Autor: Michael Holly

  • TENET ★★★

    TENET ★★★

    Der Lauf der Dinge hat Christopher Nolens Tenet zur buchstäblichen Karotte werden lassen, der alle Filmfans seit Wochen hinterherlaufen. Lange Zeit schien der neue Science-Fiction-Film von einem der wichtigsten Regisseure unserer Zeit unerreichbar zu bleiben. Über den Inhalt konnte nur spekuliert werden und der Trailer war konfus und wirkte wenig überzeugend. Es ist dem ständigen Bestreben Nolans zu verdanken, den Kinobesuch selbst zum einzigartigen und unersetzbaren Erlebnis werden zu lassen, dass Tenet dort und da doch noch in den Kinos gestartet ist. Ohne allzu viel Werbung und begleitet von hygienischen Unsicherheiten, die ein Kinobesuch heute mit sich bringt, läuft der erste Blockbuster in diesem Jahr vor beinahe leeren Sitzreihen (Auch wenn aus den USA vermeldet wird, das Einspielergebnis übertreffe die Erwartungen). Vieles diesseits der Leinwand ist heute anders aber auch auf der Leinwand gibt es Neues zu sehen. Hat sich das Warten gelohnt?

    Darum geht es

    Ja? Bitte werfen sie 2€ in den Automaten und es folgt eine Erklärung der vergangenen einhundertfünfzig Minuten. Im Gegensatz zur Kinokassa würden sich hier wohl Schlangen bilden. Der namenlose Protagonist, gespielt von John David Washington, trägt jedenfalls wenig zur Aufklärung bei. Das bringt auch jedes veröffentlichte Filmstill zum Ausdruck. Ein wo-bin-ich-hier und was-geht-hier-vor ist dem Geheimagenten in jeder Einstellung in die Stirnfalten geschrieben. Er solle Schlimmeres als einen Nuklearkrieg verhindern. Von einer Wissenschaftlerin erfährt er, dass es in der Zukunft möglich sein wird, Objekte invertieren zu lassen, das heißt, dass sie in der Zeit zurückgehen können. Beispielsweise kann so ein Gegenstand, der in der Zukunft fallengelassen wurde, in der Gegenwart den genau umgekehrten Weg gehen. Das klingt etwas unverständlich und das ist es auch.

    Es gilt zu verhindern, dass die Fähigkeit, solche Prozesse ablaufen zu lassen, in die falschen Hände gerät. Hier kommt der russische Oligarch Andrei Sator (großartig verkörpert von Kenneth Branagh) ins Spiel. Gemeinsam mit seinem Partner Neil (Robert Pattinson) versucht unser Held über Sators Frau Kat (Elizabeth Debick) an ebendiesen heranzukommen. Er soll der Schlüssel zur Inversion sein, die dem Duo nach und nach zu schaffen machen wird. Sator möchte mangels Lebensglück der Welt ein Ende setzen. Dabei entfaltet sich ein Puzzle, dessen Bestandteile sich immer erst im Nachhinein als solche entpuppen.

    John David Washington und Robert Pattinson in Tenet

    Kommentar

    Bereits in Memento (2000) zeigt Christopher Nolan sein Faible für das Spiel mit der Zeit und achronologischen Handlungsabläufen. Zuletzt sahen wir in Dunkirk (2017) ein und die selbe Sequenz aus drei Perspektiven. In Tenet geht er einen Schritt weiter, in dem er Ereignisse zeitgleich vorwärts und rückwärts ablaufen läßt. Um das zu begreifen, muss man sich schon sehr anstrengen und es stellt sich die Frage, ob Nolan hier nicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Zum leichteren Verständnis trägt nicht bei, dass die Audiospur der Dialoge selbst im Dolby Cinema oftmals schwer verständlich ist. Mal kommt sie durch ein Funkgerät und dann wird sie wieder von einem Soundteppich überlagert. Man kann dem Film zugute halten, dass er trotz Überlänge nicht langweilig wird und einige tolle Schauwerte zu bieten hat. Dabei werden neben dem Bild auch gleich die Soundeffekte rückwärts abgespielt. „And the winner is … “ Es drängt sich fast auf.

    Diese Inschrift, gefunden in den Ruinen von Pompeji, inspirierte Nolan zu seinem neuen Film.

    Jene aber, die sich nicht bloß zurücklehnen möchten, sondern genau wissen möchten, was da gerade vor sich geht, wird Tenet frustiert zurücklassen. Der Protagonist und sein Kompagnon sind Männer ohne Hintergrundgeschichte. Mit der Ausnahme von Branaghs Charakter bleiben die Figuren sehr flach und entsprechend fehlt es ihnen gegenüber an Empathie. Es ist Nolans erster Film, dem ein gewisser Humor nicht abzusprechen ist. Ob die Konstellation Washington/Debick auch in dieser Hinsicht zu betrachten ist, sei dahingestellt.

