Autor: Michael Holly

  • COVID-19-STREAMING-VI

    COVID-19-STREAMING-VI

    Während Friseure und andere Dienstleister in zwei Wochen wieder aufsperren können, ohne zu wissen unter welchen Bedingungen sie arbeiten dürfen (es können nur haarsträubende Maßnahmen der neuen Normalität werden), ist es nun also offiziell: Die Kulturwelt wird mit Vollgas an die Wand gefahren. Keine große Überraschung aber die Hilflosigkeit in Kombination mit Inkompetenz kam in dieser Form dann doch unerwartet.

    Man beharrt auf das Abstandhalten im Theaterbetrieb und Kinos bleiben zu, weil vor allem im Sommer sowieso niemand ins Kino gegangen wäre. Kein Scherz, es ist die Meinung der Kulturministerin Lunacek. Es gibt freilich eine Entgegnung der Kinobranche [Presseaussendung des Österreichischen Kinoverbandes]. Kindergärten bleiben scheinbar bis Herbst zu. Die Lage für die Schulen ist unter den angedachten Auflagen katastrophal. Man überlegt, im Sommer deutsche Touristen ins Land zu lassen. Ins Kino werden sie jedenfalls nicht gehen können. Im Moment ist man aber noch damit beschäftigt aufzupassen, dass in Wien auch ja kein Kind schaukelt. Kein Spaß darf sein, für Groß und Klein. Das wird nicht lange gut gehen Leute.

    Die Filmbranche liegt also danieder. Die ganze Filmbranche? Nein, in Wien gibt es den Filmemacher Alex Lazarov [Twitter: @derlazarov] und der hat dieser Tage seinen neuen Kurzfilm Teenage Dreams veröffentlicht. Aufgrund der derzeitigen Umstände anders als geplant, ist der Film nun nur im Netz verfügbar. Knappe 8 Minuten, die Sommerfeeling versprühen und zum Abtauchen einladen. Grandios!

    https://www.youtube.com/watch?v=geLJCpAE6Jo

    Teenagerträume gibt es auch bei Netflix zu sehen. Die Komödie Ferris macht blau erzählt vom berühmtesten Schulschwänzer der 1980er Jahre. In der Hauptrolle Matthew Broderick und ihm dich auf den Fersen Jeffrey Jones als Schuldirektor. Wer dann immer noch nicht genug hat, hat gerade die Möglichkeit, sich einen weiteren Film von Regisseur John Hughes bei Netflix anzusehen: The Breakfastclub ist sicherlich einer er besten Highschool-Filme überhaupt.

    Josef Hader stellt in seinem Player diese Woche gemeinsam mit DOR Film Silentium gratis zur Verfügung und war in Woche 5 endlich im Baumarkt.

    [Foto: (c) Alex Lazarov/Teenage Dreams]


    Weitere Tipps:

    American Factory [Netflix]

    Arrival [Amazon Prime Video]

    Burning [Amazon Prime Video]

    Chernobyl [Sky]

    Dirty Dancing [Netflix]

    Die Goonies [Netflix]

    Grease [Amazon Prime Video]

    The Irishman [Netflix]

    Jumanji [Amazon Prime Video]

    Marriage Story [Netlfix]

    Miles Davis: Birth of the Cool [Netflix]

    Molly’s Game [Netflix]

    Mr. Link [Netflix]

    Rocketman [Netflix]

  • COVID-19-STREAMING-V

    COVID-19-STREAMING-V

    Streamt man einen Film über den Kino VOD Club, wählt man vor dem Start ein Kino aus, das man dadurch mit 1/3 des Ticketpreises unterstützt. Eine weitere Möglichkeit, sein Lieblingskino zu fördern bietet die Plattform www.hilfdeinemkino.at, in dem man sich Werbespots ansieht. Auch hier erhält das Kino dann ein paar Cent. Viel mehr kann man im Moment leider nicht tun.

