll diesen Raum verlassen, so ein CIA Mitarbeiter. Im Auftrag der Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening) soll Jones hier den, von der Bush Administration im Rahmen des Krieges gegen den Terror bewilligten und durchgeführten, „enhanced interrogation techniques“ auf den Grund gehen. Gemeint sind die in den geheimen CIA Foltergefängnissen vollzogenen Verhöre von Terrorverdächtigen. The Report ist eine wahre Geschichte über einen Beamten, der am Ende einen 7.000-seitigen Bericht erstellte und damit eine Diskussion über die humanitären Werte der US-amerikanischen Gesellschaft in Gang brachte und die Frage aufwarf, wodurch sie sich von ihrem eigentlichen Feind unterscheidet.

    Aber der Reihe nach. 2007 berichtet die New York Times davon, dass die CIA Verhörprotokolle von mutmaßlichen Al-Quaida Mitgliedern vernichtet haben soll. Die kalifornische Senatorin Feinstein beauftragt ihren Mitarbeiter Jones eine Untersuchung durchzuführen und dabei Millionen Seiten an Verhörprotokollen zu studieren. Um ihr Anliegen durchzusetzen, soll sein Team je zur Hälfte aus Demokraten und Republikanern bestehen. In jahrelanger zermürbender Arbeit, die immer wieder von Außen zu boykottieren versucht wird, arbeiten sie sich durch die Dokumente. Nach und nach verliert Jones seine Mitarbeiter und steht am Ende alleine da. 2014 wird eine 500-seitige Zusammenfassung des Berichts veröffentlicht. Der gesamte Bericht ist bis heute unter Verschluss.

    Im Kern befasst sich der Bericht damit, ob diese Methoden, die unter anderem durch das Waterboarding und die Fotos aus Abu Ghuraib zu unrühmlicher Bekanntheit gelangten, tatsächlich zu neuen Erkenntnissen zur Verhinderung von weiteren Terrorattacken führten. Die CIA beruft sich auf pseudowissenschaftliche Untersuchungen von zwei Air Force Psychologen, die dies bestätigen sollen. Denn nur dann sind derartige Methoden verfassungskonform. Dabei ist schon seit den 1970er Jahren bekannt, dass Geständnisse unter solch unmenschlichen Bedingungen anzuzweifeln sind.

    In einer Szene läuft Kathrin Bigelows Zero Dark Thirty im Fernsehen. The Report ist auch als mahnende Weiterführung des Themas zu verstehen. Bigelow erlaubte sich in ihrem Film gewisse Freiheiten und hielt sich nicht ganz an die Realität. Vor allem wenn es darum ging, ob es nun relevante Erkenntnisse durch Folter gab oder eben nicht. Ein entscheidendes – wenn auch nur juristisch relevantes – Detail. Bigelow wurde für die explizite Darstellung der Folterszenen kritisiert. Was 2012 schon fragwürdig war, ist es 2019 erst recht. The Report spart seinerseits ebenso nicht mit ausführlichen Folterszenen (vor allem denen des ersten Folteropfers Abu Zubaydah (Zuhdi Boueri)) und da stellt sich die Frage, ob dies notwenig ist. Es gibt sehr wohl andere und effizientere Gestaltungsmöglichkeiten, um die Brutalität von Folter anzuprangern, als sie in vollem Grauen zu zeigen. Hier ist Kritik am Drehbuch von Regisseur Scott Z. Burns angebracht.

    Darüber hinaus ist The Report ein solider und spannender Politthriller, der das Beamtentum hochhält. Menschen wie Daniel Jones und Dianne Feinstein stehen exemplarisch dafür, was eine Demokratie ausmacht. Selbst wenn ganz oben oder an Schlüsselstellen eines Staates grobe Fehler passieren, gibt es eine Kontrollinstanz. Auch wenn Missstände nur rückwirkend und sehr schleppend aufgedeckt werde, so entfachen sie doch eine Diskussion darüber, was geht und wo die Grenzen sind.