    Mag sein, dass sich so manches erst nach mehrmaligem Ansehen erschließt. Das gilt hier aber nicht als Qualitätsmerkmal. Eines ist Tenet nämlich sicher nicht: ein Meisterwerk wie 2001: Odysee im Weltraum, das Spielraum für Interpretationen lässt und zum Philosophieren anregt oder ein Film wie Inception, mit seiner komplexen Geschichte. Die Protagonisten werden in Tenet von einer Station zur nächsten weitergereicht. Lässt man die Zeitreisen, bzw. Umkehrungen der Zeitlinie, weg, bleibt ein durchschnittlicher Agententhriller mit spektakulären Actionszenen übrig.

    Wegen Michael Caine braucht man sich den Film übrigens nicht anzusehen. Sein Leinwandauftritt dauert kaum drei Minuten.

    CHRISTOPHER NOLAN | USA 2020 | 150 MIN. | [usr 3 ]


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  • EUROVISION SONG CONTEST: THE STORY OF FIRE SAGA ★★★½

    EUROVISION SONG CONTEST: THE STORY OF FIRE SAGA ★★★½

    Der erste offizielle Film über den Eurovision Song Contest stammt also aus den USA. Die Idee dazu hatte Will Ferrell, inspiriert von einen in Schweden hautnah erlebten Sieg, schon mehrere Jahre in der Schublade liegen. Im Vorfeld des letzten Song Contest in Lissabon 2019 fanden dann die Dreharbeiten statt. Nicht nur Fans des ESC sind hier richtig. Für sie ist wohl ein Sing-A-Long mit zahlreichen ehemaligen TeilnehmerInnen und GewinnerInnen, darunter Conchita Wurst, der Höhepunkt dieser Liebeskomödie. Darüber hinaus muss man noch mit dem eigenwilligen Humor von Ferrell klarkommen.

    Darum geht es

    Wenn man in Island solange nach Norden fährt, bis man ins Wasser fällt, ist man im Fischerdorf Húsavík angekommen. Hier träumt der Sänger Lars Erickson (Will Ferrell) davon, eines Tages den Eurovision Song Contest zu gewinnen. Mit seiner Kindheitsfreundin Sigrit Ericksdottir (Rachel McAdams) formiert er zu diesem Zweck gemeinsam die Band Fire Saga. Zu mehr als wöchentlichen Auftritten in der Dorfkneipe reicht es jedoch nicht. Bis das isländische Fernsehen aus Formalgründen einen 12. Teilnehmer für die Vorentscheidung für den ESC in Edinburgh benötigt und per Zufall Fire Saga als Kandidaten auswählt. Obwohl der Sieg einer anderen Kandidatin so gut wie sicher ist – soviel sei hier verraten – fahren Lars und Sigirt nach Edinburgh. Dort tauchen sie ein in die Welt des ESC und die Dinge nehmen ihren Lauf, bis im Halbfinale einiges aus dem Ruder gerät und sich die Wege der Beiden vorerst trennen.

    Will Ferrell und Rachel McAdams sind Fire Saga.

    Kommentar

    ESC:TSOFS hat eine Menge komischer Momente. Allein das aus dem Trailer bekannte fiktive Musikvideo Volcano Man zu Beginn ist großartig. Bei allen Albernheiten aus der Feder von Will Ferrell haben wir es hier mit einer Liebeserklärung an den ESC zu tun. Lars und Sigrit brennen für die Musik. Trotz Skurrilität so mancher Musikbeiträge, geht es hier nicht darum den Bewerb lächerlich zu machen. Kein Wunder, handelt es sich um eine offizielle Koproduktion der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die den Bewerb alljährlich ausrichtet und deren nationale Mitglieder die Beiträge auswählen. Die Buntheit des Bewerbs spürt man in jeder Szene. Die kräftigen Farben geben ordentlich was her. Bei der Laufzeit ist man leider deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Mehr als 2 Stunden sind für eine Komödie gewagt. Dabei ist die Story nicht gerade komplex. ESC:TSOFS kann das Niveau nicht über die volle Länge halten. Es besteht der Verdacht, dass die EBU bei diesem Lizenzprodukt die Finger im Spiel hatte und darum gar viel Zeit mit Qualifikation und Bewerb aufgewendet wurde um vielleicht im Song Contest freien Jahr die Fans etwas zu entschädigen. Die Story um Lars und Sigrit verknüpft mit dem Monstrum ESC ist zuviel. Das zeichnet sich bereits im Titel ab. So bekommt man auch hier die Überlänge zu spüren, für die der Bewerb schon lange berüchtigt ist. Ein unterhaltsamer Filmabend ist allemal garantiert.