    Wir stehen vor Woche vier von, ja von wie vielen eigentlich? Die Menschen beginnen schön langsam Fragen zu stellen. Vor allem den WienerInnen sagt man doch eine gewisse Gemütlichkeit zu. Aber nach einem Monat kann man ja mal zwischen Aperolspitzer und Nickerchen am Nachmittags anfangen nachzudenken. Ein bisschen zumindest. Jemand der Probleme ganz anderer Art hatte – was für eine Überleitung, wobei auch hier war Alkohol im Spiel – ist Elton John. Ab sofort ist Rocketman bei Amazon Prime verfügbar. Mehr über das Biopic eines der größten Rock und Popmusiker unserer Zeit könnt ihr in der THE REEL THERAPIST Kritik nachlesen [LINK].

    Indien [1993]

    Josef Hader sendet Grüße aus der Heimquarantäne [Video] und hat ein paar Tipps, wie man diese ungewöhnliche Zeit am besten überstehen kann. Auf seiner Seite player.hader.at stellt Hader bis 16. April die Erfolgskomödie Indien zur Verfügung. Die Verfilmung des Kabarettprogramms von Alfred Dorfer und Josef Hader, unterwegs im Auftrag des Fremdenverkehrsamtes, ist eine Zeitreise in die Tiefen Niederösterreichs der 1990er Jahre. Danke, ganz lieb! Ein Klassiker.

    Zum Schluss noch einen Tipp passend zur Osterzeit. Peter Hase, nach dem Kinderbuch von Beatrix Potter, gibt es zur Zeit bei Netflix. Hat jetzt die Kritiker etwas gespalten. Wenn man sich den liebenswerten Film mit der Familie anschaut, kann man aber nicht viel falsch machen. Der zweite Zeil sollte zur Zeit im Kino laufen, wurde aber verschoben. Auf Herbst. Vielleicht. Siehe oben.

    3,2,1, Bussi!


    Weitere Tipps:

    American Factory [Netflix]

    Arrival [Amazon Prime Video]

    Burning [Amazon Prime Video]

    Chernobyl [Sky]

    Dirty Dancing [Netflix]

    Die Goonies [Netflix]

    Grease [Amazon Prime Video]

    The Irishman [Netflix]

    Jumanji [Amazon Prime Video]

    Marriage Story [Netlfix]

    Miles Davis: Birth of the Cool [Netflix]

    Molly’s Game [Netflix]

    Mr. Link [Netflix]

  • COVID-19-STREAMING IV

    COVID-19-STREAMING IV

    Das für Oktober geplante Konzert Hollywood in Vienna mit Alan Menken wurde heute auf September 2021 verschoben. Ob es in diesem Jahr ein großes Festival geben wird, ist zur Zeit mehr als fraglich. Nicht zuletzt mangels Filmen, die im Kino anlaufen sollten. Was dieses Jahr für die Kinolandschaft in Wien bedeuten wird, ist noch nicht abzusehen. Bleibt zu hoffen, dass nicht ein ähnlicher Kahlschlag wie zuletzt in den 1990er Jahren bevorsteht. Die Ausstellung Kino Welt Wien des Film Archiv Austria erzählt von der mehr als hundertjährigen Geschichte der Wiener Kinos. Mittels Digitorial, also einer virtuellen Ausstellung, kann man auch jetzt zumindest einen kleinen Rundgang machen. [Link]

    Dafür hat das Patschenkino gerade so einiges zu bieten. Der Kino VOD Club ist gut befüllt. Unter anderem mit dem Publikumshit Love Maschine mit Thomas Stipsits.

    Was genau geschah am 26. April 1986 um 1:23 im Reaktor-Block 4? Die fünf Teile der Miniserie Chernobyl [Sky] zeichnen den Ablauf der Nuklearkatastrophe nach. Mit Stellan Skarsgård und Jared Harris. Die Musik stammt von Oscar-Preisträgerin Hildur Guðnadóttir. Spannend und zutiefst erschütternd. Muss man gesehen haben.