    Adam Driver spielt sich gerade im Charakterfach ganz nach oben. Es ist auch hier gerade seine ungelenke Art und sein alles andere als filmstarmäßiges Auftreten, das seiner Rolle die notwendige Ernsthaftigkeit und Authentizität verleiht. Ein einfacher Beamter. Im ersten Moment blass aber dann trotzdem bestimmt und energisch.

    Die immerwährende Frage, ob man aus der Geschichte etwas gelernt hat, darf auch in diesem Fall bezweifelt werden. Neben den beiden Air Force Psychologen war auch die CIA Mitarbeiterin Gina Haspel bei den Folterungen anwesend. Haspel ist seit 2018 als erste Frau Direktorin des zentralen Nachrichtendienstes CIA.

    Verfügbar bei Amazon Prime.

    THE REPORT | SCOTT Z. BURNS | USA 2019 | 120 Min. | [usr 3,5]


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    Das neue Jahr startet mit einem der unterhaltsamsten Filme der letzten Zeit. Von Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson kommt ein klassischer Whodunit in die Kinos, der ständig falsche Fährten legt und uns von einer überraschenden Wendung zur nächsten stolpern läßt. Der Krimi Knives Out macht kein Geheimnis daraus, wo die großen Vorbilder liegen und punktet mit einem exzellenten Ensemble, einem feinen Setdesign und einer sanften Modernisierung des Themas.

    Harlan Thrombey (Christopher Plummer) ist ein erfolgreicher Krimiautor und er ist tot. Mit einer durchschnittenen Kehle liegt er am Morgen nach seiner großen Party zum 85. Geburtstag in seinem Zimmer unter dem Dach seiner feudalen gotischen Villa. Seine gesamte Familie profitierte von seinem Erfolg und Reichtum und alle sind sie tatverdächtig. Da wären seine Tochter Linda (Jamie Lee Curtis), ihr herrlich unsympathischer Ehemann Richard (Don Johnson) und deren Sohn Ransom (Chris Evans). Sohn Walt (Michael Shannon) ist für die Vermarktung zuständig und der Enkel Jacob (Jaeden Martell) ist ein kleiner Nazi. Wanetta Thrombey (K. Callan) ist Harlans Mutter, von der niemand weiss, wie alt sie ist. Zugegen sind weiters eine Schwiegertochter (Toni Collette), die Haushälterin (Eid Patterson) und Harlans Pflegerin Marta Cabrera (Ana de Armas). Zwei Cops (LaKeith Stanfield und Noah Segan) sollen klären, ob es sich um Selbstmord handelt. Ihnen zu Seite steht der Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig). Die Frage danach, wer ihn angeheuert hat, wird das Publikum über weite Strecken des Films beschäftigen.

    Marta, die Einwandererin, ist die gute Seele, von allen „geliebt“ und zwar so sehr, das niemand so richtig weiß, aus welchem Land sie eigentlich stammt. Jedenfalls war sie die engste Vertraute des Verblichenen und rückt bald ins Zentrum der Erzählung. Ana de Armas ist erstmals in einer derart tragenden Rolle zu sehen und meistert ihre Aufgabe umgeben von zahlreichen Schauspielschwergewichten bravourös. Chris Evans tritt erst relativ spät ins Geschehen ein und wird so unweigerlich als der heimliche Star präsentiert. Angesichts seiner Kolleginnen ist das zum Schmunzeln. Seine Rolle als Captain America hat ihm nunmal den Status eines Superstars verpasst. Die große Überraschung ist Jamie Lee Curtis. Ihre Darstellung der smarten Geschäftsfrau sticht am meisten hervor. Daniel Craig beweist nach Logan Lucky mit seinem Charakter neuerlich Humor und gibt trotzdem einen stilvollen Detektiv ab. Und keine Sorge: Schauspielgigant Christopher Plummer hat in zahlreichen Rückblenden genügend Auftritte.