    Streaminganbieter

    Netflix


    DAVID DOBKIN | USA 2020 | 123 MIN. | [usr 3.5]


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  • HOMEMADE (Serien-Anthologie) ★★★★½

    HOMEMADE (Serien-Anthologie) ★★★★½

    In diesem Jahr waren und sind Menschen in aller Welt auf die unterschiedlichsten Weisen mit Ausgangssperren konfrontiert. Gleich ist für alle, dass sie ihren gewohnten Lebensweisen nicht mehr nachkommen konnten. In welcher Form und Härte sie die pandemiebedingten Massnahmen getroffen haben, war sehr unterschiedlich. Während es die einen als erholsame Auszeit empfunden haben, nahmen sie für andere existenzbedrohende Ausmaße an. Wie sich FilmregisseurInnen aus aller Welt die Zeit vertrieben haben, zeigt die Netflix Produktion Homemade mit 17 Kurzfilmen.

    Darum geht es

    In Voyage Au Bout De La Nuit ist Queen Elisabeth II zu Besuch bei Papst Franziskus. Vom Lockdown überrascht, kann sie nicht mehr zurück nach England. Die zwei müssen sich gezwungener Maßen die Zeit vertreiben: sie tanzen, flirten und gehen nackt Baden. Ist das möglich? Paolo Sorrentino (La Grande Belezza) hat sich das in der Isolation ausgedacht und mit seinem Smartphone gefilmt. Pablo Larraín (Jackie) zeigt in Last Call einen Mann, der aus dem Altersheim per Videotelefonie seiner ehemaligen Geliebten eine letzte Liebeserklärung macht. 11 Minuten mit einer Wendung, die es in sich hat. Die Schauspielerin Kirsten Stewart inszeniert sich in Cricket selbst kurz vor dem Durchdrehen und Ana Lily Amirpour (A Girl Walks Home Alone At Night) fährt in Ride It Out mit dem Rad durch das leere Hollywood. Nadine Labaki & Khaled Mouzanar (Capernaum) zeigen in Mayroun and the Unicorn ein Mädchen, das eingesperrt zu Hause in ihre eigene Fantasiewelt eintaucht.

    Kirsten Stewart in ihrem Kurzfilm „Crickets“

    Kommentar

    FilmemacherIn zu sein und die eigenen Arbeiten einem weltweiten Publikum zugänglich machen zu können, ist ein Privileg, das nur wenigen vorbehalten ist. Dass diese Kurzfilme aus dieser Position heraus entstanden sind, liegt in der Natur der Sache. Sie verraten mehr über die RegisseurInnen selbst, als über die Welt in der sie leben. Homemade feiert das Geschichtenerzählen und die Kreativität. Hier besteht vordergründig kein Anspruch auf Gesellschaftskritik. Die 17 Kurzfilme unterhalten auf die ein oder andere Weise und sind eine Quelle der Inspiration. Nicht mehr und nicht weniger.

    Folgende RegisseurInnen haben für Homemade einen Kurzfilm beigesteuert:

    Streaminganbieter

    Netflix


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  • THE SOUVENIR ★★½

    THE SOUVENIR ★★½

    Seit Joanna Hoggs The Souvenir beim Sundance Film Festival 2019 Premiere feierte, wird dem Film anhaltende Begeisterung entgegengebracht, von FilmkritikerInnen und Prominenz bis hin zu Barack Obama, für den das 80er Jahre Beziehungsdrama ein Höhepunkt des vergangenen Filmjahres war. Während sich die Kinos sonst auf Klassiker und aktuellere Wiederaufnahmen beschränken, gibt es hie und da also noch neue Filme auf dem Spielplan. Es sind die letzten Überbleibsel der vergangenen Saison. Dabei zeichnet sich ab, dass an Neustarts von vor allem großen Hollywood Produktionen für längere Zeit nicht zu denken ist. Ist dieser Sommer erst vorbei, kann es schnell Frühjahr/Sommer 2021 werden, bevor die Studios ihre Filme für den Weltmarkt freigeben. Sollte das tatsächlich so passieren, stehen der Filmwelt die schwierigen Zeiten erst bevor.

    Darum geht es

    Julie (Honor Swinton Byrne) ist eine Filmstudentin in England Anfang der 1980er-Jahre. In ihrem aktuellen Filmprojekt, versucht sie aus ihrem privilegierten Umfeld auszubrechen. Mitten in die Arbeit platzt der wesentlich ältere Anthony (Tom Burke). Sein vornehmes Auftreten wirkt auf sie anziehend. Als angeblicher Mitarbeiter im Außenministerium eröffnet er ihr eine neue Welt. Bald schlittern die beiden in eine Liebesaffäre. Anthony zieht bei ihr ein. Dann bemerkt sie, dass irgendetwas nicht stimmt, ignoriert das aber vorerst.