    Für Nostalgiker gibt es bei Netflix den Abenteuerfilm Die Goonies von Richard Donner. Vor allem die Eingangssequenz zeugt von Steven Spielbergs großem Einfallsreichtum, der die Idee zum Film lieferte. Aus dem Jahr 1985, mit Sean Austin und Josh Brolin. Musikalische Erinnerungen wecken Dirty Dancing (ebenfalls Netflix) oder Grease (Amazon Prime Video) und liefern die perfekte Grundlage für eine Physical Distance Party im engsten Kreis.


    Weitere Tipps:

    American Factory [Netflix]

    Arrival [Amazon Prime Video]

    Burning [Amazon Prime Video]

    The Irishman [Netflix]

    Jumanji [Amazon Prime Video]

    Marriage Story [Netlfix]

    Miles Davis: Birth of the Cool [Netflix]

    Molly’s Game [Netflix]

    Mr. Link [Netflix]

  • COVID-19-STREAMING III

    COVID-19-STREAMING III

    Vor allem Netflix hat im vergangenen Jahr in der Filmwelt etwas Unruhe gestiftet. Auf einmal gab es einen neuen Mitspieler auf dem Feld des großen Dramas. 2019 konnte Alfonso Cuaron für Roma gleich drei Oscars mit nach Hause nehmen. Auch in den letzten Monaten riss die Erfolgswelle nicht ab. Die zwei Päpste sorgten für Unterhaltung. Martin Scorseses The Irishman setzte neue technische Maßstäbe. Wem das Gangsterepos bis jetzt zu lange war, an Zeit mangelt es nun gerade nicht. Marriage Story ist ein wunderbarer Film. Man sollte jedoch in einer soliden Beziehung leben. Ansonsten gerade jetzt nicht zu empfehlen. Die Dokumentation American Factory zeigt, wie die Arbeiterschaft in Zeiten der Globalisierung unter die Räder geraten kann. Dieser amerikanisch-chinesische Clash of Cultures entbehrt in der jetzigen Situation nicht einer gewissen Ironie. [alle Filme sind bei Netflix verfügbar]. Eine große Empfehlung gibt es auch für Burning, den koreanischen Oscar-Kandidaten aus dem vergangenen Jahr. Ein Meisterwerk der Erzählkunst [Amazon Prime Video].

    Wem das alles zu viel Drama ist, der braucht nur die Hosen herunterzulassen. Die Streamingplattform Porn Hub spendiert einen Gratis Premium Zugang, damit nur niemand die eigenen vier Wände verlässt.

    Die Welt steht Kopf. In der Zwischenzeit wird diskutiert, ob wir überhaupt so schnell wieder volle Kino- oder Theatersäle sehen werden, weil die Menschen vor lauter Distanzhalten und Angst vor ansteckenden Krankheiten Ansammlungen zumindest auf nicht absehbare Zeit meiden werden. Wie immer gilt – und jetzt erst recht: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Abgesehen davon stellt sich die Frage, wieviele Menschen sich noch ein Kinoticket leisten werden können. Jedenfalls ist Video-On-Demand und Streaming im Allgemeinen gerade im Vormarsch.


    Weitere Tipps:

    Arrival [Amazon Prime Video]

    Die Diagonale [Flimmit]

    Jumanji [Amazon Prime Video]

    Miles Davis: Birth of the Cool [Netflix]

    Molly’s Game [Netflix]

    Mr. Link [Netflix]

  • COVID-19-STREAMING II

    COVID-19-STREAMING II

    Bereits wenige Monate nach dem Kinostart ist die Dokumentation Miles Davis: The Birth Of The Cool online verfügbar. Interessant für alle, die das Musikgenie lieben (Privat war er leider weniger eines) und jene, die Davis näher kennen lernen möchten. Der Musiker erzählt selbst aus seinem Leben und viele seiner Wegbegleiter kommen zu Wort. [Netflix]

    Arrival von Denis Villeneuve und mit Amy Adams in der Hauptrolle ist ein grandioses Science-Fiction Abenteuer, in dem zwar kein Virus aber dafür Aliens die Erde auf Trab halten. Isolationsfeeling – Schutzkleidung! – inklusive. [Amazon Prime Video]