    Über den Verlauf der Geschichte behält man am besten Stillschweigen. Ausstattung und Kostümdesign sind mit Liebe zum Detail ausgeführt und tragen zur stimmigen Transferierung des Themas in die Gegenwart bei. Es ist nur so, dass Anfangs noch alle Familienmitglieder als verdächtig gelten müssen, die Handlung jedoch zu schnell die ein oder andere Figur links liegen läßt. Selbst wenn man ahnt, in welche Richtung die Reise geht, so ist uns Regisseur Johnson jedoch immer einen Schritt voraus. Neben dem Whodunit Thema läßt der Regisseur auch immer wieder gesellschaftskritische Elemente einfließen, die nicht zuletzt in der Rolle der Krankenpflegerin Marta zusammenlaufen.

    Warum uns Knives Out so überrascht? Weil gerade im Unterhaltungskino derzeit das Mittelmaß regiert. Aktuelle Agathe Christie Neuverfilmungen sind Durchschnittsware und darüber hinaus sind klassische Wodunit-Krimis selten geworden. Dabei können sie doch so unterhaltsam sein. Das beweist Rian Johnson gerade mit seinem kniffligen Drehbuch. Es ist nichts Neues aber offenbar haben wir das Genre vermisst. Die Kombination von Ratekrimi, schwarzem Humor und exzellenten Darstellerinnen ist eine unwiderstehliche. Und welch Ironie, so es das Publikum möchte: „Benoit Blanc will return“.

    RIAN JOHNSON | OT: KNIVES OUT | USA 2019 | 130 Min. | [usr 4]


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    ATLANTIQUE ★★★★

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    In Dakar, der Hauptstadt des Senegal, fordert eine Gruppe von Bauarbeitern ihren Lohn ein. Oft ist es das einzige Familieneinkommen und somit die Existenzgrundlage. Der Baustellenleiter kann ihnen jedoch kein Geld aushändigen. Die Männer treffen eine folgenschwere Entscheidung. Atlantique ist das Spielfilmdebüt der Regisseurin Mati Diop. Ein Name, den man sich merken sollte.

    Zu Beginn treffen sich Ada (Name Binet Sane) und Suleiman (Traore) in einem Rohbau am Meer. Das Liebespaar befinden sich in einer verzweifelten Lage. Die Familie von Ada hat sie einem Mann versprochen. So möchte es die Tradition. Einen Fremden zu heiraten ist für Ada ein Alptraum. Suleiman schaut immer wieder aufs Meer hinaus und scheint abwesend. Der Blick in den Horizont hat für jeden eine andere Bedeutung, wie sich bald herausstellen wird.

    Geschichten über Migration werden meist aus Sicht der Menschen auf der Flucht erzählt und spielen jedenfalls fast immer auf europäischem Boden. Hier findet Diop jedoch einen völlig neuen Zugang. Was ist mit den Frauen die zurückbleiben, wenn sich die Männer in ein kleines Boot setzen und in den Atlantik hinaus steuern?

    Suleiman und die anderen verschwinden in der folgenden Nacht. Kurz darauf wird Ada verheiratet und da beginnen auch die merkwürdigen Ereignisse. Das Ehebett geht in Flammen auf. Angeblich hat jemand Suleiman gesehen. Regisseurin Diop schlägt einen Weg ein, der das breite Publikum im ersten Moment durchaus verschrecken könnte. Seltsames passiert mit den Frauen. In die harte Realität mischen sich in Atlantique übernatürliche Elemente von lokaler Spiritualität. Am Ende macht dieser Kunstgriff durchaus Sinn.

    Das Debüt der französischen Regisseurin Mati Diop, gedreht in der Sprache Wolof, wurde in Cannes 2019 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Darüber hinaus steht der Film auf der Short List für den Auslandsoscar 2020. Netflix hat sich die weltweiten Rechte gesichert, bewirbt den Film aber leider nicht. So verkommt er irgendwo in den Weiten des Streamingdienstes. Völlig zu unrecht. Neben überzeugenden Darstellern, die teils zum ersten Mal vor der Kamera stehen, ist der Soundtrack von Fatima Al Qadiri erwähnenswert. Atlantique findet einen mythisch-poetischen Weg, um sich mit dem Thema transkontinentaler Migration auseinanderzusetzen und ist dabei höchst erfolgreich.

    MATI DIOP | ATLANTIQUE (engl. Atlantics) | F/SEN/BEL 2019 | 104 Min. | [usr 4]



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