    Honor Swinton Byrne und Tilda Swinton in THE SOUVENIR

    Kommentar

    The Souvenir ist ein kleines Gemälde von Jean-Honoré Fragonard aus dem 18. Jahrhundert. Es zeigt das Mädchen Julie, das den Namen ihres Geliebten in einen Baum ritzt. Anthony zeigt es Julie und präsentiert sich am Anfang ihrer Beziehung als kunstsinniger Dandy. Swinton Byrne (die Tochter von Tilda Swinton, die auch im Film ihre Mutter spielt) spielt eine verschlossene und zurückhaltende Filmstudentin. Ganz anders ist da Anthony, gespielt von Tom Burke. Seine direkte und scheinbar offene Art wirken auf Julie anziehend. Joanna Hogg sind mit ihrer semi-biographischen Erzählung (ein so ähnliche Geschichte hatte sie selbst erlebt) zwei intensive Charakterportraits gelungen. Swinton Byrne beeindruckt und es ist bald klar, dass ihr die Berühmtheit der Mutter nicht im Weg stehen wird.

    Den starken Darstellerin steht allerdings eine Story gegenüber, die nicht so recht zu fesseln vermag. Gerade die Szenen auf der Filmschule strecken den Film in eine quälende Länge. The Souvenir ist zu sehr Kunstfilm (großartige Ausstattung) um auf Dauer emotional berühren zu können. Wenn The Souvenir für die KritikerInnen einer namhaften – britischen – Filmzeitschrift der beste Film des Jahres ist, dann ist das nicht ganz nachvollziehbar. Es scheint so zu sein, als funktioniert der Topos Medium Film im Film und die Auseinandersetzung mit der eigene Realität durch das Medium Film immer noch sehr gut. Teil 2 ist bereits abgedreht.


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  • FAMILY ROMANCE, LLC ★★★½

    FAMILY ROMANCE, LLC ★★★½

    In Japan glauben 35 Menschen, dass Yiuchi Ishii ihr Vater ist. Ist das Hochstapelei oder doch bloß ein Geschäft? Werner Herzog, der Filmemacher mit Kultstatus, ist auf die Firma Family Romance gestoßen. Hier kann man Schauspieler mieten, welche die Rolle von Verwandten oder Freunden einnehmen. Die eigenwillige Dienstleistung hat Herzogs Interesse geweckt. Sein Faible für Skurriles ist bekannt. Am Ende der Dokumentation Höhle der vergessenen Träume fantasiert er in einem Exkurs über eine bevorstehende Weltherrschaft der Echsen. Mit dem exzentrischen Klaus Kinisky verband ihn die berüchtigste Feindschaft der Filmgeschichte.

    Auf Herzogs markante Erzählstimme mit deutschem Akzent muss man bei Family Romance, LLC zwar verzichten, trotzdem ist ihm eine interessante Arbeit gelungen, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Wahrheit und Lüge auslotet. Womit man es hier zu tun hat, ist nämlich nicht immer ganz klar. Jedenfalls ist Herzog mit seinen 78 Jahren die Experimentierfreude noch immer nicht abhanden gekommen.

    Darum geht es

    Das dem Film den Titel gebende Unternehmen in Tokio bietet Ersatzfamilienmitglieder zur Vermietung an. Und nicht nur das: Warum soll man sich für sein Fehlverhalten vom Chef selbst maßregeln lassen? Hier ist Firmengründer Yuichi Ishii (Yuichi selbst) zur Stelle und läßt stellvertretend die Standpauke über sich ergehen. Gerade wurde er von Mahiros Mutter beauftragt, den Platz des vermissten Vaters des zwölfjährigen Mädchens einzunehmen. Jahrelang in so eine Rolle zu schlüpfen und Menschen dabei etwas vorzumachen ist für Yuichi reine Routine.

    Family Romance, LLC von Werner Herzog

    Kommentar

    Herzog stand diesmal selbst hinter der Kamera. Das ist nicht nur den widrigen Drehbedingungen in Tokio geschuldet. Es ermöglichte ihm mehr Authentizität in seiner Geschichte. Der Effekt wird noch versteckt, da manche Szenen ohne Wiederholung gedreht wurden. So verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion noch mehr. Was ist hier echt, und was gespielt? Diese Frage drängt sich zwangsläufig auf. Der Beginn von Family Romance, LLC (also eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung) wirkt dokumentarisch. Yuichi trifft erstmals auf seine neue Kundin Mahiro. Die Situation wirkt befremdlich. Herzog spielt genau damit. Die Geschichten sind jedoch vom Regisseur erfunden. Nur Yuichi und sein Geschäft sind echt. Er spielt sich selbst. Auch alle anderen Darsteller sind Laien.

    Family Romance, LLC wirft zwar Fragen über die Moral dieser Täuschung auf, überlässt es aber dem Publikum drüber zu urteilen.