    Jessica Chastain in „Molly’s Game“

    Molly’s Game ist eine unglaubliche Geschichte, die das Publikum in Atem hält. Eine ehemalige Skirennläuferin steigt ins Pokerbusiness ein und organisiert die exklusivsten Spiele mit Hollywoodstars und kommt mit der Russenmafia in Konflikt. Tatsächlich so passiert. Mit Jessica Chastain und Iris Elba. [Netflix]

    Eine Serie, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen ist, ist Shameless. Genauer gesagt die US-Version mit William M. Macy. 9 Staffeln sind zur Zeit bei Amazon Prime Video verfügbar. Und zumindest in den ersten 4 Staffeln kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man den Alkoholiker Frank Gallagher und seine sechs Kinder dabei beobachtet, mit welchen unverschämten Gaunereien sie versuchen über die Runden zu kommen. Eine – unterhaltsame – Krise der anderen Art.


    Weiters:

    Die Diagonale [Flimmit]

    Siebzehn [ORF-TVthek – noch bis 31.3.2020]

    Jumanji [Amazon Prime Video]

    Mr. Link [Netflix]

  • COVID-19-STREAMING I

    COVID-19-STREAMING I

    Es soll Menschen geben, die in diesen Wochen vermehrt Zeit vor dem Fernseher verbringen und im dichten Dschungel an Angeboten nach sehenswerten Inhalten suchen. Auch wenn die 1,3 Milliarden Menschen in Indien und eigentlich alle mit Schulkindern wohl eher nicht dazu gehören, kommen hier in unregelmäßigen Abständen Streaming-Tipps, um die Zeit daheim erträglicher zu machen.

    Noch bis 31. März ist der sehr empfehlenswerte österreichische Spielfilm Siebzehn (Foto oben) in der ORF-TVthek abrufbar. Regisseurin Monja Art beweist, dass das niederösterreichische Lanzendorf eine tolle Filmkulisse abgeben kann. Außerdem verspricht der Film Sommergefühle! Zum Film gehts HIER entlang.

    Jumanji (1995)

    Erstaunlich gut unterhält auch heute noch Jumanji aus dem Jahr 1995. Wer erinnert sich an die Stampede durch eine US-Kleinstadt? Gut, an den Effekten nagt der Zahn der Zeit aber es gibt ein Wiedersehen mit dem wunderbaren Robin Williams. Die Geschichte rund um das mysteriöse Würfelspiel hat in den letzten Jahren eine Neuauflage erfahren. Mit dem Original hat die recht wenig zu tun. Ein neuer Film, der sich mehr am Ausgangsmaterial orientiert, ist aber in Planung. In Jumanji schlummert noch einiges an Potential. [AmazonPrimeVideo]

    Die Diagonale, das Festival des Österreichischen Films, findet in diesem Jahr ausschließlich auf dem Bildschirm statt. Bei FM4, auf der Plattform Flimmit und im Kino VOD Club gibt es in den nächsten Tagen Auszüge aus dem Programm zu sehen. Darunter sind Filme wie Die Dohnal Frauenministerin / Feministin / Visionärin, Nobadi, Glück gehabt oder Dieser Film ist ein Geschenk.

    Mr. Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer (2019)

    Der für den Oscar nominierte Stop-Motion-Trickfilm Mister Link (2019) kann ebenso bereits gestreamt werden. Darin begibt sich ein Forscher auf die Suche nach Bigfoot. Ein liebevolles, witziges und atemberaubend gut animiertes Abenteuer für die ganze Familie. [Netflix]

  • INTRIGE ★★★★½

    INTRIGE ★★★★½

    Das Historiendrama mit dem knappen Titel Intrige wurde im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt und gewann sogleich den Großen Preis der Jury. Im Herbst wurde Roman Polanskis Film über die Dreyfus-Affäre in Venedig mit dem Silbernen Löwen, dem Großer Preis der Jury ausgezeichnet und vor wenigen Tagen bekam der französisch-polnische Filmregisseur gleich drei César überreicht. Wobei ganz so stimmt das nicht. Polanski erschien nicht zur Gala in Paris. Er fürchtete sich vor Aktionen von Frauenrechtlerinnen. Längst steht nicht mehr das Werk von Polanski sondern seine Vergangenheit im Mittelpunkt der Berichterstattung. Immer wieder kommt es zu belastenden Anklagen von Frauen, die Polanski missbraucht haben soll. Er bestreitet dies und stellt dabei so manchen Kritiker vor ein selbst auferlegtes moralisches Dilemma. Nämlich vor die Frage, ob Werk und Autor zu trennen seien. Gerade im Fall von Roman Polanski eine nur bedingt notwendige Diskussion. Polanski ist kein Harvey Weinstein. Aber das soll ihr ohnehin nicht Thema sein. Der 87-jährige Regisseur beweist mit Intrige einmal mehr, dass er immer noch zu den bedeutendsten europäischen Regisseuren zählt.

    Der Filmtitel – im Original J’Accuse – leitet sich von dem gleichnamigen offenen Brief des französischen Schriftstellers Émile Zola ab, den er 1898 verfasste. Darin klagte er führende Militärs des Amtsmissbrauchs an. Ein gesellschaftlicher und politischer Skandal. Worum ging es? Der junge Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wurde drei Jahre zuvor wegen Spionage für Deutschland verurteilt und ins Exil auf die Teufelsinsel im Atlantik verbannt. Dem gerade zum Leiter der militärische Abwehreinheit beförderten Offizier Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) eröffnen sich wenig später die dunklen Machenschaften des Militärapparates. Korruption und Vertuschung stehen auf der Tagesordnung. Der Jude Dreyfus war ein Opfer einer antisemitischen Hetzkampagne. Picquart setzt von nun an alles daran, um Dreyfus zu rehabilitieren. Nicht wegen seiner jüdischen Herkunft, sondern der Gerechtigkeit willen. Ein schwieriges und gefährliches Unterfangen. Es ist ein langer Weg, bis die Wahrheit an die Öffentlichkeit gelangt.

    Die Geschichte ist verworren und komplex. Schon allein wegen der Vielzahl an beteiligten Personen. Polanski schafft es, sie gemeinsam mit dem Autor Robert Harris klar und verständlich zu erzählen. Intrige legt ein betrügerisches System von Antisemitismus offen. Eine zentrale Rolle spielen dabei handschriftliche Dokumente und deren Analysen. Das Geräusch, des durch Hände gleitenden Papiers, beschwört die Wahrheit herauf, die in den Schriftstücken steckt. Die Rollen sind allesamt exzellent besetzt. Jede Einstellung wirkt wie ein Gemälde. Die Ausstattung ist opulent.

    Mag sein, dass Polanski selbst im Schicksal Dreyfus‘ Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Biographie festzumachen vermag. Intrige ist jedoch viel zu unaufgeregt und sachlich, um dahingehend als Manifest verstanden zu werden. Gerade das Ende wird fast beiläufig erzählt. Kein falscher Pathos. Historische Nüchternheit. Ein wichtiger und aktueller Film.

    ROMAN POLANSKI | INTRIGE (OT: J’ACCUSE) | F 2019 | 132 MIN. | [usr 4,5]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ AMERICAN FACTORY

    ▶︎ LITTLE WOMEN

    ▶︎ EIN VERBORGENES LEBEN

    ▶︎ LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE

    ▶︎ JOJO RABBIT

  • OSCARS 2020

    OSCARS 2020

    Der Höhepunkt des alljährlichen Preisregens der Filmindustrie in den USA steht Sonntag Nacht wieder bevor, wenn in Los Angeles die Oscars vergeben werden. Die restlichen Preise (von den Globes bis zu jenen der einzelnen Gilden), die jede Saison auf dem Plan stehen, gelten als Barometer für den Oscar. Darüber hinaus interessieren sie die Allgemeinheit eher weniger und rufen dementsprechend auch kaum Emotionen hervor. Bei den Oscars ist das ganz anders. Da gehts ans Eingemachte. Wer verdient den Preis, wer wurde übergangen und wer wird ihn letztlich erhalten? Das ist kein Spaß. Das ist eine ernste Angelegenheit.