    Streaminganbieter

    mubi.com


    FAMILY ROMANCE, LLC | WERNER HERZOG | USA 2019 | 89 Min. | [usr 3,5]


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  • UNDINE ★★★★

    UNDINE ★★★★

    Es dauert keine Minute und Christian Petzolds (Transit) neuer Film UNDINE katapultiert das Publikum hinein in die Gefühlswelt der Hauptfigur. Die Blicke und Gesten in der ersten großartigen Szene sind so intensiv und eindringlich, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Der Regisseur interpretiert den, vor allem in der deutschen Romantik rezipierten, Mythos der Wasserfrau Undine neu und orientiert sich dabei an Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“. UNDINE wurde bei der Berlinale ausgezeichnet und ist nun einer der ersten Neustarts nach der Wiedereröffnung der heimischen Kinos.

    Darum geht es

    Undine (Paula Beer) lebt in Berlin. Als Stadthistorikerin bringt sie Besuchern die Geschichte Berlins näher. Zu Beginn verlässt sie ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz). Für Undine hat das, so steht es in den alten Märchen, dramatische Konsequenzen. Sie muss den treulosen Mann töten und ins Wasser zurückkehren, aus dem sie einst gekommen ist. Undine versucht diesem Fluch Widerstand zu leisten. In einem Lokal trifft sie auf den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) und verliebt sich in ihn. Vom ersten Moment an ist Wasser das bestimmende Element ihrer Beziehung. Undine entdeckt das Leben neu, doch Christoph merkt bald, dass im unterbewussten Undine etwas plagt. Sie führt einen inneren Kampf gegen ihr vorherbestimmtes Schicksal.

    Paula Beer und Franz Rogowski in UNDINE

    Kommentar

    Nun also neuerlich Paula Beer und Franz Rogowski als Paar auf der Leinwand. Diesmal steht Beer mehr im Vordergrund und verleiht dem Film seine ganze Kraft und Magie. Zwischen einer schicksalshaften Verletzlichkeit und Selbstbestimmung füllt die Schauspielerin das Wesen Undine mit Leben. Ihre großartige Darstellung wurde bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären honoriert. Rogowski übt sich an Zurückhaltung, festigt nach Transit einmal mehr seinen Status als bedeutender Schauspieler seiner Generation.

    „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ sagt Undine zu Beginn. Regisseur Petzold wirft das Publikum gleich ins Geschehen und das kann im ersten Moment etwas irritierend sein, wenn man mit der Geschichte um die Sagengestalt Undine, die ihren Ursprung im 14. Jahrhundert hat, nicht vertraut ist. Die Liebe zu einem Mann ermöglicht ihr ein Leben an Land und wenn sie der betrügt, muss sie ihn töten und wieder zurück ins Wasser. Und Wasser spielt nicht nur bei der ersten Begegnung eine Rolle, sondern natürlich auch wenn Christoph seinem Beruf als Industrietaucher nachgeht. Die Tauchsequenzen in den finsteren Tiefen eines Stausees sind meisterhaft in Szene gesetzt.

    Manchen mag UNDINE zu trocken geraten sein, gerade wenn sich der Film mehrmals in nüchternen stadthistorischen Details verliert. Petzold hat sie aber klug in die Geschichte eingebaut. Ob es sich um ein modernen Märchen handelt muss am Ende jeder für sich entscheiden. Der Regisseur lässt dies offen. Andeutungen gibt es aber genügend. Jedenfalls sollte man den Film im ohnehin kargen Kinojahr nicht verpassen.

    Auszeichnungen

    Preis der internationalen Filmkritik für den besten Film des Wettbewerbs sowie Silberner Bär für Paula Beer als beste Darstellerin bei der Berlinale 2020.


    UNDINE | Christian Petzold | DE, FR 2019 | 90 min | Polyfilm Filmverleih | [usr 4]


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  • DA 5 BLOODS ★★★½

    DA 5 BLOODS ★★★½

    Ein Jahr nach seinem großen Erfolg BlackKklansman kehrt Spike Lee mit einem Film zurück, der den Nerv der Zeit trifft. Lees Filme tun das immer wieder und wenn er gerade jetzt bei Netflix eine Geschichte erzählt, die den Bogen vom Vietnamkrieg bis zur Black Lifes Matter Bewegung in die Gegenwart spannt, dann ist das natürlich ein Glücksfall. Da 5 Bloods lässt sich nicht einfach in eine Schublade stecken: Vergangenheitsbewältigung, Schatzsuche und Vater-Sohn-Konflikt eingebettet in eine Gesellschaftskritik. Aber schießt Lee da übers Ziel hinaus?