    Wie es schon im letzten Jahr mit Roma von Alfonso Cuarón der Fall war, hat es auch heuer eine internationale Produktion unter die Nominierten geschafft. Parasite von Bong Joon-ho ist nicht weniger bemerkenswert und hat daher einen berechtigten Platz unter den besten Filmen des Jahres. Trotzdem ist es in erster Linie eine Imagepflege der Academy, die sich weltoffen geben möchte. Als gäbe es im vergangenen Jahr nur einen nennenswerten internationalen Film. Grundsätzlich gibt es dafür auch den sogenannten Auslandsoscar. Wenn eine internationale Produktion nun in einer Hauptkategorie ausgezeichnet wird, kann das viel bedeuten und wenn nicht – ja dann bedeutet es nichts. Die Oscars sind ein US-amerikanischer Filmpreis und das sollen sie auch bleiben. Es gibt genügend andere Verleihungen rund um den Globus. Dem weltweiten Filmschaffen kann ein einzelner Preis ohnehin nie gerecht werden.

    Es war ein starkes Filmjahr. Das Erfreuliche ist, dass es diesmal 9 Filme sind, die um den Oscar für den Besten Film konkurrieren und sie alle ihre Qualitäten haben. Interessanterweise, haben mehr als die Hälfte dieser Filme keine Nominierungen in den Kategorien für Hauptrollen. Le Mans 66 ist als Einziger nicht für das Drehbuch nominiert und fällt auch sonst unter den 9 Filmen am ehesten aus dem Rahmen. Dafür gilt der Film als Favorit für den Besten Schnitt (Andrew Buckland und Michael McCusker). Die legendäre Thelma Schoonmaker (The Irishman), die Scorseses Mammutprojekt auf dreieinhalb Stunden eingekürzt hat, ist hier ebenso vertreten.

    Auch in diesem Jahr muss sich die Academy den Vorwurf gefallen lassen, Frauen in der Regie Kategorie zu übergehen. Diesmal ist das für Greta Gerwig (Little Women) besonders bitter. Die 5 Nominierten haben ihre Berechtigung und es stellt sich die Frage, warum es 9 Beste Filme gibt aber eben nur 5 Nominierungen für Beste Regie. Gerwig darf sich aber mit ihrem grandiosen Drehbuch durchaus Chancen ausrechnen.

    Zu den schon fast traditionell stärksten Kategorien gehören auch in diesem Jahr Bester internationaler Film und Bester Animationsfilm. Eine Premiere gibt es für einen Dokumentarfilm. Land des Honigs (Honeyland) ist sowohl in der Kategorie Bester Dokumentarfilm als auch in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert. Trotzdem gilt im Moment die Dokumentation American Factory als Favorit.

    In diesem Jahr gibt es tatsächlich nur eine schwarze Schauspielerin, die nominiert ist: Cynthia Erivo für Harriet. Und wieder trifft es eine Frau: Dass Lupita Nyon’go für ihre sensationelle Doppelrolle in Wir nicht berücksichtigt wurde, ist schon fast eine Provokation. Da ist sie: die Emotion. Wenn schon der Abend selbst eher langweilig ist – es gibt in vielen Kategorien eindeutige Favoriten – so sorgen die Oscars zumindest im Vorfeld für Gesprächsstoff. Ob 1917 der Favoritenrolle gerecht wurde, wissen wir aber ohnehin erst Montag in der Früh.

    Hier sind die Beiträge von sämtlichen in der Kategorie Bester Film für den OSCAR nominierten Filme:

    Ford v Ferrari

    The Irishman

    Jojo Rabbit

    Joker

    Little Women

    Marriage Story

    1917

    Once Upon A Time … in Hollywood

    Parasite

    _

    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ LITTLE WOMEN

    ▶︎ EIN VERBORGENES LEBEN

    ▶︎ LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE

    ▶︎ JOJO RABBIT

    ▶︎ 1917

  • AMERICAN FACTORY ★★★★½

    AMERICAN FACTORY ★★★★½

    Dieser Netflix Dokumentarfilm, produziert von Michelle und Barack Obama, zeigt, wie die Arbeiterschaft in Zeiten von Automatisierungsprozessen und Globalisierung unter die Räder gerät. Erst schließt General Motors ein Werk in Ohio und tausende Menschen verlieren ihren Job. Dann übernimmt ein chinesischer Konzern die Fabrik und gründet eine Niederlassung in den USA. Was sich erst als Rettung in der Not darstellt, entpuppt sich in American Factory bald als Sackgasse. Der neue Investor hat so ganz andere Vorstellung vom Umgang mit den Rechten der ArbeiterInnen..

    Der Druck ist vom ersten Tag groß. Maßstab für die Produktionsleistung und Qualität der Windschutzscheiben, die hier bei Fuyao Glas America produziert werden, ist der Mutterkonzern in China. Das Leben wird dort durch die Arbeit bestimmt. Das eigene Ich tritt in den Hintergrund. Urlaub gibt es so gut wie keinen. Genauso wenig wie irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen und sonstige Arbeiterrechte.

    American Factory handelt von einem Clash of Cultures, der manchmal witzig sein kann und gleichzeitig schockierend ist. Arbeiter aus China werden extra dafür abgestellt, die amerikanischen Kollegen einzuweisen und zu beaufsichtigen. Es entstehen Freundschaften die oft mit einer gewissen Skepsis einhergehen. Zumindest entsteht der Eindruck, die Chinesen hielten die Amis alle für Vollhoschis.

    So amüsant manche Begegnung auch sein mag, so ernst ist der Hintergrund. Eines macht der Investor von Anfang an klar: Kommt die Gewerkschaft, sperrt er zu. Ein interner Kampf beginnt und am Ende wird nicht jeder seinen Job behalten können. Da ist die Konzernführung skrupellos.

    Hinzu kommt eine ständige Steigerung der Produktivität, die nur durch Automatisierung erreicht werden kann. Roboter ersetzen Arbeiter. Ein Problem das in nächster Zeit weltweit hunderte Millionen ArbeiterInnen betreffen wird. American Factory zeigt das auf. Ein Film, über ein Problem, für das es bis jetzt keine Lösung gibt. Eine Tragikomödie, die man gesehen haben sollte.

    AMERICAN FACTORY | STEVEN BOGNAR, JULIA REICHERT | USA 2019 | 110 MIN. | [usr 4.5]

    Netflix hat ein 10 minütiges Gespräch zwischen Barack und Michelle Obama und dem Regieduo auf die Plattform gestellt. LINK [$]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ LITTLE WOMEN

    ▶︎ EIN VERBORGENES LEBEN

    ▶︎ LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE

    ▶︎ JOJO RABBIT

    ▶︎ 1917

  • LITTLE WOMEN ★★★★½

    LITTLE WOMEN ★★★★½

    Lady Bird, das großartige Erstlingswerk des Multitalents Greta Gerwig von 2017, entpuppt sich nun ein weiteres Mal als Glücksfall. Zu Little Women, nach dem gleichnamigen Roman von Louisa May Alcott aus dem Jahr 1868, hatte sie bereits das Drehbuch verfasst. Nun bekam Gerwig auch die Möglichkeit, den Film selbst zu inszenieren. Sie rührte in der Chronologie der Geschichte ordentlich um und schüttelte den alten Stoff kräftig durch, um ihn von jeglichem Staub der Zeit zu befreien. Das Ergebnis ist ein erfrischend aktueller Film, mit einer herausragenden Besetzung, über die Emanzipation von vier Schwestern im 18. Jahrhundert.

    Die Geschichte ist gegen Ende des amerikanischen Bürgerkriegs angesiedelt. Josephine March (Saoirse Ronan) lebt mit ihren drei Schwestern Margaret (Emma Watson), Amy (Florence Pugh), Elisabeth (Eliza Scanlen) und ihrer Mutter Marmee (Laura Dern) in New England. Der Vater (Bob Odenkirk) befindet sich noch im Krieg. Die Wünsche und Träume der jungen Frauen prallen auf die gesellschaftlichen Erwartungen der damaligen Zeit. Vorrangiges Ziel soll es sein, eine gute Partie zu machen, also reich zu heiraten. Vor allem Josephine, genannt Jo, stellt sich gegen diese Konventionen und möchte ihren eigenen Willen durchsetzen. Sie steht im Zentrum der Erzählung. Als Alter Ego der Autorin May Alcott möchte sie Schriftstellerin werden und versucht ihre Geschichten dem Verleger Mr. Dashwood (Tracy Letts) zu verkaufen. Für ihn ist eines wichtig: Die weiblichen Figuren müssen am Ende entweder verheiratet oder tot sein. Das passt Jo so überhaupt nicht in ihre Vorstellungen.

    Florence Pugh als Amy in LITTLE WOMAN (2019)

    Bald müssen die vier bemerken, wie schwierig es ist, ihre Vorstellungen vom emanzipierten Leben umzusetzen. Damit kommt am ehesten noch Margaret zu recht, die sich mit der Rolle der Mutter in der Familie abzufinden weiß und dabei auf eine Karriere als Schauspielerin verzichtet. Amy, die für einige Zeit ihre Tante (Meryl Streep) nach New York begleitet, macht dort erste Bekanntschaften mit Männern und möchte Malerin werden. Elisabeth ist das Nesthäkchen und leidenschaftliche Klavierspielerin. Auch wenn die Unterschiede mit zunehmenden Alter größer werden, tut das dem Zusammenhalt der unterschiedlichen Schwestern keinen Abbruch.

    Saorise Ronan und Timothée Chalamet in LITTLE WOMEN (2019)

    Der Nachbarsjunge Laurie (Timothée Chalamet) verdreht nicht nur dem Kinopublikum den Kopf. Das Raunen im vollen Kinosaal bei seinem ersten Auftritt ist nicht zu überhören. Er gilt zurecht als einer der großen Begabungen unter den derzeitigen Jungschauspielern. Im Film gilt sein Interesse Jo. Da sie sich mit Rollenclichés aber überhaupt nicht abfinden mag, erfährt er immer wieder Zurückweisungen. Little Women ist aber kein Spiel um Intrigen und Leidenschaften, wie man es sonst aus Filmen des Genres kennt, sondern vielmehr ein Feelgood Movie mit Tiefgang, in dem die Männer zu charmanten Nebendarstellern werden und die Interessen der Frauen alleine im Mittelpunkt stehen.

    Emma Watson, Saorise Ronan , Eliza Scanlen und Florence Pugh in LITTLE WOMEN (2019)

    Gerwig entschied sich dazu, die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen. Durch die ständigen Sprünge zwischen zwei Zeitachsen fordert sie ihr Publikum etwas aber gleichzeitig verleiht das der Geschichte die nötige frische und erhöht gleichzeitig die Aufmerksamkeit. Der Stoff, der schon mehrmals verfilmt wurde (zuletzt: Betty und ihre Schwestern, 1994), wird dadurch nur interessanter.

    Es gab schon lange keinen Film, in dem die Lebensfreude der Charaktere so auf das Publikum übergesprungen ist. Little Women kommt nur im ersten Moment im Gewand eines Kostümfilms daher. Obwohl das Kostümdesign, genauso wie die Kamera von Yorick Le Saux, bemerkenswert ist. Es ist eine sanfte Erneuerung des Stoffes, die Gerwig vorgenommen hat und den Film modern und geradezu zeitlos macht und sie selbst zu einer der spannendsten Regisseurinnen Hollywoods. Bei den Oscars wurde das vorerst mit 6 Nominierungen honoriert, unter anderem in der Kategorie Bester Film. Für das Drehbuch darf sich Gerwig durchaus Chancen ausrechnen.

    GRETA GERWIG | LITTLE WOMEN | USA 2019 | 135 MIN. | [usr 4.5]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ EIN VERBORGENES LEBEN

    ▶︎ LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE

    ▶︎ JOJO RABBIT

    ▶︎ 1917

    ▶︎ 7500