    Gleich zu Beginn wird es heftig. Historische Filmaufnahmen aus der Zeit des Vietnamkriegs prasseln in einer Collage auf uns nieder. Durch ihre Brutalität haben sie zum Teil entscheidenden Einfluss auf politische Entscheidungen genommen. Überdurchschnittlich viele schwarze US-Amerikaner hatten ihren Dienst als Soldaten versehen. Vier von ihnen treffen sich nun wieder in Vietnam, um die Überreste ihres gefallenen Kumpels Norman (Chadwick Boseman) zu suchen und in die Staaten zu überstellen. Es ist eine heitere Runde und der Kontrast zum gerade Gesehenen ist groß. Eddie (Norm Lewis), Paul (Delroy Lindo), Clarke Peters (Otis) und Isaiah Whitlock jr. (Melvin) stürzen sich ins bunte Nachtleben von Saigon. Es sind sehr unterschiedliche Typen, die hier aufeinandertreffen. Paul outet sich bald als Trump-Wähler. Er hätte die Mauer lieber heute als Morgen fertiggestellt. Lee versucht die Vielfältigkeit der schwarzen Bevölkerung herauszustreichen und liefert gleich das passende Newsmaterial aus Trumps Wahlkampf. Die Handlung wird immer wieder durch Einschübe unterbrochen. Mal sind es Archivbilder und dann wieder Rückblenden, welche die Protagonisten im Krieg zeigen.

    Hier hält sich Lee nicht lange damit auf, seine Schauspieler digital oder mit Make-up zu verjüngen, sondern ändert stattdessen das Bildformat in diesen Sequenzen zu 4:3. Es ist so ein Flickenteppich der hier entsteht, zwischen gegenwärtiger Handlung, Archivbildern und Rückblenden. Eingewoben in die Handlung ist das legendäre Konzeptalbum „What’s going on“ von Marvin Gaye. Es fügt sich wunderbar in die Geschichte ein und ist neben den hervorragenden Schauspielern der große Pluspunkt von Da 5 Bloods.

    Die Rahmenhandlung umfasst neben der Suche nach Norman eine Schatzsuche und hier wildert der Film in B-movie Gewässern. Lee nimmt Anleihen bei Tarantino und Splatterfilmen. So treffen die Männer anfangs auf Mélanie Thierry (Hedy Bouvier). Sie leitet eine Organisation zur Beseitigung von Landmienen. Es dauert dann etwas in diesem überlagen Film aber es kommt wie es kommen muss. Jean Reno spielt einen finsteren (französischen!) Geschäftsmann. Das mutet im Kontext der gesellschaftspolitischen Botschaften, die uns hier um die Ohren fliegen, schon fast skurril an. Zitate aus Apocalypse Now dürfen hie und da auch nicht fehlen, auch Richard Wagners Walkürenritt nicht.

    Das ist etwas viel auf einmal. Man bleibt schon dran an der Geschichte aber es wirkt alles überladen. Da 5 Bloods ist ein ambitioniertes Unterfangen, kann qualitativ aber nicht an seinen Vorgänger anschließen. Vielleicht hat der Film beim Streamingdienst zumindest die Chance, ein größeres Publikum zu erreichen, als es im Kino der Fall gewesen wäre. Dort hätte es Da 5 Bloods wohl schwer gehabt.

    DA 5 BLOODS | SPIKE LEE | USA 2020 | 154 Min. [usr 3,5]


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  • COVID-19-STREAMING-IX

    COVID-19-STREAMING-IX

    Auf einmal ging alles schnell und genauso rasant kam die Ernüchterung. Was war passiert? Wie aus dem Nichts kam das Ok für die Kinos in Österreich, wieder aufsperren zu dürfen. Mit 48 Stunden Vorlaufzeit. Für große Ketten, also für die große Kette, ein Ding der Unmöglichkeit. Programmkinos hatten es da leichter. Das Admiral Kino bespielte die Leinwand in Wien Neubau und die Freude war groß. Was im Fußballstadion undenkbar ist, war im Kino auf einmal möglich, sich nämlich zu viert, auch als nicht in einem Haushalt lebende Gruppe, dem Freizeitvergnügen hinzugeben. Ohne Abstand und alles. Das Kino wird seinem Ruf als Ort der Träume wieder einmal gerecht.

    Somit war bald klar, dass Christopher Nolans neuester Film Tenet, mit einen geplanten Starttermin Mitte Juli, das erste Highlight aus Hollywood sein könnte. Ganz so einfach ist das aber doch nicht. Bevor nicht das letzte Kino zwischen Los Angeles und New York wieder aufgesperrt hat, schaut es nämlich eher schlecht mit neuen Kinofilmen aus den USA aus. Das Studio wird den Film möglicherweise noch zurückhalten. Aus heutiger Sicht ist ein Starttermin im Juli äußerst unsicher. Das gilt folglich auch für zahlreiche andere Produktionen, die nicht ohnehin bereits in den Herbst verschoben wurden, wie etwa Top Gun 2 oder den neuesten James Bond Film. Immerhin, das Filmcasino eröffnet am 19. Juni mit Undine, dem neuen Film von Christian Petzold, mit Paula Beer und Franz Rogowski in den Hauptrollen.

    Kurz bevor es – vielleicht – wieder auf der großen Leinwand losgeht, sind nun zwei absolute Höhepunkte der jüngeren Vergangenheit per Streaming verfügbar. Eines der atemberaubendsten Kinoerlebnisse des letzten Jahres war eine Dokumentation. Eine Geschichte, deren Ausgang jedem Kind bekannt ist. Trotzdem saßen viele im vergangen Sommer gespannt in ihren Sesseln, als die Mondlandefähre der Apollo 11 Mission auf dem Mond aufsetzte. Apollo 11 (Link zur Filmbesprechung), die sensationelle Dokumentation aus dem Jahr 2019 ist jetzt bei Amazon Prime Video verfügbar.

    Apollo 11 (2019) bei Amazon Prime Video

    Mit A Star Is Born (Link zur Filmbesprechung) inszenierte Bradley Cooper sich selbst und Lady Gaga in einer fulminanten neuen Version der bekannten alten Geschichte. Großartige Songs, großartig gespielt. Jetzt bei Netflix.

    Als gäbe es nicht schon genug Streamingplattformen aber ein Newsletter eines Anbieters hatte sich in den vergangenen Monaten hartnäckig im Postfach gehalten, der von Mubi nämlich. Die Neugierde war dann doch groß, also ein weiteres Abonnement abgeschlossen. Umfang und Angebot unterscheiden sich von der Konkurrenz. Jeden Tag kommt ein neuer Film und nach 30 Tagen verschwindet er wieder aus dem Programm. Es sind ausgesuchte Titel (Dokus, Kurz- und Spielfilme), vom Klassiker bis zu aktuellen Produktionen reicht die Auswahl, von Lynch über Fellini und Popeye bis hin zu Tati oder einem Jarmusch Schwerpunkt. Als Filmliebhaber gerät man hier schnell ins Schwärmen. Wer ein kostenloses Probemonat haben möchte, schreibt bitte eine Mail an kontakt@reeltherapist.com.

    Weitere Tipps:

    American Factory [Netflix]

    Arrival [Amazon Prime Video]

    BlacKkKlansman (Amazon Prime Video)

    The Breakfastclub [Netflix]

    Burning [Amazon Prime Video]

    Chernobyl [Sky]

    Crazy Rich [Netflix]

    Dirty Dancing [Netflix]

    The Death of Stalin [Amazon Prime Video]

    Ferris macht blau [Netflix]

    Die Goonies [Netflix]

    Grease [Amazon Prime Video]

    The Irishman [Netflix]

    Jumanji [Amazon Prime Video]

    Marriage Story [Netlfix]

    Miles Davis: Birth of the Cool [Netflix]

    Molly’s Game [Netflix]

    Mr. Link [Netflix]

    Rocketman [Netflix]

    Systemsprenger [Netflix]

  • COVID-19-STREAMING-VIII

    COVID-19-STREAMING-VIII

    Mit der US-amerikanischen Komödie Crazy Rich (OT: Crazy Rich Asians) von Jon M. Chu ist nun einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre bei Netflix verfügbar. Darin reist die Wirtschaftsprofessorin Rachel Chu (Constance Wu) mit ihrem Freund Nick Young (Henry Golding) für eine Hochzeit zu dessen Familie nach Singapur. Schon im Flugzeug muss Rachel feststellen, dass ihr Nick einiges verschwiegen hat. Seine Familie gehört zu einer der reichsten Singapurs. Es beginnt ein buntes und turbulentes Abenteuer in der Upperclass der asiatischen Metropole.

    Nun wirkt Singapur alleine für uns schon wie ein Kulturschock. Hinzu kommen der übertriebene Luxus, der knallig bunte Look und die modischen Eskapaden von Crazy Rich, wie man sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Wir sind aber bereits in Woche 8, seitdem nichts mehr so ist, wie es einmal war. Hier umarmen sich Menschen, plaudern in Cafés oder steigen in Flugzeuge. Auf einmal ist das alles fremd – und unmöglich geworden. Die Utopie vom unverschämten Reichtum ist nur mehr Beiwerk. Parties und Hochzeiten sind bereits nicht weniger exotisch. Auch wenn dies Sehnsüchte weckt, so ist Crazy Rich in erster Linie beste Unterhaltung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. In weiteren Rollen sind Awkwafina, Gemma Chan und Michelle Yeoh zu sehen.

    Die Autokolonnen, die sich gerade um McDonald’s Filialen schlängeln, hätten Ray Kroc, den Gründer der McDonald’s Corporation sicher mit Stolz erfüllt. Die Geschichte hinter dem Schnellrestaurant wurde 2016 mit Michael Keaton verfilmt. Vor 80 Jahren, genau am 15. Mai 1940, eröffneten die Brüder McDonald die erste Filiale. Warum von den beiden nur der Name geblieben ist und sie sonst mit ihrer innovativen Idee nicht glücklich wurden, erzählt The Founder (Amazon Prime Video). Wer glaubt, McDonald’s macht das Geld mit seinen Burgern, der sollte sich den Film unbedingt einmal anschauen.

    Mads Mikkelsen als Michael Kohlhaas

    Wem die großen Klassiker auf den Wiener Bühnen abgehen, der findet in der bildgewaltigen Verfilmung von Michael Kohlhaas (Amazon Prime Video) mit dem großartigen Mads Mikkelsen und Bruno Ganz gebührenden Ersatz. Ein verzweifelter Kampf um Recht und Gerechtigkeit in den Bergen der französischen Cevennen.

    In Spike Lees Politsatire BlacKkKlansman (Amazon Prime Video) bleibt einem schon einmal das Lachen im Halse stecken. Basierend auf den Memoiren „Black Klansman“ von Ron Stallworth erzählt er die unglaubliche aber wahre Gesichte einer absurden Undercoveraktion, einer Infiltration des Ku Klux Klan durch einen schwarzen und einen jüdischen Polizisten. Lee macht kein Geheimnis daraus, was er von Präsident Trump hält. Ganz ungeniert zieht er Parallelen zwischen der aktuellen US-Regierung und dem Ku Klux Klan.

    Vorfreude ist angesagt, wenn es genau HIER von 29. Mai bis 7. Juni 2020 Auszüge aus dem Programm der Festivals von Cannes, Sundance, Toronto International, Berlin International, Tribeca, and Venice online zu sehen geben wird. Mehr geballtes Kino wird in diesem Jahr nicht mehr sein.


    Weitere Tipps:

    American Factory [Netflix]

    Arrival [Amazon Prime Video]

    The Breakfastclub [Netflix]

    Burning [Amazon Prime Video]

    Chernobyl [Sky]

    Dirty Dancing [Netflix]

    The Death of Stalin [Amazon Prime Video]

    Ferris macht blau [Netflix]

    Die Goonies [Netflix]

    Grease [Amazon Prime Video]

    The Irishman [Netflix]

    Jumanji [Amazon Prime Video]

    Marriage Story [Netlfix]

    Miles Davis: Birth of the Cool [Netflix]

    Molly’s Game [Netflix]

    Mr. Link [Netflix]

    Rocketman [Netflix]

    Systemsprenger [Netflix]

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    Gerade beim Deutschen Filmpreis mit Lolas überhäuft und seit einigen Wochen bereits bei Netflix im Programm: Systemsprenger von Nora Fingscheidt. Ein Drama, das erschütternd und beeindruckend zugleich die Geschichte der neunjährigen Benni erzählt, die gleich zu Beginn allerhand Spielgeräte gegen das Fenster in Richtung ihrer Erzieher schleudert, bis das Sicherheitsglas springt.

    Kurzen Phasen der Ruhe folgen Wutanfälle und Gewaltausbrüche, wie man sie so noch kaum wo gesehen hat. Benni ist traumatisiert. Schlimmes muss ihr in den ersten Lebensjahren widerfahren sein. Der Sozialstaat ist um sie bemüht und stößt gleichzeitig an seine Grenzen. Regisseurin Fingscheidt vermeidet in ihrem Drehbuch Schuldzuweisungen und Sentimentalitäten. Systemsprenger lässt das Publikum nicht mehr los. Keine leichte Kost, die man sich trotz des schwierigen Themas nicht entgehen lassen sollte. Hauptdarstellerin Helena Zengel liefert eine herzzerreißende Höchstleistung ab, in stillen wie in lauten Momenten. Am Ende stellt der Film die Frage, was die Gesellschaft heute ihren Kindern, vor allem im städtischen Raum, antut. Eines ist klar: Benni ist eine harte Nuss. Schuld trägt sie an ihrem Verhalten aber nicht. Letzten Endes scheitert der Staat daran für jemanden, der eben voll aus dem System fällt, einen Platz zu finden.

    Etwa nach einer halben Stunde kommt vermutlich zumindest bei jenen, die selbst gerade kleinere Kinder haben, ein eigenartiges Gefühl ganz andrer Art auf: Benni auf einem Klettergerüst. Ein Vergnügen, dass Kindern nun seit Wochen verwehrt wird. Im Gegensatz zu einem Baumarktbesuch für Oma und Opa. Die Szene verdeutlicht auch, wie wichtig es ist, überschüssige Energien mit Bewegung abzubauen.

    The Death of Stalin (2017)

    Beste Unterhaltung liefert eine der großartigsten Komödien der letzten Jahre. Armando Iannuccis The Death of Stalin. Die bitterböse Satire rund um Stalins Tod wirft einen entlarvenden Blick auf das Politbüro. (Amazon Prime Video)

    Auch das Istanbul Filmfest musste abgesagt werden. Mit Hilfe eines Kooperationspartners sind aber nun doch ein paar Filme auf der Streamingplattform Mubi online. Es gibt eine interessante Filmauswahl und ein 30-tägiges Probe-Abo.


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